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Judith End ist eine junge, alleinerziehende Mutter, mitten im Studium, als sie in ihrer Brust einen Knoten ertastet und ihre Welt aus den Fugen gerät. Eben noch war sie dabei, sich frisch zu verlieben, jetzt quält sie sich mit der Frage, bei wem ihre Tochter Paula aufwachsen soll, falls sie sterben sollte. Operation folgt auf Operation, Chemo- und Strahlentherapie schließen sich an. An den guten Tagen vor dem nächsten Infusionstermin versucht Judith mit Paula in den alten, unbeschwerten Alltag zurückzukehren. Und sie lernt trotzig auf ihr Examen und legt die Prüfungen ab. Am Schluss der Prozedur hat sie beides: Hoffnung, den Krebs überwunden zu haben, und ein Einserexamen. Judith End ist eine Autorin, deren Erzähltalent, deren Sinn für Dramatik, deren offene Nüchternheit und deren großes Maß an Selbstironie Leserinnen und Leser von der ersten Seite an in ihren Bann schlagen. "Sterben kommt nicht in Frage, Mama!" von Judith End: als eBook erhältlich!
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2010
Judith End
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Judith End ist eine junge, alleinerziehende Mutter, mitten im Studium, als sie in ihrer Brust einen Knoten ertastet und ihre Welt aus den Fugen gerät. Eben noch war sie dabei, sich frisch zu verlieben, jetzt quält sie sich mit der Frage, bei wem ihre Tochter Paula aufwachsen soll, falls sie sterben sollte. Operation folgt auf Operation, Chemo- und Strahlentherapie schließen sich an. An den guten Tagen vor dem nächsten Infusionstermin versucht Judith mit Paula in den alten, unbeschwerten Alltag zurückzukehren. Und sie lernt trotzig auf ihr Examen und legt die Prüfungen ab. Am Schluss der Prozedur hat sie beides: Hoffnung, den Krebs überwunden zu haben, und ein Einserexamen. Judith End ist eine Autorin, deren Erzähltalent, deren Sinn für Dramatik, deren offene Nüchternheit und deren großes Maß an Selbstironie Leserinnen und Leser von der ersten Seite an in ihren Bann schlagen.
Für dich, kleine Apachin
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7. Dezember, später
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9. Dezember
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18. Mai
3. Juni
5. Juni
6. Juni
7. Juli
Nachspiel: Juli
Danke
Für dich, kleine Apachin
In einem großen weißen Krankenzimmer, dessen zugezogene Vorhänge die taktlose Helligkeit der Frühlingssonne mildern, tritt der Professor festen Schrittes an das metallene Bett der Patientin, die ein wenig blass in den strahlend weißen Kissen ruht. Ihr graues Haar ist ganz apart in Form gebracht. Auf ihrer Hand liegt, Altersfleck an Altersfleck, die schützende Hand ihres Ehegatten. Die erwachsenen Kinder bringen noch einmal die Enkelchen mit selbstgemalten Bildern und Wiesenblümchen vorbei.
So in etwa hatte ich sie mir vorgestellt, die Sache mit dem Krebs. Jetzt weiß ich es besser. Denn erst kam Kylie. Und dann kam ich.
Dr.M. hat heute keine Omi vor sich.
Vor Dr.M. sitzt heute ein junges Mädchen. Ein ansehnliches Ding mit langem blondem Pferdeschwanz. Ohne beruhigenden Gatten, ohne erwachsene Kinder und ohne siebzig glücklich gelebte Jahre. Ohne Job, mitten im Examen, mit einem Kleinkind, für das sie allein verantwortlich ist. Mit nichts als einem großen Bündel Träume und Pläne.
Vor Dr.M. sitze heute ich.
»Wie bitte?«
»Frau End, Sie haben Brustkrebs.«
Stopp. Cut. Zurückspulen. Rewind.
»Frau End?«
Bitte aufwachen. Zurückspulen. Bitte!
»Frau End, wir werden alles tun, was wir können.«
Und plötzlich ist sie da, die Katastrophe. Ganz ohne Vorwarnung. An einem unschuldigen Mittwochmorgen. Sie bricht über mich herein, ohne den leisesten Schatten vorausgeworfen zu haben. Ohne Andeutung. Zumindest keiner, die ich wahrgenommen hätte.
Mein Studienfreund Philip hat einmal ein Erdbeben miterlebt. Er sagte, das am meisten Beängstigende sei nicht gewesen, dass die Häuser und Wände einstürzten. Nicht, dass er drohte erschlagen zu werden und alles zu verlieren. Im ersten Moment sei das einzig wirklich Schlimme gewesen, dass der Boden bebte. Dass die Erde, auf der er stand, keinen festen Halt mehr gab. Eine Urkraft, der man selbst nicht das Geringste entgegenzusetzen hat. Erschütterung bis in die tiefste Seele. Jetzt muss ich an Philip denken, wie sich der Boden unter seinen Füßen plötzlich geteilt hat.
Meine Katastrophe ist auch ein Erdbeben. Vielleicht bin ich in wenigen Monaten tot. Die Natur hatte nur fünfundzwanzig Jahre für mich vorgesehen. Nicht mehr. Nur fünfundzwanzig.
»Habe ich jetzt Krebs? Ich? Wirklich?«, frage ich tonlos meine kleine Schwester, die mich begleitet und jetzt sichtlich mit den Tränen kämpft. Ein leises: »Ich weiß nicht. Ich denke schon.« Und dann nimmt sie mich weg. Nimmt mich diese furchtbare Diagnose ganz und gar fort.
Plumps – und ich bin aus der Welt gefallen.
Keine Tränen. Ein Gefühl, als löse sich mein Körper auf, als verdampfe er einfach, würde zu einem kleinen blassen Wölkchen und flöge davon. Auf Nimmerwiedersehen in Richtung Universum. Meine Schwere, das Gewicht meiner Glieder – weg. Ich bin in meinem Körper und auch wieder nicht. Sehe die Situation von außen. Bin erste und dritte Person zugleich, ich und sie. Meine Seele hat kein stabiles Haus mehr. Vielleicht fühlt sich so der Tod an. Der Körper verschwindet, die Seele flattert ziellos durch die Gegend. Zumindest fühlt sich so die Todesangst an.
Aus Dr.M.s Mund hageln Termine, regnen Überweisungen, fluten beängstigende Informationen und Fachbegriffe. Im Mittelpunkt des Geschehens und doch ganz weit weg sitze ich im Behandlungszimmer und klammere mich mit den Füßen an die verchromten Stuhlbeine.
»Aber ich sterbe doch nicht?«
»Frau End, das weiß ich nicht.«
»Aber ich kann nicht in den nächsten zwölf Monaten sterben, oder? Das kann nicht sein?«
»Es tut mir leid, versprechen kann ich im Moment noch gar nichts.«
Computertomographie, Knochenszintigramm, Oberbauchsonographie, mögliche Metastasen, Amputation. Invasives duktales Karzinom. Ich höre zu, nicke ab und an und verstehe gar nichts. Die Worte rauschen an mir vorbei, alles geht so schnell. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, und mein eigener Körper will mir mein Leben nehmen. Ich sehe ins Gesicht meiner kleinen Schwester, in ihren Pupillen spiegelt sich mein eigenes Gesicht: Ein farbloses, winziges Gesicht, das von einem schwarzen Loch verschluckt wird.
