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Als 15-jähriger hat Deacon eine schicksalshafte Begegnung mit einem Mädchen, dem es heldenhaft gelungen ist, vor ihren Entführern zu flüchten. 19 Jahre später ist dieses Mädchen, Lavinia, erwachsen und kehrt an den Ort des Schreckens zurück, um sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Dass sie dabei Deacon wieder begegnet, hält sie für eine glückliche Fügung, die es ihr ermöglicht, ihm ein klein wenig von dem zurückzugeben, was er einst für sie getan hat. Und auch Deacons Herz schlägt bei ihrem Anblick sofort wieder höher, was ihn schon bald wünschen lässt, dass er viel mehr als nur ein guter Freund für sie sein könnte. Doch bevor die beiden noch entscheiden können, welche Art der Beziehung sie genau zueinander eingehen wollen, geschehen zwei schreckliche Morde, die mit Lavinias Entführung damals zu tun zu haben scheinen. Und als daraufhin auch Deacon und Lavinia sowie ihre Familien bedroht werden, wird beiden klar, dass sie schnell herausfinden müssen, wer dahinter steckt, da sie ansonsten alles verlieren könnten, was ihnen lieb und teuer ist...
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Seitenzahl: 1041
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Epilog
Deacon tapste leise über die Treppe nach unten, damit seine Eltern ihn nicht hörten und achtete darauf, dass er die Bodendielen direkt bei der letzten Treppe übersprang, damit diese nicht wie immer verdächtigt knarrten und ihn verrieten.
Seine Mutter mochte es nicht, wenn er nachts aufstand und zum Kühlschrank ging, um sich etwas zu essen zu holen und sie würde ihn auch jetzt wieder tadeln, wenn sie wüsste, was er im Begriff war, zu tun. Sein Vater sagte immer, ein Mann müsse essen und ein Mann, der noch im Wachsen begriffen war wie Deacon, erst recht, doch das interessierte seine Mutter nicht wirklich und wenn es hart auf hart kam, stimmte sein Vater seiner Mutter fast immer zu, anstatt sie zusätzlich zu verärgern, weil er wusste, dass er ihre Wut dann nur auf sich ziehen würde. Und die Wut von Alba Lawford wollte wirklich keiner zu spüren bekommen.
Deacon war nun in der Küche angekommen und wie ein Verbrecher sah er sich nach allen Seiten um, um sicherzugehen, dass auch niemand in der Nähe war, der seine Missetat mitansehen und ihn möglicherweise verpetzen könnte. Doch da die Luft rein zu sein schien, öffnete er leise den Kühlschrank und fühlte sich dabei wie ein Pirat, der gerade einen Schatz vor Augen hatte. Oder eher wie ein Pirat, der im Begriff war, diesen Schatz zu rauben. Doch wie sagte sein Vater immer: Ein Mann musste tun, was ein Mann tun musste.
Deacon nahm die Box mit dem übriggebliebenen Hühnchenfleisch vom Abendessen aus dem Kühlschrank und ebenso die Box mit den Nudeln vom Mittagessen, die seine Brüder übriggelassen hatten. Er nicht, denn er aß seine Portionen immer artig auf. Die Packung mit der Milch, die seine Mutter geöffnet hatte, um seinem jüngsten Bruder Liam vor dem Zubettgehen einen warmen Kakao zu machen, klemmte er sich ebenfalls noch unter den Arm, bevor er mit dem Fuß den Kühlschrank zustieß und seine Beute ins Wohnzimmer hinüberschleppte.
Da seine Mutter es nicht mochte, wenn es nachts vollkommen finster rund ums Haus war, hatte sie im Garten etliche Solarlichter und Laternen hängen, die ein angenehmes Licht ins Wohnzimmer warfen, sodass er nicht im Dunkeln essen musste. Denn Licht zu machen, wäre viel zu gefährlich gewesen, da er manchmal das Gefühl hatte, seine Mutter hätte einen sechsten Sinn und würde erwachen, sobald er auch nur einen Lichtschalter irgendwo im Haus betätigte. Doch so würde sie mit ein wenig Glück nichts mitkriegen und voller Zuversicht und in genussvoller Zufriedenheit lümmelte sich Deacon auf die Couch, stellte sich die Boxen auf den Schoß und legte die Füße auf den Tisch. Etwas, was er sich in Anwesenheit seiner Eltern ebenfalls nie getraut hätte.
Er fing gerade an zu essen, hatte das erste Hühnerbein in der Hand und fischte mit den Fingern ein paar Nudeln aus der zweiten Box, da er vergessen hatte, eine Gabel mitzunehmen, als ein Geräusch im Garten ihn innehalten und beinahe schreckhaft zusammenzucken ließ.
„Verdammt, was…“ Stirnrunzelnd blickte er durch die gläsernen Schiebetüren, die vom Wohnzimmer aus auf die Terrasse und den angrenzenden Garten führten, und sah, wie sich hinten im Garten jemand über ihren gut mannshohen Gartenzaun zu hangeln versuchte. Naja, mannshoch, wenn man bedachte, dass er noch nicht ausgewachsen und daher seine volle Größe noch nicht erreicht hatte.
„Was zum Teufel…“ Er stand auf und trat näher an die Schiebetüren, um genauer zu sehen, was da vor sich ging, als ein Mädchen – ja, es war eindeutig ein Mädchen – es schließlich schaffte, den Zaun zu überwinden und sich beinahe überschlug, als sie im Garten seiner Eltern landete und auf der feuchten Wiese ausrutschte.
Doch noch bevor er reagieren konnte, rappelte sich das Mädchen schon wieder auf, sah wie gehetzt über ihre Schulter und schickte sich an, weiter zu sprinten, als wäre ihr der Teufel auf den Fersen.
„Autsch!“ Deacon sah, wie sie dabei über eines von Liams Sandspielzeugen stolperte, die dieser mitten in der Wiese liegen gelassen hatte, deshalb erneut ins Straucheln kam und es nicht mehr schaffte, das Gleichgewicht wiederzuerlangen, weshalb sie erneut mit voller Wucht der Länge nach in der Wiese landete und dabei auch noch unsanft mit dem Kinn aufschlug.
„Okay.“ Da das Mädchen dieses Mal eindeutig langsamer wieder hoch kam und sich augenscheinlich wirklich verletzt hatte, schmiss Deacon seine Angst, er könnte Aufmerksamkeit erregen und seine Eltern wecken, über Bord, schob die Schiebetüren weit auf und rannte in den Garten hinaus.
„Hast du dir wehgetan?“
Das Mädchen riss den Kopf hoch, als sie ihn hörte und er konnte eine solche Angst in ihren Augen erkennen, dass er augenblicklich die Hände hob und langsamer wurde.
„Keine Sorge, ich will dir nichts tun.“
„Ich…ich….ich muss hier weg!“ Das Mädchen versuchte, wieder auf die Beine zu kommen und wäre dabei beinahe wieder auf dem Po gelandet, so eilig hatte sie es.
„He, jetzt warte doch mal.“ Deacon langte nach ihrer Hand und duckte sich automatisch, als sie daraufhin einen grellen Schrei ausstieß.
„Bitte!“ Sie versuchte, sich loszureißen und Deacon ließ sie frei, weil er nicht wollte, dass sie noch die ganze Nachbarschaft weckte. „Lass mich gehen, ich muss hier weg!“
„Okay, okay.“ Deacon hob wieder die Hände und blickte sie so sanft und beruhigend wie möglich an. „Aber du bist verletzt und ich könnte dir helfen.“
„Ich….“ Die Kleine war eindeutig verstört, verwirrt und vollkommen außer sich, deshalb wollte er sie nicht einfach so gehen lassen, ohne nicht wenigstens zu versuchen, ihr zu helfen.
