Stalin - Werdegang eines Fanatikers - Essad Bey - E-Book

Stalin - Werdegang eines Fanatikers E-Book

Essad Bey

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Beschreibung

Der deutschsprachige Schriftsteller russisch-jüdischer Abstammung Essad Bey verfasste diese Stalin-Biografie bereits im Jahr 1931. Sie entwickelte sich schnell zu einem internationalen Bestseller und gehört zu den intimsten Schriften, die je über den sowjetischen Diktator verfasst wurden. Kritisch und dennoch leidenschaftlich setzt er sich mit Stalins Werdegang und seinen Taten auseinander und sorgte dafür, dass viele europäische und amerikanische Intellektuelle und Journalisten ihre Meinung über die UdSSR und Stalin gründlich änderten.

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Seitenzahl: 486

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Stalin

 

Werdegang eines Fanatikers

 

ESSAD BEY

 

 

 

 

 

 

 

Stalin, Essad Bey

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

ISBN: 9783988681157

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

INHALT:

I1

DIE STADT IN DEN BERGEN... 1

DER KÜNFTIGE PRIESTER.. 10

DIE ERSTEN SCHRITTE DES REVOLUTIONÄRS. 21

DIE KAUKASISCHEN REVOLUTIONÄRE.. 37

KAUKASUS IN FLAMMEN.. 44

DIE GROßE EX.. 55

RAUBZÜGE IM KAUKASUS. 62

DIE EXEN IN DER RUSSISCHEN REVOLUTION.. 74

STALINS FREUNDE.. 80

IN BAKU AN DEN ÖLQUELLEN.. 88

DAS GEFÄNGNIS VON BAKU.. 99

STALIN DER KAUKASIER.. 108

DIE HOCHSCHULE DES KOMMUNISMUS. 114

IN PETERSBURG... 124

DIE SIBIRISCHE VERBANNUNG... 130

II.144

DER GROßE KAMPF BEGINNT.. 144

DER WEG ZUM OKTOBER.. 153

DER JULIAUFSTAND... 159

DER MONAT OKTOBER.. 168

DIE NEUEN HERREN... 183

IM BÜRGERKRIEG... 192

DER KRIEGSKOMMUNISMUS. 202

DER WEG ZUR MACHT.. 208

DIE GEORGISCHE SACHE.. 215

DIE VERSCHWÖRUNG... 220

STALINS PARTEIVERFASSUNG... 231

DER STALINISMUS. 239

STALINS UMGEBUNG.. 249

WIE STALIN LEBT.. 260

DER SAGENHAFTE GEORGIER.. 269

I

DIE STADT IN DEN BERGEN

Hinter der Riesenmauer, die seit Anbeginn der Zeiten Europa und Asien voneinander trennt, hinter dem sagenhaften Kaukasus, beginnt das fruchtbare, reiche Transkaukasien, der Sitz uralter Völker, jahrtausendalter Kulturen und verblasster Legenden. Georgien, das Land der Zauberin Medea, ist der Mittelpunkt dieses riesigen Gebietes. Zwischen den sagenumwobenen Ufern des finsteren Schwarzen Meeres und der sonnenverbrannten tatarischen Steppe liegt das fröhliche georgische Märchenland. Weinreben, Ritterburgen, romantische Schluchten und Städte, die den Dörfern gleichen, schmücken das Land.

In diesen Städten und Dörfern, in Ritterburgen, Schluchten und Obstfeldern lebt das Volk der Georgier, das älteste und edelste unter den Völkern Transkaukasiens. Seit den Tagen der märchenhaften Königin Tamar, seit den Zeiten der alten Könige, Fürsten und Priester haben sich Erde und Volk nur wenig verändert. Das Land gehörte bei Ausgang des 19. Jahrhunderts zum Zarenreich. Durch die Berge des Kaukasus, auf endlosen Wegen und über raue Schneegipfel hinweg, bahnten die Russen in langen Kämpfen ihrer Herrschaft den Weg.

Von Wladikawkas aus, der Stadt der Kosaken, führt die georgische Heeresstraße mitten durch die Berge in die ferne Stadt Tphilisi (Tiflis), die Hauptstadt der Georgier.

Vor hundert Jahren hat der alte König Erekle das Heer des Zaren herbeigerufen. Sein Nachfolger Georg übergab später dem mächtigen weißen Zaren die Krone –– und damit die Sorge um das Volk der Georgier. Seitdem sitzen die Statthalter des Herrschers aller Reußen im alten Tphilisi, seitdem haben die Perser, die Türken und die Tataren aufgehört, das Land zu plündern. Wege wurden durch Georgien gezogen, Schulen errichtet und Städte gebaut. Die einheimischen Fürsten reisten an den Hof des Zaren, empfingen Orden und europäische Eindrücke, schwuren dem Zaren die Treue und kehrten vielfältig angeregt in die heimischen Täler zurück. Dort errichteten sie neue Paläste, ließen sich europäische Möbel kommen, führten jedoch im Übrigen das feudale Leben ihrer Vorväter unverändert weiter.

Der Zar selbst betrachtete es als seine heiligste Pflicht, die Rechte der georgischen Fürsten, als der ältesten Geschlechter seines Reiches, zu wahren. Diese Fürsten und Adligen der Georgier, Tawadi und Asnauri genannt, saßen in Tiflis, am Hofe des Statthalters, in den Städten und auf ihren Gütern.

Georgischer Wein floss in Strömen in den Räumen der alten Burgen, Gelage und Festlichkeiten wurden veranstaltet, jeden Abend ertönte die wilde Melodie des Bergtanzes und, von Adligen umgeben, ritt der Fürst allwöchentlich auf die Jagd hinaus. Die Jagd ist die Lust der Georgier. Neben den Burgen und Schlössern, in den Dörfern und auf den Feldern lebt aber das Volk, die Bauern und Handwerker. Wenn ein Fürst hoch zu Ross, im weißen Tscherkessenanzug und den goldenen Dolch am Gürtel, durch die Straßen ritt, grüßte und beugte sich das Volk, und die Augen des Fürsten glänzten stolz. Der Fürst nimmt die ihm gebührende Ehre gern an, und das Volk erweist sie voller Gefühl der eigenen Freiheit und Würde. Keine Mauer trennt das Volk von den Fürsten. In Georgien paarte sich das feudale Ständeleben mit der patriarchalischen Haltung des alten Orient. Gleich seinen Fürsten liebte das Volk Jagd, Wein und Tanz, und gleich den Fürsten konnte es ungehindert seiner Lust nachgehen, denn reich und fruchtbar sind die Täler Georgiens, und edel und ritterlich ist die Seele des Volkes.

Nur in den Städten, wo das Alte allmählich abstarb, entstand eine neue Menschenart. In den wenigen Fabriken, in den Werkstätten der Handwerker, in den engen Gassen der Städte wuchsen neue Generationen heran, die zwar das Feuer der Väter noch im Blut hatten, aber andere Vergnügen schätzen lernten als Jagd und Tanz.

Durch die alte Stadt Tiflis fließt der Bergfluss Kur. Seinem Laufe folgend, zogen die Statthalter die Hauptader des Landes, die große transkaukasische Eisenbahn, die Baku mit Batum verbindet, durch das gebirgige Land. Nord-südlich von Tiflis, der Bahn und dem Fluss parallel, ziehen sich die malerischen Vorposten des Kaukasus, die Hügel und kleinen Schluchten mit ihrer üppigen Vegetation.

Am Ufer des Kur, 76 Kilometer von Tiflis entfernt, von der transkaukasischen Eisenbahn berührt, umringt von Weinreben, Obstgärten und grünen Feldern, liegt die Stadt Gori, die jahrhundertalte einstige Festung der Könige von Kartilien — die Gori-Ziche. Berge, finstere Steinmassen und Gipfel, die mit ewigem Schnee bedeckt sind, bilden den Hintergrund der Landschaft bei Gori. Um die Stadt herum zieht sich ein fast tropisches Gebiet. Die Menschen, die in Gori zwischen Weinreben im Anblick der Schneegipfel wohnen, haben beides im Blut, das Eis der kaukasischen Gletscher und die Glut der georgischen Rebe.

Vor Jahrhunderten verteidigten sie von ihrer Grenzfestung aus das Königreich Kartilien, den Sitz der georgischen Könige aus dem Hause Bagration. Und auch heute, wo die wilden Bergsippen, die früher das georgische Tal bedrohten, für immer in ihre Schluchten zurückgetrieben sind, haben die Leute von Gori das feurige Erbe im Blut bewahrt. Von hier stammen viele georgische Krieger, Ritter und Freiheitskämpfer.

Vor vierzig Jahren war die Stadt Gori mit ihren 10,000 Einwohnern die Residenz eines großen Ritters und Kriegers, des Durchlauchten Fürsten und Generals Simeon Amilachwari, wohl des edelsten unter den Fürsten des Kaukasus. Ruhmreich und uralt war das Geschlecht der Amilachwari. Aus seinem Palast, der in Gori inmitten eines fürstlichen, großen Parkes errichtet war, beherrschte der Fürst die Stadt und seine unendlichen Güter bei Gori und weiter in den Provinzen Imeretien und Kartilien. Ein Pate des Zaren war Fürst Amilachwari, und alle seine Kinder wurden vom Zaren persönlich getauft. Selbst Alexander III. besuchte den Fürsten in seinem Palast in Gori, und das Zimmer, in dem der Zar eine Nacht verbracht hatte, blieb noch jahrzehntelang unberührt. Der Fürst war ein gewaltiger Jäger. Aus ganz Georgien kamen die Fürsten und Adligen zu ihm und fuhren dann auf Riesenflössen den Kur abwärts auf die Jagd. Trotz der Verwandtschaft mit dem Zaren, trotz der Abstammung von alten Königen war aber Amilachwari — wie alle Fürsten Georgiens — ein natürlicher, demokratischer Mensch.

Zwar brannte im Innern seines Schlosses, im Zarenzimmer, ein ewiges Licht zum Andenken an den hohen Besuch, zwar würdigte ihn der Zar seiner eigenhändigen Briefe, aber wenn der Fürst auf der Rückkehr von der Jagd in sein Schloss plötzlich sah, dass das Leder seiner fürstlichen Stiefel unterwegs einen Riss bekommen hatte, so stieg er mitten in der Stadt vom Pferde herab, ging die Straße entlang zum einzigen Schuster von Gori, zum alten Wissario Dschugaschwili, und ließ sich vielleicht seine Stiefel, die er zu unerhörten Preisen in Paris bestellte, provisorisch-barbarisch flicken. Der kleine Schustersohn Soso lief dann ins Haus, holte einen kleinen Teppich, auf den der Fürst inzwischen seinen Fuß setzen konnte. Nicht immer war Amilachwari friedlich und leutselig gesinnt. Als letzten Abglanz seiner einstigen Souveränität besaß er — als einziger Fürst im Kaukasus — das Vorrecht, ein eigenes Leibregiment zu halten. Wilde Lesgier und Berggeorgier bildeten dieses Reiterregiment, das dem Fürsten persönlich gehörte, das nur von ihm Befehle erhielt und für ihn in den Kampf zog.

