Star Trek - Discovery 1: Gegen die Zeit - David Mack - E-Book

Star Trek - Discovery 1: Gegen die Zeit E-Book

David Mack

4,5

Beschreibung

Star Trek: Discovery ist die sechste Realfilm-Fernsehserie, die im Star-Trek-Universum spielt. Im Mai 2017 wird sie wöchentlich auf Netflix ausgestrahlt. Produzenten und Autoren der Serie sind u.a. Alex Kurtzman, der zuvor bereits die Filme STAR TREK (2009) und STAR TREK INTO DARKNESS produzierte, und Kirsten Beyer, die Hauptautorin der Buchreihe STAR TREK – VOYAGER. Die Serie spielt 10 Jahre vor der Originalserie RAUMSCHIFF ENTERPRISE. Im Mittelpunkt der Serie steht das Raumschiff U.S.S. Discovery und die Hauptrolle ist ein weiblicher Underdog.

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GEGEN DIE ZEIT

Von

Based onStar Trekcreated by Gene RoddenberryandStar Trek: Discoverycreated by Bryan Fuller and Alex Kurtzman

Ins Deutsche übertragen vonHelga Parmiter

Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – DISCOVERY: GEGEN DIE ZEIT wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Helga Parmiter; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Katrin Aust ; Korrektorat: Katja Wetzel;

Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: CBS Studios Inc.;

Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – DISCOVERY: DESPERATE HOURS

German translation copyright © 2017 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2017 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2017 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc. All rights reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-95981-190-3 (September 2017) · E-Book ISBN 978-3-95981-191-0 (September 2017)

WWW.CROSS-CULT.DE • WWW.STARTREKROMANE.DE • WWW.STARTREK.COM

Für all diejenigen, die darum kämpfen,den Traum am Leben zu erhalten.

Inhalt

HISTORISCHE ANMERKUNG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

DANKSAGUNGEN

HISTORISCHE ANMERKUNG

Diese Geschichte findet im Mai 2255 statt, ungefähr ein Jahr vor der historischen Mission der Shenzhou zu den binären Sternen und ein Jahr nach der ersten Mission der Enterprise auf Talos IV.

Zwischen Recht und Urteil liegen oft Welten.

– Emmeline PankhurstBritische Suffragette,Die Geschichte meines Lebens (1914)

1

Verdammt noch mal. Was ist jetzt wieder los? Jon Bowen nahm zwei Stufen auf einmal, während er das Treppenhaus hinaufschoss, als stünden dieses und sein Hintern in Flammen. Die Operationsebene befand sich vier Etagen über seinem Quartier und er war nach zwei Stockwerken bereits außer Atem. An den meisten Tagen hätte er auf den Lift gewartet, aber an den meisten Tagen wurde die Bohrinsel Arkadia Explorer auf Sirsa III auch nicht von einem tropischen Wirbelsturm durchgeschüttelt, der dafür sorgte, dass ihr Unterwasserbohrer eine Flut von Alarmmeldungen ausspie.

Eine Dreiergruppe Mechaniker raste die Treppen hinunter an Bowen vorbei. Er drückte sich mit dem Rücken an die Wand, um sie vorbeizulassen, da sie Werkzeuge, Kabel und klobige Notfallausrüstungen trugen. Keiner der Werkzeugschwinger nahm ihn zur Kenntnis, während sie vorbeirannten. Das war ihm nur recht. Schweiß rann aus seinem schütteren blonden Haar über seine Stirn, während er nach Atem rang. Sobald das Treppenhaus frei war, setzte er seinen Aufstieg fort und fluchte leise über den Schmerz in seinem Kreuz, die Muskelkrämpfe in seinen Oberschenkeln und den Schwindel in seinem Kopf.

Je näher er dem oberen Ende der Treppe kam, desto deutlicher hörte er die Alarmsirenen der Plattform – ein summender Schallangriff, der von den Klangtechnikern so optimiert worden war, dass er heulende Winde und heranrollende Wellen übertönte. Das Deck nahe der Tür, die nach draußen führte, war nass und der Flur zur Ops war erfüllt mit dem Hintergrundrauschen des Regens, der gegen das Äußere der Plattform klatschte. Bowen ignorierte die flackernden orangen Lichter und fortwährend heulenden Sirenen und eilte den engen Durchgang entlang in die überfüllte Ops.

Das blaue Licht der Anzeigenreihen stand in starkem Kontrast zu den flackernden, gelben Notfallleuchten über seinem Kopf. Besatzungsmitglieder bemannten jede Station, was mitten in der Nacht eher selten vorkam. Bowen ging auf den zentralen Besprechungstisch zu und rief: »Was zur Hölle ist hier los?«

Die Nachtschichtführerin, Lewa Omalu, überließ ihren Platz am Besprechungstisch Bowen und gab ihm das Headset des Koordinators, als sie beiseitetrat. »Der Bohrer hat irgendetwas getroffen.«

»Das soll er doch auch, oder nicht?«

Omalu zeigte auf eine blinkende Fehleranzeige auf dem Hauptsystemmonitor. »Er steckt fest.«

»Verfluchter Mist!« Bowen grollte leise noch einige unflätige Ausdrücke und vergrößerte das Sensorbild vom unteren Ende der Bohrwelle. »Was zur Hölle kann einen Plasmabohrer anhalten?«

»Dieselbe mit Duranium angereicherte Gesteinszusammensetzung, die uns überhaupt erst hierhergebracht hat.« Sie zeigte mit einem dunkelbraunen Finger auf einen Querschnitt des Meeresbodens. »Wir hatten gerade die letzte Sedimentschicht durchbrochen, als der Bohrer sich festfraß.«

Keine der Zahlen auf der Anzeige ergab für Bowen einen Sinn. »Dann ziehen Sie ihn heraus.«

»Welchen Teil von ›feststecken‹ haben Sie nicht verstanden?« Omalu bemerkte Bowens scharfen Blick und zügelte ihr Temperament wieder. »Ich habe alle Werkzeugschwinger, die ich entbehren kann, damit beauftragt, die Reserveenergie umzuleiten. Sobald wir den Bohrer im Rückwärtsgang wieder freibekommen, werde ich ihn zur Begutachtung des Schadens hochbringen. Danach schicke ich eine Sonde hinunter, um nachzusehen, was wir da vor uns haben.«

»Klingt gut.« Bowen schüttelte seine schlechte Laune ab. Es war eine ganz normale Nacht, eine der üblichen Pannen – nichts, worüber man sich aufregen musste. »Wird der Sturm zum Problem werden?«

Omalu blickte zu dem breiten Fenster aus transparentem Aluminium, das sich am südlichen Ende der Ops befand, und betrachtete den von Blitzen durchzogenen Ansturm von Wind und Regen, der auf die Bohrinsel Arkadia Explorer eintrommelte. Sie warf Bowen einen skeptischen Blick zu. »Sie machen Witze, oder? Das ist nur ein Regensturm. In Lagos bin ich jeden Sommer durch Schlimmeres gesegelt, als ich noch ein kleines Mädchen war.«

»Dachte ich mir. Ich wollte nur sichergehen.« Er fragte sich, ob er wohl wieder einschlafen könnte, wenn er jetzt in sein Quartier zurückkehrte, oder ob er wach bleiben sollte, da in ein paar Stunden ohnehin Tagesanbruch war. Er fragte Omalu: »Ist in der Küche noch Kaffee?«

»Was glauben Sie?«

»Ich glaube, dass die Leute auf dieser Bohrinsel lernen müssen, neuen Kaffee aufzusetzen, wenn sie den letzten Tropfen ausgetrunken haben. Das gehört einfach zum guten Ton, verdammt noch mal! Sie wissen, was ich …« Die Lichter über ihren Köpfen erloschen. Das Deck schwankte auf und ab und warf Bowen gegen den Besprechungstisch. Omalu und ein halbes Dutzend andere Mitglieder des Ops-Teams taumelten und prallten zusammen gegen eine Konsolenbank. Der summende Alarm wurde durch eine brüllende Sirene ersetzt und beinahe jede Anzeige auf dem Hauptsystemmonitor schaltete von einer Sekunde auf die andere auf kritisch Rot.

Draußen vor dem südlichen Fenster schoss ein Feuerball aus einem der Kraftstofftanks und ein Lastenkran schwang von der Plattform weg und kippte zur Hälfte ins Meer.

Bowen erreichte den Besprechungstisch und öffnete einen internen Kanal. »Maschinenraum, Ops hier! Lagebericht!« Er hörte nur statisches Rauschen aus dem Kanal. Er schaltete auf einen anderen Kanal um. »Bohrerteam, Ops hier! Bericht!« Totenstille.

