Steine und Licht - Bärbel Gudelius - E-Book

Steine und Licht E-Book

Bärbel Gudelius

0,0

Beschreibung

"Steine und Licht" ist der Titel des Buches und der Titel der Beschreibung Prags zur Zeit der Wiedervereinigung Deutschlands, der intensiven Eindrücke, die man gewinnen konnte, wenn man durch diese alte Stadt ging. – Das Titelbild stammt aus einer anderen alten Stadt in einem anderen Land, "Mystra", die auch aus Steinen und Licht zu bestehen schien, in der archaischen Landschaft der Peloponnes. – In einer Stadt desselben Landes, Griechenland, fand ich "eine kleine alte Kirche" mit hoheitsvollen Heiligen und kronenbewehrten Königinnen in einem von flackernden Kerzen spärlich erleuchteten Dunkel. – In der kleinen Dorfkirche in "Urschalling", nach einer langen Bergwanderung, sind Fresken aus dem 14. Jahrhundert zu sehen mit einem lebenden Gehenkten. - Einen alten Tempel mit stillen Menschen, die der blutrünstigen Göttin Kali Opfer brachten, sah ich in "Dakshinkali, Nepal" und fand die Göttin hier bei uns als Kunstfigur wieder. – Ich dachte über "Träume" nach und was sie mit uns machen. – Ich studierte Bilder und ihren Zusammenhang mit der Zeit, in der sie entstanden sind und mit dem, der sie gemalt hat; habe aber auch "vom Zerstören der Bilder" in der Geschichte gehört, weil sie nicht nur schön und kostbar, sondern auch bedenklich sein können. – Und Geschichte ist interessant, weil wir sehen können, wie etwas geworden ist, das auch mit uns zu tun hat: wie "es anfing. und wo", nämlich das Patriarchat, und was aus diesem Beginn geworden ist. – Schließlich versuche ich, mein Verstehen von Literatur zu beschreiben und fand bei Shakespeare die Personifizierung des Bösen kurz vor Beginn der Aufklärung, die "Grenzüberschreitung" Richards III., der sich bewusst für das Böse entschied. Thomas Mann lässt im "Tod in Venedig" den Untergang Gustav von Aschenbachs durch einen Gott ankündigen und durch einen Gott zu Ende bringen in einem moralischen und geistigen Zusammenbruch.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 197

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Bärbel Gudelius

Steine und Licht

Miniaturen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Steine und Licht

Rot

Eine kleine alte Kirche

Die weltabgewandte Seite des Gesichts

Die Wahrheit des Lebens ausdrücken

Dakshinkali, Nepal

Die Madonna mit der Schlange

Urschalling

Träume

Wie es anfing. Und wo

Sphinx

Mystra

Tanz in der Luft

Vom Zerstören der Bilder

Grenzüberschreitungen

Der Schritt ins Freie

Zwischenwelten

Der angekündigte Tod

Nicht die Söhne morden ihre Väter…

Über den Abgrund

Impressum neobooks

Steine und Licht

Überm Fluß Licht aus Glas und Stummheit, diaphanes Licht, zwischen Himmel und Wasser, schwarzem Wasser, und schwarz auch der Blick der Heiligen;

und Steine, Schwarzsteine, Steine aus Sonnen und Flußmövenschreien, Brücke aus Stein; und Schritte auf der Brücke: von Kaisern und Dichtern. Es liegen die Kaiser, es liegen die Dichter begraben in Prag. Und die Juden. Auch sie. Unter Steinen mit hermetischen Zeichen. Und auf allen Grabmälern die Wunschsteinchen: Kieselchen, Granit und Marmorbruch, Feldstein und Mauerwerk: Wunschsteine, magische Verwandlung des Bewußtseins, Gläubigkeit, die aus der Kirche, der Synagoge ausgezogen ist und sichtbar wird auf abgerissenen Zettelchen: I wish a guitar.