»Mama, willst du mal sehen, wie gut ich Liegestütze kann?«, hat mich Paula heute Morgen gefragt, bevor sie an meiner Hand in den Kindergarten gewatschelt ist. Meine süße Paula. Sie ist noch so klein, viel zu klein.
Dr.M. wischt sich sichtlich mitgenommen eine kleine Schweißperle von der Stirn. »Haben Sie noch Fragen?«
Und obwohl ich nur einen Bruchteil dessen verstanden habe, was er mir gerade schonend versuchte verständlich zu machen, sage ich: »Nein, keine. Ich mache alles, was Sie gesagt haben. Aber sterben, das kommt nicht in Frage!«
Der Parkplatz vor dem Krankenhaus sieht plötzlich ganz anders aus. Die Welt hat sich verwandelt. In diesen dreißig Minuten hat sich die Welt verwandelt, und ich erkenne sie nicht wieder. Der Himmel ist so blau, ein tiefes, unendliches Herbstblau. Wenn wenigstens Frühling wäre. Unfähig, ins Auto zu steigen, treten wir von einem Fuß auf den anderen. Mein Herz rast, mein Kopf schmerzt. Ich spüre, wie sich eine unbestimmte Furcht in mein Herz und mein Hirn setzt, eine abstrakte Angst, ich weiß nicht, wovor, und ich weiß nicht um ihr Ausmaß. Denn was ich hier und jetzt spüre, auf diesem Parkplatz, unter diesem blauen Himmel, mit Blick auf Dorothea, ist Betrug. Etwas will mich um mein Leben betrügen. Ein Leben, an dem ich so sehr hänge, mit dem ich anderes Leben geschenkt habe und das mir verdammt noch mal zusteht! Ich bin zu jung zum Sterben, ich bin zu klug zum Sterben, ich bin zu hübsch zum Sterben, ich bin zu lustig zum Sterben. Ich bin doch wertvoll für diese Welt, ich hab doch noch längst nicht alles erledigt auf dieser Erde! Eine schreiende, bodenlose Ungerechtigkeit, die Verurteilung eines vollkommen Unschuldigen zu Folter, zu lebenslanger Haft, wenn nicht sogar zum Tode. Ich vergrabe meine Fäuste in den Taschen meines Kapuzenpullovers, plötzlich wird mir kalt. Wir starren uns an, ungläubig, haben keine Worte.
Ich habe mich doch so angestrengt, damit jetzt alles gut wird, damit mein Leben endlich leichter wird! »Doro«, ich versuche mein Gesicht wiederzufinden in ihren Augen, aber da ist nichts mehr, »das ist doch die reinste Verarschung, oder?«
»Absolut. Die größte Verarschung, die man sich vorstellen kann.«
Dieser kleine schwarze Käfer, der gerade versucht, über Barbies Bein zu krabbeln, und jetzt doch den Weg unter der beweglichen Kniekehle nimmt, der wäre ich jetzt gerne. Wenn ich ihn mit einem Finger zerdrücken würde, dann gäbe es ihn nicht mehr. Aber er würde es gar nicht merken. Es würde ihm bestimmt überhaupt nichts ausmachen, weil er eben nur ein klitzekleines dumpfes Käferchen ist ohne Verstand und mit seinem Käferherzen, das physiologisch gesehen wahrscheinlich überhaupt nicht existiert, nicht sehr am Leben hängt.
Wenn ich dieses Käferchen wäre, dann könnte ich jetzt mopszufrieden Rapunzel-Barbie besteigen, und wenn ich dabei draufginge, dann wäre das eben so und würde niemanden weiter stören. Aber ich bin nun mal kein dumpfes kleines Käferchen. Ich bin ein Mensch, liege im Bett meiner kleinen Tochter, sehe abwesend an ihr vorbei, während sie spielt, und habe so furchtbare Angst. Seit gestern weiß ich von meinem Krebs, und seit gestern fühle ich mich plötzlich krank. Ich spüre eine bleierne Müdigkeit und habe das Gefühl, ich hätte eine Grippe. Seit gestern liege ich eigentlich nur rum, fühle mich elend, habe Angst und denke nach. Denke nach, obwohl ich nichts lieber täte, als mein Gehirn zumindest für einen erholsamen Moment ausschalten zu können.
Das Eigentliche des Menschseins ist, dass man sich seiner Lage bewusst ist. Dass man einen Verstand hat. Einen scharfen, gleißenden Verstand, den man nicht ausknipsen kann, wenn er Furchtbares denkt. Wenn ich dieser dumme Käfer wäre, dann müsste ich jetzt keine Angst vor dem Tod haben. Dann würde nur mein Körper kämpfen, ohne zu wissen, wofür und aus welchem Grund. Aber Intelligenz hat eben auch ihren Preis, und in diesem Moment wäre ich allzu gerne käferdumm.
In meiner Wohnung hat sich nach meinem Hilferuf ein familiärer Krisenstab versammelt. Wie müssen sich meine Eltern gefühlt haben, als ich gestern, an einem gewöhnlichen Mittwochnachmittag, anrief und unter Tränen meinem Vater sagte, dass das harmlose Ding, das mir entfernt wurde, ein bösartiger Tumor war? »Scheiße!«, war das Erste, was mein Vater hervorbrachte, und dann sagte er, er habe schon gestern ein seltsames Gefühl gehabt. Er hat »Gefühl« gesagt. Ein Wort, das ich bislang nicht gerade oft aus seinem Mund gehört habe. Und dann brach blitzschnell der Pragmatismus durch. Mein Vater, der Stadtrat, der Anwalt, der ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende so circa jeder zweiten Organisation Unterfrankens, weiß, was zu tun ist, auch wenn’s brenzlig wird. Mach erst mal dies und das, oder besser, mach gar nichts, wir sind heute Abend bei dir. Als ich meine Eltern das letzte Mal verzweifelt weinend anrief, habe ich meine Schwangerschaft gebeichtet. Hilf mir, Papa, ein neues Leben will aus mir raus, hilf mir, Papa, der Tod hat sich in mir eingenistet!
Lächelnd standen die beiden dann wenige Stunden später in der Tür. Ohne Träne, ohne Verzweiflung in den Gesichtern, auch wenn ich den erfolgreich zurückgedrängten Kloß im Hals meines Vaters erahnen konnte. Es muss sie zerrissen haben, diese schlimmste aller elterlichen Ängste, die plötzlich Wirklichkeit war, aber mir zeigten sie ihre Furcht nicht. Ihre Stärke, ihr Lächeln als Zeichen unausgesprochener Liebe und Sorge und natürlich auch ein paar Gläser selbstgemachtes Quittengelee und die obligatorische Lesetasche im Gepäck, nahmen sie souverän die Hochburg des Schreckens in der Soundsostraße ein, und schon zwei Stunden später lief die erste Waschmaschine, gab es ein warmes Abendessen, und die ersten Ärztelisten waren geschrieben. Und bestimmt ist er nicht einmal zu schnell gefahren, mein Papa.
