Stehauffrauchen - Vera Lúcia Castro - E-Book

Stehauffrauchen E-Book

Vera Lúcia Castro

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Beschreibung

Ich war neunzehn Jahre alt, als ich meine Heimat in der Dritten Welt, Brasilien, voller Naivität und Hoffnung verlassen habe. Ich wollte nach Deutschland, ein Land mit gebildeten, intelligenten und somit auch freundlichen Menschen, wo die Gesetze für alle gleich gelten und wo man vor Gericht solange als unschuldig gilt, bis einem die Schuld nachgewiesen wird. Doch ist das wirklich so in Deutschland? Was ich hier erlebte, hat nicht nur mein perfektes Bild von dem Land, sondern beinahe mein ganzes Leben zerstört…

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Für mein Vater

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Der Anfang des Lebens

Kindheit und die Grundschule

Die alte Nachbarin

Meine Mutter

Das langsame „Älter werden“

Mein Vater

Gymnasiumzeit

Mercedes

Religion und andere wichtigen Dinge des Lebens

Freunde

Regina

Maurício

Meine Jugend und die Kunst

Dolores

Weitere Entwicklung

Meine Familie

Pubertät

Danilo und das Geld

Nídia

Eugênio

Arbeit

Zwischenbilanz

Isabella

Die Wende

Kapitel 2

Die Reise

Willkommen in Deutschland

Günther

(Alb-)Traum Brasilien

Kapitel 3

Zurück nach Deutschland

April bis Dezember 1991 - Das Jahr des Grauens

1992 - Ein bewegtes Jahr

11. Januar 1992

12. Januar 1992

13. Januar 1992

14. Januar 1992

15. Januar 1992

Kein Ende in Sicht

Überstanden?

Kapitel 4

Ein etwas besseres Leben

Maria

Lebensänderung

2011

2012

2013/2014 Kein Happy End?

Einmal Stehauffrauchen, immer Stehauffrauchen

Nachwort

Kapitel 1

Der Anfang des Lebens

Wie viel Kraft steckt in einem einzigen Menschen? Mit dieser Frage beschäftige ich mich heute noch…

Gibt es eine Grenze nach oben oder nach unten? Nein. Diese Antwort hingegen kenne ich sehr gut. Das habe ich gelernt. Egal ob man davon überzeugt ist, dass es nicht besser oder nicht schlimmer kommen kann - glaubt mir: Es kann! Und wie es kann…

Es war Winter, Juli 1967, als ich auf diese unberechenbare Welt kam. Rio de Janeiro, Brasilien. Klingt super, aber für mich war das nichts Besonderes. Wer keine Berge kennt, vermisst sie auch nicht. Wer nah am Strand lebt, weiß es nicht zu schätzen. Wer keinen Winter kennt, denkt nicht daran, dass es einen geben könnte. Man nimmt das, was man sieht und hat als selbstverständlich hin. Schönheit, Natur und Kultur muss man bewusst betrachten können. Doch man wird nun mal mit geschlossenen Augen geboren…

Ich kam per Kaiserschnitt auf die Welt. Nicht, weil es Probleme gegeben hätte, nein. Es war damals Mode. Niemand hat sich für die damals noch fast 15 cm dicke Narbe interessiert, die verbleiben würde. Die Ignoranz des Fortschritts.

Und da war ich. Für meine Eltern ein wunderschönes Mädchen. Wenn ich jedoch meine Fotos anschaue, erkenne ich ein kleines, dickes, haarloses Baby mit hässlichen großen Ohren. Man muss echt als Eltern blind sein, um so etwas schön zu finden…

Ein Glück bekommt man nur einen Klaps auf den Po und keinen Spiegel bei der Geburt geschenkt.

Meine Eltern waren beide schon etwas älter, als ich zur Welt kam. Meine Mutter war vierunddreißig und mein Vater siebenundvierzig. Heutzutage ist das kein Problem mehr, doch damals war es sehr spät für so eine Entscheidung.

