Störfaktor - Ivonne Deinert - E-Book

Störfaktor E-Book

Ivonne Deinert

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Beschreibung

Dies ist die Geschichte der ersten zwanzig Jahre meines Lebens. Der kostbare Blick in eine grausige Vergangenheit. Ich schreibe hier über die Gespenster meiner Kindheit und Jugend, über Geister, die ich nicht rief. Seit frühester Kindheit allein gelassen, herumgereicht wie eine Ware und misshandelt, musste ich meinen Weg ins Leben finden. Auf diesem Weg begegnete ich Ungnädigen, Seelenessern, Rittern und Engeln. Ich erzähle in Geschichten meine Seelenwanderung durch die Gezeiten von Hass und Liebe und vom stetigen Kampf ums Überleben.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Störfaktor

Für meine Kinder Friederike, Isabell, Vivien,

Denise, Rebecca und Marlon

Ihr seid das Glück meines Lebens

Für die Lieben, die mich zu früh verließen

Für meinen guten Freund Benno, der dieses

Buch möglich gemacht hat

Ivonne Deinert

Störfaktor

Mein schwerer Weg ins Leben

© 2014 Ivonne Deinert

Umschlaggestaltung: Nico Kubisch

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-8112-1

ISBN: 978-3-8495-8113-8

ISBN: 978-3-8495-8114-5

Vorwort

Was braucht man, um ein Buch zu schreiben? Eine Geschichte, die man erzählen will und die es wert ist, erzählt zu werden. Man erhofft sich davon, andere Menschen damit zu erreichen. Sie zu begeistern, zu amüsieren, zu Tränen zu rühren oder aufzurütteln. Das alles erwarte ich mir von den Büchern, die ich lese. Aber wäre ich in der Lage ein solches Buch zu schreiben, das all diese Eigenschaften in sich vereint? Habe ich das Talent, meine Gedanken so zu Papier zu bringen um andere Menschen damit erreichen zu können? Interesse zu wecken?

Eine Geschichte habe ich, die es wert ist, erzählt zu werden. Es ist die Geschichte meines Lebens.

Das schreiben dieses Buches ist ein Wagnis für mich. Vergleichbar mit einem Sprung in kaltes Wasser. Ich habe diesen Sprung oft in meinem Leben getan. Nur wurde ich dabei jedes Mal gestoßen und stand noch dazu an einem Abgrund. Nun wage ich diesen Sprung aus freien Stücken und hoffe, dass warmes Wasser mich auffängt. Am Ende dieses Buches schwimme ich zwar immer noch in einem See voller Erinnerungen, doch ziehen sie mich dann hoffentlich nicht mehr permanent in die Tiefe. An dieser Hoffnung halte ich fest und wage nun den schriftlichen, kostbaren Blick in die Vergangenheit.

Ich erzähle von den Wegen, die ich ging und die selten meine eigenen waren. Wie ein Blatt an einem kühlen Herbsttag, das vom Wind hin und her geweht wird, konnte ich meinen Weg oft nicht wählen. Ich war, wie das Blatt, höherer Gewalt ausgeliefert. Die endlosen Gabelungen meines Lebensweges führten mich letztlich an den Punkt, an dem ich heute bin. An diesem Punkt, der von Stagnation gezeichnet ist, beschloss ich, dieses Buch zu schreiben.

Schreiben oder nicht?

Bislang habe ich immer nach einer kreativen Ader in mir gesucht. Ich habe es mit malen versucht, aber das ging daneben. Mit meinen Sangeskünsten könnte ich auch keine Konzertsäle füllen. Ich glaube, Schauspielerei hätte mir ganz gut gelegen. Talent dafür habe ich, keine Frage. Zeit meines Lebens habe ich versucht, eine Fassade aufrecht zu erhalten, die es in Wirklichkeit gar nicht gab. Das erfordert Fantasie, einen starken Willen und schauspielerisches Talent. Letzten Endes jedoch leidet die Psyche sehr darunter. Um dem entgegen zu wirken habe ich angefangen zu schreiben. Das lag mir schon in der Schule, obwohl ich mich damals auch manchmal mit den allseits beliebten Aufsätzen etwas schwer getan habe. Aber das lag dann wohl doch eher an mangelnder Lust.

