Sternkreuzer Proxima - Die Schlacht von Wega - Dirk van den Boom - E-Book

Sternkreuzer Proxima - Die Schlacht von Wega E-Book

Dirk van den Boom

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Beschreibung

Endlich erreicht die Proxima das Flottenhauptquartier bei Wega. Hier wird sich das Schicksal der Terranischen Republik entscheiden. Die Crew macht eine außergewöhnliche Entdeckung - eine, die den Ausgang der Schlacht beeinflussen könnte. Das sterbende Imperium greift nach dem letzten Strohhalm. Und Zadiya Ark trifft eine folgenreiche Entscheidung ... ÜBER DIE SERIE Odyssee durch ein Imperium am Abgrund! Die Terranische Republik zerbricht. Ehemalige Kolonien erklären ihre Unabhängigkeit und stürzen die Galaxis ins Chaos. In einer katastrophalen Schlacht kann sich der terranische Sternkreuzer Proxima gerade noch aus der Kampfzone retten. Auf dem Rückzug kämpft die Proxima ums bloße Überleben und wird zum Spielball in einem unübersichtlichen Krieg. Doch Captain Zadiya Ark und ihre Crew ahnen nicht, dass das Schicksal noch weitaus härtere Schläge für sie bereithält ... Sternkreuzer Proxima: die neue Military-SF-Serie von Dirk van den Boom - als eBook und digitales Hörbuch. eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.

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Seitenzahl: 166




Inhalt

CoverSternkreuzer Proxima – Die SerieÜber diese FolgeÜber den AutorTitelImpressum123456789101112EpilogLeseprobe

Sternkreuzer Proxima – Die Serie

Die Terranische Republik zerbricht. Ehemalige Kolonien erklären ihre Unabhängigkeit und stürzen die Galaxis ins Chaos. In einer katastrophalen Schlacht kann sich der terranische Sternkreuzer Proxima gerade noch aus der Kampfzone retten. Auf dem Rückzug kämpft die Proxima ums bloße Überleben und wird zum Spielball in einem unübersichtlichen Krieg. Doch Captain Zadiya Ark und ihre Crew ahnen nicht, dass das Schicksal noch weitaus härtere Schläge für sie bereithält …

Über diese Folge

Endlich erreicht die Proxima das Flottenhauptquartier bei Wega. Hier wird sich das Schicksal der Terranischen Republik entscheiden. Die Crew macht eine außergewöhnliche Entdeckung – eine, die den Ausgang der Schlacht beeinflussen könnte. Das sterbende Imperium greift nach dem letzten Strohhalm. Und Zadiya Ark trifft eine folgenreiche Entscheidung …

Über den Autor

Dirk van den Boom (geboren 1966) hat bereits über 100 Romane im Bereich der Science-Fiction und Fantasy veröffentlicht. 2017 erhielt er den Deutschen Science Fiction Preis für seinen Roman »Prinzipat«. Zu seinen wichtigen Werken gehören der »Kaiserkrieger-Zyklus« (Alternative History) und die Reihe »Tentakelkrieg« (Military SF). Dirk van den Boom ist darüber hinaus Berater für Entwicklungszusammenarbeit, Migrationspolitik und Sozialpolitik sowie Professor für Politikwissenschaft. Er lebt mit seiner Familie in Saarbrücken.

DIRK VAN DEN BOOM

DIE SCHLACHT VON WEGA

Folge 6

Originalausgabe

»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Anika Klüver

Lektorat/Projektmanagement: Lukas Weidenbach

Covergestaltung: Massimo Peter-Bille unter Verwendung von Motiven von © Arndt Drechsler

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-8103-0

Dieses eBook enthält eine Leseprobe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes »Der eiserne Thron. Deathstalker – Buch 1« von Simon R. Green.

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lesejury.de

1

»Was machen Sie, wenn alles vorbei ist?«

»Alles?«

»All das hier. Einfach alles.«

Die Frage ihrer Patientin war nicht absurd, sondern eine, die sich viele stellten, obwohl Doktor Sandra von Kampen versuchte, sie weitgehend zu vermeiden. Sie hob das Diagnosegerät und betrachtete durch die Optik die Augen der Frau, die vor ihr saß und geduldig auf ein Ende der Untersuchung und eine Antwort wartete. Es hatte einen kleinen Unfall in der Recyclinganlage des Kreuzers gegeben, keine schlimme Sache, aber es waren Stoffe ausgetreten, die der Gesundheit nicht zuträglich waren. Die Proxima war auf ihrem letzten Hypersprung zum Flottenhauptquartier, der die hoffentlich abschließende Etappe einer langen Reise darstellte, auf der sich eine Ungewissheit an die nächste gereiht hatte.