Die Synagoge, mit ihrem steilen Dach und dem Ampellicht im Gewölbe: Museum. Aber mit einem Rest von Geheimnis, einem unaufhebbaren Rest, der still die neugierigen Besucher, die griffigen Erklärungen der Reiseleiter zurückweist, auch den Japaner, der trotz Verbot fotografiert, auch die lauten Gespräche oder die kichernden Schülergruppen - sie ist also Museum geworden, ein Zeugnis spätromanischer Baukunst in Europa; bis 1938 gab es noch eine romanische Synagoge, die stand in Worms und wurde von den Nazis vollkommen zerstört. Nun ist diese hier die einzige, die geblieben ist aus den dunklen Zeiten des Mittelalters und des 20. Jahrhunderts.

Die Synagoge mit dem seltsam dialektischen Namen: Alt-Neu-Synagoge.

Gehen durch die Straßen von Prag;

hier wurde Franz K. geboren, in einem geborstenen Haus –

hier ging er zur Schule –

hier mietete er ein Zimmer –

und hier, im Goldmachergässchen auf dem Hradschin, die Nummer 22, ein kleines krummes Haus, das leider verschlossen ist und abweisend, ich würde gerne eintreten und den Geruch der Jahrhunderte atmen, der dieses Haus vielleicht erfüllt und die Räume um mich spüren, die Wände und niedrigen Decken, und mir vorstellen, wie Kafka, hochgewachsen, unter den Türen den Kopf einziehen mußte. Die Topographie Kafka: jedes Haus steht noch, hier sind keine Bomben gefallen, die Straßen und Stadtteile in Schutt und Asche legten, hier werden alte Häuser nicht abgerissen und das ist ein Glück, so kann man den Wegen Franz Kafkas nachgehen und das eigene Gedächtnis erproben, die Prager machen es mir leicht und manchmal schwer, denn ihr Gedächtnis ist hervorragend, sie dokumentieren es auf eine Weise, die mich nachdenklich macht angesichts von Geschichts- und Gedächtnislosigkeit in meinem eigenen Land -

hier, auf dem Altstädter Ring, wurden am 21. Juni 1621, ein Datum, das ins Pflaster geschrieben ist, die politischen und geistigen Führer des Aufstands gegen Kaiser und Reich hingerichtet, eine Ausrottung fast des gesamten böhmischen Adels und der Intellektuellen, und der Beginn der Vorherrschaft und Fremdherrschaft durch die Habsburger bis 1918 -

hier, am Denkmal des heiligen Vaclav, verbrannte sich Jan Palach, sein Bild und das anderer Verfolgter und Ermordeter steht, geschmückt mit einer Fülle von immer frischen Blumen und Bändern in den Landesfarben, auf einem Rondell von Wachs, grauweiß und erstarrt, Kerzenwachs, hier haben die Prager ihre berühmt gewordenen Kerzen angezündet, immer wieder, gegen geballte Staatsmacht und zum Gedächtnis –

und an einer alten Mauer mit abgeblättertem Putz lese ich: NDR je s vami za svoboda: Die DDR ist mit euch für die Freiheit! –

hier das Haus, in dem sich die Heydrich-Attentäter im Juni 1942 verschanzten und in dem sie sich, bevor die SS das Haus stürmte, selbst erschossen: an der Hauswand ein frischer Kranz -

aber auch dies hier: ein sowjetischer Panzer, ein Panzer der Befreiung, der erste der Roten Armee, der 1945 in Prag einrollte -

In Prag gibt es eine Uhr, die rückwärts geht - aber was heißt rückwärts? Gegen den Uhrzeigersinn, was nur beweist, daß unsere vorwärts gerichtete Zeit etwas Beliebiges hat, warum soll eine Uhr nicht links herum gehen, anstatt nach rechts, aber etwas in uns sträubt sich, es ist nicht nur die Gewohnheit, sondern noch etwas anderes: die Zeit, würden wir sagen, läuft nicht zurück. Aber läuft sie denn nach vorn? Und die hebräischen Ziffern auf dem Zifferblatt - was bedeuten sie? Zahlen? Geheime Zeichen? Zeigen sie Stunden an, die rückwärts gerechnet werden, sodass ich mich womöglich plötzlich am Anfang eines bereits gelebten Tages wiederfinde und nicht weiß, wo er geblieben ist, der Tag -

was in Prag nicht verwunderlich wäre.