Einst kam der neue Militärbevollmächtigte für den Bezirk Gori in die Stadt. Dieser Militärbevollmächtigte vertrug sich nicht mit der Leibgarde des Fürsten und hatte die Dreistigkeit, eines Tages zu befehlen, der Stall des fürstlichen Regiments sollte verlegt werden. Darüber war der Fürst empört. Er zog seinen weißen Tscherkessenanzug an, nahm seine Waffen, strich sich seinen langen, weißen Franz-Joseph-Bart und ritt, von Adligen umringt, in die Stadt hinab. Dort fesselte er den Militärbevollmächtigten, zog ihm die Hosen herunter und schaute gelassen zu, wie seine Leibgardisten den Vertreter der Militärmacht öffentlich verprügelten. Auch die Einwohner von Gori sahen dem Vorgang interessiert zu, darunter auch der Sohn des Schusters Dschugaschwili, der kleine Soso, ein Knabe mit üppigem Haarwuchs, niedriger Stirn, kleinen, kohlschwarzen Augen und leicht sich ballenden Fäusten, die das Schusterhandwerk nicht erlernen wollten. Fürst Simeon Amilachwari konnte es sich leisten, Militärbeamte zu verprügeln. Der arme Delinquent, der sich die fürstliche Ungnade zugezogen hatte, wurde versetzt. Der Zar selbst richtete sodann an den Fürsten einen eigenhändigen Brief, dessen Inhalt sofort in ganz Gori bekannt wurde. «Lieber Amilachwari,» hieß es dort, «bitte, verprügle ein anderes Mal meine Beamten nicht, sondern schreibe mir, wenn sie Dir nicht passen, und ich werde sie versetzen.» —

So lebte Fürst Amilachwari, der General, Zarenfreund und Herrscher über Gori. Er war ein edler Ritter, ein tapferer Mann und ein echter Georgier. Jagd, Tanz und Fröhlichkeit herrschten an seinem Hofe zu Gori. Ein Fest folgte dem andern. Das lesgische Reiterregiment bewachte seine Ruhe, und nur hin und wieder verließ Seine Durchlaucht den Palast, um auf Wunsch des Zaren einen Aufstand in Baku zu unterdrücken, um am Hofe zu erscheinen oder um sich in Paris neue Wagen auszusuchen.

In der Nähe des Palastes aber, in der kleinen Werkstatt des Schusters Dschugaschwili, wuchs ein Knabe heran, der kleine Schustersohn Soso, dessen Hände das Schusterhandwerk nicht erlernen konnten. Amilachwaris Ruhm und Art — das sind die ersten Eindrücke des kleinen Dschugaschwili. Vielleicht war es das Beispiel des alten Amilachwari, des geborenen Herrschers, das dem Schusterjungen Soso den Weg wies, auf dem er Namen, Heimat und die väterliche Schusterwerkstatt vergaß und zuletzt Joseph Stalin wurde, Russlands Diktator, der Herrscher über ein Sechstel unseres Planeten.

Joseph Dschugaschwili, später Stalin genannt, wurde 1879 zu Gori in Georgien geboren. Sein Vater war ein echter Georgier aus der rauen bergigen Gegend des nördlichen Transkaukasiens, wo die Ebene allmählich in klobige Felsen übergeht und die Einwohner, die Mtiuleti (Berggeorgier), seit alters her mit dem Gebrauch der Waffe vertraut sind. Wissario Dschugaschwili war aber kein Krieger, er war Schuster von Beruf und gehörte also zu dem uralten Stand der georgischen Makalaken, der Handwerker und Kaufleute.

Nicht immer ist Wissario Dschugaschwili allerdings Schuster gewesen. Leute, die die Familie gut kannten, berichten, dass Wissario in seiner Jugend das väterliche Dorf Dido-Lilo verließ und in die rauen Gebirge Ossetiens auswanderte. Dort übte er den schönen Beruf eines Bergräubers aus, wurde dann von den Osseten vertrieben, entführte ein Mädchen und zog nach Zchinvali bei Gori. Erst später in Gori wurde er richtiger Handwerker — georgischer Makalak.

Die georgischen Makalaken sind eine eigenartige Menschenschicht, die nur wenig zu diesem Volke der Ackerbauer und Ritter passt. Sie bewohnten in alten Zeiten die spärlichen Städte der Georgier und trotzten als einzige Gesellschaftsklasse der feudalen Lebensordnung des Volkes.

Wenn der König oder ein edler Tawad Geld brauchte, so ging er zu seinen Makalaken. Noch heute sind die Briefe der georgischen Prinzen an die Tifliser Makalaken erhalten, die als einzige Nichtadlige das Vorrecht hatten, Sklaven zu besitzen: «Ehrwürdiger Handwerker,» so hieß es wohl in einem dieser Briefe, «ich benötige hundert Goldstücke, um die Lesgier zu bezahlen, die sonst mein Gut zu überfallen drohen. Borge sie mir, und Gott sei Zeuge, dass ich sie Dir zurückzahle, sobald ich kann. Ich beschwöre Dich aber, sag’ niemandem, dass ich selbst keine hundert Goldstücke aufbringen kann, es wäre eine Schande, wenn die Welt dieses wüsste.» —

So schrieben die Prinzen an die Makalaken, und die Makalaken borgten Geld, betrieben ihr Handwerk, sparten und ließen die Fürsten Kriege führen. Erst die letzten Jahrzehnte erschütterten die Stellung der Makalaken. Die erfolgreichen armenischen Händler vernichteten ihren Wohlstand, die Fürsten bedurften ihrer nicht mehr, und ihre angestammten Vorrechte wurden von den Russen in keiner Weise respektiert. Während Fürsten, Adlige und Bauern durch die russische Herrschaft gewannen, hatten die Makalaken allen Grund zur Klage. Ihre althergebrachten Privilegien wurden von den Russen nicht anerkannt, die führende Rolle im Wirtschaftsleben mussten sie den Adligen und den Armeniern abtreten, und zuletzt vermochten sie nur noch in den Bazaren von Tiflis, in den breiten Gassen der alten Städte, missvergnügt und sorgenvoll aus ihren engen Läden in die raschere Gegenwart zu blinzeln.

Auch dem Schuhmachermeister von Gori ging es nicht gut. Hoch zu Ross ritt zuweilen der alte Amilachwari an seinem Laden vorbei, barfuß trieben sich die Straßenjungen vor seinem Hause umher, Tage und Nächte hindurch saß der alte Dschugaschwili über Sohlen gebeugt und sang zu seiner Arbeit dumpfe georgische Lieder vor sich hin. Soso, sein kleiner Sohn, sang keine Lieder. Er strolchte barfuß, einen Fellhut auf dem Kopf, durch die Straßen und focht blutige Schlachten mit den Buben der Nachbarschaft aus. Die Straßen Goris sind breit, die Häuser sind weit voneinander entfernt, und die Obstgärten, die die Stadt umgeben, ziehen sich bis in die Straßen hinein. In diesen Obstgärten verbrachte Soso seine Kindheit. Nur selten sah man ihn in der Werkstatt oder zu Hause. Eng, klein und dunkel sind die Wohnzimmer der Häuser zu Gori. Sogar die ehrwürdigen Bürger lieben es, die Tage auf den Veranden und die Nächte auf den flachen Dächern zu verbringen. Umso mehr tun es die Knaben. Im Frühling, wenn die Bäume zu blühen begannen und der schmelzende Schnee den Kur wasserreich machte, konnte Soso richtige Reisen unternehmen. Auf dem Floss fuhr man in die Nachbardörfer oder man wanderte zu Fuß den Fluss hinauf nach Barschomi, in die Sommerresidenz der georgischen und russischen Fürsten. Barschomi ist nicht nur im Vergleich zum Provinznest Gori ein Märchen. Mitten in Riesengärten stehen dort Villen und Paläste erbaut; alljährlich kamen russische Großfürsten aus dem weiten Norden dahin. Eine Abteilung von Kosaken umgab solange schützend die Villensiedlung.

Wenn sich die Dorfjugend von Gori auf den Straßen Barschomis zeigte, fand sie die Villen meist von strammen Kosaken bewacht. Dann war irgendein finsterer Großfüist, der Attentate befürchtete, angekommen. Blutig trafen die Kosakenpeitschen jeden, der der Absperrung zu nahe kam.

Ob der kleine Soso Dschugaschwili schon damals die schwere Kosakenhand zu spüren bekam, weiß man nicht, später hat er dann allerdings intime Bekanntschaft mit ihr machen müssen.

Barschomi, die luxuriöse Villensidelung, konnte den abenteuerlustigen Schusterjungen aus Gori nicht lange locken. Ihn zog es nördlich in die Berge, die ans südliche Ossetien grenzten. Dort wohnte in kleinen Bergdörfern eine gemischte Bevölkerung, halb aus Osseten, halb aus Georgiern bestehend. Auch Stalin selbst war halb Ossete. Seine Mutter entstammt aus diesem rätselhaften indogermanischen Volke, das vor Zeiten aus der Ebene in die Berge des Kaukasus vertrieben wurde und dort bis heute ein bescheidenes Dasein fristet. Wer die Osseten sind und woher sie kamen, weiß man nicht; seit langem sitzen sie in den rauen Gebirgen und sind neben den Georgiern das intelligenteste Volk des Kaukasus. Aus diesen beiden Völkern, aus zwei verschiedenen, rätselhaften und einander wesensfremden Rassen stammt Stalin, der merkwürdigste Machthaber unter den heutigen Beherrschern der Welt.