Außerdem würde sein Vater ihm gewaltig die Leviten lesen, wenn er mitbekommen würde, dass er jemandem in Not keine Hilfe anbot, vor allem, wenn es sich dabei um ein kleines Mädchen handelte, das bestimmt einige Jahre jünger als er war.
„Ich habe drinnen Pflaster und Wundspray und falls du Hunger hast, Essen ist auch da.“
„Nein, ich….“ Das Mädchen schüttelte wie wild ihren Kopf, sodass ihre kastanienbraunen Haare, die vollkommen durcheinander wirkten, nur so um ihr Gesicht flogen.
„Du kannst auch ein Glas Milch haben, wenn du willst. Oder ich mache dir heißen Kakao, wie meine Mom es immer für meinen kleinen Bruder tut, wenn er Alpträume hat.“
„Nein, ich muss hier weg.“, sagte sie wieder, als stünde sie unter Schock.
Sein Vater hatte ihm beigebracht, was das hieß, da er öfter mit Leuten zu tun hatte, die unter Schock standen.
„Sie werden mich sonst finden. Sie suchen mich bestimmt schon. Sie sind hinter mir her und dann werden sie mir wieder wehtun.“
„Wer?“ Deacon zog die Stirn in Falten. „Wer sucht dich? Wer ist hinter dir her?“
„Die bösen Männer.“, antwortete das Mädchen und sah dabei aus, als würde sie gleich anfangen zu weinen.
„Okay, okay.“ Deacon hielt seine Hände noch immer vor sich, um ihr zu signalisieren, dass er ihr nichts tun würde, dennoch ging er wieder ein paar Schritte auf sie zu und streckte langsam seine Hand aus. „Komm mit mir nach drinnen. Dort wird dich niemand finden und keiner wird dir wehtun. Das verspreche ich dir.“
„Aber sie werden mich suchen.“, erwiderte sie beharrlich.
„Das mag schon sein.“ Deacon lächelte sie beruhigend an und strich ihr eine Träne aus dem Augenwinkel. „Aber bei mir bist du in Sicherheit, ok? Wenn du hierbleibst, bist du sicher vor ihnen.“
„Wirklich?“ So etwas wie Hoffnung schien sich in dem Gesicht der Kleinen auszubreiten, was Deacon tatsächlich rührte.
„Ganz bestimmt.“, versicherte er daher. „Na los, gehen wir rein.“
Sie zögerte nur noch einen kleinen Augenblick, dann nickte sie entschlossen und ergriff seine Hand, die er ihr wieder entgegengestreckt hatte.
„Ich bin übrigens Deacon.“ Er führte sie langsam und vorsichtig ins Haus, da ihm nicht entgangen war, dass sie leicht hinkte und ihr linkes Knie immer noch blutete.
„Ich…ich bin Vinnie. Eigentlich Lavinia, aber alle nennen mich Vinnie.“ Ihre Stimme zitterte ein wenig, doch Deacon merkte, dass sie sich ansonsten nach und nach fing.
„Freut mich, dich kennenzulernen, Vinnie.“ Er schenkte ihr wieder ein Lächeln. „Lavinia ist ein schöner Name.“
„Findest du?“ Sie rümpfte ein wenig die Nase, was ihn beinahe zum Lachen brachte.
„Ja, allerdings.“ Er betrachtete sie ein wenig. „Würdest du lieber anders heißen?“
„Naja, Lavinia ist ganz ok, aber ich mag es nicht, dass mich alle Vinnie nennen.“, sagte sie und ihm entging nicht, dass sie eindeutig auftaute, während sie sich ein wenig im Wohnzimmer umsah.
„Achso?“, fragte er deshalb nur.
Sie blickte ihn direkt an und er stellte fest, dass ihre Augen beinahe dieselbe Farbe hatten wie ihre Haare. Die Farbe reifer Kastanien. „Vinnie klingt so nach einem Kind. Und ich bin kein Kind mehr.“
„Wie alt bist du denn?“ Deacon ergriff die Box mit dem Hühnchenfleisch und hielt sie ihr entgegen.
„Elf.“, erklärte sie ihm nicht ohne Stolz in der Stimme. „Und ich mag kein Fleisch.“
„Okay.“ Um seine Mundwinkel zuckte es. „Wie wäre es dann mit Nudeln?“
Sie blickte zur zweiten Box und er konnte sehen, dass sie daran schon interessierter war. „Sind die kalt?“
„Ja.“ Er zuckte die Schultern. „Aber ich kann sie auch in die Mikrowelle tun, um sie aufzuwärmen.“
„Nein, ist schon ok.“ Sie nahm die Box von ihm entgegen, zog jedoch ihre Augenbrauen zusammen. „Soll ich sie mit den Fingern essen?“
Jetzt musste Deacon doch lachen. „Nein, entschuldige. Ich kann dir gerne eine Gabel holen.“
„Hm.“ Sie folgte ihm langsam in die Küche und zuckte zusammen, als sie sich im Dunkeln aus Versehen an einem Stuhlbein anstieß.
„Entschuldige, ich sollte Licht machen.“ Er ging hinüber zur Tür, neben der ein Lichtschalter in die Wand eingelassen war, um diesen zu betätigen.
„Nein!“ Panisch machte sie einen Sprung nach vorne und hätte dabei fast die Box mit den Nudeln fallen lassen.
„Was?“ Deacon drehte sich verwundert und ein wenig erschrocken zu ihr um.
„Kein Licht.“ Ihre Hände begannen wieder zu zittern und in ihren Augen stand erneut die Angst. „Wenn du Licht machst, werden sie wissen, dass ich hier bin. Sie werden mich finden.“
„Lavinia.“ Er nahm ihr die Box mit den Nudeln aus der Hand, bevor sie diese wirklich noch fallen ließ, stellte sie auf den Küchentisch und strich ihr besänftigend über den Arm. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass du hier sicher bist. Niemand wird dich hier finden.“
„Sie haben mir wehgetan.“ Unvermittelt traten wieder Tränen in ihre Augen und ihre Beine machten den Anschein, gleich unter ihr nachzugeben. „Sie haben mich in einen dunklen Raum gesperrt und die Fenster vernagelt. Und sie haben mir Sachen in mein Essen geschüttet, von denen ich Bauchschmerzen bekommen habe.“
Deacon merkte, wie sich ihm die feinen Härchen im Nacken und an den Armen aufstellten, als er hörte, was sie sagte. „Sie haben versucht, dich zu vergiften?“
„Ich…ich weiß es nicht.“ Die Tränen liefen unablässig über ihre Wangen, aber das schien sie gar nicht zu merken. „Ich habe gedacht, vielleicht wollen sie, dass ich sterbe, aber sie haben gesagt, sie brauchen mich noch.“
„Okay. Verstehe, ich…“ Deacon war mehr als erschüttert über ihre Antwort, weshalb er sich durch sein dunkles Haar fuhr, an dem seine Mutter schon länger rummeckerte, da es zu lang war. Aber er mochte es eigentlich, wenn es ihm bis zu den Augen fiel, weil er fand, dass es ihn ein wenig verwegen aussehen ließ. Und seine Brüder zogen ihn ohnehin immer damit auf, dass er der brave, wohlerzogene Sohn war, der nie etwas tat, um seine Eltern zu verärgern. „Am besten, du kommst jetzt mit mir hoch in mein Zimmer. Dort kannst du dich ein wenig ausruhen und dann wecke ich meine Eltern.
