Star Trek - Destiny 3: Verlorene Seelen - David Mack - E-Book

Star Trek - Destiny 3: Verlorene Seelen E-Book

David Mack

4,5

Beschreibung

Die Soldaten des Armageddons sind auf dem Vormarsch und legen auf ihrem Weg ganze Welten in Schutt und Asche. Ein waghalsiger Plan könnte sie für immer aufhalten, aber er birgt Risiken, die ein Raumschiff-Captain nur ungern auf sich nimmt. Für Jean-Luc Picard war es niemals zuvor so wichtig, die Zukunft zu verteidigen, noch nie so persönlich - und eine falsche Entscheidung wird ihn alles kosten, für das er gekämpft und gelitten hat. Für Captain William Riker wurde diese Entscheidung bereits getroffen. Verfolgt von den Erinnerungen derer, die er zurücklassen musste, muss er bei dem verzweifelten Versuch, die Föderation zu retten, alles aufs Spiel setzen, was er noch hat. Für Captain Ezri Dax, deren ungestüme Jugend durch die Weisheit vieler Lebenszeiten ausgeglichen wird, ist die Entscheidung einfach: Es gibt kein Zurück - nur ein Vorwärts auf das, was immer die Zukunft bringen mag. Aber für diejenigen, die vor Jahrtausenden keine Wahl hatten ... ist dies die Stunde ihres letzten, unentrinnbaren Schicksals.

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Ins Deutsche übertragen von

Stephanie Pannen

Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – DESTINY: VERLORENE SEELEN wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Stephanie Pannen;

verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Anika Klüver und Gisela Schell; Satz: Amigo Grafik; Cover Artwork: Martin Frei.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – DESTINY: LOST SOULS

German translation copyright © 2010 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2008 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

© 2010 Paramount Pictures Corporation. All Rights Reserved.

™®© 2010 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

ISBN 978-3-942649-78-0 Juni 2010

www.cross-cult.de · www.startrekromane.de

Für Lerxst, G., und den Professor, der mich dazu inspiriert hat, an der Faszination festzuhalten; für Bryan, dessen bemerkenswerte Großzügigkeit mich demütig macht; und für Randy, der uns einander vorgestellt hat.

HISTORISCHE ANMERKUNG

Die Haupthandlung von»Verlorene Seelen«spielt im Februar 2381 (nach dem alten Kalender), ungefähr sechzehn Monate nach den Ereignissen des Films STAR TREK – NEMESIS. Die Rückblicke spielen etwa 4527 vor unserer Zeitrechnung.

Der Tod schließt alles: aber vorher, Freunde,

Kann etwas Edles, Großes noch getan sein,

Was Männern ansteht, die mit Göttern stritten.

– Alfred, Lord Tennyson,»Ulysses«

2381

KAPITEL 1

Es war die schwerste Entscheidung, die William Riker jemals treffen musste.

Er warf einen argwöhnischen Blick auf die unerwartete Besucherin derTitan, eine menschlich aussehende junge Frau mit einer verrückten Mähne aus schwarzem Haar, die in ein hauchdünnes Gewand gekleidet war, das ihren Körper mehr enthüllte als bedeckte. Sie hatte behauptet, Erika Hernandez zu sein, der kommandierende Offizier desErdenraumschiffes Columbia. Dieses Schiff war vor mehr als zweihundert Jahren verschwunden, Tausende Lichtjahre von dem Planeten entfernt, in dessen Orbit dieTitanjetzt festgehalten wurde. Ihre Geschichte schien unglaubwürdig, aber sie hatte angeboten, dem Schiff zur Flucht zu verhelfen, und daher war Riker bereit, ihren außergewöhnlichen Behauptungen Glauben zu schenken ... zumindest so lange, bis dieTitanweit weg von hier in Sicherheit war, und sich ihre Identität überprüfen ließ.

Er konnte ihr Angebot nicht ablehnen, aber sein Schiff aus der Gewalt der einsiedlerischen Wesen namens Caeliar zu befreien, hatte seinen Preis: Er musste sein Außenteam – das aus einem Großteil seiner Senior-Offiziere bestand, einschließlich seiner Frau, seinerImzadi, Deanna Troi – auf der Planetenoberfläche zurücklassen.

Aber Zuhause tobte ein Krieg, und er war in erster Linie verpflichtet, sein Schiff zu beschützen und die Föderation zu verteidigen. Ganz egal, was er tat, er war sicher, dass ihn seine Entscheidung eine lange Zeit verfolgen würde.

»Bringen Sie uns nach Hause«, sagte Riker.

Hernandez setzte sich in Bewegung und übernahm das Kommando über die Situation. Sie deutete auf die Anzeige über der Wissenschaftsstation und fragte knapp: »Wer hat die Subraumöffnung der Caeliar angezapft?«

»Das waren wir«, antwortete Commander Xin Ra-Havreii, der Chefingenieur derTitan, und zeigte auf sich und den Senior-Wissenschaftsoffizier des Schiffes, Lieutenant Commander Melora Pazlar.

Hernandez ging zur Konsole hinüber und begann, Daten einzugeben. Die Finger der seltsamen jungen Frau bewegten sich schnell und konzentriert, als hätte sie den Umgang mit der neuesten Technologie der Föderation schon vor Urzeiten erlernt. »Ich muss die Spezifikationen Ihrer Schilde verändern, um Sie vor der Strahlung im Inneren des Tunnels zu schützen«, sagte sie.

»Unsere Schilde tun das bereits«, sagte Ra-Havreii.

»Nein«, erwiderte Hernandez, ohne das Tippen auf der Konsole zu unterbrechen, »Sie denken nur, dass sie das tun. Geben Sie mir einen Moment.« Ihre Hände hielten plötzlich inne. »Da.« Sie drehte sich um und blaffte Commander Fo Hachesa, Rikers stellvertretenden Ersten Offizier, an: »Welche Station steuert die Schiffssysteme?«

Hachesa deutete auf die Ops-Konsole.

»Danke«, sagte sie zu dem Kobliaden, dem es vor Verblüffung die Sprache verschlagen hatte. Hernandez überquerte eilig die Brücke zur vorderen Konsole und schob Lieutenant Sariel Rager aus dem Weg. »Ich programmiere Ihren Deflektor um und erschaffe damit ein phasenverschobenes Solitonfeld. Das wird es für die Caeliar schwieriger machen, den Tunnel zu versetzen, während wir uns darin befinden.« Sie blickte zu Ensign Aili Lavena, dem pacificanischen Steueroffizier. »Halten Sie sich bereit, auf Ihre höchste Nicht-Warp-Geschwindigkeit zu gehen, sobald sich der Tunnel öffnet. Verstanden?«

Lavena nickte schnell und wirbelte damit Luftbläschen im Inneren ihrer Flüssigatmosphären-Atemmaske auf.

Während Riker der jugendlich aussehenden Hernandez bei der Arbeit zusah, fühlte er sich auf seiner eigenen Brücke überflüssig.

»Also gut«, fuhr Hernandez fort, »ich werde gleich die Subraumöffnung zu einem richtigen Tunnel erweitern. Wenn ich das tue, werden die Caeliar versuchen, ihn zu schließen. Seien Sie gewarnt: Das wird ein unruhiger Flug.« Sie blickte in die Gesichter der verschiedenen Speziesangehörigen auf der Brücke derTitan. »Sind alle bereit?« Die Mannschaft nickte. Sie sah Riker an. »Es ist Ihr Schiff, Captain. Geben Sie den Befehl.«

Wie nett, dass ihr das noch einfällt,dachte Riker. Er und Hachesa gingen zurück zu ihren Kommandosesseln und setzten sich. Dann hob Riker sein Kinn und sagte zu Hernandez: »Ich gebe den Befehl.«

»Und los geht’s«, sagte Hernandez. Sie drehte sich nach vorne um, richtete ihren Blick auf den Hauptschirm und hob ihren rechten Arm auf Schulterhöhe. Mit ihrer ausgestreckten Hand schien sie in die Dunkelheit zu greifen, sich zu strecken, um etwas aus der Leere zu holen. Dann erschien er, wie eine Iris, die sich spiralförmig im All öffnete: ein runder Tunnel, der mit leuchtenden, pulsierenden blauen und weißen Ringen gefüllt war und sich in die Unendlichkeit erstreckte.

Lavena drückte die Taste, um den Impulsantrieb auf volle Kraft zu schalten. In einem Moment hörte Riker das Summen und spürte die Vibration der Sublichtbeschleunigung durch die Deckenplatten; im nächsten klammerte er sich an seine Armlehnen, während das Schiff zu einem heftigen, donnernden Halt kam, dessen Wucht alle Anwesenden vorwärts warf.

»Mehr Energie!«, rief Hernandez über die Alarmsirenen und ächzenden Schotten hinweg. »Ich versuche, uns aus ihrem Griff zu befreien!« Sie schloss ihre Augen, senkte ihren Kopf und hob beide Arme.

Riker war bereits bei einigen von Deannas psychischen Kämpfen Zeuge gewesen, daher wusste er, dass das, was Hernandez gerade durchmachte, um sein Schiff zu befreien, schlimmer sein musste als alles, was er sich vorstellen konnte. »Geben Sie alles, was wir haben!«, rief er über den Lärm der Schadensberichte hinweg, die über die Ops-Station und die taktischen Konsolen hereinkamen.

DieTitantorkelte vorwärts, dann befand sie sich im Inneren der pulsierenden Helligkeit des Subraumtunnels. Lieutenant Rriarr klammerte sich mit einer Pfote an die taktische Konsole, während er meldete: »Hochenergetische hyperphasische Strahlung im Inneren des Tunnels, Captain. Die Schilde halten.«

Darum musste sie unsere Schilde modifizieren,begriff Riker.Ansonsten wären wir inzwischen nur noch ein Haufen Asche.Das Schiff wurde hin und her geworfen. »Bericht!«, rief Riker.

»Solitonimpulse«, meldete Rriarr. »Hinter uns.«

»Sie versuchen, den Tunnel zu verbiegen und uns nach Neu Erigol zurückzubringen«, sagte Hernandez. »Halten Sie das Solitonfeld aufrecht!«

»Leiten Sie nicht benötigte Energie aus dem Deflektor ab«, befahl Riker.