Die Macht des Wortes faszinierte mich seit jeher. Schon als Kind saß ich lieber in meinem Zimmer mit einem spannenden Buch in der Hand, als draußen mit Freunden zu spielen. Geschriebene Worte, zusammengefasst in Abenteuergeschichten, Kriminalgeschichten oder Liebesgeschichten eröffneten mir eine Welt, die weit jenseits meiner grausigen Wirklichkeit lag. Ich bereiste mit Kapitän Nemo die Tiefen des Meeres und mit Winnetou die endlose Weite der Prärie. Mit Sherlock Holmes löste ich die kniffligsten Kriminalfälle und ich kämpfte Seite an Seite mit Hobbits gegen Trolle und Orks.

Worte können so viel bewirken. Sind es gute Worte, können sie trösten und Mut machen. Sie können der Grund für Freudentränen sein und sogar Wunden heilen. Sind sie böser Natur, brechen sie über einem zusammen wie riesige Wellen in einem sturmgepeitschten Ozean. Ich hörte mein halbes Leben lang nur böse Worte und es fühlte sich an wie Tod durch ertrinken. Zuerst das endlose Treiben an der Oberfläche ohne Land in Sicht. Immer noch erfüllt von Hoffnung auf Rettung. Das sinnlose Wassertreten, bis die Hoffnung und die Kräfte schwinden Und dann der Untergang. Nur gleicht es bei Worten einer zähen Flüssigkeit, die immer tiefer in den Körper eindringt. Es ist unendlich viel schwerer, dagegen anzukämpfen. Über viele Jahre hinweg sind meine Seele und meine Psyche langsam daran erstickt. Um aus diesem Zustand wenigstens zeitweise auszubrechen, habe ich angefangen, meine Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen.

Anfangs in Gedichtform geschrieben merkte ich jedoch bald, dass ich in dieser Form nicht alles zum Ausdruck bringen konnte. In einem Gedicht legt man doch mehr Wert auf Form und Ausdruck, wie beispielsweise den Vers und den Reim. Das passte jedoch nicht zu dem, was ich zu erzählen hatte. Es war mir wichtig, so viel seelischen Ballast wie möglich abzuladen. Und wie heißt es doch so schön, Papier ist geduldig. So beschloss ich eines schönen Tages, die Geschichte meines Lebens in einem richtigen Buch zusammen zu fassen. Material hatte ich ja nun wirklich genug. Der ganze Druck, der sich all die Jahre angesammelt hatte, sollte sich in einem literarischen Meisterwerk entladen. Soweit die Idee.

Als ich anfing, dieses Buch über mein Leben zu schreiben, stieß ich nach kurzer Zeit an meine Grenzen. Ich begann im Heute und tat dann Zeitsprünge in die Vergangenheit. Als ich nach meinem Empfinden etwa die Hälfte geschafft hatte, las ich mir alles am Stück einmal durch. Leider musste ich dabei feststellen, dass bei dieser Schreibweise an vielen Stellen der sarkastische Unterton, der mir so wichtig ist, fehlt. Also begann ich von vorn und versuchte mich im Stil der klassischen Biografie. Mit dem Ergebnis war ich aber ebenfalls nicht zufrieden. So gab ich es zunächst auf und legte das Projekt auf Eis. Viele Flaschen Wein später und nach reiflicher Überlegung beschloss ich, etwas anderes zu versuchen. Wenn ich es nicht schaffte, ein Buch für Erwachsene zu schreiben, vielleicht würde mir dann als Debüt ein Kinderbuch gelingen. Ich hatte weiterhin Gedichte geschrieben und war mit dem Endergebnis meist sehr zufrieden. Es machte mir viel Spaß, mit Worten zu jonglieren, so dass sich Reime ergaben. Ich schreib lustige Gedichte, traurige Gedichte oder einfach nur emotionale Prosa. Da es mir an Fantasie nicht mangelte, hielt ich ein Kinderbuch für eine gute Idee und realisierbar.

