Sternkreuzer Proxima - Sammelband 1 - Dirk van den Boom - E-Book

Sternkreuzer Proxima - Sammelband 1 E-Book

Dirk van den Boom

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Beschreibung

Verzweifelte Flucht durch ein zerfallendes Sternenreich! Die letzte Schlacht des Terranischen Sternkreuzers Proxima war ein Massaker. Stark beschädigt und voller Schiffsbrüchiger tritt die Proxima den Weg zurück zum Flottenhauptquartier bei Wega an. Doch ein chaotischer Krieg tobt in der Galaxis, und an Bord geht es kaum ruhiger zu. Außerdem scheinen bislang unbekannte Mächte ihre Hände im Spiel zu haben ... Können Captain Zadiya Ark und ihre Crew es trotz Verfolgern, Verrätern und mangelnden Vorräten zum Hauptquartier schaffen? Sternkreuzer Proxima: Folge 1-3 der Military-SF-Serie von Dirk van den Boom als epischer Sammelband! eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.

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Seitenzahl: 446

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Impressum

beBEYOND Originalausgabe »be« - Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln Covergestaltung: Massimo Peter-Bille unter Verwendung einer Illustration von © Arndt Drechsler eBook-Erstellung: readbox publishing GmbH, Dortmund ISBN: 978-3-7325-8837-4

Dirk Van Den Boom

Sternkreuzer Proxima - Sammelband 1

Inhalt

CoverSternkreuzer Proxima – Die SerieÜber diese FolgeÜber den AutorTitelImpressum123456789101112131415

Sternkreuzer Proxima – Die Serie

Die Terranische Republik zerbricht. Ehemalige Kolonien erklären ihre Unabhängigkeit und stürzen die Galaxis ins Chaos. In einer katastrophalen Schlacht kann sich der terranische Sternkreuzer Proxima gerade noch aus der Kampfzone retten. Auf dem Rückzug kämpft die Proxima ums bloße Überleben und wird zum Spielball in einem unübersichtlichen Krieg. Doch Captain Zadiya Ark und ihre Crew ahnen nicht, dass das Schicksal noch weitaus härtere Schläge für sie bereithält …

Über diese Folge

Captain Zadiya Ark steht vor der größten Aufgabe ihrer Laufbahn: Ihr Leichter Kreuzer Proxima ist eines der wenigen Schiffe, die das Massaker an der Terranischen Flotte überstanden haben. Nun ist die Proxima auf der Flucht vor den rebellischen Kolonialen. An Bord herrschen katastrophale Zustände: Die Besatzung und die zahlreichen Schiffbrüchigen sind übermüdet, die Systeme überlastet oder defekt – und zu allem Überfluss scheint sich auch noch ein Verräter an Bord zu befinden …

Über den Autor

Dirk van den Boom (geboren 1966) hat bereits über 100 Romane im Bereich der Science-Fiction und Fantasy veröffentlicht. 2017 erhielt er den Deutschen Science Fiction Preis für seinen Roman »Prinzipat«. Zu seinen wichtigen Werken gehören der »Kaiserkrieger-Zyklus« (Alternative History) und die Reihe »Tentakelkrieg« (Military SF). Dirk van den Boom ist darüber hinaus Berater für Entwicklungszusammenarbeit, Migrationspolitik und Sozialpolitik sowie Professor für Politikwissenschaft. Er lebt mit seiner Familie in Saarbrücken.

DIRK VAN DEN BOOM

FLUCHT INS UNGEWISSE

Folge 1

Originalausgabe

»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Anika Klüver

Lektorat/Projektmanagement: Lukas Weidenbach

Covergestaltung: Massimo Peter-Bille

unter Verwendung von Motiven von © Arndt Drechsler

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-8098-9

be-ebooks.de

lesejury.de

1

So war es, wenn man verlor.

Man war allein. Es ging einem schlecht. Man war sehr, sehr müde.

Marcus Hamilton war allerdings nicht tatsächlich allein. Er hockte mit siebzehn weiteren Personen im Gang vor der Triebwerkssektion des Schweren Zerstörers TRS Proxima. Jeder Einzelne von ihnen war mit Notmanschetten an der Wand fixiert, um nicht bei jeder Bewegung durch die Schwerelosigkeit zu treiben. Schwerelosigkeit, die es in einem voll funktionsfähigen Schiff gar nicht geben dürfte. Leider war die gute alte Proxima weit davon entfernt, voll funktionsfähig zu sein.

Zwei der siebzehn Personen waren tot. Techniker Zweiter Klasse Petal saß ihm gegenüber. Aus seinem Mundwinkel schwebte ein feiner Blutfaden, der sich wie ein dünner Wurm durch die Luft wand. Petals Augen waren geöffnet, er sah Marcus blicklos an. In ihm war kein Leben mehr. Von außen war gar nichts zu sehen. Innere Verletzungen, zerdrückte Organe, nachdem die Schwerkraftkompensation ausgefallen war. Petal war in Ordnung gewesen. Marcus hatte oft mit ihm zusammengearbeitet.

Der andere tote Mann saß ein Stück entfernt. Sein Kopf war ganz unnatürlich zur Seite geknickt. Marcus wollte gar nicht hinsehen. Er kannte ihn nicht. Niemand schien ihn zu kennen, jedenfalls sah keiner hin.

So war es, wenn man verlor.

Fünf Flüchtlinge von anderen Schiffen der unterlegenen Flotte saßen mit ihm im Gang. Hoffnungslose Gestalten, voller Angst, aus Rettungskapseln geborgen. Ein notdürftig geschienter Arm, zwei von Druckverbänden umwickelte Schädel, einer hustete dauernd, ein wenig zu oft und zu heftig für Marcus’ Geschmack. Die Krankenstation des Zerstörers war überfüllt. Der Techniker wollte nicht einmal daran denken, wie es dort zuging. Die Proxima hatte eine Sollstärke von hundertsechsundvierzig Besatzungsmitgliedern. Jetzt waren sicher viermal so viele Leute an Bord, die meisten in einem erbärmlichen Zustand, innerlich wie äußerlich, physisch wie psychisch.

Nicht dass Marcus sich allzu gut fühlte.

Aber so war es eben, wenn man verlor.

Vor allem dann, wenn sich eine Niederlage über Tage hinzog. Vor allem dann, wenn sie auf Verrat beruhte. Raumschlachten waren keine heroischen Blitzgewitter. Sie waren endlos lange Phasen, in denen Raumschiffe endlos weite Schleifen flogen, um irgendwann kurz übereinander herzufallen, ehe die Gesetze der Physik sie wieder voneinander forttrugen. Auf der Kommandobrücke ging es dabei nach allem, was man hörte, dennoch hektisch und angespannt zu. Doch hier im Bauch des Schiffes hatte man genug Zeit, um die Toten zu betrauern, die Verletzten zu versorgen, zu reparieren, was man konnte, und Angst vor dem nächsten Zusammentreffen zu entwickeln. Marcus hatte große Angst. Sie saß tief in seinem Bauch und fraß dort an seinen Eingeweiden. Sie vermischte sich mit Wut auf die Schiffe, die sich im entscheidenden Moment gegen die eigenen Kameraden gewandt und der Flotte der Republik damit den Todesstoß versetzt hatten.

Er blickte in Petals tote Augen. Da war keine Angst mehr. Er war beinahe neidisch.

Marcus sah auf. Etwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Er erkannte es sofort und war alarmiert. Das Modul schwebte sachte durch die Luft. Es war kugelförmig, hatte einen Durchmesser von etwa zwanzig Zentimetern, und die Kontaktfläche leuchtete. Es hatte sich irgendwann gelöst, und jetzt glitt es durch den Gang. Es handelte sich um eine Notbatterie für Gefechtssituationen, die mit Energie angefüllt war. Das war nicht gut. Marcus verfolgte die Flugbahn mit den Augen. Da drüben waren die aufgerissenen Innereien der Leitungen, offen gelegt durch eine Kaskadenexplosion, deren Auswirkungen Marcus hatte reparieren wollen, als die erneute Beschleunigungsphase befohlen worden war. Er hatte sich an der Wand fixiert, um nicht wie Petal zu enden. Das Modul hatte niemand unter Kontrolle gebracht.

Es würde genau im offenen Kabelbaum landen.

Das würde böse enden.

Marcus’ Blick fiel auf das flache, biegsame Schirmpad, das er sich um den Unterarm gewickelt hatte. Notverschluss, verkündete das Signal. Einen anderweitigen Befehl gab es nicht. Das bedeutete, dass da oben jeden Moment jemand das Triebwerk einschalten würde, damit die gute alte Lady einen weiteren Satz machte, weg von dem Gemetzel, das sie so grandios verloren hatten. Sie wurden verfolgt. Anders war das nicht zu erklären.