»Das würde ich nicht tun, Sir«, warnte Ra-Havreii. »Der Gravitationsdruck im Tunnel steigt an. Wir müssen das strukturelle Integritätsfeld verstärken.«

»Wenn Sie das tun, werden wir die Kontrolle über den Tunnel verlieren«, schoss Hernandez zurück. »Dann landen wir wieder bei Neu Erigol!«

»Wenn wir es nicht tun, wird das Schiff vielleicht auseinandergerissen«, erwiderte der efrosianische Chefingenieur wütend. Wie um seinen Standpunkt zu untermauern, explodierte hinter ihm eine Konsole und bedeckte die Brücke mit brennenden Trümmerteilen und schnell verglühenden Funken.

Hernandez fiel auf ihre Knie und streckte ihre Arme mit den Händen nach oben aus, als ob sie ein gigantisches Gewicht stemmen würde. »Nur noch ein paar Sekunden!«, rief sie klagend.

Die blau-weißen Ringe des Tunnels begannen, sich zu verzerren, als der schwarze Kreis seines Ausgangs sichtbar wurde. »Lieutenant Rager, alle verfügbare Energie in den Deflektor«, sagte Riker. »Das ist ein Befehl.« Eine weitere Runde gnadenloser Einschläge ließ das Schiff um ihn herum erzittern. »Haltet sie zusammen, Leute, wir sind fast draußen!«

Ein gequältes Stöhnen entfuhr Hernandez, als der Austrittspunkt vor derTitanaufragte. Sie krümmte ihren Rücken und hob ihre Hände hoch über ihren Kopf, bevor sie einen trotzigen Urschrei ausstieß.

Außerhalb des Schiffes raste Energie wellenförmig wie ein Hitzeschimmer vor derTitanher, glättete die Ringe wieder zu ihren perfekten, runden Dimensionen und beruhigte die Turbulenz. Die Schockwelle prallte vom Ausgangsring ab, als das Forschungsschiff derLuna-Klasse hindurchjagte.

Energiedruckwellen durchflossen die Brückenkonsolen, und die Anzeigen spuckten nur noch chaotisches Durcheinander aus. DieTitanwurde von einem letzten, schweren Schlag erschüttert und die Brücke war plötzlich so dunkel wie eine mondlose Nacht. Nur das schwache Leuchten ein paar winziger Statusanzeigen durchdrang die Finsternis in den langen Momenten, bevor die Notbeleuchtung die Brücke in ein dämmriges, trübes Licht warf.

Rauch hüllte den Raum ein und das Deck funkelte durch eine dünne Schicht kristallinen Staubs, der von den zerstörten Konsolen ausging. Die Brücke war unheimlich still; man hörte keine Gespräche aus dem Komm-System, keine Rückmeldungstöne von den Computern.

»Schadensbericht«, verlangte Riker. Er suchte die Brücke nach jemandem ab, der ihm antworten konnte. Was er sah, waren eine Menge verwirrter Blicke und Offiziere, die erschrocken ihre Köpfe schüttelten.

Ra-Havreii ging von Station zu Station, hielt dabei an jeder kaum an, bevor er schon wieder zur nächsten weiterging, und schien mit jedem Schritt seines Wegs aufgewühlter zu werden. Als er die leblose Steuerkonsole erreichte, strich er sich nachdenklich über seinen herabhängenden weißen Schnurrbart. Dann drehte er sich zu Riker um und verkündete: »Kompletter Kurzschluss, Captain. Der Hauptcomputer ist ausgefallen, genau wie das Kommunikationssystem, die anderen Computer und wer weiß was noch alles. Ich werde nach unten in den Maschinenraum gehen müssen, um einen besseren Überblick über das Problem zu bekommen.«

»Nur zu«, sagte Riker. »Zuerst die Energie, dann die Kommunikation.«

»Das hatte ich vor«, erwiderte Ra-Havreii und ging in Richtung Turbolift. Nachdem er fast gegen die immer noch geschlossenen Türen gelaufen wäre, drehte er sich um, lächelte unangenehm berührt und meinte: »Keine Hauptenergie, keine Turbolifte.« Er deutete nach achtern. »Dann nehme ich einfach die Notfallleiter.«

Während der Chefingenieur seinen kleinlauten Abgang machte, stand Riker auf und ging zu Hernandez hinüber. Mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen half er ihr auf die Beine. »Sind Sie in Ordnung?«

»Ich denke schon«, sagte sie. »Der letzte Impuls war ein Prachtexemplar. Ich schätze, ich habe meine Stärke falsch eingeschätzt.«

»Sie haben diesen letzten Impulsverursacht?«, fragte Riker überrascht.

»Das musste ich«, antwortete sie. »Es war die einzige Möglichkeit, den Tunnel zu schließen und die Maschine am anderen Ende zu zerstören, sobald wir hindurch waren. Das wird uns die Caeliar eine Weile vom Leib halten.«

»Definieren Sie ,eine Weile‘.«

Hernandez zuckte mit den Schultern. »Schwer zu sagen. Das hängt davon ab, wie viel Schaden ich angerichtet habe und wie sehr uns die Caeliar zurückholen wollen. Es könnte ein paar Tage dauern. Oder ein paar Jahrzehnte.«

»Dann machen wir uns besser schnell an die Reparaturen.«

Sie nickte. »Das wäre wahrscheinlich eine gute Idee.«

Riker wandte sich an Lieutenant Rriarr. »Sobald die Turbolifte wieder funktionieren, sorgen Sie dafür, dass Captain Hernandez zu den Quartieren eskortiert und unter Bewachung gestellt wird.« An Hernandez gewandt fügte er hinzu: »Nichts für ungut.«

»Kein Problem«, erwiderte sie. »Nach achthundert Jahren bei den Caeliar bin ich daran gewöhnt, wie eine Gefangene behandelt zu werden.«

Deanna Troi schrie entsetzt auf, als Dr. Ree seine Reißzähne in ihre Haut direkt unter ihrer linken Brust schlug. Und Ree fühlte sich deswegen absolut furchtbar, weil er eigentlich nur helfen wollte.

Der Pahkwa-thanh ignorierte Trois verzweifelte Schläge nach seinem Kopf, während er eine winzige Menge seines Gifts in ihren Blutkreislauf injizierte. Es begann schnell, zu wirken; die halbbetazoide Frau versteifte sich unter ihm.

Vier Paar Hände – ein Paar an jedem Arm und zwei an seinem Schwanz – zogen ihn von Troi herunter und schleiften ihn unbeholfen von ihr fort. Er rollte sich auf die Beine, fand sich aber von Chief Petty Officer Dennisar, Lieutenant Gian Sortollo und Lieutenant Commander Ranul Keru, den Sicherheitsmitarbeitern des Außenteams, umringt. Der erboste Erste Offizier des Teams, Commander Christine Vale, rief: »Was zum Teufel haben Siegetan, Ree?«

»Das Einzige, was ich unter diesen Umständen tun konnte«, erwiderte der Arzt und nahm eine Angriffsposition gegen seine vier Kameraden ein.

Vales Versuch, ruhig zu bleiben, scheiterte. Sie spannte ihre Hände an und bemühte sich, ihren Kiefer zu lockern. »Ich hoffe, Sie haben die beste Erklärung Ihres Lebens für mich, Doktor.«

Ein Schatten trat aus einer der Wände und wurde zu Inyx, dem Chefwissenschaftler der Caeliar. Die große, schlaksige Kreatur neigte ihren riesigen Kopf mit dem stets missgelaunt wirkenden Gesichtsausdruck in Rees Richtung. »Ich würde Ihre Erklärung auch gerne hören«, sagte Inyx. Das heftige Heben und Senken der Luftsäcke, die über seinen knochigen Schultern hingen, deutete auf eine kürzliche Anstrengung hin.

Ensign Torvig Bu-kar-nguv kauerte draußen vor der Tür von Trois Quartier und streckte seinen rehähnlichen Kopf vorsichtig um die Ecke, um zu sehen, was drinnen vor sich ging. Ree verstand die Zurückhaltung des jungen Chobliken vollkommen. Schließlich stellte seine Spezies – zweibeinige Lauftiere ohne natürliche Vorderpfoten – ursprünglich eine Beute für Raubtiere wie ihn dar.

Während Ree seine Erklärung formulierte, kam Commander Tuvok, der zweite Offizier derTitan, herein und kniete sich neben Troi. Der dunkelhäutige Vulkanier legte sanft eine Hand auf die Stirn des Counselors.

»Ich gebe zu, dass es sich um einen Akt der Verzweiflung gehandelt hat«, sagte Ree. »Nachdem die Caeliar unsere Trikorder – einschließlich meines medizinischen – zerstört hatten, gab es für mich keine Möglichkeit mehr, Trois Zustand mit ausreichender Genauigkeit festzustellen, um eines der Hyposprays in meiner Tasche auszuwählen.«

»Also haben Sie sie gebissen«, unterbrach Sortollo sarkastisch. »Ja, das ergibt Sinn.«

Unbeeindruckt vom Zynismus des auf dem Mars geborenen Menschen, fuhr Ree fort: »Commander Trois Zustand verschlechterte sich immens, nachdem sie zu Bett gegangen war. Basierend auf einer Messung ihres Blutdrucks, ihres Pulses und ihrer Körpertemperatur, schloss ich, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit schwere innere Blutungen hat.« Er richtete seine nächsten Worte an Inyx, der sich neben Troi gehockt hatte, um sie zu untersuchen. »Sie wollte mir nicht erlauben, Ihre Hilfe zu suchen oder um die Benutzung einer sterilen medizinischen Einrichtung für den Eingriff zu bitten.«

»Unddarumhat er sie gebissen«, sagte Dennisar und spiegelte Sortollos Sarkasmus wider. Commander Vale brachte den Orioner mit einem finsteren Blick zum Schweigen.