Überm Fluß: der Himmel aus böhmischem Blau. Überhaupt: Böhmen. Der Wortklang ist dunkel und wie aus einer anderen Zeit und das Wort selbst ist aus einer anderen Zeit und heute heißt dieser Teil des Landes Cechy (und nicht Tschechei, ein Unwort Hitlers, das wir vergessen sollten).

Überm Fluß: das Licht. Garben von Licht, Netze von Licht, Licht gefiltert von Staub, von Wärme. Unzählige Male bin ich über Karluv most gegangen, um dieses Licht zu sehen; es gibt überhaupt keine andere Möglichkeit, über die Moldau zu gehen, als über diese Brücke, es sei denn, man will sie einmal aus der Ferne sehen, als Kunstwerk mit der Burg darüber, fast schwebend im Licht, und auf der Burg die rotweiße Fahne. „Die Wahrheit siegt“ - das weiß hier jedes Kind. Eine jahrhundertealte Losung auf der Präsidentenstandarte, aber mir scheint, als hätte dieser einfache Satz noch nie so gestimmt wie heute, in dieser Zeit, in der ein Präsident in der Burg residiert, der diesen Satz hätte erfinden können.

Im Dunkel die Schwäne wie Brüste, schimmernd. Hier versagt alles, worauf wir uns verlassen, täglich, die Sätze, die Wörter, die Bilder, die Wirklichkeit. Prag ist magisch, natürlich ist es auch eine moderne Stadt, aber muss man sich das nicht extra immer wieder vor Augen halten? Und ist nicht doch hier der Golem zu Hause, in diesen Gassen mit ihrem Kopfsteinpflaster und dem matten Schein der Laternen an den Häuserwänden, der nicht weit reicht, der Golem ist eine jüdische Magie und es ist überhaupt nicht vorstellbar, daß er anderswo erschaffen worden sein könnte als in dieser Stadt, von einem jüdischen Rabbi, um dessen Grab die Legenden ranken, dem berühmten Rabbi Löw: ein Renaissancegrabmal, wie der Reiseführer ausweist, ein kleines Haus aus Granit, mit einem Spitzdach und zwei mächtigen Giebelwänden, die das Dach weit überragen, hebräische Schrift in den Stein gemeißelt, und Weintrauben als Zeichen der Weisheit, für die der Rabbi berühmt war zu seiner Zeit und weit über das Land hinaus.

Die Wasserspeier am Dom Sankt Veith blecken die Zähne, strecken die Zunge heraus, eine lange Teufelszunge, über die das Wasser rinnt bei Regen. Es ist eine Verwandlung; Verwandlung von Materie, von Stein und Metall, in ein Zeichen - wofür?

Ich bündle die Zeit in meinen Gedanken, bin hier und dort, ich sehe den Stein und sehe den Dämon. Zeichen in Stein, Manifestation der Angst einer anderen Epoche, Ausdruck eines allgemeinen, allgegenwärtigen Schreckens, sichtbar gemachte Wirklichkeit der Albträume und Visionen, Projektion von Wirklichkeit ins Innere und Entäußerung, Hervorbringung von Bewußtsein. Uns sind sie nicht mehr bedrohlich, weil wir sie als Kunst sehen: unsere Angst drückt sich anders aus, hat andere Ursachen, oder, besser gesagt, unsere Dämonen heißen anders und haben ein anderes Gesicht. Wir fürchten uns nicht mehr vor der vorspringenden Fratze am Gesims des Doms, aber es fragt sich doch, ob wir für unsere Ängste solch gültige Manifestationen gefunden haben.

Zwischen Himmel und Fluß der steinerne, schwarze Blick der Heiligen im Licht.

Rot

Die Farben dieses Landes sind Rot. Viel unterschiedliches Rot. Wer es kennt, wer hindurchgefahren ist, wird vor allem das Blau wahrgenommen haben: das Blau des Himmels und der Seen; das Weiss der Schwäne und der riesigen Wolkenformationen; oder auf dem Grün bestehen, dem Metallschimmer des noch nicht ganz reifen Korns, dem intensiven Grün der Wiesen.