Während eines Klinikaufenthaltes, den ich freiwillig antrat um einem mentalen Kollaps vorzubeugen, begann ich zu schreiben. Ich hatte sehr viel Zeit für mich, die ich meist allein spazierend im wunderschönen Klinikpark verbrachte. Dort saß ich oft auf einer Bank, hielt mein Gesicht in die Sonne und ließ die Gedanken wandern. So entstanden die ersten Zeilen in meinem Kopf und ich fügte jeden Tag ein paar hinzu. Als ich mich nach zwei Wochen selbst aus der Klinik entließ, hatte ich die ersten drei Kapitel fertig.

Aus verschiedenen Gründen legte ich dieses Projekt aber immer wieder beiseite und griff erst Monate später wieder darauf zurück. Meist fügte ich dann ein paar Kapitel hinzu, las alles noch einmal durch und tat es dann wieder zurück in die unterste Schublade. Auf Grund dieser Verfahrensweise erstreckte sich das Schreiben dieses Kinderbuches auf einen Zeitraum von über einem Jahr.

Eines schönen Nachmittags packte mich der Ehrgeiz und ich schrieb die letzten Kapitel hintereinander weg. Nach ein paar Stunden war das Buch in seiner Endfassung fertig. Ich druckte es aus, suchte mir im Internet die Adresse eines renommierten Verlages, klopfte drei Mal auf Holz und schickte es ab. Die Antwort von dort erhielt ich relativ schnell. Man war begeistert von meinem Buch und auf einer Lektoratskonferenz wurde einstimmig beschlossen, es zu publizieren. Als ich das las, hatte ich Tränen in den Augen. Ein Traum war wahr geworden.

Ein unglaubliches Gefühl breitete sich in mir aus. Stolz, etwas geschaffen zu haben. Etwas das, selbst wenn es nicht veröffentlich werden würde, doch für immer Bestand haben würde. Etwas, das mir niemand mehr nehmen könnte. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich etwas wirklich zu Ende gebracht. Leider gesellte sich zu meiner überschwänglichen Freude auch Traurigkeit. So eine Publikation ist nämlich mit Eigenkapital verbunden, welches ich natürlich nicht aufbrachte. Trotz dieser misslichen Umstände nahm ich diesen kleinen Erfolg als Ansporn. Ich wäre nicht der Mensch, der ich bin, wenn mich solche Widrigkeiten zum Aufgeben bewegen würden. Und so holte ich mein vor Jahren angefangenes, anderes Projekt wieder hervor und stürzte mich voller Enthusiasmus darauf.

Es stellte sich mir nach wie vor die Frage, wie ich das Erlebte am besten zum Ausdruck bringen könnte. Dann kam ich auf die Idee, alles einzeln in Kurzgeschichten zu erzählen. Ich wusste, dass diese Schreibweise mir besser gelingen würde als die stupide Aneinanderreihung von Fakten. So greife ich Episoden meines Lebens einzeln auf und der Leser kann sich gezielt darauf konzentrieren. Soweit die Idee.

Als ich mein Kinderbuch schrieb, hatte ich nach Beendigung des letzten Kapitels immer noch keinen passenden Titel gefunden. Ich las es mehrere Male und konnte mich nicht entscheiden. Dann las ich es mit meinen Kindern und fragte diese um Rat. Sie fanden die Geschichte toll und ich bekam großes Lob dafür, aber einen Titel haben wir auch zusammen nicht finden können. Es gab zwar Vorschläge aber wir wurden uns nicht einig. Letzten Endes war es so etwas wie ein Heureka und mein Titel stand fest.