Die können dir bestimmt helfen.“
„Nein, das…nein.“ Die Angst in ihr schien noch viel größer zu werden, als er seine Eltern erwähnte, was ihn dazu veranlasste, ihr sanft übers Haar zu streichen.
„Lavinia, mein Dad ist ein Polizist. Verstehst du das? Er ist der Sheriff dieser Stadt und er wird die bösen Männer, die dich gefangen und dir wehgetan haben, bestimmt finden und einsperren. Er wird sie ins Gefängnis bringen, damit sie dir nie wieder etwas Böses antun können.“
Sie schüttelte erneut wie wild ihren Kopf und griff in ihrer Panik nach seiner Hand. „Einer der bösen Männer hat telefoniert und gesagt, dass die Polizei nicht helfen kann.
Dass sie nicht helfen darf, weil sie mir sonst jeden Finger einzeln abschneiden.“
„Oh, Himmel.“ Deacon hielt sich eigentlich für einen ganz coolen Fünfzehnjährigen, egal, was seine Brüder auch immer sagten, doch das brachte ihn komplett aus dem Konzept.
„Bitte.“, flehte Vinnie, die nicht wusste, was sein Ausruf bedeuten könnte. „Ich will nicht, dass sie mir die Finger abschneiden.“
„Natürlich nicht.“ Deacon fasste sie fest bei den Armen und blickte sie eindringlich an. „Keiner wird dir auch nur eine Fingerkappe abschneiden, hörst du? Das werde ich nicht zulassen. Versprochen. Und mein Dad auch nicht.“
Da Lavinia daraufhin einen verzweifelten Schluchzer ausstieß, zog er sie kurzerhand in die Arme und strich ihr beruhigend über den Rücken.
„Ist ja schon gut.“ Er wartete ein wenig, bis sie etwas ruhiger war, dann schob er sie von sich, lächelte ihr aufmunternd zu und nahm sie an der Hand. „Na komm, ich zeige dir mein Zimmer.“
Er führte sie die Treppe hoch und achtete darauf, auch dieses Mal sehr leise zu sein, jedoch nicht so sehr, um seine Eltern nicht zu wecken, sondern eher, um Vinnie nicht wieder zu erschrecken oder sie doch noch dazu zu veranlassen, wegzulaufen. Als er die Tür zu seinem Zimmer aufstieß, war er beinahe erleichtert, dass sie vor ihm eintrat und sich neugierig umsah, bevor sie abwartend stehen blieb.
„Willst du dich ein wenig hinlegen?“ Beinahe war es ihm ein wenig peinlich, dass er Star-Wars-Bettwäsche hatte, doch andererseits war Anakin Skywalker ziemlich cool, obwohl er sich am Ende der dunklen Seite der Macht zuwandte. Oder auch gerade deswegen. Wer konnte das schon sagen.
Sie schüttelte den Kopf. „Dann mache ich dein Bett ganz schmutzig.“
„Oh, das macht nichts.“, versicherte er ihr. „Meine Mom kann das wieder waschen.“
„Aber ich blute und…“ Sie kam nicht dazu, auszureden, weil er kurzerhand die Bettdecke zurückschlug und sie auf sein Bett drückte, da er wirklich Angst hatte, dass sie sonst bald zusammenbrechen würde.
„Ich werde kurz ins Bad rübergehen und Verbandszeug holen, ja?“ Er ging vor ihr in die Hocke, um auf Augenhöhe mit ihr zu sein. „Du kannst dich ruhig ein wenig hinlegen oder dich noch ein wenig umsehen in meinem Zimmer, aber ich werde gleich zurück sein.“
„Ganz bestimmt?“, fragte sie nach und er konnte hören, dass ihre Stimme dabei wieder ein wenig zittrig wurde.
„Ganz bestimmt.“ Er hob zwei Finger, um seinen Schwur zu besiegeln und war froh, als er sie daraufhin lächeln sah. Sogar das erste Mal, seit sie im Garten aufgetaucht war.
„Okay.“ Sie nickte mit diesem bezaubernden Lächeln, das zwei Grübchen neben ihrem Mund entstehen ließ und Deacon dachte, dass Teenager-Hormone ganz schön verrückt waren, da daraufhin sein Herz einen Hüpfer machte.
„Gut.“ Wenn seine Hormone schon so verrückt waren, konnte er es sich erlauben, sie kurz aufs Haar zu küssen, dann drehte er sich jedoch ruckhaft um und verließ das Zimmer.
Ein paar Schritte machte er noch langsam und bedächtig, um Vinnie nicht wieder aufzuschrecken, doch dann beschleunigte er seinen Gang und lief zum Ende des Flurs, wo das Schlafzimmer seiner Eltern lag.
Obwohl er wusste, dass seine Eltern ihn schimpfen würden, wenn er nicht einmal klopfte, unterließ er es, weil dieses Geräusch an Vinnies Ohren hätte dringen können und wer wusste, was sie dann tun würde. Darum öffnete er die Tür unaufgefordert, stürmte in den vollkommen dunklen Raum und stieß sich gleich einmal heftig den großen Zeh am Bett, das irgendwie näher stand als er gedacht hatte.
„Verfluchte….“ Er unterdrückte die Worte, die ihm noch auf der Zunge lagen, als das Licht auf dem Regal neben dem Bett anging und seine Eltern beide im Bett hochschossen.
„Deacon Lawford.“ Die Stimme seiner Mutter klang ganz und gar nicht erfreut. „Kannst du mir erklären, was das soll?
Warum du mitten in der Nacht unangemeldet in unser Schlafzimmer stürmst?“
„Es tut mir leid.“, brachte Deacon hervor und warf einen Blick über seine Schulter, obwohl er durch die Tür ohnehin nichts sehen konnte als einen kleinen Teil des Flurs. „Aber Dad, du musst mir helfen.“
„Was ist passiert?“ Die Stimme seines Vaters klang etwas sanfter, obwohl sein Blick ebenfalls signalisierte, dass er eine Erklärung verlangte.
„Ich…ich habe da ein Mädchen in meinem Zimmer…“, begann er, kam jedoch nicht weiter, weil seine Mutter nach Luft schnappte.
„Deacon Lawford, wo sind deine Manieren geblieben?“
„Mom.“ Er verzog das Gesicht, als er erkannte, woran seine Mutter wohl dachte. „Bitte, so ist es doch gar nicht.“
„In Ordnung.“ Sein Vater lehnte sich in die Kissen zurück.
„Wie ist es dann? Erklärst du es uns?“
„Sie…sie war draußen im Garten.“, setzte Deacon ein wenig stockend an. „Ich habe gesehen, wie sie über den Zaun geklettert ist und dann ist sie über eines von Liams Sandspielzeugen gestolpert und hingefallen.“
„Ein Mädchen ist über unseren Zaun geklettert?“ Sein Vater runzelte die Stirn. „Bist du sicher, dass du nicht geträumt hast?“
„Dad, sie ist da.“, verdeutlichte Deacon. „Sie sitzt in meinem Zimmer und sagt, böse Männer hätten sie eingesperrt, ihr wehgetan und ihr Sachen ins Essen geschüttet, von denen sie Bauchweh bekam.“
Sein Vater wechselte einen kurzen Blick mit seiner Mutter, dann schlug er die Bettdecke zurück und rutschte an die Kante. „In Ordnung, mein Sohn, bist du dir ganz sicher, dass sie das gesagt hat? Und dass sie es auch so meint? Meinst du nicht, dass sie vielleicht einfach von Zuhause weggelaufen ist oder….“
„Nein, Dad.“ Deacon blickte seinen Vater so aufrichtig und eindringlich wie möglich an. „Sie lügt nicht. Sie erfindet das nicht. Kein elfjähriges Mädchen würde so etwas erfinden und sagen, dass die Männer gedroht hätten, ihr jeden Finger einzeln abzuschneiden, wenn sie die Polizei zu Hilfe holen würden.“
„Sie…“ Jetzt war sein Vater mit einem Satz auf den Beinen und schob Deacon bereits in Richtung Tür. „Alba, ruf auf dem Revier an und sag ihnen, wir brauchen Verstärkung hier.“
Alba nickte und griff bereits nach dem Telefon, das neben dem Bett stand, doch mehr bekam Deacon nicht mehr mit, da sein Dad ihn bereits mit sich den Flur hinunterzog und dort wenig später sein Zimmer betrat.
