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Das Buch handelt vom Leben in einem "Judenhaus" in den Jahren seit Hitlers Machtübernahme bis zur Deportation der jüdischen Bewohner im Zweiten Weltkrieg. Einem Haus, das im Amtsjargon jener Jahre der Zusammenlegung der Juden diente. Anders als oft angenommen, haben in den meisten "Judenhäusern" nicht nur jüdische, sondern auch nichtjüdische Familien gelebt. Jedenfalls bis zu den großen Deportationen im Sommer 1942, denen so gut wie alle Juden in diesem Land zum Opfer fielen. Die freigewordenen Wohnungen der Deportierten wurden alsbald wohnungssuchenden Nichtjuden zugewiesen. "Judenhäuser" gab es fortan nicht mehr. Die Schilderungen des Autors über das Leben in diesem "Judenhaus" vermitteln einen bleibenden Eindruck vom schrecklichen Schicksal jüdischer Bürger in unserem Land in den Hitlerjahren. Der Autor hat kürzlich vor dem Haus, von dem dieses Buch handelt, messingne Stolpersteine verlegen lassen, die Namen, Geburts- und Sterbedaten der deportierten jüdischen Bewohner ausweisen. Kleine Mahnmale auf dem Bürgersteig, die der ermordeten jüdischen Bewohner des Hauses gedenken sollen. Der Menschen, die nirgends sonst ein Grab gefunden haben. Der Autor hat zuvor bei der Verlegung von Stolpersteinen vor mehreren "Judenhäusern" Gespräche mit den heutigen Bewohnern dieser Häuser geführt, um zu erfahren, wie sie sich zur Verlegung der Stolpersteine stellen. Er schildert einige dieser Gespräche, in denen deutlich wird, dass sich nicht alle heutigen Bewohner mit diesen kleinen Mahnmalen vor ihrem Haus anfreunden können. Die Argumente, die von einigen der Angesprochenen vorgebracht wurden, irritieren, weil sie an uralte Vorbehalte gegenüber Juden erinnern. Der Autor schließt darum mit einem Exkurs über antijüdische Vorurteile.
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Seitenzahl: 348
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Nun sind also vor dem Haus, in dem ich meine Jugendjahre verbracht habe, die kleinen messingnen Stolpersteine verlegt, die der Erfinder dieser Form des Gedenkens an die jüdischen Opfer der Hitler-Barbarei, ein Kölner Künstler, in seiner Werkstatt herstellen ließ. Kleine Pflastersteine, die von diesem Mann, unterstützt von Arbeitern der Stadt verlegt worden sind. Tausende solcher Steine sind mittlerweile vielerorts in Deutschland und in anderen Ländern verlegt worden. Ich habe lange gezögert, solche winzigen Mahnmale in Auftrag zu geben, weil es durchaus verstehbare Gründe gibt, diese Art des Gedenkens abzulehnen. Am Ende hat sich bei mir der Gedanke behauptet, dass diese Steine zwar den Bewohnern des Hauses und der Nachbarhäuser, die täglich vorübergehen, im Fortgang der Zeit nichts mehr bedeuten werden, dass aber die Nachwachsenden und andere Hinzugekommene ebenso wie zufällig Vorübergehende der neugierigen Frage vielleicht nicht ausweichen werden, was es mit diesen, zuweilen in der Sonne glänzenden Messingplättchen und ihren Inschriften auf sich hat. Dass diese Passanten die Namen, die Geburts- und Sterbedaten der von Hitlers Schergen deportierten und ermordeten jüdischen Bewohner dieses Hauses zur Kenntnis nehmen, weil sie neugierig und nachdenklich sind. Mag sein, dass ich mich in diesen Erwartungen täusche. Es gab und gibt ja von alters her an einzelnen Hauswänden Hinweise darauf, dass dieser oder jener berühmte Mann dort gelebt und gewirkt hat, und solche Tafeln werden allenfalls von Fremden beachtet und meist alsbald wieder vergessen. Ich habe mich, wie gesagt, über solche Bedenken hinweggesetzt. Auch darüber, dass gleichgültige Passanten diese Mahnsteine gedankenlos betreten und beschmutzen werden. Und ich nehme den Unwillen in Kauf, den der eine oder andere Bewohner des Hauses vielleicht empfindet, der nichts von solchen Mahnmalen wissen will. Aus allerlei fragwürdigen Gründen.
Mit der von mir veranlassten Verlegung der Stolpersteine vor dem Haus, in dem ich meine Jugend verbracht habe, dem Haus, in dem ich Zeuge des Leids der einen und der Gleichgültigkeit ebenso wie der Hilfsbereitschaft der anderen Bewohner war, hat sich mir die Frage gestellt, ob es nicht Zeit sei, den Text meines vor Jahren erschienenen Buches über dieses Judenhaus für eine neue Auflage zu überarbeiten, ihn von Ballast zu befreien, vor allem aber, ihn um eine nachdenkliche Auseinandersetzung mit den in den vergangenen Jahrzehnten verfestigten Ritualen und den künftigen Weisen des öffentlichen Gedenkens an die Verbrechen des Hitlerregimes zu ergänzen. Und über Gespräche zu berichten, die ich bei der Verlegung von Stolpersteinen mit einzelnen Bewohnern der betreffenden Häuser darüber geführt habe, wie sie diese kleinen Mahnmale sehen. Diese Neuauflage hat überdies Teile eines anderen Buches über die Quellen antijüdischer Vorurteile aufgenommen, die Hitler und seine Kumpane bis ins Extrem getrieben und zum schrecklichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte veranlasst haben. Diese Gedanken über die historischen Quellen des neuzeitlichen Antisemitismus sind in einem Exkurs am Ende des Buches enthalten. Mit dem Inhalt haben sich auch der Titel und der Umfang des Buches verändert.
