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"Stummer Schrei" ist die wahre Lebensgeschichte von "Helma Bauer" ein Kind des Zweiten Weltkrieges. Helma wächst mit ihren Eltern und vier Brüdern in einem kleinen Zechenhaus in Essen-Altenessen auf. Die Eltern sterben früh, Helma lernt schnell Verantwortung für sich und ihre Brüder zu übernehmen. Die Diagnose Parkinson-Demenz zerstört ihr Leben. Sie verbringt ihren Lebensabend in einem Pflegeheim und ist auf Hilfe anderer Menschen angewiesen. Ihre Tochter begleitet sie auf ihrem letzten Weg. Helma ist gefangen in ihrem eigenen Körper. Sie kann sich nicht mehr äußern und baut körperlich immer mehr ab. Andrea, ihre Tochter setzt sich für ihre Mutter ein, damit deren Leben einigermaßen erträglich ist. Es gibt viele Hürden zu überwinden. Mutter und Tochter verstehen sich auch ohne Worte.
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Andrea Damerow, »Stummer Schrei«
ISBN 978-3-95645-827-9
Texte: 2016 Andrea Damerow
Alle Rechte vorbehalten
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Helma Bauer wird am 19.10.1934 in Essen geboren. Sie war das vierte Kind ihrer Eltern und bekommt zwei Jahre später noch einen kleinen Bruder. Als einziges Mädchen in der Familie lernt sie schnell, Verantwortung zu übernehmen. Sie wächst während des Zweiten Weltkrieges auf und verliert frühzeitig ihre Eltern. Danach kümmerte sich Helma um den Haushalt und ihre Brüder, besonders um den jüngeren Ewald. Bis zum Abriss lebte sie noch mit ihrem kleinen Bruder in dem Zechenhaus ihrer Eltern. Sie lernte einen Mann kennen und heiratete ihn. 1965 kommt ihre Tochter Andrea zur Welt, die dieses Buch geschrieben hat. Helma wird zur alleinerziehenden Mutter, was zur damaligen Zeit noch nicht gesellschaftsfähig ist. Sie schlägt sich durchs Leben und kämpft für eine gute Zeit mit ihrer Tochter. Beruflich findet sie ihre Anerkennung in einer kleinen Bäckerei. Dort arbeitet sie 22 Jahre lang, bis zu ihrem 72sten Lebensjahr. Helma unternimmt erst spät Reisen mit dem Flugzeug und landet mit 60 Jahren erstmalig in ihrem Traumland Ägypten. Sie schöpft nie aus dem Vollen, teilt sich ihr weniges Geld gut ein und ist stets zufrieden mit dem, was sie hat. Andrea wünscht ihr einen schönen Lebensabend, aber verschiedene Erkrankungen, besonders die Diagnose »Parkinson«, lassen sie im fortschreitenden Alter hilfsbedürftig werden. Ein Zustand, den die immer so selbst ständige Helma nie gewollt hätte.
Es ist der 19.10.1934. Ein sonniger Herbsttag, an dem ich das Licht der Welt erblicke. Ich heiße Helma und freue mich auf meine Geschwister Hans, Hermann und Egon. Meine großen Brüder, die nun endlich eine Schwester haben. Helma heißt »die Beschützerin«, welche ich auch sein werde. Ich mag meinen Namen, da er nicht so oft vorkommt. Er ist etwas Besonderes, so, wie ich es bin. Luise, meine Mutter, ist noch ganz erschöpft. Hermann, mein Vater, ist ganz aufgeregt. Endlich ein Mädchen nach den drei Jungen. Ich habe einen hellen, blonden Flaum auf dem Kopf und bin in guter Verfassung. Hunger habe ich und schreie erst einmal los. Ich bekomme, was ich brauche, und danach schlafe ich ein wenig, denn eine Geburt ist ja auch für Babys anstrengend. Hans kann den Blick nicht von mir lassen. Er ist mein ältester Bruder und schiebt Hermann und Egon immer wieder weg, wenn sie auch nach mir schauen wollen. Dann boxt Hermann Hans in die Seite, damit er endlich Platz macht an meinem Bettchen. Ich höre, wie sie sagen: »schau mal, die kleinen Fingerchen und Füßchen.« Egon meint, ich wäre ganz schön schrumpelig. Na ja, sie hätten sich damals selbst betrachten sollen. Mir ist das auch egal, was sie sagen und denken, Hauptsache, ich bin endlich da und habe eine Familie, die mich so liebt, wie ich bin. Hermann, mein Vater, geht direkt zum Nachbarn rüber und verkündet dort die frohe Botschaft. »Was, ein Mädchen?«, meint Taubenjupp. Das ist ja ein wahrer Grund zum Feiern. Jupp holt direkt den Korn aus dem Kühlschrank und stößt mit meinem Vater auf mich an.
»Wie soll sie denn heißen?« »Helma«, meint mein Vater.
»Helma, das ist aber ein seltener Name, wie wäre es denn mit Helga?« »Ne, so heißt doch die Schiele von der Vogelheimer«, erwidert mein Vater. Jupp schüttet noch einen Korn ein und somit ist mein Name besiegelt.
Hermann kennt Jupp schon von frühester Kindheit an. Sie gingen als Jungen zusammen zur Schule und heckten anschließend so manchen Streich aus. Klingelmännchen bei Hella Hofmeister, Pflaumen klauen bei der Gerda Winkelhut oder Oma Marta die Stricknadeln aus dem Strickzeug ziehen, wenn diese eingenickt war. Ja, sie sind echte Freunde und haben auch ein gemeinsames Hobby: Tauben züchten, wie es sich für anständige Bergleute gehört. Es gibt verschiedene Gründe, warum Brieftauben so viel Spaß bereiten. Einerseits kann man sich mal in Ruhe auf den Taubenschlag zurückziehen, andererseits gibt es auch viel Anerkennung, wenn eine Taube einen Sieg einfliegt, und dann hat man einen Grund zu feiern, so wie heute.
Hermann und Jupp haben aber auch schon Schlimmes durchgemacht. Damals, als Horst in der Grube von einem Stollen begraben wurde. Wochenlang konnten sie die Bilder nicht aus dem Kopf kriegen. Nur ein Arm war noch von Horst zu sehen, alles andere war unter dem Stollen. Horst war sofort tot. Er musste wenigstens nicht leiden. Das war ein schwacher Trost, aber immerhin war es einer.
Heute ist ein schöner Tag. Helma wurde geboren und endlich gibt es eine neue weibliche Person in der Familie, die Luise später einmal zur Hand gehen kann. Luise ist Hausfrau. Eigentlich wollte sie nur zwei Kinder. Am liebsten einen Jungen und ein Mädchen, wie es sich wohl alle Frauen wünschen. Egon war der dritte Junge hintereinander. Als er zur Welt kam, sagte meine Mutter: »Na, Hauptsache, gesund.«
Manchmal hoffte sie auch, es wäre endlich Schluss mit dem Kinderkriegen, denn seit frühester Kindheit litt sie an Rheuma. An manchen Tagen wusste Luise nicht, wie sie den Kochtopf vom Ofen heben sollte, so weh taten ihre Finger. Beim Putzen war es noch schlimmer.
Luise beklagte sich nie, denn eigentlich gibt es doch nichts Schöneres als eine intakte Familie. Auf Hermann konnte sie sich immer verlassen. Er brachte pünktlich das Geld nach Hause, und wenn er sie einmal nervte, schickte sie ihn auf den Taubenschlag und erfand, dass es einer seiner Tauben nicht gut ging. Manche Tauben hatten einen Namen, das waren die guten Flieger. Wenn Luise dann mal sagte: »Der Bernie schlägt so komisch mit den Flügeln,« war Hermann sofort oben und schaute nach dem Rechten. War er erst einmal dort, blieb er eine Weile. Schaute aus dem Dachfenster in den Himmel und träumte sich in vergangene Zeiten zurück. Hermann hustet häufig, er hat Staublunge, welche ihn nicht daran hindert zu rauchen. Rauchen ist schick. Ein Mann von Welt muss rauchen als Zeichen für Selbstbewusstsein und Stärke. So wurden Raucher früher gesehen. Hermann ist der Chef im Haus, deshalb darf er sich den Luxus auch gönnen. Seine Söhne erzieht er zur Härte. Sie sollen im Leben mal etwas erreichen. Geheult werden darf nicht, das ist ein Zeichen von Schwäche. Egon hatte sich einmal beim Fußballspielen das Knie aufgeschlagen. Er wollte gerade anfangen zu weinen, als Hermann um die Ecke kam und ihm noch einen Schlag in den Nacken gab mit den Worten: »Du hörst jetzt sofort mit der Heulerei auf, sonst wird nichts aus dir. Männer, die weinen, sind Schwächlinge und die gibt es in unserer Familie nicht.« Hermann meint dieses nicht böse. Er kannte es ja selber nicht anders von seinem Vater. Jetzt, wo er oft Schmerzen beim Husten hat, sagt er ja auch nichts.
Schmerzen gehören einfach zum Leben und werden als notwendiges Übel akzeptiert, so lautet seine Devise. Seine Jungs sollen nicht Bergmann werden, damit sie ihre Gesundheit nicht kaputtmachen.
Luise liebt ihren Hermann so, wie er ist. Er war ihr erster Freund und mit ihm wollte sie alt werden.
Gemeinsam die Kinder und später die Enkelkinder großziehen. Sie lebt für ihre Familie und jetzt hat sie ja auch endlich ein kleines Mädchen, so, wie sie es einmal war. Helma, die Beschützerin, beschütze unsere Familie.
Ich bin ein ruhiges Mädchen und schreie nicht so wie die anderen. Ich bin pünktlich zum Feierabend und Wochenende gekommen, denn es ist Freitag. Luise, meine Mutter, hat schon vorgekocht. Sie muss wohl gewusst haben, dass ich heute komme. Hans steht am Ofen und wärmt die Linsensuppe auf. Hermann ist mit Egon noch zum Spielen raus. Schließlich müssen sie ja noch ihren Freunden Bescheid sagen, dass sie nun eine kleine Schwester haben. Willi, der eine ältere Schwester hat sagt zu Hermann: »Gut, eine Schwester hat Vorteile. Man kann sie später an den Zöpfen ziehen, wenn sie einen ärgert.« Fritz hat keine Schwester, nur einen Bruder. Er meint: »Toll, eine Schwester kann dir die Schuhe putzen, Socken stopfen und Hemden bügeln.« »Ne, Helma soll es gut bei uns haben. Wir werden mit ihr spazieren gehen und später einmal einen geeigneten Freund für sie aussuchen«, gibt Egon zum Besten. Die Jungen lachen. Hermann und Egon sind richtig stolz auf ihre kleine Helma. Gegen 18.00 Uhr machen sie sich dann wieder auf den Heimweg. Hans hat den Topf mit der Linsensuppe auf den Tisch gestellt und Luise holt die Teller aus dem Schrank. Nur Hermann, ihr Mann, ist noch nicht wieder zurück. »Hans, gehst du mal schnell zum Jupp rüber und sagst unserem Chef Bescheid, dass es Essen gibt.« Hans macht sich auf den Weg und klopft bei Müller an.
Trude, Jupps Frau, öffnet die Tür und zeigt nur mit dem Finger nach oben. Hermann und Jupp sind zum Taubenschlag hoch und schauen versonnen aus dem Fenster.
Jupp hätte auch gerne Kinder gehabt, aber seine Trude konnte leider keine kriegen. »Essen ist fertig!«, ruft Hans seinem Vater entgegen.
Hermann dreht sich zu ihm um und haut Jupp noch einmal auf die Schulter. »Ich muss,« sagt er, »die Familie ruft, wir sehen uns morgen.«
Als Hermann zur Tür hereinkommt, sitzen alle schon am Tisch. »Na, Hermann, hast du dir ein Schnäpschen gegönnt?«, fragt ihn Luise. »Woher weißt du das?«, fragt Hermann. »Ich bin jetzt seit 15 Jahren mit dir verheiratet, da kenne ich deine Gewohnheiten.« Hermann schaut verdutzt und die Geschwister lachen, bevor sie sich an die Suppe begeben.
Ich schlafe noch ein wenig und fühle mich wohl in meiner Haut. Alle haben gute Laune und es ist Wochenende, das erste in meinem Leben. Ich höre den Gesprächen am Tisch zu, auch wenn ich nicht alles verstehe. Ich präge mir die Stimmen genau ein, besonders die von meiner Mutter, da diese ja die wichtigste Person für mich ist. Dann merke ich, dass ich nass bin, und fange an zu quengeln. Alle stehen gleichzeitig auf und kommen zu mir herüber. Ich sehe nur Köpfe, teilweise mit buschigen Augenbrauen. Hans meint: »Die hat in die Hose gemacht, schaut mal.« Luise nimmt mich auf den Arm. Hermann, mein Vater, räumt den Tisch ab und dann werde ich trocken gemacht. Meine Geschwister gehen ins Wohnzimmer. Ich glaube, sie haben Anstand und wollen das nicht sehen. Alles ist gut, so, wie es ist. Trocken schlafe ich wieder ein und freue mich auf Samstag, denn dann bin ich schon einen Tag alt.
Luise hält mich die ganze Nacht lang im Arm und gibt mir auch etwas zu essen. Hermann wird immer wieder wach und schaut auf uns. Er hat ein Lächeln im Gesicht.
Ich glaube, er hat mich lieb, auch wenn er das vor meinen Geschwistern nicht so zeigen kann, da er ja Stärke bewahren muss.
Hermann hustet noch zwei Mal und dann ist alles ganz ruhig und friedlich.
Luise steht am nächsten Morgen etwas später auf als sonst. Ich habe ihre Nachtruhe wohl doch ein wenig gestört. Sie geht in die Küche und schaut auf die Uhr. Ihr Bauch tut noch ein bisschen weh und die Brust spannt, wie das eben so ist, wenn man frisch entbunden hat. Es ist 8.00 Uhr und die anderen schlafen noch selig. Luise kocht sich einen Kaffee und setzt sich an den Küchentisch. Immer wieder schaut sie zu mir rüber und lächelt. Sie genießt die Ruhe, wenn die anderen noch nicht auf sind. Dann wäscht und kämmt sie sich, um anschließend den Frühstückstisch zu decken. Es gibt Marmelade und Butter. Das Brot ist schon ein paar Tage alt, aber das macht nichts, denn dann ist es besser verträglich. Hermann, mein Vater ist, auch wach geworden. Er hat den Kaffee gerochen. »Morgen, Luise,« sagt er zu meiner Mutter und drückt ihr einen Schmatzer auf die Wange. Dann sitzen beide allein am Tisch und reden über mich. »Freust du dich, dass du eine Tochter hast, Luise?«, fragt mein Vater. »Ach ja, aber meine Knochen tun so weh und jetzt habe ich noch mehr Arbeit«, sagt meine Mutter. »Die Kinder können dir doch helfen. Hans ist schon 12, Hermann 10 und der kleine Egon kann schon Müll runterbringen.« Luise lächelt Hermann an und sagt: »Alles ist gut, so, wie es ist. Wenn Gott wollte, dass ich eine Tochter bekomme, dann ist sie ein Geschenk des Himmels.« Luise schmiert Hermann ein Marmeladenbrot und Hermann nimmt einen großen Schluck Kaffee. Dann kommt Egon um die Ecke und hüpft auf den Küchenstuhl, gefolgt von Hermann und Hans. Alle sind wieder versammelt und Luise schmiert fleißig Marmeladenbrote.
Ich habe schon gefrühstückt und beschäftige mich gerade mit der Verdauung. Samstagmorgens sitzen alle immer etwas länger am Tisch. Es wird besprochen, was noch zu erledigen ist. Hermann fragt die Jungs nach den Hausarbeiten.
Egon holt direkt sein Schulheft und zeigt stolz den Eintrag seiner Lehrerin. Egon geht gerne zur Schule. Er freut sich, wenn Frau Thormann einen Käferstempel unter seine Aufgaben macht, das heißt »besonders ordentlich«. Hermann muss noch seine Rechenaufgaben machen und Hans hat nichts auf. Ich höre den Gesprächen am Tisch zu und warte auf den Augenblick, wenn die Morgenrunde aufgelöst wird. Es ist so weit. Ich gebe kleine Laute von mir und Luise macht mich sauber. Für jeden wird gesorgt.
Am Sonntag gehen Hermann und die Jungs in die Kirche. Wir sind evangelisch. Meine Mutter nutzt die Zeit für ein Nickerchen. Ich liege an sie gekuschelt und höre ihrem gleichmäßigen Atem zu. Dann schlafe ich auch ein.
Um 12.00 Uhr kommen alle wieder. Ich werde sauber gemacht und dann wird Mittag gegessen. Tante Leni hat sich für 14.00 Uhr angemeldet. Sie ist die ältere Schwester meines Vaters und wohnt zwei Straßen von uns entfernt.
Leni trägt gerne große Hüte und Kostüme.
Sie ist ca. 1.70 m groß und betont ihre Größe noch mit hohen Absätzen. Pünktlich um 14.00 Uhr schellt es an der Tür. Egon macht auf und erhält sofort einen Kuss auf die Stirn. Egon mag das nicht, aber Leni begrüßt nun einmal die Kinder immer auf die gleiche Art. Sie trägt heute ein blaues Kostüm mit passendem Hut. Für Luise hat sie einen Strauß Sonnenblumen mitgebracht, das sind ihre Lieblingsblumen. Meinem Vater hat sie eigens einen Blaubeerkuchen gebacken. Den mag ihr Bruder besonders gern. »Na, Luise, wo ist denn unser Wonneproppen?«, fragt Leni meine Mutter.
Sanft hebt mich Luise aus meinem Bettchen und zeigt Tante Leni ihre kleine Tochter. Ich sehe große Zähne über mir und ein breites Grinsen. Leni sieht etwas männlich aus, obwohl sie sich weiblich kleidet.
Ihre Gesichtszüge sind markant, aber sie hat ein weiches Herz und schätzt das Familienleben genauso wie meine Eltern. »Das ist aber ein süßer Fratz,« meint Leni. Stolz antwortet meine Mutter: »Das ist unsere kleine Helma.« Alle Gesichter strahlen auf einmal und ich bin glücklich. Dann setzt sich die Familie an den Küchentisch. Hans kocht Kaffee und Hermann schneidet den Kuchen an. Es wird ein gemütlicher Nachmittag. Egon ist ganz blau um den Mund herum. Er hat drei Stück Kuchen gegessen. Hermann, mein Vater, sagt zu Leni: »Jetzt haben wir endlich ein Mädchen, so wie du.« Leni hat eine zwanzigjährige Tochter namens Margret. Diese hat sich im Frühjahr mit Heinz, einem Jungen aus der Nachbarschaft, verlobt. »Ja, das ist auch gut so, dann kehrt mal ein bisschen Ruhe in die Rasselbande ein.«, meint Leni. Die Rasselbande sind Egon, Hermann und Hans, eben richtige Jungs aus dem Ruhrpott. »Ach, ich möchte keinen missen, nur jetzt reicht es mit dem Kinderkriegen«, antwortet meine Mutter. Leni hat nur ihre Magret, danach hat sich kein Nachwuchs mehr eingestellt. Leni ist nicht traurig darüber. Immer, wenn es ihr zu Hause zu ruhig wird, schaut sie bei uns vorbei und bleibt dann zwei bis drei Stündchen. Dann geht sie wieder. Leni mag es nicht, im Dunkeln alleine über die Straßen zu laufen, deshalb geht sie meistens gegen 17.00 Uhr wieder.
Es wurde viel gesprochen am Kaffeetisch. Thema Nr.1 war natürlich ich. Die Jungs räumen den Tisch ab und Hermann, mein Vater, geht noch einmal zu Jupp rüber. Die übrigen Familienmitglieder versammeln sich im Wohnzimmer. Es herrscht eine zufriedene Stimmung, bis Hans die Nase rümpft. Ja, ich habe in die Windel gemacht.
Nach dem Saubermachen schlafe ich wieder ein und freue mich auf den Tag in meinem Leben.
Die Jungs spielen Mikado und Luise holt das Strickzeug heraus. Es ist richtig heimelig in unserem kleinen Zechenhaus.
Ja, die Familienplanung sollte mit mir abgeschlossen sein, doch heute ist der 03.06.1936. Ich habe noch einen kleinen Bruder bekommen. Ewald, nun bin ich nicht mehr das Nesthäkchen. Ich verstehe das alles noch nicht so richtig, da ich ja genug mit mir selbst zu tun habe. Meine Themen sind Laufen lernen und Zähne kriegen. Ich merke nur, dass ich nicht mehr so viel Aufmerksamkeit bekomme wie vor Ewalds Geburt. Sicher, ich bin ein Mädchen und werde trotzdem beachtet. Meine Haare sind schon ein wenig gewachsen und ich werde anders angezogen als die Jungs. Während meiner ersten Lebenszeit habe ich eine starke Bindung zu meinem Vater aufgebaut. Er hat mich auch schon mit auf den Taubenschlag genommen. Es hat mir ein wenig Angst gemacht, wie die Tauben so gurren. Mein Vater meinte daraufhin, er würde immer auf mich aufpassen. Ich beobachte genau seine Gesichtszüge und präge sie mir ein. Ja, er nimmt mich auch schon mal mit zum Jupp rüber. Trude kocht mir dann einen Kakao und freut sich über meine Anwesenheit. Ich versuche auch schon zu sprechen. Ich sage Vati und Mutti. Mama und Papa ist bei uns nicht angesagt. Egon ist bei mir noch Elon und Hermann Ähmann. Hans ist der Ans. Ewald wird auch schwierig werden, aber ich werde es lernen. Es ist Mittwoch. Die Brüder sind noch in der Schule und mein Vater kommt auch erst in einer Stunde. Ich schaue auf das schrumpelige Köpfchen von Ewald und patsche mit meinen Fingerchen in sein Gesicht. Ewald ist ein wenig klein und sehr zart. Ich glaube, das liegt daran, weil er das fünfte Kind meiner Mutter ist.
Die Kraft lässt bei ihr immer mehr nach, sodass Tante Leni manchmal im Haushalt hilft. Leni ist mittlerweile Witwe. Kurt, ihr Mann, ist im Frühjahr an einem Herzinfarkt gestorben. Er war starker Raucher und bewegte sich nicht gerne. Margret, Lenis Tochter, hat im Jahr zuvor ihren Heinz geheiratet. So ist Leni viel alleine und verbindet das Nützliche mit dem Angenehmen. Auch heute steht sie meiner Mutter zur Seite und kocht das Essen für uns alle. Es gibt Taubensuppe, da eine Taube den Flügel gebrochen hatte. Taubensuppe schmeckt so ähnlich wie Hühnersuppe, nur das Fleisch ist etwas zarter. Zum Nachtisch gibt es Schokoladenpudding mit Klümpchen, da es Leni noch nie geschafft hat, den Pudding beim Kochen glatt zu rühren. Wir wollen uns nicht beschweren und sind froh, etwas auf den Löffel zu bekommen. Luise, meiner Mutter, geht es nicht so gut. Die Geburt von Ewald hat sie noch mehr mitgenommen als meine. Sie steht nur kurz zum Essen auf und legt sich gleich darauf wieder hin. Leni kümmert sich um Ewald und mich. Ewald schläft ja die ganze Zeit und ich spiele mit dem Holzlöffel aus dem Besteckkasten. Den hat Leni mir gegeben, da sie kein anderes Spielzeug gefunden hat. Mich stört das nicht. Ich fühle über das Holz und mag dieses Material sofort. Dann kommen meine Brüder aus der Schule und laufen direkt zum »Schrumpeligen« herüber. Egon meint: »Der ist ja noch schrumpeliger als damals die Helma.« Die Jungen lachen und ich krabbele in Richtung Ewald und streiche ihm mit dem Holzlöffel über sein Gesicht. Ganz sanft, versteht sich, denn ich will ihm ja nicht wehtun. Ewald stört das nicht, er schläft einfach weiter. Dann kommt mein Vater von der Arbeit nach Hause und betrachtet den Neuzugang. Auch er ist verdutzt, wie zart der kleine »Mann« ist.
Ewald hat gar keine Haare auf dem Kopf. Er wiegt nur 2800 Gramm, aber ich finde ihn süß, weil er so klein ist.
Ich werde auf ihn aufpassen, ihn beschützen, ja, das nehme ich mir vor. Mein Vater nimmt Ewald hoch und bringt ihn herüber zu meiner Mutter. »Luise, ich glaube, der Kleine braucht etwas zu essen.« Luise legt ihn an die Brust und Ewald nuckelt zufrieden. Leni scheppt meinem Vater einen Teller Suppe auf. Meine Brüder haben die Teller schon voll. Hans hebt mich auf den Schoß, das macht er oft. Als großer Bruder passt er immer auf, dass ich nicht zu kurz komme. Dann füttert er mich zuerst mit Suppe und danach mit Pudding. Mein Vater unterhält sich mit seiner Schwester. »Ach Leni, gut, dass wir dich haben. Die Taubensuppe bringt Kraft.« Luise hat Ewald zu Ende gefüttert und setzt sich mit an den Tisch. »Hermann, ich esse jetzt etwas und dann lege ich mich wieder hin.« »Ja Luise, du musst bei Kräften bleiben«, sagt mein Vater und schlürft versonnen die Suppe. In seinem Inneren macht er sich Sorgen um seine Frau. Sie sieht sehr stark mitgenommen aus, denkt er sich und geht deswegen auch nicht zu Tauben-Jupp rüber, sondern hilft Leni beim Tisch abräumen und spülen. Ich werde zu Ewald und meiner Mutter ins Bett gelegt. Mittagsschlaf ist angesagt. Ich betrachte das kleine, kahle Köpfchen und gebe Ewald ein Küsschen. Dann schlafen wir alle drei ein wenig. »Hermann«, meint Leni, »du musst auf deine Frau aufpassen. Du weißt, dass sie nicht mehr so belastbar ist. Das Rheuma zerstört ihre Kniegelenke und ihren Händen entfällt auch so manches.« »Ja Leni, das weiß ich. Ich werde ihr zur Hand gehen,« sagt Hermann und unterdrückt eine Träne.
Oft denkt Hermann an alte Zeiten zurück. Wie er Luise kennengelernt hat. Für ihn war sie das schönste Mädchen aus ganz Altenessen. Sie trug immer blonde, geflochtene Zöpfe und hatte stets ein Lächeln im Gesicht. Genau dieses Lächeln vermisst er heute so oft.
Er nimmt es Luise jedoch nicht übel, da er weiß, dass sie immer häufiger Schmerzen durch das Rheuma hat. Auch er ist nicht der Gesündeste, aber darüber will er nicht sprechen. Hermann kann seiner Familie doch keine Angst einjagen. Beim Husten schmerzt die Lunge oft und manchmal spuckt er morgens Blut. Er ist das Familienoberhaupt, deshalb darf er sich keine Gedanken darüber machen, wie es ihm selbst geht. Nur mit Jupp spricht er ab und zu über sein Befinden. Bergleute haben keine hohe Lebenserwartung. Der Kohlenstaub zerfrisst über die Jahre hinweg die Lunge und irgendwann fällt diese dann zusammen. Hermann hat einen großen Wunsch, dass keiner seiner Jungs ins Bergwerk einfährt und dass ich einmal einen netten Mann kennenlerne, der mir ein schönes Leben bietet. Dass mein Leben einen anderen Weg einschlägt, weiß er Gott sei Dank noch nicht. Ich liebe meinen Vater und suche immer wieder seine Nähe. Vielleicht spüre ich, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung ist. Ich mag seine markanten Gesichtszüge. Tante Leni meint, ich hätte sehr viel Ähnlichkeit mit ihm. Hierbei geht es erst einmal um das Äußere, später nehme ich auch seine Charaktereigenschaften an.
Ewald entwickelt sich gut. Seine Brüder kümmern sich liebevoll um ihn. Ich glaube, der Kurze genießt das. Er ist ein freundliches Kind und lacht viel. Auch ich habe immer ein Auge auf ihn, da er ja mein kleiner Bruder ist. Ich kann mittlerweile laufen und sprechen. Wenn mich einer meiner Brüder ärgern will, schreie ich laut: »Vati, komm schnell.« Ist mein Vater gerade mal nicht zur Stelle, versuche ich, mit meinen kleinen Fäustchen meinen Brüdern auf die Nase zu hauen. Die lachen dann immer, weil ich noch nicht so viel Kraft habe.
Wehtut mir aber keiner, dafür lieben sie mich zu sehr. Die meiste Zeit verbringe ich mit Ewald. Wir malen mit Kohlestücken, die unser Vater von der Arbeit mitgebracht hat. Unsere Mutter findet das nicht schön, weil wir dann rabenschwarze Händchen haben und damit überall herum patschen, wie sie immer sagt. Spaß macht es auch, wenn wir unsere Gesichter schwärzen. Eine schwarze Nase kommt bei jedem Malen heraus. Uns gefällt das und ich freue mich, wenn Ewald so schön lacht und quiekt. Dass diese schöne Zeit schon bald vorbei sein soll, das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
»Der Krieg ist ausgebrochen!« Höre ich meinen Vater rufen als er zur Tür hereinkommt. Ich laufe ihm entgegen und frage: »Was ist das, Krieg?« »Etwas ganz Schlimmes, was unser Leben verändern wird«, antwortet mein Vater. Meine Mutter kommt auf uns zu und sagt: »Wir müssen jetzt ganz tapfer sein.« Tapfer, habe ich noch nie gehört, aber was das bedeutet, werde ich in den nächsten Jahren erfahren. Wir setzen uns alle an den Küchentisch und meine Mutter kocht Kaffee. »Wie hast du das erfahren, Hermann?« »Ich habe es im Radio gehört. Hitler will sein Reich vergrößern«, ist die Antwort von meinem Vater. »Ach Hermann, wir haben schon so vieles überstanden, dann werden wir auch den Zweiten Weltkrieg überstehen«, erwidert Luise. Sie sollte recht behalten, aber es wurde eine harte Zeit für uns.
Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges gab es mehr als 245 Luftangriffe auf Essen. Von 650.000 Einwohnern blieben zum Kriegsende noch 285.000 übrig. Sicher, einige Alte und Kranke starben auch an anderen Ursachen, aber der Krieg forderte seine Opfer. Ewald und ich waren bei der Verkündung 1939 noch sehr klein und verstanden nicht alles. Unsere Brüder waren schon älter und Hans wurde später auch zum Militär eingezogen. Er lag in Frankreich im Schützengraben und wurde verletzt.
Meine Mutter konnte in dieser Nacht nicht gut schlafen und murmelte immer: »Dem Hans ist was passiert, ich muss nach Frankreich.« Hans war ja ihr erster Sohn. Die Bindung zu ihm war sehr stark. Meine Mutter hatte immer so innerliche Eingebungen, die sich oft bewahrheiteten. Man sagt, dass Menschen, die über diese Gabe verfügen, nicht alt werden. »Wir müssen genügend Essen organisieren«, sagt mein Vater.
»Ich schaue, was ich machen kann«, antwortet meine Mutter.
»Wenn wir noch genügend Zigaretten haben, sind diese schon ein gutes Tauschmittel.« Die Zigaretten waren Hermanns Heiligtum, wenn es aber darum ging, dass seine Kinder genügend zu essen brauchten, dann wollte er darauf verzichten. Zu Kriegsbeginn merkte man noch nicht so viel Veränderung in Essen. Sicher, jeder schacherte, was das Zeug hielt, aber das normale Leben ging weiter. Luise machte Bonbons aus Honig und Zucker. Sie formte kleine Kügelchen und ließ diese in der Pfanne heiß werden. Leni war die meiste Zeit mit Socken stricken beschäftigt. Es sollte einen harten Winter geben. Es wurde fleißig Marmelade eingekocht. Kein Obst wurde dabei ausgelassen. Zu essen gab es häufig Grießbrei mit Bratkartoffeln. Das aß Ewald besonders gerne und ich schloss mich ihm an. Meine Mutter mobilisierte noch einmal ihre ganze Kraft und vergaß ihre Krankheit. Sie ließ sich immer weniger von Leni im Haushalt abnehmen. »Kümmere dich um deine Tochter und dein Enkelkind«, sagte sie zu Leni. Margret hatte einen Sohn geboren, namens Erich. Luise meinte das nicht böse und ihre Schwägerin verstand sie. Es ging darum, die Zeit, die vielleicht noch blieb, mit dem eigenen Fleisch und Blut zu verbringen. Leni pendelte zwischen ihrer Tochter und uns. Alle Menschen rückten enger zusammen. Ich blieb immer in der Nähe von Ewald.
Die Anfangszeit des Krieges bestand in unserer Familie aus einkochen und organisieren. Man half sich gegenseitig. Oft gab es abends Besprechungen mit den Nachbarn. In der Schule wurden Luftschutzübungen durchgeführt. Im Unterricht war »Hitler« oft das Hauptthema.
Die Mädchen gingen adrett gekleidet und die jungen spielten in den Pausen den Alltag an der Front nach. Alle wollten so leben, wie Hitler es wünschte. Zucht und Ordnung herrschten vor. Die Mädchen trugen stets das Haar zu Zöpfen geflochten und die Jungen achteten auf einen geraden Scheitel. Es war wichtig, ein richtiger Deutscher zu sein, und alle waren stolz darüber. Was fehlte, war die unbekümmerte Leichtigkeit, welche vor dem Krieg das Leben beflügelte. Man begrüßte sich auf der Straße nicht mehr mit »Morgen, Jupp«, sondern mit »Heil Hitler.« Dazu wurde die Hand erhoben. Meine Brüder taten dieses auch oft zu Hause und imitierten Hitlers Reden. Es hatte etwas Faszinierendes, aber auch Beängstigendes. Ich hatte auch schon blonde Zöpfe, so, wie Hitler es mochte. Ja, die Menschen veränderten sich. Ich war vier Jahre alt zu Kriegsbeginn und sollte durch die Erlebnisse geprägt werden. Dann kamen die Luftangriffe auf Essen. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal die Sirenen heulen hörte. Luise, meine Mutter, meinte: »So Helmchen, jetzt ist es so weit, wir müssen in den Bunker.« Schnell rief sie alle zusammen und wir machten uns auf den Weg. Auf der Straße versammelten sich die Nachbarn. Gemeinsam ging es los. Jupp holte noch Oma Marta ab, da diese alleine nicht so gut laufen konnte. Oma Marta war schon 70 Jahre alt und hatte keine eigene Familie mehr. Ihr Mann Rudi war vor 3 Jahren an plötzlichem Herzstillstand gestorben. Kinder hat Marta nicht und ihre ältere Schwester Grete starb im Alter von 79 Jahren. Oma Marta ist bekannt in unsere Straße. Jeder mag sie und alle fühlen sich für Marta verantwortlich. Marta schaut gerne aus dem Küchenfenster und beobachtet, was auf der Straße passiert. Sie hat ja sonst keinen, deshalb ist sie froh, wenn sie aus dem Fenster schauend ein Quätschchen halten kann. Ansonsten strickt sie gerne, wenn sie abends auf ihrer Couch sitzt.
Oft schläft sie mit ihren Stricknadeln in der Hand ein. Es ärgert sie, dass ihr dabei meist Maschen von der Nadel rutschen. Marta ist ein gutmütiger Mensch. Ich kenne niemanden, der sie nicht mag. Sie ist ganz anders als Hella Hofmeister, welche jedes Kind vor ihrem Haus vertreibt. Hella hat ja noch ihren Mann Herbert, der auch nicht gerade beliebt ist. Es heißt, er sei sehr geizig. So hält er seine Hella auch kurz. »Ach Jupp, wenn ich dich nicht hätte«, sagt Marta. »Dann hättest du einen anderen«, antwortet Jupp. Beide lächeln sich an. Sie kennen sich schon eine halbe Ewigkeit. Die ganze Straße zieht zum 10 Minuten entfernten Bunker. Alte, Junge und Menschen mittleren Alters. »Wenn die Sirenen heulen, bleibt immer noch genügend Zeit«, meint meine Mutter. Sie hat Ewald auf dem Arm und mich an der Hand. Mein Vater kommt direkt von der Arbeit in den Bunker. Auf der Zeche gibt es ein Alarmsystem, sodass alle Bergleute wissen, es ist etwas passiert. Die Arbeit wird dann sofort niedergelegt. Mein Vater macht sich schnell auf den Weg zu uns. Er hat es nicht mehr geschafft, den Kohlenstaub abzuwaschen, aber Hauptsache, er ist bei uns. Die Familie ist zusammen. Hans, Hermann und Egon sind schon schnell vorgelaufen, um gute Plätze zu sichern. Jetzt sitzen wir alle dicht beisammen. Es ist stickig und sehr voll. Auf dem Boden liegen alte Matratzen, die sowohl als Sitzgelegenheit als auch als Schlafplatz dienen. Die ganze Nachbarschaft kommt nach und nach. Oma Marta sitzt bei uns. Sie ist ganz ruhig. Sie hat ja auch schon den Ersten Weltkrieg miterlebt. Wir haben alle Proviant mit, da wir ja nicht wissen, wie lange wir bleiben müssen. Zum Glück sind es heute nur ein paar Stunden. Am frühen Abend gibt es Entwarnung. Wir gehen alle wieder nach Hause. Ewald saß die ganze Zeit an meiner Seite.
Er hatte Angst, das sah ich in seinen Augen. Ich habe seine Hand gehalten und somit versucht, ihn zu beruhigen. Geweint hat er nicht, denn ein echter »Ewert« weint nicht, das ist bei uns Gesetz. Ich habe auch andere Familien beobachtet. Die Kinder saßen alle mit großen Augen da und haben kaum gesprochen. Geweint hat nur das Lieschen Bellscheid. Ihre Eltern haben sie liebevoll beruhigt. Lieschen ist ein Jahr jünger als ich und wohnt in der Kleinstraße. Zu Hause angekommen wäscht sich mein Vater erst einmal die Kohle ab. Danach geht er hoch zum Taubenschlag. Zufrieden stellt er fest, dass alles in Ordnung ist. Alle Flieger sind da. Er verteilt Futter und erneuert das Wasser. Dann kommt er zu uns in die Küche. Wir sitzen alle am Tisch und haben den Proviant ausgepackt. Gemeinsam essen wir zu Abend. Es wird nicht viel gesprochen. Der Schock sitzt allen noch in den Knochen. Ewald schläft am Tisch ein. Ich stehe auf und bringe ihn in sein Bettchen. Ich bin zwar selber noch so klein, habe aber die Verantwortung für ihn übernommen. Ewald schläft in dem kleinen Gitterbettchen, wo wir alle schon mal drin gelegen haben. Er klettert an den Stäben hoch und ich schubse ihn dann sanft hinein. So machen wir das immer. Ich strecke meine Hand noch einmal durch die Stäbe und streiche Ewald über das Gesicht. Er lächelt mich an und schläft sofort ein. In der Küche wird schweigsam abgeräumt. Wir Kinder begeben uns zur Nachtruhe. Meine Eltern sitzen noch am Tisch. Ich glaube, sie warten, bis wir alle eingeschlafen sind, bevor sie das Geschehen des Tages besprechen. Eigentlich würde ich ja gerne lauschen, aber mir fallen die Augen zu. Ich liege in meinem Bett und schlafe schnell ein.
»Ach Luise, nun ist der Krieg ausgebrochen, Ewald und Helma sind doch noch so klein.« »Ja, Hermann, wie tapfer sich unsere kleine Helma um Ewald kümmert,« antwortet ihm meine Mutter. »Die beiden sind unzertrennlich und stark aufeinander fixiert«, meint mein Vater. »Hast du Leni mit ihrer Familie gesehen?« »Ich habe ganz hinten bei den Toiletten Lenis Gesicht erkannt, aber dort im Bereich waren so viele Menschen, dass ich die anderen nicht erkennen konnte«, antwortet meine Mutter. Beide schauen sich an. Mein Vater wirkt müde. »Lass uns schlafen gehen, Luise, und hoffen, dass es morgen keinen Alarm gibt«, sagt er und lächelt dabei meine Mutter an.
Alle schlafen in dieser Nacht tief und fest.
Im ersten Jahr des Krieges müssen wir nur ab und zu in den Bunker. Mittlerweile kennen wir auch die Leute, die nicht direkt in unserer nächsten Umgebung wohnen. Der Alltag verläuft noch ziemlich normal. Mein Vater geht zur Zeche und meine Mutter kümmert sich um uns. Leni kommt zwei Mal in der Woche und greift meiner Mutter unter die Arme. Hilft ihr beim Wäschewaschen und Putzen. Sie braucht diese Betätigung, aber auch den Familienanschluss. Margret, ihre Tochter, kann gut alleine für ihre kleine Familie sorgen. Leni besucht sie meistens sonntags nach der Kirche und bleibt dann zum Mittagessen.
In den ersten zwei Kriegsjahren bleiben wir von direkten Bombenanschlägen verschont. Ab Mai 1940 werden dann die Angriffe über Essen stärker. An zwei bis drei Tagen in der Woche müssen wir flüchten. Der Krieg bestimmt unser Leben. Wir haben immer kleine Proviantboxen parat, sodass wir sofort los können, wenn es Alarm gibt. Die Tauben werden von meinem Vater schon vor dem Dienst versorgt, damit sie notfalls 2 Tage alleine bleiben können. In der Schule sind die ersten 4 Klassen zusammengelegt worden. Hans ist schon mit der Schule fertig. Er will in den Kriegsdienst, das Vaterland verteidigen. Meine Mutter weint oft heimlich, weil sie Angst um ihren Sohn hat. Hermann und Egon gehen noch zur Schule. Sie können nicht eingezogen werden. Ich werde im Spätsommer eingeschult. Ewald ist dann der Einzige, der immer bei meiner Mutter ist. Er wird mich sicher vermissen.
Meine Einschulung im August 1940 verläuft ohne Probleme. Wir sind 40 Kinder in einer Klasse und jeder bekommt seinem Alter entsprechend Aufgaben zugeteilt. Den Idötzen wird natürlich die meiste Aufmerksamkeit geschenkt. Wir müssen ja zuerst lesen und schreiben lernen. Die Schule macht mir Spaß. Sie ist etwas Neues. Ich bin zwar von meiner Familie getrennt, aber ich will etwas lernen, sodass meine Eltern später stolz auf mich sind. Wenn ich im Bunker bin, nehme ich immer meine Hausaufgaben mit.
Von Oma Marta habe ich auch stricken gelernt. Mein erstes Stück ist ein blauer Wollschal für Ewald. Mein Vater kommt oft voller Kohlenruß in den Bunker, aber die anderen Bergleute sehen genauso aus, also stört es niemanden. Luise ist immer ganz aufgeregt, dass er es rechtzeitig schafft, bis die Bomben einschlagen.
Unsere Straße ist bis jetzt verschont geblieben. Drei Straßen weiter ist schon eine eingeschlagen. Wir leben in ständiger Angst, unser Heim zu verlieren. Auf engem Raum zusammengepfercht gibt es die unterschiedlichsten Gerüche. Manche Männer haben Schweißfüße und Oma Marta riecht nach alter Frau. Manchmal müssen wir auch im Bunker übernachten, dann können wir nicht richtig schlafen, weil einige Männer schnarchen und wir oft keinen geeigneten Schlafplatz haben. Ewald schläft in jeder Position. Ihn stört nichts, was um ihn herum passiert. Meine großen Brüder lehnen sich aneinander und dösen vor sich hin. Ja, der Krieg hat unser Leben verändert. Es gibt Tage, da haben wir nichts zu essen. Wir konnten nicht einkaufen, weil wir nicht dazu kamen. Ich fahre oft mit dem Fahrrad zum Bunker. Ewald habe ich dann auf meinem Gepäckträger. Er hält sich mit seinen kleinen Händchen immer gut bei mir fest. Er ist auch sonst in meiner Nähe und ich würde es vermissen, wenn es nicht so wäre.
