Sternkreuzer Proxima - Freund oder Feind? - Dirk van den Boom - E-Book

Sternkreuzer Proxima - Freund oder Feind? E-Book

Dirk van den Boom

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Beschreibung

Im Epikur-System trifft die immer noch überfüllte Proxima auf einen anderen Kreuzer der republikanischen Flotte. Die Hadrian erklärt sich bereit, einige der Überlebenden an Bord zu nehmen. Das System selbst scheint eine Insel des Friedens zu sein und bietet der Crew einen dringend benötigten Landurlaub an. Doch irgendetwas stimmt nicht - Zadiya Ark wittert eine Falle ... ÜBER DIE SERIE Odyssee durch ein Imperium am Abgrund! Die Terranische Republik zerbricht. Ehemalige Kolonien erklären ihre Unabhängigkeit und stürzen die Galaxis ins Chaos. In einer katastrophalen Schlacht kann sich der terranische Sternkreuzer Proxima gerade noch aus der Kampfzone retten. Auf dem Rückzug kämpft die Proxima ums bloße Überleben und wird zum Spielball in einem unübersichtlichen Krieg. Doch Captain Zadiya Ark und ihre Crew ahnen nicht, dass das Schicksal noch weitaus härtere Schläge für sie bereithält ... Sternkreuzer Proxima: die neue Military-SF-Serie von Dirk van den Boom - als eBook und digitales Hörbuch. eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.

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Seitenzahl: 141




Inhalt

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Sternkreuzer Proxima – Die Serie

Die Terranische Republik zerbricht. Ehemalige Kolonien erklären ihre Unabhängigkeit und stürzen die Galaxis ins Chaos. In einer katastrophalen Schlacht kann sich der terranische Sternkreuzer Proxima gerade noch aus der Kampfzone retten. Auf dem Rückzug kämpft die Proxima ums bloße Überleben und wird zum Spielball in einem unübersichtlichen Krieg. Doch Captain Zadiya Ark und ihre Crew ahnen nicht, dass das Schicksal noch weitaus härtere Schläge für sie bereithält …

Über diese Folge

Im Epikur-System trifft die immer noch überfüllte Proxima auf einen anderen Kreuzer der republikanischen Flotte. Die Hadrian erklärt sich bereit, einige der Überlebenden an Bord zu nehmen. Das System selbst scheint eine Insel des Friedens zu sein und bietet der Crew einen dringend benötigten Landurlaub an. Doch irgendetwas stimmt nicht – Zadiya Ark wittert eine Falle …

Über den Autor

Dirk van den Boom (geboren 1966) hat bereits über 100 Romane im Bereich der Science-Fiction und Fantasy veröffentlicht. 2017 erhielt er den Deutschen Science Fiction Preis für seinen Roman »Prinzipat«. Zu seinen wichtigen Werken gehören der »Kaiserkrieger-Zyklus« (Alternative History) und die Reihe »Tentakelkrieg« (Military SF). Dirk van den Boom ist darüber hinaus Berater für Entwicklungszusammenarbeit, Migrationspolitik und Sozialpolitik sowie Professor für Politikwissenschaft. Er lebt mit seiner Familie in Saarbrücken.

DIRK VAN DEN BOOM

FREUND ODER FEIND?

Folge 4

Originalausgabe

»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Anika Klüver

Lektorat/Projektmanagement: Lukas Weidenbach

Covergestaltung: Massimo Peter-Bille

unter Verwendung von Motiven von © Arndt Drechsler

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-8101-6

be-ebooks.de

lesejury.de

1

Die Proxima fiel aus dem Hyperraum, die Achat folgte ihr, und die Routine spielte sich ab wie immer. Da war die Angst, da war genug Fatalismus, um drei Lagerräume damit zu füllen, und gerade ausreichend Selbstbeherrschung, um genau das nicht zu zeigen. Zadiya Ark erwartete das gleiche Bild, das sie in den letzten Systemen hatte erleben müssen: Zerstörung, Krieg sowie eine Spur der Verwüstung, die die Kolonialen durch den Leib der Republik geschnitten hatten und die nicht zuletzt zu einer Stimmung an Bord führte, die …

Jedenfalls nicht gut war.