Omalu kämpfte sich zurück an Bowens Seite. »Hat uns etwas getroffen?«

»Woher soll ich das wissen?« Bowen hatte Schwierigkeiten, aus dem Chaos, das sich auf den Monitoren der Plattform entfaltete, schlau zu werden. »Wir haben verschiedene Brände auf den unteren Ebenen sechs und sieben. Keine Anzeigen von weiter unten.« Er wirbelte um die eigene Achse und sah den Bohrleiter an. »Ramayan! Was ist los?«

»Seismische Aktivität direkt unter uns«, sagte der Bohrleiter, der aus Mumbai stammte. Seine Stimme überschlug sich, weil er den Lärm der Alarmsirenen und ein seltsames Grollen übertönen musste, das sich durch die Aufbauten der Plattform fortpflanzte. »Der Meeresboden hebt sich sehr schnell! Der Bohrer wird zurückgedrückt …« Sein Bericht wurde von einer weiteren Explosion vor dem Fenster abgeschnitten. Das verbogene und eingerissene Bohrgehäuse schoss durch die Plattform hindurch nach oben, durchbrach ihr Dach und löste an verschiedenen Stellen Strukturversagen aus. Bowen beobachtete entsetzt, wie die Mitte der Arkadia Explorer in dem neu entstandenen Loch verschwand, das durch den Ausstoß der riesigen Bohrvorrichtung entstanden war.

»Heilige Scheiße!«, murmelte Bowen. Lauter verlangte er: »Schadensberichte! Jetzt!«

Omalu antwortete als Erste: »Anstieg des Meeresbodens bestätigt. Alle unsere Stützpylonen sind gebrochen.« Sie schaltete eine Aufnahme von einem Sicherheitssensor auf der Außenseite zu. Ein Bild der Plattform tauchte über dem Besprechungstisch auf und zeigte, dass die beiden untersten Ebenen der gewaltigen Anlage bereits eingestürzt und in der tosenden See unter ihnen verschwunden waren. Sie hatten mehr als zweihundert Mitarbeiter – einschließlich dem größten Teil der Ingenieure – mitgerissen. Das Bild kippte, als die Plattform erneut ruckte und Bowen von den Füßen riss. Omalu umklammerte mit weiß hervortretenden Fingerknöcheln den Tisch. »Wenn diese Bohrinsel mehr als sechs Meter in irgendeine Richtung kippt, wird sie sinken.«

Entsetzen wirbelte Bowens Gedanken durcheinander. Die Arkadia Explorer stand auf Pylonen aus Thermobeton, der mit Duranium verstärkt war. Sie hätten jeder Naturkatastrophe, mit der dieser Planet aufwarten konnte, standhalten müssen. Jetzt war die ganze Anlage kurz davor, im zweitausendvierhundert Meter tiefen Wasser zu verschwinden.

Es blieb keine Zeit, um Reparaturen zu veranlassen, und da der größte Teil der Ingenieure bereits tot war, gab es auch niemanden, der sie hätte ausführen können. Bowen hatte keine andere Wahl. Er drückte seine Handfläche auf ein biometrisches Feld auf dem Hauptsystemmonitor. »Computer, Evakuierungsalarm für alle Decks auslösen!«

»Bestätigt«, antwortete die männliche Computerstimme mit trockenem Londoner Akzent.

Bowen wandte sich von der Konsole ab und richtete sich auf. »Sehen Sie zu, dass Sie schleunigst hier rauskommen! Gehen Sie in eine Fluchtkapsel, ein Shuttle, irgendetwas! Los!« Der Raum leerte sich innerhalb von Sekunden. Bowen musste Omalu anstoßen, damit sie den Hauptsystemmonitor verließ. »Es ist vorbei, Lewa! Wir müssen los! Jetzt!« Sie fielen beinahe übereinander, als sie sich auf den Weg zum nächsten Ausgang machten. Ramayan Chandra folgte ihnen auf dem Fuße, als sie die Ops hinter sich ließen und nach draußen in den Sturm rannten.

Omalu erstarrte an einer T-Kreuzung auf dem Laufgang. Bowen zeigte nach rechts, doch dann zog Chandra beide in die entgegengesetzte Richtung. »Hier entlang!«

Bowen protestierte: »Aber die Kapseln …«

»Sind zu weit weg«, sagte Chandra. »Das Shuttle ist näher! Kommen Sie!« Der schlanke Ingenieur übernahm die Spitze und führte sie durch Regenschauer, die ihnen die Sicht nahmen. Die Tropfen waren wie Nadelstiche auf Bowens Gesicht.

Genau wie Chandra es versprochen hatte, befand sich um die nächste Ecke eine schmale Brücke, die zu einer Landeplattform führte, auf der eine Raumfähre parkte.

Die drei rannten darauf zu und kämpften darum, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, als die Bohrinsel sich erneut verlagerte. Omalu rutschte auf der nassen Metallbrücke aus und stürzte beinahe über die Reling, unter der ein Gewirr aus zerborstenen Metallstreben über dem tosenden, schwarzen Wasser aufragte. »Sind Sie in Ordnung?« Regen prasselte auf ihr Gesicht. Sie nickte. Er zerrte an ihr, damit sie sich in Bewegung setzte, und sie rannten weiter auf die Raumfähre zu.

Chandra erreichte als Erster das kleine Schiff und warf sich auf den Pilotensitz. Omalu blieb zurück, um die Luke zu verschließen. Bowen schnallte sich auf dem Kommandosessel an. »Bringen Sie uns in die Luft«, blaffte er Chandra an, »bevor das …«

Das Unheil griff seiner Warnung vor. Donnernd glitt die Bohrinsel von ihren zerschmetterten Pylonen und neigte sich dem Meer entgegen. Außerhalb der Cockpitkanzel spielte sich ein Albtraum ab. Ganze Bereiche der Bohrinsel rissen auseinander. Metall und Körper ergossen sich ins Meer.

Von anderen Landeplattformen glitten Raumfähren und andere kleine Raumschiffe über den Rand und versanken im tobenden Meer. Bowen spürte, wie die Schwerkraft seine eigene Raumfähre festhielt, und ihm wurde klar, dass er sehr wahrscheinlich einen Blick auf sein eigenes unmittelbar bevorstehendes Schicksal warf.

»Ramayan!«

»Ich weiß, Jon! Halten Sie die Klappe!«

Chandra führte einen Kaltstart des Antriebs durch und zündete die Manövrierdüsen. Bowen klammerte sich an der Konsole der Raumfähre fest. Das winzige Schiff schoss auf das Wasser zu … und dann biss er die Zähne zusammen, als Chandra den Steuerknüppel anzog und das Schiff in einen Steilflug mit hoher g-Kraft zwang. Der Rumpf und die Stabilisierungsflosse am Heck der Raumfähre berührten die Wasseroberfläche und ließen Gischt aufspritzen.

Dann sahen Bowen und Chandra, wie der Hauptteil der Arkadia Explorer in ihre Richtung stürzte. Die Zeit schien sich zu verlangsamen und ihre Eingeweide zogen sich zusammen, während Chandra eine scharfe Wende flog, dabei beschleunigte und gleichzeitig eine Seitwärtsrolle vollführte. Er steuerte die Raumfähre durch eine Lücke, die sich in den Aufbauten der Bohrinsel aufgetan hatte, als würde er einen zarten Faden durch das Nadelöhr des Todes führen. Blitze zuckten über den schwarzen Himmel vor ihnen und einen halben Atemzug lang dachte Bowen, sie wären explodiert …

Dann ließ die blendende Helligkeit nach, seine Augen passten sich an und er wusste, sie hatten es lebend hinausgeschafft.

Die Raumfähre legte sich in eine Steilkurve. Bowen warf einen Blick hinunter und sah, wie der Rest der Bohrinsel auseinanderbrach und im Feuer der Explosionen verschwand. Innerhalb von Sekunden wurde sie vom Meer verschlungen. Ölige Wolken schwebten auf den Schaumkronen der Wogen, wo die Bohrinsel noch vor wenigen Minuten gestanden hatte.

Das Wasser schien zu kochen und teilte sich dann. Es gab den Blick frei auf eine riesige, fremdartige und unförmige Gestalt – wie ein grässlicher Leviathan aus uralten Legenden, der sich aus der Umarmung des Ozeans befreit hatte. Teile der Bohrinsel stürzten von seinem gekrümmten Rücken und glitten dann in die salzigen Tiefen.

»Mein Gott!« Bowen zeigte hinunter auf das Ungetüm. Chandra betrachtete es verwirrt und erstaunt. Omalu reagierte mit völligem Entsetzen. Bevor sie die Chance hatten, es in allen Einzelheiten zu studieren, hatte der Sturm ihre Raumfähre verschluckt. Umgeben von Dunkelheit, Donner und reinigendem Regen schossen sie von der Katastrophe weg.

Omalu ließ sich zwischen Bowen und Chandra aufs Deck fallen. »Was war das für ein Ding?«

»Ich habe keine Ahnung«, gab Bowen zu. »Aber wir sollten lieber eine gute Antwort auf diese Frage finden, bevor wir vor die Gouverneurin treten, oder wir sind im Eimer.«

2

Es war ein Privileg des kommandierenden Offiziers, zu spät zu kommen, und an diesem Abend nutzte Captain Philippa Georgiou dieses Vorrecht nach allen Regeln der Kunst aus. Sie war sich irgendwie der Tatsache bewusst, dass die penible Vorbereitung ihrer Galauniform ein Versuch war, einen Umstand hinauszuzögern, vor dem sie am liebsten immer noch die Augen verschloss. Derselbe Grund war auch für ihren schleppenden Schritt verantwortlich, mit dem sie ihr Quartier verlassen und sich in einen Aufzug zur Offiziersmesse begeben hatte. Diese befand sich auf einem unteren Deck der Untertassensektion des Raumschiffs Shenzhou. Jetzt näherte sie sich der Tür zur Messe und fand jeden Schritt schwieriger als den vorherigen.