Aber das Modul. Niemand saß auch nur in der Nähe der Flugbahn. Und nur Marcus kannte sich aus.

Er presste einen Finger auf die flexible Plastikmasse des Schirmpads. Ein Gesicht erschien, bedeckt von einer blutigen Schramme und aufgeschäumtem Med-Gel. Ludmilla Kamp war Spezialistin Erster Klasse, sie leitete das Technikerteam der Internen Wartung, seit die Offiziere ihrer Sektion durch einen der Treffer ausgelöscht worden waren und Chefingenieur Thomson damit beschäftigt war, die Hyperspule zu reparieren.

Sie sah nicht gut aus.

»Hamilton. Ich habe keine Zeit.«

»Ich habe hier ein scharfes Energiemodul, das durch die Luft fliegt. Klasse IV, und das Ziel ist ein offener Kabelbaum, der noch unter Spannung steht. Ich muss es einfangen.«

»Sie haben Notverschluss verkündet. Du könntest zusammen mit dem Modul an die Wand geklatscht werden.«

»Frag in der Zentrale nach.«

»Frag doch selbst.«

Kamp hatte offensichtlich die Schnauze voll. Der Schirm wurde dunkel. Marcus nahm es ihr nicht übel. Das war zu viel für sie alle, und irgendwann war es auch egal. Er nahm erneut das Modul in den Fokus, kalkulierte, fluchte und presste wieder einen Finger auf die Plastikfolie. Es flackerte, und ein Wartezeichen erschien. Natürlich. Die Brücke war beschäftigt. Wer war er schon hier unten?

Er musste …

Da flog vor ihm jemand mit schnellen, nahezu eleganten Bewegungen durch die Luft. Eine schlanke Frau mit selbstbewusster Grazie, die wusste, was sie tat – oder eben auch nicht. Er erhaschte einen Blick auf ihre Aufnäher. TRS Traian, eines der letzten Schiffe, die es zerlegt hatte, ehe sie die Schlacht beendet und die Flucht aufgenommen hatten. Ein Tender, wenn er sich richtig entsann. Tender steckten voller Techniker.

Sie hatte die Gefahr gesehen, genau wie er. Und sie hatte sich nicht mit Nachfragen aufgehalten. Marcus unterdrückte einen Fluch.

Die Frau drehte sich einmal um sich selbst und streckte die Hand aus. Sie bewegte sich wie ein Fisch im Wasser. Er sah bei solchen Manövern nicht halb so gut aus. Er konnte sie warnen, aber sie kannte die Signale genauso gut wie er. Sie hatte eine Entscheidung getroffen.

Das Modul glitt in ihre Hand. Sie ergriff es, drehte es und drückte den Bolzen der Notabschaltung ein. Das sanfte Leuchten erlosch, dann kam das Warnsignal. Fünf Sekunden bis zur Beschleunigungsphase.

Marcus griff nach ihrem Bein, das in Reichweite war, zog sie mit einem Ruck an sich heran, umklammerte sie mit beiden Armen und spürte, wie sich ihr Overall automatisch an seinen haftete, als er die entsprechenden Flächen aufeinanderpresste. Sie stieß den Atem aus, jegliche Spannung wich aus ihrem Körper, und sie starrte ihm direkt ins Gesicht. Sie hatte kurz geschorenes haselnussbraunes Haar, kleine Ohren, große Augen sowie eine Nase, die ein wenig arg weit aus dem angenehm geschnittenen Gesicht herausragte. Er musste aufpassen, dass sie ihn damit nicht verletzte.

Sie lächelte ihn dankbar an.

Es wäre schade um sie beide, fand er.

Dann legte sich ein gewaltiges Gewicht auf seine Brust, und er stöhnte, als sich der Körper der Frau auf ihn presste. Sie stützte sich ab, so gut sie konnte, denn sie wollte ihm natürlich nicht wehtun. Doch das war mehr guter Wille als alles andere. Die Proxima machte einen Satz, fort von einem Gegner, einem Minenfeld, er wusste es nicht. Das alte Schiff knirschte und ächzte, als sich die Konstruktion so bewegte, wie sie es sollte. Der Kreuzer war so gebaut, dass er kinetische Kräfte abfing und sie über die ganze Hülle verteilte. Einige der Leute im Gang stöhnten, vor allem die Verletzten. Plötzlicher Andruck ließ Wunden aufplatzen, innere wie äußere. Schwerelosigkeit wiederum verlangsamte die Wundheilung, führte zu Verklumpungen in den Adern, zu Schlaganfällen geschwächter Kreisläufe. Das Weltall mochte die menschliche Natur nicht.

Marcus ertappte sich dabei, wie er die ihm unbekannte Technikerin umklammerte, damit sie ja nicht gegen eine Wand geschleudert wurde. Sie hatte reagiert, nun zahlte er die Schuld zurück.

Es dauerte ewige Sekunden. Sekunden, die immer mehr wehtaten.

Ein Signal ertönte, als der Andruck nachließ. Marcus holte rasselnd Luft. Seine Brust schmerzte. Vermutlich hatte er sich eine Rippe geprellt oder gar gebrochen. Er löste den Griff um die Frau und hustete in seine Hand. Kein Blut. Noch nicht.

»Alles in Ordnung?«, hörte er ihre Stimme und erhaschte im selben Moment einen Blick auf ihr Namensschild. Gutierrez. Das passte zu den pechschwarzen Augen, mit denen sie ihn forschend und auch ein wenig besorgt ansah.

»Danke!«, sagte sie dann.

»Ich danke dir. Das Modul …«

»… ist unter Kontrolle«, unterbrach sie ihn. Die Haftung löste sich, als sie die entsprechenden Flächen schräg gegeneinander rieb. Sie trieb ab und klettete sich vorschriftsmäßig neben ihm an die Wand. Sie wirkte erschöpft.

»Ich bin Marcus«, sagte er. »Techniker Zweiter Klasse, Proxima.«

»Das hier ist dein Schiff? Es ist schon etwas älter, oder?«

»Aber es fliegt.«

»Ein Glück. Die meisten fliegen nicht mehr.«

Eine plötzliche Schwermut überkam Marcus. Die Situation musste irgendwann auch emotional ihren Preis einfordern. Der freundliche Blick einer schönen Frau brach die Hülle der Selbstbeherrschung auf. Das war bei ihm schon immer so gewesen.

Er spürte ihre Hand an seiner Wange. Sie fühlte sich überraschend kühl an.

»Ich bin Margie. Von der Traian. Habe ich dir wehgetan?«

»Es geht.«

»Lügst du, weil ich eine Frau bin?«

»Natürlich, was erwartest du?«

Sie lächelten sich einen Moment lang an. Es war ein wunderbarer Augenblick des Friedens.

Dann ertönte das Signal. Die Proxima ächzte.

Es ging wieder los. Immer und immer wieder, bis sie endlich genug Abstand gewonnen hatten. Sie flohen, und Marcus hoffte und betete, dass es keinen weiteren Kampf geben würde.

Der nächste Burn begann. Das Schiff schüttelte sich. Es schüttelte auch die Menschen im Gang – Verletzte, Tote, Überlebende – und unter ihnen Marcus Hamilton, der seine Angst herunterschluckte, so gut es ging.

So war es, wenn man verlor. So war es eben.

 

2

»Ich brauche eine taktische Darstellung. Irgendwas Visuelles.«

»Wir arbeiten daran.«

»Dann arbeiten Sie schneller! Und eine Verbindung zur Achat!«

»Die Empfänger der Korvette sind weiterhin tot. Wir haben nur Lichtsignale. Captain Yin hält den Kurs.«

»Verdammt, so geht das nicht!«

Es klang giftig, aggressiv und ungeduldig. Captain Zadiya Ark hätte die Worte gerne sofort zurückgenommen und durch andere ersetzt. Aber es war zu spät. Das schuldbewusste Gesicht des Kadetten vor ihr, der ein zufälliges Opfer ihrer Unbeherrschtheit geworden war, versetzte ihr einen Stich. Er konnte nichts dafür. Einer der drei Treffer, die die Proxima auf ihrer Flucht hatte einstecken müssen, hatte den Ortungskern in Mitleidenschaft gezogen – und die Zentrale übel durchgeschüttelt. Offiziere waren gestorben, fast alle. Seitdem arbeitete sie mit Kadetten und Spezialisten, die sich wacker schlugen, aber die Verantwortung …

Die taktische Darstellung im Kartentank versagte immer noch. Die Hälfte aller Schirme und Projektoren war tot. Die Kaffeemaschine ebenso. Zadiya Ark war sich nicht ganz sicher, was von alldem das Schlimmste war, aber mit jeder Stunde, die sie sich mühsam wach hielt, wurde deutlicher, dass der taktische Nutzen von Kaffee alles andere überwog.