Seitdem gibt sich meine Mutter alle Mühe, hier den Betrieb aufrechtzuerhalten. Kauft ein, räumt auf, sortiert Vitaminpillen, versorgt Paula, nimmt Anrufe an und so weiter. Mein Vater recherchiert, telefoniert mit seinen Arztfreunden, legt Krankenordner für die Ablage an und versucht mir das Gefühl zu geben, dass ich alle Hilfe bekomme, die ich brauche. Gewohnt patent treten sie in Aktion, wollen um keinen Preis zulassen, dass irgendetwas Schreckliches passiert. Aber im Grunde sind sie völlig hilflos. Und das will was heißen. Die Eltern End stehen dem Schicksal ihrer Tochter machtlos gegenüber. Ich fühle mich auf eine seltsame Art verlassen. Ein ganz neues, einsames Gefühl ist das.
Und ich liege hier, während Paula ihren geliebten Dumbo an- und auszieht, und habe nur einen einzigen Gedanken, der wie ein kreischendes Neonschild in meinem Kopf blinkt: DU WIRST STERBEN.
Meine Angst ist übermächtig, ich würde alles dafür geben, um jetzt nicht so eine furchtbare, erdrückende Angst zu haben. Vielleicht gibt es mich bald nicht mehr. Vielleicht ist mein ganzer Körper schon voller Metastasen, und ich bin in ein paar Monaten tot. Einfach nicht mehr existent. Kann nicht mehr schmecken, riechen, keine Berührung fühlen, nicht mehr denken. Bin vergangen. Wie soll man diesen Gedanken denn aushalten, ohne sich zu übergeben oder verrückt zu werden?
Aber es ist nun mal so. Es können nicht alle Geschichten gut ausgehen, also warum sollte nicht auch ich jung sterben? Ich war mir nur so sicher! Ich war mir so sicher, dass mir das niemals passieren würde. Dass ich ein Glückskind bin. Wie naiv. Klar, auch ich weiß um Kriege, Hunger, Leid und Krankheit. Der Tod schreit auch mich täglich von Zeitungen und Bildschirmen an. Auch ich weiß, wie sterbende Kinder aussehen, aber für mein eigenes Ich ist der Tod dadurch nicht weniger absurd. Die Härte des Lebens gibt es doch immer nur in den Schicksalen anderer. Dumm nur, dass auch ich für die meisten Menschen, genau genommen allen außer mir selbst, einer dieser anderen bin. Es könnte also auch ich sein, deren Geschichte kein Happy End hat. Kein Happy Judith End.
Ich habe mich unbesiegbar und unkaputtbar gefühlt, mein Schicksal nie in Frage gestellt. Habe in derselben schützenden Arroganz und Naivität gelebt wie all die anderen wahrscheinlich auch. Wir verdrängen und vergessen unsere Zerbrechlichkeit, aber wir sind es dadurch nicht weniger.
Und jetzt ist sie plötzlich da, die Todesangst, hat nichts mehr Abstraktes, sondern ist unmittelbar und brutal. Wenn ich nur wüsste, wie ich sie bändigen soll. Ich bin pure Hilflosigkeit, Ohnmacht, der personifizierte Angstzustand.
Bisher war Krebs einfach nur ein Wort. Jetzt erst wird mir klar, was dieses Wort bedeutet.
Dieses scheußliche Wort, in dem der Tod mitklingt. Dieses Wort, das meine Träume zersetzt. Das nichts als Auflösung heißt. Das mir mein Leben vorführt als Nichts. Dieses Wort lässt nichts mehr an mir. Ich bin ein Zellhaufen, eine Laune der Natur, so zufällig entstanden und so leicht zu zerstören. Woran soll ich noch glauben? Woran kann ich jemals wieder glauben?
Wenn ich nicht im 21. Jahrhundert lebte, wäre ich in kurzer Zeit tot. Ließe man der Natur ihren Lauf, dann rechnete sie noch in diesem Jahr mit mir ab. Ich glaube an die Wissenschaft, an die Technik, an den Fortschritt. Aber glauben wir nicht alle in erster Linie an die Natur der Dinge? Ihr vertraut man doch am meisten. Natürlich ist es ein unermessliches Glück, dass ich heute lebe, in einer Zeit, die es erlaubt, sich der Natur zu widersetzen, wenn sie zu grausam erscheint. Zumindest kann man versuchen, sich zu widersetzen.
Das ist es also. Das ist, was da in mir war, was ich nicht gespürt habe. Und doch habe ich irgendetwas erwartet. Nichts Böses, ich hatte kein schlechtes Gefühl, aber ein Gefühl hatte ich. Der Sommer verging in eigenartiger Erwartung. Ich lernte von einer Examensprüfung zur nächsten. Die Magisterarbeit war endlich abgegeben, nur noch ein paar Prüfungen zwischen mir und meinem Studienabschluss, Abschluss einer Ära, Beginn eines neuen Lebens, eine noch namenlose, unbestimmte Verheißung, Glück, das ich förmlich schon riechen konnte. Ich saß vormittags in der Bibliothek, nachmittags auf dem Spielplatz, abends am Schreibtisch. Zwischendrin noch ein Praktikum in einem Verlag. Und die kleine Maus, die ich jede Nacht in mein Bett holen musste, weil sie Angst im Dunkeln hat. Aber ich fühlte mich gut in meiner Rolle als Superwomen. Ich wusste, ich würde meine Prüfungen am Ende meistern. Ich hatte es geschafft, zeitgleich mit meinen Kommilitonen fertig zu werden, trotz Kind, schlafloser Nächte, Normaldepressionen einer Alleinerziehenden. Vor ein paar Monaten ist meine kleine Schwester nach Hamburg gekommen und erst mal bei Paula und mir eingezogen, endlich konnte ich ein bisschen Verantwortung teilen, mal wieder tanzen gehen, ab und zu einkaufen ohne grabbelnde Kinderhände im Süßigkeitenregal. Was für ein Gewinn, was für eine Erleichterung. Und es sollte noch viel besser werden. Ich wusste, dass die anstrengende Zeit bald vorbei sein, ich in ein paar Wochen mein Examen in der Tasche haben würde, und war fest davon überzeugt, dass als Belohnung für all die Anstrengung das Glück doppelt und dreifach um die Ecke komme.
Ich war auch ein bisschen stolz. Mein Studium, mein Kind, all das hatte ich alleine gut im Griff. Und dann war da auch noch Finn, der plötzlich in meinem Leben war. Ich konnte mich zwar nicht entscheiden, ob das gut oder gefährlich war, aber ich genoss die Spannung, das Ungewisse unserer Begegnung. Ganz mutig, geradezu übermütig hatte ich ihn vor zwei Monaten abends auf einem Straßenfest angesprochen. Sommer, der Tag meiner Literaturklausur, und die Welt lag ausgebreitet vor meinen Füßen und wollte umarmt und gefeiert werden. In seinem Garten gab es am nächsten Tag frischen Fisch und Weißwein, und ich war überzeugt, diesmal stünden die Sterne günstig.