Einige Jahre später erfuhr ich, dass mein Vater Angst hatte, dass ich deswegen oft krank werden oder überhaupt nicht gesund sein könnte. Es war aber nicht so. Ich war extrem gesund. Bis zu meinem neunzehnten Lebensjahr hatte ich nur ein einziges Mal eine Grippe. Die üblichen Kinderkrankheiten habe ich auch bekommen, aber bei Weitem nicht alle. Ich war also ihr Meisterwerk. Ein Wunschkind. Endlich ein Kind, das beide würden behalten und erziehen dürfen.

Kindheit und die Grundschule

Meine Entwicklung war aber gut. Mit elf Monaten konnte ich schon laufen. Ich glaube aber, dass ich vorher schon angefangen habe, Fingernägel zu kauen…

Ich lernte schnell, war interessiert, intelligent. Deshalb beschlossen meine Eltern, ich sollte jetzt schon für die Schule vorbereitet werden. So kam ich zu einer privaten Lehrerin, welche mir das Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Na ja. Beim Rechnen war sie nicht wirklich erfolgreich, denn sie begann einen großen Fehler: Sie hat mich mit einem Lineal auf die Handfläche geschlagen, weil ich das Einmaleins nicht absolut korrekt gelernt hatte. Das war es also mit der Lehrerin - und mit dem Einmaleins. Niemand hat mich jemals wieder dazu bringen können, nochmals hinzugehen oder das Einmaleins zu lernen. Ich kann es heute noch immer nicht...

An meine Kindergartenzeit erinnere ich mich nicht mehr (sie muss also schrecklich gewesen sein!). Außer an meine Uniform. Diese blieb mir ganz genau in Erinnerung: Dieses knappe Höschen in marineblau und das karierte Kleidchen in blau/weiß. Es gab eine große Tasche in der Mitte des Kleides - halbmondförmig - in Rot gestickt mit meinem Namen: Lúcia. Dazu gab es noch eine Tasche. Gleicher Stoff, gleiche Stickerei. Wie einfallsreich…

In der Grundschule war ich Alleingängerin. Die erste und die zweite Klasse habe ich in einem Jahr gemacht. Ich musste ein halbes Jahr überspringen, weil ich so gut war. Meine Noten waren überdurchschnittlich gut. Nur Freunde hatte ich nicht. Wer wollte schon mit einer Streberin, die lange Haare und große Ohren hatte, Brille und Zahnspange trug, zu tun haben? Hmm… Da gab es doch jemanden. Besser gesagt, drei Mädchen. Ich nannte sie insgeheim „die drei Doofis“. Eigentlich war meine Mutter mit deren Müttern befreundet und beide haben sich eingebildet, wir Kinder wären Freundinnen. Wir ließen sie so denken, damit sie glücklich sein konnten, doch was miteinander anfangen, konnten wir nicht wirklich. In all den Jahren nicht - trotz aller Anstrengungen unsererseits…

Die drei Mädchen waren auch nicht besser als ich, d. h. sie waren irgendwie ebenfalls Außenseiterinnen (was sonst?).

Meine Brille hatte ich dank meiner Eltern. Beiden sahen sehr schlecht und das musste ich natürlich gleich erben. Ich war also von Geburt an kurzsichtig.

Für die Zahnspange bin ich aber selbst zuständig gewesen… Als ich noch meine Milchzähne hatte, waren wir auf einem Ausflug und ich wollte wieder mal nicht auf meine Eltern hören. Mein Vater stieg also mit meiner Mutter ins Auto (ein VW-Käfer) und fuhr los. Ich rannte hinterher, stieg auf das Trittbrett an der Beifahrerseite und hielt mich an der Regenrinne des Autos fest. Meine Mutter schrie meinen Vater an, aber er hat sie nicht verstanden, weil er nicht glauben konnte, dass ich wirklich am Auto „hing“. Irgendwann wurde es doch zu schnell und ich musste los lassen. Ein paar Zähne waren gebrochen und haben wohl die bereits heranwachsenden verschoben. Als diese zum Vorschein kamen, waren sie ziemlich krumm.