Wie sollte man auf eine solche Frage antworten?

»Das kommt darauf an«, rang sich die Ärztin schließlich, die naheliegende, unverbindliche und letztlich aussagelose Erwiderung ab, die sie schon so oft geäußert hatte. »Ihre Pupillen sind absolut in Ordnung. Der Netzhaut geht es bestens. Sie haben Glück gehabt.«

Meist war die Reaktion auf »das kommt darauf an« ein wissendes Nicken und der Verzicht auf weiteres Nachbohren, aber diesmal wurde ihr diese Gnade nicht zuteil.

»Ich habe gehört, dass man Sie eingezogen und gegen Ihren Willen in den Dienst gezwungen hat«, sagte die Patientin und blieb ganz ruhig, als von Kampen eine Salbe auf eine verätzte Hautpartie direkt unter dem rechten Auge auftrug. Das hätte im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge gehen können, und die Frau konnte sich glücklich schätzen.

»Ja, das stimmt«, erwiderte von Kampen und bemühte sich, den Zorn, den sie angesichts dieser Tatsache empfand, zu verbergen. Zornig war sie aber auch deswegen, weil sie nach so langer Zeit immer noch nicht darüber hinweg war. »Schon vor fünf Jahren, kurz nach Ausbruch des Krieges.«

»Das tut mir leid.« Es klang ehrlich. Die Frau wollte ihr nichts Böses. Von Kampen beherrschte den Zorn. Hier war im Grunde niemand, gegen den sie ihn richten konnte. Dieser Patientin konnte geholfen werden, weil von Kampen hier war. Sie war nicht für das verantwortlich, was die Flotte der Ärztin angetan hatte.

»Sobald der Krieg vorbei ist, verlasse ich den Dienst«, fuhr die Patientin fort. »Sie dann sicher auch, oder? Nur weg von dem ganzen Mist.«

»Das wird meine erste Amtshandlung sein«, bestätigte von Kampen. Ihre Patientin hatte noch einige Verätzungen im Gesicht und am Hals. Sie mussten übel brennen, aber die Frau auf ihrer Behandlungsliege war tapfer. Von Kampen trug mehr Salbe auf. Wenn alles gut verlief, würde nicht einmal eine Narbe zurückbleiben.

»Wollen Sie dann woanders praktizieren? In einem Krankenhaus?«

»Ich werde sehen, was sich ergibt. Und Sie?«

Die Ärztin war bestrebt, den Fokus des Gesprächs von sich wegzulenken. Ihre Patientin ging bereitwillig darauf ein. Viele sprachen gerne über ihre Träume, vor allem auf der Krankenstation, denn hier nahm man sie ernst und schrie sie nicht an. Die Ärztin war durchaus stolz auf ihr hohes Ansehen bei der Crew, ein Grund mehr, ihren Zorn auf keinen dieser Menschen zu richten. Sie saßen nicht nur sprichwörtlich alle im selben Boot.

»Ich will einen Mann.«

Von Kampen lachte unwillkürlich auf. Das hatte sehr nachdrücklich und entschlossen geklungen, also war es offenbar ein echtes Bedürfnis. Sie schüttelte den Kopf und zeigte auf einen der Krankenpfleger, der grinsend aufgeschaut hatte.

»Haben Sie hier keinen gefunden?«

»Ich will keinen Soldaten. Die sind alle … kaputt.« Die Frau sah die Ärztin unsicher an. »Verstehen Sie, was ich meine? Sie sind Söhne des Krieges. Davon trage ich selbst genug mit mir herum, das muss ich nicht doppelt haben. Das wäre zu viel Ballast. Ein Soldat täte mir nicht gut.«

»Ich verstehe. Das ist eine gesunde Einstellung. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei. Denken Sie dran, wenn der Krieg vorbei ist und viele aus der Flotte entlassen werden, sieht man das nicht gleich auf den ersten Blick.«

Die Leute würden versuchen, vieles zu verbergen, manches davon möglichst für immer. Erfahrungsgemäß funktionierte das eher schlecht.