Dann öffnete sich die Tür vor ihr und eine lebhafte Jazzmelodie aus Klavier, Klarinette, Bass und Schlagzeugbesen schwebte zusammen mit dem Gemurmel vieler Stimmen, die höfliche Unterhaltungen führten, in den Korridor. Unteroffiziere aus der Serviceabteilung liefen mit Tabletts voller Getränke und Appetithäppchen umher und erfüllten die Wünsche ihrer Gäste. Es war eine lebhafte und doch würdevolle Abendgesellschaft, die den Ehrengästen und dem Anlass angemessen war.

Georgiou bemerkte, dass die meisten anderen Offiziere bereits gefüllte Champagnerflöten in der Hand hielten, also schnappte sie sich im Vorbeigehen eine von einem Tablett und bedankte sich beim Kellner mit einem Lächeln. Sie drehte sich langsam um die eigene Achse und ließ den Raum auf sich wirken. In einer Ecke erduldete der neue Kommunikationsoffizier, Ensign Mary Fan, schüchtern die Flirtversuche des schlaksigen Chefingenieurs, Lieutenant Commander Saladin Johar. Auf der anderen Seite – in der Nähe der Aussichtsfenster mit Blick auf die dämmrige Nordhalbkugel von Ligot IV – entspann sich eine gut gelaunte Diskussion zwischen dem jungen taktischen Offizier, Lieutenant Kamran Gant, dem Offizier der Flugkontrolle, Ensign Keyla Detmer, und dem Ops-Offizier, Lieutenant Belin Oliveira. Ganz gleich was Gant vorbrachte, die beiden Frauen schüttelten abwechselnd den Kopf und brachen in schallendes Gelächter aus.

Durch die Menge der Junior-Offiziere hindurch entdeckte Georgiou den leitenden medizinischen Offizier, Doktor Anton Nambue, einen Mann der leisen Töne, der sich mit dem taktischen Führungsoffizier, Lieutenant Michael Burnham, unterhielt. Es kam Georgiou merkwürdig vor, dass die normalerweise wortkarge Burnham – die Georgious Schützling war, seit Botschafter Sarek die auf Vulkan aufgewachsene menschliche Frau vor sechs Jahren davon überzeugt hatte, das Offizierspatent der Sternenflotte zu erwerben – sich auf ein vergnügtes Geplänkel mit dem guten Doktor einließ. Vielleicht lernt sie allmählich, sich etwas zu entspannen, dachte Georgiou hoffnungsvoll. Das wäre ein längst überfälliges Wunder.

Gegenüber von Burnham stand ihr langjähriger beruflicher Konkurrent und rhetorischer Widerpart, Lieutenant Saru. Die beeindruckende Größe des kelpianischen Wissenschaftsoffiziers von knapp über zwei Metern, sein von Furchen und Kämmen durchzogenes, totenschädelähnliches Gesicht und seine irgendwie seltsam anmutende, leicht nach hinten gebogene Haltung machten es sogar in einer Menschenmenge schwer, ihn zu übersehen. Saru schien entschlossen, die gesamte Aufmerksamkeit der beiden Ehrengäste der Party für sich zu vereinnahmen. Diese waren der Erste Offizier, Commander Sonnisar ch’Theloh, und der zweite Offizier, Lieutenant Commander Itzel Garcia. Das Lächeln des Andorianers wirkte etwas angestrengt und Garcias Aufmerksamkeit wechselte zwischen Sarus ständigem Geplapper höflicher Banalitäten und der Leere in ihrem Glas hin und her.

Mir scheint, hier ist eine Rettungsmission angebracht, erkannte Georgiou.

Sie schnappte sich ein weiteres Glas Champagner auf ihrem Weg durch die Messe und schob sich mit stillem Selbstvertrauen elegant zwischen Saru und seine Konversationsgeiseln.

»Wie man sich also vorstellen kann«, sagte Saru, der Georgious Anwesenheit noch nicht bemerkt hatte, »wurde meine Entscheidung, die Ästhetik kelpianischer Innenarchitektur dem Quartier, das für den Botschafter von Pahkwathanh vorgesehenen war, zuteilwerden zu lassen, mit wenig Begeisterung aufgenommen …« Seine Anekdote brach ab, als er merkte, wie die Aufmerksamkeit von ch’Theloh und Garcia sich verlagerte. Er drehte sich um die eigene Achse und sah Georgiou. Dann wich er mit einem leichten Zucken zurück. »Captain! Verzeihen Sie, ich hatte nicht bemerkt, dass Sie sich zu uns gesellt haben.«

»Das schien mir nötig zu sein.« Sie gab ihre zusätzliche Champagnerflöte Garcia. »Sie wirkten, als ob Sie noch einen gebrauchen können.«

Garcia stellte ihr leeres Glas beiseite und nahm das frische Glas mit dankbarem Nicken entgegen. »Sie sind zu freundlich, Captain.« Sie nippte einmal und fragte dann: »Es ist also Zeit für Ihre große Rede?«

»Erwartet man von mir eine Rede?« Georgiou täuschte Überraschung vor, doch ch’Thelohs und Garcias amüsiertes Grinsen machte deutlich, dass sie ihr das kleine Schauspiel nicht abnahmen. Saru begegnete diesem Moment allerdings mit der für ihn typischen ausdruckslosen Miene, als könnte er ohne ausdrückliche Erlaubnis oder direkten Befehl nicht lachen. »Also schön«, sagte Georgiou und schob sich an ihren beiden Führungsoffizieren vorbei, damit sie sich mit dem Rücken zum Aussichtsfenster stellen und alle im Raum ansprechen konnte.

Sie nahm einen Teelöffel von einem in der Nähe stehenden Tisch und tippte damit gegen ihr Glas.

Das helle Klingen brachte die meisten im Raum zum Schweigen, bis auf eine kleine Gruppe Junior-Offiziere im hinteren Bereich, die zu sehr mit Lachen beschäftigt waren, um das Signal zu hören. Lieutenant Saru nahm sich umgehend dieses Fauxpas an. Er wandte sich der Gruppe frischgebackener Offiziere zu, nahm eine gebieterische Haltung ein und rief: »Ensigns! Seien Sie still! Der Captain möchte etwas sagen!« Sein Befehl brachte die Erheiterung in der Ecke zum Erliegen – und um es noch schlimmer zu machen, fror die Stimmung im restlichen Raum ebenfalls ein.

Georgiou überspielte ihr Unbehagen. Die schlimmste Eröffnung aller Zeiten.

Sie setzte ein Lächeln auf, um die Spannung zu lösen. »Zunächst einmal möchte ich Ihnen allen für Ihr Kommen am heutigen Abend danken. Wie Sie sicherlich alle inzwischen wissen, haben wir uns hier versammelt, um uns von unserem hochgeschätzten Ersten Offizier, Commander ch’Theloh, zu verabschieden, der uns verlässt, um sein erstes eigenes Kommando auf dem Raumschiff Gagarin zu übernehmen. Und als ob es noch nicht schmerzlich genug ist, meines Ersten Offiziers beraubt zu werden, dem ich seit vier Jahren rückhaltlos vertraue, hat er auch noch unseren zweiten Offizier, Lieutenant Commander Garcia, abgeworben, die fortan auf der Gagarin als Erster Offizier ihren Dienst verrichten wird.« Sie sah ch’Theloh an. »Sonny, Sie waren ein großartiger Stellvertreter und Sie waren mir ein guter Freund. So sehr ich es hasse, Sie ziehen zu sehen, so glücklich macht es mich, zu wissen, dass die Gagarin einen großartigen kommandierenden Offizier bekommen wird.« Sie drehte sich weiter zu Garcia und fuhr fort: »Itzel, Sie haben in so kurzer Zeit so viel erreicht. Mit sechzehn haben Sie Ihr kleines Dorf in Yucatán verlassen, um an die Sternenflottenakademie zu gehen. Und es scheint, als sei es gestern gewesen, dass Sie als Ablösung für die Ops auf die Shenzhou versetzt wurden. Jetzt werden Sie auf einem der geschichtsträchtigsten Schiffe der Flotte als Erster Offizier Dienst tun. Ich bin unglaublich stolz auf Sie.« Dann warf sie ch’Theloh einen Blick zu und fügte hinzu: »Auf Sie beide.« Sie erhob ihr Glas und die anderen Offiziere im Raum taten es ihr gleich. »Unser Verlust ist der Gewinn der Gagarin. Wünschen Sie mit mir Captain ch’Theloh und Commander Garcia viele Jahre grenzenloser Wunder, während sie gemeinsam zu ihrem nächsten großen Abenteuer aufbrechen. Prost!«

Die Menge antwortete in einem donnernden Chor: »Prost!« Dann wurden die Gläser an die Lippen gehoben und die Offiziere der Shenzhou tranken auf ihre scheidenden Schiffskollegen.