Als Kind war ich schon immer seltsam. Ich spielte zuerst am liebsten mit Gegenständen aus verschiedenen Schränken. Ich räumte alles aus und wieder ein. Zuerst genauso - später noch besser. Ordnung war wohl für mich etwas ganz Wichtiges. Aber es machte auch viel Spaß.

Die alte Nachbarin

Wir wohnten im 7. Stock eines Hochhauses in der Stadtmitte. Bis auf drei Kinder, eine seltsame alleinstehende Frau und ein Transvestiten-Pärchen, kannte ich dort niemanden.

Das Pärchen kannte ich auch nur, weil sie direkt neben unserer Wohnung wohnten und sich ständig gestritten haben. Dabei hat die „Eine“ immer wieder Unterwäsche, Strapse usw. durch das Fenster geworfen. Das ganze Zeug hing auf lustige Art und Weise an den Bäumen unten am Straßenrand herum.

Ich kann mich an eine alte Frau - unsere Nachbarin - erinnern… Am Anfang war sie sehr skeptisch, weil ich an ihre Schränke ging. Ich kann noch meine Mutter hören: „Lassen Sie sie ruhig. Sie macht nichts kaputt. Sie räumt nur aus und wieder ein.“ Tja. Das klang für mich so, als wäre es völlig normal, dass man in fremden Wohnungen Schränke aus- und einräumt… Vielleicht hatte ich schon als Kind einen Knall… Doch die alte Dame, die keine Kinder mochte, hat mich sehr lieb gewonnen. Ich unterhielt mich sowieso lieber mit Erwachsenen als mit Kindern und so kam ich sie oft besuchen. Sie schenkte mir ein Nagelset. Es war ein goldenes Gehäuse (die Form ähnlich wie ein Tampon), schön bearbeitet mit einem roten Bommel oben drauf. Innen waren vier oder fünf kleine Werkzeuge. Dies habe ich viele, viele Jahre aufgehoben. Was ist bloß daraus geworden???

Eines Tages kam ich zu ihr. Sie lag auf der Couch und es lief rosafarbener Schaum aus ihrem Mund. Sie konnte nicht sprechen. Ich holte meine Mutter und rief einen Krankenwagen. Ich rief einmal an. Dann nochmals. Wieder und immer wieder rief ich verzweifelt an. Als sie kamen, war sie schon tot. Herzinfarkt, sagten mir die zwei Männer. Ich war zum ersten Mal im Leben sehr traurig - und sehr beeindruckt, dass man rosafarbenen Schaum spuckt, wenn man stirbt…

Meine Mutter

Das Leben geht weiter. Und mit dem Leben auch die vielen Umzüge. Ich habe den Eindruck, meine Eltern empfanden das Umziehen als Hobby. Ein anderes Hobby hatten sie eh nicht… Wir sind innerhalb von achtzehn Jahren mindestens sieben Mal umgezogen. Das macht etwa alle zweieinhalb Jahre einen Umzug… Oh! Stimmt nicht! Meine Mutter hatte doch noch ein anderes Hobby! Wohnung umstellen! Fast jede Woche kam ich aus der Schule und musste mich neu orientieren. Alles war woanders! Sogar der Inhalt der Schränke! Oh! Muss sie sich gelangweilt haben…

Übrigens: Meine Mutter war nie ganz „helle“. Ihrer Erzählung nach war sie als Kind sehr, sehr arm. Sie durfte die Schule nur bis zur 4. Klasse besuchen. Danach musste sie in einer Fabrik arbeiten gehen.

Sie musste ihre Suppe immer ganz schnell essen, weil sie nach Stunden bezahlt wurde. Oft ist sie vor Hunger zusammengebrochen. Die Suppe bestand sehr oft nur aus Wasser. Manchmal hat ihre Mutter Tauben vom Dach des Hauses geholt. Dann gab es auch Fleisch - Taubenfleisch. Mein Magen fühlt sich gar nicht gut an, wenn ich an diese Erzählungen denke. Es muss ungeheuer schlimm gewesen sein. Hungern ist schlimm - das weiß ich ganz genau. Meine Oma war also ebenfalls nicht besonders klug. Sie schlug ihre Kinder (meine Mutter war die Jüngste von drei Geschwistern) und verlor ihren Mann. Mein Opa hat sich vor einen fahrenden Zug geworfen. Warum? Das weiß niemand. Als ich geboren wurde, waren beide schon vor langer Zeit gestorben.

