Stücke I - Jost Bonner - E-Book

Stücke I E-Book

Jost Bonner

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Beschreibung

Der erste Teil der zweibändigen Ausgabe enthält dramatische Arbeiten der 90er Jahre, vier Stücke und drei Hörspiele, sehr unterschiedlicher Themen. "Die Judaspassion" erzählt die wahren, sehr weltlichen Begebenheiten um Jesus aus Nazareth aus Sicht seines treuesten Gefährten. "Das Stück" beschreibt die kontroverse Sinnsuche zur Zeit der Wende unter recht skurrilen Umständen. "Zach und Grimm" bemühen sich in ihrem Bestattungsinstitut, ihren Kunden den selbst gewählten letzten Abtritt so individuell und angenehm wie möglich zu gestalten, um eine spannende Frage zu klären. "Zocker" ist ein reichpointiertes, spannendes und zuletzt rührendes Sittengemälde im Rahmen eines Spielkasinos. Im Kurzhörspiel "Die Annonce" geht es um den Verkauf eines Flügels mit recht unerwarteter Wendung. "Die Strohpuppe" behandelt die Thematik der Verträglichkeit kreatürlicher und kreativer Befindlichkeiten in einer Partnerbeziehung. "Der letzte Psalm" widmet sich den letzten Stunden König Davids im Spiegel seiner fünf Frauen.

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Statt eines Vorworts - Theater

(1987)

Die Judaspassion

(1991)

Das Stück

(1989)

Zach und Grimm

(1995)

[

Texte der musikalischen Nummern

]

[

Wahlkampfrede (1992)

]

Zocker

(1997)

Die Annonce

(1991)

Die Strohpuppe

(1987)

Der letzte Psalm

(2000)

THEATER

Der Sehnsucht Illumination;

die Welt, gezwängt in bunte Traumrabatten;

Erhabenheit und Illusion -

und dennoch Licht und Schatten.

Die Last der Alltagswidrigkeit

schleppst du mit dir ins Grau der Bühnengassen.

Die Welt ist Ungerechtigkeit.

Kannst ihren Sinn nicht fassen.

Den Rumpf gebeugt. Des Suchens satt.

Das Herz schlägt stur, als könnt es was dran ändern.

Die Augen glanzlos, traumlos, matt,

erstarrt in dunklen Rändern.

Im Rampenlicht: Die Brust wird weit.

Das Antlitz hebt sich stolz, wie hin zur Sonne.

Es schmilzt die Alltagsklebrigkeit.

Und Leben - welche Wonne!

Und alles Größe! Alles Sinn!

Groß Freude, Lebensmut und Menschenwürde!

Noch groß der Schmerz! Er reißt dich hin.

Hier fehlt des Mitleids Bürde.

Die Seele wächst. Kein Leib hält sie!

Der Vorhang fällt herab. Der Beifall endet.

Oh nein, - die Seele wächst doch nie.

Das Licht hat dich geblendet …

Es blähte sich ihr dickes Fell.

Das schrumpelt rasch, allein in kühler Stille.

Die Eitelkeit erstrahlte hell;

der Seele sichre Hülle.

Das Licht ist aus. Der Saal ist leer.

Die Bühne schweigt wie eine Rumpelkammer.

Der Pförtner nickt, als wüsste er,

er sitzt am Tor zum Jammer.

Und ohne Mitleid und Gefühl

wirft dir die Nacht ihr Dunkel auf den Rücken.

Vorbei, der Sehnsucht Schattenspiel;

des Selbstbetrugs Entzücken.

Den Rumpf gebeugt. Des Suchens satt.

Das Herz schlägt stur, als könnte das was ändern.

Die Augen glanzlos, traumlos, matt,

erstarrt in dunklen Rändern.

Hast einen Sinn, ein Ziel gesucht,

flogst hoch, siehst nun erst recht den tiefen Seelenkrater.

Verflucht seist du, dreimal verflucht,

du grausam falsches, herrliches THEATER!

DIE JUDASPASSION

Diesem Stück liegen die Aufzeichnungen des Judas aus Keriot, einer Stadt in Judäa, aus dem Jahr 58 zugrunde, die 1956 bei Qumran wiederentdeckt wurden und sich seither in strengster Verwahrung des Vatikans befinden.

Es dürfte sich hierbei um den authentischsten Bericht der Begebenheiten um Jesus aus Nazareth handeln, der auf uns gekommen ist, da es der einzige Bericht zu sein scheint, der von einem Zeitzeugen und Weggefährten verfasst wurde.

Den abenteuerlichen Weg der Beschaffung einer Abschrift dieser Aufzeichnungen muss der Autor leider im Interesse der anonymen Helfer verschweigen, denen bei dieser Gelegenheit noch einmal herzlich gedankt sei!

Die hervorgehobenen Textstellen wurden aus Rücksicht auf sprachliche Einheit und die Möglichkeit eines direkten Vergleiches mit ähnlichem Schriftgut dieser Zeit angeglichen an: DIE BIBEL (Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, deutsche Ausgabe mit Erläuterungen der JERUSALEMER BIBEL, Verlag Herder KG Freiburg im Breisgau).

Hierfür bin ich sowohl allen Übersetzern als auch allen Philologen und Exegeten Dank schuldig, die mir in nimmermüdem Fleiß halfen, parallele Textstellen zu finden, und mich darüber hinaus geduldig in theologischen und kulturgeschichtlichen Fragen berieten.

Abkürzungen der Hinweise auf Parallelstellen:

Gn

Das Buch Genesis

Ex

Das Buch Exodus

Lv

Das Buch Leviticus

Nu

Das Buch Numeri

Dt

Das Buch Deuteronomium

1Kö

Das erste Buch der Könige

Ps

Das Buch der Psalmen

Ib

Das Buch Ijob

Spr

Das Buch der Sprüche

Prd

Das Buch Prediger

Hl

Das Hohelied

Wsh

Das Buch der Weisheit

Sir

Das Buch Jesus Sirach

Js

Das Buch Jesaja

Mt

Das Evangelium nach Matthäus

Mk

Das Evangelium nach Markus

Lk

Das Evangelium nach Lukas

Jo

Das Evangelium nach Johannes

Apg

Die Apostelgeschichte

1Ko

Der erste Paulusbrief an die Korinther

Apk

Die Apokalypse des Johannes

Verweise in der Sache ohne wörtlichen Textbeleg

Die Kapitel- und Verszahlen der Randverweise machen allein den Texteinstieg deutlich, ohne die Verszahlen der fortlaufenden Bibeltexte zu nennen.