Sie fuhr sich mit einer Hand über ihre kurz geschorenen Haare. Schweiß, Dreck, Müdigkeit, alles blieb glänzend an ihrer Handfläche kleben, die sie achtlos an ihrem speckigen Schutzanzug abrieb. Das Gefühl in ihrem Mund zeugte von zu vielen Konzentratriegeln und fadem Fruchtsaft, und das Sodbrennen ergänzte diese Geschmackskomposition in umgekehrter Richtung. Sie war zu lange wach. Alle waren sie das.

Aber die Proxima – und mit ihr das zweite überlebende und freie Schiff, die Achat – war noch nicht in Sicherheit.

Falls sie das je sein würden.

Ark setzte sich auf ihren Sessel. Der Kadett starrte sie mit seinen traurigen, etwas blutunterlaufenen Augen an. Der junge Mann war am Ende seiner Kräfte. Sie versuchte, sich an seinen Namen zu erinnern, doch er entglitt ihr jedes Mal, wenn sie glaubte, sich an ihn zu entsinnen. Ein großer Brandfleck verdeckte sein Namensschild. Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, sich umzuziehen. Das galt für sie alle, und so rochen sie auch. Derzeit machte es allerdings keinem etwas aus, denn es gab dringendere Probleme.

»Ist schon gut«, sagte sie tonlos, und hoffte, dass das als Entschuldigung durchgehen würde. Der Namenlose ging und würde sich zweifellos fragen, was er hätte besser machen können. Ark nahm sich vor, sich an ihn zu erinnern und ihn noch einmal richtig um Entschuldigung zu bitten, wenn Zeit dafür war.

Hätte sie irgendwie anders reagieren können?

Das war eine Frage, der sich Captain Zadiya Ark permanent widmete. Falls sie all das hier überstand, würde sie eines Tages einen Bericht schreiben müssen. Vielleicht würde sie bis dahin die richtige Antwort gefunden haben.

»Status des Triebwerks?«, murmelte sie beinahe so, als würde sie mit sich selbst sprechen. Das relativistische Triebwerk hatte bisher einwandfrei funktioniert. Es war der einzige Teil ihres Schiffes, der in den letzten Jahren des Krieges ernsthaft überholt worden war. Die Proxima war alt, aber sie hatte Beine. Es waren sicher nicht die schönsten, aber bei allen Göttern, über Kraft verfügten sie.

»Wir haben noch vierunddreißig Prozent Stützmasse«, hörte sie die Antwort von irgendwem, der sich nun angesprochen fühlte. Sukov, ihr Erster Offizier, lag irgendwo im zerdrückten Hangar, dem Teil des Kreuzers, den es am schlimmsten erwischt hatte. Er war tot, das meldete zumindest sein Transponder. Die Bergungscrew war noch nicht zu seinen sterblichen Überresten vorgedrungen. Der Zweite Offizier war ebenfalls verstorben, als er versucht hatte, einen durchgedrehten Generator unter Kontrolle zu bekommen. Drei weitere Brückenoffiziere waren tot oder schwer verletzt, zu schwer, als dass sie ihr in absehbarer Zeit hilfreich sein würden. Für die Brücke hatte sie alle zusammengekratzt, die einsatzfähig waren. Das hier war der denkbar schlechteste Zeitpunkt für Personalmangel.

Vierunddreißig Prozent. Das war nicht viel. Würden sie Fluchtgeschwindigkeit erreichen können, um den Hypertransit zu aktivieren? Und würde vor allem die defekte Hyperspule bis dahin repariert sein? Sie versuchte, es im Kopf nachzurechnen. Früher war sie gut darin gewesen. Sie hatte sogar mal den Akademiewettbewerb gewonnen. Jetzt klebten ihre Gedanken träge innen an ihrem Schädel. Vierunddreißig Prozent. Die Position … der Vektor … sehr, sehr träge …

»Captain«, hörte sie eine Stimme, mit der sie nicht gerechnet hatte. Sie öffnete die Augen und merkte erst jetzt, dass sie sie geschlossen gehabt hatte. Möglicherweise war sie sogar kurz eingedöst. Das war ein Fehler, ein verzeihlicher vielleicht, aber dennoch … Sie musste sich zusammenreißen. Wenn nicht sie, wer dann?

Vor ihr stand ein Mann. Er war hochgewachsen, breitschultrig, entsetzlich hässlich, trug einen tadellosen Druckanzug und wirkte wie frisch aus dem Ei gepellt. Major Ernesto Vara sah immer gut aus, von seinem Gesicht einmal abgesehen. Es war jedoch nicht das Ergebnis einer brutalen Kriegsverletzung, er war damit geboren worden. Es wirkte unfertig, schief und unproportioniert, und die kleinen, furchtbar stechenden Augen machten den Anblick nicht angenehmer. Niemand sah sich dieses Gesicht gerne an, möglicherweise nicht einmal er selbst. Captain Ark war das egal. Der Kommandant der Marinesoldaten an Bord der Proxima flog seit fünf Jahren mit ihr, und sie hatte gelernt, dass das Aussehen wirklich sehr täuschen konnte. Vara war keine Schönheit, alles andere als das, aber er war verdammt verlässlich.

Und er lebte. Damit war er automatisch zu ihrer Stütze geworden.

»Vara«, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich war nur …«

»Captain, das Schiff ist mit Lebenden, Verletzten und Toten vollgestopft. Wir sind auf der Flucht. Wir wurden geschlagen. Da kann man schon mal für einen Moment die Augen schließen, oder? Nur für einen kleinen Moment, das sollte uns niemand abschlagen.«

In seiner Stimme lag unerklärliche Wärme, über die sie sich damals gewundert hatte, als er an Bord gekommen war. Er war ein scharfer Hund, kein leichter Vorgesetzter, manchmal ungehobelt bis unhöflich – aber kein Menschenschinder. Das war er nie gewesen. Niemand war nur eine Nummer für ihn, niemand war austauschbar. Darin war er besser als sie. Er sah sie alle, jeden Einzelnen, und er steckte niemanden in eine Schublade mit anderen.

Jeder hatte seine eigene.

Und er erinnerte sich hervorragend an Namen. Das hatte er ihr auch voraus.

»Major«, sagte sie heiser, schluckte die Dankbarkeit herunter, die ihr wie eine rührselige Urgewalt die Kehle emporkletterte. »Was kann ich für Sie tun?«

»Das sagte ich schon. Das Schiff ist überfüllt. Sergeant Vickers musste vorhin die erste Schlägerei schlichten.«

»Vickers und schlichten?« Ark hatte ein Bild vor Augen. Agatha Vickers war nicht groß, aber so breit wie Vara und eine sehr schlecht gelaunte Frau. Sie fing Streit an. Sie beendete ihn meist durch …

Vara nickte. Er schien ihre Gedanken gelesen zu haben. Fünf Jahre waren eine lange Zeit. »Wie gesagt. Es fängt an zu brodeln. Es gibt zu viele Leute an Bord, die nichts zu tun haben. Wer nichts zu tun hat, denkt nach. Es ist eng. Man geht sich gegenseitig auf den Geist. Wer nachdenkt, erinnert sich an die toten Kameraden, an die Erniedrigung, an seinen Schmerz. Und wer sich damit zu lange beschäftigt …«

»Ich verstehe«, sagte Ark. »Haben Sie eine Liste, Vara?«

Natürlich wusste er, was sie meinte. Der Major hob sein Armpad und schickte die Daten auf ihr eigenes herüber. Er hatte eine Liste. Er hatte mit seinen Leuten jeden Flüchtling erfasst. Er kannte den Namen, den Rang, die Dienstnummer und das Schiff, auf dem die Person gedient hatte – und ihre Qualifikation. Sogar der Grad der Verletzung war notiert. Und viele Personen hatte er grün markiert.

»Die könnten Dienst leisten?«, vergewisserte sie sich.

»Die sollten Dienst leisten«, verbesserte er sie. »Und das so schnell wie möglich.«

»Sara!«

Aus dem Nichts antwortete eine Stimme, der sanfte, weibliche Klang der Schiffs-KI. Sara war nicht nur die gute Seele des Kreuzers, derzeit ersetzte sie auch fast ein ganzes Offizierkorps. Ohne sie wären sie alle aufgeschmissen gewesen. Es war gegen die Vorschriften, aber zum Teufel mit den Vorschriften. Die Notwendigkeit, dieses Schiff am Leben zu erhalten, setzte die meisten Regeln außer Kraft.