Georgiou war überzeugt, ihren Verpflichtungen Genüge getan zu haben, und mischte sich wieder unter die Menge. Sie entdeckte Burnham, die alleine war, und ging zu ihr hin. Gerade als sie neben der jüngeren Frau angekommen war, tauchte Saru aus der Menge auf und stellte sich zwischen sie. »Eine rührende Lobrede, Captain«, sagte der Kelpianer. »Ein äußerst passender Abschiedsgruß.«

Burnham hob eine Augenbraue in Sarus Richtung. »In der Tat. Und ihre Leistung ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass sie gezwungen war, nach Ihrem aufrüttelnden Ruf zu den Waffen zu sprechen.«

Saru spannte sich an und betrachtete Burnham mit kaum verhohlener Verachtung. »Was soll das bedeuten?«

»Nur, dass ich hoffe, niemals nach solch einer denkwürdigen Einleitung sprechen zu müssen.«

»Ich bezweifle, dass Sie eine solche jemals verdienen werden«, konterte Saru.

»Wie freundlich von Ihnen, das zu sagen, Mister Saru.«

Es dauerte einen Moment, bis Saru erkannte, dass er innerhalb weniger Sekunden zweimal beleidigt worden war. Er ballte seine Fäuste und zitterte wie ein überängstlicher kleiner Hund. Da er kurz davorstand, die Fassung zu verlieren, nahm Georgiou das als Zeichen dafür, die beiden zu trennen, bevor es mitten in einer ansonsten angenehmen Abschiedsfeier zu einer weiteren der berüchtigten Szenen zwischen Burnham und ihm kommen konnte.

Sie übte sanften Druck auf Burnhams Oberarm aus und führte sie zum Ausgang. »Gehen wir ein Stück, Lieutenant. Wir müssen etwas besprechen.«

»Natürlich, Sir.« Burnham warf ihrem Rivalen einen Abschiedsblick über die Schulter hinweg zu. »Bleiben Sie wachsam, Saru. Ich glaube, einer der Gäste klaut das Besteck.«

Saru wirbelte schnell herum und suchte den Raum mit Blicken nach dem angeblichen Täter ab, bis ihm klar wurde, dass Burnham ihn zum x-ten Mal hereingelegt hatte.

Georgiou wusste, dass man Burnhams Verhöhnung von Saru in der verschlüsselten Militärjuristensprache der Sternenflotte als »einem Offizier unangemessenes Verhalten« bezeichnen würde. Doch dasselbe würde für das Gelächter des Captains über Sarus missmutigen Blick gelten, der die beiden Frauen auf dem gesamten Weg durch die Messe verfolgte, bevor sie die Feier hinter sich ließen und in einen leeren Korridor entflohen.

Eine der schwierigsten Lektionen, die Michael Burnham während ihrer Erziehung auf Vulkan verinnerlicht hatte, war, den Wunsch nach Befriedigung ihrer Neugier im Zaum zu halten. Jedes Mal, wenn sie sich neuen Informationen oder neuen Fragen gegenübersah, wollte sie umgehend der Wahrheit auf den Grund gehen. Es hatte sie viel Zeit und Mühe gekostet, zu lernen, dass es unter bestimmten Umständen klüger und produktiver war, geduldig zu sein und zuzulassen, dass die Tatsachen sich von allein im richtigen Kontext offenbarten.

Dieses hart erkämpfte Stück Weisheit stand gedanklich bei ihr im Vordergrund, während Captain Georgiou sie aus der Offiziersmesse und den gewundenen Korridor der Shenzhou entlangführte. Die Einladung des Captains war beinahe sofort nach Burnhams verbalem Schlagabtausch mit Lieutenant Saru erfolgt. Hieß das, dass diese Unterhaltung sich darum drehen würde?

Heute Abend war nicht das erste Mal, dass Burnham und Saru rhetorisch aneinandergeraten waren. Dennoch hatten ihr verschiedene Schiffskollegen gesagt, dass sie hin und wieder über die Grenzen des von Sternenoffizieren erwarteten Verhaltens hinausging. Einige ihrer Kollegen schrieben diese Unzulänglichkeit der Tatsache zu, dass sie nicht an der Sternenflottenakademie gelernt hatte. Stattdessen hatte sie ihr Offizierspatent nach ihrem Abschluss an der Vulkanischen Akademie der Wissenschaften erhalten. Tatsächlich hatte Burnham allerdings den größten Teil ihres Lebens unter Vulkaniern verbracht. Die Folge war, dass die menschliche Kultur und ihre Gebräuche ihr oft fremd erschienen. Captain Georgiou hatte die letzten sechs Jahre damit verbracht, ihr dabei zu helfen, diese Hürde zu überwinden. Mit gemischten Ergebnissen, gestand sie sich selbst ein.

Als sie den Bug des Schiffs erreichten, blieb Georgiou vor einem breiten Aussichtsfenster stehen. Der Captain stand bequem, hielt ihre Hände hinter dem Rücken gefaltet und starrte hinaus auf Ligot IV. »In weniger als neunzig Minuten wird die Gagarin sich im Orbit zu uns gesellen und ch’Theloh und Garcia werden hinüberbeamen und ihre neuen Kommandoposten einnehmen. Was bedeutet, dass ich eine Wahl zu treffen habe.«

»Eine Wahl, Captain?«

»Eine ziemlich wichtige.« Georgiou musterte sie mit einem langen Seitenblick. »Der Natur ist ein Vakuum zuwider. Anscheinend gilt das auch für das Sternenflottenkommando.« Ein listiges Lächeln. »Admiral Anderson hat Sie mit sofortiger Wirkung zum kommissarischen Ersten Offizier der Shenzhou ernannt.«

Burnham dachte über die Worte des Captains nach. »Kommissarischer Erster Offizier? Soll ich das so deuten, dass meine Beförderung nur zeitweilig ist?«

»Nicht unbedingt«, sagte der Captain. »Ich würde sagen, der Posten ist … an gewisse Bedingungen geknüpft.«

Es war untypisch für Georgiou, auszuweichen. Das machte Burnham misstrauisch. »Darf ich fragen, wie diese Bedingungen aussehen?«

»Das liegt vollkommen in meinem Ermessen. Obwohl ich glaube, dass ich als erstes Kriterium in Betracht ziehen würde, ob Sie den Job überhaupt wollen?«

Wieso fragt sie mich das? Burnham ließ die sechs Jahre, in denen sie und der Captain gemeinsam gedient hatten, an sich vorbeiziehen. Sie hatten zahllose Krisen überstanden und der Captain hatte geduldig so viel Weisheit an sie weitergegeben. Sie hatte als Mentor dort weitergemacht, wo Sarek aufgehört hatte – und auf vielfältige Weise war ihre geistige Führung schwieriger zu meistern gewesen. Aber zweifelt sie immer noch an mir?

Sie wollte weder übereifrig noch ablehnend erscheinen und versuchte, weitere Informationen zu erhalten. »Weshalb würden Sie glauben, dass ich nicht Erster Offizier werden will?«

Georgiou runzelte die Stirn und dachte über ihre Antwort nach. »Um ehrlich zu sein, Michael, sind Sie mir nie besonders ehrgeizig erschienen. Das soll nicht heißen, dass Sie nicht überall, wo ich Sie eingesetzt habe, ausgezeichnete Arbeit geleistet haben. Doch jede Ihrer Beförderungen, seit Sie an Bord gekommen sind, war das Ergebnis einer Empfehlung von Commander ch’Theloh oder mir.«

»Sie glauben, Sie könnten einen Fehler gemacht haben, indem Sie mich beförderten?«

»Ganz und gar nicht. Ich stelle lediglich fest, dass Sie sich niemals um eine Beförderung beworben haben. Sie haben niemals versucht, Ihre Karriere voranzutreiben, wie es viele Ihrer Kollegen so schamlos tun.«

Burnham nickte. »Das ist wahr.«

Obwohl Burnham bereits seit Jahren an Bord der Shenzhou war, fühlte sie sich doch immer noch fremd gegenüber der überwiegend menschlichen Besatzung und der emotionalen Art, mit der diese ihre Entscheidungen fällte. Da sie der ständigen Isolation müde war, hatte sie nachgeforscht, ob eine Versetzung auf das Raumschiff Intrepid möglich wäre, dessen Besatzung inzwischen nur noch aus Vulkaniern bestand. Die Anfrage war natürlich nach hinten losgegangen. Der Kommandant der Intrepid hatte deutlich gemacht, dass sie an Bord nicht willkommen wäre, ganz gleich wie sehr sie darauf bestand, sich als »kulturell vulkanisch« zu bezeichnen. Unerwünscht unter den Leuten, die sie verstand … Und so fand sie sich dazu verdammt, im Exil unter den Leuten zu dienen, die sie niemals verstehen würden.

Georgiou fuhr fort: »Sie verstehen also meine Bedenken? Ein Erster Offizier ist für mehr verantwortlich als nur die Verwaltung des Schiffs und seiner Mannschaft. Er ist verantwortlich für die Moral der Besatzung und er muss das Kommando übernehmen können, wenn dem Captain etwas zustößt. Das ist kein Posten, den man leichtfertig annehmen sollte.« Besorgnis huschte wie ein Schatten über das Gesicht des Captains. »Andererseits gibt es jene, die sagen, dass jemand, der diesen Job aggressiv verfolgt, sehr wahrscheinlich nicht die Art Person ist, der man ihn geben sollte.«

Die unterschwellige Bedeutung von Georgious Bemerkung schienen Burnham klar zu sein. »Eigentlich hat Lieutenant Saru das höhere Dienstalter, Captain. Außerdem hat er – im Gegensatz zu mir – die Sternenflottenakademie besucht.«

»Und doch hat Admiral Anderson Sie für den Posten empfohlen«, sagte Georgiou.