Auch diese Ausgabe des Buches versucht nicht, allgemeine Erklärungen, Begründungen oder Beschreibungen zur Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland während der Hitlerjahre vorzutragen. Das haben andere getan, und viele werden immer wieder auf das Neue versuchen, das Unbegreifliche begreifbar, das Unfassliche fassbar zu machen. Mir geht es indessen darum, jenen jüdischen Menschen ein kleines Denkmal in Wörtern zu setzen, die ich, ein Nichtjude mit vielen jüdischen Verwandten und Bekannten, als Kind kennengelernt und auf ihrem Weg durch die Zeit des Hitlerregimes begleitet habe. Ihrer zu gedenken, von denen allenfalls noch der Name in den amtlichen Listen der Opfer erscheint, ist die Aufgabe, die ich mir gestellt habe. Ich will den Namen, so weit es geht, ein Bild der Menschen zugesellen, die diese Namen trugen. Auch von den anderen Menschen in meiner Umgebung, den Nichtjuden, die damals Arier oder Deutschblütige genannt wurden, werde ich erzählen. Von den vielen, die weggeschaut haben. Von den wenigen, die sich, weil sie halfen, in Gefahr begeben haben. Denn bereits ein längeres, freundliches Gespräch mit dem jüdischen Nachbarn in der Öffentlichkeit: Das brauchte in den späten Hitlerjahren Mut, den nicht viele aufgebracht haben. Dieses Buch versucht auch, am Beispiel des Umfelds meiner Jugendjahre Antwort auf die Frage zu geben, was Nichtjuden und Juden in unserem Haus, in unserer Stadt über das Schicksal der deportierten Juden gewusst haben oder jedenfalls hätten wissen können. Juden, um es vorweg zu sagen, wussten nach meiner Erinnerung viel mehr, Nichtjuden viel weniger als im Alltag zu erfahren, in Zeitungen zu lesen, in der Wochenschau zu sehen oder im Radio zu hören war. Viele Nichtjuden wussten Vieles nicht, weil sie es nicht wissen wollten.
Wer waren die Juden, von denen dieses Buch berichtet? Vor allem die jüdischen Bewohner des Hauses, in dem ich die Hitlerjahre, meine Jugendzeit, verbracht habe. Des Judenhauses, wie es später genannt wurde. Alsdann meine jüdischen Verwandten, die oft Besucher des Hauses waren. Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, Menschen allesamt, die im Jargon jener Zeit in Mischehen lebten oder in Mischehen geboren waren. Voll- und Halbjuden, wie es damals hieß. Meine Juden, sozusagen. Sie sind das ernstlich erst geworden, als sie nicht mehr da waren. Nachdem sie verschwunden waren und nie wiederkamen. Als ich erfahren hatte, was ihnen widerfahren ist. Da sind sie also meine Juden geworden. Ich meine damit: Sie haben von mir Besitz genommen, haben im Haus meiner Gefühle und Gedanken Wohnung bezogen, und wenn wir uns dort zuweilen begegnen, dann spreche ich sie an, ohne freilich je eine Antwort zu finden. Starre, blasse Gesichter, die um das Leben weinen, das sie nicht haben fortführen dürfen, das ihnen genommen wurde, bloß weil sie Juden waren. Gesichter, die keinen Trost, nur Traurigkeit vermitteln. Aber, im gleichen, inneren Haus, in anderen Räumen, in der Erinnerung an meine Jugend, da leben sie noch, meine jüdischen Verwandten, die jüdischen Nachbarn und ihre Kinder, von denen vor der Hitlerzeit kaum jemand wusste, dass sie Juden waren. Das bedeutete in meiner damaligen Welt ohnehin nicht viel mehr, als dass sie, wenn überhaupt, in die Synagoge und nicht in die katholische oder evangelische Kirche gingen. In die prächtige Synagoge, die mit ihrer blauen Kuppel mitten in der Stadt stand und deren Bild einen Tupfer von ferner, fremder Kultur beifügten, weil sie anders, ganz anders aussah als die katholischen und evangelischen Kirchen. Meine jüdischen Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen freilich gingen selten oder nie in die Synagoge. Sie waren Juden im Grunde nur, weil ihre Eltern und Großeltern Juden waren und weil in ihren Papieren unter Religionszugehörigkeit stand, dass sie Juden seien. Ihre Familie lebte nachweislich seit Generationen in Hessen. Sie sprachen und verstanden außer einigen Worten, Versen und Gebeten, die sie als Kinder gelernt hatten, nicht Hebräisch und erst recht nicht Jiddisch, das Judendeutsch, das in den Gemeinden Osteuropas gesprochen wurde, als es dort noch jüdische Gemeinden gab. Meine Verwandten kannten allein die deutsche Sprache, und sie redeten in dem Dialekt, der von den einfachen Leuten in Wiesbaden gesprochen wurde. Ihr Leben unterschied sich überhaupt nicht von dem ihrer nichtjüdischen Umgebung. Darum waren sie für mich, einen Evangelischen, so viel und so wenig fremd wie die katholischen Kinder und Erwachsenen, die Teil meiner Jugendwelt waren. Ein leichter Hauch von Anderssein allenfalls, hier wie dort.
Meine jüdischen Verwandten waren einfache Leute. Menschen, die natürlich lesen und schreiben konnten, denen es aber Mühe gemacht hätte, längere Texte zu verfassen. Geschweige denn ein ganzes Buch. Das war ein weiterer Grund, dieses Buch zu schreiben. Die Autobiographien von Juden, die den Holocaust überlebt haben und die Biographien, die über Juden und jüdische Familien berichten, die der Barbarei Hitlers zum Opfer gefallen sind, handeln meist von Menschen, die dem Bürgertum angehört haben. Von Ärzten und Rechtsanwälten, Künstlern und Schriftstellern, Bankiers, Industriellen und Professoren, um nur die häufigsten Fälle zu nennen. Leicht erhalten darum die Nachgeborenen, die sich über die damalige Barbarei in unserem Land unterrichten wollen, den Eindruck, Juden in Deutschland seien allesamt gut gestellte Leute gewesen. Jedenfalls, bis Hitlers Schergen ihnen alles wegnahmen, was sie besaßen. Meinen Verwandten, über die ich berichte, wurden damals keine wertvollen Dinge weggenommen, kein Haus, kein Geld, kein Schmuck, keine Wertpapiere. Weil sie derlei gar nicht besaßen. Sie mussten nicht, wie viele andere Juden in der Stadt, proletarisiert, pauperisiert werden. Sie waren vorher schon arme Leute. Ihnen konnte man allein ihre kleine Lebenswelt und am Ende auch das Leben nehmen. Mit dem Bericht über meine Angehörigen und unsere jüdischen Nachbarn will ich dazu beitragen, das Bild von den wohlhabenden und erfolgreichen deutschen Juden ein wenig zurechtzurücken. Es gab sie, natürlich, so wie es wohlhabende Nichtjuden gab und gibt. Und sicherlich fanden sich unter den Juden damals vergleichsweise - im Verhältnis zu den Bevölkerungsanteilen - mehr Angehörige akademischer Berufe und mehr selbstständige Kaufleute als unter ihren nichtjüdischen Zeitgenossen. Es gab aber eben auch jüdische Arbeiter in unserer Stadt und in unserem Land. Wenngleich nicht viele. Das zeigt sich in einem amtlichen Verzeichnis der Berufe, die von Wiesbadener Juden damals ausgeübt wurden. Bei der Erfassung der Berufe der rund 2000 Juden, die vor Beginn des Zweiten Weltkriegs noch in unserer Stadt lebten, gaben von den Männern in der Tat nur wenige an, Arbeiter zu sein. Und unter denen, die andere Berufe genannt haben, waren ein Amtsrichter, vier Apotheker, fünfzehn Ärzte, vier Bankdirektoren, zwei Betriebsleiter, ein Bücherrevisor, vier Direktoren, zwei Fabrikanten, vier Ingenieure, ein Kommerzienrat, ein Kammergerichtsrat, ein Geheimer Regierungsrat, ein Notar, ein Oberstabsarzt, sieben Rechtsanwälte, ein Notar, ein Tierarzt, drei Zahnärzte und 192 Kaufleute. Man braucht also gar keinen Rechner zu Hilfe zu nehmen, um zu erkennen, dass der Anteil der Arbeiter unter den erwerbstätigen Wiesbadener Juden sehr klein war. Kleiner als bei den nichtjüdischen Einwohnern unserer Stadt. Dabei ist noch nicht einmal bedacht, dass unter den Juden, die zwischen 1933 und 1939 ausgewandert sind, wiederum nur wenige Arbeiter und viele Akademiker und Kaufleute waren. Was zählt: Es gab auch Arbeiter - und das heißt: arme Leute - unter den Wiesbadener Juden, darunter meine Verwandten. Sie waren freilich nicht Bewohner, sondern häufige Besucher des Hauses in der Hermannstraße.