Inyx legte seine rankenähnlichen Hände auf Trois Bisswunde. »Sie haben ihr ein Toxin injiziert.«

In jeder Silbe, die Vale äußerte, lag ein drohender Unterton. »Wenn Sie etwas dazu zu sagen haben, Doktor, ist jetzt der richtige Zeitpunkt.«

»Mein Gift ist ein Überbleibsel der Pahkwa-thanh-Evolution«, erklärte er. »Es versetzt die Beute in einen Zustand des Scheintods. Sein Zweck in der Biologie meiner Spezies war es, die Erzeuger neuer Jungen in die Lage zu versetzen, ein großes Territorium zu durchstreifen und lebende Beute ohne Widerstand zum Nest zurückzubringen, damit sie noch frisch war, wenn unsere Jungen damit gefüttert wurden. In diesem Fall habe ich es eingesetzt, um Counselor Troi in eine Art Stasis zu versetzen, wodurch das Fortschreiten ihrer Blutung verhindert wird.«

Keru seufzte schwer und schüttelte den Kopf. »Also gut, das ergibt wirklich irgendwie Sinn.«

»Was Sie getan haben, war barbarisch und gewalttätig«, sagte Inyx. Eine Quecksilberscheibe erschien unter Troi wie ein metallischer Blutfleck. Sie verfestigte sich und hob sie in die Luft. »Ihr betäubendes Toxin wird, auch wenn es kurzfristig effektiv ist, nicht lange vorhalten. Wenn das bei Ihrem Volk als Medizin durchgeht, bin ich mir nicht sicher, ob Sie es verdienen, Doktor genannt zu werden.«

Inyx begann, die schwebende Troi in Richtung Ausgang zu geleiten.

Tuvok ging schweigend hinter Inyx her und hatte seinen Blick auf Trois Gesicht gerichtet, das zu einer schockierten Grimasse verzerrt war, auch wenn sie sich nicht länger bei Bewusstsein befand.

Vale versperrte Inyx den Weg. Das Sicherheitspersonal gruppierte sich hinter ihr und blockierte den Gang vollständig. »Einen Moment«, sagte sie zu Inyx. »Wo bringen Sie sie hin?«

»Zu einer Einrichtung, wo wir ihr eine angemessene medizinische Behandlung zukommen lassen können«, erwiderte der Caeliar-Wissenschaftler. Er warf Ree einen Blick zu und ergänzte spitz: »Sie werden überrascht sein, zu erfahren, dass unsere Methoden keineswegs das Beißen unserer Patienten beinhalten.«

Eigentlich war Ree von sanfter Natur, aber der Caeliar schien es darauf anzulegen, seine Geduld auf die Probe zu stellen. »Sie braucht die Art medizinischer Behandlung, die ich ihr nur auf derTitanbieten kann«, erklärte er Inyx. »Wenn Sie wirklich die wohltätigen Gastgeber wären, die Sie zu sein behaupten, würden Sie uns zu unserem Schiff zurückkehren lassen.«

Inyx blieb stehen und drehte sich zu Ree um. »Ich fürchte, dass das unmöglich ist«, meinte er.

»Ja natürlich«, murrte Ree. »Wegen Ihrer geheiligten Privatsphäre.«

»Nein«, antwortete Inyx, »weil Ihr Schiff geflohen ist und Sie alle zurückgelassen hat.« Über ihm und Troi öffnete sich ein Loch in der Decke, durch das die beiden in die sternenlose Nacht aufstiegen. Inyx sah noch einmal herunter und fügte hinzu: »Ich lasse Sie nun eine Weile darüber nachdenken, während ich versuche, das Leben Ihrer Kollegin zu retten.« Er und Troi verschwanden in der Dunkelheit.

Schockiertes Schweigen erfüllte den Raum, und die verbliebenen Außenteammitglieder warfen einander ratlose Blicke zu.

Dennisar fragte in die Gruppe: »Glauben Sie wirklich, dass dieTitanentkommen konnte?«

Keru nickte unverbindlich. »Die Caeliar haben uns bis jetzt nicht belogen. Könnte stimmen.«

»Wenn es stimmt, gut für sie«, meinte Vale. »Und für uns auch, weil ich weiß, dass Captain Riker uns Hilfe schicken wird.«

Alle nickten, und Ree konnte spüren, dass sie versuchten, die kalte Tatsache, von ihren Kameraden und ihrem Captain zurückgelassen worden zu sein, so positiv wie möglich klingen zu lassen.

Torvig war der Erste, der zu seinem Quartier zurückging, dann verschwand Tuvok mit ernster, abwesender Miene. Vale war die Nächste, und Keru drängte seine beiden Männer aus dem Raum.

Ree folgte dem stämmigen Trill-Sicherheitschef aus Trois Quartier in den Gang. »Tut mir leid, Doc«, sagte Keru. »Aber einen Moment lang habe ich wirklich gedacht, dass Sie Counselor Troi fressen wollten.«

»So etwas würde ich niemals tun«, ließ Ree mit größerer Empörung verlauten, als er tatsächlich verspürte. Dann schenkte er Keru ein Lächeln, das seine Reißzähne zeigte. »Obwohl ich zugeben muss ... dass sie recht saftig war.« Als er den nervösen Seitenblick des Trills bemerkte, fügte Ree verlegen hinzu: »War nur Spaß.«

4527

vor unserer Zeitrechnung

KAPITEL 2

Ein feuriger Berg stürzte vom Himmel.

Tiefer Donner grollte über die schneebedeckte Landschaft, als der Riese aus verbranntem Metall durch die tiefhängende Decke düsterer Herbstwolken fiel. In Flammen und Ascherauch gehüllt, wurde sein Fallwinkel immer flacher, bevor er von der felsigen Bergkette abprallte. Schlamm, zertrümmerte Bäume und pulverisierter Stein erfüllten die Luft. Die dunkle Masse riss riesige Kerben in den gewaltigen Abhang und brach während ihres Abstiegs zu der zerklüfteten Küstenlinie des eisigen Fjords darunter auseinander.

Eine Lawine stürmte vor ihr her. Millionen Tonnen aus Schnee, Erde und Eis bewegten sich zuerst wie Wasser und erstarrten dann zu Stein, als sie die zerbrochenen Trümmer des geschwärzten Metalls unter sich begruben. Der Boden zitterte und das Dröhnen der Kollision und ihrer Folgen hallte immer wieder von den umgebenen Bergspitzen und Gletschern wider, bis es vom tiefen Schweigen der arktischen Wildnis verschluckt wurde.

Die Dämmerung brach über den Fjord herein.

Und nicht eine einzige Seele wurde Zeuge.

»Bleiben Sie zurück«, sagte MACO-Sergeant Gage Pembleton. »Ich bin fast durch. Ein weiterer Schuss sollte genügen.«

Er stand eingekeilt in einem Riss im Fundament des Caeliar-Stadtschiffes Mantilis und zielte mit seinem Phasengewehr in das Loch, das er durch den dichtgepackten Schnee geschmolzen hatte, der das zerstörte Schiff nach seinem verhängnisvollen Absturz auf dieser unbekannten Welt, Zehntausende von Lichtjahren von der Erde entfernt, verschüttet hatte. Er betätigte den Abzug des Gewehrs und löste dadurch einen Blitz aus Hitze und Licht aus, dann bot sich ihm der offene Himmel dar. Kalte, nach Pinien duftende Luft strömte durch die neue Öffnung und sein freudiger Aufschrei kondensierte vor seinem Gesicht zu Dampf.

Hinter Pembleton warteten die fünf anderen menschlichen Überlebenden der harten Landung in den Überresten eines Laborkomplexes. Drei von ihnen waren MACO-Privates derColumbia: Eric Crichlow, gebürtiger Liverpooler mit Glubschaugen und einer großen Nase, Thom Steinhauer, ein Deutscher mit gemeißelten Gesichtszügen, kurzgeschorenen Haaren und wenig Sinn für Humor, und Niccolo Mazzetti, ein gutaussehender Sizilianer mit olivfarbener Haut und dem Ruf, bei Landgang niemals allein schlafen zu müssen.

Zwischen den zusammengedrängten MACOs befand sich Kiona Thayer, die einzige Frau in der Gruppe. Sie war groß, schwarzhaarig, stammte aus Quebec und in ihren Gesichtszügen zeigte sich ihre entfernte Sioux-Abstammung. Dort wo sich einst ihr linker Fuß befunden hatte, war nun nur noch eine blutige, hastig verbundene Wunde. Pembleton konnte die Wunde kaum anschauen – hauptsächlich deshalb, weil er derjenige gewesen war, der sie ihr auf Anweisung seines MACO-Kommandanten Major Foyle zugefügt hatte.

Vor der Gruppe stand der Chefingenieur derColumbia, ein breitschultriger Österreicher namens Karl Graylock. Er fragte: »Ist es ungefährlich, nach draußen zu gehen?«

»Das weiß ich noch nicht genau«, sagte Pembleton. Der Sergeant sicherte die Waffe und rieb seine Hände aneinander, um sie zu wärmen. »Aber es ist auf jeden Fall kalt da draußen.«

Graylock hob seine Augenbrauen. »Das von einem Kanadier zu hören, heißt schon etwas.« Er sah kurz zu den anderen zurück und fügte dann hinzu: »Vielleicht sollten wir beide uns das erst mal ansehen.«

»Aye, Sir«, erwiderte Pembleton. »Ich teste, ob der Boden tragfähig ist.« Mit vorsichtigen Schritten verließ er das Schiff und merkte schnell, dass die Schwerkraft hier höher als gewohnt war. Vorsichtig kletterte er durch den eisigen Tunnel, den er Schuss für Schuss in den Schnee geschmolzen hatte. Nach ein paar Metern rief er Graylock zu: »Ist sicher, Lieutenant.«

Der Chefingenieur folgte Pembleton den Tunnel entlang und in die beißende Kälte hinaus. Die Luft war dünn. Während sie knöcheltief im Schnee versanken, starrte Pembleton ehrfurchtsvoll auf die reine Erhabenheit der Landschaft, die sie umgab: aufragende Kliffe aus schwarzem Fels, überzogen von unberührtem Schnee; friedliche Fjorde, in denen sich ein Himmel spiegelte, der am Horizont in pastellfarbenem Zwielicht leuchtete; ein paar strahlende Sterne, die hoch über ihnen schienen. Es war so wunderschön, dass er fast vergaß, dass seine Finger und Zehen vor Kälte gefühllos geworden waren. »Was für eine Aussicht«, sagte er mit ehrfürchtig gedämpfter Stimme.