»Hat er gesagt, weshalb?«

»Es steht mir nicht zu, die Entscheidungen des Admirals zu hinterfragen.« Der Captain sah sie an. »Meine Aufgabe ist es, zu entscheiden, ob Sie diese neue Rolle bekleiden können oder nicht. Wenn ja, werde ich dafür sorgen, dass es von Dauer ist. Wenn nicht …« Sie brachte ein bedauerndes Stirnrunzeln zustande. »Dann müssen Sie Ihre Provokationen von Mister Saru einschränken.«

Saru als Erstem Offizier zu unterstehen war eine düstere Aussicht. Sie brachte Burnham dazu, diese Veränderung der Umstände als die Gelegenheit anzusehen, die sie war. Sie sah den Captain an. »Ich werde Sie nicht enttäuschen.«

»Darauf zähle ich.« Georgiou streckte ihre Hand aus und drückte Burnhams Bizeps sanft und ermutigend. »Sorgen Sie dafür, dass es so bleibt, Nummer Eins.« Sie ließ Burnham los, trat zurück und glättete die Vorderseite ihrer Uniformjacke. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen …« Sie drehte sich um und ging zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Ich muss eine weitaus unschönere Version dieser Unterhaltung mit meinem neuen zweiten Offizier führen.«

Die Abschiedsfeier war immer noch in vollem Gange, als Lieutenant Saru sich entschuldigte. Niemand hatte ihn aufgehalten, als er den Raum durchquerte. Niemand hatte hinter ihm hergerufen oder versucht, ihn in die geschlossenen Unterhaltungskreise einzubinden. Seine Offizierskollegen hatten seinen Abgang einfach ignoriert.

Die Entscheidung, die Feier zu verlassen, war Saru leichtgefallen. Nachdem der Captain und Burnham sich in den Korridor davongeschlichen hatten, wusste er, dass es Zeit war, zu gehen. Als Angehöriger einer Beutespezies fand Saru manchmal, dass große Zusammenkünfte etwas Tröstliches für ihn hatten, denn sie erinnerten ihn an die Neigung seines Volks, sich zur Verteidigung zusammenzurotten. Doch viel zu oft bemerkte er, dass man ihn an den Rand von sozialen Zusammenkünften drängte, und seine kelpianischen Instinkte sagten ihm, dass Raubtiere von den Randzonen her die schwächsten Mitglieder einer Herde ausmachten.

Das habe ich davon, wenn ich versuche, mit den Jägern zu verkehren, grübelte er auf dem Weg zurück zu seinem Quartier. Natürlich verhielten sich nicht alle seiner Schiffskameraden wie Spitzenprädatoren, doch es war eine vorherrschende Eigenschaft bei den meisten Besatzungsmitgliedern. Er schätzte die seltenen Ausnahmen in der Mannschaft der Shenzhou: Doktor Nambues Handlungen waren immer von einer friedfertigen Ausstrahlung begleitet und der Ops-Offizier Belin Oliveira war sehr sanftmütig. Saru vermutete, dass dies eine Folge der strikten vegetarischen Ernährungsweise der menschlichen Frau war.

Und dann gab es Burnham.

Sie war Saru ein Rätsel. Sie war als Mensch geboren, aber den größten Teil ihres Lebens von Vulkaniern aufgezogen worden. Auch Burnham hielt sich – wie die meisten Vulkanier – strikt an eine vegetarische Ernährung und sie verehrte deren mentale Disziplin und ihre typischerweise gewaltlose Natur. Sie war eine Person, in deren Nähe er sich normalerweise wohlgefühlt hätte. Stattdessen war sie ihm vom ersten Tag an ein Dorn im Auge gewesen. Sie war als frischgebackener Ensign an Bord gekommen und stand unter der Obhut des Captains. Seit Jahren war sie ihm auf den Fersen, verfolgte ihn verbissen die Karriereleiter hinauf und übertraf ihn in Sachen kalter Logik und gnadenloser Vernunft.

Weniger als ein Jahr war vergangen, seit sie ihn rangmäßig eingeholt hatte. Er hatte sich mit dem Gedanken getröstet, dass er immer noch in der Kommandokette über ihr stand, da er der Führungsoffizier der Wissenschaftsabteilung des Schiffs war. Dann kam Burnhams Beförderung zum taktischen Führungsoffizier. Er hatte ihr selbstverständlich gratuliert, denn das gehörte sich so. Doch sie als Gleichgestellte zu akzeptieren, war ihm bitter aufgestoßen.

Jetzt spürte er eine Veränderung in der Luft und wusste, dass schlechte Nachrichten sich anbahnten. Seine Basalganglien oberhalb seiner Ohren traten hervor und schmeckten das elektrische Aroma bevorstehender Gefahr.

Es war eine Gabe – oder vielleicht ein Fluch – seiner Spezies, Gefahr spüren zu können. Auf seiner Welt wäre ein solch tief sitzendes Aufkeimen von Furcht ein Grund, in Deckung zu gehen, das Stichwort, sich in Sicherheit zu bringen, weil die Raubtiere auf der Jagd waren. Doch hier, in der relativen Sicherheit der Shenzhou, warnte diese instinktive Wahrnehmung eines Verhängnisses ihn nicht vor einer lebensbedrohlichen, sondern vor einer beruflichen Gefahr. Er streckte die Hand nach oben und stupste die empfindlichen, zweigähnlichen Fasern an, bis sie sich zurückzogen.

Jetzt konnte er nichts weiter tun, als auf das Herabsausen des Fallbeils zu warten.

Er saß alleine an einem Tisch unter einem schrägen Aussichtsfenster im Hauptraum seines Quartiers. Auf dem Tisch stand sein dreidimensionales Schachbrett. Er dachte an all die Jahre, die er gebraucht hatte, um das Spiel zu meistern – zunächst an der Akademie und dann in den Jahren, seit er das Offizierspatent erlangt hatte. So viel Zeit, in der er den Unterschied zwischen Strategie und Taktik gelernt hatte, all die Anstrengungen, die er unternommen hatte, um ein unglaublich komplexes Spiel zu begreifen, das in eine militärische Metapher eingebettet war. Jetzt war es nur eine Figurensammlung auf Schachbrettern, die an einem gebogenen Ständer befestigt waren – eine sinnlose Ablenkung.

Der Türsummer ertönte. Er wusste, wer das sein musste.

Saru seufzte einmal tief und rief dann: »Herein!«

Die Tür glitt auf und Captain Georgiou trat ein. »Sie hatten keinen Spaß an der Feier?«

Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. »Ich sah keinen Sinn darin, noch länger zu verweilen.«

Der Captain kam auf ihn zu und die Tür schloss sich hinter ihr. Sie setzte sich ihm am Tisch gegenüber und nickte in Richtung des Schachspiels. »Wer ist Ihr Gegner?«

»Das spielt keine Rolle mehr. Der Sieger steht fest.«

Georgiou betrachtete die Aufstellung der Figuren auf den Brettern. »Vielleicht auch nicht. Nach dem, was ich hier sehe, ist das Spiel höchstens halb gespielt. Es gibt eine Menge …«

»Captain, bitte.« Saru war zu müde, um eine der für den Captain typischen Abschweifungen zu erdulden. »Wir wissen beide, weshalb Sie hier sind.«

Sie versuchte, ihre stoische Fassade aufrechtzuerhalten. »Tun wir das?«

»Burnham wird vor mir befördert.«

Die laut ausgesprochene Wahrheit ließ Georgiou das Gesicht verziehen. »Ja.«

»Obwohl ich der Dienstältere bin. Und trotz meiner Kommandoausbildung an der Akademie.«

Jetzt war es am Captain, seinem Blick auszuweichen. »Ja.«

Galle stieg in Sarus Kehle auf und seine Muskeln spannten sich an. Jeder Teil von ihm wollte davonrennen, sich zurückziehen. Doch er konnte nirgendwohin, es gab keinen Ort, der besser war als der, an dem er sich bereits befand – und diese Wahrheit verunsicherte ihn nur noch mehr. »Darf ich fragen, weshalb?«

»Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich Ihnen sagen soll. Die Entscheidung kam von Admiral Anderson.«

»Wirklich?« Er sprang von seinem Stuhl auf. Seine Verbitterung und der verletzte Stolz brachen aus ihm hervor, wie eine Flut durch einen beschädigten Damm. »Zweifellos hatte Botschafter Sarek etwas damit zu tun.«

Der Captain war angesichts dieser Anschuldigung verärgert. »Wenn Sie dafür keinen Beweis haben, schlage ich vor, dass Sie diesen Gedanken für sich behalten, Mister.«

»Wie könnte es anders sein? Welche andere Erklärung ergibt einen Sinn?« Er lief auf und ab, weil er das Gefühl hatte, in einem Käfig eingesperrt zu sein. »Sehen Sie sich meine Personalakte an und dann ihre! Meine Eignungsbeurteilungen sind vorbildlich!«

»Das sind sie«, bestätigte Georgiou.