Aber unter all diesem Offensichtlichen liegt das Rot. Die Dome. Wer sie im Abendlicht sieht, das auf die roten Steine fällt, auf die gebrannten Ziegel, der kann es sehen: Krapp- und Magentarot, Scharlach-, Kupfer-, Korallenrot. Dieses Venetianerrot, Rubinrot, Himbeer- und Purpurrot, Türkisch- und Tizianrot, ein Rot wie Burgunder und Tomaten, wie Möhren und Johannisbeeren. Ein Rot in allen Schattierungen unter einer tiefstehenden Sonne, unter der es anfängt zu leuchten, zu glühen wie von innen heraus.

Die Dome der nordischen Backsteingotik sind Körper, sind Elementarereignisse aus Stein, aus tausenden von Steinen, mit der Hand gefertigt, in mittelalterlichen Brennöfen gebrannt, aufgeschichtet zu einem mystischen Gebirge in einem Land, das keine Hausteine verwenden konnte, das aus Erde Dome machte, das aus dem Glauben Gottesburgen machte; Manifestationen eines Glaubens und gleichzeitig von etwas, was in diesem Glauben eigentlich nicht vorgesehen war, ja sogar zurückgewiesen wurde von seinem Begründer, das erst im Laufe der Geschichte hinzugelegt wurde: Ausdruck von Macht.

Macht der Landesherren.

Macht der Hanse, Macht des Geldes.

Jene, die sie erbauten, hätten gesagt: Macht des Glaubens. Für sie war die Verbindung von Macht und Religion selbstverständlich. Es ist eine andere Art des Glaubens, für uns nicht mehr nachvollziehbar; ein vorsäkularer, ein unbedingter, kompromiss-unfähiger Glaube, der die Ringparabel eines Lessing mit tiefem Misstrauen betrachtet und mit einem Bücherverbot, wenn nicht mit einer Bücherverbrennung oder, schlimmer noch, mit einer Dichterverbrennung geahndet hätte.

Es sind Dome fast ohne Skulpturen. Ohne Kapitellfiguren, ohne Chimären, Teufelchen und Monster, ohne Erzählungen heiliger Geschichten in Stein, ohne Engel und Wasserspeier, und vielleicht hat dieses Fehlen mit dem Material zu tun.

Und dann leuchtet das Rot in den Backsteinen der kleinen Dorfkirchen. Die Ziegel sind das Füllmaterial für die Fachwerke aus schwarzen Balken, das Rot und das Schwarz bilden einen scharfen Farbkontrast und dennoch eine Einheit. Könnte man sagen: es ist schön? - ohne sich an diesem Wort zu stoßen, abgenutzt, wie es ist, fast unbedeutend geworden. Doch - sie sind schön, die Dome und die kleinen Kirchen, sie leuchten im Abendlicht und viele sind noch schön im Verfall, da vielleicht besonders.

Und Kreuze stehen vor manchen Dorfkirchen, schwarze schmiedeeiserne.

Eine kleine alte Kirche

Nun aber waren die Straßen wie Schluchten, tief eingeschnitten in die steinerne Landschaft der Stadt; die Häuser, eng zusammenstehend, warfen Schatten von Hauswand zu Hauswand, so war es fast kühl hier, und kaum Verkehr in dieser Mittagszeit. Und die kleine alte Kirche, achteckig, hingeduckt auf einem schmalen Platz zwischen den Straßen, eingesunken ins Erdreich unter dem Pflaster, sie war ein dunkles Gewölbe, in das man hinunter stieg auf ausgetretenen Stufen, die Dunkelheit wurde noch tiefer durch die kleinen Flammen der Kerzen und das Glühen der Ampel, Anwesenheit des Gottes. An den Wänden, im Licht der Kerzen kaum zu erahnen, die Heiligen, strenge, aufrechte, mahnende Figuren auf alten Bildern; ein schwarzes Gesicht, gefasst in Silber, das einen matten Schein aussendet, unter Glas, geküsst von hilflosen Lippen.

Maria, Panagia, die Menschenfrau, die den Gottessohn geboren hat. Fürbitterin vor dem Thron des Herrn, alles verstehend, vor allem die Nöte und Schmerzen der Frauen. Sie, die Gottesgebärerin, weiss um das irdische Elend, denn sie hat das größte Leid erfahren, die schreckliche Hinrichtung ihres Kindes. Ihr kann man alles anvertrauen, das Elend des Alltags, die Angst, die Ausweglosigkeit, alles, auch das, was man niemals laut sagen kann, zu niemandem.