»Liebe auf den ersten Blick gibt es sowieso nicht.« Die Frau tippte sich mit dem Zeigefinger an einen Nasenflügel. »Außerdem rieche ich Veteranen. Ich weiß, wie sie reden, wie sie sich bewegen und welche Witze sie machen. Da brauche ich keine zehn Minuten und schon ist mir klar, ob ich aufstehen und wegrennen muss.«

»Das glaube ich Ihnen auf Anhieb. So, noch diese Stelle hier, auf die klebe ich lieber auch ein Pflaster, die sieht nämlich ziemlich böse aus. Da könnte eine kleine Narbe zurückbleiben. Wenn alles verheilt ist, bestünde die Möglichkeit …«

»Das macht mir nichts aus.«

»Eine Narbe verleiht dem Gesicht Charakter, was?«

»Irgendwie schon.«

Beide lächelten sich an. Die Patientin fragte: »Und bei Ihnen? Haben Sie einen Mann oder eine Frau am Start?«

»Das steht nicht sehr weit oben auf meiner Prioritätenliste«, erwiderte von Kampen schnell, vielleicht zu schnell. Ungebeten tauchte vor ihrem geistigen Auge das Bild von Ernesto Vara auf, der sie wie ein betrübter Hundewelpe ansah. Sie wollte dieses Bild nicht in ihrem Kopf haben, aber sie musste sich ernsthaft konzentrieren, um es zu verbannen.

»Männer sind ja oft auch Idioten«, sagte die Patientin mitfühlend, und damit wurde deutlich, dass sich die plötzliche Abwehrhaltung in von Kampens Gesichtsausdruck gespiegelt haben musste. »Man muss schon Glück haben, um einen zu finden, der nicht entweder ein Arschloch oder völlig verblödet ist.«

Die Ärztin lachte leise.

»Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht?«

»Welche Frau macht die nicht?«

Beide nickten sich in stummem Einverständnis zu. Dann war die Behandlung beendet.

»Kommen Sie übermorgen noch mal vorbei, dann setze ich Sie unter die Regenerationsbestrahlung. Ich gebe Ihnen noch ein leichtes Schmerzgel mit, das Sie auftragen können, wenn es zu sehr brennt.«

Die Frau nahm das Medikament dankend entgegen. Sie rutschte von der Behandlungsliege, auf der sie gesessen hatte, und zog ihr Hemd wieder an. Der Oberkörper war bei dem Unfall glücklicherweise ausreichend geschützt gewesen und deshalb unverletzt geblieben. Bevor sie sich abwandte, hielt sie noch einen Moment inne.

»Ehrlich, wenn das alles vorbei ist und Sie wieder normal praktizieren, machen Sie ordentlich Werbung für sich. Zu Ihnen gehe ich auch, wenn ich nicht mehr im Dienst bin.«

Von Kampen sah der Frau nach, als sie die Krankenstation verließ, und musste dann wegschauen, denn sie bemerkte, dass die anerkennenden Blicke der beiden anwesenden Krankenpfleger auf ihr ruhten. Mit dieser Art von Lob kam sie nicht besonders gut zurecht. Andererseits bestätigte es ihr, dass sie das Richtige tat, ob nun gezwungenermaßen oder nicht.

Vara, dachte sie. Sie würde mit ihm über das, was vorgefallen war, reden müssen, denn es einfach unausgesprochen zu lassen, widersprach ihrem Naturell. Wenn dieser Krieg nun ein Ende fand, so oder so, dann wollte sie keine Schulden und keine ungeklärten Situationen hinterlassen. Sie wollte allen gegenüber fair sein, was sich im Leben nur schwer durchhalten ließ.

Das bedeutete aber nicht, dass man es nicht zumindest versuchen konnte.

2

»Oh Captain, mein Captain«, murmelte Ark halb unbewusst und erinnerte sich gar nicht genau, wo sie das eigentlich zum ersten Mal gehört hatte. Es kam ihr jedes Mal in den Sinn, wenn sie sich selbst im mentalen Spiegel betrachtete und nicht wusste, ob sie Selbstbewunderung oder Verzweiflung empfinden sollte, und wenn dann die krude Mischung aus beidem in ihr aufwallte, lag ihr sofort dieser Ausruf auf den Lippen. Derzeit betrachtete sie ihr Gesicht darüber hinaus auch sehr real im Spiegel ihres Bereitschaftsraumes. In der rechten Hand hielt sie die Haarschneidemaschine, mit der sie gerade ihren Schnitt auf das militärische Mindestmaß reduziert hatte. Für eine Frisur war keine Zeit, auch dann nicht, wenn es die Reglements durchaus zuließen. Das kurz geschnittene Haar passte zu ihrem Gesicht, das wieder ein wenig hagerer war als vorher. Sehr viel konnte auch ein guter Friseur daran nicht mehr verbessern. Es war, wie es war. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.