»Captain.«

»Erstelle Dienstpläne für die grün markierten Geretteten. Stramme Dienstpläne mit schlecht gelaunten Schichtleitern, die so richtig die Schnauze voll haben.«

Das elektronisch verstärkte Kichern klang mädchenhaft. Ark hatte das längst aus der Programmierung entfernen wollen. Aber im Krieg kam man zu nichts. Und jetzt war Sara, wie sie war. Es noch zu ändern, wäre …

Nicht wichtig.

»Dienstpläne in Arbeit!«, meldete die KI.

Ark sah Vara dankbar an. »Was täte ich nur ohne Sie, Major?«

»Weiterschlafen«, erwiderte er mit einem Augenzwinkern und wandte sich ab.

Ark gähnte hinter vorgehaltener Hand. Wie recht er doch hatte.

 

3

»Dies ist keine Kabine, dies ist eine verdammte Zumutung.«

Admiral Ricardus Bonet hielt sich noch zurück. Trotzdem drückten Haltung, Gesichtsausdruck und Tonfall unverkennbar sein Missfallen aus. Der gedrungen gebaute Offizier trug seinen Schutzanzug mit dem Stolz eines Admirals, der versuchte, sich angesichts einer katastrophalen Niederlage noch so etwas wie Würde zu bewahren. Ihm gelang dieses Kunststück mit einer Einstellung, die gut für ihn, aber schlecht für andere war. Insbesondere für seinen Adjutanten Miller. Er war ein schmächtiger junger Mann mit einem Gelverband, der ihm wie eine Haube auf dem Kopf saß. Außerdem war er zu blass. Er sollte eigentlich liegen, denn er kämpfte mit den Folgen einer Gehirnerschütterung. Doch auf so etwas nahm jemand wie Bonet nicht allzu viel Rücksicht. Miller war bewegungsfähig, also war er dienstfähig. Milde zu empfinden, war nicht Bonets Art, erst recht nicht, wenn die ihm zugewiesene Kabine nicht seinen Ansprüchen genügte.

Er war definitiv anderes gewohnt. Ja, es herrschte Krieg, und er war auf der Flucht. Da machte man sicher Abstriche. Aber doch nicht so viele. Doch nicht für ihn.

Bonet war mit dem, was man ihm hier bot, nicht zufrieden.

»Sir, die Räumlichkeiten des Captains sind jetzt Teil des Notlazaretts«, sagte Miller tapfer. »Captain Ark schläft auf der Brücke auf ihrem Sessel oder in ihrem Bereitschaftsraum. Dies ist das Quartier des leider verstorbenen Ersten Offiziers.«

Miller wies auf die Holofotos an der Wand. Sie zeigten eine lächelnde brünette Frau mit schönen Grübchen, die aller Wahrscheinlichkeit bald eine sehr traurige Nachricht von Captain Ark erhalten würde. Das machte die Sache natürlich ein wenig bedauernswert. Für andere. Bonet schnaubte. Nichts war ihm gleichgültiger als das Schicksal der Gefallenen. Sie waren tot. Im besten Fall hatten sie ihre Pflicht getan. Den Rest erledigte die Kommunikationsabteilung. Da gab es Profis für Feingefühl, Mitleid und Respekt. Das fiel nicht in seinen Zuständigkeitsbereich.

»Gut«, knurrte der Admiral. »Dieses Schiff ist alt und für seine Klasse klein. Nicht gerade ein Flaggschiff. Ich muss mich wohl einschränken. Für den Moment … stellen Sie meine Sachen da ab. Dann besorgen Sie mir was zu essen. Vorzugsweise etwas Warmes.«

Bonet hatte Gepäck dabei. Genug, um auf dem Rettungsshuttle, das ihn von der ausbrennenden Aristano Moralez abgeholt hatte, Platz für einen Überlebenden einzunehmen. Dazu war es glücklicherweise nicht gekommen. Von den Besatzungsmitgliedern der Moralez hatte nur ein gutes Dutzend überlebt. Daher hatte es genug Platz für alle gegeben, auch für Bonets beachtlichen Metallkoffer. Außer ihm wusste niemand – nicht einmal Miller –, was er darin wohlverschlossen aufbewahrte. Die Aufgabe des Adjutanten bestand lediglich darin, den Koffer zu tragen. Bonet hatte den Behälter mit einer komplizierten Sicherung versehen, die nur er öffnen konnte. Dafür gab es eine sehr lange Liste mit ausgezeichneten Gründen.

Der Adjutant verschwand. Erleichtert, wie man ihm bei genauer Beobachtung ansehen konnte. Bonet kümmerte das Befinden seines Untergebenen allerdings nicht. Miller hatte zu funktionieren. Ob er dabei Freude empfand oder nicht, war völlig gleichgültig.

Der Admiral hatte andere Sorgen. Sehr große Sorgen.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Tür fest verschlossen war und von außen nicht geöffnet werden konnte, wenn er es nicht erlaubte, setzte er sich. Dann holte er sein Komgerät hervor, eine klobige Ausführung, bei der es sich um eine Spezialanfertigung für Stabsoffiziere mit einer eigenen Hyperlinkantenne und einem Verschlüsselungsalgorithmus handelte, der seinen Anspruch auch erfüllte. Ein Meisterwerk der Technologie der Terranischen Republik. Es erlaubte eine komplex verschlüsselte, abhörsichere Kommunikation, und die hatte Bonet jetzt bitter nötig. Er aktivierte das Gerät hastig und gab einen Code ein.

Es dauerte einen Moment, bis die Verbindung aufgebaut worden war. Bonet wartete geduldiger, als es normalerweise seine Art war.

»Ja?«

Kurz, knapp und ohne Schnörkel ertönte die dünn klingende Stimme eines Mannes. Genau diesen Mann hatte Bonet erwartet. Er kam sofort zur Sache.

»Was ist da schiefgelaufen?«, fragte er. Es gelang ihm nur mühsam, die Wut und die Enttäuschung in seiner Stimme unter Kontrolle zu bringen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

»Es ging zu schnell.« Es klang nicht wie eine Entschuldigung, und das machte Bonet noch wütender.

»Ich sollte nicht hier sein! Die Levkov sollte mich abholen!«

»Ich weiß. Das Rettungsshuttle war schneller als wir. Hätten wir es abschießen sollen?«

»Nein. Das Nuklearfeuer war zu nah. Ich musste sofort von Bord.« Er erinnerte sich nicht gerne daran, aber jetzt, da er die Worte aussprach, stand ihm die Situation wieder lebhaft vor Augen. Verbrannte und verstrahlte Leichen. Das hektische Summen seines Strahlungsmessers, dessen Anzeige langsam und unerbittlich in die Todeszone wanderte. Die ewige Dekontaminierungsprozedur und die besorgten Blicke der Med-Techniker. So etwas wollte er nie wieder erleben. Und er wollte auch nie wieder daran erinnert werden.

»Also. Sie leben.«

»Jetzt bin ich hier. Was ist der Plan? Sie haben doch einen Plan, oder soll ich hier versauern?«

Die Stimme ließ sich nicht provozieren, was Bonet allmählich die Lust an dem Gespräch verdarb. Auch er war müde.

»Wir jagen die Proxima. Wenn wir sie beschädigen können …«

»Ich bin an Bord!«, blaffte Bonet. »Niemand feuert auf dieses Schiff! Verdammt, ich will das hier überleben, und Sie haben es verbockt, nicht ich.«

»Das entscheiden Sie nicht alleine«, gab die Stimme zurück und vermittelte eine Kälte, die auch dem Admiral keinesfalls entging. Er starrte zornig auf das Gerät in seiner Hand. Er holte tief Luft. Es half alles nichts. Dennoch, so konnte man nicht mit ihm umgehen.

»Ich bin hier in einer sehr schwierigen Situation, aber es geht um mehr als nur um mich«, sagte er drohend. »Ich habe den Komschlüssel der Admiralität der Republikflotte.« Sein Blick fiel auf den Metallkoffer. »Und noch so einiges anderes. Ich glaube, es wäre sehr schade, wenn das alles nicht in unserem Besitz bleiben würde. Tatsächlich wäre es möglicherweise fatal, wenn die Republik noch ein Ass im Ärmel haben sollte.«

»Die Flotte ist weitgehend vernichtet.«

»Das glauben Sie.«

Die Stimme zögerte. Natürlich. Ein vernünftiger Mann schloss nie etwas kategorisch aus, wenn so viel auf dem Spiel stand.

»Sie könnten die Codes übermitteln.«

»Das könnte ich, ja.« Ganze zehn Sekunden lang herrschte Stille. Manchmal sagte Schweigen mehr als alle Worte.