Das Haus in der Hermannstraße
Die jüdischen Eigentümer des Hauses waren keine Arbeiter, sondern Kaufleute, denen es gut ging, bis die Nazis ihnen alles wegnahmen, was sie besaßen. Die einen wie die anderen, die jüdischen Arbeiter und die jüdischen Kaufleute, die nicht rechtzeitig geflohen waren, mussten die Züge besteigen, die sie im Sommer 1942 zu den Gaskammern und Ghettos im „Osten“ fuhren. Menschen, die, wie es damals beschwichtigend hieß, „umgesiedelt“, die „evakuiert“ wurden. Umsiedlung und Evakuierung waren damals geläufige Ausdrücke, weil Millionen Menschen in Hitlers Europa tatsächlich umgesiedelt, evakuiert worden sind. Ich denke an die Millionen Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen, die kreuz und quer durch Europa verschleppt wurden. Oder an die ausgebombten Frauen und Kinder der Städte, die in ferne Dörfer verbracht wurden, die kaum Ziel von Luftangriffen waren. Der Unterschied war freilich, dass alle diese anderen Transporte nicht in Mordfabriken im Osten Europas endeten.
Darüber also will ich berichten: Über das Leben von Juden und Nichtjuden in dem Haus, in dem ich meine Jugendjahre verbrachte. Dieses Haus war - wie viele anderen in unserer Stadt - in den Kriegsjahren in den Unterlagen der Geheimen Staatspolizei und des Wohnungsamtes als ein Haus aufgeführt, das der „Zusammenlegung von Juden“ diente. Als Haus, in dem der Eigentümer oder die Eigentümerin Jude war und in dem in freigewordenen Wohnraum vom Wohnungsamt nur noch jüdische Familien und Einzelpersonen eingewiesen wurden, sodass sich der Anteil der Juden an den Hausbewohnern erhöhte. Im Grenzfall wohnten nur noch jüdische Familien und Einzelpersonen im Hause. In unserem Haus ist dieser Fall nicht eingetreten. Jüdische und nichtjüdische Familien haben bis zum bitteren Ende, der Deportation aller jüdischen Bewohner, einvernehmlich miteinander gelebt. Der Ausdruck „Judenhaus“ taucht in amtlichen Dokumenten nicht auf. Dort ist, wie gesagt, von Häusern die Rede, die der Zusammenlegung der Juden dienen. Judenhaus ist ein Name, den die betroffenen Juden damals diesen Zwangsunterkünften gegeben haben.
In den Jahren seit der Veröffentlichung der Erstausgabe dieses Buches hat sich im öffentlichen Umgang mit den geschilderten, schrecklichen Ereignissen mancherlei verändert. Im Stadtzentrum wurde nun am Standort der in der Pogromnacht im November 1938 zerstörten Synagoge ein großes Mahnmal mit den Namen, den Geburts- und Sterbedaten der ermordeten jüdischen Bürger dieser Stadt errichtet. Ein Ort, an dem Jahr für Jahr am Abend des 9. November der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde, der Oberbürgermeister und andere staatliche und kirchliche Würdenträger samt vielen Besuchern der Veranstaltung jener schrecklichen Ereignisse gedenken, von denen auch dieses Buch berichtet. Und wer dieser Tage mit offenen Augen durch die Stadt geht, trifft immer wieder auf die kleinen messingnen Platten, auf die Stolpersteine, die deutlicher und direkter als das Namensband an dem wuchtigen Mahnmal an einzelne Opfer der Barbarei erinnern. Mehr als tausend solcher kleinen Mahnmale kann ein rüstiger Suchender anhand eines im Internet verfügbaren Plans leicht bei einem Rundgang in unserer Stadt und ihrer Umgebung entdecken. Darunter auch die Stolpersteine, die ich vor dem Haus habe verlegen lassen, von dem in diesem Buch die Rede ist. Hinzu kommen, verstreut über das ganze Jahr, mancherlei Initiativen, die die Schrecknisse der Hitlerjahre in Erinnerung rufen. Vor allem das Auftreten von Zeitzeugen, die in Schulen und anderswo über ihre Erlebnisse in der Hitlerzeit berichten. Zeitzeugen, deren Zahl im Fortgang der Zeit naturgemäß schwindet. Es werden aber andererseits die Stimmen jener laut, die ein Ende des öffentlichen Erinnerns, die kollektives Vergessen und Verdrängen, die einen Schlussstrich verlangen. Dieses Ansinnen veranlasst mich angesichts der unfasslichen Verbrechen, um die es geht, zum entschiedenen Widerspruch. Zwar trägt kein Einzelner unter den Nachgeborenen persönliche Schuld an den Verbrechen des Hitlerregimes, es gibt nichts, was man ihm in diesem Kontext vorwerfen könnte, aber der Blick auf die Vergangenheit des eigenen Volkes darf gleichwohl jene schreckliche Spanne seiner Geschichte nicht auslassen, nicht verdrängen. Freilich sind nicht sinnleere, wiederkehrende Rituale, sondern offene Herzen geboten. Als ob die Ermordeten unsere Altvorderen, als ob sie enge Verwandte von uns allen gewesen wären.
Dieses Buch schildert die Menschen, die im Text eine Rolle spielen, nurmehr in groben Strichen. Das Buch berichtet allein von ihrem Schicksal in Hitlers fremder, grausamer Welt. Es bleibt Sache des Lesers, sich ein lebendiges Bild der im Buch erwähnten Menschen zu machen. Der Opfer, der Täter und der vielen anderen, die weder Opfer noch Täter waren.