ORT

Betanien und Jerusalem

ZEIT

Im Jahr 33

PERSONEN

MEISTER

JUDAS

SIMON

ANDREAS

Schüler des Meisters

JOHANNES

JAKOBUS

MUTTER

des Meisters

MARIA

Hure und Schwester der

MARTHA

Schwester des

LAZARUS

ALTER

wahrscheinlich deren Vater

NIKODEMUS

Mitglied des Hohen Rates

KAJAPHAS

Hohepriester 18 - 36

PILATUS

Römischer Statthalter von Judäa, Idumäa und Samaria unter Kaiser Tiberius 26 - 36

HÄSCHER, WACHEN, Mitglieder des Hohen Rates, die Stimme des VOLKES und eine Horde Vermummter

BILDFOLGE

1. Bild in 6 Szenen

Wohnraum im Haus des Lazarus

2. Bild in 4 Szenen

Schlafraum im Haus des Lazarus

3. Bild in 6 Szenen

Wohnraum im Haus des Lazarus

4. Bild in 4 Szenen

Auf freiem Feld

5. Bild in 3 Szenen

Prätorium

6. Bild in 4 Szenen

Auf freiem Feld

STÜCKDAUER

120 Minuten

PAUSE

vor dem 4. Bild

Wir wollen alles, was sich als übernatürlich und übermenschlich ankündigt, aus dem Weg schaffen und dadurch die Unwahrhaftigkeit entfernen, denn die Prätention des Menschlichen und Natürlichen, übermenschlich und übernatürlich sein zu wollen, ist die Wurzel aller Unwahrheit und Lüge.

Friedrich Engels

Manche ‘Wunder’ sind nicht nur

eine Beleidigung der menschlichen Intelligenz,

sie sind eine Beleidigung Gottes.

Peter de Rosa

1. Bild

Wohnraum im Haus des Lazarus

Links geht eine Tür ins Freie, rechts eine Tür zum Schlafraum. Im Raum steht nur das Nötige: eine lange Tafel, Bänke und Schemel, eine offene Kochstelle mit dem dazugehörigen Hausrat.

1. Szene

(JUDAS betritt erschöpft und zerknirscht von links den Raum, einen großen Sack auf dem Rücken, einen Spaten in der Hand. Den Sack wirft er neben den Herd, den Spaten in die Ecke. Der ALTE sitzt, beinahe unbemerkbar, in einem dunklen Winkel.)

JUDAS

Im Anfang war das Wort. - Und das Wort war der Anfang allen Übels.

(Er streckt beschwörend die Hand zum ALTEN aus und äfft den MEISTER nach.)

In Ewigkeit soll von dir niemand mehr eine Frucht essen.

(Der ALTE lacht.)

Ist vielleicht die Zeit, in der Feigenbäume Früchte tragen? Außerdem heißt es: Nur wer den Feigenbaum hütet, wird auch seine Frucht essen. Will er alles verfluchen, nur weil es ihm im Augenblick nicht nützlich ist? Er schwätzt etwas daher, und an mir ist es, einen verdorrten Baum zu suchen und die halbe Nacht zu graben, nur damit sich der Fluch erfüllt und keiner zweifelt. Den Spaß nenn ich zu teuer. Nächstens befielt er auch noch den Bergen, sich hinwegzuheben, und ich Idiot grabe den Rest meines Lebens. Die Wunder, die ich ihm vollbringe, machen ihn wunderlich.

(Der ALTE lacht.)

Du lachst? So ist es!

(JUDAS holt mit beiden Händen frische Möhren aus den Taschen und steckt sie in den Mantel des ALTEN.)

Aber diesmal gib besser Acht, dass sie dir nicht wieder alles vom Munde fressen.

(Der ALTE lacht.)

Ja, taub und stumm und ein bisschen verblödet, so lässt sich das Leben in Freude ertragen. Du bist der wahre Gottessohn!

(Der ALTE lacht.)

Vielleicht hat Gott die Menschen wie dich machen wollen, und es ist ihm nur schiefgelaufen, und er hat uns eine Idee zu viel von seiner Göttlichkeit ins Hirn geblasen, und als es zu spät war, hat er es sich nur nicht eingestehen wollen. - Bei Gott ist alles möglich. - Du lachst. Wo immer ich das erzählte, würde ich gesteinigt werden. Aber du lachst. Und am Ende bin ich nicht mal sicher, ob du nicht doch alles verstehst. - Die Rolle will ich mir merken: Dasitzen und blöde lachen.

(Er setzt sich dem ALTEN gegenüber und äfft ihn nach, gerade so, als lachten sie einen Dialog.)

Aber das Leben ist nicht zum Lachen, du alter Narr. Es ist Mühe und Drangsal! Und Undankbarkeit!

(Er wühlt im Sack, stülpt sich eine Vollmaske über den Kopf und verwandelt sich in die abscheuliche Fratze eines Aussätzigen. Der ALTE lacht herzerfrischend.)

Sohn Davids, erbarme dich meiner, denn Gottes Hand hat mich getroffen. - Ich harre auf den Tod und suche ihn wie einen verborgenen Schatz. - Es ekelt mich vor meinem eigenen Leben. - Wann kommt mein Ende, dass ich mich gedulde. Mein Fleisch verwest …

2. Szene

(MARIA kommt freudig hereingeplatzt. JUDAS wirft sich auf den Boden, reißt sich die Maske vom Kopf und verbirgt sie im Sack. Der ALTE lacht maßlos.)

MARIA

Lazarus! Er lebt! Lazarus lebt!

JUDAS

(für sich) Ich weiß.

MARIA

Woher?

JUDAS

(sich besinnend) Ich weiß - nicht, ob ich dir glauben kann, Schwester.

MARIA

Du kannst! Ich sah ihn mit eigenen Augen. Der Meister sagte: Unser Freund Lazarus schläft. Aber ich gehe hin, ihn aufzuwecken.

JUDAS

(verzweifelt) Schläft? - Aber er war doch tot! Er hat ihn also nicht aus dem Schlaf, sondern von den Toten aufgeweckt!

MARIA

Warum schreist du so? Natürlich war er tot, vier Tage schon, und hat noch nicht gerochen.

JUDAS

(gereizt) Warum sagt er dann, er schläft?

MARIA

Du kennst ihn doch. Er sagt halt alles auf seine Art.

JUDAS

Aber er soll nicht sagen, er schläft, wenn er tot ist.

MARIA

Jetzt lebt er ja wieder! Sie öffneten das Grab, und der Meister rief: Lazarus komm heraus!

JUDAS

Und?

MARIA

Er kam …

JUDAS

(erleichtert) Gott sei Dank!

MARIA

… erst langsam und müde. Dann lachte er plötzlich. Und der Meister lachte mit ihm.

JUDAS

(ungläubig) Der Meister hat gelacht?

MARIA

Ja! Gelacht!

JUDAS

Seltsam, ich sah ihn seit dem Tod des Täufers nicht mehr lachen.

MARIA

Sie kommen her, und eine Menge Volk mit ihnen. - Was tust du eigentlich da unten?

JUDAS

Ich? - Ich suche - mein Glück.

MARIA

(spitz) Und? Hast du’s schon gefunden?

(JUDAS tastet den Boden ab und kriecht langsam auf MARIA zu. Plötzlich fasst er sie bei den Beinen.)

JUDAS

Ja! Jetzt!

MARIA

(nicht böse) Judas, lass das!