Bevor ich mit dem Schreiben dieses ersten Kapitels hier begann, machte ich mir Gedanken über den Titel meines Buches. Diesmal bedurfte es jedoch keiner langen Überlegungen. Störfaktor sollte mein Buch heißen, denn über die Hälfte meines Lebens fühlte ich mich als solcher. Ich bin sicher, dass dem Leser im Verlauf des Buches klar wird, warum das so war.

Wie ich meine Mutter fand

Meine Mutter starb, als ich sechs Jahre alt war. Nur so viel sei an dieser Stelle gesagt; ich kam ins Kinderheim nach ihrem Tod. Lange Zeit lebte ich im Ungewissen, wusste nicht, was mit ihr geschehen war. Völlig verständnislos stand ich der Tatsache gegenüber, dass ich nun keine Mutter mehr habe. Als ich älter wurde und Fragen stellte, bekam ich keine Antworten. Vorerst blieben mir also nur die Erinnerungen an sie. Und erinnern konnte ich mich sehr gut. Ein erstaunliches Gedächtnis, sagten die Psychologen, zu denen meine Stiefmutter mich später immer wieder schleppte.

Als ich geboren wurde, war die Welt noch in Ordnung. Meine Eltern waren glücklich verheiratet und ich war ein Wunschkind. Diese Idylle war jedoch nicht von Dauer und die Ehe der beiden wurde geschieden. Mein Vater, der in meiner Erinnerung nur ein gesichtsloses Phantom ist, verließ uns. Damals begann wohl der Leidensweg meiner Mutter, den sie bald darauf beendete und meiner, der mich noch Jahre begleiten sollte. Meine Mutter brachte, als ich etwa fünf Jahre alt war, noch ein Zwillingspärchen zur Welt. Meine Schwester und meinen Bruder.

Als ich viele Jahre später meine Großeltern mütterlicherseits gefunden hatte, glaubte ich, nun endlich die Antworten zu bekommen, nach denen ich mein Leben lang gesucht hatte. Leider erwies sich das als falsch. Meine Großmutter war erstaunlich gefasst, als ich mich das erste Mal telefonisch bei ihr meldete. Es war fast so, als hätte sie jeden Tag damit gerechnet, dass ich anrufe. Bei diesem Telefonat durchlebte ich ein wahres Gefühlschaos. Die Freude, nun endlich Angehörige gefunden zu haben schlug sehr schnell um in Trauer, da ich nun die Gewissheit hatte, dass meine Mutter wirklich tot ist. Meine Großmutter schickte mir damals einige Fotos von meiner Mutter. Es sind die einzigen, die ich von ihr habe. Ich erfuhr, dass meine Mutter sich das Leben nahm. Sie starb an einer Gasvergiftung. Aber niemand war bereit, mir zu sagen, warum sie das tat.

Für mich war es immer sehr schwer nachzuvollziehen, warum sie uns verlassen hat. Die Kinder hätten ihr doch Halt geben müssen. Dachte ich jedenfalls. Heute allerdings, nach so vielen Jahren, ist mir klar, dass wir Kinder ihr nicht helfen konnten. Leider spreche ich da aus Erfahrung, denn ich befand mich auch schon in dieser Situation. Ich war so verzweifelt, dass mir jeglicher Lebensmut verloren ging und ich diese Welt verlassen wollte. Dass ich zu diesem Zeitpunkt Kinder hatte, die mich brauchten, spielte keine Rolle für mich. Dieser Gedanke kam mir nicht in den Sinn, denn mein Geist und mein Herz waren ausgefüllt mit Trauer und Verzweiflung. Rationales Denken oder Handeln war ausgeschlossen. Mein Versuch, aus dem Leben zu scheiden, ging schief. Vielleicht sollte es nicht klappen. Vielleicht war es Schicksal oder eine höhere Macht hat interveniert, wer weiß das schon. Obwohl ich weder an das eine noch an das andere glaube, bin ich letztendlich doch froh darüber, dass ich noch da bin. Zurück blieb eine große Narbe am Handgelenk und eine noch größere in mir, die nie wieder verheilte.