Wiesbaden, am 31. Oktober 2016
Willy Rink
Nachbemerkung. Ich hätte gerne auch für die Familie Strauss, ein älteres Ehepaar, das vor den Deportationen in unser Haus eingewiesen worden ist, Stolpersteine verlegen lassen. Diese Menschen wurden im späten Sommer 1942 nach Theresienstadt deportiert, und sie haben in dieser Schreckensstätte nur kurze Zeit überlebt. Nach den vom Erfinder und Hersteller der Stolpersteine gesetzten Vorgaben war es aber nicht möglich, für diese Menschen Stolpersteine vor unserem Haus zu verlegen, weil dieses Haus nicht ihre letzte freiwillig gewählte Wohnstätte war. Weil sie in das „Judenhaus“ eingewiesen worden sind. Das gilt auch für Zerline, Helga und Karl-Heinz Löwenberg, jüdische Verwandte, die in ein „Judenhaus“ am Stadtrand eingewiesen worden sind. Auch vor diesem Haus können aus gleichem Grund bislang keine Stolpersteine verlegt werden.
Meine Familie zog Mitte 1934 in das Haus in der Hermannstraße. Es war ein Umzug innerhalb des gleichen Stadtviertels von Wiesbaden, des Westends, wie man diesen Teil der Stadt nannte und nennt. Damals war ich acht Jahre alt und brauchte wegen des Umzugs die Schule und damit die Schulfreunde nicht zu wechseln. Nur der Schulweg war um ein beträchtliches Stück länger geworden. In den Hauptstraßen des Westends wohnten damals die Inhaber der zahlreichen Geschäfte und besserverdienende Angestellte und Beamte, während in den Nebenstraßen, in schmaleren und niedrigeren Häusern, Arbeiter, kleine Angestellte, einfache Beamte und kleine Handwerker Wohnung und Werkstatt gefunden hatten. Dieses Stadtviertel war, wie andere, in der Kaiserzeit entstanden, einer Epoche raschen wirtschaftlichen Wandels. Damals mussten für die wachsende Zahl von Arbeitern und Angestellten rasch Wohnraum, Schulen, Ämter und Läden geschaffen werden. Dafür war in der Altstadt kein Platz. Neben die Kellner, Köche und Zimmermädchen, die in den Hotels und Restaurants des Kurviertels arbeiteten und die kleinen Häuser der Altstadt bewohnten, traten so Zehntausende Fabrikarbeiter und Büroangestellte in den neuen Stadtvierteln, die, Felder und Gärten verschlingend, immer weiter nach draußen, den Vororten entgegen wuchsen. So jedenfalls hat man uns damals in der Schule, in Heimatkunde, die Verwandlung der kleinen Kur- und Bäderstadt Wiesbaden in eine moderne Großstadt erklärt. Im Westend war damals von der Weltkurstadt, als die Wiesbaden sich auf Plakaten, in Prospekten und in den örtlichen Zeitungen darzustellen versuchte, nichts zu bemerken. Es war und ist auch heute noch die Lebenswelt kleiner Leute und der Geschäfte, deren Kunden sie waren und sind. Das Kurviertel mit dem Kurhaus, der Spielbank, dem Kurpark, mit seinen Badehäusern, Hotels, Restaurants, Cafés, Grünanlagen, Kutschen und Reitwegen und die benachbarten Villenviertel waren damals ein Teil der Stadt, den die Bewohner des Westends allenfalls auf Sonntagsspaziergängen zu Gesicht bekamen. Die meisten dieser noblen Etablissements sind mittlerweile verschwunden. An ihre Stelle sind feine Boutiquen und andere Geschäfte getreten, die teures Porzellan, Orientteppiche, Schmuck, Pelze, Parfums, Designermode und andere aufwändige Waren anbieten, deren Käufer nicht mehr noble Kurgäste, sondern gutgestellte Einwohner der Stadt und des Umlandes sind. Aber es gilt immer noch, dass an Sonn- und Feiertagen viele Leute aus dem Westend, Ausländer meist oder Menschen ausländischer Herkunft, mit ihren Kindern auf der Wilhelmstraße von Schaufenster zu Schaufenster schlendern und die teuren Auslagen bestaunen. Dinge, die sie sich vermutlich nie werden kaufen können.
Die Hermannstraße, in der wir nun wohnten, war eine kleine Nebenstraße des Bismarckrings, einer breiten Allee, in deren Mitte eine doppelte Platanenreihe samt gepflastertem Gehweg die Fahrspuren beider Richtungen trennte, auf denen sich in den dreißiger Jahren viele Last- und wenige Personenwagen, Straßenbahnen, Pferdegespanne, Handwagen und Fahrräder bewegten. Hier, nicht in den Nebenstraßen, befanden sich die größeren Geschäfte des Westends, die Apotheken und Drogerien, die Bank- und Postfilialen, Konditoreien und Feinkostgeschäfte, die Friseursalons und Blumenläden. Neben den Hauseingängen mit den messingnen Türklinken und Klingelknöpfen fanden sich die Schilder von Rechtsanwälten, Ärzten, Zahnärzten, Bücherrevisoren und anderen Angehörigen freier Berufe. Darunter bis 1933 viele jüdische Namen. Bescheiden, um nicht zu sagen ärmlich, boten sich im Vergleich dazu damals die Nebenstraßen dar, die Wellritz-, Walram-, Hellmund-, Helenen- und Frankenstraße - um nur einige benachbarte Straßen zu nennen. Fünfzehn Häuser auf jeder Seite bildeten die Hermannstraße, jedes drei oder vier Stockwerke hoch, manche mit roten Backsteinfassaden, Vorder- und Hinterhäusern, mit Höfen dazwischen, auf denen Fuhrwerke und Fahrräder abgestellt wurden. Manchmal fand sich im Hof ein gemauerter oder aus Wellblech gefertigter Schuppen, in dem kleine Handwerksbetriebe oder deren Lager untergebracht waren. Eine Bäckerei, eine Metzgerei und ein Kramladen, allesamt klein und unansehnlich, besetzten die Straßenecken, dazwischen eine Schuhmacherei, eine Kohlenhandlung und eine Pferdemetzgerei, die freilich bald und für immer geschlossen wurde, weil die Kunden ausblieben. Ganz deutlich sehe ich noch den Bäckermeister Gerbig, seinen Laden, in dem seine Frau Brot, Brötchen und süßes Gebäck verkaufte und die Backstube, in der die