JUDAS

(leidenschaftlich) Wie schön sind deine Füße in den Sandalen. Die Rundungen deiner Hüften sind wie Geschmeide, gefertigt von Künstlerhand. Dein Nabel ist eine runde Schale, gefüllt mit Würzwein! Dein Leib gleicht Weizengarben, eingefasst mit Lilien.

(Er zieht sie zu sich herab. Der ALTE kichert.)

MARIA

Judas, du Schmeichler.

JUDAS

Deine Brüste sind wie zwei Kitzen; wie Zwillinge einer Gazelle, die weiden in den Lilien. - Oh komm. Komm her! - Dein Hals ist wie ein Elfenbeinturm. - Deine Augen sind Trauben.

MARIA

Du bringst mich um. Denk an den Alten.

JUDAS

Dein Haar gleicht einer Herde von Ziegen, die vom Berg herabkommt; deine Zähne der Herde von frisch geschorenen Schafen, die eben der Schwemme entsteigen, allesamt Zwillinge werfend, und keines hat ein Junges verloren.

MARIA

Judas, wenn jemand hereinkommt.

JUDAS

Einem karmesinroten Band sind gleich deine Lippen, und lieblich ist dein Plaudermund. Einer Granatapfelscheibe gleicht deine Schläfe. - Wie schön du bist.

MARIA

Was willst du?

JUDAS

Dein Wuchs gleicht der Palme, und deine Brüste Trauben. Entschlossen will ich die Palme ersteigen; will ihre Rispen ergreifen. Deine Brüste sollen nun sein wie Trauben des Weinstocks, und dein Atem wie Apfelduft, und dein Mund wie bester Wein.

MARIA

(nicht spröde) Du solltest Sänger werden oder Dichter. Sag, was du willst.

JUDAS

Wie schön müssen deine Liebkosungen sein, um wie viel besser als Wein. Und der Duft deiner Öle geht über jeden Balsam. Von deinen Lippen träuft Honigseim. Milch und Honig birgt deine Zunge. Und der Duft deiner Kleider gleicht dem Duft …

MARIA

Hör auf!

(Sie befreit sich aus seinen Armen.)

Du willst, was alle wollen, nichts weiter.

JUDAS

Maria.

MARIA

Oder etwa nicht?

JUDAS

Nein!

MARIA

(aufreizend) Nicht?

JUDAS

(gequält) Doch.

MARIA

(nüchtern) Na also, wie alle.

JUDAS

Auch. Aber nicht nur. - Maria, ich liebe dich.

MARIA

Ich weiß. Dann liebe mich so, ohne Körper.

JUDAS

Oh, Gott!

MARIA

(heftig) Ich hab es dem Meister gelobt, bei Gott. Und ich werde es halten!

JUDAS

Aber wozu hat er uns einen Körper gegeben? und den Drang, ihn an anderen zu reiben? und die Lust? und den Frieden danach?

MARIA

Ich war eine Hure, Judas, ich weiß, wovon du sprichst.

JUDAS

Du hast dich Männern hingegeben, ohne zu lieben, noch geliebt zu werden.

MARIA

Ja, - jede Nacht suchte ich auf meinem Lager, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn. Aber ich fand ihn nicht. Ich stand auf, durch die Stadt zu gehen, auf Straßen und Plätzen den zu suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn. Aber ich fand ihn nicht. - Ich rief. Aber da war keine Antwort. Die Wächter trafen mich auf ihrer Runde durch die Stadt. Sie schlugen mich blutig und zerrissen meine Kleider. - Ja, ich suchte, den meine Seele liebt. - Aber da waren nur Männer, die mit geilen Fingern meinen Leib begrapschten; die mich zuritten, keuchend, mit stinkendem Atem, um ihren Samen in meinen unfruchtbaren Schoß zu spritzen, und blöde grinsend zogen sie ab.

JUDAS

Maria, hör auf! Das ist vorbei. - Ich hab dich lieb.

MARIA

Eine Hure?

JUDAS

Keine Frau wird als Hure geboren. Und sie stirbt nicht als Hure. Du könntest mit mir …

MARIA

Nein, Judas, ich hab’s gelobt. Und der Meister hat mir vergeben.

JUDAS

Du liebst ihn?

MARIA

Nicht, wie du glaubst. - Judas, er gab mir die Hoffnung auf ein besseres Leben in einer besseren Welt.

JUDAS

Aber es heißt doch: Versage dir nicht das Glück von heute, und geh nicht an deinem Lustanteil vorüber.

MARIA

Der Meister wird bald hier sein, mit Lazarus und den anderen. Du sollst ein Festmahl vorbereiten.

JUDAS

Ein Festmahl? - Wovon?

MARIA

Du sollst es aus der Kasse nehmen.

JUDAS

Aus der Kasse? - Aus welcher Kasse? -

Der ewig leeren?

MARIA

Ich muss die anderen zusammenrufen.

(MARIA geht links ab. JUDAS schaut noch lange auf die geschlossene Tür.)

JUDAS

(scheinbar zum ALTEN) Verhülle das Auge vor einer schönen Frau, und schau nach keiner Schönheit, die nicht dein eigen ist. Denn durch die Schönheit einer Frau sind schon viele irregeworden.

(Der ALTE lacht.)

Die Kasse.

(Er kramt im Sack, zieht eine rostige Kassette heraus und schlägt sie offen verkehrt auf den Tisch, dann hebt er sie langsam.)

Ha!

(Der ALTE lacht blöde.)

Nichts!! Nicht einen Schekel. Das Wunder wäre auch zu klein.

(Er geht mit der leeren Kassette im Hemd links ab.)

3. Szene

(Näherkommender Lärm einer großen Menschenmenge. Die linke Tür geht. Herein kommt LAZARUS, auf MARTHA und JOHANNES gestützt. Sie gehen in den Nebenraum. Zurück bleiben - ohne den ALTEN zu beachten - SIMON, ANDREAS und JAKOBUS, der sehr unter seiner Körperfülle zu leiden hat. Draußen wird es still. Die Stimme des MEISTERS ist zu hören.)

MEISTER

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‘Liebe deinen Nächsten und hasse deinen Feind.’ Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet. - Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr da?

JAKOBUS

Aber wie kann ich denn einen Heiden lieben?

MEISTER

Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. - Seid ihr also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

SIMON

Verlangt er da nicht ein bisschen viel?

MEISTER

Niemand kann zwei Herren dienen. Denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben oder dem einen anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

ANDREAS

Wie meint er das?

MEISTER

Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein. - Sorgt euch nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen.

JAKOBUS

Er hat gut reden. Wir haben seit Tagen nichts Richtiges mehr gegessen.

MEISTER

Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.

JAKOBUS

Allerdings.

MEISTER

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch gemessen werden. - Ja alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut auch ihnen. Denn das ist das ganze Gesetz und die ganze Weisheit der Propheten.

JAKOBUS

Wenn das so einfach wäre, wie es sich redet. Ich habe noch keinem …

ANDREAS

Pst!

MEISTER

Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens Gutes hervor, und der böse Mensch bringt aus dem Bösen Böses hervor. Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.