Er blickte zu Graylock, der sich der entgegengesetzten Richtung zugewandt hatte. Der stämmige Ingenieur starrte mit offenem Mund den Hang hinauf. Pembleton drehte sich um und erblickte die Schneise, die Mantilis durch die obere Hälfte der Baumlinie in den Berg gerissen hatte. Die Zerstörung war beeindruckend – besonders die Wunden, die in das felsige Gesicht des Berges geschlagen worden waren –, aber sie verblasste neben dem Anblick des Himmels darüber. Hinter den entfernten Bergspitzen wellten sich wunderschöne mehrfarbige Lichteffekte vor einem schwarzen Firmament voller Sterne. Die Aurora war in ihrer Intensität und Farbenvielfalt atemberaubend.

»Wow«, murmelte Pembleton.

»Ja«, sagte Graylock. Seine Stimme war kaum mehr als ein Seufzen.

Pembleton schob seine Hände in die Taschen seines Tarnanzugs. »Am besten warten wir, bis es ein wenig heller geworden ist, bevor wir die anderen herausholen«, meinte der Sergeant und deutete auf den Fjord. »Dann können wir uns nach einer Senke am Ufer umschauen. Ich schlage vor, dass wir dort unser Lager aufschlagen und die Grundlagen klären – Unterkunft, Trinkwasser und so viel Nahrung, wie wir lagern können. Und wenn dann so etwas wie ein Frühling kommt, können wir uns nach wärmeren Gefilden in der Nähe des Äquators umschauen.«

»Warum so weit gehen, Sergeant?«, fragte Graylock. »Sollten wir nicht lieber die Position halten, bis wir eine Möglichkeit gefunden haben, einen Hilferuf abzusetzen?«

Pembleton presste seine Arme an seine Seite, um sein Zittern zu unterdrücken. »Es wird keine Hilfe geben, Sir.«

Graylock verschränkte die Arme vor der Brust und steckte seine Hände unter die Achselhöhlen. »So dürfen wir nicht denken, Sergeant«, sagte er. »Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben.«

»Bei allem gebührenden Respekt, Sir, ich denke, das dürfen wir.« Pembleton legte seinen Kopf in den Nacken, um zu den Sternen hinaufzublicken. Er erinnerte sich an das, was ihm der Caeliar-Wissenschaftler Lerxst gesagt hatte, bevor Mantilis auf dem Planeten abgestürzt war. »Wir sind fast sechzigtausend Lichtjahre von zu Hause entfernt und schreiben ungefähr das Jahr 4500 vor Christus.« Er drehte sich zu Graylock um. »Wir werden hier für den Rest unseres Lebens bleiben ... und wir werden hier sterben.«

Diese namenlose Welt hatte sich erst einmal um ihre Achse gedreht und schon fühlten Lerxst und die elf anderen Caeliar, wie ihre Kraft schwand. »Wir sollten unsere Energie konservieren«, sagte er zu seiner Kollegin Sedín. »Wenn wir unsere Masse reduzieren, wird das die Auswirkung der Schwerkraft dieses Planeten auf unsere Bewegungen verringern.«

»Ein paar unserer Catome loszuwerden, ist nur eine kurzzeitige Lösung«, erwiderte sie. »Wenn wir keine neue Kraftquelle finden, werden wir immer schwächer werden, bis wir uns nicht mehr materialisieren können.«

Schuldgefühle behinderten Lerxsts Gedanken; er hatte entschieden, die Hauptenergiequelle der Stadt und einen Großteil ihrer Masse in den Subraum abzuwerfen anstatt ihr zerstörerisches Potenzial bei einem Absturz auf eine ahnungslose Welt loszulassen. Aber nun, da sie von der Gestalt getrennt waren und ihre Stadt in Trümmern lag, verfügten er und die anderen Caeliar von Mantilis nicht über die Mittel, um ihre verlorenen Generatoren zu ersetzen. Diese wurden jedoch benötigt, um das Energiefeld anzutreiben, ohne das die Catome der Caeliar schnell ihren Energievorrat auslaugen würden.

»An diesem extremen polaren Breitengrad wird Solarenergie keine brauchbare Alternative darstellen. Unsere Vorräte werden zu schnell erschöpft sein«, sagte Lerxst. »Sind wir stark genug, um die geothermischen Ressourcen dieser Welt anzuzapfen?«

Sedíns Gestaltaura strahlte Zweifel aus. »Das Grundgestein hier ist tief und wir sind weit von jeglicher Vulkanaktivität entfernt.« Sie übermittelte ihm ein Bild des Berges, auf den ihre Stadt gestürzt war. »Es gibt eine höhere Wahrscheinlichkeit, spaltbare Elemente abbauen zu können.«

»Nicht genug für unseren Bedarf«, erwiderte Lerxst. »Ich bin außerdem darüber besorgt, dass ihr Gebrauch Toxine in die Ökosphäre dieser Welt bringen könnte.« Es war Äonen her, seit er sich das letzte Mal so verärgert gefühlt hatte. »Wenn wir nur nicht alle unsere Nullpunktgeneratoren verloren hätten, wäre vielleicht genug Zeit geblieben, um einen neuen Hauptpartikelgenerator zu bauen.«

Ein anderer Caeliar, ein Astrophysiker namens Ghyllac, betrat das abgedunkelte Kontrollzentrum hinter Lerxst. Ihm folgten zwei der menschlichen Überlebenden, Gage Pembleton und Karl Graylock. Ghyllac sagte: »Besucher für Sie, Lerxst.«

Lerxst drehte sich herum, um seine Gäste zu begrüßen. »Willkommen Gage und Karl«, sagte er. »Haben Sie noch einmal über unsere Einladung nachgedacht, das, was von Mantilis übrig geblieben ist, als Zuflucht zu benutzen?«

»Nein«, sagte Graylock. »In dieser Höhe des Abhangs gibt es für uns keine Nahrung. Wir müssen zum Fjord hinunter.«

Seine Bemerkung schien Sedín zu verwundern, die erwiderte: »Entlang der Küste gibt es keine größere Pflanzenvielfalt, Karl.«

»Wir versuchen unser Glück beim Fischen«, meinte Pembleton.

Sedín wollte die Menschen gerade auf die Sinnlosigkeit einer solchen Anstrengung hinweisen, doch Lerxst unterbrach sie, indem er eine sanfte Ausstrahlung durch ihre tragisch reduzierte Gestalt schickte. Er fragte Graylock: »Und welchem Umstand verdanken wir dann das Privileg dieses Besuches?«

»Wir brauchen Batterien«, sagte Graylock. »Große, um die Ausrüstung wieder aufzuladen und kleinere tragbare.«

Besorgnis floss wie elektrische Spannung durch die zwölf Caeliar im Inneren des zerstörten Kontrollzentrums. Ihre ohnehin knappen Energievorräte mit den menschlichen Überlebenden zu teilen, würde das Abgleiten der Caeliar ins Vergessen nur beschleunigen.

»Wir teilen, was wir können, auch wenn unsere Vorräte begrenzt sind«, sagte Lerxst und schloss die ansteigende Nervosität seiner Kollegen aus.

Die Menschen nickten. Graylock sagte: »Wenn wir schon mal hier sind, können wir auch gleich fragen, ob wir Material aus den Trümmern der Stadt bergen dürfen.«

Lerxst verbeugte sich und breitete seine Arme aus. »Bedienen Sie sich.«

»Danke«, sagte Pembleton. Er senkte seine Stimme, als er zu Graylock hinübersah und fragte: »Sonst noch etwas, Sir?«

Graylock schüttelte den Kopf. »Nein.« Zu Lerxst fügte er hinzu: »Sagen Sie uns Bescheid, wenn die Batterien bereit sind?«

»Natürlich.«

»Danke sehr«, sagte Graylock nickend. Er drehte sich um und ging hinaus. Pembleton folgte ihm.

Nachdem die Menschen das Kontrollzentrum verlassen hatten, fragte Sedín: »War es weise, ihnen das zu versprechen, Lerxst?«

»Ich richtete mich nach der Eingebung meines Gewissens«, sagte er. »Und nach nichts anderem.«

»Wir brauchen diese Energie, um zu leben«, gab Ghyllac zu bedenken.

»Genau wie die Menschen!«

Den ersten ganzen Tag der Überlebenden auf dem Planeten konnte man Pembletons Meinung nach kaum einen Tag nennen. Die farblose Sonne hob sich kaum über den Horizont und tauchte den arktischen Himmel über dem weiten schieferfarbenen Meer in ein tristes, eintöniges Grau.

Nach und nach folgte der Rest der Gruppe Pembleton aus dem in den Schnee geschossenen Tunnel hinaus in die windgepeitschte Berglandschaft. Alle waren in warme, silbergraue Gewänder mit Kapuzen gehüllt, die sie von den Caeliar bekommen hatten. Ihre Rucksäcke waren mit Decken, ein paar vereinzelten Rohstoffen und Batterien in verschiedenen Größen vollgestopft.

Lieutenant Thayer lag auf einer schmalen Trage, an der sich die MACOs abwechselten. Zwei waren stets an der Trage, während der dritte sich ausruhte.

Dort, wo Pembleton Westen ausgemacht zu haben glaubte, breitete sich ein Sturm wie ein blau-schwarzer Bluterguss aus. »Wir sollten uns besser beeilen, wenn wir rechtzeitig eine Senke erreichen wollen«, meinte er zu Graylock.

»Rechtzeitig für was?«, fragte der Ingenieur.

»Um Unterkünfte zu bauen und Feuer zu entzünden«, erwiderte Pembleton. »Bevor der Sturm kommt.« Er betrachtete den spärlich mit Bäumen bewachsenen Abhang. »Wir wollen bestimmt nicht hier oben erwischt werden.«

»Gutes Argument«, sagte Graylock. »Führen Sie uns nach unten, Sergeant.«

Die Gruppe schleppte sich erschöpft auf den Fjord weit unter ihr zu. In der leicht höheren Schwerkraft versetzte jeder Schritt Pembleton einen kleinen Stich.

Er sah nach hinten, um sich zu vergewissern, dass es seinen Leuten gut ging. Crichlow und Mazzetti hatten die Trage ruhig in den Händen und Steinhauer und Graylock unterhielten sich angeregt über irgendetwas.

Unterwegs war die einzige Ressource, deren Angebot die Nachfrage überstieg, frisches Wasser. Laut Graylocks Handscanner war der Schnee, der die Landschaft einhüllte, bemerkenswert rein und zweifellos sicher zu trinken. »Wenigstens werden wir nicht dehydrieren«, sagte er in dem Versuch, etwas Optimismus aufzubringen.