»Ihre strotzen nur so vor Ermahnungen. Zusammenstöße mit vorgesetzten Offizieren, mit Gleichgestellten …«

»Aber auch großartige Erfolge«, sagte der Captain. »Augenblicke der Intuition. Tapfere Taten. Ich bin sicher, der Admiral hat diese ebenfalls berücksichtigt.«

Saru blieb stehen. »Durften Sie bei der Entscheidung mitreden?«

»Ich werde entscheiden, ob es dauerhaft ist. Für den Moment ist sie der kommissarische Erste Offizier.«

Er konnte es kaum glauben. »Erster Offizier! Glauben Sie, dass sie für den Job geeignet ist?«

»Das tue ich.«

»Warum?«

Georgiou wog ihre Antwort sorgfältig ab. »Ich glaube, sie hat das Zeug zu einem großartigen Kommandooffizier. Nicht nur die technischen Fähigkeiten, sondern auch ein gutes Gespür, ganz abgesehen von Selbstbewusstsein.«

»Glauben Sie, dass mir diese Qualitäten fehlen?«

»Ganz und gar nicht, Saru. Aber manchmal sind diese Beurteilungen zwangsläufig subjektiv.«

Er schüttelte den Kopf. »Das ist nicht fair. Wenn man meine Jahre an der Akademie mitrechnet, diene ich fast doppelt so lange in der Sternenflotte wie sie.«

»Das stimmt. Aber ich glaube, Sie konzentrieren sich zu sehr auf das Negative.«

»Soll ich hier etwas Positives sehen?«

Der Captain stand auf. »Sie werden ebenfalls befördert. Zum kommissarischen zweiten Offizier.«

Er erstarrte und zwang sich, nicht verächtlich mit den Augen zu rollen. »Verzeihen Sie mir, Captain, aber das empfinde ich als äußerst schwachen Trost.«

Sie schlug einen versöhnlichen Tonfall an. »Ich verstehe Ihre Enttäuschung, Saru. Ich musste das selbst einmal durchmachen und ich weiß, es wird nicht leicht zu akzeptieren sein.« Sie kam näher. »Aber wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, als Ihr Captain?«

Er zwang sich so gut es ging zur Ruhe und sagte: »Selbstverständlich.«

»Keiner von uns kann die Hand des Schicksals kontrollieren – oder die Handlungen anderer. Wir können nur kontrollieren, wie wir darauf reagieren. Und genau das müssen Sie jetzt tun, Saru. Wenn Sie alleine in den vier Wänden Ihres Quartiers sind, nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen, und finden Sie einen konstruktiven Weg, um sich von diesem Ärger und dieser Enttäuschung zu befreien.« Ihr sanfter Tonfall wurde scharf. »Aber bringen Sie nicht einen Hauch davon mit, wenn Sie Dienst haben. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«

Eingeschüchtert senkte er das Kinn und betrachtete seine Füße. »Absolut, Captain.«

»Sehr schön.« Sie ging an ihm vorbei zur Tür. »Gute Nacht, Lieutenant.«

Er stand wie eine Statue da und sah nicht hoch, bis er hörte, wie sie hinausging und die Tür sich schloss.

Ihre Worte schwärten in seinem Gedächtnis und ihre Warnung versetzte seine Eingeweide in Aufruhr. Nichts von dem, was sie gesagt hatte, war falsch, doch nichts davon hatte ihm Trost gespendet. Er hatte großen Respekt vor Captain Georgiou, der schon fast an Verehrung grenzte. Und genau deshalb ärgerte er sich über die ständige Aufmerksamkeit, die sie Burnham widmete. Obwohl Burnham höchstwahrscheinlich der gescheiteste Offizier war, dem Saru je begegnet war, schien sie doch ständig die Aufmerksamkeit des Captains zu brauchen. Das ging so weit, dass Georgiou niemals einen Moment für Saru erübrigen konnte.

Ich wollte doch nur, dass der Captain einen Bruchteil der Bewunderung, die ich ihr in all diesen Jahren entgegengebracht habe, erwidert. Das erneute Durchleben bitterer Erinnerungen fühlte sich so an, als liefe er über Glasscherben. Wenn sie mich doch nur so unter ihre Fittiche genommen hätte, wie sie Burnham bemuttert …!

Saru wirbelte zum Tisch herum und mit einer Armbewegung fegte er sein Schachspiel durchs Zimmer. Der zerbrechliche Bogen, der die drei Bretter miteinander verband, brach in der Mitte durch, als er gegen die Wand prallte. Die Einzelteile verteilten sich auf dem Boden. Er beobachtete, wie ein Turm zurückprallte und unter sein Sofa rollte. Ein Läufer schoss als Querschläger um eine Ecke und verschwand in seinem Badezimmer.

Er stand in dem von ihm verursachten Schaden und kam zu einer trostlosen Erkenntnis: Ich fühle mich immer noch schrecklich und jetzt ist mein Quartier unordentlich. Saru war entmutigt und fühlte sich irgendwie wie ein Narr. Dann machte er sich an die Arbeit, um das jüngste Chaos, das er selbst angerichtet hatte, wieder in Ordnung zu bringen.

3

Zwei bewaffnete Wachen in gestärkten Uniformen und ein Gehilfe der Gouverneurin, der einen zerknitterten Anzug trug, führten Bowen, Omalu und Chandra einen trostlosen Flur im Exekutivgebäude entlang. Wie die übrige Siedlung auf Sirsa III war der Sitz der Kolonialregierung nur wenige Jahre alt. In dieser Zeit hatte noch niemand es für nötig gehalten, ihn zu dekorieren. Die einzigen Verzierungen an den Wänden waren allgemeine Beschilderungen mit Etagennummern oder Raumbezeichnungen.

Bowen fand, das alles habe den Charme eines Gefängnisses.

Der Gehilfe öffnete eine Tür zu einem Konferenzraum und trat beiseite. Er bedeutete dem Trio, hineinzugehen. »Bitte nehmen Sie Platz. Gouverneurin Kolova kommt sofort.«

»Danke«, sagte Bowen. Er führte seine Kollegen in den Konferenzraum. Der Gehilfe schloss hinter ihnen die Tür. Bowen hielt inne und lauschte, ob abgeschlossen wurde, aber er hörte nichts.

Ein billiger, rechteckiger Tisch nahm den meisten Platz ein. Zwölf unbequem aussehende Stühle standen darum – fünf auf jeder Seite und jeweils einer an den Kopfenden. An der Wand gegenüber der Tür gab eine Reihe Fenster den Blick auf Neu Astana frei, die Hauptstadt der Kolonie auf Sirsa III. Wie bei den meisten geplanten Kolonialstädten lagen die Regierungsgebäude im Zentrum. Von dort aus gingen große Durchgangsstraßen wie Radspeichen ab. Der größte Teil der Gebäude waren Fertighäuser, die in Einzelteilen verschifft und dann hastig vor Ort über einem Netzwerk aus Versorgungsstollen und Wartungstunneln wieder zusammengebaut worden waren. Das war nicht schön, aber effizient.

Omalu musterte den Raum erst argwöhnisch und dann gereizt. »Sie hätten uns wenigstens etwas Wasser hinstellen können.«

»Das würde voraussetzen, dass sie sich etwas aus uns machen«, sagte Chandra.

Omalu stellte sich neben Bowen an die Fenster. »Ich glaube immer noch, dass es ein Fehler war, hierherzukommen.« Sie senkte ihre Stimme, als wäre sie besorgt, dass man sie bespitzelte. »Wir hätten erst die Firma anrufen sollen und nicht die Regierung.«

»Ach, wirklich?« Bowen fragte sich, ob Omalu sich ihre augenblickliche Zwangslage wirklich bewusst gemacht hatte. »Sie glauben, wir wären besser dran, wenn wir uns mit der Firma auf einen Schlagabtausch einlassen? Danke, aber nein danke.«

Chandra setzte sich auf einen Stuhl hinter ihnen. »Und was, glauben Sie, kann Kolova für uns tun?«

»Wenn wir sie auf unsere Seite bekommen«, erwiderte Bowen, »werden wir einen Regierungsbericht haben, in dem steht, dass die Bohrinsel aufgrund höherer Gewalt gesunken ist. Das wird uns davor schützen, wegen Fahrlässigkeit angeklagt zu werden, und die Firma davon abhalten, unsere Verträge zu annullieren.«

»Ich glaube nicht, dass es eine Rolle spielt, wer der Firma die Nachricht überbringt«, beharrte Chandra. »Sobald sie hören, dass wir die Bohrinsel verloren haben, stehen wir alle auf der Abschussliste.«

»Nicht, wenn Kolova unsere Geschichte bestätigt«, widersprach Bowen. »Wir müssen nur …« Die Tür öffnete sich und schnitt ihm das Wort ab. Die Gouverneurin und ihr Gefolge traten ein.