Die märchenhaft verwunschene Stadt Gori, die weiten Gärten, der milde gorische Chedistaw -Wein, das lustige Volk dieser ältesten Stadt Georgiens hinterließen jedoch nicht viel Spuren in seinem Wesen. Eher schon die Kehrseite der Stadt, die finstere Ruine von Uplisziche, diese Katakombenstadt, von unbekannter Hand erbaut und von finsteren Geistern gehütet, und die berühmte Burg Gori Dschwari, Festung und Kirche zugleich, die die sagenhafte Königin Tamar errichtet hat. Dorthin, an den Rand der Stadt, wo die beiden Gebirgsbäche der Stadt, Liachwa und Kur, sich zu einem breiten Fluss vereinigten, ging Stalin, wenn die Nächte schwül wurden. Es geschah nie etwas in Gori-Dschwari, und auch heute besuchen es nur wenige Pilger.

Mitten in dieser gespenstischen, halbzerfallenen Burg erhebt sich das große silberne Kreuz mit den Reliquien des Heiligen Georg. Nur ein alter Mönch hütete damals das Heiligtum und erzählte von jenen alten Zeiten, da die ganze Stadt bei großer Gefahr oder bei Überschwemmungen zum unbesiegbaren Kreuz in die Burg Gori Dschwari floh. In den alten Zeiten, als Überschwemmungen noch eine Gefahr bedeuteten, blieb nur diese Burg mit dem Kreuz wie eine Insel im Meere sichtbar. Später wurden die Überschwemmungen immer seltener, der Pilger kamen immer weniger, und nur der kleine Soso kletterte tapfer den steilen Abhang hinauf, um den Ort zu sehen, den die einheimischen Mestwiri von Gori, die wandernden Barden Georgiens, besingen.

Eine fromme Legende ist mit der Festung und der Gründung der Stadt Gori verbunden. «Einst,» so singen die Mestwiri, «jagte im Walde am Kur die große Königin Tamar. Ehrfürchtig näherten sich ihr die Tiere, blieben vor ihr stehen und warteten, bis der goldene Pfeil der Königin ihr Herz durchbohrte. Lange jagte die Tamar, dann aber ruhte sie aus am Ufer des Flusses, wo Kur und Liachwa ineinanderflössen. Um sie herum saßen die Fürsten, die Paschas und Beks und blickten besorgt zur Königin empor. Denn ihr Blick trübte sich plötzlich, und ihr Antlitz furchte sich sorgenvoll. Am andern Ufer des Flusses, auf einem steilen Felsen war der Lieblingsfalke der Königin eingefallen, in seinen Fängen hielt er die Beute fest und machte keinerlei Anstalten, zu seiner Herrin zurückzukehren. «Wer holt mir den Falken?» rief die Königin, «wer es wagt, der soll alles von mir verlangen dürfen, was sein Herz begehrt!»

Die Fürsten, die Paschas, die Adligen standen stumm und blickten zu Boden. Es war Frühling — drohend rauschten die Wellen der geschwollenen Bergflüsse. Niemand wagte, den Fluss zu durchschwimmen. Plötzlich erhob sich ein junger Fürst, verbeugte sich vor der Königin und sprang in den tosenden Fluss. Lange kämpfte der Jüngling mit den Wellen. Ängstlich blickte der Hof zu. Endlich erreichte er das Ufer, ergriff den Falken, legte ihn fest und kämpfte sich mit Macht zurück durch die Wellen. Wieder am Ausgangsufer angelangt, kniete er vor der Königin nieder und reichte ihr den Falken. Das Antlitz der Königin strahlte, sie streckte die Hand aus, nahm den Falken auf ihre Faust und wartete auf die Wünsche des Jünglings. Was konnte er von ihr verlangen? Geld? — Land? — Würden? —

«Ich will Dich, o Königin,» sagte der Held, «eine Nacht will ich Dein Beherrscher sein.» — Da wurde es totenstill um die Königin, die Gesichter der Höflinge verfärbten sich. Die Königin aber erhob sich ruhig und gefasst, sie rief nicht nach dem Henker, sie ließ den Frechen auch nicht einsperren, sie trat einen Schritt zurück und sagte kühl: «Ein Königswort gilt, heute Nacht erwarte ich Dich.»

Als der Jüngling gegangen war, kniete die Herrscherin nieder und flehte die Muttergottes von Gelati und das Kreuz und die Heiligen an, sie möchten ein Wunder geschehen lassen, um die Ehre der Königin zu retten. Auch der ganze Hof, die Bischöfe, Fürsten und Adligen knieten nieder und beteten für die Ehre der Königin. Als es Nacht wurde, erwartete die glänzende Königin Tamar im Schatten der alten Bäume auf dem Hügel am Fluss den Jüngling. Er kam und verbrachte die ganze Nacht bei ihr. Doch ihre Ehre blieb unberührt. Durch ein Wunder verließ den jungen Helden für diese Nacht die Manneskraft; matt und scheu ruhte er neben der Königin Tamar. So rettete die Muttergottes von Gelati die Ehre der Tamar, so strafte sie den Frechen, und so singen die Mestwiri in Gori davon auch heute noch.

Zur Erinnerung an dieses Wunder erbaute die Königin die Burg und die Stadt Gori, und an der Stelle, wo das Wunder geschah, errichtete sie den Gori-Dschwari, das Heilige Silberne Kreuz.

Am Fuße dieses Kreuzes saß an den stillen Abenden Stalin, damals noch Soso, blickte auf die Stadt herab, auf die Burg und den Palast des Durchlauchten Amilachwari und auf die kleine Werkstatt seines Vaters. Immer schlechter ging es dem Schuster, immer seltener mochte er seine Arbeit mit Gesang begleiten. Immer seltener murmelte er, über eine schadhafte Sohle geneigt, die alten georgischen Mären vor sich hin. Wer in der Gegend weiche georgische Stiefel mit Saffian-Sohlen brauchte, ging nicht mehr in die Werkstatt des Wissario Dschugaschwili; in der alten Königsstadt Tiflis saß ein fetter Armenier, der hatte eine Fabrik für kaukasische Stiefel errichtet und wurde im Handumdrehen reich.

Der alte Dschugaschwili dagegen kam mit seiner Werkstatt langsam auf den Hund. Bald verkaufte er sein Leder und seine Werkzeuge, eins nach dem andern, aber auch das nützte nichts. Nichts konnte mehr helfen. Der Handwerker kam ans Verhungern. Der kleine Soso hatte damals noch nicht seinen Marx gelesen, sonst hätte er begriffen, dass das, was in seinem Hause vorging, der gesetzmäßig ablaufende Kampf des Kapitalismus mit der Heimarbeit war. Soso lungerte am Dschwari herum, hungerte und starrte stundenlang auf den Palast Amilachwaris herab.

Endlich raffte sich sein Vater zu einem Entschluss auf. Er verzichtete darauf, ein freier georgischer Makalak zu sein. Er löste seinen Hausstand auf und zog mit Weib und Kind den Fluss abwärts in die alte Königsstadt Tiflis, wo der fette Armenier Adelchanoff Schuhe fabrizierte und dem Makalaken Arbeit in seiner Fabrik gab. Der Handwerker Dschugaschwili wurde so zum Proletarier und sein Sohn Soso zum Tifliser Straßenjungen, einem der vielen, die die schönste Stadt des Zarenreiches mit Liedern, Späßen, Kämpfen und Lärm erfüllten, überall Unruhe stifteten und aus dem Tifliser Stadtbild ebenso wenig fortzudenken sind wie der Himmel und die Berge. Mit vierzehn Jahren also wurde der Knabe aus Gori ein Straßenjunge und Schmarotzer der Großstadt.

Selbst in den unteren Klassen der Georgier herrscht eine wahre Bildungsgier. Fast in jedem Dorfe findet man Leute mit abgeschlossener Hochschulbildung, und wohl die Hälfte der einfachsten Bauern sind des Lesens und Schreibens kundig. Das bedeutet für den Orient einen ungeheuren Prozentsatz. Auch Soso musste zur Schule, in die georgische Volksschule natürlich. Die russische Sprache erlernte der künftige Diktator Russlands erst in späteren Jahren. Stalin war kein guter Schüler, ihn lockten die Gassen der alten Stadt viel zu sehr, er hatte das Gefühl ungehemmter Freiheit aus Gori mitgebracht, es blieb in ihm, trotz der Stadt, lebendig. So wurde er entgegen aller Mühe des alten Wissario weder ein Schriftgelehrter noch ein Bücherwurm, sondern stieß zur Zunft der georgischen Straßenjungen zu Tiflis. Die heitere Königsstadt am Kur empfängt jeden Ankömmling willig und freundlich. Auch ihr künftiger Herrscher fand Unterschlupf, aber er war ein Deklassierter geworden, als er mit seinem Vater einzog. Und hier in Tiflis, in den engen Gassen, unter dem buntfarbigen, phantastischen Menschengemisch, begann für Joseph Dschugaschwiii die harte und notvolle Hungerschule des Daseins.

Oft wurde behauptet, dass Stalin der ungebildetste und der primitivste unter den Führern der Roten Welt sei. Das ist nicht richtig, das stimmt auf alle Fälle nur zum Teil. Unter der Fuchtel des Lehrers gab er sich nur geringe Mühe, doch nahm er emsig die Weisheit der georgischen Verse und Mären in sich auf.

Mit dem Aroma der georgischen Verse saugte Stalin auch die Luft der Tifliser Gassen ein, die zynische, brutal-schelmische Art dieser Wunderstadt. Die Menschen von Tiflis sind ein Volk für sich, und Soso Dschugaschwiii wurde einer der ihren.

Die Tifliser Art, den halbasiatischen, halbeuropäischen Lebensstil dieser Stadt, behält Stalin für immer bei. Er kommt im Laufe seines Lebens durch ganz Russland, ohne sich davon zu trennen, und behält ihn auch bei, als er zuletzt hinter den Riesenmauern des Kremls über ein Sechstel der Welt gebietet.

 

 

DER KÜNFTIGE PRIESTER

 

Unweit der berühmten Tifliser Schwefelbäder der Fürsten Orbeliani befand sich am Ufer des Kur die Fabrik orientalischer Schuhe des Armeniers Adelchanoff. Um die Fabrik herum zog sich das asiatische Viertel.

Hier verbrachte Stalin seine Jahre als Gassenjunge und Lumpenproletarier, bevor er Schüler des georgischen Priesterseminars wurde.