»Das bedeutet nur, dass wir länger brauchen werden, um zu verhungern«, erwiderte Pembleton, der nicht in der Stimmung war, die Moral zu heben.

Nach zwei Stunden waren sie den Abhang weit genug hinuntergeklettert, dass andere Bergspitzen das schwache Sonnenlicht abblockten. Als sie in die stahlblauen Schatten schritten, spürte Pembleton, wie die Temperatur um mehrere Grad abfiel. Sein Atem erfüllte die Luft vor ihm mit flüchtigen Dampfwolken.

Es war spät am Tag, und als sie den Rand des Wassers erreichten, dämmerte es. »Steinhauer, helfen Sie Graylock, diese großen Steine dort auf dieser Erhöhung aufzustellen«, sagte Pembleton. »Das wird uns etwas Windschutz bieten und uns trocken halten, wenn der Abfluss vom Berg kommt. Mazzetti, Sie und ich werden auf der anderen Seite eine Latrine ausheben. Crichlow, nehmen Sie Ihr Gewehr und einen Handscanner. Suchen Sie nach kleinen Tieren – Vögeln, Fischen, Säugetieren, ganz egal. Alles, was man essen kann.«

»In Ordnung, Sarge«, bestätigte Crichlow. Er streifte seinen Rucksack ab, steckte einen Handscanner in eine Beintasche seiner Hose, schnappte sich sein Gewehr und stahl sich in das spärliche Unterholz davon.

Als Graylock und die MACOs den Bau der Gruppenunterkunft – einer dünnen Konstruktion aus hastig zusammengeschweißten Metalltrümmern, auf die sie noch mehr von dem Wunderstoff der Caeliar legten – beendet hatten, war der Himmel pechschwarz. Ein heftiger Wind heulte wie ein Dämonenchor zwischen den Klippen, die an den Fjord angrenzten, und die Luft roch schwer nach Regen.

Knackende Zweige und knirschende Schritte auf dem Schnee ließen Pembleton seinen Kopf herumdrehen und er zielte als Vorsichtsmaßnahme mit seiner Waffe in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Er senkte sie, als er Crichlow erkannte, der aus dem Gebüsch auftauchte und ramponiert, zerkratzt und entmutigt wirkte.

»War da draußen nichts?«, fragte Pembleton.

»Oh doch, die sind da draußen«, antwortete Crichlow. Der junge Private erwiderte Pembletons enttäuschten Blick und schüttelte den Kopf. »Aber die kleinen Viecher sind so fix, dass ich sie nicht erwischt habe.«

Pembleton ging neben Crichlow zum Lager. »Vergessen Sie es einfach«, meinte er. »Morgen versuchen Sie es mit Fallen. Mal sehen, wie das funktioniert.«

»In Ordnung, Sarge«, stimmte Crichlow zu. »Das mach ich.«

Sie schlugen die Decken zurück, die als Tür der Unterkunft dienten. Der Boden war mit großen Stücken des Caeliar-Stoffes ausgelegt, abgesehen von einem Kreis in der Mitte, in dem sie große Steine angehäuft hatten, die vorher glutrot erhitzt worden waren und das Zelt nun mit rauchloser Wärme erfüllten.

»Schnallt eure Gürtel enger, Leute«, sagte Pembleton. »Sieht so aus, als gäbe es heute Rindensuppe zum Abendessen.« Enttäuschtes Stöhnen war der Lohn für seine Ehrlichkeit. »Seht es doch mal von der positiven Seite«, fuhr er fort. »Nachdem wir unsere leckere Suppe gegessen haben, könnt ihr euch alle hinlegen, weil ich nämlich die erste Wache bis 2100 übernehmen werde. Mazzetti, zweite Schicht bis 0100. Steinhauer, dritte Wache bis 0500. Crichlow, letzte Wache. Wir werden den Wachplan jede Nacht wechseln.«

Mazzetti fragte: »Können wir nicht einfach einen Handscanner auf Umgebungsüberwachung einstellen?«

»Wir sollten versuchen, seine Batterie für Wichtigeres aufzusparen. Wir brauchen ihn, um Nahrung zu finden und um festzustellen, was giftig und was essbar ist«, sagte Graylock.

»Genau«, ergänzte Pembleton. »Und Mazzetti? Durch Ihre Frage haben Sie sich gerade freiwillig zum Rindensammeln gemeldet.«

Die Rindensuppe war heiß, aber auch bitter wie rohe Eicheln. Obwohl er seine Feldflasche seit dem Abendessen schon zweimal geleert und wie wild umgespült hatte, war es Pembleton immer noch nicht gelungen, den Geschmack aus seinem Mund zu vertreiben.Glücklicherweise habe ich den Regen, um mich abzulenken,dachte er.

Angetrieben von entsetzlich kalten Sturmwinden, fegte ein eisiger Nieselregen durch die Nacht und fand jede Lücke in Pembletons improvisiertem Poncho. Sein Phasengewehr hing über seinem Rücken und um seine Hände warm zu halten, hatte er sie ins Innere seiner Tarnjacke und unter seine Achselhöhlen gesteckt.

Nachdem Mazzetti nach draußen gegangen war, um nach Rinden zu suchen, hatte Graylock in der Nähe des Lagers einen Scan nach essbaren Pflanzen durchgeführt. Der Handscanner hatte nichts gefunden. Keine Beeren, Früchte oder Nüsse. Nicht mal einfache Gräser. Nur giftige Pilze und Flechten.

Das Wetter wird immer schlimmer werden,sah er voraus.Die Nächte länger und die Temperaturen kälter.Er betrachtete die improvisierte Unterkunft, von der er und die anderen jetzt abhängig waren, und runzelte die Stirn.Wenn dieses Ding auch nur einen Winter übersteht, wäre es ein Wunder.

Kurz vor dem Ende seiner Wache wurde der Regen von einem beißenden Wind davongetragen. Innerhalb von Minuten ließ der Niederschlag nach, wurde erst zu einem Nieseln, und hörte schließlich ganz auf. Die Luft klärte sich und als eine Reihe von dahinrasenden Wolken den Himmel überquerte, sah er die hypnotische Strahlung der Aurora hinter den Berggipfeln.

Dann zog etwas darunter am Abhang des Berges seine Aufmerksamkeit auf sich. Blass leuchtende, sich bewegende Punkte.

Er fischte sein Fernglas aus seiner Hosentasche und richtete es auf die Lichtquellen hoch über seiner Position. Durch die Vergrößerung wurden die Details der Szene klar sichtbar. Die Caeliar waren aus ihrer begrabenen, zerstörten Stadt gekommen und versammelten sich auf einem schwarzen Felsen, der einst Teil des Fundaments gewesen war.

Pembleton fragte sich, was sie vorhatten, daher erhöhte er die Vergrößerung des Fernglases auf seine maximale Einstellung und sah noch einmal hindurch. Dann bemerkte er, dass sie zu ihm zurückstarrten.

Sie sahen seltsam aus – kränklich. Sie hatten etwas Geisterhaftes an sich, einen jenseitigen Glanz, und schienen durchsichtig.

Er senkte sein Fernglas und dachte an die Millionen Caeliar, die sich bereitwillig geopfert hatten, um Mantilis durch den Subraumtunnel und die Zeit zu diesem unwirtlichen Ort zu schicken. Ihre Stadt war zu einem riesigen Grab geworden.

Als er das Fernglas erneut an seine Augen hob, sah er die Caeliar als die Geister, die sie geworden waren, und das erfüllte ihn mit Verzweiflung.

Ich schätze, wir sind hier nicht die Einzigen, die sterben.

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KAPITEL 3

»Rufen Sie sie noch einmal, Commander«, befahl Captain Picard Miranda Kadohata, dem zweiten Offizier und Senior-Ops-Offizier derEnterprise.

Die schlanke, attraktive Frau verspannte sich vor Frustration, während sie an ihrer Konsole arbeitete. »Immer noch keine Antwort, Sir«, sagte sie mit einem Akzent, der stark an London erinnerte, tatsächlich jedoch aus Port-Shangri-La stammte.

Medizinisches und Sicherheitspersonal arbeitete still neben und hinter Picard, um die letzten Überreste des Kampfes gegen die Entermannschaft der Hirogen zu beseitigen, von denen zwei tot in der Mitte der Brücke lagen. Eine dünne Rauchwolke hing immer noch unter der Decke, und ihr scharfer Gestank überlagerte den Blutgeruch auf dem Deck.

Auf dem Hauptschirm sah man, eingerahmt von Streifen aus warp-verzerrtem Sternenlicht, dieU.S.S. Aventine, ein ForschungsschiffderVesta-Klasse.Unter Captain Ezri Dax’ Kommando raste sie mit ihrer höchstmöglichen Geschwindigkeit Richtung Erde. Sie verfolgte chancenlos eine Borg-Armada, die erst vor wenigen Stunden durch einen zuvor unbekannten – und nun eingestürzten – Subraumtunnel aus dem Delta-Quadranten gekommen war. Picard fürchtete, dass Captain Dax’ Mannschaft jeden Moment den Quanten-Slipstream-Antrieb ihres Schiffes aktivieren und Hals über Kopf in eine selbstmörderische Konfrontation davonfliegen würde.

Lieutenant Jasminder Choudhury, die Sicherheitschefin derEnterprise, wies vier Sanitäter, die aus dem Turbolift kamen, in Richtung der Hirogen-Leichen. »Bringen Sie die in ein Stasisfeld«, ordnete sie an. »Wir brauchen sie später noch für eine Analyse.«

»Aye, Sir«, bestätigte einer von ihnen und das Quartett machte sich an die Arbeit, die riesigen, gepanzerten Leichen einzutüten.

Während sie arbeiteten, erreichte ein weiterer Turbolift die Brücke, und vier Ingenieure traten heraus. Sie trugen röhrenförmige Bündel mit sich, die entrollt wurden und sich als lange Werkzeugtaschen entpuppten. Innerhalb weniger Augenblicke machten sich die Ingenieure an die Arbeit und reparierten explodierte Konsolen und Wandschirme.