Nicht gut, aber auch nicht mehr so katastrophal wie unmittelbar nach der Meuterei. Momentan herrschte zwischen den beiden Fraktionen ein Waffenstillstand. Man ertrug sich gegenseitig und versuchte, irgendwie zusammen zu leben und zu überleben. Mehr konnte Ark unter diesen Umständen nicht erwarten. Erstaunlicherweise hatte sich ausgerechnet Admiral Bonet als eine Schlüsselfigur herausgestellt, wenn es darum ging, dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Als jemand, der außerhalb der Befehlskette der Schiffsführung stand, konnte er offenbar mit allen reden, und das tat er auch. Es diente dem Wohl des Schiffes. Ark musste das einräumen. Den nagenden Zweifel, der sie in Phasen der Erschöpfung immer wieder überkam, schob sie beiseite. Bonet hatte ihr den Hals gerettet. Sie hing an ihrem Hals. Also wollte sie dankbar sein.

Und jetzt: Epikur. Sie näherten sich dem Zentrum der Republik. Hier wurden die Welten älter – älter in dem Sinne, als dass sie früh besiedelt worden waren. Es handelte sich um alte Kolonien, die an den Privilegien und Vorteilen der Republik schon viel länger teilhatten als die jüngeren Randwelten. Daher hatten sie auch viel mehr zu verlieren, wenn die Revolutionäre ihre spezielle Vorstellung von Einheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verwirklichen würden. Wer etwas zu verlieren hatte, war nicht so leicht für das Feuer des Umsturzes oder die Verlockung des Verrats zu begeistern – zumindest war das Arks Hoffnung. Und die starb bekanntlich immer zuletzt.

»Was haben wir?«

Simeon antwortete. Heute war der junge Mann ausgeschlafen. Dadurch wirkte er nur noch halb so nervös wie sonst.

»Das Epikur-System ist ruhig. Keine automatischen Waffen. Keine Wachschiffe am Sprungpunkt. Keine Rufe. Keine Energieausbrüche, die auf einen Kampf hindeuten. Keine Wracks oder Nuklearfeuer.« Simeon sah sichtlich erfreut auf. »Hier ist alles ganz friedlich, Captain.«

Das konnte trügen, das musste auch er wissen, doch Ark brachte es nicht übers Herz, gleich wieder Pessimismus zu verbreiten. Epikur verfügte über eine voll besiedelte Welt, auf der Millionen von Menschen lebten, eine kleine Systemflotte sowie zwei Werften, die eine Verheißung für die beiden fliehenden Schiffe darstellten. Vielleicht war hier in der Nähe des Kerns der Republik alles gut gegangen. Ark wollte annehmen, dass die Umstände hier stabiler waren, weil die Kolonialen mit ihren Aufständen und Intrigen weniger erfolgreich gewesen waren und man die kleinen Angriffsflotten, die überall operierten, zurückgeschlagen hatte. Sie hoffte auf einen Ort, der dem Begriff der Heimat recht nahkam, mit Leuten, die nicht sofort die Waffe auf einen richteten. Das wäre eine wunderbare Abwechslung und eine verdiente Verschnaufpause.

Ark schalt sich eine Närrin.

Jetzt war sie Simeons Lächeln auf den Leim gegangen, obwohl sie es doch eigentlich besser wissen musste. Man durfte erst froh sein, wenn es Gewissheit gab. Diese herzustellen, war jetzt ihre wichtigste Aufgabe.