Lavinia, die noch immer auf dem Bett saß und sich keinen Zentimeter gerührt zu haben schien, sprang sofort auf ihre Füße, während ein panischer Ausdruck über ihr Gesicht huschte.
„Nicht.“ Deacon trat sofort zu ihr und nahm sie in die Arme.
„Hab keine Angst, Lavinia. Das ist mein Dad. Er tut dir nichts. Er wird dich beschützen, so wie ich es dir versprochen habe.“
„Deacon hat Recht.“ Die Stimme seines Vaters war ganz sanft und Deacon wusste, dass er so mit Leuten sprach, die Opfer eines Verbrechens geworden waren. Oder natürlich auch mit ihm und seinen Brüdern, wenn er sie tröstete oder ihnen sagte, dass er sie lieb hatte. Oder wenn er seiner Mom sagte, dass er sie liebte, was Deacon meistens furchtbar peinlich fand. „Ich bin Rick. Dein Name ist Lavinia, nicht wahr?“ Er sah kurz seinen ältesten Sohn an, der das Mädchen mit diesem Namen angesprochen hatte und ihm zunickte. „Das ist ein sehr schöner Name.“
„Das hat Deacon auch gesagt.“, meinte Lavinia, krallte sich aber an Deacons T-Shirt fest, als würde sie erwarten, dass Rick sie gleich packte und ihr wieder Schreckliches antat.
„Nun, dann muss es wohl stimmen.“ Ricks Stimme blieb vollkommen ruhig. „Ich bin Polizist und es ist mein Job, den Menschen zu helfen und sie zu beschützen. Darum würde ich auch dir gerne helfen.“
„Aber sie haben gesagt, dass sie mir jeden Finger einzeln abschneiden werden, wenn wir zur Polizei gehen.“ Vinnie vergrub ihr Gesicht im T-Shirt von Deacon, das ziemlich gut roch, wie sie fand.
„Niemand wird dir einen Finger abschneiden, hörst du.“
Deacons Dad strich ihr über die zerzausten Haare und hoffte darauf, dass sie ihn ansehen würde. „Wir werden nicht zulassen, dass sie dich wieder kriegen und dir wehtun.“
„Wirklich nicht?“ Sie drehte den Kopf ein wenig und wagte einen Blick auf den Mann, der zwar sehr groß war und sehr breite Schultern hatte, dessen Augen aber ganz sanft und liebevoll waren, wie die Augen ihres Onkels, den sie so gern hatte.
„Nein, mein Herz.“ Der Mann lächelte sie an, wobei sie erkannte, dass Deacon fast ganz genauso aussah, was ihre Angst ein wenig verscheuchte und sie dazu brachte, sich ganz umzudrehen. „Aber du musst mir sagen, ob du weißt, wie die Männer ausgesehen haben. Oder ob du weißt, wo sie dich eingesperrt haben.“
„Ich…“ Lavinia schien ernsthaft zu überlegen und setzte sich dabei wieder aufs Bett. „Ich weiß nicht, wo ich war. Es war dunkel, als ich aufgewacht bin, im Raum war es ganz dunkel und es wurde auch nicht hell, weil sie Bretter vor das Fenster genagelt hatten.“
„In Ordnung.“ Rick nickte und ging vor ihr in die Hocke, wie Deacon es zuvor getan hatte. „Weißt du ungefähr, wie lange du dort warst?“
Wieder dachte sie nach, bevor sie den Kopf schüttelte. „Ich habe oft geschlafen, aber es hat sich sehr lange angefühlt.“
Rick warf einen Blick auf seinen Sohn, der sich neben das Mädchen aufs Bett setzte. „Deacon hat mir erzählt, dass sie dir Dinge ins Essen getan haben, auf die du Bauchschmerzen bekamst. Wie oft ist das passiert?“
„Ich weiß nicht genau.“ Sie biss sich ein wenig auf die Lippe.
„Fünf- oder sechsmal. Aber ich habe nur zweimal von der Suppe oder dem Müsli gegessen. Danach habe ich es immer ins Klo geschüttet und runtergespült, damit sie nicht bemerkten, dass ich nichts gegessen habe.“
„Okay, schlaues Mädchen.“ Rick lächelte sie wieder an und sie erwiderte das Lächeln etwas schüchtern, was Rick veranlasste, näher zu kommen. „Wie bist du aus dem dunklen Raum rausgekommen? Wie hast du es geschafft, ihnen zu entkommen?“
„Ich habe heimlich einen Löffel und später eine Gabel von dem Tablett genommen, das sie mir brachten. Damit habe ich die Nägel aus den Brettern vor dem Fenster gezogen, sodass ich dieses öffnen, durchsteigen und abhauen konnte.“, erklärte sie.
„Du hast….“ Rick schien sprachlos, angesichts des Mutes und der Gewitztheit des Mädchens, die sie scheinbar gerettet hatten.
„Voll cool.“ Deacon grinste sie an.
„Findest du?“ Sie warf ihm einen Seitenblick zu, der dem Herz seines Vaters einen Stich gab.
„Klar. Du bist eine richtige Superheldin. Die entkommen den Schurken auch immer durch so tolle Ideen, weißt du?“ Deacon legte ihr den Arm um die Schultern.
„Ja, vielleicht.“ Ein wenig schüchtern senkte sie den Kopf, aber Rick konnte sehen, dass sie tatsächlich ein wenig rot geworden war.
Rick verkniff sich ein Seufzen und legte dem Mädchen die Hand auf den Arm. „Wie weit war es bis zu uns? Wie weit bist du gelaufen? Kannst du mir das ungefähr sagen?“
Lavinia zog die Stirn in Falten. „Es war dunkel, aber ich glaube, ich bin durch Weingärten gelaufen. Ich weiß, wie Weingärten aussehen, weil mein Onkel einen hat. Er hat ein großes Weingut in der Nähe von Santa Barbara.“
„Okay, das ist gut.“ Rick signalisierte ihr mit einem Nicken, dass sie weitersprechen solle.
„Danach lief ich an einer Farm vorbei, weil ich Kühe hören konnte und dann war da nichts mehr als weite Felder bis ich in einen kleinen Wald kam. Ich hatte Angst, dass ich mich verlaufe, dass ich nicht mehr aus dem Wald herausfinde und dann habe ich Lichter gesehen. Viele Lichter. Und ich bin darauf zugelaufen und zu euren Haus gekommen.“ Sie blickte erneut kurz zu Deacon hinüber. „Ich bin über den Zaun gestiegen und wollte durch den Garten laufen, weil ich dachte, vor dem Haus komme ich bestimmt auf eine Straße, aber dann bin ich hingefallen und dann ist Deacon gekommen.“
„Gott segne meine Frau und meinen Jungen.“, flüsterte Rick leise, doch Deacon konnte ihn dennoch hören.
Genau wie Alba, die in dem Moment mit jeder Menge Verbandszeug in den Raum kam.