Beschämt darüber, was ich meinen Kindern beinahe angetan hätte, schwor ich mir, so etwas nie wieder zu tun. Vielleicht ist das Leben nicht immer lebenswert, aber wir haben nur das eine. Selbstmörder wollen oft aus dem Leben scheiden, weil sie denken, sie kommen dann an einen besseren Ort. Aber wer versichert uns denn, dass es diesen Ort wirklich gibt? Wenn man das herausfindet, ist es für eine Rückkehr zu spät. Ich wünschte, meine Mutter hätte sich darüber Gedanken gemacht, bevor sie ging. Vielleicht hat sie das ja sogar, kam aber zu dem Schluss, dass es trotz allem besser wäre, alles hinter sich zu lassen. Das gehört mit zu den Dingen, die ich wohl nie erfahren werde. Ich stellte immer dieselben Fragen, bekam aber keine Antworten.

Meine Großmutter bat mich, die Sache ruhen zu lassen. Es würde sie zu sehr aufregen, sagte sie. Ich kam diesem Wunsch nur ungern nach, musste ihn aber letztlich akzeptieren. Dadurch brach der Kontakt zwischen uns wieder ab. Als ich Jahre später einen erneuten Versuch unternahm, schrieb ich dazu einen langen Brief. Ich erhielt jedoch nie eine Antwort. Sie dem stellt sich mir die Frage, ob meine Großeltern noch leben und obwohl diese Ungewissheit mich quält, beließ ich es dabei und unternahm nichts mehr.

Die wichtigste Information, die ich von meiner Großmutter erhielt, war, wo meine Mutter bestattet ist. In der Stadt, in der ich geboren wurde und immer noch lebte. Mit diesem Wissen machte ich mich dann auf den Weg zum Friedhof. Es mussten etliche Bücher gewälzt werden, bis man die Nummer ihrer Grabstelle gefunden hatte. Der Gärtner begleitete mich dorthin. Meine Großeltern hatten sich nicht selbst um das Grab kümmern können, da sie sehr weit weg wohnten. Anscheinend hatten sie aber auch keine Grabpflege in Auftrag gegeben. Denn was ich dort sah, war wirklich erschreckend. Die alte, verwitterte Grabeinfassung war kaum noch zu erkennen. Alles war bedeckt mit feuchtem Laub. Drum herum wucherte trockenes Gestrüpp. In diesem Moment tat mir meine Mutter entsetzlich leid. Nachdem ich den ersten Schrecken überwunden hatte, meldete sich der Tatendrang, sofort etwas gegen dieses Chaos zu unternehmen. Von Seiten des Friedhofs kam man mir diesbezüglich sehr entgegen. Man versprach mir, das Grab in den nächsten Tagen wieder herzurichten. Für mich stand fest, dass ich mich darum kümmern würde. Das war ich meiner Mutter und mir selbst schuldig. Leider blieb mir meine Mutter in dieser Weise auch nur noch für zehn Jahre erhalten. Eine ganz normale Grabstelle verfällt nämlich nach dieser Zeit und man kann sie nur retten, in dem man sie kauft. Natürlich war mir das finanziell unmöglich und so verlor ich meine Mutter dann doch noch endgültig.

Mir wurde damals klar, dass Bestattung generell eine Kostenfrage ist. Wer bereits jemanden hat zu Grabe tragen müssen, weiß wovon ich rede. Wie hoch sich diese Kosten allerdings belaufen, davon hatte ich keine Ahnung. Irgendjemand hat einmal gesagt, der Tod ist nicht umsonst – er kostet das Leben. Welche Ironie. Die Dreistigkeit des Menschen ist doch grenzenlos. Der ewige Konkurrenzkampf untereinander macht auch vor der letzten Ruhestätte eines jeden nicht halt. Als anpassungsfähiges Individuum kann man sich dem natürlich nicht entziehen und so habe auch ich das Geld für das Grab meiner Mutter aufgetrieben. Die Friedhofsgärtnerei hat mir ihre Dienste nicht in Rechnung gestellt. Es gab also doch noch Menschen, die einfach halfen, ohne die Hand aufzuhalten. Der Steinmetz war sehr gerührt von meiner Geschichte und bot mir Ratenzahlung für den Grabstein an. Ich nahm dieses Angebot dankbar an, obwohl es mir schwer fiel, jeden Monat das Geld dafür aufzubringen.