Die Kerzen flackern in einem Luftzug, der nicht zu spüren ist. Nun haben sich meine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt, ich gehe mit den alten Frauen leise von Bild zu Bild, immer nur halb treten die Figuren aus dem Dunkel, aus den Wänden hervor, mit ihren Kronen und mit Juwelengefunkel, auf Goldgrund und mit segnender Gebärde; mit großen, schwarz umrandeten Augen, mit Blicken wie aus einer Ewigkeit herüberreichend, den Betrachter betrachtend. Oder ein Engel mit Flügeln wie Flammen, in der Rechten das erhobene Schwert des Gerichts.

Christos Pantokrator.

Da sind keine Körper, nur Gewänder. Sie lächeln nicht; sie schauen ernst und streng aus ihrem Bild heraus in eine unbestimmte Ferne. Manchmal scheint es, als höben sich ihre Gewänder ein wenig und es geschähe eine leichte Drehung, so als machten sie einen Schritt aus ihrer Hoheit heraus. Aber nur für einen Moment - im Flackern der Kerzen.

Wundertätige Bilder -.

Inbrunst, gemurmelte Gebete oder stummes Flehen, ein sanfter Teppich aus Gebeten, schwebend wie der Weihrauch aus silbernem Räuchergefäß. Und leises Scharren der Schritte über jahrhundertelang abgeschliffenen Stein.

Beim Hinaustreten das Licht, klar, hart, durchsichtig, golden, das die Hauswände und die Schatten der Hauswände und die Dächer scharf absetzt gegen den weißglühenden Himmel - beim Hinaustreten die krumme ausgestreckte Hand der alten Frau vor der Kirchentür, in die schnell und schamhaft der Schein gelegt wird, wie ein Loskauf -

Die weltabgewandte Seite des Gesichts

Als Hernán Cortez im Jahre 1519 seinen Fuß auf mesoamerikanischen Boden setzte, als er sich dem Land zu- und vom Meer abwandte, als er befahl, die Schiffe, die dort draußen ankerten, zu verbrennen - wußte er, wo er war? Und die sechshundert Seeleute, die Velázques ihm auf diese Expedition mitgegeben hatte, die sahen, wie ihre einzige Verbindung zur Heimat gekappt wurde, der einzige sichere Boden unter ihren Füßen, den sie kannten, die Schiffe, auf denen sie, beladen mit Gold, zurückkehren wollten - was empfanden sie angesichts der lodernden und ins Meer sinkenden Karavellen?

Es gibt keine historischen Tatsachen; es gibt nur Deutungen. Geschichte ist eine Geschichte von Deutungen; jedoch verbirgt sich unterhalb der berichteten Ereignisse eine andere Dimension, eine verborgene Realität, ein dunkler subhistorischer Strom, der Anderes mit sich trägt und transportierrt als Jahreszahlen, Königskrönungen, Königsmorde, Revolten und Revolutionen: Wünsche, Sehnsüchte, Erinnerungen. Sie alle gehen in die Deutungen ein.

Cortez hatte ein Land vor sich, von dem er nur wenig wußte. Er kam von Kuba: es gab einige Berichte von Spaniern, die bereits auf dem Festland gewesen waren; sie waren eher dürftig. Cortez gründete den Stützpunkt Veracruz, drehte sich um und marschierte los. Das heißt, er ritt natürlich.

Sie trafen bei den Azteken auf ein Volk, das seinerseits aus Eroberungen hervorgegangen war und spätere Berichte, zum Beispiel der Codex Florentino, rühmten die sittliche Grundhaltung der Mexica, die Erziehung zu Arbeitsamkeit, Ehrlichkeit, Sparsamkeit, Takt, Klugheit, Mut - kurz, den Christen durchaus bekannte Eigenschaften sowie die Verachtung von Faulheit, Nachlässigkeit, Unzuverlässigkeit und Unaufrichtigkeit, Betrug und Diebstahl. Die Erkenntnis dieser Sittlichkeit führte bei den Eroberern zu Irritationen, vielleicht sogar zu Zweifeln an der Rechtmäßigkeit der Conquista.