„Was höre ich da?“
Rick erhob sich und drehte sich zu seiner Frau um. „Deine Lichter im Garten haben diesem Mädchen den Weg gewiesen und sie zu uns geführt.“
„Sieh an, sieh an.“ Alba lächelte, weil sie wusste, dass ihr Mann es unsinnig und kitschig fand, so viele Lichter im Garten aufzuhängen, doch sie hatten ihren Nutzen, wie er jetzt wohl einsehen musste. „Hallo, mein kleiner Liebling.“
Sie näherte sich Lavinia mit sanften Gesichtsausdruck und setzte sich vor ihr auf den Boden. „Ich bin Alba, Deacons Mom, und ich habe gehört, du bist verletzt, und dachte, ich kümmere mich mal um deine Wunden. Männer haben davon keine Ahnung, weißt du.“
„Deacon hat gesagt, er hat Pflaster und Wundspray. Er wollte meine Verletzungen auch versorgen.“, meinte Vinnie, die nicht länger Angst zu haben schien, obwohl sie Deacons Mom nicht kannte.
„Ach ja?“ Alba hob ihre blonden Augenbrauen und blickte Deacon von der Seite an. „Dann hat er das wohl im Eifer des Gefechts am Ende wieder vergessen.“
„Er war nett zu mir.“, verteidigte Vinnie ihn sofort.
„Na, das möchte ich doch hoffen.“, sagte Alba.
„Mom.“, beschwerte sich Deacon, der sich eindeutig unwohl in seiner Haut fühlte.
„Er hat gesagt, ich kann Nudeln essen. Aber ich glaube, wir haben sie unten vergessen.“
„Tatsächlich?“ Seine Mutter reinigte die Wunde an Vinnies Knie und sah deshalb nicht hoch, doch ihr Ton reichte, um Deacon noch kleiner werden zu lassen.
Rick grinste, als er das sah. „Wie wäre es, wenn ich die Nudeln von unten hole und wir alle ein paar essen, während wir auf meine Kollegen warten?“
Vinnie riss den Kopf hoch. „Es kommen noch mehr?“
„Ja.“ Rick trat neben sie und strich ihr wieder übers Haar.
„Aber du musst keine Angst haben, weil sie dir alle nichts Böses wollen. Und weißt du, ich bin ihr Chef. Ich kann ihnen sagen, was sie tun müssen.“
Vinnie bekam große Augen. „Und du wirst ihnen sagen, sie sollen die bösen Männer fangen?“
„Das werde ich.“, versprach Rick. „Und ich werde sogar mit ihnen gehen, damit wir die bösen Männer auch ganz bestimmt kriegen.“
„Ich hab sie nicht gesehen.“, fiel Lavinia wieder ein, was Rick sie zuvor gefragt hatte. „Sie hatten immer Masken über dem Kopf. Tiermasken. Einer war ein Panda, der andere ein Wolf.“
„Verstehe.“ Rick nickte und nahm ihre Hand, als sie zusammenzuckte, während Alba ihr Knie verband.
„Entschuldige, Kleines.“ Alba tat das Herz weh, als sie hörte, was das Mädchen erzählte und ihr klar wurde, wie viel Mut sie besaß.
„Aber ich habe ihre Stimmen gehört.“, redete Lavinia einfach weiter, ohne auf Alba einzugehen. „Einer hatte eine sehr tiefe Stimme, fast wie ein Wolf, weshalb die Maske so gut gepasst hat. Der andere klang irgendwie falsch. Er redete falsch.“
„Falsch?“ Rick runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“
„Er sprach nicht richtig. Nicht so wie wir.“, versuchte das Mädchen zu verdeutlichen.
„Ah, du meinst, er kam nicht von hier. Er hatte einen ausländischen Akzent.“, wurde Rick klar.
Vinnie nickte eifrig.
„Sehr gut. Du machst das wirklich toll. Wie eine Superheldin, wie Deacon gesagt hat.“
Bei Ricks Worten huschte wieder ein Lächeln über ihr Gesicht und sie warf Deacon wieder einen dieser Blicke zu, die selbst Alba aufmerken ließen.
„Du bist wirklich wahnsinnig tapfer, mein Liebling.“ Sie strich dem Mädchen über die Wange, die ganz verschmutzt und von Tränenspuren überzogen war und stand hinterher auf. „Was hältst du jetzt davon, wenn wir nach unten gehen, tatsächlich gemeinsam Nudeln essen und dazu warmen Kakao trinken?“
Vinnie sah zu Deacon, der ihr aufmunternd zunickte.
„Ja, das klingt gut.“
„Hervorragend.“ Rick hob sie auf seine Arme, was sie kurz ein wenig erschreckte, doch dann fühlte sie sich eigentlich ganz wohl, weil Deacons Dad wirklich stark genug schien, sie beschützen zu können. „Und vielleicht verrätst du uns dann auch noch, wie du mit ganzem Namen heißt und wo du wohnst? Wer deine Eltern sind, damit wir sie anrufen können?“
„Ich heiße Lavinia Bowman und wohne in Los Angeles.“ Sie ließ sich von Rick aus Deacons Zimmer und die Treppe hinuntertragen. „Meine Mom und mein Dad heißen Nancy und Frank.“
„Bowman?“ In der Küche angekommen, setzte Rick sie auf der Arbeitsfläche ab, etwas, was Deacon und seine Brüder nie durften, da sie sonst einen Klaps auf den Hinterkopf bekamen.
„Frank Bowman, der die Hotelkette betreibt?“
„Ja, Mommy und Daddy haben ganz viele Hotels.“ Vinnie beobachtete, wie Deacons Mom die Box vom Küchentisch nahm und hinterher ins Wohnzimmer ging, um die Milchtüte und die andere Box mit dem Fleisch zu holen, wobei sie Deacon, der in der Tür stehen geblieben war, einen tadelnden Blick zuwarf.
„Na dann.“ Rick blies kurz die Backen auf, als ihm klarwurde, wie groß die Sache wohl war, bevor er zum Telefon griff.
„Sehen wir mal zu, dass Mommy und Daddy erfahren, dass ihr kleiner Schatz bei uns in Sicherheit ist.“
Californien, Solvang, 19 Jahre später…
Deacon betrat das Vorzimmer des Büros seiner Mutter, die seit Jahren das Amt der Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt Solvang innehatte, und es breitete sich ein erstauntes Lächeln auf seinem Gesicht aus, als er seine zukünftige Schwägerin Cassie am Schreibtisch sitzen sah.
„Cassie, das ist ja eine Überraschung.“
Cassie lächelte und ließ sich von ihm bereitwillig auf die Wange küssen, als er sich zu ihr hinunterbeugte. „Deine Mom hat mich gestern angerufen, weil ihre neue Sekretärin sich für den Rest der Woche krankgemeldet hat und sie einige wichtige Termine hat, weshalb sie das Büro nicht unbesetzt lassen wollte und mich gefragt hat, ob ich ihr aushelfen könnte.“
„Ach, und mein Bruder hat nichts dagegen, dich auszuleihen?“
Deacon ließ sich auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch nieder, der eigentlich für Besucher gedacht war, die auf ihren Termin warteten.
„Nate ist heute ohnehin in Los Angeles bei Gericht und deshalb nicht in der Kanzlei. Und die Anrufe für die Kanzlei lasse ich auf mein Handy umleiten, sodass wir trotzdem zu erreichen sind.“, erklärte sie ihm.
„Nate ist bei Gericht?“, wollte er interessiert wissen.