JAKOBUS

Aber die, die sich verstellen. Es gibt doch

Leute …

ANDREAS

Still!

MEISTER

Selig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes.

SIMON

Aber manche werden nur durch ihre Armut verhindert, Unrecht zu tun.

MEISTER

Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden.

JAKOBUS

Er versteht es, die Seele zu packen.

MEISTER

Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen; wenn sie euch ausstoßen, schmähen und euren Namen als schlecht wegwerfen um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tag und frohlockt, denn seht, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn gerade so haben es ihre Väter den Propheten getan. Doch wehe euch, ihr Reichen, denn ihr habt euern Trost in dieser Welt empfangen. Wehe euch, ihr Satten, denn ihr werdet hungern.

(JAKOBUS lacht.)

Wehe euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet heulen und klagen. Wehe, wenn euch alle Leute schmeicheln, denn ebenso haben es ihre Väter den falschen Propheten getan.

JAKOBUS

(verstimmt) Aber wenn ihm die Leute schmeicheln, woher wissen wir, dass …

ANDREAS

Pst!

(Ein Gewitter zieht auf. Es wird dunkler.)

MEISTER

Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht.

ANDREAS

Aber wieso stirbt es, wenn es doch keimt?

JAKOBUS

Pst!

MEISTER

Wer sein Leben liebt, verliert es; und wer sein Leben in dieser Welt hasst, der wird es zu ewigem Leben bewahren. Wenn einer mir dient, folge er mir; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird ihn der Vater ehren.

(Die Menge jubelt.)

Jetzt ist meine Seele erschüttert, und was soll ich sagen? - Vater rette mich aus dieser Stunde? - Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen!

(Es donnert.)

JAKOBUS

Was war das?

SIMON

(ängstlich) Es klang wie eine Stimme.

ANDREAS

(flüsternd) Die Stimme …

MEISTER

Nicht meinetwegen ist diese Stimme ergangen, (immer erregter) sondern euretwegen. Jetzt ist das Gericht über diese Welt! Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinabgeworfen werden.

(Es beginnt geräuschvoll zu regnen.)

Und ich werde, wenn ich von der Erde erhöht bin, alle an mich ziehen!

(Es blitzt sehr hell.)

Ich bin das Licht der Welt! Wer mir folgt, wird nimmermehr in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben!

(Die Menge jubelt.)

SIMON

Er ist wirklich von einer anderen Welt.

ANDREAS

Wie gewaltig er spricht.

JAKOBUS

Steinigen werden sie ihn, wenn er sich nicht in Acht nimmt. Mal jubeln sie; mal werfen sie Steine. Launisch wie’s Wetter sind sie.

4. Szene

(MARIA und der MEISTER kommen engumschlungen unter einem pitschnassen Umhang herein.)

MEISTER

(beinahe heiter) - Wie geht es Lazarus?

SIMON

Johannes und Martha sind bei ihm.

(Der MEISTER schüttelt den Umhang aus und wringt sich das Wasser aus den Haaren.)

MEISTER

Warum wart ihr nicht draußen?

JAKOBUS

Wir dachten, wenn Lazarus Hilfe braucht, dann sind wir ihm näher.

MEISTER

Du sollst nicht lügen. - Habt ihr zugehört?

ALLE

Ja, Meister.

MEISTER

Und? Habt ihr die Worte verstanden?

JAKOBUS

Ja. (erschrocken, allein geantwortet zu haben) Manches. Was redest du auch ständig in so rätselhaften Gleichnissen?

MEISTER

Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu verstehen, jenen - da draußen - aber ist es nicht gegeben. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen.

(JOHANNES kommt leise aus dem Nebenraum.)

Wie geht es ihm?

JOHANNES

Er schläft fest. Aber er hat ein wenig gegessen.

MEISTER

Seid Judas bei der Hand, wenn er kommt. Wir wollen Gott danken, dass er uns Lazarus wiedergegeben hat.

JAKOBUS

(mit jubelnder Seele) Ein Festmahl?

MEISTER

Du kannst Gott wohl nur mit vollem Magen danken.

JAKOBUS

Nein, Meister, aber wenn der Magen knurrt, dass man das eigene Gebet nicht mehr versteht …

MEISTER

Du sollst nicht lügen. (plötzlich völlig abwesend) Der Menschensohn wird vieles leiden und von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten verworfen und getötet werden. - Und nach drei Tagen wird er auferstehen.

ANDREAS

Wie Lazarus?

MEISTER

Ja, aber zu ewigem Leben.

SIMON

(besorgt) Das verhüte Gott, Meister, die Leute kommen zu uns, deine Stimme zu hören. Keiner will dir mehr übel. Wenn du uns verlässt, das darf nicht sein!

MEISTER

(übermäßig erregt) Hinweg von mir, Satan! Du denkst nicht an die Sache Gottes, sondern die der Menschen!

(Der MEISTER geht erregt ins Nebenzimmer. MARIA folgt ihm.)

SIMON

(entgeistert) Der Menschen?

JAKOBUS

Ist das etwas anderes?

ANDREAS

Natürlich!

JAKOBUS

Dann erklär’s mir.

ANDREAS

Nun ja: Gott ist oben, in der Höhe, und er hat einen Thron von purem Gold und ein Schwert, blinkend wie die Sonne, und über sich das Firmament, nein, um sich, oder unter sich? Er ist eben groß. Mit einem Schwertstreich kann er ganze Völker, wenn sie ihm nicht nach seinem Willen sind und handeln wider das Gesetz, wirklich. -

JAKOBUS

Lieber stumm und dumm, als so viel Unsinn daherreden wie du. Keiner kann sagen, wie Gott ist.

5. Szene

(JUDAS kommt schwer bepackt und keuchend herein. Der ALTE lacht.)

JUDAS

Natürlich, ein Festmahl, und schon sind sie hübsch versammelt, und wenn sie sich an die vier Enden der Welt zerstreut hätten. Wo sind die anderen?

SIMON

(ungeduldig) Zu Haus, nach dem Rechten sehen. Ich müsste auch mal, wenigstens einen Tag. Aber der Meister lässt mich nicht fort. Er sagt: Wenn einer ihm nachfolgen will, so verleugne er sich selbst.

JUDAS

(ungehalten) Das hat er gesagt?

(Er packt die Sachen aus: Hühner, Brot, Gemüse, usw.)

SIMON

Und wer Vater oder Mutter; Sohn oder Tochter mehr liebt als ihn, sei seiner nicht wert.

JUDAS

(noch ungehaltener) Das hat er gesagt? - Du schälst die Zwiebeln.

JAKOBUS

Wieso denn immer ich?

JUDAS

(unwirsch) Weil du der Zwiebelschäler bist!

JAKOBUS

Ach so.

JUDAS

(zu ANDREAS) Du machst das Gemüse zurecht. (zu JOHANNES) Und du hackst den Kohl.

(Er selbst macht sich mit den Hühnern am Herd zu schaffen. Die anderen nehmen unwillig die verteilte Arbeit an.)