Ignatius von Loyola begann als ein rauer Krieger, Stalin als frommer Schüler des georgischen Priesterseminars. Vierzehn Jahre alt war Stalin, als er die Stadt Gori und die dortige Kirchenschule verließ und mit seinem Vater nach der Königsstadt Tiflis zog. Zahllose Stunden schlenderte er als unerfahrener Provinzler durch den berühmten Bazar und eignete sich nach und nach den Schliff der orientalischen Großstadt an. Neben ihm trotteten schwerbeladene, winzige Esel und Kamele, bummelten Sänger und Händler durch die Straßen. Die Gassen im asiatischen Viertel von Tiflis sind schmal, und wenn ein Kamel die Gasse entlangkommt, müssen Sänger und Händler sich rasch an die Häuser drücken. In diesen Gassen spielt sich unverfälschtes orientalisches Leben ab. Seinen Höhepunkt erreicht es an dem berühmten Tifliser Bazar, am Maidan. Der Bazar ist das Herz von Tiflis. Hier trifft man sich, hier verbringt man seine Tage. Hier ist Klub, Börse und Ausflugsort zugleich. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend wandert der Tifliser durch den Bazar. Hier verdient er sein Geld, und hier gibt er aus mit jener Leichtigkeit, die in der ganzen Welt nur den Georgiern eigen ist.

Stundenlang wanderte Stalin durch die Gassen der Handwerker, der Waffenschmiede, Schuster und Schneider, erholte sich dann im Schatten einer Markise und schmarotzte am Abend in den winzigen, in Kellern gelegenen Kneipen, wo Hammelfleisch, Reis und georgischer Wein zu Spottpreisen in ungeheuerlichen Mengen dargeboten werden. Der «Duchan», die Kneipe, ist die Wonne der Tifliser. Die verschiedenen Völker, die die Stadt bewohnen, besuchen sie alle mit gleichem Eifer. Blinde Musiker spielen dort persische Melodien und singen georgische Lieder von der Pracht der göttlichen Tamar. Kleine, schwarze, gelenkige Zigeuner- und Kurdenmädchen tanzen im «Duchan» ihre «Daulur» oder «Bukhna». Die Sänger drücken ihre Hände ans Ohr und singen begeistert und wehmütig «Steh auf, Tamar». Des Georgiers Sehnsucht und des Georgiers Vergangenheit lebt in diesen Liedern. Bis zum frühen Morgen dauert das Gelage, in Strömen fließt der Wein; Hammelbraten, Käse, Grünzeug, Gemüse und Reis in vielen Arten werden in Mengen vertilgt. Aus riesigen Hörnern wird der Wein getrunken; sie müssen in einem Zuge geleert werden. Immer wieder füllt sie der Festleiter, der «Tamada». Der Georgier kneipt gern, häufig und viel, aber er kneipt nie allein. Vollbesetzt muss seine Tafel sein. Fürsten und Gepäckträger (manchmal ist einer beides in derselben Person) kneipen ungeniert an einer Tafelrunde bis zur Morgenfrühe.

Der König der Tifliser Gassen, der König und Sohn der Bazare und Duchane ist aber der Kinto, eine eigenartige Gestalt; er bildet mit seinesgleichen eine Volksklasse für sich, die man nirgends — außer in der Hauptstadt Georgiens — antrifft. Was ist ein Kinto? Schwer zu sagen — ein Bohemien, ein Deklassierter, ein Spaßmacher, Weiser und Zyniker, alles auf einmal und in einer Person. Der Kinto gibt der Tifliser Straße ihren Ausdruck, ihr Gesicht. Kinto — halb Dichter, halb Taschendieb! Welchem Volke der Kinto eigentlich angehört, ist schwer zu erforschen, er ist einfach das Kind des Volkes von Tiflis, des freudigen, singenden, lachenden, mitunter auch hungernden Gassenvolkes. Was der Kinto tut, wovon er lebt, und wo er schläft, ist gleichfalls unbekannt. Man trifft ihn überall, eine malerische, graziöse Gestalt undefinierbaren Alters, mit lachendem Munde, listigen Augen und einem winzigen Hütlein im Nacken. Der Kinto weiß alles und plaudert alles aus, er ersetzt die Zeitung vom politischen bis zum lokalen Teil, Feuilleton, Kritik, Wissenschaft und Kunst inbegriffen. Das Ohr von Tiflis gehört ihm. Und er macht das Wetter, das ihm beliebt. Manchen guten Ruf hat er auf diese Weise vernichtet, manchen schlechten Ruf gerettet. Unerforschlich sind die Neigungen des Kinto. Er erfindet Witze und erzählt phantastische Geschichten, er ist ein wenig Kuppler, ein wenig romantischer Held, er ist — alles in allem — eben ein Kinto, der Gassenjunge und Schmarotzer der phantastischen Stadt Tiflis.

Solch ein Kinto wurde Stalin, bevor ihn sein Weg in das finstere Gebäude des georgischen Priesterseminars führte. Monatelang schmarotzte er auf den Straßen und in den Kneipen, bereicherte seine Sprache durch georgische Zoten, armenische und russische Brocken und fand sich allmählich in der frechen und vergnügten Schule des Tifliser Straßenlebens zurecht.

Aus seinen Kinto-Zeiten her besitzt er noch heute jenes zynische Lächeln, jenes listige Augenblitzen, das jedem, der ihn je gesehen hat, auffällt. Die Tifliser Straßen machen den Kinto hart, listig und zäh. Diese innere Derbheit und Abgebrühtheit, diese Fähigkeit, zynisch über eigenes und fremdes Missgeschick, über Leben und Tod jederzeit zu lachen, behält der Kinto bis an sein Lebensende.

Nicht umsonst sagte Lenin: «Stalin ist zu grob und brutal, um die Partei zu leiten.» Vielleicht sind es aber gerade diese Kinto-Eigenschaften, die dem finsteren Georgier zum Siege verhalfen. Denn das Leben des Kinto verläuft nur von außen gesehen sorglos und lustig.

Der vierzehnjährige Stalin hungerte auf den Straßen der Königsstadt, in den dunklen Kneipen prügelte er sich mit seinesgleichen, mit meist älteren Kintos, die peinlich darauf bedacht waren, ihr Recht auf das Spaßmachen und auf die Speisereste mit keinem zu teilen. In den engen, feuchten Gassen am Kur-Ufer brachten diese Genossen dem jungen Soso die hohe Kunst bei, den kaukasischen Dolch aus der Scheide zu reißen, um die linke Hand ein Tuch zu wickeln und dann, so gerüstet, tapfer und erbarmungslos mit dem Feind zu kämpfen. Die Kintos führten oft blutige Schlachten gegeneinander. Aber nur selten gelangten die blutigen Schlachten dieser Hungernden und Deklassierten bis an die Ohren der Polizei. Auch der Hungrigste unter den Kintos, das halbe Kind Soso, besaß schon einen scharfen Dolch und den Baschlik, das Kopftuch, das um die linke Hand gewickelt im Kampf als Schild diente.

Schon in Gori verstand es Soso, den Dolch so zu werfen, dass er, aus einer Entfernung von zehn Schritt geschleudert, genau in der Milte des Kreises saß. Der kernige Provinzler aus Gori, der Sohn eines Mannes aus den Bergen, blieb aber nicht lange Schüler der Tifliser Straßenschmarotzer. Bald konnte der Vierzehnjährige als vollgültiges Mitglied der freien Zunft der Kintos gelten. Das brachte allerdings allerlei böse Folgen mit sich. Der Weg der Kintos zum König der Tifliser Gassen führt durch zahllose Späße und Kämpfe. Dieser König der Kintos ist eine durchaus gewichtige Persönlichkeit in der Hauptstadt. Den Höhepunkt des Weges zu dieser Würde und Macht bildete der alljährliche offene Kampf, den die Kintos als eine Art Ritterturnier auf einem Felde bei Tiflis abhielten.

Dieser Kampf war zu den Zeiten, als Stalin die Tifliser Gassen durchstreifte, ein gesellschaftliches Ereignis. Generäle und Fürsten erschienen als Zuschauer und die reichen Kaufleute schlossen auf den oder jenen «Helden» Wetten miteinander ab. Mit Blumen geschmückt, von festlichem Pferdegespann gezogen, fuhr der Sieger durch die Straßen und wurde das ganze Jahr hindurch als eine Art König der Straße gefeiert. Der Kampf selbst spielte sich in recht rohen Formen ab. Die Kintos bildeten zwei Kampfgruppen, die mit Stöcken und Steinen bewaffnet, unter Führung erfahrener Banditen, einander wie rasend verprügelten und sich gegenseitig in den Fluss zu jagen suchten. Das ging nie ohne mehr oder minder schweres Blutvergießen ab. Manchmal musste sogar für ein paar besonders mutige Kintos am nächsten Tage ein feierliches Begräbnis veranstaltet werden. Auf alle Fälle konnte man sich aber an jenem Kampftag tüchtig austoben, und von diesem Recht verstanden die Kintos reichlich Gebrauch zu machen. Die Erlaubnis, offiziell an der großen Prügelei teil zu nehmen, war die erste Anerkennung für einen Kinto-Novizen. Stalin, sagt man, riskierte alles, um sich dieses Recht möglichst rasch zu erringen. Der vierzehnjährige «Mthiuleti»-Berggeorgier — mit ausgezeichneten Muskeln und der bereits oft in Straßenkämpfen erprobten Fähigkeit, Schläge ohne Zucken zu ertragen, wurde in der Tat sehr rasch in die Partei der Raufbolde aufgenommen. Der vierzehnjährige Soso nahm diese Auszeichnung mit äußerer Gelassenheit an. Ein Vierzehnjähriger ist im Kaukasus kein Knabe mehr, und zu Ausbrüchen der Freude war Stalin schon damals wenig geneigt. Am Tage des Kampfes erschien er aber als Erster im schwarzen zerfetzten «Beschmet» (enggeschnürte Taille), mit dem winzigen Kinto-Hütlein im Nacken — ein Held in Person. Auf dem Riesenfelde versammelten sich allmählich die Kämpfer, die Besten unter den Kintos, und am Rande des Feldes standen die hohen Gönner, die Kaufleute und Offiziere.

Der Kampf begann. Zuerst wurden Witze gewechselt. Der Kinto ist in gemeinen Witzen Meister. «Seid ihr gekommen, um das Laufen zu erlernen?» schrie die eine Partei. «Nein, unsere Spucke genügt, um euch zu Fall zu bringen!» antworteten die Gegner. Dann näherten sie sich einander Schritt für Schritt, voran der Anführer und hinter ihm das Gefolge. Ganz vorn ballte der kleine Soso seine Fäuste. Alsbald hagelten die ersten Schläge. Wild stürzten sich die Kintos aufeinander los, mit dem Kampfesgeheul entlud sich der von der Obrigkeit gehemmte Kampfesdrang; die Obrigkeit aber schaute begeistert zu und verwettete Unsummen.