Über den Knoten in meiner Brust habe ich mir nicht die geringsten Sorgen gemacht. Der war schließlich schon lange da. Länger als zwölf Monate. Vor einem Jahr wurde er von der Radiologin auf gut einen Zentimeter gemessen und als ungefährliches Fibroadenom eingestuft. Ich müsse mir keine Sorgen machen, hieß es. In ihrem Alter und nach einer Schwangerschaft ist es ganz normal, dass die Brust gelegentlich ein bisschen knotig ist.
Okay, dann mache ich mal unbesorgt weiter mit meinem Hochfrequenzleben.
Ich weiß nicht richtig, warum ich es dann, ein Jahr später, plötzlich so eilig hatte, das Ding doch loszuwerden. Es war irgendwie so groß geworden und tat weh, also vereinbarte ich einen OP-Termin. Ich konnte zwar kaum mehr auf dem Bauch schlafen, weil mir mit Druck auf den Knoten ein stechender Schmerz durch die Brust fuhr, aber beunruhigt war ich immer noch nicht. Warum auch. Meine Gynäkologin und auch die Radiologin hatten mir erneut bestätigt, dass es nur ein gutartiges Gewebegeschwulst sein konnte.
Eigentlich hatte ich keine Zeit, um mich für eine Nacht ins Krankenhaus einweisen zu lassen, wie es mir für den kleinen Eingriff empfohlen wurde. Auf meinem Schreibtisch stapelten sich die noch ungelesenen Bücher zur Medientheorie, und ich hatte einen strengen Zeitplan, um den Stoff in meinen Kopf zu bekommen. Ich wollte es trotzdem. Vielleicht auch, um einfach einmal gezwungen zu sein, einen Tag lang nichts zu tun. Eine Nacht in einem anderen, ruhigen Bett, das versprach Genuss. Kein Kind, das mich mitten in der Nacht weckt, weil es Durst hat oder Pipi muss. Ein ruhiges Bett nur für mich. Frühstück auf einem Tablett serviert. »Gala« lesen, Boulevardsendungen vom Bett aus glotzen. Und nebenbei diesen schmerzhaften Knoten loswerden. Danach könnte ich mit neuer Kraft durchstarten. So weit der Plan, der bis gestern noch wunderbar aufgegangen war. Das Fibroadenom war weg, ich hatte so gut wie keine Schmerzen, von Finn gab’s eine Blume, und die mündliche Soziologieprüfung war auch geschafft. Und dann der Anruf: Es habe bei der routinemäßigen pathologischen Untersuchung Auffälligkeiten gegeben, Dr.Soundso sei der Spezialist, ich könne gleich kommen. Auffälligkeiten? Was soll das denn heißen? Ich kann jetzt nicht weg, ich habe doch Paula, und warum überhaupt so eilig? Also gut, wie heißt dieser Arzt? »Paula, hast du Lust, dich mit Joschua zu verabreden? Mama holt dich in einer Stunde wieder ab.«
Der Tag, an dem der Tod zu meinem Leben gestoßen ist. Und jetzt bleibt er für immer. Er gehört jetzt dazu, der Sensenmann. Auch die größte Willensanstrengung kann mir mein altes Leben nicht zurückgeben, auch nicht der größte Trost, das spüre ich ganz deutlich. Es wird ab jetzt immer ein Vorher und ein Nachher geben. Und schon jetzt ist das Vorher so unendlich weit weg, unerreichbar. Hoffentlich wird es irgendwann erträglich. Hoffentlich kann ich ihn immer wieder vergessen, den Tod. Aber wie soll das gehen? Kann man der Endlichkeit eine Daseinsberechtigung im eigenen Leben zugestehen, ohne ständig übermächtige Angst zu haben? Ohne in jedem Jucken zu glauben, den Prankenhieb des Todes zu spüren?
Ich hatte so eine glitzernde Erwartung in mir, mein neues Leben war nur noch ein paar Schritte entfernt, und jetzt werde ich nie wieder unsterblich sein.
Herzlich willkommen in der Hölle.
Der dritte Tag im Krebsleben von Judith End, und es gibt nichts zu tun, als zu warten. Die Untersuchungstermine sind vereinbart, meine Familie wuselt unermüdlich im Dienst des Krebses um mich herum, und ich staune, dass nichts mehr seine Bedeutung hat. Heißt eine Tasse weiterhin Tasse, jetzt wo ich Krebs habe? Schmeckt eine Zitrone immmer noch sauer? Alles ist möglich, und nichts ist mehr wirklich.
Das Telefon steht keine Sekunde still, die Buschtrommeln funktionieren also noch, und meine Mutter hat den Auftrag, möglichst alle abzuwimmeln. Hallo? Hier Vorzimmer einer Todgeweihten. Bedaure, sie kann heute nicht shoppen gehen, sie hat überraschend Krebs bekommen, und es wird wohl noch ein Weilchen dauern.
Ich muss irgendetwas tun, aber ich weiß nicht, was. Ich bin ein auf die notwendigsten Körperfunktionen geschrumpftes Etwas. Mit meinem Mantel und meiner Unbesiegbarkeit habe ich auch meine Souveränität an Dr.M.s Garderobe hängen lassen. Lebe ich überhaupt noch? Plötzlich glaube ich nicht mehr an mich, nicht daran, dass ich Entscheidungen treffen kann, eine erwachsene Frau und Mutter bin, meine Fingernägel wachsen und meine Lunge atmet, nicht daran, dass mein Herz noch schlägt. Eine ausgewachsene Regression. Die Welt hat mich abgesondert, die Natur mich aussortiert wie das kleine Löwenbaby, das mich vor ein paar Tagen während einer Tiersendung zum Schluchzen gebracht hat, weil es sich die Hüfte gebrochen hatte und mit herzzerreißender Verbissenheit dem Rudel kilometerweit gefolgt ist und dabei diese unendlich traurige Schleifspur im Sand hinterlassen hat, die irgendwann einfach aufhörte, weil der kleine Löwe nicht mehr wusste, wohin. Vielleicht ist das das Schlimmste, dass einem mit der Sicherheit auch die Orientierung flöten geht und man plötzlich gar nicht mehr weiß, wer man eigentlich ist.