„Das Scheidungsverfahren von Sandy Ransom.“, informierte sie ihn. „Wenn alles gut geht, wird sie heute von ihrem drogensüchtigen, feierwütigen und geldverschwenderischen Ehemann geschieden und danach wird sie Nate auf ewig dankbar sein. Vor allem, wenn es ihm gelingt, wirklich all die guten Konditionen für sie rauszuholen, auf die sie bestehen möchten.“
„Sandy Ransom, verstehe.“ Deacon grinste ein wenig. „Da du mit Nate verlobt bist, glaube ich kaum, dass du dir Sorgen machen musst, dass sie ihn sich unter den Nagel reißt oder ihn dir wegnimmt.“
„Ich bitte dich.“ Cassie rollte mit den Augen. „Als würde ich auch nur eine Sekunde denken, dass Nate auf Frauen wie sie steht. Ich weiß, was für ein Mann er ist.“
„Dann ist es ja gut.“ Nates älterer Bruder beugte sich vor.
„Wie geht es eigentlich mit den Hochzeitsvorbereitungen voran? Gibt es mittlerweile einen festen Termin?“
Cassie verzog das Gesicht. „Wenn du mich quälen willst, bestehst du auf eine Antwort darauf. Wenn nicht…“ Sie ließ den Satz unausgesprochen verklingen.
Er zog die Augenbrauen hoch. „Dann gibt es immer noch keinen festen Termin?“
„Nein.“ Sie seufzte. „Ich weiß, dass das deine Mom auch schon ganz verrückt macht und ich rechne es ihr wirklich hoch an, dass sie mich heute noch nicht danach gefragt hat, aber….“
Sie zuckte die Schultern.
„Okay, was ist das Problem dabei? Du willst meinen Bruder doch heiraten.“, wollte er wissen.
„Natürlich will ich ihn heiraten.“, erwiderte sie sofort. „Ich liebe Nate und er ist das Beste, was mir je passieren konnte.“
„Aber?“ wurde Deacon hellhörig.
„Ich weiß, dass ihr alle eure anfängliche Skepsis gegenüber mir abgelegt habt. Und sag nicht, es gab keine Skepsis, weil wir beide wissen, dass das gelogen wäre.“ Sie hob den Finger, als sie sah, dass er bereits ansetzte, etwas zu sagen.
„Die Skepsis galt nicht dir oder deiner Person, Cassie.“, fühlte sich Deacon dennoch verpflichtet zu sagen. „Sie galt deiner Vergangenheit. Den wenigen Dingen, die wir damals erfahren hatten und von denen wir nicht wussten, was sie bedeuten sollten.“
Sie nickte. „Ich hätte Nate in Gefahr bringen können und wenn wir ehrlich sind, habe ich das sogar getan.“
„Cassie.“ Ihr zukünftiger Schwager langte über den Tisch und ergriff ihre Hand. „Du warst selbst in großer Gefahr und wir sind alle froh, dass ihr beide so gut wie unbeschadet aus der Sache rausgekommen seid. Deine Vergangenheit ist damit unwichtig geworden, wird nach dem Urteil, das der Staat gegen Silas Pruitt aussprechen und das vernichtend sein wird, sogar so gut wie ausradiert sein. Und Nate weiß endlich, was in seiner Vergangenheit passiert ist. Weiß endlich, wer Sharon getötet hat und warum. Darum hätte es doch eigentlich gar nicht besser enden können, oder?“
„Deacon…“ Cassie war gerührt, dass ihr baldiger Schwager das so sah, aber sie selbst zögerte dennoch nach wie vor.
„Was, wenn das alles trotzdem ein wenig zu schnell ging und am Ende herauskommt….“
„…dass Nate dich doch nicht so liebt, wie er jetzt denkt? Dass du doch nicht die Frau bist, mit der er sein Leben verbringen will?“, vervollständigte Deacon den Satz, den Cassie nicht zu Ende sprach. „Ist es das, wovor du Angst hast?“
„Ich kenne Nate.“, sagte sie nach einem Moment. „Ich weiß, wer er ist, was für ein Mann er ist. Er würde nicht sagen, dass er mich liebt, hätte mich nie gefragt, ob ich ihn heiraten will, wenn er es nicht ernst meinen würde.“
Deacon zeigte ein Nicken. „Du kennst seinen Leitsatz. Er sagt immer, was er denkt und er meint, was er sagt.“
„Ja.“ Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Aber die Sache mit Sharon…“ Wieder brach sie ab und Deacon musste schmunzeln.
„Sharon ist tot, Cassie. Seit fast acht Jahren. Nate hat sie geliebt, ja, aber sie ist Vergangenheit und du solltest nicht denken, dass Nate noch an ihr hängt oder ihr Geist eure Beziehung stören könnte.“
Cassie blickte ihn nachdenklich an. „Dann wird es ihn auch nicht stören, wenn ich ihn gerne am dritten Juni heiraten möchte?“
Da Deacon damit nicht gerechnet hatte, blinzelte er ein wenig verwirrt und fand nicht gleich die richtigen Worte.
„Weißt du, ich habe durchaus über mögliche Termine für die Hochzeit nachgedacht und ja, es stimmt, ich wollte nichts überstürzen und uns beiden noch etwas mehr Zeit geben.
Aber die Idee, dass wir genau ein Jahr, nachdem wir uns das erste Mal getroffen haben, heiraten könnten, würde mir schon irgendwie gefallen.“, sprach sie deshalb einfach weiter.
„Der Freitagabend in der Brauerei.“, wusste Deacon noch.
„An dem Tag, an dem er zurück in die Stadt kam.“
„Ja.“ In ihren Augen stand die Erinnerung daran geschrieben.
„Er war mit dir und Liam da, um ein Bierchen zu trinken, und Ryder war bei euch…“ Sie senkte kurz den Blick, als sie an Nates ehemals besten Freund dachte, der sich am Ende als Mörder von Nates erster Freundin entpuppt hatte und den sie in Notwehr getötet hatte, um sich und Nate vor seinem Wahnsinn zu retten.
„Es war nicht deine Schuld, Cassie.“ Da Deacon sich denken konnte, woran sie dachte, legte er wieder seine Hand auf ihre.
„Du hast Nate und dir das Leben gerettet und da du auch vor Gericht von aller Schuld freigesprochen wurdest, solltest du wirklich nicht länger Schuldgefühle deswegen haben.“
Sie schüttelte kurz den Kopf. „Ich weiß, dass es sein musste.
Aber er war Nates bester Freund und Ryders Verrat, das, was er aus völlig irrsinnigen und falschen Gründen getan hat, hat ihn tief getroffen und verletzt. Das weiß ich.“
„Ja, aber das hat nichts mit dir zu tun. Das war ganz allein Ryders Fehler und das weiß auch Nate.“ Nates älterer Bruder blickte sie eindringlich an. „Und jetzt sag mir, was deine Idee, Nate am dritten Juni zu heiraten, mit Sharon und Ryder zu tun hat.“
„Sharons Todestag ist nur eine Woche später, das weiß ich durchaus. Ryder hat Sharon am zehnten Juni vor acht Jahren getötet und ich möchte nicht…Nate soll nicht denken, dass….“
„Dass, was?“ Deacon runzelte die Stirn. „Cassie, Nate hat mit der Sache abgeschlossen, das kannst du mir glauben. Was ihn all die Jahre am meisten umgetrieben und belastet hat, war einfach, nicht zu wissen, was passiert ist. Nicht zu wissen, wer Sharon das angetan hat und warum sie getötet wurde.