Aber eine Erzählung meiner Mutter bringt mich heute noch zum Weinen: Sie waren wirklich bitterarm und deshalb hatte meine Mutter nur einmal im Leben eine ganz billige Puppe aus Stoff mit etwas Plastik bekommen. Diese Puppe war ihr Ein und Alles. Sie war klein, hässlich und billig, aber sie war ihr einziges Spielzeug. Eine Kindheit lang. Als sie einmal unartig gewesen ist, warf meine Oma die Puppe ins Feuer. Sie warf symbolisch die Kindheit meiner Mutter ins Feuer! Und meine Mama musste weinend zusehen, wie ihre Puppe in Sekunden verschwand. Ihr blieb die Luft weg und sie dachte, sie würde in diesem Moment sterben. Da verschwanden auch ihre Träume, ihr Glück, ihr einziges Stückchen Kindheit. Ich hasse meine Oma dafür und bin sehr froh, sie niemals kennengelernt zu haben. Es tut mir heute noch unendlich weh und ich kann die Verzweiflung meiner Mutter spüren, ihre Tränen rollen auf meinem Gesicht herunter und tropfen mir ins Dekolleté. Ungerechtigkeit. Das Leben ist so gemein, so ungerecht!

Erst nach dieser Erzählung habe ich verstanden, warum meine Puppen so wichtig für meine Mutter waren… Sie hatte wahre Freude daran, mir Puppen zu kaufen. Sie nähte und häkelte Puppenklamotten, zog sie an, zog sie um, frisierte, badete und schmückte sie. Oftmals dachte ich, dass sie erheblich mehr mit meinen Puppen spielte als ich selbst. Die Puppen waren mir eigentlich egal. Knöpfe mochte ich. Viele bunte Knöpfe…

Meine Mutter konnte sehr gut nähen. Und das tat sie fast den ganzen Tag und die ganze Nacht. Sie nähte und nähte. Später zeichnete ich meine Kleidung selbst, welche sie dann für mich meistens von Jetzt auf Nachher nähen musste, denn ich wollte meine Ideen immer gleich umsetzen und es war mir sehr daran gelegen, grundsätzlich anders zu sein. Ich wollte nichts haben, was jemand schon hatte. Es musste etwas Besonderes, Schönes, Kreatives sein. So waren auch meine Jeans, mein Schmuck, meine Schuhe. Immer anders als das, was andere hatten. Und alles musste natürlich farblich zusammenpassen. Auch die Unterwäsche! Heute bin ich gelassener, was meinen Style angeht…

In ihrer Jugend hat sie geheiratet. Einen Grafen, erzählte sie mir (sogar mit Siegelring!). Und eine Tochter hatten sie auch bekommen. Die Familie des Grafens war aber nicht wirklich mit seiner Wahl glücklich und bemühte sich jahrelang um die Trennung. Als er dieser zustimmte, ging das Ganze vor Gericht. Männer wurden bezahlt, um eine Aussage zu machen, die meine Mutter als Nutte darstellte. Man nahm ihr das Baby weg. Die Schande war so groß, dass meine Mutter das Land verlassen musste. Damals wurde auf der Straße mit einem Finger auf einen gezeigt, sagte sie zu mir.

Sie fuhr mit dem Schiff nach Brasilien.

Ihr Kind wurde regelmäßig zum Grab einer Frau gebracht, die so hieß wie meine Mutter. Somit wuchs sie in den Glauben auf, dass ihre Mutter tot war.

Alle Bemühungen seitens der Familie meiner Mutter, das Kind Jahre später zu einem Gespräch zu bewegen, scheiterten. Sie lebt heute in England und will ihre Mutter nicht kennen lernen.