Wie viele sollen denn kommen?

(JAKOBUS isst ständig.)

JAKOBUS

Hoffentlich nicht zu viele.

JUDAS

Manch einer ist schon durch Gefräßigkeit zu Tode gekommen.

JOHANNES

Woher hast du denn all die Sachen?

JUDAS

Zum Teil aus Spenden; zum Teil sind sie mir zugelaufen; zum Teil hab ich sie gefunden.

(JAKOBUS lacht unbeherrscht.)

JAKOBUS

Du bist ein Teufelskerl!

ANDREAS

Aber man findet nicht einfach ein Huhn.

JUDAS

Natürlich nicht, - die sind mir zugelaufen.

JOHANNES

Und das Brot und die Sahne hast du gefunden?

JUDAS

Nein, das sind Gaben der Wohltätigkeit.

(JAKOBUS lacht unbeherrscht.)

SIMON

Mein Weib steht kurz vor den Wehen.

ANDREAS

Und der Kohl ist dir wohl auch zugelaufen.

JUDAS

Nicht doch, den hab ich gefunden, am Weg.

JOHANNES

Am Weg? Einfach so am Weg?

JUDAS

Durch die Felder.

(JAKOBUS lacht unter Tränen.)

JAKOBUS

Du bist ein Teufelskerl!

ANDREAS

Lüg nicht! Du hast es …

JUDAS

Vernichten möge Gott die Lippen der Lügner! – Gestohlen? - Hat nicht der Meister gesagt: Geben ist seliger als Nehmen? - Ich nahm, also gab ich mir den unseligeren Teil. Und gäbe es nicht Leute wie mich, wie viele würden die Seligkeit des Gebens nie schmecken.

(JAKOBUS lacht zügellos.)

JOHANNES

Irgendwie scheint er recht zu haben.

ANDREAS

Aber nichts entlässt dich aus dem Gebot: Du sollst nicht …

JUDAS

Das erste Gebot ist: Liebe deinen Nächsten. Und die Hilfe zur Seligkeit gehört mit dazu. Was sollten die Reichen denn dereinst sagen, wenn sie vor Gott stehen, und er mit Donnerstimme sagt: ‘Schwerlich bleibt ein Kaufmann frei von Schuld und wird ein Geschäftsmann rein bleiben von Sünde. - Alle sind abgewichen; alle verderbt; nicht einer, der Gutes täte, nicht einer!

(Er betrachtet entsetzt die schmutzigen Hände JAKOBUS’.)

Nicht einer, der reine Hände hat und ein lauteres Herz; der seinen Sinn nicht lenkt auf Trug; nicht verlogen schwört seinem Nächsten.

(Er streckt die Hand beschwörend nach ANDREAS aus.)

Ist einer, der für diesen Sünder spricht?’ - Dann werde ich vor Gott hintreten und sagen: ‘Allmächtiger, habe denn Acht auf das Flehen deines Knechtes Judas. - Dieser da hat mir gegeben in der Not und deinen Sohn und seine Freunde vor dem Hungertod bewahrt. - Sei gnädig.’

(JAKOBUS lacht maßlos.)

JOHANNES

Was er sagt, das klingt doch wahr.

SIMON

(abwesend) Meine Schwiegermutter bringt mich um, wenn ich nicht bald bei ihnen aufkreuze.

ANDREAS

Judas, du bist ein Lügner und ein Dieb. Wer weiß, was noch alles. Du wirst nicht im Reich Gottes enden, sondern wie dein Vater am Kreuz.

JUDAS

Schweig! - Es gibt ein Reden, das den Tod verdient. - Wenn du nicht taub wärst, hättest du die Worte des Meisters noch im Ohr: Ihr werdet bei der Welterneuerung auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. - Hat er das gesagt oder nicht?

(JAKOBUS hat aufgehört zu lachen.)

JAKOBUS

Genau so hat er gesprochen.

JUDAS

Und dann lästere nicht über meinen Vater. (mit Pathos) Er war ein Prophet!

JAKOBUS

Ein Prophet?

JOHANNES

(entsetzt) Judas, das ist kein Spaß. - Ein richtiger Prophet?

JUDAS

(ruhig, in Gedanken) Ja. - Er war ein Mann der Gerechtigkeit, geradezu besessen. Er nahm jenen, die zu viel hatten, und gab es denen, die nichts hatten als das nackte Leben. - Ein Prophet des Maßes war er in einer maßlosen Welt. -

Aber alle Leidenschaft ist Fraß in den Knochen. - Er brannte für seine Idee, und die Reichen kochten darüber vor Wut, denn sie konnten ihn nicht fassen. - So legten sie ihm ohne Anlass ein Netz und schaufelten ohne Anlass seinem Leben die Grube. Und er fiel hinein. - Jede leidenschaftliche Seele richtet früher oder später ihren Besitzer zu Grunde und macht ihn am Ende zum Gespött seiner Feinde. (tief in Gedanken) Der Mensch ist nur ein Hauch, er geht vorüber wie ein Schatten.

(schelmisch zu JAKOBUS) Deshalb brauchst du nicht zu heulen.

JAKOBUS

Es sind die Zwiebeln.

JUDAS

Weiß Gott, nichts Schlimmeres als das Auge wurde erschaffen. Drum muss es auch bei jeder Gelegenheit heulen.

(Er sammelt Zwiebeln, Gemüse und Kohl und wirft es in den Kessel.)

SIMON

Am Ende merkt er nicht mal, wenn ich fort bin.

ANDREAS

Aber es macht keinen Unterschied, ob ich einem Armen oder einem Reichen einen Kohlkopf oder einen Ochsen, einen oder tausend Denar …

JUDAS

Und ob das einen Unterschied macht. Was hat der Meister gestern erzählt? - Na?

JAKOBUS

Irgendwas von Kamelen und reichen Leuten.

JOHANNES

Leichter kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Reich Gottes.

JUDAS

Und? - Habt ihr das kapiert?

JAKOBUS

Ja.

ANDREAS

Natürlich.

SIMON

(in Gedanken) Ich brauchte nur ein paar Tage, damit es nicht so aussieht, als wäre ich einfach fortgerannt. Das muss er doch verstehen.

JUDAS

(zu JOHANNES) Dann erkläre uns die Sache mit dem Kamel.

JOHANNES

Andreas kann es besser.

ANDREAS

Ich? Wieso schon wieder ich? Ich hab erst vorhin …

JAKOBUS

(spöttisch) Weil du halt der klügste Kopf von uns bist. Oder nicht?

ANDREAS

(zögerlich) Ich denke mir das so: Das Kamel ist das Symbol für Ägypten, was der Erzfeind des Volkes Israel ist und damit das Symbol all unserer Feinde überhaupt.

JAKOBUS

(hilfesuchend) Judas …

JUDAS

Lass ihn. Ich glaube, er ist nahe dran.

ANDREAS

(ermutigt) Und das Nadelöhr ist ein Symbol für das einfache Volk Israel, die Handwerker, Schneider und Fischer zum Beispiel.