Warum man sie ihm genommen und ihn damit zeitgleich unter Mordverdacht gebracht hatte. Aber seit die Sache aufgelöst ist, seit all diese Fragen geklärt sind und Sharons Tod zudem irgendwie gerächt wurde, ist das alles für ihn gegessen. Er hat es hinter sich gelassen und er will nur noch in die Zukunft sehen. Zusammen mit dir.“
„Dann denkst du nicht, dass es ihn stören wird, dass wir nur eine Woche vor Sharons achtem Todestag heiraten?“, fragte Cassie trotzdem noch einmal nach. „Er wird nicht denken, das wäre respektlos und unangebracht?“
„Respektlos und unangebracht?“ Deacon zog die Stirn in Falten. „Himmel, Cassie, er liebt dich aus ganzem Herzen. Du bist die Frau, die ihn aus diesem tiefen Loch geholt hat, in das ihn Sharons Tod gestürzt hat. Du warst diejenige, der er nach Jahren sein Herz wieder geöffnet hat, die seine Gefühle wiederbelebt hat, die ihm das Gefühl gab, wieder ein Leben zu haben. Ich weiß das, weil er mir das alles gesagt hat und weil wir es nicht zuletzt gesehen und gespürt haben. Mit dir wurde er wieder zu dem Mann, der er vor Sharons Tod war.
Oder wie er sagen würde, zu dem Mann, der er immer sein wollte und nach Sharons Tod plötzlich nicht mehr sein konnte, weil sein gesamtes Leben zerstört war. Aber mit dir hat er all das zurückbekommen, was ihm genommen wurde.“
Cassie traten die Tränen in die Augen, was ihren zukünftigen Schwager veranlasste, zu lächeln.
„Erzähl ihm von deiner Idee, Cassie. Er wird begeistert sein, da bin ich mir ganz sicher. Es wird ihm gefallen, dass ihr genau ein Jahr nach eurem Kennenlernen heiratet. Und es wird ihn in keiner Weise stören, dass dieser Termin so nah an Sharons Todestag liegt. Im Gegenteil, ich denke, er wird es als positives Zeichen sehen. Ein Kreis, der sich schließt. Ein Leben, das beendet wurde, ein neues, das mit eurer Hochzeit beginnt.“
Auf Cassies Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, das die Tränen verdrängte. „Ich hätte dir gar nicht zugetraut, dass du so ein Romantiker bist, Deacon Lawford.“
„Oh, ich bin vieles und vor allem wurde ich seit jeher verkannt.“ Er grinste und stand auf, um Cassie erneut über den Tisch hinweg einen Kuss auf die Wange zu drücken, gerade, als die Tür zum Büro seiner Mutter sich öffnete und Alba heraustrat.
„Cassie, könntest du vielleicht einmal Deacon anrufen und fragen, wo er bleibt und….“ Alba hielt inne, als sie ihren Sohn erblickte, der sich gerade wieder aufrichtete.
„Ich bin schon da, wie du sehen kannst, Mom.“
Alba zog eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme.
„Du bist fast eine Viertelstunde zu spät.“
„Entschuldige, aber ich habe mich von meiner bezaubernden Bald-Schwägerin aufhalten lassen.“, meinte Deacon und trat zu seiner Mutter, um auch sie auf die Wange zu küssen.
„Du flirtest mit Nates Mädchen?“ Der Blick seiner Mutter war amüsiert, weshalb er wusste, dass sie scherzte.
„Fiele mir nie im Leben ein.“ Er zwinkerte Cassie zu.
Diese lachte. „Tut mir leid, Alba. Ich hätte ihn dir gleich reinschicken sollen, aber gegen den Charme deiner Söhne bin ich scheinbar einfach nicht gewappnet.“
„Das haben sie von ihrem Vater.“, meinte Alba mit einem nachsichtigen Lächeln. „Bringst du uns vielleicht zwei Kaffee, während wir uns unterhalten?“
„Klar.“ Cassie stand auf. „Soll ich schnell zu Delilah hinüberlaufen und ein paar ihrer Zauberkreationen holen?“
„Das wäre fantastisch.“ Alba war erfreut. „Und hol dir selbst bitte auch einen, ja?“
„Das musst du mir nicht zweimal sagen.“ Cassie griff nach ihrer Tasche. „Soll ich die Anrufe über mein Handy entgegennehmen oder nimmst du selbst an, falls jemand in den nächsten Minuten anruft.“
„Wenn wir mal für eine halbe Stunde nicht erreichbar sind, ist das nicht so schlimm.“ Alba winkte ab. „Wärst du nicht für Mrs. Dorset eingesprungen, wäre das Büro noch viel länger unbesetzt.“
„Alles klar. Ich beeile mich auch.“, versprach Cassie.
„Ja, ja, immer mit der Ruhe.“, gab ihr Alba zu verstehen.
„Deacon wird nicht gleich wieder gehen.“
„Ach, werde ich nicht?“ Ihr Sohn hob eine Augenbraue.
„Nein, wir haben einiges zu besprechen.“, erklärte ihm seine Mutter. „Und jetzt komm rein, ich habe nämlich in einer knappen Stunde meinen nächsten Termin und bis dahin sollst du im Bilde sein.“
„In Ordnung.“ Ein wenig irritiert folgte er seiner Mutter in deren Büro und setzte sich vor ihren Schreibtisch, wo er wartete, bis sie sich in ihrem Bürostuhl niedergelassen hatte.
„Also, was gibt es so Dringendes, Mom?“
„Es geht um das Hotel.“, begann sie und rollte mit ihrem Stuhl näher zum Schreibtisch.
„Wieso?“ Auf Deacons Stirn erschien eine tiefe Falte. „Ich war gestern draußen auf der Baustelle und habe mir den Fortschritt des Baus angesehen. Seit dem Spatenstich Mitte November läuft eigentlich alles relativ planmäßig und ohne größere Probleme.“
„Ich weiß.“ Sie nickte. „Mir wäre es zwar lieber gewesen, wir hätten den Spatenstich schon einen Monat früher geschafft, wie du sehr wohl weißt, aber ansonsten können wir zufrieden sein mit dem Fortgang des Baus.“
„Das Wetter hat bisher hervorragend mitgespielt und mir ist klar, dass wir das Hotel vor der Sommersaison nicht mehr eröffnen können, wie du es ursprünglich im Sinn hattest, aber der Bauvorsteher meinte, wir hätten eine gute Chance, vielleicht im September eröffnen zu können und so noch ein paar Wochen der Herbstsaison mitzunehmen.“, berichtete Deacon, was er gehört hatte.
„Das ist gut.“, erwiderte Alba. „Aber wenn das Hotel in acht Monaten tatsächlich eröffnen soll, brauchen wir Personal.
Und allen voran einen Hotelmanager oder eine Hotelmanagerin, die sich um die Belange des Hotels und weitere Mitarbeiter kümmern, damit wir diese Last von unseren Schultern nehmen können.“
„Okay.“ Deacon wusste nicht so ganz, worauf seine Mutter hinauswollte. „Und was hat das mit mir zu tun?“
„Ich habe bereits einige Bewerbungen bekommen und zwei Kandidaten habe ich auch schon genauer unter die Lupe genommen.“, setzte sie zu einer Erklärung an. „Und dann kam letzte Woche diese Bewerbung hereingeflattert.“ Sie reichte ihrem Sohn eine Mappe über den Tisch.
Er nahm sie entgegen und öffnete sie. „Lavinia White. Sollte ich sie kennen?“
„Ich denke schon, dass du sie kennst.“, meinte seine Mutter.