Trotz der Anstrengung meinerseits, sie zu verstehen, gelingt es mir nicht. Ich kann sie nicht mögen und will sie deshalb nicht suchen oder kennen lernen. Man kann nicht durch das Leben gehen und Menschen so tief verletzen. Man darf nicht eine Lüge der Wahrheit vorziehen. Liebe hat niemand verlangt, nur Anerkennung, Freundschaft, ein einfaches Wiedersehen. Durch ihre Ablehnung finde ich ihre Persönlichkeit abstoßend. Meiner Meinung nach kann meine Mutter sich glücklich schätzen, sie aus dem Weg zu haben.

Das langsame „Älter werden“

Doch die Knöpfe haben es mir angetan. Sie waren viele: bunt, in verschiedene Größe und Formen. Logischerweise waren sie immer akkurat von mir sortiert. Ich habe damit auf einer Tafel gespielt. An der Tafel war immer etwas anderes: Eine Wohnung, eine Schule, eine Straße. Knöpfe waren so vielseitig einsetzbar! Als Einzelkind muss man sehr einfallsreich sein. Das war ich auch - ohne Zweifel!

Natürlich habe ich versucht, mit anderen Kindern zu spielen. Doch alle waren sie irgendwann langweilig. Ich wollte lieber etwas von älteren Menschen erfahren. Je älter sie waren, desto besser.

Meine Eltern waren auch relativ alt. Aber sie haben mir nichts beigebracht, außer dass ich lernen und kämpfen muss, um „jemand“ zu werden.

Ich hätte gern als Kind etwas gezeigt bekommen. Ich hätte gern etwas über die Natur, die Kultur und die Gebäude meiner Stadt gelernt. Ich wollte Ballett tanzen und Klavier spielen, aber damit konnten weder meine Mutter noch mein Vater etwas anfangen. Essen und lernen. Das war alles.

Oh Gott! Es gab jeden Sonntag Brathähnchen! Ich kann es gar nicht mehr riechen! Meine Mutter konnte unheimlich schlecht kochen, dafür auch konsequent einseitig - so wie es die Portugiesen mögen: viel Fleisch oder Fisch, wenig Beilage. Kein Salat. Kein Gemüse. Kein Obst. Kein Nachtisch. Keine Vorspeisen. Immer alles gleich. „Same procedure as every year.“

An Weihnachten gab es Nüsse, getrocknetes Obst und massenweise zu essen. So viel, dass wir das nie geschafft haben, alles zu essen. Verschwendung war angesagt. Aber nur an Essen!

Oft hat meine Mutter die Preise im Supermarkt ausgetauscht, damit wir die Lebensmittel günstiger bekommen konnten. Da wegen der Inflation die Preise stets überklebt wurden, hat keiner etwas bemerkt.

Kleidung wurde grundsätzlich selbst genäht. Bei meiner ersten selbstgekauften Kleidung habe ich bereits gearbeitet! Und da ich nicht gern gelesen habe, musste mein Vater Geld nur für Schulmaterial und nicht für Bücher ausgeben.

Bücher hat bei uns auch niemand gelesen und somit wurde mir auch nie etwas vorgelesen. Ich kannte zwei oder drei Märchen, welche ich auf Schallplatte hatte. Für die Entdeckung der Märchen und Kindergeschichten musste ich bis zu der Geburt meiner Kinder warten.

Mein Vater

Mein Vater war auch sehr ungebildet, dafür aber intelligent. Er brachte sich das Lesen, Schreiben und Rechnen selbst bei. Er baute seine Existenz anfangs mit einer Kneipe und später mit einem Restaurant auf. Wir gehörten zur Mittelklasse. Wenn es nach meiner Mutter ginge, hätten wir im Luxus gelebt. Sie wollte wohl etwas kompensieren. Mir genügte das, was ich hatte, obwohl ich wusste, dass mein Vater mir alles kaufen würde, was ich nur kurz anspreche. Nie habe ich dieses Wissen ausgenutzt. Ich war glücklich so, wie ich war und mit dem, was ich hatte. Einmal musste ich meinen Vater um einen Farbfernsehr bitten. Ich fragte meine Mutter, warum sie unbedingt so etwas möchte. Schwarz/Weiß war doch völlig ok! Aber sie wollte Farbe haben. Farbfilme. Luxus. Für sie hätte er das nie getan. Für mich schon. Ich tat ihr den Gefallen, doch das zerstörte in mir das Bild meines Vaters schon ein wenig. Warum für mich und nicht für sie? Ist der Lebenspartner nicht genauso wichtig wie ein Kind? Eigentlich musste der Partner sogar noch wichtiger als ein Kind sein, denn das Kind geht und der Partner bleibt. (Zumindest sollte es so sein…)