»Wir bleiben aufmerksam«, befahl sie. »Wenn wir gerufen werden, reagieren wir. Halten Sie alle Kanäle offen, zapfen Sie die Nachrichtensender und das öffentliche Systemnetz an. Ich will wissen, wie die Situation ist, ohne gleich jemanden fragen zu müssen. Sara!«

Die mädchenhafte Stimme der Schiffs-KI meldete sich sofort. »Ich verbinde mich mit dem Netz und erstelle ein rein passives unauffälliges Nutzerprofil.«

»Funktionieren die Komsatelliten? Ich würde wirklich gerne mit der Flottenführung Kontakt aufnehmen?«

»Ich bekomme einen positiven Ping, aber keinen aktiven Zugang. Jemand hat die Codes geändert. Wir können keinen Kanal aktivieren. Uns fehlt die Freigabe.«

Das war eine nachvollziehbare Vorsichtsmaßnahme und gleichzeitig eine gute Nachricht. Die Zerstörungswut der Kolonialen war offenbar nicht bis in dieses System vorgedrungen. Sie hatten das Komnetz der Republik noch nicht durch das eigene ersetzen können. Die Aussicht, wieder Kontakt mit der Hierarchie aufnehmen zu können, belebte Arks Geist. Es wurde Zeit, dass sie Gelegenheit bekam, etwas Verantwortung abzuwälzen. Sich ein wenig Last von den Schultern nehmen zu lassen. Befehle zu erhalten, statt sich stets neue ausdenken und sich beständig dafür rechtfertigen zu müssen.

Der Gedanke mochte peinlich und vielleicht auch entwürdigend sein. Aber die Sehnsucht danach war real, und die Lageberichte, die sie brav jeden Tag anfertigte, warteten auf Übermittlung, auf eine Reaktion, Anerkennung oder Kritik – es war egal, Ark war bereit, alles anzunehmen, was sie bekam. Hauptsache, es kam etwas.

Und so wartete sie auf die unvermeidliche Katastrophe.

Sie trat nicht ein. Simeons Meldungen blieben positiv. Er frohlockte beinahe, was auf der Brücke dieses Raumkreuzers ein ungewöhnliches Ereignis war. Die beiden Schiffe hatten derweil wieder die volle Beschleunigung erreicht und hielten auf die Hauptwelt zu, deren Emissionen keinen Hinweis darauf gaben, dass hier etwas nicht in Ordnung war.

»Ich habe gute Nachrichten«, meldete Sara schließlich. Ark schüttelte verwundert den Kopf. Wenn das so weiterging, war sie bald selbst davon überzeugt, dass ihre Hoffnungen endlich einmal erfüllt wurden.

»Raus damit!«

»Offenbar hat es keinen Angriff der Kolonialen gegeben, zumindest nicht im Sinne eines militärischen Übernahmeversuchs. Das Epikur-System gehört noch zur Republik, und hier hat niemand um die Herrschaft im Orbit gekämpft. Der planetare Administrator verhält sich loyal. Wenn ich die Nachrichten richtig ausgewertet habe, gab es vereinzelte Protestaktionen von Anhängern der kolonialen Partei, die aber hier weder zu einer Revolution noch zu ernsthaften Unruhen geführt haben. Es herrscht Frieden.«

Ark nickte langsam und genoss das beruhigende Gefühl, dass hier tatsächlich alles in Ordnung war. Endlich war das Glück mal auf ihrer Seite und verschaffte ihnen die Verschnaufpause, die sie so dringend benötigten. Sie holte tief Luft. Frohlocken wollte sie nicht. Aber zufrieden durfte sie sein.

»Richtstrahl zur Hauptwelt. Volle Identifikation. Wir sollten uns bemerkbar machen, damit sie uns nicht für Eindringlinge halten. Sobald sich jemand meldet, möchte ich es wissen. Was ist mit dem Schiffsverkehr?«

»Der findet nur sehr vereinzelt statt«, meldete Espinoza. »Ein paar Systemfrachter und Minenabbauautomaten. Ich identifiziere auch zwei Polizeiboote, weitab von unserem Kurs. Ein größeres Kampfschiff – die Hadrian, ein Schwerer Kreuzer der Trident-Klasse – hält ebenfalls auf die Hauptwelt zu. Es scheint aus Sprungpunkt Beta gekommen zu sein, also aus Richtung Sektor III.«

Ark runzelte die Stirn.