Hausfrauen vor Festtagen ihre Kuchenbleche abgaben, die sie unter den Armen oder auf dem Kopf herbeitrugen und später wieder abholten. Ich sehe die Metzgerei Wolf, in der ich als kleiner Junge nachmittags, mit einem Notizzettel in der Hand, in den das Geld eingewickelt war, Wurst oder Fleisch kaufte, am Ende immer von Frau Wolf mit einer Scheibe Fleischwurst belohnt. Auch den Kramladen Nattermann, in dem es an Dingen des täglichen oder gelegentlichen Bedarfs ungefähr alles gab, was man anderswo in der Nähe nicht kaufen konnte. Der Laden war vollgestopft mit Bürsten, Besen, Eimern, Tüten, Büchsen, Flaschen, Kartons und Schachteln. In der kleinen Öffnung zwischen all diesen Dingen, die teils auf dem Boden oder auf der Theke standen, teils von der Decke hingen, schaute Herr Nattermann oder seine Frau wie aus einem Bilderrahmen den Kunden entgegen, die den Laden betraten und die beide fast alle beim Namen kannten. Nie mehr später, weder im Inland noch im Ausland, habe ich einen so skurrilen Laden gesehen. Auch nicht in mancherlei pittoresken Bazaren. Dann: Der Tabakladen Bergmann, in dem ich für meinen Adoptivvater jeden Samstag Zigarettentabak der Marke „Wie immer“ und Zigarettenpapier der Marke „Job“ holte. Das musste seine Sucht für eine Woche stillen. Die Schuhmacherei Beilstein, die mir darum in guter Erinnerung ist, weil es Herrn Beilstein, einem „Arier“, eines Tages verboten wurde, jüdischen Kunden, die er seit Jahren kannte, weiterhin die Schuhe zu reparieren. So ging es auch dem Friseur Eckert, der seinen jüdischen Kunden nicht mehr Bart und Haare schneiden durfte. Unsere jüdischen Hausbewohner, die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss, mussten von da an weite Wege gehen, um ihre Schuhe bei einem jüdischen Schuhmacher reparieren zu lassen. Oder die Haare schneiden oder ondulieren zu lassen. Das galt auch für unsere jüdischen Verwandten, die anderswo in der Stadt wohnten. Im Haus nebenan verkaufte die Kohlenhandlung Nemnich Brennholz, Kohle, Koks und Briketts, die den Kunden, die nicht mit dem Handwagen vorfuhren, mit dem Pferdegespann ins Haus geliefert wurden. Bleibt der Pferdemetzger Landau, ein Cousin meiner jüdischen Onkel und Tanten, der Mitte der dreißiger Jahre vergeblich versuchte, Kunden für sein Pferdefleisch, die Pferdewurst und das in kleine Flaschen abgefüllte Kammfett zu finden, das bei einfachen Leuten im Rufe stand, dem Haarausfall entgegenzuwirken. Es gab aber offenkundig in unserer Gegend nicht viele Leute, die Pferdefleisch, Pferdewurst und Pferdefett schätzten. Darum wurde diese Metzgerei bald wieder geschlossen. Das also waren die Läden in der Hermannstraße, an die ich mich erinnern kann.
Das Haus, von dem in diesem Bericht die Rede ist, unterschied sich allenfalls in Kleinigkeiten von den Nachbargebäuden und denen auf der anderen Straßenseite. Vielleicht fünfzehn Meter breit, vier Stockwerke hoch das Vorderhaus, eine breite Toreinfahrt, die zum Hof und zum Hinterhaus führte und der Eingang zum Treppenhaus des Vorderhauses. Schließlich der Hof mit der Treppe zum Hinterhaus mit seinen drei Stockwerken. Zwanzig Wohnungen insgesamt, acht im Vorderhaus, die übrigen im Hinterhaus. Erbaut vielleicht um 1880. Jedenfalls fanden sich entsprechende Angaben auf manchen der anderen Häuser in der gleichen Straße. Alles ein bisschen verwittert, abgenutzt, brüchig und rissig. Das also war das Haus, in dem wir elf Jahre lang wohnen würden, elf Jahre, in denen Hitler und seine Kumpane die Welt und dabei auch das Leben in diesem Haus auf schreckliche Weise verändern sollten. Das Haus, in dem - obwohl es von den Behörden für die Unterbringung von Juden ausgewiesen war - bis zur Deportation seiner jüdischen Bewohner im Sommer 1942 immer auch nichtjüdische Familien gewohnt haben.
Durch das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30. April 1939 wurden Juden als Eigentümer oder anderweitig Nutzungsberechtigte eines Hauses verpflichtet, auf Verlangen des städtischen Wohnungsamtes Juden als Mieter oder Untermieter aufzunehmen, wenn Wohnungen oder Räume im Haus frei geworden waren. Umgekehrt verloren Juden als Mieter von Wohnungen oder Räumen in einem Haus, dessen Eigentümer Nichtjude war, jeglichen Kündigungsschutz. Das städtische Wohnungsamt konnte Juden auf der Grundlage dieses Gesetzes in eine frei gewordene Wohnung oder Teilwohnung in einem Haus mit jüdischem Eigentümer einweisen und die Miete für solche Wohnungen oder Räume festlegen. So wurden die Ackermanns als Eigentümer des Hauses, in dem wir damals wohnten, gezwungen, freigewordene Wohnungen an andere, vom Wohnungsamt benannte Juden zu vermieten und gleicherweise Juden als Untermieter in ihrer Wohnung aufzunehmen. Die Löwensteins und die Strauss wurden als Mieter ihrer Wohnung ebenfalls verpflichtet, auf Weisung des Wohnungsamtes Juden als Untermieter aufzunehmen. Auf diese Weise stieg die Zahl der jüdischen Bewohner bis zu den Deportationen im Sommer 1942 von zwei auf elf Personen, die in drei Wohnungen im Vorderhaus als Mieter und Untermieter lebten. Zwischenzeitig stieg und sank die Zahl der vom Wohnungsamt als Untermieter eingewiesenen Juden, weil jüdische Familien und Einzelpersonen nicht nur eingewiesen, sondern auch in andere „Judenhäuser“ umquartiert wurden. Das Hinterhaus blieb von diesen Veränderungen in der Belegung einzelner Wohnungen unberührt, weil keine der eingesessenen Familien Anlass hatte, die Wohnung zu wechseln.