Gouverneurin Gretchen Kolova war eine Frau von klassischer Schönheit. Ihr platinfarbenes Haar war streng zurückgekämmt und im Nacken zu einem Knoten gebunden und ihre Miene war so streng wie ihr Blick. Sie kam mit stolzen Schritten herein und setzte sich auf ihren Platz am Kopfende des Tischs. Ihr Sicherheitsteam verteilte sich im Raum, während ihr Gefolge sich auf den anderen Stühlen am Tisch niederließ. Bowen und seine Mannschaftskollegen nahmen das zum Anlass, sich ebenfalls zu setzen.

»Mister Bowen«, sagte Kolova. »Miss Omalu. Mister Chandra. Danke, dass Sie gewartet haben.« Sie zeigte auf einen älteren Mann mit Glatze, der zu ihrer Rechten saß. »Dies ist mein Stabschef, Tojiro Ishii.« Dann folgte eine kurze Handbewegung in Richtung des jungen Mannes, der Ishii gegenübersaß: »Und mein wissenschaftlicher Berater, Hamid Medina.« Kolova faltete die Hände vor sich, beugte sich vor und richtete ihren eindringlichen Blick auf Bowen. »Wenn Sie so freundlich wären, Mister Bowen: Erzählen Sie uns noch einmal, was mit Ihrer Bohrinsel passiert ist.«

»Kurz nach vier heute Morgen hat unser Bohrer irgendetwas unter dem Meeresboden getroffen.«

Medina schnitt ihm das Wort ab: »Das war an der Bohrstelle, für die Sie im letzten Frühling die Bohrerlaubnis erhalten haben?«

»Ja«, sagte Bowen und war ungeduldig, fortzufahren. »Unser Bohrkopf blieb stecken und wir leiteten Notfallbergungsmaßnahmen ein. Doch bevor wir ihn befreien konnten, erhob sich …« Er stolperte über die ungeheuerliche Wahrheit, als würde ihm zum ersten Mal bewusst, dass es mehr als nur ein bisschen verrückt klang, wenn man es aussprach. »Etwas erhob sich unter uns vom Meeresgrund.«

Bowens Bericht löste zweifelnde Blicke bei den Politikern aus. Ishii fragte Omalu und Chandra: »Wollen Sie beide diese Darstellung des Vorfalls so bestätigen?«

»Genau das ist passiert«, antwortete Omalu in einem plötzlich defensiven Tonfall.

Chandra antwortete Ishii nicht. Stattdessen sagte er zu Bowen: »Das hier ist ein abgekartetes Spiel.«

Erst da bemerkte Bowen, dass die Stimmung im Raum wesentlich mehr auf Konfrontation aus war, als er erwartet hatte. »Moment mal …«

»Mister Bowen«, fragte Medina, »wann war die letzte Sicherheitsüberprüfung der Arkadia Explorer?«

Die machten doch Witze. »Sie wollen uns doch nicht die Schuld dafür geben? Hören Sie gut zu, was wir Ihnen sagen: Etwas Großes, wie ein riesiger Käfer oder ein Reptil, kam vom Meeresgrund hoch und drückte mit Gewalt unsere Bohrwelle durch unsere Aufbauten hinauf …«

»Tatsache ist«, fuhr Medina fort, »Ihre Bohrinsel war drei Monate überfällig für eine Routinesicherheitsinspektion, nicht wahr, Mister Bowen?«

Sie versuchten auf klassische Weise, ihnen den Schwarzen Peter zuzuschieben. Bowen hatte nicht vor, da mitzuspielen. »Jetzt tun Sie nicht so, als ob das ungewöhnlich wäre. Ihre Leute setzen diese Inspektionen an, nicht wir.« An Ishii gewandt fügte er hinzu: »Und das war keine mechanische Fehlfunktion. Ich sage Ihnen, etwas hat unsere Bohrinsel zerstört und was immer das war, es war riesig. Und wir reden hier von mindestens ein paar Kilometern Länge. Kapieren Sie das?«

Es war deutlich, dass Ishii und Medina nicht überzeugt waren.

Der Stabschef seufzte. »Versetzen Sie sich einmal in unsere Lage. Ihre Bohrinsel ist vor zehn Stunden gesunken und hat beinahe neunhundert Leute mitgerissen. Wir können ihren Notfalldatenspeicher nicht finden und es gibt keine eindeutigen visuellen Aufzeichnungen der Vorkommnisse.« Er zuckte mit den Schultern und hielt seine Hand hoch, als wollte er seine Hilflosigkeit demonstrieren. »Wenn Sie an unserer Stelle wären, was würden Sie davon halten?«

Chandra antwortete: »Ich würde denken, dass eine Bohrinsel, die eine auf Schwerkraft basierende Betontiefseestruktur ist und mehr Masse besitzt als die meisten Raumschiffe, nicht wegen eines Bohrunfalls einfach so umkippt und sinkt.« Er hielt Medinas Starren stand. »Benutzen Sie Ihren Kopf. Bohrinseln wie die Arkadia Explorer wurden von Eisbergen gerammt und haben keinen Millimeter nachgegeben. Sie wurde dafür konstruiert, Erdbeben zu überstehen. Das war kein Materialversagen. Etwas hat uns getroffen – und ich an Ihrer Stelle würde meinen Arsch in Bewegung setzen, um herauszufinden, was das war.«

Ishii ging in die Luft. »Wollen Sie uns drohen, Mister Chandra?«

Bowen sagte: »Nein. Wenn wir Ihnen drohen wollten, würden wir ein ziemlich heikles Thema auf den Tisch bringen und Sie daran erinnern, dass eine Datei voller hässlicher Wahrheiten an den Föderationsrat geschickt werden wird, wenn Sie uns für den Verlust der Bohrinsel verantwortlich machen wollen.« Kolova, Ishii und Medina lehnten sich gleichzeitig zurück, spannten sich an und machten deutlich, dass sie seine Botschaft verstanden hatten.

Besser als Knoblauch gegen Vampire, dachte Bowen hämisch.

»Ich glaube, es wäre das Beste«, beschwichtigte Ishii und achtete sorgsam auf einen neutralen Tonfall, »wenn wir an diesem Punkt alle dafür sorgen, nichts zu sagen, das unnötig Öl ins Feuer …«

Eine Explosion grollte in der Ferne und ließ die Fenster hinter Bowen erzittern. Er und alle anderen sahen zu den Fenstern, durch die ein kleines Fluggerät mit einer bizarren, insektenartigen Form zu erkennen war, das über die äußeren Grenzen Neu Astanas flog. Im Zentrum der Hauptstadt, nicht weit vom Exekutivgebäude entfernt, stiegen Rauch und Flammen aus einem Gebäude auf, das gerade angegriffen worden war. Das kleine fremde Schiff kam für einen weiteren Anflug zurück.

Kolova starrte das schnelle Raumschiff, das sie bedrohte, an. »Was ist das?«

»Wenn ich raten müsste«, entgegnete Omalu, »würde ich sagen, dass es von demselben Ding geschickt wurde, das unsere Bohrinsel versenkt hat.«

Einer von Kolovas Sicherheitsleuten drückte einen Finger an sein Ohr, eilte dann an die Seite der Gouverneurin und flüsterte ihr etwas zu. Sie hörte zu und antwortete dann: »Abschießen.« Als er beiseitetrat, um den Befehl weiterzuleiten, sagte Kolova zu den anderen im Raum: »Es handelt sich um eine Drohne. Es ist niemand an Bord.«

Draußen schoss die Drohne als verschwommener, grüngrauer Streifen vorbei und hinterließ eine Feuerwalze. Das Exekutivgebäude bebte und die Lichter über ihren Köpfen flackerten und erloschen.

Eine Frau vom Sicherheitsdienst verkündete: »Das Gebäude wurde getroffen und der Strom ist ausgefallen.« Sie stellte sich neben Kolova. »Gouverneurin, wir müssen Sie sofort in den Bunker bringen.«

»Also gut.« Kolova zeigte auf Bowen, Omalu und Chandra. »Nehmen Sie sie mit.«

Die Agentin nickte. »Ja, Ma’am.« Sie hob ihre Stimme und veranlasste die restlichen Insassen des Raums, sich in Bewegung zu setzen. »Alle raus hier! Wir gehen den Flur links entlang, dann durchs Treppenhaus B sechs Etagen hinunter. Beeilung, Leute!«

Die Beamten der Kolonie und die Überlebenden der Bohrinsel wurden in eine Reihe gedrängt und verließen im Gänsemarsch den Konferenzraum. Sie folgten den Sicherheitsleuten den Flur entlang bis zum Treppenhaus. Während sie die Treppen hinunter zur untersten Etage gingen, sagte Bowen zu Kolova: »Danke, dass Sie uns nicht zurückgelassen haben.«

»Danken Sie mir nicht«, entgegnete sie. »Das ist keine Wohltätigkeit. Ich brauche Sie lebend, bis wir herausfinden, was zum Teufel dieses Ding ist – und was Sie getan haben, um ihm die Laune zu verderben.«

Chandra hatte recht, grübelte Bowen. Auf die eine oder andere Art werden sie uns das anhängen.