»Stand das Schiff auf der Flottenliste der Schiffe, die mit uns in unsere gescheiterte Entscheidungsschlacht geflogen sind?«

»Negativ. Die Hadrian befand sich zum Zeitpunkt der Mobilisierung mit Beschädigungen aus einer früheren Auseinandersetzung im Dock. Sie hat nicht mit uns gekämpft.«

Sie hat uns nicht verraten, das war die Aussage dahinter. Ein Schwerer Kreuzer, ein modernes Schiff, das den Ausgang der Schlacht auch nicht mehr hätte beeinflussen können, nun aber ebenfalls im Raum der Republik operierte. Hoffentlich war die Besatzung loyal. Hoffentlich war es tatsächlich eine Verstärkung.

»Wie ist der Status der Hadrian?«

»Normale Geschwindigkeit, Schutzschirme deaktiviert, keine aktiven Waffensysteme. Harmlos.«

Ark lächelte beruhigt. Wenn Kraus sie einholte, würde er sehr vorsichtig sein müssen. Er würde nicht auftauchen, nicht so bald. Wenn er wusste, dass die Kolonialen hier nicht regierten, konnte er es nicht wagen. Es wäre wunderbar, diese ständige Bedrohung vom Hals zu haben.

»Captain!«, sagte Simeon nun mit nur mühsam unterdrückter Erregung. »Ich empfange einen Ruf von Epikur. Systemleitstelle.«

Ark nickte ihm zu. Auf dem großen Schirm vor ihr erschien das Gesicht einer Frau. Sie trug die Uniform der Republik und lächelte professionell.

»Systemleitstelle Epikur ruft die Proxima. Sagt Ihr Transponder die Wahrheit?«

»Captain Ark von der Proxima und Captain Yin von der Achat«, bestätigte die Kommandantin. »Wir sind sehr froh, dass wir die Wahrheit sagen können. Wir sind Überlebende des letzten gescheiterten Aufeinandertreffens mit den Kolonialen.«

Der Gesichtsausdruck der Frau verdüsterte sich etwas, als sie fortfuhr.

»Ich bin Administratorin Einhardt. Sie sind die ersten Flüchtlinge aus dieser Schlacht, die es bis hierher geschafft haben«, informierte die Frau sie. »Wo sind die anderen?«

Das war eine gute Frage, fand Ark. Wie schade, dass sie so gar keine Ahnung hatte, wie die Antwort darauf lautete.

Also zögerte sie. »Ich bin mir nicht sicher, wie viele es geschafft haben. Die Ereignisse haben sich überstürzt. Ich befürchte, dass nur versprengte Einheiten auf dem Rückweg sind. Administratorin, unsere Schiffe könnten etwas Zeit im Dock gebrauchen und unsere Mannschaften ein wenig Landgang – tatsächlich sind wir überfüllt, da wir eine Menge Schiffbrüchige aufgenommen haben. Wie ist die Situation im System? Besteht die Möglichkeit, uns zu helfen?«

Einhardt nickte. Jetzt lächelte sie wieder.

»Ich kontaktiere sofort die Regierungsbehörden. Unsere Werften wurden durch halb erfolgreiche Sabotageakte der Kolonialen beschädigt, aber wir können gewiss notwendige Ersatzteile liefern. Was den Landurlaub angeht … Ich kontaktiere die Regierung.« Einhardt schaute etwas verlegen drein. »Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Captain. Sie sind uns herzlich willkommen. Aber die politische Lage ist angespannt. Wir sind der Republik gegenüber loyal, aber ein paar Hundert Crewmitglieder, die hier unten bei uns von der größten militärischen Katastrophe in der Geschichte erzählen … Tja, wir mussten leider feststellen, dass nicht alle so loyal sind, wie wir es uns wünschen. Wir können hier niemanden gebrauchen, der … wie soll ich es sagen …?«

»Unruhe auslöst? Den Sympathisanten der Kolonialen in die Hände spielt? Gerüchte verbreitet?«, half ihr Ark mit bitterem Unterton auf die Sprünge. Sie konnte es der Frau nicht übel nehmen. Es war wohl besser, ihr nichts von der Meuterei zu erzählen, jedenfalls nicht gleich.