Nachdem das Grab meiner Mutter als solches wieder zu erkennen war, ist etwas in mir zur Ruhe gekommen. Ich bin danach fast täglich dort gewesen. Meist habe ich dort einfach nur im Schatten eines Baumes gesessen und nachgedacht. Ich habe in Gedanken das ‚Was wäre wenn’ so oft durchgespielt. Aber wer kann schon mit Sicherheit sagen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn sie sich nicht getötet hätte. War das nun ein schrecklicher Zufall oder war es meine Bestimmung, so aufzuwachsen? Welche Dinge können wir denn selbst entscheiden in unserem Leben und welche sind schon vorherbestimmt, bevor wir geboren werden? In meinem Leben gab es viele Situationen, in denen ich mir genau diese Frage stellte. Nur die Antworten bleiben aus.

Die lieben Verwandten

Natürlich hatte ich mir oft die Frage gestellt, warum ich ins Heim gesteckt wurde nach dem Tod meiner Mutter. Was war mit meinem Vater? Hätte ich denn nicht bei ihm bleiben können? Auf der Suche nach meinen Angehörigen konzentrierte ich mich deshalb anfangs darauf, ihn zu finden. Heutzutage ist es wirklich nicht schwer, jemanden ausfindig zu machen. Auf meiner Abstammungsurkunde stand sein Name und so fragte ich mich durch diverse Ämter, bis ich ihn schließlich gefunden hatte. Ich beschloss, wie bei meiner Großmutter, zu telefonieren, statt einen Brief zu schreiben. Das erschien mir sicherer und sinnvoller, denn ich hatte keine Lust, lange auf eine Antwort zu warten.

Bei meinem ersten Anruf dort sprach ich mit einer Frau. Ich nannte den Namen meines Vaters und fragte, ob er dort wohnen würde. Sie bejahte das. Nachdem ich ihr erklärt hatte, wer ich bin, bat ich darum, mit ihm sprechen zu können. Sie hielt kurz den Hörer bedeckt und hielt Rücksprache mit einer Person im Hintergrund. Ich gehe davon aus, dass diese Person mein Vater war. Sie bat mich dann, in zehn Minuten nochmals anzurufen, was ich auch tat. Beim zweiten Telefonat sprach ich wieder mit der Frau, die mir sagte, da müsse wohl ein Irrtum vorliegen. Herr M. lässt ausrichten, er kenne mich nicht. Hätte er mir das nicht selbst sagen können? Und muss man wirklich zehn Minuten darüber nachdenken, ob man jemanden kennt? Ich konnte mir dieses Verhalten nicht erklären. Er verleugnete mich und ich fragte mich, warum er das tat. Die Antwort auf diese Frage bekam ich bald darauf von meiner Großmutter. Sie erzählte mir eine unglaubliche Geschichte, die meinen ohnehin schon stark geschädigten Glauben an das Gute im Menschen aufs Neue zutiefst erschütterte.

Als meine Mutter starb, waren meine Eltern bereits geschieden und mein Vater war weggezogen. Nach dem Tod meiner Mutter trat das Jugendamt an ihn heran mit der Bitte, mich zu sich zu nehmen. Er entschied sich dafür, das nicht zu tun und unterschrieb eine entsprechende Verzichtserklärung. Eine unfassbare Entscheidung, deren Kenntnis mich wie ein Vorschlaghammer traf. Nun ergab sein Verhalten am Telefon auch Sinn.