Aber es gab da etwas, etwas Entsetzliches, das diese Zweifel wieder aufhob und die Unterdrückung, die Ausbeutung und Ausrottung der indigenen Völker zu rechtfertigen schien: die Menschenopfer, die dunkle Seite der aztekischen Kultur. Die Azteken jedoch hielten diesen Opferkult nicht nur für absolut zulässig, sondern für unverzichtbar und hätten Kritik daran überhaupt nicht verstanden. Denn es ging um die Ordnung der Welt, es ging darum, die Welt zusammen zu halten, das Chaos nicht herein zu lassen in die Gesellschaft, die Götter konnten bedrohlich sein, sie konnten den Untergang der Welt herbeiführen und so war es notwendig, sie zu beschwichtigen, ihren Blutdurst zu stillen, lebenden Menschen das Herz aus dem Leibe zu schneiden. Verwendet wurden dafür Sklaven und Kriegsgefangene und die Azteken führten ihre Kriege, die wohl eher Raubzüge waren, genau zu dem Zweck. Auch Kinder wurden geopfert durch Einmauern und Ertränken.

Diese Bräuche dienten letztlich zur Rechtfertigung der Eroberung und Versklavung der indigenen Völker durch die christlichen Eroberer, wobei sie, wie vermutlich alle ihre Zeitgenossen und wie fast alle Menschen zu allen Zeiten, keine Parallele zu ziehen fähig waren zwischen den Menschenopfern auf den Altären und den Opfern, wir benutzen das Wort immer noch und gerade hier, die ein Krieg fordert, und so ausgedrückt, scheint der Krieg ein Gott zu sein, der Opfer genauso fordert wie Huitzilopochtli.

In Tlatilco schufen Töpfer Totenmasken, die zur Hälfte das Gesicht eines Lebenden und zur anderen Hälfte das eines Toten zeigte. Sind nicht Leben und Tod zwei Seiten einer einzigen Wirklichkeit? und haben diese Menschen das verstanden? Der Opfertod wurde „Blumentod“ genannt - ein genauso ehrenvoller Tod wie der auf dem Schlachtfeld; ein natürlicher Tod durch Krankheit oder Alter wurde als nicht ehrenvoll betrachtet. Auch das ist etwas, was uns nicht ganz fremd ist; wir glauben heute, es überwunden zu haben, aber ist das so?

Vor mir liegt die Fotografie einer Skulptur: ein oltekischer Steinkopf. Der fast runde Kopf hat zwei Hälften: die rechte Seite zeigt das Gesicht eines Menschen, ein schmales, sichelförmiges Auge, eine halbe Nase einen halben Mund, eine Wange. Die linke Hälfte des Gesichts ist nicht herausgearbeitet; aber der Stein ist auch nicht grob belassen, sondern geglättet, sodaß sich diese Seite wie eine Maske vor das halbe Gesicht zieht. Diese Glättung und die Anpassung des Steins an die Rundung des Kopfes zeigt, dass es keine halbfertige Arbeit ist, sondern etwas, was den Totenmasken in Tlatilco entsprechen könnte: das halbe Gesicht des Menschen. Denn die andere Hälfte ist weltabgewandt, nicht sichtbar, einem Reich zugewandt, von dem wir nichts wissen, auch meist lieber nichts wissen wollen.

Aber jene Menschen haben etwas davon verstanden, dass der Tod die andere Seite des Lebens ist. Er war so sehr ein Teil ihres Lebens, dass sie es ausdrücken konnten in einem halben Gesicht.

Und hat der Schrei „Viva la muerte“ der spanischen Faschisten vielleicht etwas damit zu tun, dass aus diesem indigenen Bewußtsein etwas übergegriffen hat auf den Eroberer?