»Ich befürchte, so in etwa habe ich es gemeint. Wir finden eine Lösung. Aber sie muss wohlüberlegt sein, Captain. Wir bereiten etwas vor, mit ausgewähltem Personal, in einer abgelegenen und … kontrollierten Umgebung. Bitte halten Sie weiter Kurs auf Epikur. Ich sende Ihnen einen Leitstrahl. Sobald ich etwas von der Regierung höre, melde ich mich wieder bei Ihnen.« Einhardt machte eine Pause. »Es tut mir leid, Captain. Die Umstände …«

»Ich kenne die Umstände«, sagte Ark. »Und obwohl es mir nicht gefällt, verstehe ich Ihren Standpunkt. Wir halten den Kurs.«

Sie brach das Gespräch vielleicht eine Spur abrupter ab, als es höflich war, doch die Enttäuschung, die in ihr aufstieg, schnürte ihr für einen Moment die Kehle zu. Aber was hatte sie erwartet? Beide Schiffe waren für die Systemregierung unbeschriebene Blätter, und wenn das, was Einhardt sagte, stimmte, hatte man hier bereits seine Erfahrungen mit den Kolonialen gemacht. Vorsicht war gewiss geboten. Doch in den Mannschaften war die Vorfreude auf ein Verlassen der engen Raumkreuzer bereits fast greifbar. Wie machte sie den Männern und Frauen klar, dass es möglicherweise nicht zu dem Landgang kommen würde, den sie sich alle schon ausmalten? Mit Glück würde man sie kontrolliert und in Gruppen auf eine Orbitalstation lassen, wo es etwas mehr Platz und die eine oder andere Vergnügungseinrichtung geben mochte. Doch das wäre bloß ein schaler Ersatz, der die Unzufriedenheit an Bord nur noch steigern würde. Und Ark konnte sich keine weitere Missstimmung leisten.

Sie starrte auf den Kartentank. Die Reise nach Epikur würde noch einige Stunden in Anspruch nehmen, Stunden, in denen sich Zadiya Ark die Worte überlegen konnte, mit denen sie die Besatzung mit der Realität konfrontieren würde. Sie hoffte auf ein Einsehen der Regierung. Eine einsame Insel würde ja bereits genügen. Etwas, mit dem sie der Mannschaft etwas Gutes tun konnte.

Ark empfand bei diesem Gedanken neue Entschlossenheit. Sie würde sich nicht einfach so abspeisen lassen.

