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Um ein Syndrom abzubauen musste ich dort hin. Über 3000 km mit dem Pkw von Hannover nach Stalingrad. Ein spannendes Ansinnen mit überraschendem Ergebnis. Viele Eindrücke, Erlebnisse und menschliche Begegnungen meiner Reisenotizen sind hier zu einem Tagebuch verarbeitet. Mit aktuell-politischen Bezügen im Nachwort.
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Seitenzahl: 71
Veröffentlichungsjahr: 2016
www.tredition.de
Helmut Alex
Jahrgang 1943, geb. in Königsberg/ Ostpr.
1945 Flucht über die Ostsee nach Mecklenburg, später Sachsen, im Frühjahr 1965 eine weitere Flucht – durch – Stacheldraht und Minenfeld – nach Niedersachsen.
Vater fünf Jahre in russischer Gefangenschaft. In meinem Elternhaus erhielt ich also die Prägung, die mein halbes Leben lang anhielt. „Russland und die Russen sind der Inbegriff des Bösen.“
Jetzt also
Stalingrad
eine Aufarbeitung
bis
Wolgograd
Gewidmet:
Meiner Familie (Frau, Kindern, Enkeln),
meinen Freunden
und im Besonderen auch unserer Tschernobylfamilie mit allen deutschen und weißrussischen Angehörigen.
Helmut Alex
Stalingrad
Meine „Gefangennahme“ im Sommer 2015
Ein Tagebuch
© 2015 Helmut Alex
Umschlag, Illustration: Heinz
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7345-0671-0
Hardcover
978-3-7345-0672-7
e-Book
978-3-7345-0673-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
-Die Idee-
-Der Plan-
-Die Vorbereitung-
Der Aufbruch
Polnisch / Weißrussische Grenze
Nataschas Datscha
Brijansk
Woronesch
Wolgograd (Stalingrad)
Erste Erkundung der Stadt
Mamajew Kurgan
Rossoschka
Ärger mit den Frauen (Personal)
Kasachstan
Wolgastrand
Kriegsmuseum
Postkarten
Paulusbunker
Letzter Tag vor der Abreise
Abschied
Kursker Bogen
Russland ade
Letzte Grenze
Die letzten 1000 km
Schluss
Bildanhang
Bilder
Nachwort
- Die Idee –
Was mit einem Syndrom begann, endete mit einer „Gefangennahme“, aber nicht wie im Winter 42/43.
Im Frühjahr 2015 reifte in mir der Entschluss Stalingrad zu besuchen. Immer wenn ich dieses Wort hörte, fraß es an mir. Literatur, Bilder, TV- Filme und Dokumentationen wühlten mich regelrecht auf. Die Vermessenheit des Hitlerregimes, Russland militärisch besiegen zu können und die Unfähigkeit unserer Generalität dieses Ansinnen abzulehnen bzw. zu verhindern, mit dem bekannten unsäglichen Ende, war mir regelrecht zum Albtraum geworden.
Ich musste also dort hin. Der Einfachheit halber hätte man ja eine Flugreise planen können. Aber wollte ich einfach? In einigen Dingen bin ich ja immer noch nicht erwachsen, wie manche Leute –zum Beispiel meine Frau – behaupten. Eines dieser Gebiete ist wohl meine Liebe zum Auto und dass ich immer noch gerne fahre, wie ein kleiner Junge. Demnach musste diese Reise mit dem Auto stattfinden. Und zum besseren Verständnis des ganzen Unternehmens war eine Reise über Land ohnehin besser. Auf diese Weise würde ich Russland ja richtig echt und hautnah erleben. Um das Ende vorweg zu nehmen, so war es.
Von dieser Idee beziehungsweise dem Vorhaben machte ich nicht viel Reklame, da ich mir dachte, die Leute werden den Alten für spinnert halten. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass der Eine oder Andere gerne mitgefahren wäre.
- Der Plan -
Die Planung begann, wie heute fast alles, im Internet. Von der Russischen Botschaft erfuhr ich, dass man das Visum am besten bei einer beauftragten Agentur beantragt. Auch bei allen anderen Fragen würden diese helfen. Also Reisepass und biometrisches Foto nach Offenbach zu „Russ- Welt- Reise“. Schon nach 14 Tagen hatte ich mein Visum und auch das Transitvisum für Weißrussland. Zusammen 160,- Euro Gebühren.
Bis dahin war mir gar nicht klar, ob solch eine Reise genehmigt würde. Doch der Mensch von der Agentur sagte: „Wenn sie wollen, können sie bis Wladiwostok fahren.“
- Die Vorbereitung -
Nun also mussten die konkreten Reisevorbereitungen beginnen: Straßenkarte kaufen, Tankstellen und Kraftstoffpreise, Wechselkurs (Zloty, BY-Rubel und Russ.- Rubel) mussten in Erfahrung gebracht werden. Zeiträume festgelegt und Hotels gebucht werden.
Die Abfahrt wurde auf den 15. Juli 2015 festgelegt. Auto präparieren: Rücksitze raus, Bettzeug rein, Fahrzeugcheck, Kraft- Betriebsstoffe, Luftdruck und Reifenpanne-Set.
Koffer nach Sommerurlaubsliste abhaken und packen. Ganz wichtig, Camping- Kühlkoffer 230 und 12 Volt! Alle Papiere, Landkarte.
Der Aufbruch
Mittwoch, 15. 07. 2015
Nach einer etwas reisefiebrigen Nacht, die Gedanken eilen voraus, wird es Probleme geben? Große, kleine oder keine, rollt mein Touran um 8 Uhr vom Hof. Tagesziel: Polnisch- / weißrussische Grenze.