Ab da fing ich an, emanzipierter zu werden. Leider nicht in Taten, sondern nur in Gedanken. Ich fing an, die kleinen Ungerechtigkeiten des Alltags aufzudecken. Auf einmal hinterfragte ich einige Handlungen meiner Eltern. Warum muss meine Mutter meinem Vater die saubere Kleidung und Schuhe vor die Badezimmertür stellen, wenn er duschen geht? Warum kann mein Vater sich nicht selbst ein Glas Wasser holen? Warum sagt meine Mutter nichts, wenn sie daran zweifelt, ob er eine andere hat? Warum sollen verheiratete Menschen mit den Eltern leben? Warum durfte meine Mutter nicht arbeiten? Warum durfte ich nicht im Haushalt helfen? Damals habe ich beschlossen, alles anders zu machen.

Ich wollte auf keinen Fall so wie meine Eltern sein. Zwar war mein Vater schon sehr liebevoll zu mir, jedoch nicht zu meiner Mutter. Ich liebte meinen Vater. Auch ohne Worte. Heute bereue ich, dass wir uns nie wirklich unterhalten haben. Ich weiß nichts von ihm. Das Bisschen, was mir über seine Vergangenheit bekannt ist, hat mir meine Mutter erzählt. Keine Ahnung von dem, was ihn beschäftigte, von seiner Meinung über irgendwas, von seiner echten Vergangenheit, von seinen Ambitionen. Nichts. Er hat eine große Leere bei mir hinterlassen. Und ich habe es viel zu spät gemerkt… Deshalb erzähle ich meinen Kindern viel. Von mir sollen sie alles wissen, denn ich möchte keine Leere hinterlassen. Diese Leere nimmt immens Platz weg und füllt sich niemals wieder auf. Es ist ein stetiges Fehlen von irgendwas, bei dem man ganz genau weiß, es nie wieder finden zu können. Manchmal schmerzt es sehr und man kann nichts dagegen tun. Unvollständige Erinnerungen. Eine Geschichte ohne Anfang und ohne Ende…

Angeblich wurde er früh verheiratet, d.h. seine Eltern hatten seine Frau bereits ausgewählt. Es waren Bauer und mein Vater - also seine Frau natürlich - bekam zwei Töchter. Als er aufgrund des ersten Weltkrieges zur Armee gehen musste, flüchtete er nach Brasilien, wo er seine Familie für immer verlassen hat. Diese muss ihm nicht viel bedeutet haben, was ich irgendwie auch verstehen kann. Denn wer will schon zu einer Familie gezwungen werden?

Er hat sich nie bemüht, seine Töchter wieder zu sehen. Die Familie meines Vaters habe ich nie kennen gelernt, obwohl mir einer seiner Töchter nach seinem Tod schon zwei oder drei Briefe geschrieben hat. Wir hatten aber keine wirkliche Verbindung, keine Gemeinsamkeiten. Mein Vater hatte schon immer nur eine Tochter: Mich.