(JUDAS nickt.)

(überzeugt) Und wenn die Kamele glauben, uns Handwerker an den Bettelstab bringen zu können, dann werden sie mit Gottes Hilfe …

JAKOBUS

Lieber stumm und dumm …

ANDREAS

Aber Judas meint auch …

JUDAS

Nicht ganz.

JOHANNES

(zu JUDAS) Erkläre du’s.

JUDAS

Das ist doch ganz einfach: Wenn ein Reicher ins Reich Gottes kommen will, müssen wir entweder die Nadelöhre größer oder die Kamele kleiner machen, das ist doch logisch.

ANDREAS

Du bist ein Lästermaul! Ein Nadelöhr, durch das ein Kamel passt, wäre kein Nadelöhr mehr, und ein Kamel, das durch ein Öhr passt, kein Kamel.

JAKOBUS

(spöttisch) Das hat er fein gesagt.

JOHANNES

Er hat recht, Judas.

JUDAS

Ja, dann sehe ich für den Reichen keine andere Möglichkeit, als arm zu werden.

ANDREAS

Kein Mensch wird freiwillig arm, wenn er die Wonnen des Reichtums einmal genossen hat.

JAKOBUS

Das hat er aber auch nicht schlecht gesprochen.

JUDAS

Umso glücklicher können sie sich schätzen, dass es ein paar verständige Menschen wie mich gibt, die ihnen dabei behilflich sind. Die meisten Leute muss man zu ihrem Glück zwingen. Damit einige überhaupt geben, muss unsereiner ab und an im Nehmen unnachgiebig sein.

JOHANNES

Das ist doch nicht von der Hand zu weisen.

ANDREAS

Ach was, er lügt, wenn er den Mund aufmacht.

(JAKOBUS tippt sich an die Schläfen.)

JAKOBUS

Aber hier hat er’s.

SIMON

(in Gedanken) Vielleicht hat sie schon entbunden, und der eigene Vater ist bei der Beschneidung nicht dabei.

JAKOBUS

Vielleicht hast du Glück, und es ist nur ein Mädchen.

6. Szene

(JUDAS stellt den dampfenden Kessel auf den Tisch, der sofort zum magischen Mittelpunkt wird. Dann stellt er sich mit erhobenem Rührholz gebieterisch hinter ihn. JAKOBUS wagt sich mit der Nase über den Kesselrand und erhält dafür einen kräftigen Schlag in den Nacken.)

JAKOBUS

Und die Hühnchen?

JUDAS

Die kommen später.

ANDREAS

Was denn, bloß Gemüse?

JUDAS

Besser, ein Gericht Gemüse in Liebe, als ein gemästeter Ochse und Hass dabei.

SIMON

Am Ende haben sie nicht mal satt zu essen. Und ich sitze hier …

JAKOBUS

Brennst du nicht, unser Urteil zu hören?

JUDAS

Wozu? - Der Satte tritt besten Honig mit Füßen; der Hungrige aber findet auch das Bittere süß.

JOHANNES

(ungeduldig) Dann lass uns wenigstens einen Vorschuss nehmen, bis der Meister kommt.

(JAKOBUS ist als erster mit der Hand im Kessel.)

JUDAS

Pass auf!!!

(JAKOBUS zieht hektisch die Hand zurück.)

Schnell hat der Faule seine Hand in die Schüssel gesteckt, schon ist er zu müde, sie zum Mund zu führen.

(Alle gieren nach dem Kessel.)

Halt!! - Wie heißen die Gebote bei Tisch?

- Jakobus?

JAKOBUS

Bei Tisch?

JUDAS

(gespielt entrüstet) Du kennst sie nicht?

JAKOBUS

Doch, doch.

(Er fingert ungeduldig an seinem Brotbrocken.)

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein?

JUDAS

Falsch. - Na? - Für jedes Gebot einen Löffel. - Nichts? Gut, dann fang ich an. Erstes Gebot: Dorthin, wohin dein Gastgeber blickt, strecke deine Hand nicht aus, damit du mit ihm nicht zusammentriffst in der Schüssel.

(Er isst.)

SIMON

Und wenn es doch ein Junge wird? Ich hab doch noch keinen.

JAKOBUS

Ach so.

(Er will essen. JUDAS schlägt ihm auf die Finger.)

JUDAS

(mit vollem Mund) Zweites Gebot: Iss wie ein wohlerzogener Mensch, was man dir vorsetzt, und schlürf nicht, dass man dich nicht verachte.

(Er isst schlürfend.)

JAKOBUS

(unterwürfig) Ja, das ist richtig.

(Er will essen. JUDAS holt nur mit dem Rührlöffel aus.)

JUDAS

Drittes Gebot: Wenn du unter vielen sitzt, so greife deinem Nachbarn nicht vor.

(Er isst.)

JAKOBUS

Aber ich bin dein Nachbar. So brichst du mir gegenüber das Gebot.

JUDAS

(nebenbei) Einer muss es brechen, sonst gehen alle hungrig vom Tisch.

ANDREAS

(mürrisch) Ein komisches Gebot.

JUDAS

Die meisten Gebote sind so.

JOHANNES

Aber wozu sind sie gut, wenn sie einer doch brechen muss?

JUDAS

Damit man die Spitzbuben von jenen mit guter Erziehung unterscheiden kann.

JOHANNES

Und wenn kein Spitzbube in der Runde sitzt?

SIMON

Die Leute werden sich schön das Maul zerreißen.

JUDAS

Dann muss ihn einer wie ich spielen. - Viertes? (JAKOBUS ertappend) Schäme dich, den Ellbogen bei Tisch aufzusetzen.

(Er isst.)

ANDREAS

Das soll ein Gebot sein? Da kenn ich wohl auch welche.

JAKOBUS

(schnell) Popel nicht in der Nase und spuck nicht auf den Fußboden.

(Er will essen.)

JUDAS

Wo steht das?

JAKOBUS

Man sagt’s halt so.

(JUDAS schüttelt den Kopf.)

JUDAS

Fünftes Gebot: Habe den Anstand, als erster aufzuhören, und sei kein Vielfraß.

(Er isst.)

Sechstes: Auch das Wenige genügt dem verständigen Menschen. Dann ist sein Atem auch ruhig auf seinem Lager.

(Er isst.)

JAKOBUS

(schnaufend) Das Wenige.

JUDAS

Siebtes: Gesunden Schlaf hat der, der den Magen nicht überlädt, dann ist er am Morgen auch gleich bei sich.

(Er isst.)

JAKOBUS

(immer verzweifelter) Ich könnte ruhig und gesund schlafen, wenn im Magen nur erst was drin wäre!

(Die anderen haben zunehmend Spaß an der Szene.)

SIMON

Vielleicht hab ich schon einen Sohn, einen richtigen Sohn.

JUDAS

Achtes: Schlaflosigkeit, Erbrechen und Leibschmerzen bekommt ein unmäßiger Mensch.

(Er isst.)

JAKOBUS

Dann sieh nur zu!