»Sie müssen noch für eine Weile Ihr Spiel spielen«, sagte die Stimme dann. »Sie haben es lange genug gemacht, das wird zu schaffen sein, denke ich. Bei der erstbesten Gelegenheit holen wir Sie von Bord. Lebend. Soweit dies in unserer Macht steht, Bonet. Die Proxima schlägt sich besser als erwartet.«

Bonet schüttelte den Kopf, obwohl ihn sein Gesprächspartner nicht sehen konnte.

»Ich bin hier sicher nicht willkommen. Weder in meiner Identität als Admiral der Flotte noch in meiner Funktion als Agent der Revolution.«

»Niemand wird erfahren, auf wessen Seite Sie stehen.«

»Das genügt nicht. Das genügt mir nicht. Ich erwarte so schnell wie …«

Der Türsummer erklang. Zweifellos war Miller zurück.

Bonet trennte die Verbindung und steckte das Komgerät weg. Das Gespräch hätte sowieso zu nichts geführt. Jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Er würde es fortsetzen müssen, vor allem da das eigentliche Problem noch nicht gelöst war.

Er war auf dem falschen Schiff, und damit saß er inmitten einer tickenden Zeitbombe fest. Was mit ihm geschehen würde, falls jemand herausbekam, welche Rolle er bei dem groß angelegten Verrat gespielt hatte, der zum Untergang der Flotte der Republik geführt hatte … Es war nicht auszudenken.

Die Tür öffnete sich, als der Admiral die Verriegelung freigab. Miller trat mit einem Tablett in den Händen ein. Es handelte sich um eine erhitzte Standardration. Immerhin war das Essen warm. Bonet rümpfte die Nase. Er roch Hähnchen.

Er hasste Hähnchen.

Miller sah ihn entschuldigend an.

Bonets Laune würde sich heute jedenfalls nicht mehr bessern.

 

4

»Wir haben große Probleme.«

Ark schaute Chefingenieur Thomson auf dem Schirm der Internverbindung an. Der Mann fuhr sich dauernd mit der flachen Hand über den Backenbart, als wollte er sich vergewissern, dass dieser nicht abgefallen war. Es war eine Geste der Verzweiflung und der Müdigkeit, und die blutunterlaufenen Augen des Mannes wiesen darauf hin, dass er bereits zu viele Wachmacher eingeworfen hatte, auf jeden Fall mehr, als gesund waren.

Aber darin unterschied er sich nicht von ihr. Dass er den soeben geäußerten Satz gerade zum dritten Mal hintereinander ausgesprochen hatte – immer mit einer kleinen, beinahe schon andächtigen Pause dazwischen –, zeigte, dass dem Mann langsam die notwendige Konzentration abhandenkam.

Auch darin unterschied er sich nicht von ihr.

»Nennen Sie mir das größte Problem und von dort arbeiten wir weiter«, forderte Ark ihn mit ruhiger Stimme auf. Sie vermied jegliche Verärgerung oder Ungeduld im Tonfall. Ihr Blick fiel immer wieder auf den dreidimensionalen Kartentank, der vor Kurzem flackernd den Betrieb wiederaufgenommen hatte. Immerhin. Er zeigte an, dass ihre Verfolger nicht nachließen. Sie schienen nicht das geringste Interesse daran zu haben, die Proxima und ihr Begleitschiff ziehen zu lassen. Und Thomsons große Probleme hatten unmittelbar damit zu tun. »Ich habe hier mein eigenes Problem. Ein Jägerkiller, Theseus-Klasse. Und der ist nur der erste. Derzeit sind sie noch sieben Stunden hinter uns. Ihre Grundgeschwindigkeit ist marginal höher als unsere, also sollten sie sich noch für etwa siebzehn Stunden außerhalb der Kernreichweite befinden. Aber ich würde ihnen gerne durch einen Hypersprung vollständig entwischen. Sagen Sie mir, wie die Chancen dafür stehen, Thomson.«

Der Chefingenieur verzog das Gesicht. Erneut erklang das kratzende Geräusch, während er seinen Bart massierte.

»Der Überlichtantrieb ist weiterhin stark beschädigt. Wir haben zwei der Spulen verloren, die lassen sich nicht mehr reparieren. Die dritte ist in einem Zustand, mit dem ich noch etwas anfangen kann. Wir erreichen Sprunggeschwindigkeit, aber wir können keinen Transit auslösen. Ich muss die Schwingungsplatten neu ausrichten, zwei muss ich ersetzen, eine flicken, so weit das geht. Das ist ein komplizierter Prozess.«

»Wie lange?«

Thomson wusste, was gemeint war. Er fuhr sich einmal mehr mit einem kratzenden Geräusch über den Bart. So langsam ging er ihr damit auf die Nerven.

»Zwölf Stunden mindestens.«

»Die Kolonialen holen auf. Ich glaube, dass ich das bereits erwähnte, oder?«

Thomson war nicht beeindruckt, dafür war er eindeutig zu müde.

»Zwölf Stunden, Captain.«

Ark sah ihn prüfend an. »Auf der Akademie brachte man uns bei, niemals auf die Zeitangaben eines Chefingenieurs zu vertrauen, sondern stattdessen davon auszugehen, dass diese hoffnungslos übertrieben sind. Ich habe das nie richtig geglaubt. Ist das jetzt so ein Fall? Ich habe nämlich keine Zeit für Spielchen.«

Thomson ging es da offenbar ähnlich. Seine Stimme nahm einen gereizten Unterton an, als er antwortete.

»Captain, die Proxima pfeift auf dem letzten Loch. Meine Teams sind überlastet. Die Kollegen unter den Schiffbrüchigen helfen, wo sie können, aber überall liegen Flüchtlinge in den Gängen, sodass wir unter sehr beengten Verhältnissen arbeiten. Die Lebenserhaltung operiert oberhalb ihrer Leistungsfähigkeit. Die Luftaustauscher machen bald schlapp, dann steigt der CO₂-Gehalt langsam, aber unaufhaltsam. Ich habe überall überlastete Energieleitungen und durchgebrannte Generatoren. Die meisten Leute ernähren sich von Konzentratmist, weil die Dispenser für den üblichen Flottenfraß bis auf zwei Einheiten ausgefallen sind. Ich habe meine besten Leute auf die Reparatur der dritten Spule angesetzt, und ich sage Ihnen: zwölf Stunden. Minimum. Ich werde sie nicht noch mehr drängen. Alle sind müde. Wenn ich sie jetzt hetze, machen sie Fehler. Verdammt, sie machen bereits Fehler. Wir müssen schlafen, ganz dringend sogar.«

Ark nahm ihm die Worte ebenso wenig übel wie den aggressiven Unterton und den fiebrigen, anklagenden Blick. Sie glaubte ihm, was er sagte. Es half aber einfach nichts.

»Thomson, wenn Sie sie nicht hetzen, wird sich die Frage nach Fehlern möglicherweise erübrigen«, rief ihm Ark ins Gedächtnis. Sie hatte ihre Stimme immer noch unter Kontrolle. »Denn dann sind wir entweder eine sich ausbreitende Gaswolke im Weltall oder ein aufgebrachtes Beuteschiff und wandern alle in Kriegsgefangenschaft.«

Thomson nickte. »Ersteres würde ich ablehnen. Letzteres … wäre das so schlimm?«

Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern trennte die Verbindung. Ark starrte auf den dunklen Schirm. Die letzten Worte des Mannes hatten in ihr eine Befürchtung geweckt, die sie im Stillen bereits gehegt hatte. Eine Befürchtung, auf die sie Vara angesprochen und die sie beiseitegeschoben hatte, weil es doch so unendlich viel zu bedenken gab.

Eine Befürchtung, die sie jetzt nicht wieder fortwischen durfte.

»Vara!«

Der Leiter der Marineinfanteristen tauchte zuverlässig wie immer neben ihr auf. Er sah sie fragend an, sagte aber nichts. Er war kein Mann vieler Worte, doch er sah bestimmt die Sorge in ihrem Blick und war bereit, diese mit ihr zu teilen.

Ark unterdrückte ein Seufzen.

»Vara, wir müssen noch einmal darüber reden: Wie ist die Moral an Bord unserer Schiffe? Gerade hat ein führendes Besatzungsmitglied mir gegenüber angedeutet, dass es keine üble Idee wäre zu kapitulieren. Und das beunruhigt mich mehr, als ich vor den anderen zugeben möchte.«

»Ja«, sagte Vara. »Ich sprach mit Vickers darüber, die das Schiff dauernd patrouilliert und genau hinhört. Exakt das hat sie schon mehrmals gehört. Es macht die Runde, vor allem unter den Verletzten, die noch reden können. Wir sind alle sehr demoralisiert. Die Aggressionen bekomme ich allmählich unter Kontrolle. Den Fatalismus – das ist eine andere Geschichte. Der sitzt tiefer, und ich kann ihn nicht wegprügeln, wenn er ausbricht.«

»Was kann helfen?«

Vara schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Truppenpsychologe. Selbst meine eigenen Soldaten sind niedergeschlagen und erschöpft. Sie halten den Mund, denn sie kennen die Regeln der Disziplin, und ich halte sie beschäftigt. Ich will aber lieber nicht so genau wissen, was in ihren Köpfen vor sich geht.«

Ark zuckte hilflos die Schultern.