Meine Großeltern erfuhren, dass mein Vater es abgelehnt hatte, mich aufzunehmen. Sie versuchten nun ihrerseits, mich bei sich aufnehmen zu dürfen. Der Gedanke, nach der Tochter nun auch noch die einzige Enkeltochter zu verlieren, war für sie unerträglich. Doch all ihre Bemühungen wurden seitens des Jugendamtes abgeschmettert. Man sagte ihnen, dass sie zu alt wären um ein sechsjähriges Kind aufzuziehen. Vater Staat hatte somit beschlossen, dass es besser wäre, mich in ein Heim zu stecken, statt mir die Möglichkeit zu geben, bei Menschen, die mich lieben, ein normales Leben führen zu können. Nachdem ich im Heim untergebracht war, verbot man meinen Großeltern jeglichen Kontakt zu mir. Ich hatte damit auf einen Schlag Mutter, Vater und Großeltern verloren und wurde somit aller Aussicht auf eine Liebe und Geborgenheit gebende Familie beraubt. Aber damit ist die Verlustliste noch nicht komplett

Als ich fünf Jahre alt war, bekam ich noch Geschwister. Meine Schwester Jeanette und meinen Bruder Pierre. Ein Zwillingspärchen, wie es unterschiedlicher nicht hätte sein können.

Das fand ich heraus, als ich beide etwa zwanzig Jahre später ausfindig machte. Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag hatte ich laut Gesetz nicht das Recht, zu meinen Geschwistern Kontakt aufzunehmen. Da sie mich nicht kannten und vielleicht auch nicht wüssten, dass sie adoptiert sind, würde ich im schlimmsten Fall eine intakte Familie zerstören. So oder so ähnlich war der Wortlaut.

Meine Geschwister hatten von ihren Adoptiveltern neue Vornamen bekommen. Bei adoptierten Kindern, die noch nicht ein Jahr alt waren, war das per Gesetz erlaubt. Somit musste ich mich zu allererst daran gewöhnen, dass meine Schwester nun Anne und mein Bruder Michael hieß. Daran gewöhnte ich mich jedoch nie wirklich und ich sprach zumindest meinen Bruder immer mit seinem richtigen Namen an. Ich fand das einfach furchtbar und vor allem unsinnig. Sie hatten so schöne Namen von unserer Mutter bekommen, die jetzt nur noch als zweite Vornamen aufgeführt wurden.

Nachdem ich meine Schwester das erste Mal angerufen hatte, erhielt ich kurz danach einen Rückruf von ihrem Vater. Er wollte sicher gehen, dass ich die war, für die ich mich ausgab. Es stellte sich heraus, dass man ihnen damals nicht gesagt hatte, dass es mich gab. Zumindest behauptete er das. So überrascht, wie er über die Tatsache war, dass seine Kinder eine ältere Schwester haben, war ich bereit, ihm das zu glauben. Meine Schwester kam mich bald darauf besuchen. Wir verstanden uns ganz gut, aber ich habe sie nur dieses eine Mal gesehen. Wir hatten danach nur noch sporadisch Kontakt.

Ganz anders war das mit meinem Bruder. Wir waren uns vom ersten Augenblick an so vertraut, als wären wir nie getrennt gewesen. Es gibt Menschen, die müssen sich nur ansehen und wissen sofort, dass sie irgendwie zusammen gehören. So war das bei uns. Wir verbrachten so viel Zeit wie möglich miteinander und wenn er nicht bei mir sein konnte, telefonierten wir oft stundenlang. Pierre war damals bei der Armee. Er wollte dort Karriere machen und viel Geld verdienen, was ihm sicher auch gelungen wäre.

Eines Tages erzählte er mir, er hätte sich freiwillig für einen Auslandseinsatz in einem Kriegsgebiet gemeldet. Solche Einsätze waren sehr förderlich für die Karriere und sehr lukrativ, aber auch ebenso gefährlich. Ich war damit überhaupt nicht einverstanden, konnte ihn aber nicht umstimmen. Wie erleichtert war ich jedes Mal, wenn er sich von dort meldete und sagte, dass es ihm gut geht. Nach seiner Rückkehr kam er mich sofort für ein paar Tage besuchen. Bei einem langen Gespräch erzählte ich ihm unter Tränen von meiner größten Sorge.