2

»Schau mal, schau mal, schau mal!« Margie war aufgeregt wie ein kleines Kind. Mit leuchtenden Augen, in denen sich ihre Vorfreude spiegelte, wandte sie sich an Marcus Hamilton. Es war ein schönes Bild, das Marcus durchaus genoss. Er genoss es natürlich immer, die Frau seines Herzens zu betrachten, und nutzte jede Gelegenheit, dies auch zu tun. Diesmal war es aber besonders, das musste er zugeben. Margie erhellte den engen Bereitschaftsraum mit ihrer Freude, und das war ansteckend. Der Grund für ihren emotionalen Aufruhr waren Bilder von der Hauptwelt des Epikur-Systems, Epikur III, die sie aus dem Datenarchiv des Schiffes geholt hatte. Sie zeigte Marcus die Darstellungen auf ihrem Pad, und ja, der Anblick war durchaus wundervoll. Die Bilder zeigten Strände, blaugrünen Himmel und blaugrüne Wellen, Strandkörbe, Strandbars und Strandbuggys – alles Gute, was sich mit dem Wort »Strand« verbinden ließ. Epikur III war eine schöne Welt, die Terra ähnelte und ein Klima aufwies, das so laut nach Landurlaub schrie, dass jeder, dem Marcus begegnete, das Wort in grellen Buchstaben auf die Stirn tätowiert zu tragen schien. Es war eine Aussicht, die jede Spaltung, jede Zwietracht überwand. Und die Voraussetzungen waren nahezu ideal: Sie alle hatten Sold von mindestens zwei Monaten, der unangetastet auf dem Schiffskonto lag. Sie alle waren in mehrfacher Hinsicht urlaubsreif, und diese wie andere Darstellungen, die nun unter der Mannschaft die Runde machten, weckten die höchsten Hoffnungen.

»Margie, noch ist nicht raus, ob wir Landgang bekommen«, versuchte Marcus sie zu beschwichtigen und merkte sofort, dass dies die falschen Worte zur falschen Zeit gewesen waren. Ja, sein Einwand war nicht unberechtigt, wenn man rational an die Sache heranging. Aber die allgemeine Begeisterung für das Wort »Strand« als Metapher für alles, was damit zusammenhing, war so groß, dass er durch jedes sorgfältige Abwägen wie ein entsetzlicher Miesepeter und Spielverderber erscheinen musste.

»Du bist widerlich«, lautete dann auch Margies spontane Erwiderung, die von einem entsprechenden Gesichtsausdruck begleitet wurde. Marcus nahm es persönlich. Die Meinung dieser Frau bedeutete ihm viel, genau wie sie ihm generell viel bedeutete, daher waren seine Scham und Reue ernst und nicht gespielt. Er schalt sich einen Narren, was öfter passierte, wenn er mit Margie sprach, und ein Problem war, an dem er arbeiten musste. Einer der Gründe, warum er Margie so mochte, war aber auch, dass sie ihm gegenüber nie nachtragend war.

»Schau mal!«, wiederholte sie also die Aufforderung und hielt ihm ein ganz anderes Bild hin: Es zeigte sie selbst in angenehmeren Zeiten und natürlich an einem Strand. In einem Bikini. Oder einer zerschnittenen Krawatte, so genau war der Unterschied nicht auszumachen. Er sah sich die Aufnahme sehr interessiert an und war von der Bildkomposition, der professionell gewählten Perspektive und Farbtreue sehr beeindruckt.

»Ich sehe in Badehose nicht so gut aus«, räumte er ein. Sein leichter Bauchansatz war durch den Konsum der Rationen nicht wesentlich geschrumpft. »Daher gibt es keine Fotos von mir. Zumindest nicht solche.«

»Dann machen wir welche. Zusammen. Urlaubsfotos. Richtige Urlaubsfotos. Mit Cocktails in der Hand, aus denen Papierschirmchen ragen.«

»Papierschirmchen sind natürlich das Minimum«, bestätigte Marcus, der sich vorzugsweise an Bier hielt, jetzt aber verstanden hatte, wann er Einwände anbringen konnte und wann eher nicht.

»Wir werden bestimmt eine Menge Material aufnehmen müssen. Und dann sind da noch die Reparaturen. Wir könnten auch überschüssiges Personal loswerden. Eine Woche lang werden wir sicher hierbleiben. Vielleicht sogar zwei. Was denkst du?«

Marcus nickte.

»Eine Woche wäre gut.«

Margie spann den Gedanken sofort weiter.

»Dann sind wir an Bord nutzlos. Die hiesigen Techniker übernehmen das doch bestimmt. Eine Woche Landurlaub, eine tolle Vorstellung. Wir lassen es so richtig krachen, mein Süßer. Feiern bis zum Umfallen. Das ist die beste Therapie für uns alle!«