Doro hat sich, nachdem sie aus der Uni kam, sofort in ihr Zimmer verkrochen und ist nicht mehr rausgekommen. Vielleicht weint sie. Bestimmt weint sie sogar. Ich könnte jetzt zu ihr gehen und sie trösten. Eigentlich müsste ich jetzt zu meiner kleinen Schwester gehen und sie in den Arm nehmen. Aber ich kann nicht. Genauso wenig wie ich Paula in den Arm nehmen kann. Ihr in die Augen zu sehen, schaffe ich kaum. Die amerikanischen Seriengroßfamilien würden das hier wahrscheinlich anders lösen. Ich liebe dich, Mum. Ich liebe dich, Dad. Ich liebe dich, Doro. Ich liebe dich, Paula. Gott macht alles wieder heil. Aber ich bin stumm. Ich bin taub. Alle Sinne abgeschalten. Bestimmt hat Doro genauso große Angst wie ich, nur dass ihr keiner frisch gepressten Saft bringt und sie in Watte wickelt. Und Paula? Sie spürt genau, dass etwas Schlimmes passiert ist, und ich kann ihre Nähe nicht ertragen. Ich, ihre Mutter, die jetzt mir ihr sprechen müsste, sie durchkuscheln und knutschen müsste, um die dunkle Wolke in ihrem kleinen Kopf zu vertreiben, kann sie nicht ansehen, habe nichts zu geben.
Ich höre Paulas Geplapper durch die geschlossene Tür und liebe, liebe, liebe sie, das spüre ich ganz sicher. Gleichzeitig aber treibe ich immer weiter in ein endloses, leeres Universum, Tausende Meilen weg, und bete, dass sie jetzt die Tür nicht aufreißt und auf mein Bett hopst, ich könnte es nicht ertragen. Dabei ist sie doch mein Kind, meine Mitte, meine Sonne, mein Glück. Das einzige Wesen, dem ich verzeihe, dass es mich jahrelang nachts nicht schlafen ließ, und das ich unter unmenschlichen Schmerzen aus mir herausgepresst habe. Das mir so viel abverlangt und gleichzeitig so viel gibt. Durch vier Jahre haben wir uns jetzt durchgekämpft, vier Jahre, in denen es nur uns beide gab, in denen ich versucht habe, eine gute Mutter zu sein, und gleichzeitig meinem alten Leben hinterhergerannt bin, weil ich es nicht aufgeben konnte. Schon nach wenigen Wochen habe ich meine entzündeten Brüste in Kohlblätter gepackt und bin mit dem dauerschreienden Würmchen wieder in die Uni gerannt, um bloß nicht den Anschluss zu verpassen. Und niemals konnte ich sie abgeben. Kein Vater, keine Großeltern in der Nähe, die diese Verantwortung ab und zu mit mir getragen hätten, die mindestens genauso schwer wog wie Einkaufstaschen und Babytrage, für die ich immer mindestens zweimal gehen musste, um sie in den fünften Stock zu befördern.
Alle paar Wochen habe ich meine letzte Energie und mein letztes Geld zusammengekratzt, um mir einen Babysitter zu leisten und mich wie von Sinnen ins Hamburger Nachtleben zu stürzen, was ich noch Tage später mit Übermüdung abbezahlen musste. Wie eingesperrt ich mich oft gefühlt habe, wie groß meine Sehnsucht war nach Freiheit, Spaß, Unbeschwertheit, wie schmerzlich ich habe lernen müssen, dass ich alleine war, dass es eben nur meine Sorgen sind, nur meine Anstrengung, nur meine unerfüllten Wünsche, nur meine Einsamkeit, nur meine Schlaflosigkeit. Und obwohl mein Leben mit Paula so ungleich komplizierter und schwerer geworden ist, ist es auch so viel wichtiger und wertvoller geworden. Für dieses Würmchen war und bin ich die Welt. Sie ist angewiesen auf meine Liebe, auf meine Fürsorge, meine Geduld. Ob ihr Leben gut oder schlecht wird, lag vom Zeitpunkt, in dem sie ihr kleines Nest in meinem Bauch gebaut hat, in meiner Hand, und ich habe es so gut gemacht, wie ich konnte. Vielleicht nicht immer gut genug. Es war bestimmt nicht das Beste für mein Kind, sie schon mit ein paar Monaten zu dieser proletenhaften Tagesmutter zu bringen, auch wenn es nur ein paar Stunden in der Woche waren, so dass ich Seminare besuchen konnte. Vielleicht hätte ein bisschen weniger laute Musik bei Open-Air-Konzerten und WG-Partys dem Säugling auch nicht geschadet. Vielleicht hätte ich den Haschkuchen, den meine Freundin Lisa gebacken hat, nicht essen und mein Baby danach bekifft durch die Straßen schieben sollen (hier allerdings verzeihe ich mir heute, denn es war der unglaublich leckere Joghurtkuchen nach einem Rezept ihrer Oma, dem ich nicht widerstehen konnte). Aber ich habe bei allem immer mein Bestes gegeben, besser ging nicht, und Paula, das hysterischste Baby der Welt, hat es mir auch nicht gerade leicht gemacht. Mein Kinderarzt sagte einmal zu mir, man bekomme das zurück, was man seinen eigenen Eltern beschert hat. Und da ich auch so ein Brüllbaby war, geschah es mir wohl recht, dass ich aus dem Rückbildungskurs rausgeflogen bin, weil sich die anderen Mütter bei Paulas ewigem Geschrei nicht entspannen konnten. Und auch, dass die Nachbarn gerne mal bei mir klingelten, um sicherzugehen, dass das junge Ding ihr Kind nicht misshandelte. Und trotz allem hätte ich mir natürlich kein anderes Baby ausgesucht. Denn meins war nicht nur das hübscheste und wohligst riechende im ganzen Land, sondern selbstverständlich auch das begabteste und schlauste. Welches Baby hat schon wie ein kleines Monchichi schwarze Härchen auf der Nase, einen Po wie ein frisch gebackenes Hefebrötchen, einen Bauchnabel in Form eines Gänseblümchens und Augen wie ein bodenloser Honigtopf. Und unübertroffen der süße morgendliche Duft nach Erdnussbutter. Was für ein Geschenk, so ein kleiner nackter Mensch!
Und jetzt macht der Krebs vielleicht alles kaputt, zerstört nicht nur ein Leben, sondern zwei, und ich kann noch nicht einmal bei ihr sein in diesem Moment, weil ich unfähig bin, ihre Nähe zu ertragen. In zwei Wochen wird sie ihren vierten Geburtstag feiern. Soll es das etwa schon gewesen sein? Nur vier Jahre Paula und Judith? Hat das kleine Seelchen nicht schon genug zu schleppen an ihrem abwesenden Vater? Ich würde alles geben, um sie vor alldem, was kommt, zu bewahren. Alles. Wenn ich doch nur nicht so machtlos wäre. Verzeih mir, Paula, und hab ein bisschen Geduld mit mir. Ich kämpfe für uns, sobald ich wieder Kraft habe.
Wie schon gestern bitte ich auch heute meine Mutter, Paula ins Bett zu bringen, bestelle mir ein Käsebrötchen ins Zimmer, damit ich dem gemeinsamen Abendbrot entgehen kann, und stelle mich auf die Ewigkeit in diesem Bett ein. Hier liegen sie, die drei Affen, die nicht hören, nicht sehen, nicht fühlen. Und ich, King Cancer Luie, der taubste von allen, darf in der Mitte liegen, weil er am ärmsten ist, während das Affenbaby nebenan alleine einschlafen muss. Ich sollte mir mal ein Beispiel nehmen an dem kleinen Löwenbaby, an dem kleinen Junior. Arbeite wenigstens an deiner Schleifspur, Judith, wenn du schon keine tänzelnden Fußspuren mehr hinterlassen kannst, und halt dich an deinem Rudel fest, dazu ist es doch da. Morgen. Morgen fange ich vielleicht an mit meiner Schleifspur.