Die Wahrheit des Lebens ausdrücken

Die Fahrt ging nach Norden, vom Finnischen Bahnhof aus. Wir ließen die Stadt hinter uns, die Megastadt mit ihren Plätzen und Palästen, mit ihren Straßen wie Kanäle und ihren Kanälen wie Straßen, mit ihren Hinterhöfen und Kaufhäusern, ihrer klassizistischen Strenge und den Golddächern der Basiliken, mit ihren U-Bahn-Schächten und Rolltreppen. Wir fuhren nach Norden, eine Fahrt von einer knappen Stunde; die elektritschka war voll, fliegende Händler mit Plastiktaschen, die ihre kleinen, transportablen Waren anpriesen, Musikanten, die traurige russische Weisen auf ihrem Akkordeon spielten und in ihrer Mütze Geld einsammelten, um dann in den nächsten Wagen weiterzuziehen - marginale Existenzen, wie leben solche Leute?

Dann lagen auch die Vororte hinter uns, das Land begann. Nicht sofort, die elektritschka fuhr nicht schnell, allmählich erschienen die Birken, vereinzelt zunächst, dann in kleinen lichten Wäldchen, sie spiegelten sich in moorigen Tümpeln, hier konnte man sehen, worauf St. Petersburg gebaut worden war, auf schwarzem schwankendem Grund, auf Moor und Sumpf.

Und auf den Knochen von Tausenden von Leibeigenen, von adligen Herren dem Zaren zur Verfügung gestellt, die seit 1703 in wenigen Jahren die Wälder der Umgebung in die Sümpfe trieben, auf dass Peter I. sein Tor nach Westen öffnen konnte. Peters Denkmal, der Reiter auf dem steigenden bronzenen Hengst, so berühmt wie er selbst, der mit ausgestrecktem Arm nach Westen deutet, steht an der Newa. An die Leibeigenen erinnert nichts.

Kleine Bahnhöfe, Stationsschilder in einer fremden Schrift. Dennoch stiegen wir richtig aus: Repino. Zwei blutjunge Polizisten, die sich offensichtlich langweilten und entzückt waren, uns weiterzuhelfen, wiesen uns, mit der Sprache der Hände und unsererseits dem Verstehen einiger russischer sowie internationaler Wörter wie ‚Bus‘ den Weg zur Bushaltestelle. Drei Stationen, und da waren wir: im Haus des Malers Ilja Repin. Heute Museum.

Es ist ein sehr eigentümliches Haus, Repin hat es selbst entworfen, oder vielmehr: er hat es wie ein Schneckenhaus um sich herum gebaut. Ich habe keinen Grundriss; einzig daraus könnte man die Struktur dieses Hauses erkennen: man tritt vom Flur aus, nachdem man Filzpantoffeln übergezogen hat, in einen Wohnraum, an den ein kleines Zimmer grenzt, eine Garderobe oder ein Dienerzimmer; die Wohnräume der Familie liegen hinter diesem ersten Raum hintereinander, in einer Art von Rundbau, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, eine vorgebaute verglaste Veranda, das Esszimmer.

Man darf nicht vergessen, dass Repin noch in einer Zeit lebte, in der Dienerschaft selbstverständlich war, ja, unumgänglich, da die gesamte Hausarbeit von der Hausfrau allein nicht zu schaffen war. Bei Repin jedoch herrschte ein eigentümlich demokratisches Prinzip: bei Tisch wurde nicht bedient. Im Esszimmer steht er noch, der wuchtige runde Tisch mit dem drehbaren Aufbau in der Mitte, auf dem die Speisen und Getränke standen: jeder Gast, und es gab immer viele Gäste, drehte die Scheibe, um sich von den Speisen selbst zu nehmen. Wer so unvorsichtig war, um das Brot oder die Butter, den Wein oder die Sauce zu bitten, wurde dazu verurteilt, auf einer hölzernen Kanzel fast unter der Decke, zu der eine Treppe hinauf führte, eine Rede zu halten. Im Laufe der Zeit saßen an diesem Tisch wohl alle Petersburger, deren Namen etwas galt, unter anderen Maxim Gorki mit seiner Frau, Fjodor Schaljapin, Wladimir Majakowski, Lew Tolstoi, um nur einige zu nennen. Es war eine originelle und sehr individuelle Form eines alternativen Lebens, wie es das nach der Jahrhundertwende in ganz Europa gab: Versuche, der bürgerlichen und spießbürgerlichen Vorherrschaft zu entkommen, häufig verbunden mit dem Umzug und Rückzug aufs Land; Landkommunen entstanden mit Versuchen, die wir heute biologischen Anbau nennen, das große Vorbild in Russland war natürlich Tolstoi, Graf und Bauer.