Keine Einbildung waren die tiefen Falten um ihre Augen und auf der Stirn, die sich in ihr Antlitz eingegraben hatten und vor der Schlacht nicht so auffällig gewesen waren. Sie tastete mit einem Zeigefinger über die weiche Haut um ihre Augen und drückte sie prüfend. Die moderne Kosmetik konnte da Wunder wirken. Doch Ark konnte einfach nicht die notwendige Eitelkeit aufbringen, um mehr als nur einen flüchtigen Gedanken an eine solche Prozedur zu verschwenden.

Es gab zweifellos Wichtigeres. Um dies zu bewältigen, bedurfte es zahlreicher Fähigkeiten und Talente, und gutes Aussehen gehörte definitiv nicht dazu.

Sie gab sich einen Ruck, um sich von diesen müßigen Gedanken loszureißen. Liebend gern hätte sie noch ein wenig länger allein vor dem Spiegel gestanden, um die Ruhe und die Privatsphäre auszukosten, die ihr so selten vergönnt waren. Doch es wurde Zeit, sich wieder der Realität zu stellen. Die Proxima würde in einer guten halben Stunde den Sprung beenden, und entweder würde sie heute Abend mit einem Glas Cognac in der Hand und einem guten Essen im Bauch in der Offiziermesse in einer der drei sternförmigen Raumstationen sitzen, die das Hauptquartier ausmachten, oder …

Ja, oder was?

Sie musste jetzt wirklich auf die Brücke zurückkehren.

Sie war ein wenig aufgeregt. Die Geschichte ging ihrem Ende zu. Und dieses Ende konnte sich immer noch als fatal erweisen.

Wenige Augenblicke später saß sie auf ihrem allzu vertrauten Sessel und ließ sich die Bereitschaftsmeldungen vorlesen. Sie hätte das alles selbst nachsehen können, aber zum einen war es eine schöne Tradition, die auf das Kommende einstimmte, und zum anderen half es ihr, die Notwendigkeit hinauszuzögern, selbst etwas sagen zu müssen. War eine Ansprache an die Mannschaft angebracht? Was sollte sie sagen? Wie bereitete man die Leute auf die Perspektive einer glücklichen Heimkehr oder einer völligen militärischen Katastrophe vor? Kraus’ düstere Ankündigungen hatten durch die Gerüchteküche in unterschiedlichen Versionen Zugang zur Mannschaft gefunden. Darauf konnte keine Kommandantin eine wirklich adäquate Antwort finden, also hatte sie dazu bisher geschwiegen.

Sie würde es weiterhin so halten.

Die Ereignisse würden für sich sprechen.

»Zehn Minuten bis zum Ende des Sprungs«, meldete Simeon. Seine Stimme vibrierte vor Spannung oder Vorfreude. Sie würden sich bereithalten müssen. Kraus könnte geblufft oder die Wahrheit gesagt haben, beides war möglich. Ark würde sich nicht überraschen lassen. Sie warf Gimenez einen Blick zu. Die Frau gehörte seit Neuestem zur Brückencrew. Sie schreckte auf, als Ark das Wort an sie richtete, denn sie war ganz in ihre Instrumente vertieft gewesen.

»Ich will wissen, wenn es da ist«, sagte sie, ohne erläutern zu müssen, wen oder was sie damit meinte. Die Begegnung mit dem Objekt, das sie aus einer verfahrenen Situation gerettet hatte, war allen lebhaft in Erinnerung. Letzte Nacht hatte Ark davon geträumt, und sie konnte sich nicht genau erinnern, ob es ein richtiger Albtraum gewesen war. Auf jeden Fall war ihr Unterbewusstsein sehr intensiv damit beschäftigt. Und das ging gewiss nicht nur ihr so. Gimenez hatte ebenfalls Ringe unter den Augen.

»Sofort, Captain.«

»Dann benachrichtigen wir jetzt die Besatzung und schnallen uns alle an. Ich erwarte von Ihnen höchste Konzentration, egal womit wir konfrontiert werden. Wir haben es so weit geschafft, dann werden wir auch das letzte Stück des Weges gemeinsam bewältigen.«

Alle nickten pflichtschuldig. An ihren inspirierenden Reden musste Ark vielleicht noch arbeiten.