Meine Kinder hatten ihr Zimmer ziemlich ramponiert. Da war Tapete abgerissen, Schränke beschädigt und der Teppich verschmutzt. Mir ging es zu der Zeit finanziell nicht sehr gut und so fehlte mir das Geld, um all diese Sachen in Ordnung zu bringen. Pierre verlor nicht viele Worte darüber und so packten wir am nächsten Tag die Kinder ins Auto und fuhren ins nächste Einrichtungshaus. Mein Bruder richtete das Kinderzimmer komplett neu ein. Angefangen vom Teppich bis hin zur Bettwäsche. Es war einfach unglaublich. So etwas Selbstloses hatte noch nie jemand für mich getan. Meine Kinder waren begeistert und ich konnte nicht aufhören, ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe.

Bei den Gesprächen mit meiner Schwester erfuhr ich, wie ihrer beider Leben verlaufen war. Sie wurden von liebevollen Eltern groß gezogen und hatten ein schönes zu Hause gehabt. So wie es sein sollte. Mit Pierre gab es aber immer Probleme. Er war ein Rebell und hielt sich nicht an Regeln. Er wurde schnell aggressiv und seiner Schwester gegenüber sogar gewalttätig. Sie erzählte mir von schlimmen Prügelattacken und wilden Beschimpfungen, die auf sie nieder gingen. Als beide im Teenager-Alter waren hassten sie sich schon leidenschaftlich. Bei Zwillingen ist das eher selten, so weit ich weiß. Ich wollte einfach nicht glauben, was ich da hörte. Es heißt doch, dass gerade Zwillinge eine ganz besondere Bindung zueinander haben. Das war bei meinen Geschwistern leider nicht der Fall.

Da auch die Eltern der beiden Pierres Verhalten machtlos gegenüber standen, verließ er mit fünfzehn Jahren die Familie und wurde ins Heim gesteckt. Von da an ging er seinen eigenen Weg, der ihn später auch zu mir führte. Als ich dann mit ihm über seine Familie sprach, bestätigte er das, was meine Schwester mir erzählt hatte. Allerdings konnte er nicht erklären, woher dieser Hass auf Jeanette kam. Mir gegenüber verhielt sich Pierre von Anfang an liebevoll, mitfühlend und sorgte völlig uneigennützig für mich.

Aber wie so oft in meinem Leben war auch das nicht von Dauer. Ein paar Jahre danach verunglückte mein Bruder tödlich bei einem Autounfall. Wir hatten gerade erst beschlossen, dass ich ihn besuchen komme, da wir uns lange nicht gesehen hatten. Aber dazu kam es nicht mehr. Und wie schon beim ersten Mal hatte ich nicht die Möglichkeit, mich zu verabschieden. Mir bleiben nur die Erinnerungen an einen wundervollen, lieben Menschen, der mein Leben für kurze Zeit sehr bereicherte.

Als ich nach dem Tod meines Bruders nach langer Zeit wieder Kontakt zu meiner Schwester aufnahm, hatten wir ein langes Gespräch über ihn. Sie war fassungslos, als ich erzählte, wie Pierre sich mir gegenüber verhalten hatte. Ich beschrieb ihr einen Menschen, den sie nicht kannte. Den sie gehasst hatte bis zu seinem Tod. Und wie sich herausstellte wohl auch darüber hinaus, denn an seiner Bestattung nahm sie nicht teil. Das war für mich unfassbar. Ich selbst war auch nicht dabei, da ich erst Wochen später von seinem Tod erfuhr. Niemand hielt es damals für nötig, mich zu informieren. Vielleicht war das aber auch gut so, denn als ich hörte, wie man ihn beigesetzt hatte, konnte ich nicht aufhören zu weinen.

Seine Familie wählte wohl die preiswerteste Variante um das Kapitel Pierre abzuschließen. Er wurde eingeäschert und seine Urne befindet sich in einer Steinmauer auf einem Friedhof