JUDAS

Neuntes: Der Gerechte isst, bis er satt ist; der Bauch der Frevler aber hat immer zu wenig.

(Er leckt den Löffel ab und legt ihn beiseite.)

JAKOBUS

(gebrochen) Bist du fertig?

JUDAS

Zehntes Gebot: Preise deinen Schöpfer für all dies, der dich so reichlich gelabt hat mit seinen Gütern.

(JAKOBUS will essen.)

Halt!!!

(JAKOBUS schreckt zurück.)

JAKOBUS

Was denn noch?

JUDAS

Du wirst dich doch wohl nicht an Diebesgut vergreifen.

JAKOBUS

(an der Grenze der Beherrschung) Judas, du hast mitunter eine Art, die es einem nicht leicht macht, dir gut zu sein im Herzen.

JUDAS

(sehr mild) Verzeih mir, Bruder. - Gib dich nicht der Sorge hin, und komm nicht zu Fall durch dein Grübeln.

(MARIA kommt leise mit MARTHA aus dem Nebenraum.)

MARIA

Judas, der Meister will dich sprechen.

JAKOBUS

(erleichtert) Na, geh schon.

(JUDAS geht zögerlich ab.)

2. Bild

Schlafraum im Haus des Lazarus

Im Hintergrund steht ein verhängtes Bett, ein Schrank, eine Truhe, sonst nichts.

1. Szene

(Der Meister steht mit dem Rücken zum hereinkommenden JUDAS und betrachtet scheinbar den schlafenden Lazarus.)

JUDAS

(nach langem Schweigen) Zufrieden?

MEISTER

- Ja.

JUDAS

(ruhig) Dabei hättest du allen Grund, unzufrieden zu sein.

(Der MEISTER dreht sich um.)

MEISTER

Sahst du die Leute?

JUDAS

Seit wann halten wir uns an die Leute? Der Erfolg macht dich leichtsinnig. Du achtest nicht mehr auf deine Worte. Die Gleichnisse werden immer unverständlicher und schwächer. Du keifst wie ein Händler, anstatt zu lehren!

MEISTER

(müde) Wie heftig du sprichst.

JUDAS

Ich muss! Soll ich zusehen, wie du alles verdirbst? Was soll das Gleichnis von den Talenten? Die Spatzen pfeifen’s von den Dächern wie einen Hymnus auf den Wucher!

MEISTER

Du weißt, wie es gemeint ist.

JUDAS

Darum geht es nicht! Die Leute da draußen streiten sich schon jetzt. Und jeder legt es aus, wie er es braucht, und wie’s ihm nützlich und erträglich ist, ein jeder nach seiner Notdurft.

MEISTER

Ich kann nicht der Einfalt der Leute folgen.

JUDAS

Aber ebenso wenig sollst du sie dummmachen!

MEISTER

Gott will, dass die Weisheit seiner Weisen verlorengeht und die Klugheit seiner Klugen sich verbirgt. - Denn da die Welt in ihrer Weisheit Gott nicht erkannte, hat Gott es für gut befunden, durch die Torheit seiner Predigt jene zu retten, die da glauben.

JUDAS

Ist das dein Ernst? - Das ist Irrsinn!

MEISTER

(ruhig) Du sprachst noch nie so zu mir.

JUDAS

(zwingt sich zur Ruhe) Ja, Meister, aus Achtung nahm ich vieles hin. Aber seit gestern …

MEISTER

Gestern?

JUDAS

Die Geschichte mit dem Feigenbaum …

MEISTER

(erregt) Er soll verdorren. Und er wird verdorren!

JUDAS

Aber warum? - Weil er keine Frucht zur Unzeit trug? Kein Baum bringt Frucht, wenn nicht die Zeit der Früchte ist.

MEISTER

(verwundert) Ich allein bestimme die Zeit.

JUDAS

Dann bete mit mir, im Feigenbaum nicht am Ende dein eigenes Gleichnis zu finden. Vielleicht ist die Welt nicht reif und wird nie reif werden für deine Frucht.

MEISTER

(nüchtern) Meine Frucht? Judas, unsere.

JUDAS

Ist es noch unsere?

MEISTER

Immer mehr verlassen Haus und Familie und folgen uns nach …

JUDA

… und verleugnen sich selbst und hassen das Leben?

MEISTER

Ja! - Dieses Leben.

JUDAS

Die Nächstenliebe beginnt bei der Liebe zu sich selbst. Und die Liebe zum Leben …

MEISTER

Judas! An der Eigenliebe wird die Welt ersticken, wenn wir sie nicht retten werden!

JUDAS

Dann muss sie halt ersticken!! - Aber wir sind nicht ausgezogen, Selbstverleugnung und Lebenshass zu lehren!

MEISTER

(geschlagen) Demut und Liebe.

JUDAS

(erleichtert, wie einen alten Schwur) Demut und Liebe. - Ist nicht geschrieben: Er wird den Völkern die Wahrheit verkünden? - Er wird nicht schreien noch streiten, und auf den Straßen wird man seine Stimme nicht hören? Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen, bis er das Recht zum Sieg hinausführt? Und auf seinen Namen werden die Völker hoffen? - Sieh sie dir an: geknechtet wie eh, und wo immer sie frei werden, knechten sie sich selbst.

MEISTER

Wo ist der, der versucht wurde und unversehrt blieb? Der sich verfehlen und seinem Nächsten Böses tun konnte und tat es nicht?

JUDAS

(gefasst) Werde kein Richter, wenn du nicht die Kraft hast, das Unrecht auszurotten - oder wenigstens zu ertragen. Sie tun es weder, weil es ihnen Spaß macht, noch, weil sie eine Wahl haben. Sie wissen es nicht besser.

MEISTER

(bitter) … und wollen es nicht wissen!

JUDAS

Und warum, meinst du, laufen sie dir nach? - Die Wahrheit ist einfach. Also rede in einfachen Worten zu ihnen und nicht in verworrenen Gleichnissen, die kein Mensch versteht.

MEISTER

(erregt) Du weißt es besser! Gerade die einfachen Worte sind ihnen verdächtig. Nur was sie nicht verstehen, in großen Worten gesprochen, dünkt ihnen wahr. - Der Täufer sprach in einfachen Worten. Jetzt ist er tot!

JUDAS

Aber nicht seine Wahrheiten haben ihn …

MEISTER

Nein, (erstickt) die Eitelkeit und Geilheit eines Weibes hat ihn zu Fall gebracht!

JUDAS

Na fein. So folgst du auch schon dem Gewäsch und Klatsch der Leute? Natürlich war’s ein Weib, wie immer.

MEISTER

Einerlei, durch wen er fiel. Er ist tot.

JUDAS

Wir sind in seinem Erbe. Und du leistest dem Freund einen schlechten Dienst.

MEISTER

(immer leidenschaftlicher) Oh nein, ich erfülle, was er begonnen hat.