Gleichzeitig wurden Häuser mit jüdischem Eigentümer für die Zusammenlegung der Juden in Wiesbaden ausgewählt. Für das Stadtgebiet Wiesbaden wurden Anfang des Krieges über vierzig solche „Judenhäuser“ bestimmt, die nach dem Willen der Partei einer Quasi-Ghettoisierung der Wiesbadener Juden dienen sollten. Darunter auch das Haus in der Hermannstraße, in dem wir wohnten. Absicht war, „Arier“ und „Nichtarier“ zu trennen und die Kontrolle über die jüdische Bevölkerung und die künftige Verlegung in Judenreservate zu erleichtern. Den ursprünglichen Gedanken, den Juden innerhalb der deutschen Gemeinden geschlossene Gebiete zuzuweisen, also in Deutschland wieder Ghettos einzurichten, hatte man fallengelassen. Es blieb bei den Klein-Ghettos der „Judenhäuser“. Auch deren Einrichtung hat jüdische und nichtjüdische Bewohner in den meisten Fällen nicht völlig getrennt, weil Juden immer nur eingewiesen wurden, wenn Nichtjuden fortzogen und so eine Wohnung frei wurde. Nichtjuden konnten, ganz gleich, ob der Eigentümer des Hauses Jude oder Nichtjude war, vom Wohnungsamt nicht gezwungen werden, in eine andere Wohnung umzuziehen. Sie wurden erst im Krieg, nach den verheerenden Bombenangriffen, gezwungen, ausgebombte Untermieter in ihre Wohnungen aufzunehmen. Da Juden nurmehr Anspruch auf wenige Quadratmeter Wohnraum je Person zugestanden wurde, mussten die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss nach 1939 jeweils jüdische Untermieter aufnehmen, die freilich nicht lange blieben.
In mehreren Fällen wurde damals allein das Vorder- oder Hinterhaus mit jüdischen Mietern und Untermietern belegt. So in der Ludwigstraße 3, in der alle Wohnungen des Hinterhauses mit jüdischen Familien und Einzelpersonen, Mietern und Untermietern, belegt war, mit Menschen, die allesamt am 10. Juni 1942 deportiert worden sind. Im Vorderhaus wohnten dort ausschließlich nichtjüdische Familien. Hier konnte man also, auf das Hinterhaus bezogen, von einem wirklichen „Judenhaus“ sprechen, von einem Haus, in dem ausschließlich Juden wohnten. Überdies mag es in Wiesbaden einige weitere, kleinere Häuser gegeben haben, in denen im Sommer 1942 ausschließlich Juden gewohnt haben. Das waren dann aber keine „Judenhäuser“ in der Bedeutung, dass dort vom Wohnungsamt Juden zwangsweise zusammengeführt worden wären. Oft sind vom jüdischen Eigentümer Verwandte aufgenommen worden, die ihre bisherige Wohnung verloren hatten und den Schutz und die Hilfe vertrauter Menschen suchten.
Es ist also, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bis zum Sommer 1942 nicht gelungen, in den für die Zusammenlegung der Juden in unserer Stadt ausgewählten Häusern die Mehrheit der Wohnungen mit jüdischen Familien und Einzelpersonen zu belegen, also die geplante Ghettoisierung zuwege zu bringen. Juden und Nichtjuden haben in den meisten Fällen bis zum schaurigen Ende zusammengelebt. Die Deportationslisten zeigen klar, dass die Wiesbadener Juden über die ganze Stadt verstreut gelebt haben. Der geringe Erfolg des Versuchs, die Wiesbadener Juden in wenigen Häusern zusamenzuführen und so unter Kontrolle zu bringen, erklärt sich ganz einfach daraus, dass das Wohnungsamt jüdische Familien und Einzelpersonen nur dann in freigewordene Wohnungen einweisen konnte, die bislang von Nichtjuden, von „Deutschblütigen“ bewohnt waren, wenn diese freiwillig auszogen. Dazu aber hatten die meisten nichtjüdischen Bewohner damals, im Krieg, keinen Grund. Die Familienväter waren als Soldaten im Feld, die Frauen waren dienstverpflichtet, ein Wohnungswechsel war wegen der strikten Bewirtschaftung aller Wohnungen schwer zu bewerkstelligen. Das Wohnungsamt konnte keinen nichtjüdischen Mieter zwingen, die Wohnung zu wechseln. Es war allenfalls möglich, ihm nichtjüdische Untermieter aufzunötigen, denn das Zusammenleben mit Juden galt nach Lesart der Partei als unzumutbar. In unserem Haus ist in den Kriegsjahren kein Nichtjude aus- oder eingezogen. Wechsel ergaben sich bis zu den Deportationen im Sommer 1942 allein bei den jüdischen Bewohnern des Vorderhauses. Und bei den Steins und Grabners, die im Herbst 1942 vom Hinterhaus in die von den Ackermanns und den Löwensteins verlassenen Wohnungen im Vorderhaus umgezogen sind und sich in deren Möbeln und mit deren Hausrat eingerichtet haben.
Eigentümerin des Hauses war Klara Schaffer, eine Textilkauffrau, Weißwarenhändlerin, wie sie ihren Beruf bezeichnete, eine Frau in mittleren Jahren, die im Vorderhaus wohnte. Dass die Vermieterin der Jüdischen Gemeinde angehörte, wussten wir aus dem vorangegangenen Gespräch über Miete und Mietbedingungen. Dabei hat sie uns auf unsere jüdischen Verwandten, die Löwenbergs, angesprochen, die sie kannte. Sie war eine kleine, schmale, unauffällige Person mit dunklen Augen und Haaren, eine Geschäftsfrau, die wenig von sich her machte. Einfache Kostüme, weiße Blusen, Pumps mit mittelhohen Absätzen, gescheitelte, dunkle Dauerwellen. Sie war polnische Jüdin, Mitte der zwanziger Jahren eingewandert und sprach immer noch mit leichtem, aber deutlichem polnischen Akzent. Aber das war schwer festzustellen, weil sie kaum mit den anderen Hausbewohnern sprach. Sie war selten auf der Straße zu sehen, obwohl dem in den ersten Jahren des Hitlerregimes nichts im Wege stand. Sie betrieb den Weißwarenhandel in ihrer Wohnung, und die Kunden gingen täglich ein und aus, bis ihr diese Tätigkeit von den Behörden untersagt wurde. Sie hatte als einzige im Haus ein Telefon. Jedenfalls solange Juden Telefone besitzen durften. Klara Schaffer - in ihrer Familie und bei ihren Freunden hieß sie Cilly - heiratete 1938 einen jüngeren Mann, Arthur Ackermann, ein durch das Berufsverbot des Hitlerregimes arbeitslos gewordener Angehöriger der Jüdischen Gemeinde, um die Jahrhundertwende in Holzhausen im Taunus als Spross einer jüdischen Familie geboren, die seit Generationen in Deutschland lebte. Das hat er jedenfalls meiner Mutter in einem gelegentlichen Gespräch erzählt. Aber über seinen Beruf hat er nicht gesprochen. Jetzt freilich war er arbeitslos. Auch für ihn galt, dass es keinen besonderen Grund gab, sich nach ihm umzusehen, wenn man ihm auf der Straße oder im Haus begegnete. Ich will damit sagen: Beide Ackermanns waren unauffällige und bescheidene Menschen. Ohne Dünkel den kleinen Leuten gegenüber, die ihre Mieter waren. Höflich, aber immer ein wenig reserviert, bedächtig, zögerlich. Ich habe sie in den wenigen Jahren, die ihnen bleiben würden, nie richtig lachen gesehen und gehört. Aber es war ja auch eine Zeit, in der Juden in Deutschland nichts zu lachen hatten. Und wer wusste schon, wie sie sich verhalten hätten, wenn sie damals ein normales Leben hätten führen dürfen. Und wie sie sich bei Freunden, bei vertrauten Menschen gaben. Ihr Kontakt zu den anderen Bewohnern des Hauses beschränkte sich damals, von gelegentlichem Treffen und Grüßen, von seltenen und im Lauf der Zeit immer selteneren kleinen Gesprächen auf der Straße, im Hausflur oder im Hof abgesehen, darauf, dass die Mieter oder eines ihrer Kinder einmal im Monat mit dem Mietbuch und dem Mietgeld in der Hand vorbeikamen und mit der Empfangsbestätigung im Mietbuch und freundlichen Grüßen versehen die Wohnung der Ackermanns wieder verließen. An Samstagen freilich, am Sabbat, waren solche Besuche nicht erwünscht. Später haben es einige Leute im Haus darauf angelegt, die Vermieter zu brüskieren, indem sie ihre Kinder am Samstag zu Ackermanns schickten, um die Miete zu zahlen. Ohne Erfolg, denn Ackermanns waren fromme Leute, und sie haben das angebotene Geld natürlich abgelehnt und auf einen anderen Tag verwiesen.