Heilige Scheiße, ist das Ding schnell! Seit fünfzehn Jahren flog Mikki Bolander Abfangjäger für die Zivile Luftkontrolle der Kolonie, doch sie hatte noch nie etwas gesehen, das sich wie die außerirdische Drohne bewegte, die über Neu Astana hinwegschwirrte. Das unbemannte Schiff flog Wendungen und Kurven, bei denen sie nicht einmal ansatzweise mithalten konnte – nicht einmal mithilfe der Trägheitsdämpfer. Jedes Mal, wenn sie versuchte, zu zielen, schlug die Drohne abrupt einen Haken und wich dem Zielcomputer ihres Abfangjägers aus.

Sie drückte auf eine Taste am Empfänger ihres Helms. »An alle, hier ist der ZLK-Führer. Hat jemand das Ding im Visier?«

Außerhalb ihrer Pilotenkanzel raste die Stadtlandschaft verschwommen vorbei und der Horizont rotierte, während sie die Drohne in einer aufsteigenden Spiralkurve jagte und jede Sekunde weiter zurückfiel.

»ZLK-Führer, hier ist ZLK-Drei. Hatte das Ziel beinahe erfasst, dann aber wieder verloren.«

»Hier ist ZLK-Zwei. Ich kann Sie nicht einmal sehen, ZLK-Führer.«

»Wir sind in den Wolken, ZLK-Zwei.« Bolander zwang sich, ihren Blick nicht von den Instrumenten abzuwenden. Wenn man versuchte, in einer Wolkenbank nach Sicht zu fliegen, war eine Katastrophe eigentlich auch für die erfahrensten Raketenjockeys vorprogrammiert. Sie war nicht in der Reichweite für eine saubere Zielerfassung der Drohne. »Wir wenden mit Peilung drei acht Komma vier, hoch auf zehn Uhr für Sie. Sehen Sie gut hin.«

Die Drohne beschrieb eine scharfe Wendung und tauchte weg. Dann schossen sie und Bolanders Abfangjäger wie zwei Pfeile aus den Wolken und rasten auf die Oberfläche des Planeten zu.

Ein Sturm aus geladenem Plasma näherte sich der Drohne, als ZLK-Zwei und -Drei ihr Bestes gaben, um das fremde Schiff in Schlacke zu verwandeln. Stattdessen vollführte die wendige, käferähnliche Todesmaschine eine Seitwärtsrolle durch ihre Feuertaufe hindurch, schoss dann senkrecht nach oben, beschrieb eine graziöse Wendung, während sie mitten in der Luft stehen blieb, und zerfetzte dann ZLK-Zwei mit einer Reihe blauweißer Energiestöße.

»ZLK-Zwei wurde abgeschossen«, meldete Bolander demjenigen, der den Luftkampf beim ZLK-Kommando verfolgte und aufzeichnete. »ZLK-Drei, hart nach links abdrehen und …« Sie beobachtete, wie die Drohne ihren zweiten Flügelmann während ihres Hochgeschwindigkeitsflugs pulverisierte.

Trauer und Angst dehnten die Zeit, während Bolander zusah, wie zwei rauchende Wracks abstürzten und in den Außenbezirken der Stadt explodierten.

»Kommando … ZLK-Drei wurde abgeschossen.«

Jae Barnes, der Flugkoordinator, klang panisch. »Angriff abbrechen, ZLK-Führer. Wir schicken jetzt ZLK-Vier und -Fünf los. Sie werden in drei Minuten bei Ihnen sein.«

Bolander verfolgte mit ihren Blicken die Drohne, die wieder wendete, und berechnete blitzschnell die Ziele für ihren nächsten Angriff, der in wenigen Sekunden erfolgen würde. »Ich habe keine drei Minuten. Und zwei weitere Flieger werden hier oben nichts bewirken. Sagen Sie Vier und Fünf, sie sollen zurückbleiben.«

»Das ist nicht Ihre Entscheidung, Mikki.«

»Und ob es das ist, Jae. Ich werde dieses Ding vom Himmel holen oder bei dem Versuch sterben. Lassen Sie Ling und Sogobu am Boden. ZLK-Führer Ende.«

Als Letztes, bevor sie das Funkgerät ihres Abfangjägers abschaltete, hörte sie von Jae nur: »Verdammt, Mikki, lassen Sie …« Sie wusste, wie der Rest lauten würde, aber sie hatte keine Zeit für eine Debatte.

Die Drohne richtete sich für ihren nächsten Überflug über das Zentrum von Neu Astana aus.

Das muss ich wohl nach Augenmaß machen, erkannte Bolander. Das taktische System des Abfangjägers basierte auf der computergesteuerten Zielerfassung der geladenen Plasmakanonen. Jede Taktik, die von dieser Methode abwich, überstieg die Hilfsmöglichkeiten des Jägers.

Einige Hundert Meter unter ihr und einige Kilometer nordöstlich ging die Drohne in ihr Angriffsmuster über und beschleunigte auf Höchstgeschwindigkeit. Bolander schätzte den Zeitpunkt so gut es ging – und ließ den Jäger dann steil nach unten schnellen. Dabei gab sie vollen Schub.

Die Beschleunigung presste sie fest in ihren Sitz. Sie spürte, wie ihr von der g-Kraft schwindelig wurde, doch sie konnte es sich nicht leisten, nachzugeben. Wenn sie einknickte … wenn sie schwach war … würde sie nicht treffen.

Sie würde ihr Ziel nicht verfehlen. Sie weigerte sich, das zu tun.

Bei sechs g konnte sie kaum noch atmen. Bei acht versuchte sie es gar nicht mehr. Bei zehn war sie sich sicher, dass ihre Augen ihr gleich aus den Höhlen und ihr Skelett in tausend Stücke springen würden.

Dann kam die Drohne für den Bruchteil einer Sekunde in Sicht.

Sie war so nah, dass sie das Gefühl hatte, sie könne die Hand ausstrecken und diese berühren.

Rammgeschwindigkeit!

Der Sieg gehörte beinahe ihr …

Dann loderte etwas blau auf und sie spürte, wie ihre Welt in Fetzen gerissen wurde und die Leere enthüllte, die hinter jedem Partikel des Seins gähnte – das große entropische Nichts, das sich hinter der zerbrechlichen Verkleidung von Raum und Zeit verbarg. Während dieses kurzen Aufblitzens wusste Bolander, dass sie versagt hatte – doch sie wusste auch, dass sie ihr Versprechen gehalten hatte … und sogar die Dunkelheit am Ende konnte ihr das nicht nehmen.

Es war eine Katastrophe. Rauchsäulen stiegen aus den verwüsteten Straßen Neu Astanas auf. Gouverneurin Gretchen Kolova war speiübel. Sie beobachtete, wie die fremde Drohne ein weiteres Mal über die Hauptstadt hinwegflog. Das winzige Schiff schien unschlagbar. Es musste einen Weg geben, es aufzuhalten, aber keine der Verteidigungsmaßnahmen, die ihrer Kolonie zur Verfügung standen, waren der Aufgabe gewachsen gewesen – eine Tatsache, die der insektoiden Tötungsmaschine freie Bahn für ihre Verwüstungen gab.

Sie warf ihrem Stabschef einen vernichtenden Blick zu. »Verdammt, Tojiro, wir müssen doch etwas tun können!« Gemeinsam starrten sie bestürzt auf die Bildschirmreihe, die eine Wand des Notfallbunkers einnahm. »Wie holen wir das Ding runter?«

Ishii schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, ich wüsste es, Gouverneurin.«

Medina löste sich aus einer Gruppe auf der anderen Seite des Befehlszentrums des Bunkers und kehrte zu Kolova und Ishii zurück. »Gouverneurin, zumindest ein Teil des Berichts von Mister Bowen wurde bestätigt. Es gibt irgendeinen außerirdischen Koloss, der über den registrierten Koordinaten der Arkadia Explorer schwebt.«

Kolova sprang auf die Nachricht an, als könnte sie einen Hinweis auf ihre Rettung bieten. »Was können Sie mir sonst noch über diesen Koloss sagen, Hamid?«

»Er ist ziemlich groß«, berichtete Medina. »Einige Kilometer lang, plus/minus. Und seine allgemeine Struktur ähnelt der dieser Drohne, die über die Hauptstadt schwirrt. Also scheint er das Mutterschiff der Drohne zu sein. Wir haben allerdings immer noch keine Ahnung, ob sich eine Besatzung an Bord des Kolosses befindet.«

Der Stabschef schlug einen skeptischen Tonfall an. »Koloss? Nennen wir das Ding so? Offiziell, meine ich?«

»Bis uns etwas Besseres einfällt«, beantwortete Kolova die Frage. Sie hakte bei Medina nach: »Sonst noch etwas?«

»Er stößt eine Reihe Impulse auf verschiedenen Frequenzen aus. Einige weisen ein sich wiederholendes Muster auf, was auf Kommunikation hinweist, doch andere wurden analysiert und scheinen eine Art Countdown zu sein. Das würde darauf hindeuten, dass er sich darauf vorbereitet, noch eine oder mehrere dieser Drohnen loszuschicken.«

Quer durch das Kommandozentrum richtete Bowen, der Kommandant der Bohrinsel, einen anklagenden Blick auf Kolova, der einfach nur Ich habe es Ihnen ja gesagt zu schreien schien.

»Ich will unsere Optionen kennen – und zwar alle!«, forderte Kolova von Ishii.