Erster Stopp in Braunschweig, meine SD-Karte im Handy muss ausgewechselt werden, sonst kein Bildmaterial von meiner erwartungsvollen Reise. Zeitverlust etwa zwei Stunden, da der PV- Laden erst um 10 Uhr öffnet. Außerdem ist Braunschweig wegen Straßenbauarbeiten ein einziges Verkehrschaos. Die Weiterfahrt auf der A2 vorbei an Berlin, Frankfurt- Oder, Posen und mitten durch Warschau war einfach lustvoll. Wunderbare neue Piste, es fehlte eigentlich nur der Porsche unter dem Hintern. Aber nein, auch mein Touran ist wirklich ein tolles Reisemobil! Die vier Zahlstellen auf der polnischen Autobahn stören nicht wirklich, da man in jedem Fall sehr schnell durch ist. Maut für die gesamte Strecke 82 Zloty rund 20 Euro. Hinter Warschau sind es noch 200 Kilometer bis zur weißrussischen Grenze, aber leider erst 20 Kilometer Autobahn fertig. Auch hier, ist noch nicht einmal Fliegen schöner.
Um 20:30 Uhr bot sich in Zbuczyn ca. 80 Kilometer vor der Grenze ein Hotel per Leuchtschrift an. Einfache Herberge incl. Frühstück für knapp 30,- Euro. Das Abendbrot fand in, bzw. aus meinem Kühlkoffer statt.
Polnisch / Weißrussische Grenze
Donnerstag, 16. 07. 2015
Unspektakuläres Frühstück und auf zur ungeliebten Grenze. Nach 1014,8 km musste ich bei Midzy- Podlaski die erste Tankfüllung nehmen.
Um 9:15 Uhr stehe ich an der ersten Grenze. Die Abfertigung auf polnischer Seite dauert mit 15 Minuten erstaunlich lange. Die Fahrgestellnummer meines Autos wird an drei Stellen abgeglichen. Dann rolle ich über den Bug zur weißrussischen Grenzabfertigungsanlage TAMASOUKA (Tomaschewo).
Ein mächtiges Gebäude quer über die Straße kommt auf mich zu. Schon rein optisch scheint es zu sagen: „Ab hier bestimmen wir“. Und an dieser Grenze gab es dann auch den erwarteten Stress. Ich sah die Spur mit der Beschilderung „Deklaration“ und stellte mich dort an, weil ich ja mein Fahrzeug zur Ein- und Ausfuhr deklarieren musste. Erfreulicherweise standen vor mir nur zwei andere Pkw. Nach einiger Wartezeit kam eine „wohlgenährte Uniform“ zu mir und bedeutete mir, dass ich mich dort drüben anzustellen hätte. Ich rangierte um und stand nun weiter hinten. Nach einer weiteren Zeit das gleiche Spiel und ich durfte mich ganz hinten, noch hinter einer Schranke anstellen, wo ein polnisches Auto wie ein armer Schlucker stand. Meine Begeisterung war grenzenlos und ich ließ es den Dicken merken, indem ich fragte, ob ich denn wieder bis Deutschland zurückfahren dürfe?! Nach angemessener beziehungsweise unangemessener Wartezeit wurden immer drei bis vier Pkw in die Abfertigungshalle gewinkt. Nach zweimaliger Passkontrolle und dreimaligem Blick ins Innere des Autos wurde ich in ein Büro geschickt, wo ich mein Auto deklarieren musste. Dafür waren 80.000 Rubel (4,5 Euro) zu zahlen. Also vorher am Bankschalter Geld tauschen, zum Kurs von 1: 17.000. Diese Damen waren „normalny“ nett und freundlich. Als ich der Bank Frau sagte, dass ich jetzt Millionär sei, freute sie sich mit mir, indem sie ein süßsaures Gesicht aufsetzte.
Draußen wehte natürlich ein anderer Wind und erinnerte doch etwas an die ehemalige DDR- Grenze. Aber alle erfreulichen und zum Glück auch unerfreulichen Dinge haben ja mal ein Ende und so durfte ich um 11:25 Uhr ins gelobte Land von Batschka Lukaschenko einfahren.
Die zweite Tankfüllung nahm ich in Malaryta kurz hinter der Grenze, da der Kraftstoff hier schon erheblich günstiger war als in der Eurozone. 0,72 Euro für den Liter Diesel. Mit dieser Tankfüllung wollte ich dann bis nach Russland kommen, da der Diesel dort nur noch 0,50 Euro kosten würde.
Von der Grenze bis Gomel, mein zweites Tagesziel, sind es 600 Kilometer. Die Fahrt ist ziemlich öde. Der Hauptgrund dafür ist die generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf 90 km/h. Die weite flache Landschaft, abwechselnd mit Wald und Agrokultur, ist auch nicht gerade ermunternd. So passiert es natürlich, dass mich auf einem langen, geraden, gut ausgebauten Straßenverlauf, mitten in einem großen Wald, die uniformierten Strauchdiebe ansprangen. Auf ihrem Messgerät zeigten sie mir, dass ich 127 km/h gefahren bin. Damit hatten sie Recht, denn mein Tacho zeigte, als ich sie entdeckte, sogar 132km/h an. Zu diskutieren gab es also nichts, blieb nur die Spannung, wie geht der Deal aus? Die Ansage war 600.000. Ich zählte also meine 6 x 100.000- er Scheine vor und durfte den letzten wieder einstecken. Rabatt? flexibles System? Eine Art Korruption?? Schon etwas merkwürdig, aber gut! Mit 30 Euro war ich also davon. Zuhause hätte ich bei 90 zu 127 km/h wohl meinen Führerschein in Gefahr gebracht. Also blieb ich ganz fröhlich.