Commander Worf beendete eine geflüsterte Unterhaltung mit Junior-Taktik-Offizier Ensign Aneta  mrhová und kehrte zu den Kommandosesseln zurück, um seinen Platz neben Picard einzunehmen. Mit gedämpfter Stimme verkündete er: »Die Sensorberichte sind bestätigt, Captain. Mehr als siebentausend Borg-Kuben sind in das Gebiet der Föderation, der Klingonen und der Romulaner eingefallen. Mehrere Ziele wurden bereits angegriffen.«

»Danke, Nummer Eins«, sagte Picard, auch wenn er für einen solchen Bericht alles andere als dankbar war. Er hob seine Stimme und fragte den Steuermann: »Mister Weinrib, Zeit bis zum Abfangen?«

»Sir, der Vorsprung derAventinevergrößert sich immer mehr«, antwortete Weinrib. »Sie haben unsere Höchstgeschwindigkeit um null-Komma-acht-fünf überschritten.«

Picard bewunderte die elegante Form derAventine, während sie sich immer weiter von derEnterpriseentfernte. Er war fast so weit, die Hoffnung aufzugeben, vernünftig mit Dax zu reden, als Kadohata auf ihrem Sitz an der Ops-Station herumwirbelte. »DieAventineantwortet, Sir.«

»Auf den Schirm«, befahl Picard.

Captain Dax’ Gesicht erschien auf dem Monitor.»Haben Sie Ihre Meinung geändert und kommen doch mit, Captain?«

»Ganz im Gegenteil.« Picard erhob sich von seinem Platz und ging ein paar Schritte auf den Hauptschirm zu. »Ich bitte Sie dringend, diese überstürzte Entscheidung zu überdenken.«

»Die Föderation wird angegriffen«,erwiderte die junge dunkelhaarige Trill wütend.»Wir müssen sie verteidigen.«

»Das werden wir«, sagte Picard. »Aber nicht so. Ihr Schiff und Ihre Mannschaft auf diese Weise zu opfern, wird auch nicht helfen. In einen Kampf mit ungleichen Chancen zu ziehen, kann tapfer oder nobel sein – aber ohne einen Plan in eine Schlacht zu ziehen, ist schlimmer als sinnlos, es ist eine Verschwendung.«

Sie stieß einen wütenden Seufzer aus, und er spürte ihre Frustration, ihren Wunsch, alles andere zu tun, als abzuwarten.»Also, was schlagen Sie vor?«

»Wir kontaktieren das Sternenflottenkommando und bitten um neue Befehle«, sagte er. »Vielleicht wissen sie gar nicht, dass unsere Schiffe nach dem Verlust der Expeditionsstreitkraft noch einsatzfähig sind.«

Ein Lächeln zog an Dax’ Mundwinkeln.»Das Sternenflottenkommando kontaktieren? Nichts für ungut, Captain, aber das ist nicht gerade die Antwort, die ich von Ihnen erwartet hätte, wenn man Ihren Ruf bedenkt.«

»Wann immer meine Befehle dem gesunden Menschenverstand, der Moral oder dem Gesetz widersprochen haben, bin ich meinem Gewissen gefolgt«, gab Picard zu. »Aber momentan, Captain, haben wir überhaupt keine Befehle – und ich denke, wir sollten zumindest herausfinden, ob die Sternenflotte weiß, wo wir von Nutzen sein können, bevor wir einen potenziell tödlichen Kurs einschlagen.«

Dax entspannte ihre Schultern.»Es kann wohl nicht schaden, zu fragen.«

»Darf ich dann vorschlagen, aus dem Warp zu gehen?«, fragte Picard. »Zumindest, bis wir unser nächstes Ziel kennen?«

Die Augen der Trill verengten sich. Dann nickte sie jemandem außerhalb des Bildausschnitts zu.»Wir gehen wieder auf Impuls«,sagte sie.»Können Sie mich dazuschalten, wenn Sie bereit sind, mit der Sternenflotte zu sprechen?«

»Natürlich«, bestätigte Picard. »EnterpriseEnde.« Der Schirm wechselte wieder zu einer Außenansicht der kleiner werdendenAventine.

Picard nickte Worf zu, der Weinrib befahl: »Gleichen Sie uns an ihre Geschwindigkeit und Richtung an.« Der Steueroffizier nickte.

Auf dem Sichtschirm wurden die Lichtstreifen wieder zu leuchtenden Punkten, während dieAventineund dieEnterprisein normale Manövriergeschwindigkeit zurückkehrten.

Ein weiterer vorsichtiger Sieg für den gesunden Menschenverstand,dachte Picard. »Commander Kadohata, rufen Sie das Sternenflottenkommando auf einem sicheren Kanal, Priorität eins.«

»Aye, Sir«, erwiderte Kadohata.

Er wandte sich seinem Bereitschaftsraum zu. »Ich werde das Gespräch in meinem ...« Er stockte mitten im Satz, als er das verbrannte und rauchgeschwängerte Innere seines Büros sah, das während des Angriffs der Hirogen in Flammen aufgegangen war. Picard runzelte die Stirn. Der Anblick seines verschmorten Rückzugsortes weckte unangenehme Erinnerungen, die er zu vergessen gehofft hatte.

Die Zeit ist das Feuer, in dem wir verbrennen.

Dann sah er zu Kadohata und sagte: »Ich werde das Gespräch in der Beobachtungslounge annehmen, Commander.« Er ging zur rechten hinteren Tür und fügte hinzu: »Commander Worf, Sie haben die Brücke.«

KAPITEL 4

»Kampfstationen!«, brüllte Captain Krogan. Die Brückenlichter sprangen auf volle Helligkeit, als dieI.K.S. veScharg’aeine MillionqelI’qamsvon der klingonischen Welt Morska entfernt auf Impuls ging. Gleich hinter derveScharg’abefand sich ihr Kampfpartner, dieSturka, ein Kampfkreuzer derQang-Klasse.

Ein Feuersturm aus Disruptorschüssen stieg von der Planetenoberfläche auf und schlug in die zwei Borg-Kuben im Orbit ein. Die Einschläge schienen auf die Kuben keine Wirkung zu haben, außer ihnen blendende scharlachrote Lichthöfe zu verleihen. Dann erwiderten die Borg das Feuer und überzogen die Planetenoberfläche mit leuchtend grünen Narben.

Krogans Erster Offizier Falgar rief: »Schilde und Waffen aktivieren! Steuer, geben Sie Angriffsmusterya’DIchqaein.«

»Zehn Sekunden, bis wir in Schussreichweite der Borg sind«, antwortete der Steuermann.

»Alle Reserveenergie in die Schilde«, befahl Falgar.

Es ist an der Zeit, herauszufinden, ob die geheimen Torpedos der Sternenflotte auch für uns funktionieren,dachte Krogan, während er beobachtete, wie die Borg-Kuben auf seinem Schirm immer größer wurden. Seine Gegner hatten seinem Angriffskreuzer derVor’cha-Klasse gegenüber einen Vorteil von mehreren Sekunden, da dessen Schussreichweite ein paar HunderttausendqelI’qamskürzer war als die der Borg-Kuben. Das Ziel derveScharg’awar es, das erste Sperrfeuer der Borg zu überleben und dann nah genug heranzukommen, um die Kuben mit den Transphasentorpedos zu beschießen, die Sternenflottenadmiral Jellico an die Schiffe der klingonischen Verteidigungsstreitmacht hatte austeilen lassen.

»Die Borg feuern«, sagte Falgar und klang dabei absolut ruhig. Dann erschütterte eine Explosion von der GrausamkeitFek’lhrsselbst den Kampfkreuzer. Die hellen Kampflichter flackerten. Feuer und Funken traten aus der hinteren Station aus, und der Gestank verbrannten Haars drang in Krogans Nase.

Qonqar, der taktische Offizier, rief über den Lärm hinweg: »Ziel erfasst!«

Krogan schlug mit seiner Faust auf die Armlehne seines Sessels, während er mit der anderen Hand auf die Borg-Kuben auf seinem Schirm deutete. »Feuer!«

Ein Trio aus blauen Blitzen schoss vorwärts und in einer Spiralbewegung durch die Verteidigung der Borg. Während sie sich ihrem Ziel näherten, rief Falgar: »Steuer! Hart steuerbord!« Qonqar, alle Energie in die Backbordschilde!«

Weitere Einschläge erschütterten dieveScharg’a. Krogan grinste, als er auf dem Schirm sah, wie die Torpedos ihr Ziel trafen und einen der Borg-Kuben in einem saphirblauen Blitz auseinandersprengten. Während sich die Feuerwolke im Vakuum des Weltraums auflöste, erhellte hinter ihr eine weitere bläuliche Explosion die Sternenlandschaft, als der zweite Kubus ausgelöscht wurde.

Die Brückenoffiziere jubelten und brachen in Siegesgebrüll aus. Krogan gestattete sich ein befriedigtes Grinsen und nickte.Heute ist ein guter Tag zum Sterben ... für unsere Feinde.

Die Ausgelassenheit der Krieger wurde durch das Schrillen einer eingehenden Nachricht beendet. Kommunikationsoffizier Valk konzentrierte sich einen Augenblick auf seinen Im-Ohr-Empfänger und sah dann zu Krogan herüber. »Eine Nachricht von General Klag.«

»Auf den Schirm«, sagte Krogan und hob sein Kinn, um seinem kommandierenden Offizier gegenüber Stolz und Selbstbewusstsein auszudrücken.

Das Gesicht General Klags, dem Befehlshaber der Fünften Flotte, erfüllte den Sichtschirm.»Bericht«, sagte der General, der nun auch noch als Held des Imperiums ausgezeichnet worden war.

»Unsere Feinde sind vernichtet«, sagte Krogan.

»Hervorragend!«, lobte Klag.»Ihr Schiff wird für eine neue Schlacht benötigt. Wie ist Ihr Status?«

»Kleinere Schäden, aber immer noch kampftauglich«, erwiderte Krogan.

Klag nickte und fragte dann:»Was ist mit derSturka?«

Qonqar leitete einen Bericht derSturkaan Krogans Kommandoschirm weiter. »Captain K’Draq meldet, dass sie schweren Schaden erlitten haben«, sagte Krogan, nachdem er sich die Einzelheiten angesehen hatte.