»Wie wäre es mit einer Ansprache? Irgendwas Aufmunterndes?«

»Wenn es nichts Aufmunterndes zu verkünden gibt, keine echten guten Nachrichten, wird das schnell nach hinten losgehen und Ihrer Autorität eher schaden. Wir brauchen Vorräte, Platz, Zeit zum Duschen und zum Schlafen. Ein Ziel. Etwas Hoffnung.«

»Die Wega-Station ist als Flottenhauptquartier ein gutes Ziel und in vier bis fünf Sprüngen zu erreichen. Wir müssen nur den Überlichtantrieb wieder hinbekommen. Sind wir erst unterwegs, sollte sich die Moral verbessern.«

Der Offizier nickte langsam.

»Solange das nicht passiert, würde ich keine Rede halten.«

Vara zeigte auf Arks Kommandopult. »Im Notfall können wir Betäubungsgas einleiten und alle schlafen legen. Das wirkt sich aber leider auch nicht positiv auf die Reparaturen aus.«

»Sie wollen Witze reißen?«, fragte Ark ungläubig.

»Ich will nur sagen, dass unsere Optionen furchtbar begrenzt sind. Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben. Und auf das Beste hoffen.« Er zögerte. »Meine Leute stehen bereit. Wenn jemand übermütig wird, werden wir uns darum kümmern. So viel kann ich Ihnen versichern, Captain.«

»Daran zweifle ich nicht. Aber ich muss Ihnen nicht sagen, was an Bord los sein wird, wenn ernsthafte Kämpfe ausbrechen sollten. Natürlich kann man durch brachiale Gewalt die Lage kurzzeitig beruhigen. Aber wenn man die Büchse der Pandora einmal geöffnet hat, dann …«

»… tackert man sie mit einer ordentlichen Nagelpistole wieder zu«, vervollständigte Vara den Satz und gestattete sich ein kurzes, extrem freudloses und entschlossenes Lächeln, das Ark mit einer Mischung aus Unbehagen und Zuversicht zur Kenntnis nahm. Es gab durchaus Gründe dafür, warum Menschen mit ihrem psychologischen Profil Schiffe kommandierten und nicht die Varas dieser Welt, so hilfreich, verlässlich und stabil sie sonst auch sein mochten.

Sie kam nicht mehr zu einer Entgegnung. Etwas anderes verlangte nachdrücklich nach ihrer Aufmerksamkeit. Ein Kadett – verdammt, wie hieß er gleich noch? – erhob seine Stimme, und in seinem Tonfall lag eine gehörige Portion Beunruhigung.

»Captain, wir bekommen einen Funkspruch rein. Es ist Admiral Lasalle von der Evocatus.«

Ark hielt inne, obwohl sie nicht überrascht war. Eher unwillig. Mit dem Oberkommandierenden der Flotte zu sprechen, die in der vergangenen Schlacht siegreich gewesen war, gehörte nicht zu den Aufgaben, die sie normalerweise zu erledigen hatte. Das überstieg ihren Dienstgrad. Natürlich gab es für sie eine Chance, dieses Gespräch auf jemanden abzuwälzen, immerhin befand sich unter den Flüchtlingen ein waschechter Admiral. Streng genommen war er zwar nur Logistiker und hatte an Bord der Proxima nichts zu melden, aber das musste man den Gegnern ja nicht auf die Nase binden. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, Bonet auf die Brücke zu rufen, verwarf ihn aber wieder. Der Mann war für sie ein unbeschriebenes Blatt und konnte ihrem Schiff mehr Schaden als Nutzen einbringen. Sie würde ihn erst dann frei herumlaufen lassen, wenn sie ihn besser einschätzen konnte.

Es half alles nichts.

»Ich nehme den Ruf hier entgegen. Alle auf der Brücke sollen mithören«, entschied sie. Varas zweifelnden, beinahe warnenden Blick ignorierte sie geflissentlich. Dies war nicht der Zeitpunkt für Geheimniskrämerei, denn die würde ihr nicht dabei helfen, das Vertrauen der Mannschaft zu erhalten. Es war eine instinktive Entscheidung, aber sie war sich recht sicher, das Richtige zu tun.

Der Schirm flackerte. Einen Augenblick später tauchte darauf ein Uniformierter auf, der auf sie alle herabstarrte.

Admiral Lasalle sah aus wie ein gütiger Weihnachtsmann. Der Anblick täuschte. Hinter dem weißen Rauschebart und den Lachfalten in den Augenwinkeln verbargen sich ein kühl kalkulierender Verstand und ein Mann, der bereit war, seine Ziele mit allen notwendigen Mitteln zu erreichen. Sein fast gütiges Lächeln konnte niemanden täuschen. Er hatte seinen Ruf. Und er war ihm in der gerade überstandenen Auseinandersetzung mehr als gerecht geworden.

»Ich bin Lenard Lasalle, Admiral der III. Kolonialen Befreiungsflotte. Ich nehme mit den beiden noch flüchtigen Schiffen der Republik Kontakt auf, um Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten.«

Ark warf einen Blick zur Seite. Der Kadett an der Kommunikationsstation schüttelte den Kopf. Captain Yin von der Achat war weiterhin nicht zu erreichen, solange der Empfänger seines Schiffes beschädigt war.

»Captain Zadiya Ark von der Proxima«, gab sie knapp zurück und drückte auf einen Knopf. Lasalle sah auf, als ihr Gesicht auf seinem Schirm erschien und lächelte noch ein wenig herzlicher.

»Captain Ark. Sie sprechen auch für Ihr Begleitschiff, nehme ich an?«

Der Tonfall war sanft.

»Womit kann ich Ihnen dienen, Lasalle? Wir sind recht beschäftigt.«

Der Admiral nickte verständnisvoll. Er machte einen väterlichen Eindruck und ging ihr damit jetzt schon mächtig auf die Nerven.

»Das sagen meine Sensoren auch. Ihre Schiffe haben ordentlich was abbekommen. Es ist ein Wunder, dass sie noch operabel sind.«

Damit übertrieb er maßlos, und das zeigte, dass er nicht genug über den Zustand der Flüchtigen wusste oder sie einschüchtern wollte. Ark ließ das kalt.

»Wir kommen zurecht.«

»Warum sind Sie dann noch nicht weg und schlagen nur wirre Haken? Haben Sie Probleme mit dem Überlichtantrieb?«

Was für ein Kotzbrocken!

»Lasalle, sagen Sie, was Sie zu sagen haben.«

Das Lächeln verschwand wie weggewischt. Der Mann merkte, dass er es an Ark verschwendete, und das kalte Funkeln in seinen Augen gab einen Hinweis auf seine wahren Gedanken. Ark war der Feind. Es war gut, dass jetzt wieder geklärt zu haben.

»Ich mache Ihnen ein Angebot, Captain. Kapitulieren Sie, und ich verspreche, dass Ihre Mannschaft ehrenvoll in Gefangenschaft übernommen wird. Ihre Verletzten werden versorgt. Wir halten uns an Recht und Gesetz.«

»Wenn ich mich richtig erinnere, haben Sie in dieser Schlacht nicht sehr ehrenvoll gehandelt. Und Ihre Gesetze schmecken mir auch nicht.«

Lasalle zog die Augenbrauen hoch. »Ich habe die Schwäche, die Uneinigkeit und die Dummheit meines Gegners ausgenutzt. Wollen Sie mir das wirklich zum Vorwurf machen? Erzählen Sie mir gar, dass die Admiralität der Republik anders gehandelt hätte, wenn sich die Möglichkeit ergeben hätte?«

Verrat? Die eigenen Schiffe gegen Freunde und Verbündete wenden, wenn sich die Gelegenheit bot? Ark war nicht naiv. Natürlich hätten die Admirale der Republik exakt das Gleiche getan.

»Nein«, gab Ark zu. »Aber das meinte ich auch nicht. Ihre Schiffe haben auf schwer beschädigte Wracks geschossen. Auf Rettungskapseln und Fluchtboote. Ich habe Aufzeichnungen.«

Das war kein Bluff. Und keine bloße Behauptung. Ark erinnerte sich an die kalte Wut, die sie empfunden hatte. Hilflosigkeit und Wut. Eine furchtbare Mischung, die jeden Menschen krank machen konnte.