Der Sprungalarm ertönte, und diesmal war Sara diejenige, die die Crew über das Ende ihrer Reise informierte. Die Gefechtsstationen waren bereits vor einiger Zeit eingenommen worden. Ark konnte die Anspannung im Schiff förmlich spüren. Die Mischung aus Hoffnung und Furcht war etwas, das sie die ganze Zeit begleitet hatte. Es war der emotionale Hintergrund ihrer Reise gewesen und passte sich nun in Blicken, Gesten und gemurmelten Bemerkungen dem nahenden Höhepunkt an. Sie konnte sich davon nicht lösen, was vielleicht auch besser war. Wenn sie einmal nicht mehr wahrnehmen sollte, was an Bord ihres eigenen Schiffes vor sich ging, war es an der Zeit, sich einen Schreibtischjob zu suchen oder gleich aus der Flotte auszutreten, denn dann war sie hier fehl am Platz.

Die Proxima schüttelte sich nicht einmal, als sie das übergeordnete Kontinuum verließ. Das neue Steuermodul, das sie mit Blut und Tränen ergattert hatten, funktionierte einwandfrei. Als die vertrauten Konstellationen auf den Schirmen auftauchten, wartete Ark nur darauf, dass der Alarm losging. Eine sofortige Schlacht wäre ihr Untergang. Ihr Schiff hatte die letzte, die sie alle beinahe das Leben gekostet hätte, noch nicht überstanden. Die Proxima war definitiv nicht kampfbereit.

Ihre Befürchtungen bestätigten sich nicht.

Es gab keine Schlacht und keinen Alarm, zumindest nicht für die Proxima und die Achat – noch nicht. Die Datenfeeds erwachten zum Leben. Es war, als würde sie diese Flut an Informationen willkommen heißen. Mit einem Schlag war die Proxima wieder da, wo sie ursprünglich hergekommen war, umgeben von der Datensphäre der Republik, die die beiden Schiffe umhüllte, einlud und begrüßte. Es war, als wären sie nie fort gewesen, und die Ankunft löste bei ihnen allen ein fast euphorisches Hochgefühl aus.

Ein Signal erklang. Private Nachrichten kamen an. Von ihrer Mutter auf Khalid und ein paar alten Kameraden. Ark musste sich zwingen, sie zu ignorieren, genoss aber die Gewissheit, dass sie da waren.

Und dann hatte man sie auch schon auf der anderen Seite bemerkt. Eine angenehm vertraute, geschäftsmäßige Stimme ertönte.

»Hier spricht Leitstelle drei, Flottenhauptquartier, Sektor C. Ich identifiziere die Proxima und die Achat. Transponder positiv. Bitte senden Sie zusätzlich Identcodes, visuelle Übertragung und aktuelle Logbücher. Nicht beschleunigen, keine Kurswechsel, Waffensysteme passiv halten.«

Ark musste gar keine Befehle geben. Sara transferierte die gewünschten Daten, was eine lange vermisste Standardprozedur war. Dann erschien das Gesicht eines Operators auf ihrem Schirm, der ihr zunickte. Er lächelte schwach.

»Das war eine lange Reise, Proxima. Willkommen zurück. Sie haben es gerade noch rechtzeitig geschafft. Ihr Schiff ist beschädigt.«

»Wir sind flugfähig.«

»Aber nicht bereit zum letzten Kampf.«

»Wir benötigen Reparaturen.«

»Ich bestätige das. Die Scans sind eindeutig, Captain. Sie haben eine harte Reise hinter sich. Ich werde Sie aus dem Gröbsten raushalten und weise Ihnen einen Bereitstellungsraum zu.«

»Flottenhauptquartier, mein Schiff benötigt wirklich …«

Der Operator unterbrach sie, nicht unhöflich, aber mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der hier Herr des Verfahrens war.

»Ja, ich weiß. Es tut mir leid, Captain, alle Raumdocks sind besetzt, und viele Schiffe in diesem System sehen noch schlechter aus als Ihres. Sie kommen auf die Liste, falls diese noch irgendeinen Wert haben sollte. Schauen Sie sich um, dann wissen Sie, was ich meine. Ich markiere Sie für Bereitstellungsraum 34.«

Ark ließ noch nicht locker.