Der Schrecken über meine Diagnose steht allen, die mit mir sprechen, ins Gesicht geschrieben. Vor allem den Ärzten, denn sie wissen um die Tödlichkeit ihres Befunds. Die Ärztin, die gleich anhand eines Szintigramms meine Knochen auf mögliche Metastasen untersuchen wird, gibt sich alle Mühe, gelassen und optimistisch zu wirken, und trotzdem meine ich in ihrem Gesicht zu lesen, dass sie mich bereits im Grab sieht. Phantasie, Judith, das ist nur deine Phantasie.
»Ich injiziere Ihnen jetzt erst mal einen radioaktiven Stoff, der mögliche Anomalien in den Knochen gleich auf dem Bild sichtbar macht. Und dann müssen Sie mindestens eineinhalb Liter trinken, bis wir in einer Stunde das Bild machen können.«
Ich hasse Spritzen. Dieses Gefühl, wie die Nadel in die Vene eingeführt wird, dieses Ziehen und leichte Drücken. Wie eine kleine Vergewaltigung ist das. Und in diesem Moment wird mir klar, dass das erst der Anfang einer langen Reise in das Land der Kranken ist. Ich bin jetzt nicht mehr nur Judith End, ich bin jetzt die Patientin Judith End, mit einer Krankenakte als zweitem Personalausweis.
Eine Flasche Volvic und eine hoch nervöse Stunde im Wartezimmer später liege ich tränenblind in einer kalten grauen Röhre. Ich schließe die Augen, und der traurige See hinter meinen Lidern entleert sich in kleine Bäche, die meine Schläfen hinunterfließen. Und dann, plötzlich, bin ich vollkommen ruhig. Ich atme ganz flach und automatisch, fühle gar nichts mehr. Auch keine Angst. Vielleicht ist das ja so, dass sich das Gefühl irgendwann selbst ausschaltet, wenn es unerträglich wird.
Wenn sie in meinen Knochen etwas finden, dann bin ich unheilbar krank. Dann sterbe ich.
Ich warte.
Die Röhre öffnet sich langsam und ruckelnd, ich werde auf einem Tischchen herausgefahren und schlage die Augen auf. Das Raster der quadratischen Deckenfliesen rast auf mich zu und weicht im nächsten Moment zurück. Ich habe keine Angst. Nur den Gedanken an mein Baby, meine kleine Paula. Und dann breitet sich etwas in meinem Bauch aus. Ein riesengroßes NEIN. Ein simples, entschlossenes NEIN. Nein zu diesem hinterhältigen Krebsmonster. Nein, mein Schatz, ich lasse dich nicht allein. Nein, Mama, du musst mich nicht begraben.
»Die Ergebnisse bekommen Sie nach der Auswertung von Dr.B. Die nimmt auch den Ultraschall der linken Brust bei Ihnen vor.«
Dr.B.? Moment mal. Die Dr.B., die mir letztes Jahr versichert hat, ich hätte nur ein unbedeutendes Fibroadenom in der Brust? Die Dr.B., die mich mit den Worten wegschickte, ich sei zu jung für eine Mammographie? Ich spüre, wie sich mein Herz zusammenkrampft, aber ich habe nicht den Mut und auch nicht die Kraft zu protestieren.
Eisaugen, Hängemundwinkel, Dreifachkinn. Es ist die Dr.B., wie sie leibt und lebt. Und sie leibt eindeutig mehr, als dass sie lebt, denn ihr Gesicht gleicht einer eisernen Maske, während sie kurze Zeit später das kalte Ultraschallgerät über meine Brust führt und stumm auf den von mir weggedrehten Bildschirm starrt. Kein offenes Zeichen des Erkennens. Kein Wort der Rechtfertigung oder des Bedauerns. Ihr konzentrierter, leerer Blick jedoch, mit dem sie konsequent den meinen meidet, verrät mir ihre Unsicherheit. Vielleicht sterbe ich, weil du nicht richtig hingeschaut hast. Ich weiß es. Du weißt es. Hast du Kinder, Dr.B.?
Als sie mir dann immer noch wortlos ein Papierhandtuch reicht, damit ich mir das Gel von der Brust wischen kann, treffen sich für einen Moment unsere Augen. Und für den Bruchteil einer Sekunde scheint ihr Panzer zu weichen. Es ist dieses kurze Zusammenpressen ihrer Lippen, das leise schnaubende Ausatmen durch die Nase, das einen Hauch von Empathie spüren lässt, vielleicht auch ein tief verborgenes Verantwortungsgefühl. Sie öffnet den Mund, als wolle sie etwas sagen. Doch das tröstende Wort – oder sollte es gar ein Bekennen sein? – kommt tot zur Welt.
Und noch immer hat sie mir die Ergebnisse der Szintigraphie nicht mitgeteilt. Ich spüre die harte Liege unter mir und befinde mich gleichzeitig im freien Fall. Warum muss ich hier alleine sein mit diesem Eiszapfen von einem Menschen? Warum foltert sie mich so?
Dann endlich, starren Blickes in ihre Unterlagen: »Knochen und linke Brust sind in Ordnung. Übermorgen kommen Sie, um Leber und Lunge untersuchen zu lassen.«
Kurz vor dem Aufprall öffnet sich der Fallschirm. Wenn ich jetzt gleich die Beine von der Liege gleiten lasse, finden sie womöglich einen Boden. Ich bete zu allen guten und auch zweifelhaften Kräften des Universums. Mein Glück, wenn du mich noch hörst, schick mir einen Engel, der mich nicht mehr verlässt.
»Mama, spielst du was mit mir?« Am Nachmittag gibt sich Paula alle Mühe, meine undurchdringliche, apathische Gemütslage irgendwie zu ignorieren. Wegspielen. Volle Konzentration auf Ken und Co.
»Schatz, ich kann nicht. Du musst Omi fragen oder Opa.« Warum kann ich eigentlich nicht? Ich habe absolut nichts zu tun. Weil Playmobil und Zahlenzwerge sich mit meinem Krebs beißen?
»Okay, dann gehe ich zu Omi in die Küche.« Was? Kein enttäuschtes Gemotze?
»Paula, warte mal, ich will dir noch was sagen. Ich habe vor ein paar Tagen eine schlimme Nachricht gekriegt, das weißt du schon, oder?«
»Ja, ich weiß. Du hast einen Krebs.« Kein Grund sich jetzt mit Gequatsche aufzuhalten, und schon hüpft sie im Seitgalopp Richtung Küche. »Jetzt warte doch mal. Soll ich dir das nicht erklären?«
»Nö, keine Zeit. Ich hab schon das Arche-Noah-Spiel aufgebaut.«
Oh, Paula. Vielleicht hast du es von allen sogar am schwersten. Du begreifst nicht, was geschieht. Was müssen dir unsere Tränen für eine Angst machen? Die nicht greif- und begreifbare Leere in dieser überfüllten Wohnung. Und du spielst und spielst, ohne den Kopf zu heben. Spielst mit aller Kraft um dein kleines behütetes Leben.