Gymnasiumzeit

Mir war einiges klar: Ich werde Lehrerin werden und keine Kinder haben. Ein Widerspruch an sich, oder? Doch eines davon habe ich zumindest durchgezogen: Ich wurde Lehrerin. Das andere hätte ich lieber auch durchziehen sollen… Ich war wohl als Kind schlauer… Hätte ich bloß auf die kleine Lúcia gehört… Die war auf dem richtigen Weg, bis ihr Zug entgleist ist…

Meine Schulzeit war ähnlich schlimm, deshalb habe ich auch schon einiges vergessen. Vor allem meine Mitschüler… Diese waren auch keine Erinnerung wert…

In Rio sahen die Telefonzellen wie riesige Ohren aus. Wenn ich in der Pause beim Lernen gestört wurde, dann nur, weil jemand bei mir „telefonieren“ wollte. Die Streberin mit den großen Ohren. Die Doofe mit ihrer dicken Brille und Zahnspange. Niemand mochte mich wirklich. Bis ich elf wurde. Dann haben zumindest die Jungs mich wahrgenommen…

Nur einmal gelang es mir, beachtet und bewundert zu werden: In der 5. Klasse. Da haben meine Mutter und ich einen Ausflug organisiert. In der Schule wurden damals keine Ausflüge gemacht, da diese zu teuer waren. Wir haben es aber trotzdem geschafft, einen Bus sehr günstig zu bekommen. Das Essen ließ sich mit einem Picknick erledigen. Für die Eintrittskarten bekamen wir so eine Art „Pionierermäßigung“. Wir fuhren nach Petrópolis, eine historische Stadt, wo sich der Regierungspalast des ersten Königs befindet. Dort besuchten wir auch eine unbeschreiblich interessante Wohnung eines Entdeckers und noch ein paar andere Paläste und Gärten. Sowohl die Ortschaft, als auch die Gebäude und die Geschichte blieben uns alle in Erinnerung. Für mich blieb auch der Genuss, als „anwesend“ wahrgenommen zu werden, als wichtige Erinnerung zurück. Alles war von kurzer Dauer, doch trotzdem ein sehr schönes Erlebnis für mich.

Mercedes

Ich war ebenfalls elf Jahre alt, als ich meine Tage bekommen habe. Das war für die Tochter der Freundin meiner Mutter eine große Beleidigung. Mercedes war halb Spanierin. Groß, braun, wunderhübsch. Sie war dreizehn, glaube ich… Und sie erzählte mir seit über einem Jahr, dass sie kaum erwarten konnte, endlich ihre Tage zu bekommen. Das konnte ich nicht verstehen. Was sind denn diese „Tage“? Warum muss man sie unbedingt haben? Sie wollte es mir nicht sagen, weil ich noch „ein Kind“ sei. Als ich meine Tage mit einem Schrecken bekommen habe (ich dachte ich bin schwer krank und werde sterben), war sie sehr sauer auf mich. Ich war also von da an ihre Feindin. Nun ja, Freundinnen waren wir eh nie gewesen - aber warum Feindinnen? Egal. Wenn sie es so wollte…

Ich bewunderte sie trotzdem. Weil sie so wahnsinnig schön war und so viele Freunde hatte. Sie hatte auch einen Freund - einen Mischling. Ihre Familie war dagegen, doch sie stand zu ihrer Liebe. Sie kämpfe jahrelang, traf sich ohne Erlaubnis mit ihm und blieb ihm treu. Und er ihr. Und sie blieben sich treu bis beide alt genug waren und geheiratet haben. Es klingt wie ein Märchen und meine Bewunderung hielt über all die Jahre an. Schon witzig, dass sie über diese Bewunderung nie etwas erfahren hat…

Sie war es aber auch, die mich daran bestätigt hat, dass man Kinder nicht anlügen soll. Als ganz kleines Kind haben wir im selben Haus gewohnt. Ich hatte natürlich alles - vor allem neue und wunderschöne Puppen (auf Wunsch meiner Mutter). Sie wollte auch so eine Puppe haben. Eine, die lachen, küssen und reden kann. Aber ihre Eltern hatten nicht so viel Geld. Sie wünschte sich das vom Weihnachtsmann und war sehr davon überzeugt, dass er ihr so eine Puppe bringen würde. Ich habe zwar gesagt, dass Geschenke von den Eltern kommen, aber das wollte sie mir nicht glauben. Ich war ja ein unwissendes doofes Kind...