»Meine Crew …«

»Auch das weiß ich.« Der Mann sah sie entschuldigend an und schüttelte den Kopf. »Captain, schauen Sie sich das Ortungsbild an, ich binde Sie jetzt in die taktische Datensphäre ein. Sie kommen gerade rechtzeitig zum großen Finale, aber die Bewertung überlasse ich ihnen. Bereitstellungsraum 34, und damit erst einmal weit weg von all dem, was sich hier bald abspielen wird. Es tut mir leid, Captain. Ich respektiere Ihre Leistung, aber ich kann wirklich nicht mehr für Sie tun. Leitstelle Ende.«

Das Bild des Mannes verschwand. Auf dem Kartentank leuchtete eine taktische Übersicht auf. Und sofort wurde klar, was dem Mann leidtat und warum er ihnen nicht weiterhelfen konnte. Den Captain Kraus von den Kolonialen hatte nicht übertrieben.

Absolut nicht.

»Oh verdammt«, murmelte Espinoza, was eine durchaus treffende taktische Gesamteinschätzung war.

Die Situation im ganzen System zeichnete sich mit brutaler Klarheit vor ihnen ab. Die roten Sektoren waren jene, in denen Verbände der Kolonialen operierten. Die blauen zeigten die, in denen die Republik die Kontrolle ausübte. Es war ein Szenario, das in jeder Hinsicht beunruhigend war. Die Angreifer waren vor der Proxima angekommen, in großer Zahl und mit all den Schiffen, die die letzte Schlacht überstanden hatten. Außerdem hatten sie zusätzliche Schiffe mitgebracht. Und die Republik hatte in der Tat zusammengekratzt, was noch zu finden war, und das …

»Das ist nicht viel«, murmelte Simeon. »Viel weniger, als ich dachte.«

Eine weitere kurze, aber akkurate Bewertung.

Der Bereitstellungsraum 34 war ein Euphemismus für »aus dem Weg«. Zweifellos hatte die Flottenführung einen guten Überblick über den Zustand der Proxima und hatte ihr deswegen einen Ort zugewiesen, an dem sie weder weiteren Schaden nehmen noch allzu viel anrichten konnte. Dass die Achat als kleine Korvette ebenfalls keine Rolle im anstehenden Kräftemessen spielen würde, überraschte Ark nicht. Sie gab Espinoza die Anweisung, den Befehl auszuführen. Ihr Verlangen danach, eine Schlacht zu schlagen, war sehr gering. Sie würde zuschauen und sich dann dem Ausgang entsprechend verhalten müssen.

Und das hieß, dass es an der Zeit war, sich über das, was »danach« kommen mochte, ernsthaft Gedanken zu machen.

Sehr ernsthaft. Und nicht alleine.

Sie blickte auf die Zahlen, die der Kartentank auswarf, die relativen Positionen, die geschätzte Kampfstärke. Sicher, diese Informationen hatten Lücken. Das größte Problem einer jeden militärischen Auseinandersetzung war das mit der Komplexität wachsende Informationsdefizit. Etwas nicht – oder noch schlimmer, nicht ganz genau – zu wissen, hatte in der Vergangenheit schon zu fatalen Fehlentscheidungen geführt, vor allem dann, wenn militärische Befehlshaber entgegen aller Vernunft glaubten, etwas zu wissen.

Dennoch. Es war eine Annäherung.

Die Zahlen sahen nicht gut aus. Die Republik hatte allem Anschein nach keine Chance.

»Wir haben keine Chance!«, hörte sie Varas Stimme neben sich. Der Marineoffizier hatte leise wie eine Katze die Brücke betreten und bestätigte ihren Gedankengang, während er an ihr vorbei auf die Darstellung schaute. Er kannte sich gut genug aus, um zum gleichen Schluss zu kommen. Tatsächlich sah dies jeder Mensch, der noch über eine gewisse Auffassungsgabe verfügte und die vier Grundrechenarten beherrschte. Oder Farben voneinander unterscheiden konnte. Die Stimmung auf der Brücke war mit einem Schlag sehr schlecht. Es war nicht so, dass alle konkret um ihr Leben fürchteten. Aber sie stellten sich die Frage, wie ihr Leben aussehen würde, wenn die Republik erst zerschlagen war.

Was offenbar unmittelbar bevorstand.

»Wir sind erst einmal nicht direkt involviert«, erklärte sie Vara und zeigte auf den Kursvektor der Proxima. »Das ist unser Ziel, weit weg vom aufkommenden Sturm.«

»Für eine Weile.« Er sah sie an. »Wie geht es dem Steuermodul und dem Hyperantrieb?«

»Sara?«

»Die Anlage ist einsatzbereit, und die Speicher werden gefüllt. Die Proxima kann entkommen, falls das der Hintergrund der Frage sein sollte.«

»