JUDAS

Indem du das Prophetenwort erfüllst: Verstocke das Herz dieses Volkes; mache seine Ohren taub, damit es hörend nicht hört; und verklebe seine Augen, damit es sehend nicht sieht, dass es nicht zur Einsicht kommt, sich nicht bekehrt und Heilung findet; bis die Städte zerstört und ohne Bewohner sind, und der Acker als Wüste daliegt; bis Gott die Menschen vertrieben haben wird, und die Verödung groß sein wird im Land?

MEISTER

(geheimnisvoll) Ja, Judas. - Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. Und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat.

JUDAS

(sehr besorgt) Meister!

MEISTER

Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt. Und wer meine Worte hört und nicht bewahrt, den richte nicht ich. Denn ich bin nicht in die Welt gekommen, die Welt zu richten, sondern zu retten. Wer mich ablehnt und meine Worte nicht annimmt, der hat seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am jüngsten Tag.

JUDAS

(immer besorgter) Meister, keiner hat die Wahrheit für sich, auch du nicht.

MEISTER

Ich habe nicht von mir aus gesprochen, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir den Auftrag gegeben, was ich reden soll. Und ich weiß, dass sein Auftrag ewiges Leben ist. Was ich also rede, rede ich so, wie der Vater es mir gesagt hat.

JUDAS

(erschüttert) Willst du aus unserem Spiel Ernst machen? - Blutigen Ernst?

MEISTER

Es ist kein Spiel mehr. Johannes ist tot! Tot, verstehst du?!

JUDAS

Das war nicht vorherzusehen!

MEISTER

(sehr erregt und verbittert) Seit den Tagen des Täufers bis heute leidet die Idee vom Reich Gottes Gewalt, und Gewalttätige reißen sie an sich!

JUDAS

Nicht Gewalttätige, Kranke.

MEISTER

Ich habe die Medizin: Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben. Wer aber dem Sohn ungehorsam ist, wird das Leben nicht schauen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.

JUDAS

Meister, die letzten Tage waren zu viel für dich. Du brauchst Ruhe. (nach einer Weile) Nur weil der Arzt die Medizin liebt, muss er nicht auch selbst krank werden! - Hör doch: Wer heilte den Arzt?

MEISTER

Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.

JUDAS

Du meinst: Wer sündigt, gerät dem Arzt in die Finger? - Aber eine lange Krankheit spottet des Arztes. Und am Ende wird man fluchen: Arzt, heile dich selbst!

MEISTER

(verklärt) Nicht Heilung zu finden, bin ich gesandt. - Der Menschensohn wird den Heiden überliefert, verspottet, misshandelt und angespuckt werden, und sie werden ihn geißeln und töten, und am dritten Tag wird er auferstehen.

JUDAS

Nein! Das ist viel zu gefährlich. Wenn es schiefgeht, wird es ein sinnloses Opfer sein. - Das zweite!

MEISTER

(fanatisch) Nur eine Botschaft, die am Kreuz endet, wird wachsen und stark werden. Unter einem fetten Steiß ging noch die schönste Utopie zugrunde. - Erst wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren und an das ewige Leben glauben, das der Menschensohn ihnen verhieß.

JUDAS

Nein! Du kommst nicht ans Kreuz. Sie werden dich steinigen. Und außerdem: Wenn sie auf Moses und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

MEISTER

Und Lazarus? Du hast die Leute gesehen. Was wird erst geschehen, wenn der Menschensohn von den Toten auf…

JUDAS

(verzweifelt) Nein! Lazarus war nicht tot. Und er wird schon bald zum Stein des Anstoßes werden.

MEISTER

Du lügst! Er war tot! - Tot! Und ich …

JUDAS

Ein Toter, der nach vier Tagen noch nicht riecht? Ein Arzt sollte es besser wissen.

2. Szene

(NIKODEMUS betritt beinahe vermummt den Raum.)

JUDAS

(erleichtert) Nikodemus.

(NIKODEMUS verneigt sich.)

NIKODEMUS

Gott zum Gruß!

JUDAS

Er ist ein Mann des Hohen Rates.

MEISTER

(unwirsch) Was hast du mit diesen Leuten zu schaffen? mit den Mächtigen dieser Welt und dieses Lebens?

NIKODEMUS

(heiter) Guter Meister, was muss ich tun, um ewiges Leben zu erlangen?

MEISTER

Was nennst du mich gut? Nur einer ist gut: Gott allein. - Die Gebote kennst du?

JUDAS

Meister.

NIKODEMUS

(mitspielend) Ich habe sie von meiner Jugend an befolgt.

MEISTER

Eines fehlt dir: Geh, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben. - Dann komm und folge mir nach.

NIKODEMUS

(ernst) Meister, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen bist. Denn niemand kann diese Zeichen wirken, wie du sie wirkst, (mit Seitenblick zu JUDAS) - wenn nicht Gott mit ihm ist.

MEISTER

(versöhnlich) Wer nicht von oben her geboren wird, kann das Reich Gottes nicht schauen.

NIKODEMUS

Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er, wie ich, ein Greis ist? Kann er etwa zum zweiten Mal in den Schoß seiner Mutter eingehen?

MEISTER

Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann nicht in das Reich Gottes eingehen. Was aus Fleisch geboren ist, ist Fleisch; was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.

NIKODEMUS

Ich glaubte bisher: Der Eingang ins Leben ist für alle der eine, wie auch der Ausgang für alle der gleiche ist. - Wie also kann das geschehen.

MEISTER

Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht? - Ja, was wir wissen, reden wir, und was wir gesehen haben, bezeugen wir. Ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. Ihr glaubt nicht, wenn ich von den irdischen Dingen rede; wie werdet ihr glauben, wenn ich von den himmlischen Dingen zu euch rede? (immer entrückter) Und doch ist niemand in den Himmel hinaufgestiegen, außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist: Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, durch ihn ewiges Leben hat. - Denn Gott hat den Sohn nicht auf die Erde gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. Darin aber besteht das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen die Finsternis mehr lieben als das Licht; denn ihre Werke sind böse. Jeder, der Schlechtes tut, hasst das Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zum Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott getan sind!

(NIKODEMUS sieht JUDAS besorgt an.)

NIKODEMUS

Der Hohe Rat ist voller Sorge - und Hass. Auch wenn du es nicht willst, du gießt Öl in die Flamme des Aufruhrs, die allerorten zu züngeln beginnt. Der Aufstand des Barabbas konnte noch ohne Folgen für unser Volk vereitelt werden.

JUDAS

Barabbas ist ein Hitzkopf, der mit dem Tod spielt.

NIKODEMUS

Wie leicht wird aus einem Hitzkopf der Kopf einer Bewegung. Ich erinnere mich noch gut des großen Aufstandes Judas’ von Galiläa in Jerusalem. Fast dreißig Jahre mag das jetzt her sein. Varus verfolgte unerbittlich die Aufrührer. Die Aufständischen wurden in alle Winde zerstreut. Über zweitausend wurden gekreuzigt. - Auch mein Vater war unter ihnen.

JUDAS

Varus hat seinen Lohn.

MEISTER

Wovon redest du?

NIKODEMUS