Wieviel Menschen an jenem Tage ihre Zähne auf dem Felde der Ehre verloren, weiß man nicht, wieviel Helden mit gebrochenen Rippen von treuen Freunden nach Hause getragen wurden, ist gleichfalls unbekannt geblieben; einer von denen, die am meisten gelitten hatten, soll Stalin gewesen sein, der seine Feuerprobe mutig bestand. Blutüberströmt und zerschlagen wurde er durch die Gassen geführt, vorbei an den fürstlichen Bädern, vorbei an der Fabrik des Armeniers Adelchanoff, bis heim in die karge Behausung des alten Lederarbeiters Dschugaschwili. Der alte Schuster musste den Sohn behutsam abwaschen, bevor er überhaupt die Verletzungen feststellen konnte, die der Knabe davongetragen hatte. Sie erwiesen sich als unbedeutend, machten aber den Alten nachdenklich. Dem kernigen Georgier vom Lande, dem stolzen Mthiuleti passte der Umgang des Knaben mit den verrufenen Kintos der Vorstadtkneipen durchaus nicht. Georgien kennt im Grunde keine Deklassierten und keine Ressentiments, auch noch der letzte Arbeiter des Armeniers Adelchanoff fühlte sich vor allem als Georgier, als ein Mann, in dessen Adern das uralte Blut von Helden, Ehrenmännern und Christen floss.

Der Verkehr Sosos mit den traditionslosen Kintos gefiel dem Alten, wie gesagt, gar nicht. Was aber tun? Den Gedanken, den Sohn in das urväterliche Dorf Dido-Lilo, aus dem die Familie stammte, zu schicken, verwarf der Alte bald. In Dido-Lilo wuchsen die Leute zu plumpen Ackerbauern heran. In Gori dagegen, in der Stadt des stolzen Amilachwari, hatte Soso immerhin schon die Kirchenschule besucht. Er war also schon ein halber Schriftgelehrter. Jeder Georgier hat den Ehrgeiz, aus seinem Sohne entweder einen Offizier oder einen Schriftgelehrten zu machen. Offizier konnte Stalin nicht werden, der Weg zur bunten Uniform war dem Schustersohn von Geburt her versperrt. Nicht aber der Weg zum Schriftgelehrten! Jeder Georgier kann Schriftgelehrter werden und fast jeder will es. In der Intelligenz des Landes kann man alle Volksschichten treffen. Seit alters her verstand dieses feudale Land, eine wahre Demokratie des Geistes heranzubilden. In zahlreichen Volks- und Adelsschulen vollzog sich die Bildung der Georgier, doch hing für den Schuster Dschugaschwili Bildung herkömmlicherweise vor allem mit kirchlicher Ausbildung zusammen. Wenn schon sein Sohn kein Krieger werden konnte, so musste er zum mindesten Priester werden, ein frommer Beter vor Gott und den Menschen. Dem Priesterwerden stand nichts im Wege. Mitten in Tiflis, in der Nähe des Soldatenmarktes, an der breiten Puschkin-Straße, erhob sich ein viereckiges, kasernenartiges Gebäude, das georgische Priesterseminar, eine Anstalt, in die jeder aufgenommen wurde und die er als Pfarrer oder Volkslehrer verlassen konnte. Der Unterricht kostete im Seminar nichts, denn der Staat bezahlte die Ausbildung der künftigen Gottesdiener. Auch Lehrbücher und Essen wurden gratis verteilt. Lernen, beten und gehorchen, alle Tugenden der künftigen Staatsbeamten für religiöse Angelegenheiten wurden den Schülern dort beigebracht. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass dieses Seminar ein Asyl für alle diejenigen wurde, die brotlos auf den Straßen von Tiflis herumlungerten und weder Kintos noch Bauern werden wollten. Zu Beginn des Schuljahres 188 führte nun Wissario Dschugaschwili seinen Sohn in das finstere Gebäude des Seminars. Ungern nahmen die Priester Soso in ihre Obhut. Zerlumpte Jungens wie ihn hatte man dort gerade genug. Es bedurfte unendlicher Bücklinge des alten Schusters und sanften Zuredens seiner Freunde, die sozial etwas höher standen als der ehemalige Provinzschuster, damit Joseph Dschugaschwili als Anwärter auf die Würde eines Seelsorgers in das kasernenartige Gebäude an der Puschkin-Straße aufgenommen wurde.

Das georgische Priesterseminar ist der Hüter des georgischen Glaubens! Die jahrtausendalte Tradition der georgischen Kirche, die sich, in den Zeiten der Heiligen Nino beginnend, über Glanz und Elend, Blut und Märtyrertum bis in die Neuzeit hinzieht, war am Ende des vorigen Jahrhunderts bereits stark erschüttert. Die brutale Kirchenpolitik des zaristischen Staates trug mehr zur Vernichtung dieser Tradition bei als alle übrigen kirchenfeindlichen Strömungen der Welt. Seit der Besetzung Georgiens durch die Zaren begann die gewaltsame Russifizierung der Kirche. Trotz der heiligsten Versprechen haben die Zaren der Kirche Georgiens alles genommen, was man einer Kirche nehmen kann, sogar die Sprache und das Selbstbestimmungsrecht. Dabei ist die Kirche in Georgien das eigentliche geistige Zentrum des Landes gewesen. Ohne Kirche hätte Georgien ohne Zweifel längst zu existieren aufgehört. Die Kirche, das byzantinische, griechisch-orthodoxe Christentum erklärt und umfasst die ganze Geschichte Georgiens. Dieses kleine christliche Reich musste, umringt von islamitischen Völkern, seinen Glauben, der zugleich seine Selbständigkeit bedeutete, in unendlich blutigen Kämpfen verteidigen. Im Laufe dieser einzigartig dastehenden Geschichte mussten Bischöfe und Priester oft genug das Kreuz mit dem Schwerte vertauschen und als fromme Ritter an der Spitze des feudalen kirchlichen Heeres das Land gegen die Ungläubigen verteidigen. Es ist in der Geschichte Georgiens oft schwer festzustellen, wo der Krieger endet und der Priester beginnt. Die ständig drohende äußere Gefahr brachte es aber auch mit sich, dass das Land im Innern religiös einheitlich blieb. Weder Sektenbildung noch eine Fehde zwischen kirchlichen Fürsten oder ein Kampf der geistlichen und weltlichen Macht lässt sich in der Vergangenheit Georgiens feststellen. Zwar bildete die Kirche einen mächtigen Staat im Staate, nie versuchte aber ein Bischof, dem Könige zu trotzen, nie hat der Katholikos seine Macht gegen den König ausgespielt. Allerdings war auch die georgische Kirche streng feudal. Dem Katholikos, der zumeist mit dem König verwandt war, unterstand ein Heer von kirchenadeligen Kriegern, Sklaven und Bauern, die sich in nichts von den Vasallen eines Fürsten unterschieden. Dieses vielfach noch mittelalterliche Verhältnis dauerte in Georgien bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Stände Georgiens, vom Islam bedroht, mit dem König und dem Katholikos an der Spitze, ihr Land an das russische Reich angliederten.

Von da ab datiert die Geschichte der Russifizierung der georgischen Kirche, die, zusammen mit anderen Russifizierungsversuchen, immer größere Teile des Volkes zur Opposition trieb. Schon in den ersten Jahren nach dem Anschluss Georgiens an das Zarenland wurde die Selbständigkeit der georgischen Kirche aufgehoben. Der Exarchus von Georgien war von nun ab ein von dem Zaren ernannter russischer Geistlicher, der das Russentum in der georgischen Kirche bewusst nach vorn zu spielen suchte. Die georgische Kirchensprache wurde gewaltsam durch das Kirchenslawische ersetzt und alle georgischen Hierarchen der russischen Behörde unterstellt. Zahlreiche blutige Kirchenaufstände in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Folge dieser Politik. Diese Aufstände wurden mit den üblichen brutalen Maßnahmen aller Kolonisatoren solange unterdrückt, bis sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Bischöfe Georgiens fügten und zu willfährigen Werkzeugen der zaristischen Politik wurden. Allerdings nur äußerlich. Im Innern der Kirche, in den Klöstern und unter der ländlichen Geistlichkeit gärte es weiter, aber die Zeiten der offenen kirchlichen Auf stände waren vorbei. Ein großer Teil der Geistlichkeit hörte indessen nie auf, in den Russen die brutalen Gewalthaber zu hassen. Vor allem tat das der niedere Teil der Geistlichkeit. Und diese einfachen Dorfpopen stammten in ihrer Mehrzahl aus dem georgischen Priesterseminar, aus dem Asyl des dritten Standes. Und auch dieser dritte Stand Georgiens hatte gleich der Geistlichkeit Gründe, mit der zaristischen Politik unzufrieden zu sein. Im Gegensatz zum Adel hatte der dritte Stand, wie bereits gesagt, vieles, wenn nicht alles durch den Anschluss an Russland eingebüßt. Und die Gnade des Zaren erlaubte ihren Söhnen lediglich, einen brauchbaren Unterricht auf — Russisch zu genießen.

Auch in Georgien war das 19. Jahrhundert ein Zeitalter der inneren Umwertung. Die alte Frömmigkeit, durch die zaristische Kirchenpolitik inhaltlos geworden, ließ nach, und gerade die besten Schüler dieser Kirchenanstalt wurden zwangsläufig zu der einzigen antizaristischen, radikalen Gruppe Georgiens getrieben, die damals bestand. Aus den Reihen der Priesterschüler stammen die bekanntesten radikalen Politiker Georgiens: Jordania, Tschcheidse, Tschchenkeli, die bei der ersten russischen Revolution eine führende Rolle spielten.

In den Mauern des georgischen Priesterseminars empfing auch der bedeutendste von seinen Schülern, Soso Dschugaschwili-Stalin, die revolutionären Weihen.