Gewissensfrage: Darf man dem Mann, in den man sich gerade verlieben will, mit einer bitteren Nachricht den Urlaub vermasseln?
Insofern es sich um eine bedeutsame Nachricht für den Reisenden handelt und sie ferner eine Handlung seinerseits während des Reisezeitraums erfordert, ist es sogar Pflicht, die Nachricht nicht zu verschweigen.
Sofern die Nachricht nur zur Folge hat, dass dem Reisenden der Urlaub verdorben wird und es ihm zudem von der Reisedestination aus nicht möglich ist, auf die Situation einzuwirken, ist es moralisch unverantwortlich, den Reisenden während seines wohlverdienten Urlaubs in Sorge oder schlechte Stimmung zu versetzen.
Benötigt eine nahestehende Person Hilfe, selbst wenn »nahestehend« nicht näher definiert ist, sollte sie zur Abwechslung mal an sich denken und die Nachricht ohne Skrupel weitergeben. Dem Reisenden, sofern es sich um einen mündigen Erwachsenen handelt, ist zuzutrauen, die Entscheidung über den Umgang mit der Nachricht selbst zu treffen.
Lösung: c
Lieber Finn,
ich denke viel an Dich und hoffe, es geht Dir gut! Würde Selbiges gerne auch von mir behaupten, was leider nicht der Fall ist. Erinnerst Du Dich an den harmlosen Knoten in meiner Brust? Wie es aussieht, wird mich das fiese Ding nun die Brust und die Frisur kosten, wenn ich Pech habe, sogar das Leben, denn, upps!, zu aller Überraschung war es doch ein aggressives Krebsgeschwür. Ergebnisse über Metastasen (gleichbedeutend mit dem sicheren Tod) kommen bis Ende der Woche. Tut mir leid, dass ich nicht warten konnte, bis Du wieder hier bist, wo Du Dich doch entspannen und Spaß haben sollst, aber wenn Du zwischendrin mal an mich denken würdest, vielleicht hilft das ja.
Ich vermisse Dich sehr! (Angesichts einer tödlichen Krankheit kann man das ja mal sagen.)
Wäre das ein echter Brief auf echtem Papier, würde die Tinte jetzt herzzerreißend in großen welligen Tränenklecksen verschwimmen.
Einen traurigen Kuss von der angstschlotternden Judith, die natürlich nur so tut, als hätte sie sich selbst in irgendeiner Form im Griff.
J
Heute ist Mittwoch, eine Woche nach der Diagnose. Eine Woche, nachdem ein Anruf meine Welt gefrieren ließ. Ich liege schon sehr lange wach, weil heute der Tag der Computertomographie ist. Es wird sich rausstellen, ob sich der Krebs schon in meine Leber oder meine Lunge eingenistet hat. Meine Mutter wird mich begleiten, und ich weiß gar nicht, ob ich das will. Ich will nicht alleine sein, aber meine eigene Angst ist mir schon zu viel. Auch noch die meiner Mutter zu ertragen überfordert mich endgültig. Sie gibt sich alle Mühe, gelassen zu wirken, stark zu sein, ihr eindeutig angestrengtes Lächeln soll wohl heißen: Ich weiß, alles wird gut. Aber sie weiß gar nichts. Sie kann es nicht wissen. Keiner weiß es. Wenn sie es wenigstens sagen würde. Wenn sie sagen würde, Judith, mein Kind, ich habe entsetzliche Angst, dass ich dich verliere. Vielleicht wäre das einfacher. Vielleicht aber auch noch schlimmer. Wie auch immer, sie weckt mich wie damals am Tag einer Mathearbeit, sanft, ich bin wieder zehn. Zwingt mir einen frisch gepressten Orangensaft auf, als würde es jetzt noch auf die paar Vitamine ankommen. Zähneputzen mit Krebs fühlt sich ganz anders an, umso banaler, desto absurder kommen mir meine Handlungen vor. Mein Vater sagt: »Tschüs, bis gleich«, als gingen wir nur mal eben einkaufen, und dann sind wir auch schon da.
Röntgenzentrum. Hoher Empfangstisch, Ficus benjamina links und rechts, die junge Sprechstundenhilfe führt noch kurz ihr Privatgespräch zu Ende, und meine Mutter tut, was die kleine Judith schon damals furchtbar fand. »Meine Tochter hat einen Termin zur Computertomographie, wir hatten angerufen.« Ich stehe hilflos in zweiter Reihe, kaue an den Fingernägeln, schaue auf meine Schuhe. Fehlt noch die signalfarbene Abc-Schützen-Kappe. Gut, ich mag zu jung zum Sterben sein, darüber sind wir uns einig. Abweichende Vorstellungen scheinen hingegen bezüglich der Frage zu bestehen, ob ich alt genug bin, meine Termine selbst zu machen und meine eigenen Notizzettel vollzuschreiben.
Im Wartezimmer dann wieder Fragebogen ausfüllen und den Blick anschließend starr auf das Poster von Mama- und Babyelefant gerichtet lassen, um die Broschüren über PET-CT und andere, von der Kasse nicht bezahlte Supermaßnahmen zur Bestimmung der Lebenszeit von Menschen wie mir bestmöglich zu ignorieren.
Und als ich dann endlich (ohne Mama!) aufgerufen und abgeführt werde, höre ich das Blut in meinen Ohren rauschen und spüre meine Fingerkuppen pulsieren, so verzweifelt pumpt mein Herz.
»Was soll denn bei Ihnen eigentlich gemacht werden?« Verständnislos, ein bisschen genervt sieht mich die medizinische Assistentin an. »Thorax-CT? Warum das denn?«
Und wieder muss ich es sagen. Meine Stimme ist ganz leise, ich kann sie selbst kaum hören. Das ist gar nicht meine Stimme. »Ich habe Brustkrebs.«
In einer kleinen Kabine, die sich zu zwei Seiten öffnen lässt, muss ich mich ausziehen. Vor vielen Monaten stand ich schon einmal barbusig in einer solchen Kabine. Auch damals Unverständnis, als die Tür von der anderen Seite geöffnet wurde. »Wie alt sind Sie? 24? Dann ziehen Sie sich mal wieder an. Da machen wir keine Mammographie.« Warum nur habe ich nicht darauf bestanden? Warum habe ich nicht besser auf mich aufgepasst, warum hat keiner auf mich aufgepasst?