Ilja Repin, 1844 geboren im Gebiet Charkow, verließ die Großstadt, verließ 1900 Russland und ließ sich jenseit der damaligen Grenze am Finnischen Meerbusen nieder. Denn damals war das hier Finnland. Wenn man sich die Karte anschaut, verlief die damalige finnisch-russische Grenze knapp hinter Petersburg und teilte den Ladoga-See in zwei Teile. Im Jahre 1918, nach dem Sieg der Revolution, wurde die Grenze geschlossen. Repin wurde finnischer Staatsbürger.

Das Haus, das er mitten in ein Waldstück baute, etwa 100 Meter vom Meer entfernt und geschützt vor den Winterstürmen durch ein paar Kiefernwäldchen auf niedrigen Dünen, nannte er Penaten, nach den alten römischen Haus- und Schutzgöttern. Es wurde sein ständiger Wohnsitz bis zu seinem Tod.

Das Haus ist ein Rundbau mit Ecken - anders kann man es nicht beschreiben. Niedrige Räume mit weißgestrichenen Holzdecken und Fensterrahmen, vor den Fenstern weiß Voile-Vorhänge - das Weiß bewirkt, dass die Räume, obwohl sie klein und niedrig sind, weiträumig und groß wirken.

Alles, so hieß es, sei wie zu Lebzeiten Repins wieder hergerichtet worden, nachdem das Haus im Krieg abgebrannt ist. Auch das Atelier im 1. Stock mit Sofa, Staffeleien, Pinseln in Töpfen, Paletten, Farben, Fotografien von einigen seiner Gemälde im ganzen Haus, Originale wären hier zu gefährdet und ohnehin sind sie verstreut weltweit in Museen.

Und ringsum lichter russischer Wald, Birken, Kiefern. Wege, die wir gehen und die Repin gegangen ist, mit seinen Freunden, mit seinen Kindern, mit seiner Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Natalia Nordmann. Rasen unter den Bäumen. Eine kleine Brücke über einem Graben, weiß gestrichenes Geländer.

Sein Grab - der Platz von ihm selbst bestimmt noch zu Lebzeiten; ein einfaches weißes Holzkreuz mit drei Querbalken, einem oberen kurzen, einem mittleren längeren mit einer kleinen schwarzen Tafel, kyrillische Buchstaben, und unten dem schräggestellten Querbalken, Kennzeichen des orthodoxen Kreuzes. Auf dem Grab frische Blumen, nicht gepflanzt, hingelegt. Das sind die einzigen Blumen, die wir gesehen haben; es gibt keinen Garten, nicht vor und nicht hinter dem Haus. Es gibt nur den Wald, der bis ans Haus reicht, hell, die Stämme stehen nicht sehr nah beieinander, aber sie sind höher als das Haus.

Es ist still; langsam gehen wir die Wege entlang, nur von der Straße her das Rauschen der Räder auf Asphalt. Die Straße, über die wir mit dem Bus hergekommen sind; damals wird sie ein Feld- oder Waldweg gewesen sein, eine alte Landstraße, ungepflastert, staubig und mit ausgefahrenen Spurrillen von den Rädern der Kutschen und Kaleschen, der Landauer und Coupès, mit denen die Gäste vom Bahnhof Kuokalla abgeholt wurden oder von Petersburg kamen. Die Stille scheint von den Bäumen auszgehen oder von den Dächern des Hauses, die man durch die Bäume schimmern sehen kann, sie scheinen aus Glas zu sein, oder aus Silber, oder aus Silberglas, falls es so etwas gibt, sie sind von einem transparenten Weiß oder Grau, sie glänzen und erinnern mich an den von Christo verhüllten Reichstag, der denselben Silberschimmer ausstrahlte und von dem eine große Ruhe auszugehen schien. Ähnliche Ruhe strömt auch dieses Haus mit seinen wie durchsichtigen Glas- oder Silberdächern aus.