Schon in den ersten Jahren seiner Seminarzeit stößt Stalin mit den bescheidenen, revolutionär nationalen Organisationen der Anstalt zusammen. An den langen Abenden wurden statt des Katechismus dünne Broschüren mit rotem Umschlag verteilt und gelesen. Die mit dogmatischen Spitzfindigkeiten vertrauten und durch ihre Lösung geschulten Köpfe der Jünglinge versuchten sich begeistert in der Scholastik des revolutionären Doktrinarismus zurechtzufinden. Die geistigen Anforderungen, die das Dogma des Marxismus an sie stellte, glichen aufs Haar den technisch schwierigen Abstraktionen der theologischen Akrobatik. Hier wie dort ging es um Probleme, die von dem Alltagsleben des weder industrialisierten noch theokratischen Georgiens weltenweit entfernt lagen. Bald merkten sie aber: der Katechismus der Revolution wurde ihnen alsbald das, was für ihre Lehrer der Katechismus des Christentums war: der unerschütterliche Leitfaden ihres Lebens. Die Leute, die rote Broschüren unter den künftigen Priestern verteilten, wussten sehr wohl, was sie taten; wenn irgendwo in Georgien, so vor allem bei den Theologie studierenden Priesterschülern war ein Verständnis für die abstrakten Grundsätze des Marxismus zu erwarten. Die allgemeinen Verhältnisse Georgiens und die der Länder, auf die der Marxismus geprägt wurde, waren zu verschieden, als dass der theoretische Gedanke einer georgischen Revolution anders als theologisch hätte erkannt werden können. Die weltfremde Lehre der Kirche wurde bei jenen Jahrgängen künftiger Priester durch die ebenso weltfremde, aber aufpeitschende und wirklichkeitsnahe Lehre des revolutionären Kataklysmus ersetzt.

Die Männer, die den georgischen Priesterschülern die Kunde von der kommenden Weltrevolution brachten, die Menschen, die unter den ärmsten Schülern (alle Schüler waren arm) die roten Broschüren verteilten, waren selbst in der marxistischen Lehre nur wenig belesen. Es waren die einzigen richtigen Proletarier der Stadt, die Arbeiter des Tifliser Eisenbahndepots, des größten industriellen Zentrums der Stadt. Stalin selbst hat seine ersten Lehrer auf dem Gebiete der praktischen Revolution nicht vergessen. Es waren dies die Eisenbahnarbeiter Arakel Okuaschwili, Sturua, Silvester Dschibladse, Sako Tschodridschwili, Georg Tschcheidse, Micho Borschorischwili, Nipua, alles vollblütige Georgier und Proletarier.

Nicht sofort durfte aber der Priester den Tempel der Revolution, die Wohnung des Arbeiters Sturua, betreten. Eine lange Prüfungsfrist stand ihm bevor, Menschen, die ihm damals nahestanden, erzählten später, dass Stalin nächtelang über den Büchern hockte und wie im Rausche die neue, so schwer verständliche Offenbarung des Westens verschlang. Hier, in diesen dünnen Broschüren, in der für ihn noch immer schwer lesbaren Sprache der Russen, fand er das, was ihm weder die Kämpfe der Kintos noch der starre Katechismus der russischen Kirche gegeben hatten. Schon damals verband Stalin die Eigenschaften in sich, die Trotzki ihm später vorwarf: den äußersten Herrscher- und Tatendrang, gepaart mit der unerhörtesten seelischen Faulheit und Beharrlichkeit, mit der Trägheit, die sich nur in einer ein für alle Mal und endgültig festgelegten Weltanschauung wohlfühlen kann. Diese unerschütterliche innere Ruhe, diese Fähigkeit, von allen seelischen Hemmungen befreit, von keinerlei inneren Schwankungen geplagt und von keinen Aufregungen irritiert, sich seiner praktischen Aufgabe, seiner theoretisch erkannten und bejahten Notwendigkeit rückhaltlos hinzugeben, das ist seitdem die dauernde Haltung des Schustersohnes aus Gori geblieben.

Vier Jahre genügten Stalin, um die Grundsätze der neuen Lehre mit der Routine eines gelehrten Mönchs zu durchdringen und zu handhaben. Den Arbeitern aus dem Maschinendepot kam dieser Lerneifer des Priesterschülers sehr gelegen. Zwar verteilten sie alle rote Broschüren, zwar sprachen sie ununterbrochen von dem bevorstehenden Untergang der bürgerlichen Welt, aber nur sehr wenige von diesen Arbeitern vermochten mit absoluter Sicherheit ihren Namenszug richtig zu schreiben oder etwa die fernen heilverkündenden Heiligen Marx und Engels voneinander zu unterscheiden. Der finstere, wortkarge, bücherlesende Priesterschüler Stalin erschien ihnen trotz seiner damaligen Unbeholfenheit in den Dingen der revolutionären Praxis als eine Art vollendeter Theoretiker des Marxismus. Mit siebzehn Jahren — das war im Jahre 1896 — durfte er schon die Weihe des Sozialisten empfangen, er wurde Mitglied der Tifliser Organisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands.

In seiner priesterlichen Ausbildung kam er nicht ganz so rasch vorwärts. Erst zwei Jahre später sollte er die Priesterweihe erhalten. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Als anerkannter Theoretiker des kleinen Kreises der Tifliser Arbeiter musste sich der Neophyt der Propaganda der neuen Lehre widmen. Seine Auftraggeber, die ungebildeten Eisenbahnarbeiter, vermochten das nicht. Die industrielle Entwicklung des tief mittelalterlichen georgischen Landes trieb sie dunklen syndikalistischen Strömungen, allgemeinen Zusammenbruchsund Weltuntergangsstimmungen entgegen. Nur das dialektisch geschulte, theologische Hirn des mönchischen Dschugaschwili vermochte diese Vorstellungen in ein exaktes, geheiligtes und unantastbares System zu verankern.

Im Jahre 1896 gründete Stalin den ersten marxistischen Geheimkreis der sogenannten Tredososisten innerhalb des georgischen Priesterseminars. Der Neophyt suchte sich bereits seine Proselyten. In der Nacht versammelten sich die Seminaristen beim Scheine der Kerze um das Bett Stalins; es war die künftige Blüte der georgischen Kirche und gleichzeitig der Sturmtrupp der kommunistischen Partei Russlands. Stalin trug ihnen die Lehre vor; karge Worte, aus russisch und georgisch gemischt, wurden zu unbeholfenen Sätzen, in denen verworrene Schlagworte mit den hergebrachten Anschauungen Georgiens in Einklang gepresst wurden, lieber diese Zeit hat uns Stalin selbst etwas berichtet: «Ich war damals vielleicht marxistisch belesen, praktisch aber ein revolutionäres Baby.»

Seine Schüler begriffen ihn aber gut. Wenn er, die niedrige Stirn in Falten gelegt, die Augen in Ekstase erstarrt, sich über das Licht beugte und in katastrophaler Aussprache einen ihm selbst kaum verständlichen Satz eines revolutionären Schriftstellers zu meistern versuchte, schwiegen sie ehrfurchtsvoll, als wenn ihnen in der Tat eine neue Offenbarung beschieden worden wäre. Zu diskutieren oder gar zu widersprechen wagte nicht einer. Stalin, der Älteste unter ihnen, duldete weder Widerspruch noch Zweifel. Seine schwere Faust verstand dort Achtung vor dem Marxismus zu erwecken, wo seine revolutionären Sätze versagten. Tolerant ist Stalin nie gewesen.

Aber auch die Schulbehörde des Seminars war alles andere als tolerant. Das hier Geschilderte spielte zu Zeiten des vielgehassten kaukasischen Statthalters, des Fürsten Golizyn, dessen politische Grundidee die strengste Unterdrückung aller national-liberalen Regungen der Kaukasusvölker war. Die Leitung des Seminars hatte die strikte Aufgabe, gottesfürchtige Beamte heranzuziehen und zuvörderst alles Liberale, geschweige denn Revolutionäre, rücksichtslos zu bekämpfen. Dementsprechend war auch das Lehrerpersonal gewählt und gesiebt worden. Zum Unterschied vom benachbarten armenischen Seminar, wo immerhin unter der Lehrerschaft liberale Ideen Zugang gefunden hatten, blühte im Lehrkörper der Georgier — mit verschwindenden Ausnahmen — die finsterste Heuchelei, ein übertriebener Fanatismus und eine sozusagen gotteslästerliche Frömmigkeit.

Die alle ehrwürdige Kirchentradition der Georgier war in der Tat gründlich erstickt. Denn die — im Grunde genommen — unschuldigen nächtlichen Versammlungen der Seminaristen bei Stalin erschienen im Lichte der obskuren Priesterheuchelei als eine gemeingefährliche Erschütterung des kirchlichen und staatlichen Fundaments. Stalin war damals noch kein geschickter Konspirator. Die Oberen bekamen irgendwie Wind davon, dass der Anwärter auf die Würde eines georgischen Popen es nicht ernst genug mit den Pflichten des christlichen Daseins nahm. Tief erschüttert hörten sie bald darauf von gottesfürchtigen Lehrern einiges von irgendwelchen geheimen Versammlungen. Sodann fand man bei Stalin zu guter letzt gotteslästerliche Schriften und rote Broschüren vor. Der entrüstete Lehrkörper, der ohnehin den verschlossenen, anscheinend beschränkten Provinzler jedes Verbrechens für fähig hielt, versammelte sich, um über das Schicksal des Häretikers zu beraten. Die demütige Rückkehr des abgefallenen Sünders zum Altar erschien den kirchlichen Vätern schon damals nicht sehr wahrscheinlich. «Wir müssen das schwarze Schaf entfernen, um die weißen Lämmer zu schützen», riet der fromme Direktor der Anstalt endlich voller geistlicher Sorge und Schwermut. Der Beschluss des würdigen Gremiums lautete ziemlich hart und lakonisch: der Schüler Joseph Dschugaschwili wurde wegen sozialistischer Häresie von der Anstalt relegiert!

So endete die kirchliche Laufbahn Stalins. Damit hätte es nun sein Bewenden haben können. Aber jetzt geschah etwas Seltsames und Außerordentliches: am Tage nach der Ausstoßung des überführten Dschugaschwili erhielt der Direktor ein Schreiben von dem relegierten Zögling. Das Schreiben enthielt eine Denunziation, eine lückenlose Aufzählung aller derjenigen, die an den nächtlichen Versammlungen teilgenommen hatten und die demnach, zwecks Rettung der georgischen Kirche, gleichfalls aus dem Seminar entfernt werden müssten. Die Anzeige, die offenbar durch niedere Rachegelüste hervorgerufen worden war, genügte in ihrer Ausführlichkeit, um sämtlichen Beteiligten das gleiche Schicksal zu bereiten. Die Priester zweifelten nicht an den Angaben Stalins, sondern glaubten ihm gern aufs Wort. Eine ganze Reihe von Schülern wurden nunmehr gleichfalls wegen sozialistischer Häresie von der Anstalt verwiesen. Das Seminar in Tiflis bestand anscheinend aus einer Horde von anarchistischen Atheisten!