An der Tür ist ein großer Spiegel angebracht. Hallo, du.Mein Bauch ist weiß und flach. Zwei kleine Schwangerschaftsstreifen um den Nabel. Meine Arme und Schultern sehen stark aus und jung. Alles ein bisschen blasser und dünner als sonst. Meine Brüste sind auch nicht so übel. Rund und klein – eigentlich nicht zu klein. Die Spuren der Schwangerschaft kann man sehen. Und jetzt bin ich zum ersten Mal stolz darauf. An diesen Brüsten hat mein Baby getrunken. Ich habe mich oft geschämt, weil sie nicht mehr so fest und voll waren wie früher. Aber jetzt sehen sie so schön aus, so unschuldig, so überhaupt nicht nach Krebs. Ich wünschte, ich hätte das schon früher bemerkt. Sie gehören zu mir. Ich will nicht, dass man sie mir wegnimmt. Meine Haare fallen meinen Rücken hinab, ganz weich, ganz stark. Meine Hose rutscht seit ein paar Tagen über meine Hüftknochen. Nur mein Gesicht verrät die Angst. Meine Augen so groß. Meine Haut gerötet, mein geschlossener Mund schreit nach Hilfe.
»Wie kommen Sie denn hierher, wer hat Sie denn überwiesen?« Die Tür zum Behandlungsraum wird geöffnet. Wieder stoßen meine Erklärungen auf zweifelnde Gesichter. »Legen Sie sich schon mal hier hin, wir müssen erst mal mit Ihrem behandelnden Arzt Rücksprache halten.«
Ich habe Krebs! Diese Untersuchung bringt vielleicht mein Todesurteil. Warum ist das so schwer zu glauben? Wenn ich jemanden auf den Arm nehmen wollte, würde ich mir bei Gott etwas Amüsanteres ausdenken. Warum muss ich hier halbnackt alleine liegen? Meine Tränen fühlen sich ganz kühl an. Aber wahrscheinlich ist nur mein Gesicht heiß. Warum ist keiner bei mir? Einzig die Papierunterlage der Untersuchungsliege nimmt sich der zitternden Kopie meiner selbst an und saugt geduldig das salzige Wasser auf.
Nach der offiziellen Bestätigung meiner Diagnose sind dann alle plötzlich sehr freundlich. Ich kann mich nicht einmal darüber ärgern. Ich bin dankbar für jeden Funken Gefühl, für jedes bisschen Nähe.
Der Arzt kommt und legt mir einen Zugang in die Vene. Er duzt mich. Ganz selbstverständlich. Ich bin hier ein Kind. Ich bin nicht erwachsen, bin nicht Mutter. Ich bin ein kleines Kind. Weil ich viel zu jung bin für diese Diagnose. Im Brustkrebsland ist man wohl erst ab sechzig erwachsen. Ich bin ein Kleinkind im Brustkrebsland.
An die Nadel in meiner Hand wird ein Schlauch gestöpselt, Füße fest in der vorgesehenen Rille halten, Kopfhörer mit Radiogedudel auf und bloß nicht bewegen. Dann sind wieder alle weg. Der Tisch fährt mich langsam in die graue Röhre hinein. Die Kommandos kommen über Lautsprecher, von einem Mädchen, das nicht viel älter ist als ich. »Wir spritzen Ihnen jetzt das Kontrastmittel. Es fließt jetzt durch Ihre Venen. Ihr Körper wird ganz heiß.« Wie eine Todesspritze, denke ich. Das Gift fließt jetzt durch Ihren Körper. Beten Sie für Gottes Vergebung, und gedenken Sie reuig Ihrer Sünden. Zu spät für not guilty. Blitzartig schießt die Wärme durch meine Adern. In meine Brust, zwischen meine Beine, unter meine Arme. Ich kann nicht genau fühlen, wo. Dann: »Bitte einatmen … jetzt nicht mehr atmen.« Schon nach fünf Sekunden habe ich das Gefühl zu ersticken. Weitere fünf Sekunden später: »Weiteratmen.« Das Ganze noch ein paar Mal, dann fahre ich per Knopfdruck endlich wieder aus diesem ratternden, lärmenden Ungetüm heraus. Enrique Iglesias jault über Kopfhörer »… would you take away my pain?« Hinter der Glasscheibe stehen Schwestern und Ärzte und sehen mich an. Ich war noch nie so allein.
Die schwere Tür zum Nebenraum geht endlich auf. »Sie können sich wieder anziehen.« Keiner sagt, Sie schaffen das schon oder irgend so etwas. Nur: »Die Ergebnisse können Sie morgen abholen.«
Ich hinterlasse ein abstraktes Gemälde auf der Papierunterlage, als meine tauben Beine wieder den Boden berühren. Ein Knittermuster in Form eines schmalen Körpers. Die Traurigkeit hat dunkle Flecken um den Kopf herum gemalt. Sternförmige Kleckse. Dunkelrote Blutspuren dort, wo der Katheter falsch gezogen wurde und die Schwester nach eigenen Angaben eine »kleine Schweinerei« angerichtet hat, vielleicht weil sie so beschäftigt war, von ihren eigenen Leiden zu erzählen. Schon über zwei Wochen erkältet. Gleich kommt der Nächste und zeichnet sein Bild. Meins liegt dann schon im Papierkorb.
Als ich nach Hause komme, sehe ich als Erstes dich, kleine Paula. Du kommst an Doros Hand gerade aus dem Kindergarten. Stehst vor dem Haus und wartest auf mich. Du bist wie immer, ein kleiner Fels in der Brandung fast, und es ist so seltsam, dich aus der Ferne zu sehen. Für dich geht alles weiter. Mit deiner gestreiften Mütze und deiner festen Stimme. Und du freust dich über mich.
Für dich muss ich leben. Ich muss, ich muss, ich muss!
Der Himmel ist fast aufdringlich blau, und es ist warm. Sechzehn Grad. Nur die kahlen Skelette der Bäume erinnern daran, dass es Mitte November ist. Ich schließe die Augen und richte mein Gesicht zur Sonne, die mir ihre Strahlen wie streichelnde Hände entgegenstreckt. Eine Weile tanzen bunte Farbkleckse vor meinen Augen, bis meine Lider nur noch Rot nach innen schicken. Heißes Rot.
Wir sind auf dem Weg nach Göttingen zu einem weiteren Krebsspezialisten, um eine zweite Meinung einzuholen. Meine kleine Schwester und ich. Dr.M. hat mir zur Amputation meiner rechten Brust geraten. Danach zwölf Zyklen Chemotherapie und weitere fünf Jahre Antihormontherapie. Aber nur, wenn der Krebs noch nicht gestreut hat. Im Falle von Metastasen könnte ich mir die Tortur auch sparen und dürfte meine Brust behalten. Es wäre dann ohnehin zu spät.
Die Ergebnisse der Computertomographie liegen immer noch ungelesen auf meinem Schoß.
Wie tapfer Doro am Steuer sitzt. Sie muss jetzt so groß und so stark sein.
Okay, Judith. Atme tief ein, nimm die Sonne mit, öffne jetzt den Umschlag. Du schaffst das schon. Du schaffst das. Du wirst gesund.
Als ich klopfenden Herzens endlich das Schreiben aus dem Umschlag gefingert habe, steht da alles Mögliche. Über Zysten in der Leber und Knoten in der Schilddrüse. Aber wichtig ist nur: keine erkennbaren Fernmetastasen! Schlimm ist aber, dass auch das CT