Lasalle zögerte kaum merklich. »Wenn das stimmt, wird es entsprechend geahndet werden. Es geschah nicht auf meinen Befehl hin.«

Vielleicht nicht, dachte Ark. Aber sie sah ihm an, dass er davon wusste und es ihn nicht besonders störte.

»Ich traue Ihnen nicht, Admiral. Und die Kriegsgefangenenlager der Aufständischen sind nicht dafür bekannt, dass die Soldaten dort gut behandelt werden.«

»Gerüchte. Von Ihren eigenen Leuten in die Welt gesetzt, damit Ihre Soldaten bis zuletzt kämpfen. Wundern Sie sich da, dass meine Mannschaften lieber auf Nummer sicher gehen, anstatt sich für ihre Gutmütigkeit töten zu lassen?«

Ark wollte heftig widersprechen, aber sie hielt sich zurück. Lasalle und sie wussten beide, dass in diesem Krieg alle mit harten Bandagen kämpften. Sich das gegenseitig vorzuhalten, würde zu nichts führen.

Aber sie durfte das natürlich auch nicht einfach so akzeptieren.

»Ich sehe, dass Sie gut darin sind, Ausflüchte vorzubringen. Gibt es bei Ihnen nicht so etwas wie eine kollektive Verantwortung der Admiralität? Das haben Sie doch in Ihrer Propaganda jedem versprochen. Kollektive Sicherheit, kollektiver Wohlstand, kollektive Verantwortung. So lautet der Wahlspruch der Kolonialen Partei.«

»Sie kennen sich aus.«

»Ich weiß immer gerne, wofür und gegen wen ich kämpfe.«

»Sie ziehen das unterdrückerische System der Republik also vor?«

»Ich ziehe es vor, bei Fehltritten den Schuldigen klar benennen zu können. Das hilft im Zweifelsfall dabei, eine Wiederholung zu vermeiden. Sehen Sie das anders?«

Lasalle machte eine wegwerfende Handbewegung. Er wirkte ungeduldig, aber vor allem verärgert, was in Ark ein albernes stilles Triumphgefühl auslöste. Er verzog das Gesicht und ließ die wohlwollende Maske endlich fallen.

»Ich habe keine Zeit für politische Haarspalterei, Captain. Ihre Situation lässt solche Diskussionen auch gar nicht zu. Ich biete Ihnen die Leben Ihrer Crews!«

»Wir haben in der Tat vor, diese zu bewahren. Ich würde es vorziehen, dabei nicht auf Ihre Hilfe zurückgreifen zu müssen. Admiral, ich bin, wie gesagt, sehr beschäftigt, wie Sie sich bestimmt vorstellen können. Sie haben gewiss Verständnis dafür, wenn ich das Gespräch nun beende.«

Ark drückte auf einen Knopf, und der Schirm wurde dunkel.

Vara trat neben sie, neigte den Kopf zu ihrem Ohr vor und wisperte: »War das wirklich klug?«

»Ich traue Lasalle nicht.«

»Die Mannschaft könnte das anders sehen.«

Ark sah Vara durchdringend an. »Ich entscheide das.«

»Natürlich. Und ich warne Sie. Nur noch einmal zur Sicherheit.«

Ark wollte etwas sagen, aber sie kam nicht dazu. Erneut verlangte etwas anderes nach ihrer Aufmerksamkeit. Wann würde sie endlich einmal einen Gedanken ordentlich zu Ende führen können?

»Captain!«, unterbrach einer der beiden Kadetten, die jetzt auf der Brücke den Dienst vollwertiger Offiziere leisten mussten. Ark bemühte sich diesmal mit mehr Erfolg, sich den Namen ins Gedächtnis zu rufen. Simeon, so hieß er. Das Milchbubigesicht sah irgendwie nicht wie das eines erwachsenen Mannes aus, aber die Bartstoppeln und die dunklen Ringe unter den Augen wiesen darauf hin, dass sich der junge Mann tapfer gehalten hatte. Er lernte seine Lektionen auf die harte Tour. Und er lebte. Mehr konnte Ark derzeit nicht für ihn tun.

»Admiral Bonet möchte mit Ihnen sprechen. Persönlich.«

Simeon sah sie beinahe entschuldigend an, aber Ark war nicht der Typ, der den Überbringer schlechter Botschaften bestrafte.

»Ich melde mich später. Wenn er drängelt, sagen Sie ihm, dass ich nicht auf der Brücke und sehr beschäftigt sei. Immer höflich bleiben, Kadett.«

»Höflich, jawohl.«

Vara ergriff Ark am Unterarm. Er hatte wohl gleich noch eine Warnung auf Lager.

»Der Admiral ist formell der höchstrangige Offizier an Bord, oder sehe ich das falsch?«, wisperte er. »Ich kenne mich bei euch Flottenmenschen nicht immer so genau aus.«

Ark lächelte freudlos.

»Sie lassen sich vom Dienstgrad blenden, Vara. Ich hatte auch erst diese Befürchtung und habe mir dann mal ganz genau die Kommandokette angeschaut. Bonet ist ein reaktivierter Reservist mit einer Logistiklaufbahn. Seine Kommandolizenz hat er nach der Reaktivierung nicht erneuert. Er wurde im Stabsdienst eingesetzt, zuletzt als stellvertretender Leiter der Flottenlogistik. Wir müssen ihn respektvoll behandeln, damit niemand auf dumme Gedanken kommt, aber er gibt mir keine Befehle.« Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. »Und Ihnen auch nicht, Vara.«

Der Marinesoldat nickte. »Das ist gut zu wissen, Captain. Ich hasse es, wenn Schreibtischtäter anfangen, sich für Napoleon zu halten.«

Ark lächelte schmerzlich.

»Wofür er sich hält, weiß ich nicht. Aber für unser Waterloo bin ich jetzt zuständig.«

Vara verzog das Gesicht. Er merkte es wohl selbst: Dieser historische Vergleich war ihm definitiv aus der Hand geglitten.

 

5

»Marcus. Das muss da rein. Aufpassen!«

Kein Mann hörte es gerne, wenn ihn eine Frau darauf hinweisen musste. Das änderte nichts daran, dass die Warnung absolut berechtigt war, um Schaden abzuwenden.

Marcus Hamilton wischte sich über die Augen. Sie brannten und brannten, und nichts half. Er hatte sie benetzt, er hatte sich irgendwoher Augentropfen besorgt. Er wusste, dass es an der Müdigkeit lag. Das Verlangen nach Schlaf war einfach überwältigend. Er wollte, er konnte keine der verdammten Pillen mehr fressen. Sie herunterzuwürgen, verursachte bei ihm mittlerweile eine starke Übelkeit. Sein Körper hatte genug, mehr als genug, er wollte einfach nicht mehr. Woher er die Kraft nahm, dennoch weiterzumachen, wusste er selbst nicht genau.

Er spürte den Schmerz an der Innenseite seiner Wange. Bei der letzten Reparatur hatte er bewusst herzhaft hineingebissen. Die Pein hatte Adrenalin ausgeschüttet, und während er das Blut heruntergeschluckt hatte, war seine Konzentration für einige Momente zurückgekehrt. Die Wunde pochte immer noch, als wollte sie ihn vorwurfsvoll an diesen Angriff erinnern. Ein zweites Mal würde er sich das nicht antun. Doch welche Möglichkeiten blieben ihm jetzt noch? Er war zunehmend ratlos, und seine Gedanken versanken genau wie seine Taten immer wieder in einem tiefen, sehr verheißungsvollen Nebel. Das würde in einer Katastrophe enden.

Denn jetzt fing er an, potenziell verhängnisvolle Fehler zu machen. Seine neue Kollegin Margie sah ihn prüfend an. Er hielt das Bauteil in seiner Linken und hatte das Modul eben in exakt die falsche Einlassung in der Instrumentenwand schieben wollen. Es hätte schon gepasst. Aber wenn man es unter Strom gesetzt hätte …

»Tut mir leid«, murmelte er schwerfällig. Das bloße Artikulieren der Worte kam bereits einer Anstrengung gleich. Er musste jedes genau vorbereiten und auf seine Bedeutung hin prüfen, bevor er es aussprach. Die klare Warnung hatte ihm die nötige Aufmerksamkeit verschafft, um seinen Fehler zu korrigieren. Das Modul glitt mit einem befriedigenden Klicken an die Stelle, an die es gehörte. Richtig herum. Die Katastrophe war abgewendet. Zumindest dieses eine Mal.

»Du bist müde.« Margie sagte es mit tiefer Besorgnis in der Stimme, und es war unfair, dass ihm als Reaktion darauf nur etwas Sarkastisches einfiel.

»Was du nicht sagst. Welches jetzt?«

Die Kollegin sah auf ihr Computerpad mit dem Arbeitsplan für ihre Schicht.