Der General zog seine Augenbrauen zusammen.»Wir brauchen jedes Schiff. Können sie weiterkämpfen?«

»Fraglich«, sagte Krogan. »Sie haben ihren Warpantrieb verloren.«

»Dann lassen Sie sie zurück«,erwiderte Klag.»Treffen Sie sich in drei Stunden mit der Flotte an den Koordinaten, die ich Ihnen jetzt sende.«

Mit einem Blick wusste Krogan, dass der Treffpunkt auf einer direkten Linie zum Azur-Nebel, der Quelle der Borg-Plage, und der klingonischen Heimatwelt lag. »Die Borg haben es also auf Qo’noS abgesehen?«

»Wenn dem so ist, kommen sie, um zu sterben«,sagte Klag mit einem begierigen Grinsen.»Machen Sie sich jetzt auf den Weg. Das ist ein Befehl. Klag Ende.«

Der Schirm kehrte wieder zur Ansicht des verwundeten Planeten Morska und der rauchenden, angeschlagenen Hülle derSturkazurück, die im All trieb. Krogan leitete die Treffpunktkoordinaten an die Steuerkonsole weiter. »Setzen Sie einen neuen Kurs«, sagte er. »Maximale Warpgeschwindigkeit. Los.« Sterne rasten über den Schirm und verzogen sich dann zu Streifen, während dieveScharg’aauf Warp ging.

Auch wenn Krogan es niemals zugeben würde – weder seiner Besatzung noch seiner Familie oder seinen Vorgesetzten gegenüber –, wusste er doch, dass sein Schiff nur durch reines Glück gerettet worden war, während die Borg dieSturkabeschädigt hatten. Und wenn es eine Wahrheit gab, die jeder Krieger kannte, dann die, dass niemandes Glück für immer halten konnte.

Kanzler Martok trat von der Transporterplattform und war froh, zurück an Bord seines Flaggschiffes, derI.K.S. Schwert des Kahless, zu sein. General Goluk, ein hochrangiges Mitglied des Ordens desBat’lethund der Kommandant von Martoks geehrter Neunter Flotte, begrüßte ihn mit einem Nicken. »Qapla’, Kanzler.«

Martok erwiderte mit seiner grollenden Stimme: »Qapla’, General. Bericht.« Er marschierte aus dem Transporterraum, um schnell die Brücke zu erreichen.

Der graubärtige General folgte ihm. »Khitomer und Beta Thoridor sind gefallen. Beta Lankal und das Mempa-System werden gerade angegriffen, genauso wie mehrere Dutzend kleinerer Kolonien.

»Und Morska?«

»Wurde von derSturkaund derveScharg’averteidigt«, sagte Goluk. »Die Borg belagern außerdem Rura Penthe.«

»Wen kümmert schon Rura Penthe?«, fragte Martok. »Versammelt Klag seine Flotte?«

»Ja, mein Gebieter.« Goluk folgte Martok eine steile Mannschaftsleiter zum Kommandodeck hinauf. »Unsere Streitkräfte werden sich in drei Stunden treffen und die Borg in vier angreifen.«

Martok verließ die Leiter und schritt den Gang zur Brücke entlang. Obwohl ihm sein linkes Auge fehlte, bewegte er sich ohne Schwierigkeiten durch den Korridor. Er kannte die Stufen und Ecken seines Schiffes so genau, dass er den Weg auch blind finden würde. »Haben wir schon etwas von unseren Truppen im Nebel gehört?«

»Noch nicht«, antwortete Goluk. Er blieb dicht hinter Martoks Schulter, während er lief.

Die zwei grauhaarigen Krieger kamen auf der Brücke an. Das Kommandozentrum derSchwert des Kahlesswar voller Krieger, die alle konzentriert arbeiteten, um einen schnellen Einsatz zu ermöglichen. Tiefe, gedämpfte Stimmen mischten sich mit denen aus dem Kommunikationssystem und dem Hintergrundsummen des Stromverteilungsnetzes. Auf dem Schirm sah man Dutzende Kreuzer derVor’cha-und derK’vort-Klasse, die sich in engen Formationen bewegten und wie ein Vogelschwarm synchron drehten.

Captain G’mtor, ein erfahrener Offizier, der stolz eine tiefe Narbe zur Schau trug, die von seiner rechten Schläfe bis zu seinem Kinn reichte, trat vor den Kanzler und den General. »Neue Berichte aus dem Föderations- und dem romulanischen Raum, Kanzler«, sagte G’mtor. »Die Kämpfe bei Nequencia Alpha, Xarantine und Jouret haben begonnen. Die Borg-Armada zerstört alle versprengten Schiffe, denen sie begegnet.«

»Dann müssen wir ihnen als vereinte Flotte begegnen«, sagte Martok. Er nahm seinen Platz auf dem Kommandosessel ein. »Wie viele Schiffe sind bereit, uns in den Kampf zu folgen, Captain?«

»Einhundertsiebzehn haben sich vor Qo’noS versammelt, Sir«, antwortete G’mtor. »Weitere dreihunderteinundsechzig stoßen an den Treffpunktkoordinaten zu uns.«

»Und wie viele Borg-Schiffe haben wir in unserem Raum gezählt?«, fragte General Goluk.

»Vierhundertzweiundneunzig«, antwortete G’mtor. Er grinste und zeigte damit seine scharfen Zähne. »Also genießen wir bereits einen Vorteil.«

Martok konnte sehen, wie Goluk die Rechnung in seinem Kopf nachvollzog. Dann wollte der General von G’mtor wissen: »Wie sind Sie zu diesem Schluss gekommen, Captain?«

Martok lachte dröhnend und antwortete für G’mtor. »Weil wirKlingonensind!« Angespornte Rufe kamen von jedem Krieger auf der Brücke. Diese Männer waren bereit für den Kampf, und es erfüllte Martok mit Stolz, unter ihnen zu sein. Er erhob sich und sagte zu G’mtor: »Öffnen Sie einen Kanal zu allen Schiffen.«

G’mtor nickte einem anderen Offizier zu, der den Befehl eilig ausführte. »Kanal offen!«

Im gleichen Atemzug hatte Martok sich gesammelt und erklärte: »Krieger des Imperiums! Eine große Stunde steht uns bevor. Dieser Gegner wird unseren Mut auf die Probe stellen. Die Borg sind nicht gekommen, um uns auszuplündern, sondern um uns zu zerstören – um unser Imperium in Brand zu stecken, unsere Körper zu zerschlagen und unseren Geist an den PfortenGre’thorsin Schande zurückzulassen.

Das ist ein Fehler, den sie noch bereuen werden. Wir werden ihrer Armada mit unserer eigenen entgegentreten und ihnen zeigen, was es bedeutet, ehrenvoll zu kämpfen. Wir werden die Borg aus unserem Territorium verjagen und sie vernichten. Unser Imperium ist durch das Schwert aufgestiegen und eines Tages wird es durch das Schwert fallen. Aber wenn uns ein solches Schicksal erwartet, lasst uns alle durch Krieger fallen – und nicht durch diesepetaQpu’.

Heute ist für einen Krieger ein guter Tag zum Sterben – aber nicht für unser Volk. Das Klingonische Imperium wird heutenicht fallen.« Er schlug sich mit seiner Faust auf seine Brust. »Kämpft gut und sterbt ehrenvoll, Söhne und Töchter von Qo’noS!Qapla’!«

Ein dröhnendes »Qapla’!« schallte Martok und seiner Brückenbesatzung entgegen, die ohne Einleitung in eine kehlige und begeisterte Interpretation von »Soldaten des Imperiums« ausbrachen. Ihre stolzen Stimmen hallten von den Schotten wider und klangen durch die Gänge, wo neue Sänger in die Melodie einfielen und sie weitertrugen.

General Goluk nickte dem Kommunikationsoffizier zu, der den Kanal schloss, während der Gesang weiterging. Martok setzte sich wieder auf seinen Kommandosessel, der auf einem Podium über dem Rest der Brücke stand. Der General setzte sich rechts neben ihn. Über den lautstarken Gesang hinweg sagte er: »Alle Schiffe bereit zum Einsatz, mein Gebieter.«

»Verlassen Sie den Orbit«, sagte Martok. »Sobald sich die Flotte hinter uns in Formation befindet, koordinieren Sie unseren Sprung auf maximale Warpgeschwindigkeit.«

Goluk überließ Captain G’mtor die Einzelheiten, die nötig waren, um die Flotte auf Warpgeschwindigkeit zu bringen. Martok genoss währenddessen alle Eindrücke des Schiffslebens: die rauen Gesangsstimmen, die warmen Düfte aus der Kombüse ein paar Decks unter ihnen, das Donnern des Impulsantriebs, der das Schiff aus dem Orbit brachte, das stampfende Echo der Stiefel, die über Duranium-Gitter liefen.

Dies war nicht der Krieg, den er sich ausgesucht hätte, aber es fühlte sich gut an, seine Leute in die Schlacht zu führen, alle unter einer Fahne vereint. Die Kinshaya und die Elabrej hatten nicht ausgereicht, um den weit verstreuten Welten des Imperiums ein gemeinsames Ziel zu geben. Aber die Borg waren eine Bedrohung wie keine andere im bekannten All. Der Angriff des Kollektivs hatte die edlen Familien und das gemeine Volk zusammengeschweißt und die immer wieder auflebenden internen Konflikte des Hohen Rates unterbrochen.

Gebrüllten Befehlen folgte ein Blitz aus warpverzerrtem Sternenlicht auf dem Hauptschirm.

Wenn dieser Krieg vorbei ist,dachte Martok,wird das Imperium stärker sein als jemals zuvor ... oder in Trümmern liegen.

KAPITEL 5

Die Sternenflottenberichte, die im Palais de la Concorde eintrafen, wurden mit jeder Stunde schlimmer, und Präsidentin Nanietta Bacco war es müde, sie zu lesen. Sie zuckte zusammen, als ihr Interkom summte und ihr ältlicher vulkanischer Assistent Sivak verkündete:»Admiral Akaar ist hier, um Ihnen Ihren mittäglichen Bericht zu überbringen, Frau Präsidentin.«Bacco wollte sich gerade eine Ausrede ausdenken, um den Admiral wieder fortzuschicken, als Sivak hinzufügte:»Ms. Piñiero und Seven of Nine sind bei ihm.«

Sie seufzte. »Schicken Sie sie rein.«

Bacco erhob sich von ihrem Platz und drehte sich um. Sie sah aus dem Panorama-Wandfenster, wo der Eiffelturm im Licht der Nachmittagssonne über Paris strahlte. Wolkenfetzen rasten tief über den Horizont.