Eine Denunziation ist in den Augen eines jeden Georgiers mit die schlimmste und schändlichste Tat, die ein Mensch verüben kann, insbesondere die Denunziation der nächsten Freunde und Mitarbeiter. Die Lehrer des Seminars selbst, von der Tat Stalins peinlich berührt, verschwiegen den Angeklagten nicht, auf wessen Veranlassung sie relegiert würden. Bald wussten es alle. Die Empörung in den Kreisen der georgischen Sozialisten war ungeheuer. Ein Georgier, ein Parteigenosse war zum Verräter geworden! Den biederen, ehrlichen, romantischritterlichen Georgiern galt schon der Gedanke an eine solche Tat als eine Blasphemie!

In der Wohnung des Arbeiters Sturua, desselben, der als Erster Stalin in revolutionäre Kreise einführte, versammelte sich das Ehrengericht der sozialdemokratischen Partei. «Haben Sie, Genosse, Ihre Parteigenossen und revolutionären Schüler an die Behörden des Seminars denunziert?» — «Jawohl, das habe ich getan!» antwortete Stalin. — «Sie geben es also zu?» fragte der Vorsitzende fassungslos.

«Jawohl!» erwiderte Stalin. Plötzlich richtete er sich auf, senkte den Kopf, was er immer vor einer Rede zu tun pflegte, und sprach leise und eindringlich: «Genossen, unsere Partei ist arm an Menschen; die Schüler des Seminars waren zu Priestern und Mönchen, also zu Dienern der Kirche bestimmt. Ich aber habe sie für die Revolution gerettet. Jetzt, nach dem Beschluss des Seminars, ist ihnen der Zugang zur Gemeinschaft des Bürgertums für immer verschlossen. Sie müssen nun gezwungenermaßen unsere Genossen werden und bleiben! Meine Denunziation schuf der Partei ein Dutzend gebildeter und treuer Revolutionäre, kurz, gerade solche Leute, wie wir sie brauchen!»

Das Parteigericht sprach Stalin frei. Die Partei hatte Menschen wie ihn dringend nötig.

«Können Sie für die Partei etwas Ekelhaftes, etwas Gemeines und Nichtswürdiges begehen?» fragte einst Lenin. Stalin konnte das. Er hat sich übrigens in der Beurteilung seiner Studienkameraden nicht geirrt. Die ehemaligen Seminaristen wurden treue Anhänger der Partei und Stalins Helfer in schweren Zeiten.

 

 

DIE ERSTEN SCHRITTE DES REVOLUTIONÄRS

 

Die Laufbahn eines Revolutionärs begann. Seit seinem Ausschluss aus dem Seminar, seit dem Tage des Parteigerichts begann das illegale Dasein Stalins, das mit kurzen, durch Gefängnis und Verbannung verursachten Unterbrechungen bis zum Sieg der Revolution, bis zum Jahre 1917 dauerte.

Das Leben eines Illegalen ist eigenartig und erfordert unerhörte Ausdauer, Geduld, Umsicht und vor allem Misstrauen und Wachsamkeit auch gegen seine Genossen, auch gegen sich selbst. Eben erst aus dem Seminar ausgeschlossen, wurde Stalin trotz seiner Jugend zur Arbeit an den Organisationen der Es-De (Sozialdemokraten) und der Es-Er (Sozial Revolutionäre) herangezogen. Mit ihnen zusammen tauchte er in der Menge der Tifliser Arbeiter unter, organisierte einen Streik, musste sich verbergen und lernte bereits binnen weniger Monate alle Leiden und Gefahren des revolutionären illegalen Daseins kennen. Seinen Namen muss er sehr bald ablegen. Dafür verleihen ihm die Revolutionäre den Rufnamen «Koba» — der Ausgezeichnete —, unter dem er im Kaukasus bis zu seiner endgültigen Verbannung nach Sibirien arbeitet und bekannt wird. Außer diesem Rufnamen und seinem eigenen Vornamen Soso nimmt er zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Gegenden und aus verschiedenen Gründen bald die Namen David, bald Nischeradse, bald auch Tschitschikoff und Iwanowitsch an. Erst kurz vor dem Kriege, bei der Arbeit in Petersburg, legt er sich aus verschwörerischen Gründen den Namen Stalin bei. Im Kaukasus ist er unter den alten Bolschewiki stets und auch heute noch unter dem Namen Koba bekannt. Seinen eigenen Namen Dschugaschwili lernte er schon in den ersten Monaten der Arbeit vergessen.

Der kleine Kreis der kaukasischen Arbeiter und Revolutionäre, dem Stalin seine Erweckung verdankt, war sozialdemokratisch gesinnt. Seine Führer waren außer den genannten Arbeitern des Eisenbahndepots der in ganz Georgien bekannte Revolutionär Silvester Dschibladse und ein älterer Jugendfreund Stalins, der Georgier Lado Ketzchoweli-Demetriaschwili. Gleich Stalin war Ketzchoweli ein Schüler des Priesterseminars. Er war auch der erste, der den siebzehnjährigen Soso mit dem Arbeiter Sturua und dem Kreis der Revolutionäre zusammenbrachte. Auf dem Gipfel der Macht hat Stalin einmal seinem gleichfalls georgischen Freunde, dem alten Kämpen Jenukidse, versichert, dass er keinen besseren, begabteren und tatkräftigeren Revolutionär gekannt hätte als Lado Ketzchoweli, den früh verstorbenen Führer des Kaukasus.

Das Leben, das Stalin in Gemeinschaft mit diesen Freiheitskämpfern führen musste, war trostlos. Die illegalen Parteiarbeiter wurden in zwei Klassen geteilt — in solche, die, von der Partei mit einem falschen Pass versehen, sich einen Brotberuf suchen durften, und in solche, die, ohne Pass und ohne Arbeitsmöglichkeit, ihre Zeit schrankenlos der Partei widmeten, dafür aber ohne Brotberuf ein wahres Hungerleben führten. Stalin gehörte sein Leben lang zu der zweiten Kategorie der Revolutionäre, er hatte weder einen Beruf noch einen Ort, wo er sich dauernd aufhalten konnte. Nur in den ersten zwei Jahren seiner revolutionären Arbeit konnte er durch Unterricht ein paar Groschenverdienen. Später war er ganz auf die Partei angewiesen, und nur im äußersten Notfall ließ er sich von seiner Mutter aushelfen, die nach dem Tode des alten Wissario Näherin wurde.

Von einem Versteck zum andern, von einer Stadt in die andere führte das unstete Leben des Berufsrevolutionärs. Immer gehetzt und verfolgt, entzog sich Stalin stets rechtzeitig den Nachstellungen und wurde sowohl in den Formen der Verschwörung als auch in den Methoden der unbemerkten Flucht rasch ein Meister. Aber auch den Meister verband mit dem kleinsten Anfänger die Sorge um Geld und das Fortbestehen der Bewegung. Geld war in dieser revolutionären Organisation nicht vorhanden. Anerkannte, im Auslande lebende Führer standen vielfach mit dem Hunger auf Du und Du; wieviel mehr galt das für den kleinen Koba in seinen Anfängen. Koba widmete sich vollständig der Parteiarbeit. Als illegaler, ständig herumreisender Propagandist durfte er sich auch um keinerlei andere Arbeit bemühen. Vielmehr sollte die Partei diesem ihrem unermüdlichen Diener das Dasein ermöglichen. Das aber vermochte sie nicht. Die Parteikasse war leer. Das in unregelmäßigen Zeitabständen einlaufende Gehalt Stalins betrug manchmal die erstaunliche Summe von ganzen fünfzehn Rubel monatlich; das war selbst für Tifliser Verhältnisse ein Hungerlohn! Nur bei besonderen Aufträgen, wenn Koba auf Propagandareisen geschickt wurde, zahlte ihm die Partei recht bescheidene Reisespesen. Und auch in späteren Zeiten, als Koba bereits an der Spitze der kaukasischen Bolschewiken stand, hat sich dieses Verhältnis kaum geändert.

Das Leben in Zchynwali, in Gori oder im Seminar war nicht geeignet, sybaritische Lebensbedürfnisse zu erwecken. Stalins Ansprüche ans Leben waren und sind auch heute noch sehr gering. Er vermochte von Jugend auf tagelang zu hungern, ohne die gewohnte Arbeit zu vernachlässigen. In guten Zeiten genügte ihm ein Stück Schafkäse und trockenes, flaches, kaukasisches Brot, und bei besonders feierlichen Angelegenheiten strich er auf das Brot eine dünne Schicht kaukasischen Bienenhonigs. Er war mit der kargen Unterstützung der Partei durchaus zufrieden. Gleich manchen anderen Revolutionären trank er fast gar keinen Wein. Für einen Mann aus Georgien, dem Lande der schärfsten Trinker, bedeutet das einen einzigdastehenden Fall. Vom ersten Tage seiner Parteizugehörigkeit an bis zum Tage, da er die Macht über Russland an sich nahm, haben sich die Lebensgewohnheiten und Eigenschaften Stalins kaum verändert. Seit seinem Ausschluss aus dem Seminar hat man eigentlich einen festumrissenen, endgültig abgeschlossenen Charakter vor sich.

Schon im Anfang der politischen Arbeit, im Jahre 1899, stellte sich den Tifliser Revolutionären eine neue, bis dahin noch nie erprobte Aufgabe. Das war der erste kaukasische Arbeiterstreik, der zugleich das erste politische Auftreten Stalins werden sollte. Der Streik sollte in der jüngsten kaukasischen Industrie, bei der Tifliser Straßenbahn, ausbrechen.

Lange Tage und Nächte verbrachte Koba unter den Schaffnern, die sich nach der Arbeit im Depot versammelten und mit Staunen den schwer verständlichen Reden des Seminaristen zuhörten. Den Schaffnern der Tifliser Pferdebahn ging es in der Tat nicht gut. Der Arbeitstag war schier unbegrenzt, das Gehalt minimal. An einen offenen Streik dachten sie aber nicht. Sie halfen sich einfacher in ihrer Bedürftigkeit und Not. Sie verständigten sich brüderlich mit der Kontrolle und teilten mit ihr einen Teil der Tageseinnahmen. Diese Art von Korrektur der sozialen Gerechtigkeit erschien den Schaffnern auf alle Fälle vorteilhafter und leichter durchführbar als der komplizierte europäische Streik, den der Agitator unablässig empfahl. Noch nie hatten bis dahin die Arbeiter im Kaukasus gestreikt! Sie wussten gar nicht, was ein Streik war! Umso notwendiger erschien es deshalb Lado Ketzchoweli und Koba, endlich mal einen richtigen Streik nach europäischen Mustern zu inszenieren.

In den warmen georgischen Nächten saß Stalin in der kleinen illegalen Druckerei in Avlabar, die sein Freund Lado auf primitivste Weise bei der Waschfrau Babe eingerichtet hatte, und versuchte, indem er mit dem väterlichen Schusterhammer auf den Satz schlug, die Ansprache zu vervielfältigen, die Silvester Dschibladse verfasst hatte. Diese primitive Druckerei versagte aber kläglich, die wenigen Abdrucke waren kaum leserlich. Erst als die befreundeten Setzer einer Tifliser Druckerei sich der Arbeit annahmen, gelang es, einen Stoß Propagandaschriften herzustellen und unter den Arbeitern der Straßenbahn zu verbreiten. Der Erfolg dieser westlichen Propagandamethode war nicht gerade erschütternd. Die Schaffner der Bahn, die wohl allesamt den verschiedensten Kaukasusvölkern entstammten, legten auf das Lesen keinen entscheidenden Wert. Erst, als ihnen in vielen und langen Gesprächen klar gemacht wurde, dass sich im Falle des Sieges ihr Lohn erhöhen würde und dass daneben die bisherigen Bereicherungsmöglichkeiten jedoch keinesfalls aufhören würden, begann man sich ernstlich in die neue Idee zu vertiefen.

Nach unendlichem Hin und Her, nach heroischem Gebrauch aller erdenklichen georgischen Stilblüten und nach zahllosen vergeblichen Überredungsversuchen begann der erste Streik kaukasischer Arbeiter. Die kleine georgische Marxistenzeitung «Kwali» buchte dieses Ereignis als einen ungeheuren Erfolg. Auch die Bahngesellschaft empfand den Streik an sich und noch mehr die Forderung einer Lohnerhöhung als ungeheuerlich. Erfahrungen auf dem Gebiet der Streikbekämpfung konnten zwar die Tifliser Behörden nicht besitzen, doch schaffen gleiche Ereignisse augenscheinlich überall die gleichen Folgen. Nach vielem Fluchen und längerem Kopfzerbrechen, das mit einer Konferenz der Behörden abschloss, griff man zu der einfachen und wohl uralten Abwehr, anstelle der verbrecherisch gesinnten Arbeiter edel denkende Streikbrecher einzustellen. Das war nicht sonderlich schwer. Ein paar tatenlustige Studenten und ein Haufe arbeitsloser Proletarier beschlossen, den Verkehr der Bahn aufrecht zu erhalten.

Den Führern dieses ersten Streiks kam die Nachricht vom Auftauchen der Streikbrecher höchst gelegen. Sie kamen sich jetzt direkt wie in einem richtigen kapitalistischen Lande vor, in dem man den Kampf der Klassen nunmehr ernsthaft durchführen musste. Neben dem Tifliser Streik gab es auch Streikbrecher. Das konnte man für sich selbst als untrüglichen Beweis für die Richtigkeit der theoretischen Schriften über den Klassenkampf wohl gelten lassen! Die nächste Etappe des Kampfes war, wie Stalin ohne Schwierigkeiten feststellen konnte, der Zusammenstoß zwischen Streikenden und Streikbrechern. Die Arbeiter für eine Prügelei zu gewinnen, war natürlich leichter, als ihnen westliche Streikmethoden beizubringen. Mit Totschlägern bewaffnet, überfielen die Arbeiter die unternehmungslustigen Studenten und sonstigen Aushelfer. Stalin, der sich plötzlich seiner Kinto-Zeilen entsann, prügelte sich in der ersten Reihe mit. Neben ihm tat der rüstige und muskulöse Lado dasselbe. Der Krawall war ungeheuer. Der Statthalter und der Polizeipräsident, die das kleine Intermezzo bereits für einen richtigen Arbeiteraufstand hielten, beschlossen, mutig in den Kampf einzugreifen. Also wurde eine Abteilung Kosaken auf den Klassenkampfplatz geschickt, die ihrerseits nun, ohne wesentlich zwischen den Parteien zu unterscheiden, die Kämpfer mit ihren schweren Kosakenpeitschen verprügelte. Die Streikenden zogen sich daraufhin zurück, und Koba machte bei dieser Gelegenheit wohl zum ersten Mal in seiner Eigenschaft als Revolutionär und Klassenkämpfer mit der Kosakenpeitsche Bekanntschaft. Vielleicht war er ingrimmig stolz darauf, seine Feinde einmal brennend nahe gespürt zu haben.

Der erste kaukasische Arbeiterstreik wurde also mit dieser polizeilichen Maßnahme unterdrückt. Die Arbeiter mussten erfolglos wieder an ihre Arbeit zurück. Die meisten wurden entlassen. Die Grundsätze des Kapitalismus blieben unerschüttert.

Die Rolle, die die Tifliser Revolutionäre bei diesem ersten Streik spielten, blieb der Polizei natürlich nicht verborgen. Der Führer und Organisator des Streikes, Lado Ketzchoweli, wurde verhaftet und nach Baku ausgewiesen. Sein weiteres Schicksal war tragisch. In Baku gründete er revolutionäre Arbeiterzellen und eine geheime Druckerei. Zuletzt wurde er von der Polizei verhaftet, in die berühmte Festungsburg Mtech gebracht und dort im geheimen, im Dunkel seiner Zelle, von der Gefängnisverwaltung bei Seite gebracht. Solche Fälle waren damals an der Tagesordnung.

Stalin ging aus dem Streik unbestraft hervor. Seine Jugend schützte ihn damals vor der allzu strengen polizeilichen Verfolgung. Er blieb in Tiflis, das dazumal noch als das Zentrum der kaukasischen Arbeiterschaft galt. Allerdings waren die Revolutionäre selbst in Tiflis ziemlich schwach organisiert. Einzelne Zellen standen oft in keinerlei Fühlung miteinander und wussten häufig genug nichts von ihren Gesinnungsgenossen. Die Zahl der Revolutionäre war gering und ihre revolutionäre Vorbildung minimal. Erst im Jahre 1900 wurde in Tiflis von Dschibladse, dem Russen Kurnatowski und einigen anderen das erste Tifliser Komitee der damals noch einheitlichen russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei gegründet. Koba-Stalin wurde Mitglied dieses ersten organisierten revolutionären Komitees des Kaukasus. Sein Lehrer, Meister und Wegweiser war der Freund Lenins, der Russe Kurnatowski, der Stalin zum ersten Mal die Kunde von dem weisen Manne brachte, der in der Ferne die Geschicke der Revolution leitete. Von ihm erhielt er auch von Zeit zu Zeit das berühmte Blatt Lenins, «Iskra» — «Der Funke» —, das in München erschien und auf geheimen Wegen nach Russland gebracht wurde.

Die revolutionäre Partei Russlands stellte damals keine Einheit dar. Jahre vor der endgültigen Spaltung zwischen den künftigen Menschewiki und Bolschewiki machten sich Störungen bemerkbar, die die spätere Spaltung verursachten. Außer dem offiziellen Blatt «Iskra», das von alten revolutionären Göttern wie Plechanoff, Axelrod und Ssasulitsch herausgegeben, im Grunde genommen aber von Lenin und Martow beherrscht wurde, gab es noch zahlreiche, mehr oder weniger einflussreiche Gruppen, die oft von der «Iskra» abwichen. Auch im Kaukasus fanden diese Strömungen Widerhall. Vom ersten Tage des Bestehens des Tifliser Komitees an hatte Stalin Gelegenheit, in spitzfindigen Diskussionen mit Parteifreunden die Klinge zu kreuzen. Allerdings ging es in Tiflis — in der tief revolutionären Provinz — nicht um die hohen theoretischen Abstraktionen, mit denen sich die Führer in der Emigration herumschlugen.

Es handelte sich in Tiflis um praktische Dinge: zur Diskussion stand die Frage, auf welche Weise man die Propaganda der revolutionären Ideen betreiben sollte. Die älteren Mitglieder des Komitees wollten die ursprüngliche und bescheidene Art der Propaganda beibehalten wissen. Danach wurden einzelne Arbeiter, nachdem man sie längere Zeit beobachtet und für zuverlässig befunden hatte, individuell herangezogen und in die Reihen der Revolutionäre eingereiht. In kleinen Kreisen und Zellen führte man die geeigneten Genossen planmäßig in die revolutionären Lehren ein, um sie dann zu wichtigerer Parteiarbeit heranzuziehen. Auf diese althergebrachte Weise hatte man seinerzeit auch Stalin in die Reihen der Revolutionäre gezogen. Nichts schien natürlicher, als so auch nach der Gründung der Zentrale unverändert fortzufahren.

Von dieser individuellen Auslese und Beeinflussung der Arbeiter versprach sich jedoch das jüngste Mitglied des Komitees — dieses Mitglied war Stalin — nichts! Ihm schwebte eine mächtige Massenbewegung vor, nicht aber das schrittweise Eindringen in die harten Schädel eines jeden einzelnen kaukasischen Arbeiters. Seiner Meinung nach war es nicht notwendig, dass jeder Revolutionär bis in die letzten Tiefen des Marxismus eindrang. Die Entschlossenheit zur revolutionären Tat und nicht Gelehrigkeit und Lerneifer sollte bei der Wahl revolutionärer Mitarbeiter maßgebend sein. Diese für die damaligen alten Theoretiker höchst kühne und gefährliche Meinung teilte mit dem Genossen Koba der gesamte Nachwuchs der kaukasischen Revolutionäre, denen die Polizei noch nicht genug Respekt vor der Obrigkeit hatte einflössen können. Die temperamentvolle Parteijugend wurde besonders vom Genossen Kurnatowski, dem Freunde Lenins, unterstützt.

Nach vielen heftigen Zusammenstößen mit den alten Führern und nach mancherlei hitzigen Diskussionen siegte endlich die Meinung Stalins. Der revolutionäre Kampf sollte von nun an auf die Straße hinausgetragen werden. Stalin, der Vorkämpfer dieses Beschlusses, wurde mit der Ausführung beauftragt. Mit Eifer widmete er sich der Arbeit. Sein Plan war einfach: zur Hebung der revolutionären Stimmung, zwecks Einwirkung auf die Massen und für die Proklamierung der revolutionären Überzeugung war es notwendig, nachdem der erste Streik das Vorhandensein revolutionärer Möglichkeiten gezeigt hatte, eine Massendemonstration zu organisieren.