Die Kinder im Haus trafen Herrn Ackermann, solange er seine Wohnung noch verließ, beinahe jeden Tag, wenn er nämlich, die Schirmmütze auf dem Kopf und meist in schottisch gemusterten Knickerbockers und Pullovern mit gewürfeltem Muster in den Hof kam und sie, durch seine dicken Brillengläser streng dreinblickend, in ruhigem, aber bestimmtem Ton aufforderte, bei ihren Spielen nicht so laut zu sein oder auf die Straße zu gehen, wenn sie unbedingt laut sein wollten. Darauf verzichtete er erst, als ihm einige Kinder „Jud, Jud, Jud“ entgegen riefen, wenn er auf dem Hof oder in der Toreinfahrt erschien. Die Eltern hatten das ihren Kindern offenbar nicht verboten. Oder sie haben nicht gewusst, was ihre Kinder treiben.
Im November 1938 wurde eine Wohnung im Vorderhaus frei, in die Hermann und Selma Löwenstein und ihre Tochter Ilse einzogen. Im September 1939 zogen dann Liebmann und Karoline Strauss in eine kleine, im Vorderhaus freigewordene Wohnung ein. Beide Familien mussten ihre vorige Wohnung verlassen und in unser „Judenhaus“ umziehen. Nun lebten also schon drei jüdische Familien im Haus. Die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss mussten, wie bereits erwähnt, später weitere Juden in ihre Drei-Zimmer-Wohnungen aufnehmen. Alle diese jüdischen Bewohner des Hauses wurden 1942 in zwei Schüben deportiert. Klara und Arthur Ackermann, Hermann, Selma und Ilse Löwenstein und ihre Untermieter am 10. Juni 1942 nach Sobíbor in Polen, Liebmann und Karoline Strauss und ihre Untermieter am 1. September 1942 nach Theresienstadt. Sie sind alle umgebracht worden. Die einen in Sobíbor, die anderen in Theresienstadt und Auschwitz. Dieses Buch schildert allerdings nur die Deportation am 10. Juni 1942, weil ihr unsere jüdischen Angehörigen, die Löwenbergs, und die jüdischen Nachbarn im Haus, die Ackermanns und Löwensteins unterworfen waren.
Im Vorderhaus wohnten, als wir damals einzogen, wie überall in dieser Gegend, kleine Angestellte, Beamte und Pensionäre. Das waren neben den Hauseigentümern und den jüdischen Familien, die ich bereits genannt habe, nach meiner Erinnerung: Jakob Igstein, ein älterer Stadtangestellter; Anton Kleinwerk, Angestellter einer lokalen Bierbrauerei; Christian Jude, ein Bankangestellter, der ungeachtet seines Namens kein Jude war; Franz Kircher, ein Postbeamter, dessen Gesicht ich manchmal durch die kleine Schalterluke im nahen Postamt sah, wenn ich nach langem Schlangestehen Briefmarken oder Postkarten holte; Paul Maier, ein Pensionär, von dem ich weiter nichts wusste, weil er selten zu sehen war; Wilhelm Meyer, der Schreinermeister, der seine Werkstatt anderswo hatte und Karl März, ein Kellner oder, wie sein Sohn Kurt betonte, Oberkellner, der in einem der feinen Restaurants im Kurviertel arbeitete. Zu diesen männlichen Bewohnern gehörten natürlich auch ihre Frauen und Kinder. Hinzu kamen weitere, wechselnde Mieter. Alles Leute, die, wie man heute sagen würde, der unteren Mittelschicht angehörten. Kleinbürger, die erkennbar darauf bedacht waren, nicht als Arbeiter wahrgenommen zu werden. Ich habe diese Menschen nur selten gesehen, weiß auch so gut wie garnichts von ihnen.