»Die externe Kraftwerksteuerung. Es gibt zwei Regler. Einer ist beschädigt, einer ausgefallen. Modul 248-21-A, davon haben wir laut Lagermanifest exakt noch ein einziges.« Erneut bedachte sie ihn mit ihrem prüfenden Blick. Ein einziges Modul. Wenn sie das beim Einbau beschädigten … würde die Lage sehr unangenehm werden. Er schaute sie ruhig an. Sie sah nicht viel besser aus als er. Ihr strähniges Haar klebte ihr im Gesicht, das von getrocknetem Schweiß und Schmutz bedeckt war. Ihre Augen waren rot gerändert. Und dann war da noch dieses leise Zittern in ihrer vorwurfsvollen Stimme. Sie hielt sich aufrecht, weil er nachließ. Das war peinlich. »Schaffst du das? ›Ein einziges Modul‹ bedeutet in diesem Fall übrigens ›das letzte‹. Wenn wir damit Mist bauen, geht uns irgendwann Kraftwerk III flöten. Das ist nicht gut.«

»Das wäre nicht gut«, korrigierte Marcus.

»Komm mir nicht mit Grammatik. Nimm eine der Pillen.«

»Lass mich mit deinen Pillen in Ruhe«, knurrte der Techniker und hob abwehrend die Hand. »Ich brauche nur eine Minute.«

»Marcus, wenn ich dir eine Minute gebe, schläfst du ein. Verflucht, ich schlafe dann ein.«

»Ja, ja, ja.«

Er erhob sich, unterdrückte ein Gähnen und schaute sie auffordernd an. Er war müde und aufgekratzt zugleich. Er hatte beinahe Angst vor dem Schlaf. Würde er ihn überhaupt finden?

»Externe Kraftwerksteuerung, ja?«

Sie machten sich auf den Weg. An Bord der Proxima herrschte immer noch Chaos, und die beständigen Brennphasen des Antriebs, mit denen sie dem verfolgenden Theseus-Jägerkiller und den größeren Schiffen zu entkommen versuchten, machten es nicht besser. Ab und zu funktionierte die künstliche Schwerkraft wieder, aber um Verletzungen zu minimieren, wenn sie einmal mehr ausfiel, hatte man sie auf null Komma fünf g reguliert, also auf halbe Erdschwerkraft. Das genügte, um ein Herumschweben zu vermeiden, verhinderte aber gleichzeitig, dass man schnell vorankam, vor allem dann, wenn sich sehr müde Besatzungsmitglieder nicht mehr an das Gravitationstraining erinnern konnten.

Überall saßen noch Leute in den Gängen. Das Schiff war zu eng für über vierhundert atmende, essende und vollkommen erschöpfte Menschen. Die meisten hatten sich dauerhaft fixiert, starrten ins Leere, schliefen und bluteten in ihre Verbände. Es gab gedämpfte Unterhaltungen, und die Blicke der Passiven begleiteten die Aktiven, die sich sorgfältig einen Weg durch die engen Gänge bahnten, allzeit bereit, sich an die Wände zu gurten, falls das Warnsignal ertönen sollte.

»Chef, was ist hier los?« Die Stimme eines Verwundeten ließ Marcus innehalten. Er hatte beide Beine mit Gelverbänden bandagiert, ein Hinweis auf schwere Verbrennungen. Die drei Medpflaster auf seinem Nacken wiederum wiesen auf starke Schmerzmittel hin. Der Blick des Mannes, dessen Uniform ihn als Besatzungsmitglied der Salvator auswies, schien klar. Er hatte einen Arm in Marcus’ Richtung erhoben, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er wirkte nicht aggressiv. Er wollte einfach nur reden und nicht immer nur in die Gesichter anderer Leute starren, die auch nichts zu tun hatten.

»Wir flicken, was wir können«, erwiderte Marcus und sah auf den Sitzenden hinab. »Wir machen Fortschritte.« Das war nicht gelogen. Aber sie kamen furchtbar langsam voran.

»Es gab seit vier Stunden keine Durchsage mehr von der Brücke. Wir alle wüssten gerne, ob wir von hier wegkommen oder in einem Gefangenenlager der Kolonialen enden werden.«

Zustimmendes Gemurmel der anderen Geretteten hallte durch den Gang. Es klang nicht zornig, zumindest nicht nach außen hin. Stattdessen nahm Marcus frustrierte Langeweile wahr. Der Druck der Niederlage lastete auf ihnen allen. Marcus sah Margie an, die mit den Schultern zuckte. Sie waren Techniker. Was wussten sie schon?

»Captain Ark wird sich melden, wenn es etwas zu berichten gibt«, sagte Marcus mit mehr Zuversicht, als er wirklich empfand.

»Ark? Was ist das für eine?«, fragte jemand.

»Woher kommt sie?«, wollte ein zweiter wissen.

»Khalid«, sagte Marcus knapp. Keiner entgegnete etwas. Khalid war eine der ersten Kolonien Terras gewesen, ein Kerngebiet der Republik, das immer treu auf Seiten der Regierung gestanden hatte. Kein Gouverneur dort käme auf die Idee, sich gegen die rechtmäßige Verwaltung der Menschheit zu stellen, daher galten die Offiziere von dort als ebenso verlässlich. Marcus, der selbst vom Mars stammte, hatte eine etwas differenzierte Sichtweise. Auch auf Khalid gab es Widerstand. Die Republik hatte sich über Jahrzehnte angestrengt, es sich mit wirklich vielen Leuten zu verscherzen, und jetzt bekam sie dafür die Quittung präsentiert.

»Wir müssen weiter«, sagte Margie und zog Marcus am Arm. Doch er wollte die Leute hier nicht so hocken lassen. Er war zwar kein Führungsoffizier, hatte keine Autorität und musste nichts tun, aber dies hier war sein Schiff, und diese Geretteten waren ihre Gäste. An ihnen vorbeizulaufen, ohne zumindest den Versuch zu unternehmen, passende Worte zu finden, fühlte sich grundfalsch an.

»Captain Ark ist eine hervorragende Kommandantin«, sagte er so laut, dass ihn jeder verstand. »Sie hat die Proxima am Leben erhalten, während andere mit ihren Schiffen versagten. Sie hat euch alle eingesammelt, obwohl uns die Kolonialen immer noch auf den Fersen sind. Sie wird weiterhin alles tun, um uns in Sicherheit zu bringen. Wird das genügen?« Er zuckte betont mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Sie weiß es nicht. Aber es ist besser als vorher, besser, als in Druckanzügen durch das All zu treiben. Ruht euch aus. Entspannt euch. Trinkt etwas. Schlaft, wenn ihr könnt.« Er zeigte auf Margie und sich. »Wir arbeiten und tun alles, was in unserer Macht steht, um euch sicher nach Hause zu bringen. Captain Ark ist genauso. Mehr weiß ich nicht zu sagen.«

Er sah sich auffordernd um. Der Bandagierte nickte ihm zu.

»Daran zweifeln wir nicht, Kamerad. Nichts für ungut.«

Wieder ertönte Gemurmel. Diesmal klang es fast entschuldigend.

Margie zog Marcus ein zweites Mal am Ärmel. »Komm!«

Jetzt folgte er der Aufforderung. Er bemerkte ihren Blick, und vielleicht irrte er sich, aber lag darin nicht ein winziger Hauch von Bewunderung? Er wollte sich dieser Illusion gerne hingeben, denn sie belebte ihn mehr als die verdammten Pillen.

 

6

»Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben, Captain«, sagte Bonet schmeichelnd und wies auf den zweiten Sessel in seiner Kabine, den ihm sein Faktotum Miller diensteifrig besorgt hatte.

Ark schaute den Admiral fragend an, zögerte kaum merklich und nahm schließlich mit einer fast schuldbewussten Miene Platz. Bonet fand, dass sie ganz angenehm aussah. Khalid war eine warme Welt, die früh besiedelt worden war, und die Umgebung färbte sich auf den Menschenschlag ab. Die leicht gebräunte Hautfarbe und die mandelförmigen schwarzen Augen hatten etwas Attraktives, wenn man auf diesen Typ stand. Arks Körper war, wie es sich für eine Offizierin gehörte, gut trainiert, und Bonets Blick ruhte wohlgefällig auf den runden, apfelgroßen Brüsten, die sich unter der Uniform abzeichneten. Natürlich hatte er keine Chance, sich an Ark heranzumachen. Erst wenn sie im Gefangenenlager saß, gab es sicher die Möglichkeit, sich für Hafterleichterungen gewisse Dienste zu sichern. Ein durchaus erquickender Gedanke.

Abgesehen von alldem wirkte sie sehr erschöpft, hielt sich aber mit großer Selbstdisziplin aufrecht. Bonet hatte absolut kein Mitleid mit ihr.