Sie betätigte eine Taste auf ihrem Schreibtisch, um die Fenster gegen die Sonne abzudunkeln. Während sich die elektrochemische Blende zwischen sie und die Stadt der Lichter senkte, fühlte sich der Moment für Bacco so an, als sei er ein tragisch-prophetisches Omen für die kommenden Stunden.

Eine der Türen hinter ihr öffnete sich. Es kostete sie all ihre Entschlossenheit, sich zu ihren Besuchern umzudrehen, da sie wusste, dass diese schlechte Nachrichten überbrachten. Sie wurden von Baccos Stabschefin Esperanza Piñiero hereingeführt, deren schwarzes Haar und olivfarbener Teint im starken Kontrast zum Aussehen ihrer zwei Begleiter stand.

Fleet Admiral Leonard James Akaar, der Sternenflottenkontaktmann zur Föderation, war ein großer, breitschultriger Mann capellanischer Herkunft. Sein hellgraues Haar rahmte in langen Wellen sein wettergegerbtes Gesicht ein.

Neben ihm stand Seven of Nine. Sie hatte helle Haut und blondes Haar. Ihr gutes Aussehen wurde durch die verbliebenen Borgtransplantate aus silbriggrauem Metall beeinträchtigt.

Seven, deren Name einst Annika Hansen lautete, bevor die Borg sie in ihrer frühen Kindheit assimilierten, war durch die Besatzung desRaumschiffes Voyagerwährend ihrer langen Reise aus dem Delta-Quadranten nach Hause vom Kollektiv befreit worden. Nun war sie Baccos höchste Sicherheitsberaterin in Sachen Borg.

»Guten Tag, Frau Präsidentin«, sagte Akaar, der in dem honigfarbenen Licht ihres abgedunkelten Fensters einer Bronzestatue ähnelte.

»Admiral«, sagte Bacco mit einem höflichen Nicken. Dann wandte sie sich mit einer ähnlichen Begrüßung an ihre Sicherheitsberaterin. »Seven.«

Piñiero tat so, als wäre sie beleidigt. »Kein Gruß für mich?«

»Sie sehe ich ja sowieso den ganzen Tag«, erwiderte Bacco ironisch.

Bevor Piñiero ihr Wortgeplänkel fortsetzen konnte, unterbrach Admiral Akaar: »Frau Präsidentin, wir haben wichtige Neuigkeiten.«

»Und wahrscheinlich keine guten«, sagte Bacco und setzte sich auf ihren Sessel. Sie vollführte eine rollende Handbewegung. »Sprechen Sie weiter, Admiral.«

Ein verzweifelter Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. »Die Borg bewegen sich schneller, als wir es jemals für möglich gehalten hätten.«

»Sie haben wahrscheinlich neue Antriebstechnologien assimiliert, während sie ihre Stärke wieder auffüllten«, fügte Seven hinzu.

»Wie schnell bewegen sie sich, Admiral?«, fragte Bacco.

»Uns wurden Angriffe auf Yridia, Hyralan und Celes bestätigt«, sagte er. »Wir nehmen an, dass die Borg in zwei Stunden Regulus belagern werden, Deneva in drei, Qo’noS in fünf. Bei dieser Geschwindigkeit sind sie nur noch neun Stunden von Vulkan und Andor und zwölf Stunden von der Erde entfernt. Bis morgen werden sie Trill, Betazed, Bajor und Dutzende anderer Welten angreifen können. Ein Großteil unserer Simulationen deutet auf einen Zusammenbruch der Föderation in zehn Tagen hin und die Niederlage der meisten unserer Nachbarn innerhalb eines Monates.«

Bacco ließ ihren Kopf in ihre Hände sinken. »Großer Gott!«

Piñiero fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Wir müssen diese Welten evakuieren. Jetzt sofort.«

»Um die Wahrheit zu sagen, Frau Präsidentin«, warf Akaar ein, »das wird nicht machbar sein. Es würde bedeuten, mehrere zehn Milliarden Personen innerhalb weniger Stunden zu bewegen.«

»Und es wäre ein sinnloses Unterfangen«, fügte Seven hinzu. »Jedes Schiff, das von diesen Welten flieht, würde von den Borg zur Strecke gebracht werden.«

Die ruhige Gewissheit der ehemaligen Drohne entflammte Piñieros Zorn. »Na und? Sollen wir unseren Leuten einfach sagen, dass sie still und leise auf ihr Ende warten sollen? Das ist ja wohl ein absolut dämlicher Plan!«

Akaar ließ seine Schultern sinken. »Ich stimme prinzipiell zu, Ms. Piñiero. Aber wir haben für eine Evakuierung nicht mehr genügend Schiffe zu unserer Verfügung. Alle Zivilschiffe, die in der Lage waren, zu fliehen, haben das bereits getan, und alle bewaffneten Raumschiffe und ihre Besatzungen wurden bereits zur Verteidigung der Kernsysteme zwangsrekrutiert.«

Bacco hob ihren Kopf und sagte zu Akaar: »Wie viele Leben haben wir bis jetzt verloren?«

»Ma’am?«

»Wie viele Zivilisten, Admiral?« Sie ließ ihre Wut größer werden, um ihre Verzweiflung in Schach zu halten. »Wissen wir das überhaupt?«

Der Admiral sah beschämt aus. »Wir haben Schätzungen.«

»Wie viele?«

»Seit dem ersten Borg-Angriff?«

»Ja«, antwortete Bacco. »Seit es losging.«

»Einschließlich der nicht zur Föderation gehörenden Welten ... schätzungsweise dreißig Milliarden.«

Die Zahl war zu groß, als dass Bacco sie hätte begreifen können. Dreißig Milliarden waren sogar für eine Statistik zu groß. Es war eine Abstraktion des Todes, geschrieben auf einer kosmischen Skala. »Kann die Sternenflotte genügend Schiffe auftreiben, um die Borg-Armada abzufangen?«

»So einfach ist das nicht, Frau Präsidentin«, sagte Akaar. »Es gibt keine einzelnen Vorstöße der Borg, die man abfangen könnte. Sie breiten sich auf Tausenden von Vektoren im ganzen bekannten Raum aus. Wir hatten die Verteidigungskräfte der Sternenflotte darauf ausgerichtet, die Kernsysteme zu verteidigen. Unglücklicherweise haben die Borg genügend Schiffe, um all unsere Systeme gleichzeitig anzugreifen.« Er senkte seinen Blick. »Ich bedauere, sagen zu müssen, dass wir für dieses Szenario keinen Abwehrplan haben.«

Bacco richtete ihren erschöpften Blick auf Seven. »Möchten Sie einen strategischen oder taktischen Rat geben?«

»Unsere Optionen sind begrenzt«, sagte Seven. »Ich konnte der Sternenflotte nicht dabei helfen herauszufinden, in welchem Kubus sich die Borg-Königin befindet, was die Möglichkeiten eines gezielten Gegenschlags einschränkt. Glücklicherweise hat bis jetzt keines der Schiffe in der Borg-Armada eine der absorbierenden Fähigkeiten des Riesenkubus gezeigt, dem wir uns letztes Jahr gegenübersahen. Das deutet darauf hin, dass die Mission derEnterprise, das assimilierte SchiffEinsteinaufzuhalten, ein Erfolg war.«

Piñiero sah Seven missgelaunt an. »Na prima«, sagte sie. »Ansonsten hätten die Borg wohl eine Bedrohung dargestellt.« Der bissige Kommentar zog einen Blick aus kaltem Feuer von Seven nach sich.

Bacco runzelte die Stirn und fragte Akaar: »Admiral, haben Sieaußerdem Ende der Föderation, wie wir sie kennen, noch andere Neuigkeiten?«

»Ja, Frau Präsidentin«, erwiderte er. »Wir haben Kontakt mit derEnterpriseund derAventinehergestellt. Sie waren im Delta-Quadranten auf einem Spähflug, als die Borg-Armada angriff. Sie sind zurückgekehrt und haben berichtet, dass alle Subraumtunnel zerstört sind. Admiral Jellico erteilt ihnen jetzt neue Befehle.«

Bei dieser Neuigkeit lehnte sich Bacco vor. »Können Sie Captain Picard eine Botschaft von mir übermitteln?«

»Natürlich, Frau Präsidentin.«

»Sagen Sie ihm, wenn erirgendeineIdee hat, wie man die Borg aufhalten kann, ganz egal, was er tun muss, hat er meine uneingeschränkte Erlaubnis, es zu tun. Und wenn er dafür die Sternenflottenvorschriften und die Gesetze der Föderation aus der Luftschleuse werfen muss. Wenn wir immer noch hier sind, sobald der Staub sich gelegt hat, kann er mit einer vollen Begnadigung für sich und seine Mannschaft rechnen, ohne weitere Untersuchungen. Das Gleiche gilt für jeden, der mit ihm zusammenarbeitet. Ist das klar, Admiral?«

Akaar nickte. »Unmissverständlich klar, Frau Präsidentin.«

»Dann lassen Sie uns hoffen, dass Picard noch ein weiteres Wunder im Ärmel hat. Denn der Himmel weiß, dass wir es brauchen.«

KAPITEL 6

»Die Wahrheit ist, Captains, dass die Sternenflotte keinen Plan mehr hat.«

Picard konnte sich nicht daran erinnern, dass Edward Jellico jemals so alt ausgesehen hatte. In den wenigen Monaten, seit Jellico zu einem der obersten Flaggoffiziere der Sternenflotte aufgestiegen war, schien er um ein Jahrzehnt gealtert zu sein. Sein bereits weißes Haar dünnte zunehmend aus, und die Fältchen in seinem Gesicht hatten sich in Furchen verwandelt, die von den niemals endenden Sorgen des Oberkommandos gezogen worden waren. Noch besorgniserregender war es für Picard, dass er nachempfinden konnte, wie Jellico sich fühlen musste. Nach einer halben Lebenszeit im Bereitschaftsraum eines Captains fühlte sich Picard wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten.