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Dieses Buch ist mehr als ein Reisebericht. Es lädt ein zu einer abenteuerlichen Reise quer durch den südamerikanischen Kontinent. Die Reise startet in Paraguay führt nach Brasilien, Venezuela, Kolumbien, Equador, Peru, Bolivien und schließlich wieder zurück an den Anfangspunkt. Was der Autor und seine Domi dabei alles erleben, welche technischen und zwischenmenschlichen Hürden sie meistern, von Brückenreparatur bis hin zur salzigen Liebeserklärung, wird mit der nötigen Portion Humor geschildert. Anders als der allgemeine Trend: größer, stärker, Hightech-Perfektion etc. ist hier die Devise "zurück zu den Ursprüngen". Das Nichtvorhandensein von technischer Überwachung Sicherheitsaposteltum und anderen unter Umständen blödsinnigen Vorschriften hierzulande lassen das Leben zum Erlebnis werden.
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Walter Schäffer
SÜDAMERIKA HIN UND ZURÜCK
Dreißig Jahre bis zum Horizont
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
VORBEMERKUNG DES AUTORS
VORWORT
UNHEILBARE VIREN
VENEZUELA, ICH KOMME WIEDER
NEUBEGINN IN SUEDAMERIKA
DREI JAHRZEHNTE SPÄTER
LA GORDITA
RÜCKBLICK
ORGANISATORISCH
GIGANTISCHES BRASILIEN
PANTANAL WILDLIVE
AUF NACH PORTO VELHO
STADT IM CHAOS
WIR SEHEN UNS IN MANAUS….
BR 319 „DER MYTHOS“
HUMAITA
SCHIFFBRUCH IM AMAZONAS
PASO WALTER
MANAUS
RUMBO A VENEZUELA
GEDANKENSPIELE FEMININ
AB JETZT IM NORDEN
RÜCKBLICK BRASILIEN
VENEZUELA
GRAN SABANA
DER TANKWART
DON JOSE DA SILVA SUAREZ
REVIER SAN FELIX
ANAKONDA
FORTSCHRITT
KARIBIK
PEDRO NAVAJA
KOLUMBIEN
BARANQUILLA
CARTAGENA : Sklaven, Piraten und dunkle Geheimnisse
ECUADOR
PERU
DER VERLORENE STRICK
EIN ANDERES AUTO ?
EINKAUFSSTRASSE VOLKSWAGEN
UNIFORMIERTER GROSSKOTZ
LANGE SCHÄDEL
MACHU PICCHU
IMMER RICHTUNG SÜDEN
BIEN VENIDO EN BOLIVIA
ZEITSPRUNG ZUM COMANDANTE 05. März 2013
SALAR UYUNI
BIENVENIDO EN CASA
ANGEKOMMEN
DAS VORSTELLUNGSGESPRÄCH
GELEBTES FERNWEH
2CV UND TECHNIK
DANKESWORTE
Impressum neobooks
Ursprünglich sollte an dieser Stelle eine überarbeitete und erweiterte zweite Auflage meines Buches „wo die rote Erde lebt“ entstehen. Sowie das Leben ein manchmal spielt wird etwas ganz anderes daraus.
Im vorliegenden Falle hatte ich auf Drängen von Freunden und Familie meiner Wahlheimat Paraguay eine spanisch übersetzte Ausgabe von dem oben genannten Buch erstellt das sich einer recht positiven Akzeptanz erfreut, und dessen deutsche Version hier vorliegt.
Meine Freunde hier in Südamerika waren dadurch zufriedengestellt und konnten somit an einem kleinen Teil meines Lebens, sowie dem meiner geliebten Ehefrau „Domi“ teilhaben. Auch hatte ich von Anfang an das Gefühl das mein Leben in der Erstausgabe zu kurz gekommen war, kann demzufolge nicht verleugnen das die schriftliche Aufarbeitung meines Lebens, sowie bestimmten eingreifenden Lebensumständen mich mit einer gewissen Zufriedenheit erfüllt.
Ja, ich musste feststellen, dass die Erstausgabe unvollständig war. Somit ist anstatt einer zweiten Auflage ein neues Buch, wenn auch mit teilweise gleichem Inhalt, entstanden.
Abschließend an dieser Stelle möchte ich nochmals darauf hinweisen das ich kein Schriftsteller bin und auch niemals einer sein werde bzw. werden möchte. Ich bitte meine bisherigen Leser die Umstände die dazu führen das vorliegende Buch teilweise schon zu kennen um Verständnis.
Walter Schäffer
Ein Europäer in Südamerika. Was trieb ihn hin und vor allem, was hält ihn dort? Sind es romantische Vorstellungen?
Eher nicht, denn die relativieren sich erfahrungsgemäß mit Zeitablauf meistens so stark, dass sie ihren Reiz mitunter schnell verlieren.
Ist er gar einer dieser in Mode gekommenen Aussteiger, die in möglichst weiter Entfernung zu ihrer Heimat etwas suchen, was sie zu Hause nicht mehr zu finden glauben und die dann, häufig schon nach wenigen Jahren desillusioniert wieder heimkehren, weil das Leben im Traumland die Erwartungen eben doch nicht erfüllen konnte?
Fragen über Fragen, auf die Walter Schäffer in seinem Buch, in dem er durchaus Einblicke in seine Biografie erlaubt, zumindest teilweise beantworten kann. Schon deshalb haben wir viel mehr, als eine der üblichen Reisebeschreibungen, so spektakulär die darin beschriebenen Erlebnisse auch sein mögen, vor uns.
Seine Vorstellungen vom Leben, deren Umsetzung in die Realität ihm gelungen ist, lassen sich in zwei zitierten Lebensweisheiten auf den Punkt bringen:
“Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will“.
(Jean- Jaques-Rousseau)
Und
Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen,
wird am Ende beides verlieren.
(Benjamin Franklin)
Weil der Autor, den ich seit nunmehr fast 30 Jahren kenne, von diesen Maximen beseelt ist, konnte ihm der mit viel Zufriedenheit verbundene Einstieg in ein neues Leben gelingen. Ein Leben übrigens, jenseits sozialstaatlicher Vollkaskomentalität, dass mit Arbeit verbunden ist, die das Überleben ohne die zwischen Sozialhilfe und Hartz IV aufgespannte Hängematte erst möglich macht und dessen Gelingen ein hohes Maß an Zielstrebigkeit und Beharrungswillen verlangt. Es sind die geradezu preußischen Tugenden dieses “Wahllatino”, die da zu Tage treten und die ich bei uns zunehmend mehr vermisse. Tugenden, die bei ihm gepaart sind mit einer gehörigen Portion Mut, der erforderlich ist, um durch den Verzicht auf Sicherheit ein höheres Maß an Freiheit zu erlangen.
Und dann ist da die Unterstützung durch eine ebenso mutige wie tatkräftige Partnerin und die grandiose “Gordita”.
Seine beiden Mädels.
Sie haben zum Gelingen der abenteuerlichen Reise wesentlich beigetragen.
Walter Schäffer ist mein Freund. Ich habe ihn anlässlich einer sechswöchigen Reise in Paraguay kennen gelernt. Wo auch sonst? Und spätestens seit seiner großen Reise bin ich auch sein Bewunderer. Immer ein bisschen neidisch auf sein Leben, aber: Im positiven Sinne natürlich. Es ist das Quäntchen Neid, dass mit der Bewunderung eines anderen so oft einhergeht.
Peter Hamm
Viren kann man nicht mit Antibiotika bekämpfen.
Wen sie einmal befallen haben, den lassen sie fast nie mehr los und Selbstheilungskräfte helfen nur dem, der wirklich geheilt werden will. Ein Virus trägt den Namen:
CITROEN 2CV
Wem das nicht reicht, der sollte es zusätzlich noch mit einem fernen Kontinent versuchen. Am virulentesten erweist sich dabei
SÜDAMERIKA
Beide Viren haben mich infiziert. Ich werde wohl für immer mit ihnen leben müssen.
Und dann gibt es da noch jemanden, dem ich ganz besonders dankbar dafür bin, an seiner Seite leben zu dürfen. Dieser Mensch wird noch sehr oft in diesem Buch erwähnt werden. Er ist eine Sie und trägt den Namen: DOMINGA MEDINA (Domi)
Mit meiner Sahara in Bolivien
Hatte ich mir geschworen. Der Flieger hebt ab und dreht noch eine Ehrenrunde über dem Orinoko-delta. Es war im Jahre 1979.
Damals hatte ich das Glück, acht Monate für eine deutsche Firma in Venezuela arbeiten zu dürfen. Nur einen Gedanken hatte ich auf dem langen Rückflug ins ebenso graue wie fortschrittliche Deutschland, wo angeblich (fast) alle Menschen der Welt leben und arbeiten möchten.
Ich nahm mir vor, dieses fortschrittliche - was immer man darunter auch verstehen mag und gegen “alles” abgesicherte Leben zu Hause wenigstens mal für ein paar Jahre zu unterbrechen, um noch etwas mehr von der Welt und fremden Kulturen zu (er) leben. Ab diesem Zeitpunkt war Venezuela absoluter Mittelpunkt meiner Träumereien von einem anderen neuen Leben und ich musste erkennen, dass mich der Virus Südamerika - da ist er wieder - ganz heftig und unheilbar befallen hatte.
Es folgten noch drei Jahre intensiver Mitarbeit bei der Hebung des bundesdeutschen Sozialproduktes, bis mir dann eine Zeitungsannonce in die Hände fiel: “Techniker, Ingenieure und Facharbeiter für internationale Projekte im Rahmen der deutschen Entwicklungshilfe gesucht”.
Nachdem ich erst mal Rat bei Freunden und Familie gesucht hatte und meistens nur ein “spinnst du denn jetzt total” oder “ist doch unverantwortlich” zu hören bekam, habe ich mich erst recht beworben. Man hatte mir ein Projekt in Paraguay als Werkstattausbilder, Fachrichtung allgemeiner Maschinenbau in Aussicht gestellt. Na ja, das könnte es sein, das Sprungbrett ins neue Leben. Da bist Du ja schon mal auf dem richtigen Kontinent und das mit dem „Virus Venezuela“ könnte dann auch von dort aus funktionieren.
Also, nachdem die Bewerbungsunterlagen ein bisschen, na sagen wir mal “projektspezifisch geschönt” waren, gingen sie raus und man bot mir tatsächlich einen Vertrag an. Zwei Jahre, maximal zwei Mal verlängerbar. Zwischen Vertragsunterzeichnung und Abreise nach Paraguay vergingen gerade mal vier Wochen - reicht ja auch. Dann saßen wir im Flieger, über den Äquator hinweg, in südwestlicher Richtung.
Das ist zum Zeitpunkt, an dem ich dieses Buch schreibe, ziemlich genau dreißig Jahre her. Wie schon erwähnt, ist auch hier unser erstes Auto eine Citroen Kastenente AK 400. Dann kam der Willy‘s dazu, und ein Land Rover, der mir bis zum heutigen Tage treue Dienste erweist. Ja geradezu Familienmitglied geworden ist.
Später musste ich mich dann noch unbedingt als “Dritte-Welt- Mechaniker” verwirklichen und habe mir einen 2 CV 4x4 Saharanachbau selbst gebaut, der seit 2004, als ich anfing, etwas gegen mein Reisefieber als Anbieter von Individualreisen mit 2 CV und Land Rover zu tun, öfters im Einsatz ist.
Unsere „ Gordita“ tritt irgendwann im Jahre 2004 in mein Leben. Beim Neuaufbau, Hühnermist erst mal weg, das Ding komplett zerlegen, reift ganz langsam und erst mal unbewusst der Plan, mein Versprechen von 1979 “Venezuela, ich komme wieder” einzulösen, über Land auf eigener Achse.
Wir schreiben Freitag den 25.September 1982 es ist so gegen Mittag. Bitte das Rauchen einstellen „das waren noch Zeiten“, die Sicherheitsgurte anlegen! Sagt die Anzeige, und der Lautsprecher kündigt die bevorstehende Landung am internationalen Flughafen „Silvio Petirossi“ Asuncion Paraguay“ an.
Ich schaue auf die bizarren Wolkengebilde unter uns. 28 Grad Celsius und wolkenloser Himmel über Paraguay verkündet die Papageienstimme aus dem Lautsprecher. Ok, Wir sinken, die Ohren gehen zu und somit brauch ich mir nicht all die Zweifel meiner angetrauten anzuhören. Es könnte ja schief gehen mit unserem Neustart und so…
Unser Flieger taucht in die Wolkendecke ein. Von wegen wolkenloser Himmel und nur Sonnenschein. Während ich gespannt auf den Durchbruch nach unten warte, verspüre ich etwas Feuchtes an meinem Knie. Wie sieht das Land wohl aus der Vogelperspektive aus? Wie wird mein erster Eindruck sein, von dem Land in dem wir ein neues, anderes Leben beginnen wollen? Der nasse Fleck auf meinem Knie wird etwas größer und intensiver. Nicht das ich mir in die Hose gemacht hätte, nein, Wassereinbruch der aus der Kabinenverkleidung immer zielgerecht und in regelmäßigen Abständen mein rechtes Hosenbein bewässert ist der Grund.
Ja, die LAP (Lineas Aereas Paraguayas) die gab es damals noch, durften mit ihren maroden Fliegern und den Buschpiloten am Knüppel die Lufträume dieser Welt verunsichern. Wir sind durch. Ein sattes, intensives grün bedeckt die neue Welt. In bizarren Windungen schlängelt sich der Fluss, ich nehme an, dass es sich um den Rio Paraguay handelt, durch die Landschaft. Imposant! Ja etwas verrückt komme ich mir schon vor, als ich beschließe das all dies was ich jetzt da unten zu sehen bekomme ziemlich genau meinen Vorstellungen entspreche. Dies wohl das Land sein könnte um einen Neustart anzugehen.
Wir sind gelandet, etwas holprig zwar, aber wir sind da. Gesund und unversehrt. Über die Gangway müssen wir raus, um dann zu Fuß Richtung Abfertigungsgebäude zu gelangen. Wo wir dann (hoffentlich) von Herrn Fleischmann (Name geändert), meinem zukünftigen Chef erwartet werden. Besser gesagt vom Dienststellenleiter der Organisation mit der ich einen Vertrag für zwei Jahre unterzeichnet habe. Zuerst dann noch auf der Gangway den Klimaschock wegstecken, denn die angesagten 28 Grad Celsius sind wohl stark untertrieben. Von hier unten aus ist tatsächlich kein einziges Wölkchen am Himmel der Guaranies auszumachen. Wo ist die Wolkendecke geblieben? Seltsam!!!
Die drei Blechboxen mit unserem vorläufigen Hab und Gut kommen auf dem Gepäckband angerattert. Eine Dame mit Pappschild „Bienvenido Fam. Schäffer“ kommt Pappschild schwingend auf uns zu.
< Ich bin die Frau Fleischmann. Mein Mann musste dringend auf eine Dienstreise, somit bin ich da um sie abzuholen>.
<An der Gepäckkontrolle brauchen wir uns nicht aufzuhalten, dafür haben wir hier ein spezielles Carnet, vom „General persönlich“ ausgestellt. „Freifahrtschein für fast alle Belange“>. So die Doña
Ausweis schwingend geht es unkontrolliert und zügig durch alle Kontrollen bis wir schlussendlich draußen zum ersten Mal die asphaltierte Erde unserer Zukunft betreten.
Der Gepäckträger mit seinem wackligen Wägelchen wackelt geduldig hinter uns her, bis wir dann an einem weißen VW-Bulli ankommen. Nachdem er seinen Job gemacht, das heißt alle Gepäckstücke hineingewuchtet hatte, kassiert er ein saftiges Trinkgeld. Mit einem Strahlen im Gesicht und ca. 15mal muchas gracias wiederholend verabschiedet er sich in Richtung Flughafengebäude.
Ich komme zu dem Schluss dass das Trinkgeld zumindest gut bemessen war. oder viel zu viel?
<Sie sind mit ihrer ganzen Familie vorerst bei uns zu Hause untergebracht, das ist selbstverständlich>, so Frau Fleischmann.
<Habe allerdings noch ein kleines Anliegen, und es fällt mir nicht gerade leicht, sie zu bitten mein Auto zu fahren>. Warum denn das? Frage ich.
<Na ja, eigentlich kann ich gar kein Auto fahren, gesteht mir die Señora etwas vehement ein, und die Fahrerlaubnis kann man hier ganz offiziell beim Straßenverkehrsamt kaufen, was ich schon seit geraumer Zeit getan hatte>. Lautet ihre doch sehr plausible Erklärung. <Mein Mann hatte mir noch vor seiner Abreise nach Chile gezeigt, wo die Gänge liegen, mir die Bedienung von Kupplung, Brems und Gaspedal erklärt. Da ich diese aber, zugegeben noch nicht richtig beherrsche, und auf dem Herweg zum Airport beinahe zwei Unfälle verursacht hatte, traue ich mich nicht nochmals ans Steuer. Bitte Herr Schäffer fahren Sie!> Oder wir nehmen ein Taxi.
Irgendwie alles sehr lustig, ja absurd, denke ich als ich mich ans Steuer des Bulli klemme. Meine bessere Hälfte sagt nichts mehr und ich sehe ihr an, wie betroffen und skeptisch sie ist ob dieser Situation.
Wo sind wir denn da gelandet? Mag sie denken. Fügt sich jedoch in ihr Schicksal, und nimmt mit unseren beiden Kindern auf der hinteren Sitzbank Platz. Hinten sind die sichersten Plätze, hatten wir in der Fahrschule in Deutschland gelernt.
Die ersten Eindrücke von Asuncion, Paraguay’s Hauptstadt sind umwerfend. Chaos, nichts als Chaos. Auch habe ich Mühe mich hier am Steuer eines ungewohnten Volkswagens zurecht zu finden. All die verrückten Fahrzeuge, den Kamikazefahrern, deren Fahrverhalten zweifelsfrei auf eine in der Lotterie gewonnene Driverlicens schließen lässt. Unter Umständen haben die meisten wohl auch gar keine.
Das trifft auf die Kraftstoffbetriebenen Fahrzeuge sowie auch die von Blut angetriebenen, das heißt Pferdefuhrwerke, Eselskarren und Ochsengespanne ebenbürtig zu. Verkehrsampeln bei Rot werden genauso außer Acht gelassen, als würden sie in sattem Grün einher leuchten. Ich bin beeindruckt, um nicht zu sagen, dass es anfängt Spaß zu machen.
Unbeschadet kommen wir bei Fleischmann‘s Residenz in einem vornehmen ruhigen Nobelviertel an. Geschafft…..die erste Bewährungsprobe erfolgreich bestanden. Auch unsere Gastgeberin zeigt sich ausgesprochen erleichtert wieder in ihrer sicheren Residenz mit unbeschadetem Bulli angekommen zu sein.
Ein Fahrzeug muss her!!!! Und zwar ganz schnell, wollen wir nicht immer von anderen Leuten, Bus oder Taxi abhängig sein, sind die Gedanken die ich nicht mehr aus meinem Schädel wegbekomme.
Doch was zum Teufel kann ich heute an einem Sonntag unternehmen, um ein solches zu ergattern? Auch soll es ein Fahrzeug sein, was mir als Autonarr Spaß machen wird.
Und so gehe ich die drei cuadras zur Avenida, „Autos beobachten“. Mal sehen was sich hier so alles hin und her bewegt an motorisiertem und garantiertem „Spaßfaktor“.
Alles in allem hatte ich maximal so eine halbe Stunde an der Kreuzung Mariscal Lopez und der Avenida Republica Argentina beobachtet, und die Wahl war getroffen. Schon bald waren zwei Citroen 2cv an mir vorbei geknattert. Zu Hause in Vaters Garage hatte ich meine geliebte Ente zurück gelassen. Hier sind die glücklicherweise ebenfalls vertreten, was ich erleichtert zur Kenntnis nehme.
Oder doch lieber so einen alten Willy’s Jeep, der gerade an der gegenüberliegenden Tanke betankt wird?
„Und jetzt erst recht; ein Auto muss her! Das ist dringlicher denn je“.
Joachim (unser Sohn der damals 12 Jahre alt war), kommst du mit auf den Autostrich? Na klar!
Mit dem Taxi lassen wir uns bis auf km 3 der Avenida Eusebio Ayala fahren, wo von da an, bis fast nach San Lorenzo einer Vorstadt von Asuncion, alles zu haben ist.
Autohändler, Schrotthändler, Menschen und Waffenhändler. Eisenwaren und Billigmöbel aller Klassen.
Brauchst du irgendetwas ohne selbst zu wissen was, dann klappere die Eusebio Ayala ab. Da findest du alles was es gibt. Speziell Ware die es laut Gesetz eigentlich nicht geben sollte. Es ist trotzdem da, und gegen bares geht alles. So die einstimmige Aussage aller Befragten.
Wir latschen alles ab, und das sind doch so an die 10 km in brütender Hitze um gegen Abend in der Villa „Fleischmann“ erschlagen und enttäuscht zu berichten das alles nichts gebracht hat. Entweder viel zu teuer oder Schrott.
Ich hatte seinerzeit ja auch noch mit anderen Maßstäben gerechnet, und der Sprache so gut wie nicht mächtig, zahlt man eben „derecho al piso“ (Bodenrecht).
Der Peter Tost (Name geändert) ist am Telefon. Er hat einen Citroen AK 400 in einer Anzeige der Tageszeitung gefunden, will noch vorbeikommen und mit mir zusammen das Fahrzeug besichtigen.
Alle Zweifel werden energisch aus meinem Gedankengut verbannt, die Ente (natürlich total überteuert) auf der Stelle gekauft. Der Peter kann es natürlich nicht nachvollziehen wie man sich auf so ein Gefährt einschießen kann. Die Kinder jedoch freuen sich.
Drei Tage später nachdem der Papierkram, vorläufiger Kaufvertrag der eigentlich nur aus einer wertlosen Quittung besteht etc. abgeschlossen ist, stehen wir vollbepackt mit unseren drei Blechkisten unseren beiden Nachkömmlingen Claudia und Joachim abfahrbereit vor der „Villa Fleischmann“. Macht das nicht! Versucht uns die Gastgeberin unseren Plan auszureden, als Neulinge gleich mit eigenem Fahrzeug quer durch Asuncion, diesem Chaos hier zu fahren.
Glückliche Claudia
Das kann mich nicht abschrecken erwidere ich trotzig. Meine Chefin jedoch: Hör auf Sie! Sie ist schon länger hier, weiß wovon sie redet.
Aber: ich war auf früheren Reisen in verrückteren Städten wie z.B. Istanbul, Damaskus, Teheran und sogar in Venezuelas Hauptstadt Caracas als unerschrockener „ Ententreiber“ unterwegs.
Geld und Angst hatte in meinem bisherigen Leben eher eine untergeordnete Rolle gespielt. So sollte die Fahrt über Coronel Oviedo, wo mein zukünftiger Arbeitsplatz sein wird, bis nach Villarrica wo uns Frau Fleischmann bei weiteren Mitarbeitern unserer Organisation freundlicherweise angemeldet hatte, meine erste Herausforderung sein.
Kräftig ziehe ich an dem Seilzuganlasser, der an die Reißleine unseres daheimgebliebenen Rasenmähers erinnert. Das Motörchen unseres neu erworbenen Citroen 3cv Kastenwagen aus Argentinischer Produktion schnurrt zufrieden.
So, es geht los!
Chau und vielen Dank für alles. Ein letzter Test der elektrisch betrieben Hupe, die hier das wichtigste Anbauteil im Kraftfahrzeug zu sein scheint.
Ok, funktioniert laut und deutlich. „Den mutigen gehört die Welt“
Und so tasten wir uns in Schlangenlinien den Schlaglöchern ausweichend in der mit Bruchstein gepflasterten Straße, zur Av. Mcal. Lopez der Pracht-Avenida Asuncions.
Entgegen allen Bedenken meiner Copilotin schaffen wir es ungehindert und unversehrt bis San Lorenzo, wo es dann auf der Ruta 2 über Landstraße Richtung Oviedo geht. 132 km sollen es sein, da kommt ihr an eine Kreuzung, der einzigen überhaupt auf dieser Strecke von fast 400 km.
Etwas abseits der Ruta linker Hand befindet sich dann Coronel Oviedo. Solltet ihr also einen Abstecher nach Oviedo machen wollen, müsst ihr nach links abbiegen. Nach Villarrica geht es rechts ab, wo ihr dann nach 45 km, in Villarrica eintrefft. Soweit die wirklich detaillierte Wegbeschreibung von meinem neuen Chef dem Herrn Fleischmann.
Klingt eigentlich gar nicht so kompliziert, und müsste auch von einem Paraguay- Neuling ohne größere Komplikationen machbar sein.
Auf der Ruta 2 wird es dann ruhiger. Die liebe Sonne am Zenit zeigt deutlich zu was sie hier im Lande der Guaranies fähig ist. Dieser Umstand wirkt sich sehr positiv auf unsere Stimmung aus. Ich komme mir vor als wären wir eben grad zu der Weltreise gestartet, von der ich schon seit Jahren träume. Das riesige Lenkrad im festen Griff, mit der Rechten ab und zu mittels der Revolverschaltung in der Getriebebox herum gerührt: Das macht Laune! Oder spinne ich jetzt schon total? Wäre etwas verfrüht jetzt am fünften oder sechsten Tag.
<Papa, Papa> ruft mein Töchterchen Claudia die mutig zwischen den Blechkisten eingeklemmt ausharrt, nach vorne: <Schau, die tollen Hängematten hier am Straßenrand. So eine will ich! Nein, so eine brauch ich unbedingt! Die musst du mir kaufen; aber bald! >
<Und ich will ein Moped> so unser Sprössling Joachim. <Der Mark, also der Sohn von den Fleischmanns hat mich sehr gut aufgeklärt was hier so geht und was nicht. Hier dürfen schon zwölfjährige Moped fahren, und weil man keinen Führerschein dazu benötigt, ist das alles ganz einfach und legitim. Logisch oder? >Ich verspreche baldmöglichst die Wünsche unserer beiden in die Realität umzusetzen.
Mittendrin zwischen San Jose und Oviedo fängt unsere Ente an zu husten, und zwischendurch klingt es auch so als würde man hinten einen rauslassen, um dann endgültig in stillstem Schweigen zu verharren. So stehen wir jetzt da im Nichts. Der Motor streikt, will ums Verrecken nicht mehr starten.
Verzweifelt klingt die Stimme meiner Beifahrerin: <Oh weia, wenn wir jetzt überfallen werden, hier hilft uns keiner. Hier lebt ja keine einzige Menschenseele. Und ich hab meine erste Panne im fremden neuen Land schon nach 120 km Fahrstrecke. „Das fängt ja gut an“ >, sowie weitere Kommentare die ich hier nicht wiedergeben möchte, lassen meine bisher ausgezeichnete Laune in nullkommanix in den Keller gehen.
Ich, das heißt wir alle, hatten von unserem schönen perfekten Alemania einfach noch nicht abgenabelt, wo in solchem Falle z.B. einfach der ADAC an der nächsten Notrufsäule an gekabelt werden kann.
<Musst du auch immer deinen Kopf durchsetzen? Warum hast du nicht auf die Warnungen von Frau Fleischmann hören wollen? Sie hat mir während du auf Autosuche warst, einige schaurige Geschichten erzählt, was hier so alles passieren kann alleine auf weiter Flur bei einer Panne etc.. Alles, all unser ganzes Hab und Gut was wir besitzen ist hier in dieser Schrottmühle. Auch unser ganzes Bargeld die 20,000.- DM die wir aus Deutschland mitgebracht hatten sind in einer der Kisten da hinten. Hast du das vergessen? Jetzt sitzen wir hier in der Schei…., um nur einiges von der Standpauke zu benennen.
Tranquilo, (immer mit der Ruhe) hatte mir Don Manfred, der erfahrene Südamerikafux geraten. Und sich aufzuregen bringt schon gar nichts, war sein zusätzlicher Rat. Recht hat er behalten bis zum heutigen Tag.
Der Defekt war schnell gefunden. Die gealterte Zündspule war glühend heiß geworden. Mittels kaltem frischen Wasser aus unserer Eis box flux runtergekühlt, startet das Motörchen bereitwillig und es kann weiter gehen. Bin ja kein Anfänger oder? und ganz schön stolz auf mich selbst wegen der raschen Fehlererkennung inkl. Behebung. Ich behaupte einfach mal, dass die sog. „Gelben Engel“ vom ADAC es nicht besser gemacht hätten.
Das muss die besagte Kreuzung links nach Oviedo sein. Ganz eindeutig zu erkennen da nach links als auch nach rechts asphaltierter Straßenbelag abgeht. Von Hinweisschildern natürlich keine Spur, denn wer in diesem Land unterwegs ist, sollte die Verhältnisse sowie die Gegebenheiten kennen. Und außerdem: wo so gut wie keine richtigen asphaltierten Überlandstraßen vorhanden sind, dürfte das „sich verfahren „ recht schwierig gestalten.
Einiges an Überredungskunst kostet es mich, meine lieben davon zu überzeugen einen kurzen Abstecher in Richtung meines zukünftigen beruflichem Revier zu machen. In einem Reiseführer hatte ich bezüglich Coronel Oviedo die folgenden drei Sätze gelesen:
„Staubiges Nest, dessen eigentlicher ursprünglicher Name Ajo (Knoblauch) ist. Hier lohnt es sich nicht anzuhalten. Es sei denn man arbeitet für „ Colombia Film“ und möchte einen Wildwestfilm mit John Wayne oder Bud Spencer und Terence Hill in der Hauptrolle drehen“.
Na ja, so ähnlich sieht es hier an der berühmten Kreuzung auch aus. Jede Menge Bretterbuden die alles Mögliche zum Verzehr, oder auch zum Spülen einer ausgetrockneten Kehle anbieten. Hält trotz aller Reisewarnungen ein Bus, so werden die gegrillten Fleischspieße, die einen Duft, der zumindest bei mir Hunger und Appetit erzeugt, vom verkokten Grill, bestehend aus einer alten Öl tonne, gezerrt und lautstark den Reisenden durchs Fenster feilgeboten.
Ich darf es nicht laut sagen, aber hier möchte ich irgendwann mal einen ganzen Tag (oder Nacht?) verbringen. Ich hatte es erlebt, damals vor vier Jahren, in Venezuela. Erinnerungen werden wach. Alles gleicht sich in vielen Belangen, diese aufregenden emotionsgeladenen acht Monate in Puerto Ordaz, am Rio Caroni. Nur acht Monate durften es sein… viel zu wenig! Oder war es meine Rettung das ich nur relativ kurzfristig dort sein durfte?
Extrem schwer gefallen war mir der Abschied damals, sehr viel hatte ich zurückgelassen. Mein Herz am Ufer des Orinoko hoffnungslos für alle Zeiten verloren. „Venezuela ich komme wieder“ hatte ich mir geschworen, als der Flieger mit dem ich die Heimreise angetreten hatte, noch eine Ehrenrunde über dem Orinokodelta dreht.
Joachim und ich drücken uns noch einen von den herrlich duftenden Fleischspießen rein. Die Damen lehnen dankend ab. Aus den Ritzen irgendeiner Bude die gleiche Musik von Ruben Blades y Willy Colon so wie seinerzeit am Orinoko quakend, zu uns herüberdringt. Und so als wolle man mich willkommen heißen:
La vida te da sorpresa, sorpresa te da la vida..oh Dios” ( Das Leben bringt Überraschung, Überraschungen bringt dir das Leben … Oh Gott ) Ein Mädel lächelt mich an; una Cerveza Señor??, was mir ein Pochen an den Schläfen verursacht. Was ist denn jetzt mit dir los? Ich bin erschrocken über mich selbst. Nur nichts anmerken lassen! Meine Gefühle und abstrakten Gedankengänge die ich hier und in diesem Moment durchmache, darf ich mit niemandem der hier anwesenden teilen, das würde den Bogen extrem überspannen.
Was bahnt sich hier an? An diesem hässlichen Platz wo die meisten Menschen nicht mal tot überm Zaun hängen möchten?
Ich hab das umwerfende Gefühl, das sich mein Herz wieder zu Wort melden will. Zögerlich und etwas verkrampft, will es wieder zu neuem Leben erwachen.
Völlig überflüssig, aber: „Blinker links“ und eine Schleife durch die staubige Stadt drehen. Das wird mich ablenken. Einen John Wayne oder so etwas ähnliches können wir nicht ausmachen. Wohl aber sein Pferd, das vor einer Ferreteria (Eisenwarenhandlung) mit noch drei anderen Gäulen vorschriftsmäßig am dafür vorgesehenen eisernen Ring angebunden ist. Gesattelt mit Lasso und allem was dazu gehört, wartet es auf den Westernhelden.
<Lass uns endlich weiterfahren! Wir wollen noch vor Einbruch der Dunkelheit in Villarrica sein, müssen die Marion, wo wir vorläufig Unterschlupf gefunden haben noch ausfindig machen. Da sind wir angemeldet verdammt noch mal!> werde ich von meiner Crew bedrängt.
Als zukünftiger Werkstattleiter einer Ausbildungsstätte im allgemeinen Maschinenbau sollte ich informiert sein über Werkzeug und Materialangebot, und bestehe deshalb auf einen kurzen Informationsbesuch der Ferreteria.. Das fällt in meinen Verantwortungsbereich. Oder?
Zehn Minuten kriege ich genehmigt. Und was ich da alles zu sehen bekomme ist umwerfend.
John Wayne ist auch da.
Jedoch eher in der Statur von Louis de Funes dem französischen Grimassenzieher, wobei sein Outfit dem des John Wayne absolut entspricht.
Tatsächlich, alles was auch nur im entferntesten Sinn mit Eisen oder sonstigem Metall zu tun hat wird hier angeboten. Rundeisen, Vierkanteisen, Winkeleisen, Eisenfeilen und Bohrer. Eisenketten und Schubkarren mit Eisenrädern.
Jede Menge Schießeisen aller Kaliber, Lang und Kurz, Trommel oder automatischer Wiederlader. Neu und gebraucht alles fein säuberlich aufgereiht hängen sie da, jeder an seinem eigenen rostigen Nagel hinter dem Verkaufstresen. Die passende Munition dazu liegt offen neben der mechanischen Registrierkasse. Kling…..und alles frei verkäuflich.
Was fehlt ist eine Eisenbahn. Die würde wahrscheinlich dem Laden hier sprengen. Hin und weg bin ich, und muss hier raus!
Schon bald hatten wir genug Zeit um uns zu akklimatisieren. Ein 250 Jahre altes Haus mit tropischem Garten auf einem Grundstück von über 2000 Quadratmeter haben wir zwischenzeitlich gemietet, sind glücklich endlich einziehen zu können. Unsere Sprösslinge haben jeder sein eigenes Reich, unsere Claudia ein richtiges Prinzessin Zimmer mit Türmchen und so. Freundschaften mit den Einheimischen, aber auch mit der deutschstämmigen Bevölkerung können geknüpft werden. Es ist eine tolle Zeit.
Partystimmung
Die ausgesprochen hübsche junge Studentin Teresa haben wir engagiert, um der ganzen Familie täglich drei Stunden Spanischunterricht zu erteilen. Zwei weitere Fahrzeuge, ein uralter Willy‘s Jeep, und ein 10 Jahre alter Land Rover stehen vor der Türe um die nähere und auch weitere Umgebung zu erkunden. Auch die Doña ist wieder mobil und gerne mit dem Jeep unterwegs.
Unser Jeep
Unser Land Rover mit Papa Walter Joachim und Claudia
Ich fange an speziell die Einheimischen zu bewundern. Unter ihnen trifft man keinen einzigen wie aus der Heimat gewohnt „Grießkrämer und Nörgler“. Alle machen immer einen sehr fröhlichen sorgenfreien, ja glücklichen Eindruck auf uns. Steht denen dies denn überhaupt zu? Das hier ist doch „dritte Welt“ Wie kann man da einen ausgeglichenen Lebenswandel führen? Noch dazu in einer Militärdiktatur die von dem deutschstämmigen Heeresgeneral Don Alfredo Stroessner befehligt wird. Und das nun schon seit fast 35 Jahren. Vielleicht gerade deswegen? Unglaublich!
Aufbruch zur Safari
Einen ehemaligen Militärarzt (Traumatologe), ich nenn ihn Dr. Knochensplitter, kann ich bald zu meinem näheren Freundeskreis zählen. Niemals fehlt er in den kommenden Jahren bei unseren Asado-abenden mit viel Fleisch auf dem Grillrost. Sogar spät in der Nacht wenn sich spontan eine Fiesta ergibt. Ein kurzer Anruf genügt, und 20 Minuten später steht Dr. Miguel auf der Matte. Mit einer Flasche Whisky unter dem Arm, seinen Papagei Pancho auf der Schulter.
Die Stimmung ist gerettet, da er auch meistens gleich ein paar Mariachis mitbringt. Und wenn ich ihn so sehe mit seinem ergrauten Rauschebart, dem Pancho, Whisky und der filterlosen „la V“ im Mundwinkel, muss ich an alte amerikanische Kriegsfilme denken, wie der alkoholisierte Dr. im Feldlazarett dem verletzten Soldaten mit einer grobschlächtigen Knochensäge Bein oder Arm amputiert.
Die Lebensumstände gefallen mir ausgesprochen gut, und gehen mir sehr nahe. Bin geradezu begeistert und stelle mir insgeheim schon vor, für immer und ewig hier zu bleiben.
Schenk mir…Vier Monate von deinem Leben. Sage zu meiner Domi, als ich mit ihr in Asunción bin, um ihren neuen Reisepass abzuholen. Sie überlegt einen Moment... „Wenn Du jetzt die verrückte Reise meinst, die schon seit Jahren in deinem Kopf herum spukt, dann muss es aber bald sein, am besten noch in diesem Jahr. Man wird schließlich nicht jünger“ – was natürlich nur für mich gilt.
Ich habe gewonnen, es kann endlich losgehen. Meine liebe Frau und Weggefährtin will endlich auf große Tour mit mir gehen. Diese und andere Gedanken bescheren mir auf der ganzen Heimfahrt ein ungewöhnliches Kribbeln in der Magengegend, denn es gibt da eine Sache, von der ich sie noch überzeugen muss. Und das wird nicht ganz einfach werden.
Wie sag ich ihr, dass unsere Kastenente “La Gordita” das von mir auserwählte Reisefahrzeug ist. Nicht unser Land Rover, der eigentlich viel geeigneter, robuster, also einfach besser und vernünftiger für so eine Unternehmung ist. Funkstille…
Am nächsten Abend bin ich mal wieder am Schrauben an einer unserer Enten. Domi kommt und versorgt mich mit gut gekühltem Terere (gekühlter Mate). So ganz nebenbei erwähne ich, dass ja eigentlich jeder, oder sagen wir mal fast jeder, wie sich im Verlauf der Reise noch herausstellen wird, so eine Reise mit einem Land Rover oder Toyota oder was auch immer machen kann. Aaaaaaber! Mit einer Ente ist es „DIE“ Herausforderung, die sich nicht jedermann zutraut.
Denkpause... Das ist bei ihr ein Zeichen, dass ich gute Chancen habe. Stimmt, sagt sie. Lass es uns mit “ Gordita” machen, und ich bekomme noch ein paar Anweisungen, was so alles verbessert werden müsste, um ein frauengerechtes Reisen mit der „Gordita“ zu gewährleisten.
Damit ist sie auch schon wieder verschwunden aus meinem Schrauber Bereich. Alles klar und: Jetzt wird es ernst.
Ich über mich.
Auf diese Welt gekommen bin ich in Argentinien, genauer gesagt im Citroen-Werk bei Buenos Aires. Dort hat man mir den Namen AZU 350 gegeben. Das alles war im Jahre 1969. Man hat mich dann direkt nach Paraguay geschickt. In “misión extranjera” haben sie auf meine Papiere geschrieben. Dort habe ich ab 1970 auch laufen gelernt, und anfänglich hatte ich noch ein sehr schwaches Herz. Man hatte es mit dürftigen 16 PS ausgestattet und mit mickrigen 6 Volt habe ich von da an die neue Welt erleuchtet.
Überhaupt hatte ich eine etwas schwierige Kindheit und als Jugendliche war es auch nicht viel besser, denn da gab es in meiner neuen Heimat fast noch keine asphaltierten Straßen und auch die hiesigen Entendoktoren hatten ja keinerlei Ahnung von meinem eher delikaten Gefühlsleben – bin halt eigentlich doch eher Französin.
La Gordita
Ich habe es dann aber trotz viel Druck und schweren Lasten, die ich tragen musste als Mitarbeiterin in einer Schreinerei, auf 74.000 km geschafft, bis mich mein damaliger Chef auf Holzklötze setzte und mein Innenleben in einen Hühnerstall verwandelte.
Viele Küken haben im Laufe der folgenden Jahre in meinem Bauch das Licht der Welt erblickt. Entenküken wären mir lieber gewesen, aber: Das Leben ist kein Wunschkonzert und Hühner sind ja auch Federvieh. Man kann nicht alles haben!
Irgendwann im Jahre 2004 kam dann wieder mal der Walter zu Besuch in die Schreinerei um mich zu befreien. Doch der blöde Schreiner wollte immer zu viel Lösegeld und so hatte mein Retter diesmal Verstärkung durch einen Freund, der gerade aus Deutschland zu Besuch da war, mitgebracht. Zu zweit haben sie es dann geschafft, ein vernünftiges Lösegeld auszuhandeln und mich sicherheitshalber gleich in Walters Entennest mitgenommen, wo ich mit noch zwei weiteren Enten wieder zu dem gemacht wurde, was ich eigentlich immer war. Eine vornehme Ente aus dem Hause Citroen.
Manche Menschen nennen mich auch “Auto”. Wirklich! Deshalb bekam ich später auch ein stärkeres Herz mit fetten 29 PS und eine 12 Volt- Anlage. Dazu einen verstärkten Rahmen und einen raffinierten Ausbau - argentinische Französin halt - als Mini-Reisemobil.
Mehrere Probefahrten bis nach Argentinien und Bolivien durfte ich absolvieren. Und jetzt geht’s auf ganz große Fahrt mit Domi und Walter.
Zu meinem Hinterteil das nach der Aufrüstung wesentlich stärker ausgeprägt ist als bei normalen Enten, bedarf es noch einer Erklärung. Deshalb trage ich ab jetzt, und zwar mit Stolz, den Namen “La Gordita” (das Dickerchen).
HAUSENTEN TRÄUMEN VON FREIHEIT, WILDENTEN FLIEGEN WIRKLICH
Längst Vergangenes, die fast schon vergessenen siebziger Jahre kehren gedanklich wieder zurück, als ich der „Gordita“ mit Hammer, Meißel und Flex zu Leibe rücke.
Ich glaube, es war 1973, da schleppte ich meine erste Ente mit damals 16 PS und Fliehkraftkupplung für 300,- DM an. Und diese wurde dann auch noch gegen meinen fast neuen Fiat 850 Sport-Coupe eingetauscht, was zur Folge hatte daß ich aus der Fahrgemeinschaft mit Arbeitskollegen mit der Begründung: „Mit so einem Ding kann man doch nicht bei einem Ingenieurbüro (in dem wir damals arbeiteten) vorfahren, ausgeschlossen wurde. Die Familie stand Kopf, und mein damaliger Schwager, von Beruf Kfz-Mechaniker bei Opel, einer damals noch stolzen Marke, verweigerte mir für die Zukunft jede erdenkliche Hilfe mit den Worten:
< „Bei dieser Kiste werde ich Dir nicht helfen können (oder wollen?).“>
Mit einem Reparaturhandbuch als Hilfe begann somit, anfangs eher zwangsläufig, meine Karriere als Entenschrauber. Es hat viel Spaß gemacht und anstatt mit meiner damals jungen Familie meine Freizeit familiengerecht zu gestalten, lag ich meistens unter der Ente, um immer wieder irgendwas zu richten.
Ein Jahr später folgte dann unser erstes fabrikneues Auto, ein 2 CV 6 in blau, mit dem wir es auch mal bis in die Türkei geschafft haben. Da gab es aber -leider- nichts zu schrauben dran.
Dafür begann ich damals Enten zu sammeln, herzurichten und wieder zu verkaufen, um so in Zukunft unsere Urlaubsreisen zu finanzieren.
Wir haben es dann sogar mit einer 250-Mark-Ente bis in die Sahara das ist kein Schreibfehler geschafft. Irgendwann konnte ich eine AK 400 anschleppen, und seitdem träumte ich davon, damit nach Indien zu fahren. Dies war allerdings undenkbar mit Familie und einem ebenso festen wie guten Arbeitsplatz im ach so erstrebenswerten Angestelltenverhältnis.
Ich trieb mich von nun an viel auf Citroen-Treffen herum und lernte interessante Entenfahrer kennen, die solche und ähnliche Touren schon hinter sich hatten. Von Begeisterung und Anerkennung geprägter Neid kam auf. Anstatt samstags den wöchentlichen Einkauf im Supermarkt, so wie alle anständigen Wohlstands-Bundesbürger es taten, zu erledigen, waren meine bevorzugten Aufenthaltsorte diverse Autoschrottplätze, immer auf der Jagd nach irgendwas Verwertbarem.
„Ich geh heute wieder mal auf den Entenstrich“, nannte ich meine Samstagsbeschäftigung, dabei immer irgendwelche Reisen im Hinterkopf. Das Fernweh hatte mich unwiderruflich gepackt, der Virus, den ich bis zum heutigen Tage nicht mehr losgeworden bin, hatte sich manifestiert.
Glück gehabt!
Gibt es nicht allzu viel zu tun, denn wir sind ja schon in Südamerika. Ich bin selbständig und habe somit keinen Chef (na ja... Domi sieht es vielleicht ein bisschen anders), mit dem ich sonst bestimmt wegen des längeren Urlaubsbedarfs einiges auszufechten hätte. Wir sind vor Ort mit allem Drum und Dran.
Nur eine Sache gibt es noch, die dringend, um nicht zu sagen zwingend, auf Regelung beharrt: Die Finanzierung des Ganzen! Auf Sponsoren ist nicht zu hoffen und außerdem ist das betteln gehen auch nicht so meine Welt. Also muss eine Lebensversicherung, die ich noch in der alten Heimat laufen habe, und von der ich überzeugt bin, dass sie eigentlich für nichts gut ist, daran glauben.
Sie wird kurzerhand gekündigt und mit Verlust zurück gekauft. Das Finanzielle ist geregelt!
Jetzt gilt es nur noch unsere Haustiere und die Oma, Domi‘s Mutter, für die eher unbestimmte Dauer unserer Reise zu versorgen. Glücklicherweise stammt Domi aus einer kinderreichen paraguayischen Familie, verfügt somit über viele Neffen und Nichten.
Eines der Familienmitglieder muss also dran glauben und es ist auch bald gefunden: Roberto, der Glückliche! Er wird dazu ausersehen, auf Haus, Oma, unsere Blaustirnamazone Lori und unsere Schildkröte namens „Tatu-i“ aufzupassen. Und da das ja eigentlich nicht so viel Arbeit ist, kaufen wir gleich noch ein paar Eimer Farbe, mit der Roberto dann während unserer Abwesenheit die Hütte neu pinseln darf. So als kleines Dankeschön unsererseits. Man will es ja schön haben, wenn man nach einer strapaziösen Reise wieder nach Hause kommt. Der Bub soll ja auch was lernen!
Der wilde Lori
Pablito
Viel schwieriger gestaltet sich dann das Packen und Beladen unserer guten „Gordita“, wobei Domi natürlich ganz andere Prioritäten setzt als ich. Bei mir geht es hauptsächlich um Werkzeug, Ausrüstung schlechthin, und Ersatzteile. Bei ihr halt mehr um Klamotten gegen Kälte (?) oder Wärme und darum, im Urwald gut auszusehen. Na ja, irgendwann ist auch das geregelt, und der Tag der Abfahrt bestimmt. Und jetzt geht es endlich los.
Der grobe Plan
Es ist der 30. August 2011, 09:00 Uhr.
Von Domis Mutter werden wir mit einem “Gott beschütze Euch” eingesegnet und „La Gordita“ kriegt einen Rosenkranz mit Kreuz an den Blinker Hebel geknüpft. Wir müssen versprechen, ihn niemals abzumachen, denn er wird uns bestimmt wieder gut nach Hause geleiten. Wir haben uns dran gehalten und: Er hat Wirkung gezeigt.
Start ins große Abenteuer
Unser Nachbar Anibal, der hier ein Fotogeschäft betreibt, macht noch eine Aufnahme von uns dreien und mit einem „gute Fahrt und viel Glück“ rollen wir durchs Hoftor dem Abenteuer entgegen.
Volltanken, Zigaretten und Eis (zum Kühlen, nicht zum Lutschen) kaufen muss noch erledigt werden. Also noch ein kurzer Stopp unten an der Despensa beim Mister Schei... (Böses deutsches Schimpfwort). Aber so nennen wir ihn, weil es das einziges deutsche Wort ist, das er beherrscht ebenso gerne wie oft gebraucht. Er nimmt es gelassen.
< „Ihr geht wohl auf größere Fahrt? Wenn ich so sehe wie ihr bepackt seid. Wo geht es denn diesmal hin“>, will er wissen. „Na ja, erst mal der Straße nach in Richtung Norden, und wenn wir dann irgendwann in der Karibik angekommen sind, wollen wir uns immer nach links halten“. „Also dann, gute Fahrt und solltet ihr es wirklich bis nach Venezuela schaffen, dann grüßt mir den Hugo Chavez recht schön“...
Er hat es ernst gemeint.
Ich ziehe noch mal an „Gorditas“ Seilzuganlasser und das Motörchen schnurrt zufrieden. Unser Städtchen Coronel Oviedo, im Herzen Paraguays gelegen verschwindet jetzt langsam aus dem Rückspiegel und wir fahren durch grüne Weiden gen Norden und dann immer geradeaus.
Für heute haben wir uns vorgenommen, wenigstens die 400 km in Paraguay noch abzuspulen, da das vor uns liegende nichts Neues und Aufregendes mehr ist. So schaffen wir es auch noch locker bis an die Grenze zu Brasilien und übernachten dann in Dourados auf brasilianischer Seite.
Wir nehmen die BR 163 im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, die uns geradewegs in Richtung Norden führt.
Von früheren Reisen weiß ich, dass uns da bestimmt keine aufregenden Landschaften erwarten. Hier wird industrielle Landwirtschaft betrieben und dem entsprechend sieht es auch aus. Hier könnten wir tagelang durch Monokulturen von Soja, Baumwolle und was weiß ich noch alles fahren und nur wenig wird sich am Landschaftsbild ändern.
Das Gleiche gilt für die Provinzstädtchen, die immer ein bisschen abseits der Straße liegen. Alles hat das gleiche Strickmuster. Die Menschen, denen man begegnet sind sehr geschäftig und man merkt unmissverständlich, dass der sogenannte Fortschritt hier schon lange Einzug gehalten hat.
Domi staunt und bemerkt, dass hier wohl sehr viel Geld bewegt wird und ich frage sie: „Siehst du hier noch ein Vögelchen fliegen? Siehst du Menschen, die im Schatten eines riesigen Baumes sitzen und ihren Mate trinken?“
Ja, der Fortschritt hat wie überall sonst auf der Welt auch hier seinen Preis. Und ganz persönlich wünsche ich mir, dass unser schönes und immer noch ein wenig von lateinischer Romantik geprägtes Paraguay nicht ganz so schnell fortschreitet und Erhaltenswertes noch möglichst lange erhalten bleibt.
Noch ist die Große Dampfwalze namens Fortschritt, die konstruktionsbedingt dazu geschaffen ist, alles platt zu machen, nicht über uns gerollt. Gebe Gott, dass es noch lange so bleibt.
So geht es dann drei Tage weiter, bis wir in Cuiaba ankommen. Das Pantanal, das größte Feuchtbiotop unseres Planeten, erwartet uns.
Der Begriff Pantanal kommt aus dem portugiesischen und bedeutet Sumpf. Es befindet sich in den Bundesstaaten Mato Grosso und Mato Grosso do Sul. Kleinere Gebiete desselben reichen im Osten bis in die Nachbarstaaten Bolivien und Paraguay.
Das Pantanal ist eine noch sehr wenig erschlossene und kaum bewohnte Flussniederung mit zahlreichen Süßwasserseen, die von mehreren Flüssen gespeist werden und vom Rio Paraguay, dem das Gebiet flutenden und entwässernden Hauptfluss, durchzogen wird.
Dadurch hat sich ein artenreiches Feuchtgebiet entwickelt. Mit etwa 230.000 qkm Fläche ist es fast genau so groß, wie die Bundesrepublik Deutschland vor der Wiedervereinigung. Es liegt nur knapp 95 m über dem Meeresspiegel.
Wir suchen und finden eine günstige Unterkunft in Cuiabá, die allerschäbigste bisher, und sind heilfroh, vorher schon ein bisschen Proviant und Eis zum kühlen von Getränken eingekauft zu haben, denn ich habe mir mittlerweile angewöhnt, immer zuerst mal mein schönes “Angekommen-Bierchen” zu trinken.
Traditionen sollte man beibehalten, ach was, „man muss sie pflegen“.
Für den nächsten Tag ist erst mal Bancomat suchen angesagt. Denn auch hier, und hier erst recht gilt: “ohne Moos nix los”. Besonders Brasilien schlägt sich doch ganz schön in unserem Tagesbudget nieder.