Arbeiterfamilien lebten nicht im Vorder-, sondern im Hinterhaus. Sie konnten sich die höheren Vorderhausmieten nicht leisten. Acht Zwei-Zimmer-Wohnungen mit Küche und kleinem Flur, deren Toiletten sich nicht wie im Vorderhaus in den Wohnungen befanden, sondern um eine halbe Etage versetzt, außerhalb der Wohnungen. Außerdem, in der Mitte jedes Stockwerks, Ein-Zimmer-Wohnungen, deren Mieter die Toiletten ihrer Nachbarn mitbenutzen mussten. Damals wohnten nach meiner Erinnerung im Hinterhaus: Im Parterre Philipp Herz, der meinem Adoptivvater bald nach unserem Einzug bei einem Gespräch im Treppenhaus erzählte, dass er vor 1933 in der Kommunistischen Partei aktiv gewesen sei und jetzt, nach langer Arbeitslosigkeit, Arbeit als Kranführer gefunden habe. Philipp Herz ist später wegen kommunistischer Umtriebe für Jahre im Zuchthaus gelandet und als schwerkranker Mann zurückgekehrt. Im ersten Stock wohnte nun meine Familie. Das heißt: Mein Adoptivvater, ein Elektroingenieur um die dreißig, der damals in seinem Beruf keine Arbeit fand und ein bißchen Geld mit dem Vertrieb kleiner Radioapparate verdiente, die er aus gekauften Teilen zusammenbaute. Und natürlich meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich. In der Wohnung gegenüber: Hermann Grabner, ein Maurer, um die vierzig Jahre alt, mit seiner Frau und seinen zwei Kindern Walter und Annemarie. In der kleinen Wohnung im gleichen Stock lebte Johanna Scharf, eine Hausangestellte um die dreißig. Sie hatte einen Sohn in meinem Alter, Roland Scharf. Sein leiblicher Vater war ein englischer Besatzungssoldat, der in seine Heimat zurückgekehrt war. Wiesbaden war nämlich, wie ich später in der Schule lernte, nach dem Versailler Vertrag als rechtsrheinischer Brückenkopf zunächst von englischen, dann von französischen Truppen besetzt, und ich erinnere mich, obwohl damals erst drei oder vier Jahre alt, genau an die kleinen Kolonnen nordafrikanischer französischer Soldaten, die täglich mit aufgepflanztem Bajonett durch die Stadt marschierten. Aber das war nun schon einige Jahre her, denn die Besetzung endete vorzeitig im Jahre 1930. Im zweiten Stock wohnte Kurt Stein mit seiner Frau und drei Kindern, der einzige Mann im Hinterhaus, der Mitglied der Partei und der SS geworden war. Mitunter polterte er in seinen hohen, glänzenden schwarzen Stiefeln und seiner schwarzen SS-Uniform die Treppe herunter oder hinauf. Ich kann nicht mehr sagen, welchem Beruf er nachging. Ebenfalls im zweiten Stock wohnte Josef Rheinheimer mit seiner Frau, ein kleiner, älterer, schnauzbärtiger Rentner, der oft mit seinem Handwagen in den Stadtwald fuhr und Brennholz sammelte. Der Handwagen, ein zweirädriges, hölzernes und wackeliges Gefährt, erlangte im Krieg allgemeine Wertschätzung im Hinterhaus, weil er den Frauen und Kindern unentbehrlich war, wenn es darum ging, Briketts, Kohlen, Brennholz oder Kartoffeln zur Einkellerung herbeizuschaffen. Im dritten, im Dachstock wohnte Paul Reusch mit seiner Frau, ein junger Arbeiter und im gleichen Stock Andreas Schwab mit Frau und drei Kindern, ein Kraftfahrer mit wechselnder Arbeitsstelle, wie er meiner Mutter bei einem Schwatz im Treppenhaus erzählte. Allesamt also Arbeiter mit ihren Familien. Außer Josef Rheinheimer und seiner Frau, die beide älter waren, durchweg Männer und Frauen zwischen dreißig und vierzig Jahren mit ihren zwei oder drei kleinen Kindern.
Die Erwachsenen sind mir zwar allesamt noch deutlich vor Augen, aber es waren und blieben für mich fremde Menschen, mit denen ich selten mehr als ein Grußwort wechselte. Ich erinnere mich nicht, in den elf Jahren, während derer wir dort wohnten, je eine dieser fremden Wohnungen betreten zu haben. Weiter als bis zu den Türen oder in den Flur bin ich nie gelangt. Ihre Wohnungen werden wohl nicht viel anders ausgesehen haben als die unsere: Ein kleiner Flur, Wohnküche, Schlaf- und Wohnzimmer, wobei die Kinderbetten, wie ich von den Spielgefährten aus dem Haus erfuhr, teils im Elternschlafzimmer, teils im Wohnzimmer standen. Sehr beengt also lebten die Bewohner des Hinterhauses.
Ein Hof mit den Mülltonnen, einer Teppichstange und einem kümmerlichen Rasenstück, auf dem eine Frauenfigur aus Gips stand, die ein kunstsinniger Mensch dort auf- oder abgestellt haben mag, trennte Vorder- und Hinterhaus. Zwischen beiden Gebäuden waren in allen Stockwerken Wäscheleinen gezogen, die teils den Vorder-, teils den Hinterhausmietern gehörten, und an der Wäsche auf der einen oder anderen Leine konnte man erkennen, wer gerade Waschtag hatte. Waschtag, das hieß für die Frauen, die keine Hausgehilfin hatten, also für fast alle, schwere Arbeit in der Waschküche im Kellergeschoß, die man über eine Treppe im Hof erreichte. Schwere Arbeit, weil der Waschkessel mit hergeschafftem Holz und Briketts geheizt, die Wäsche heruntergeschleppt, in der heißen, vom Waschmittel und Schmutz getrübten Brühe gerührt, auf dem Waschbrett geschrubbt und nass in schweren Körben über die steilen Treppen in die Wohnung getragen und auf die Leinen gehängt werden musste. Der Waschtag wurde erst nach dem Krieg abgeschafft, weil die meisten Bewohner nun eigene Waschmaschinen hatten.
Die Bewohner des Vorderhauses hatten ihren Kindern verboten, mit den Hinterhauskindern zu spielen. Wenn diese im Hof herumtobten, dann dauerte es nicht lange, bis aus einem der Fenster im Vorderhaus verärgert Ruhe befohlen wurde. Ansonsten sahen wir Hinterhauskinder die Frauen aus dem Vorderhaus, wenn sie den Musikanten, die damals Tag für Tag auf den Höfen mit oder ohne Akkordeon oder Violine geläufige Melodien sangen und spielten, einige Pfennigmünzen, in Zeitungspapier eingewickelt, herunterwarfen. Diese musikalische Art des Erwerbs wurde übrigens bald als Bettelei verboten. So wie Vieles, am Ende Alles verboten und bestraft wurde, was Hitlers Kumpanen nicht passte.
Die erwachsenen Bewohner des Hinterhauses sprachen einander mit Du an, die des Vorderhauses blieben beim Sie. Die Männer und Frauen des Hinterhauses machten, wenn sie sich im Hausflur oder auf dem Hof begegneten, zu einem Schwatz halt, sofern sie es nicht gerade eilig hatten oder nicht gut aufeinander zu sprechen waren. Auch das gab es, wenngleich selten. Die Frauen in ihren Schürzen oder Schürzenkleidern klopften oder klingelten gelegentlich abends beim Nachbarn mit der Bitte, ihnen mit einem Ei, etwas Salz oder Öl auszuhelfen, Dingen, die ihnen gerade fehlten und die sie natürlich am nächsten Tag ersetzten. Manchmal ging es auch darum, mit etwas Geld auszuhelfen. Ganz kleine Beträge natürlich. Bewohner des Vorderhauses kannten solche nachbarliche Hilfe nach meiner Erinnerung nicht. Sie waren finanziell bessergestellt und in ihren Wohnungen mit kleinen Vorratskammern und Eisschränken versehen, nicht darauf angewiesen, solche Bittgänge zu tun. Es hätte auch dem Ehrgefühl der meisten widersprochen. Sie haben einander gegrüßt und ein paar Worte gewechselt, wenn sie sich im Treppenhaus zufällig getroffen haben.