„Lies ihren Lebenslauf bis zum Schluss.“
„Wenn du meinst.“ Deacon tat ihr den Gefallen. „Dreißig Jahre, abgeschlossenes Studium in Betriebswirtschaft, hat Kurse in Management und Finanzwissenschaften belegt, verschiedene Praktika in teilweise ziemlich hochrangigen Hotels an der Ostküste, zuletzt hat sie für ein halbes Jahr zusammen mit einem Partner ein Weingut in Santa Barbara geleitet.“ Er blickte hoch. „Da klingelt trotzdem noch immer nichts bei mir.“
„Hast du ihr Bild angesehen?“, fragte Alba.
„Ja.“, erwiderte er, besah sich das Bild dennoch ein weiteres Mal. „Sie ist hübsch.“
Kastanienbraunes Haar fiel ihr glatt und glänzend bis fast zu den Schultern, ihr Gesicht wurde beherrscht von sanften und dennoch sehr entschlossenen Zügen, großen braunen Augen und ziemlich sinnlichen Lippen, was er von dem kleinen Passbild sagen konnte. Ein herzförmiges Muttermal saß unter ihrem rechten Auge und mutete wie eines dieser Schönheitsmale an, das die Adligen sich früher auf die Wangen geklebt hatten. Doch recht viel mehr konnte er nicht sagen, obwohl er schon das Gefühl hatte, die Frau irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Diese Augen, die auf dem Bild so entschlossen wirkten, in anderem Zustand zu kennen, in einem Zustand voller Angst und Panik, doch….
„Vielleicht hilft es dir ja weiter, wenn ich dir sage, dass ihr früherer Name Lavinia Bowman lautete.“
Deacon riss den Kopf hoch. „Lavinia Bowman?“ Tausende Erinnerungen jagten plötzlich durch seinen Kopf und er wusste einen Moment nicht, was er empfinden sollte. „Das soll Vinnie sein?“
Um Albas Mundwinkel zuckte es. „Du erinnerst dich also?“
„Natürlich erinnere ich mich. Ich war damals fünfzehn und keine fünf.“ Sein Ton klang ein wenig verärgert. „Außerdem war ihr Fall keine Sache, die man so schnell vergisst.“
Alba nickte. „Ihr Vater wurde damals zu zwanzig Jahren Haft verurteilt.“
Ihr Sohn verzog unwillig den Mund. „Du meinst, nachdem herausgekommen war, dass er die Entführung seines eigenen Kindes in Auftrag gegeben hatte, um an Geld zu kommen?
Um die Banken zu zwingen, ihm Geld zu geben, weil er so gut wie pleite war?“
Die Bürgermeisterin seufzte. „Es war ein ziemlich aufsehenerregender Fall damals. Nachdem dein Vater noch in derselben Nacht, in der Lavinia zu uns geflüchtet war, die beiden Entführer draußen bei den Weinbergen schnappte und diese nach einigen strengen Verhören geständig waren und zudem angaben, von Frank Bowman persönlich beauftragt worden zu sein, seine Tochter zu entführen und Lösegeld zu fordern, stand für ein paar Monate alles Kopf. Die Behörden fanden heraus, dass Frank Bowman seit Jahren Gelder veruntreute und Schulden bei Leuten hatte, bei denen man lieber keine Schulden haben sollte, was ihn natürlich extrem belastete und die Möglichkeit, dass die Aussagen der Entführer wahr waren, dass er wirklich schuldig war, immer wahrscheinlicher machten. Es wurden erdrückende Beweise für seine Machenschaften, seine Methoden an Geld für den Bau neuer Hotels zu kommen, gefunden und am Ende wurde er zu zwanzig Jahren Haft wegen Veruntreuung von Geldern, Steuerhinterziehung und Beihilfe zur Entführung einer Minderjährigen verurteilt und hinter Gitter gebracht.“
„Grandpa hat das Urteil damals gesprochen.“, wusste Deacon noch. „Er hat erzählt, dass Bowmans Anwälte versucht hätten, ihn zu schmieren, ihm Geld anzubieten, damit er das Urteil milder ausfallen lässt, aber für so etwas war Grandpa noch nie zu haben. Wenn überhaupt, so hat es ihn nur noch mehr verärgert und aufgebracht, sodass die Strafe noch härter ausfiel.“
„Die Strafe für Frank Bowman war mehr als angemessen.“
Alba fand es immer noch unmöglich, wenn sie daran dachte, was dieser Mann bereit gewesen war, seiner Tochter anzutun.
„Er hat das Leben seiner Tochter zerstört mit dieser Tat. Und das alles für Geld.“
„Ja.“ Er richtete seinen Blick wieder auf das Bild. „Hat sie geheiratet?“
„Du meinst, weil sie nicht mehr Bowman heißt?“ Seine Mutter zog eine ihrer blonden Augenbrauen hoch.
Er zeigte ein bedächtiges Kopfnicken.
„Nein.“ Die Bürgermeisterin lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Ihre Mutter hat nach dem Prozess und der darauffolgenden Scheidung von Frank Bowman ihren Mädchennamen wieder angenommen und diesen auch ihrer Tochter gegeben. Sie wollten nichts mehr mit Frank Bowman zu tun haben.“
„Verständlich.“ Deacon konnte nicht sagen, warum es ihn erleichterte, dass sie nicht verheiratet war, doch er hinterfragte diesen Gedanken auch nicht. „Das Weingut in Santa Barbara, das gehörte doch ihrem Onkel, nicht wahr?“
„Genau.“, gab ihm Alba Recht. „Ihre Mutter ist damals mit ihr an die Ostküste gezogen, wo Bekannte wohnten und ihnen Hilfe anboten, soweit ich weiß und soviel Rick mir erzählt hat.
Dort lebten sie wohl die letzten Jahre und dort hat Lavinia auch studiert, wie du siehst.“
„An der Columbia in New York.“ Er hatte es durchaus gelesen. „Aber sie ist zurückgekommen.“
„Ja, scheint, als hätte sie Heimweh gehabt.“, meinte seine Mutter. „Sie ist bereits vor einigen Monaten zurückgekehrt und dann vor einem halben Jahr bei ihrem Onkel auf dem Weingut eingestiegen. Warum sie sich jetzt für die Übernahme des Hotels bewirbt, kann ich dir beileibe nicht sagen.“
„Sie kehrt an den Ort ihres Traumas zurück, um mit der Sache abzuschließen.“, überlegte er laut. „Um sich ihrer Vergangenheit, ihren Ängsten endlich zu stellen, damit sie wieder nach vorne schauen kann.“
Albas Augenbraue wanderte noch höher als sie es zuvor getan hatte. „Schließt du jetzt von deinem Bruder auf sie?“
„Was?“ Deacon sah hoch.
„Dasselbe hast du von Nate behauptet als er zurückgekommen ist und ich muss zugeben, dass es gestimmt hat.“, erklärte sie ihm. „Aber ich denke, dass es bei ihr doch ein wenig anders ist. Denn ihr Trauma war ein wenig anders als das von Nate.“
„Du glaubst, es macht einen großen Unterschied, ob dir mit vierundzwanzig die Freundin getötet und du danach unter Mordverdacht gestellt wirst oder ob du als Elfjährige von deinem eigenen Vater entführt und drei Tage festgehalten wirst, wobei man dir Medikamente ins Essen mischt, die dich betäuben und ruhig stellen sollen?“, stellte Deacon die Frage laut in den Raum, die ihm durch den Kopf ging.
„Nate war ein erwachsener Mann und ja, es war schlimm, was ihm passiert ist, was er durchmachen musste, womit er konfrontiert wurde, aber wenn du mich fragst, hat es Lavinia trotzdem härter getroffen. Sie war ein kleines Mädchen, sie hat ihrem Vater bedingungslos vertraut und er hat sie entführen lassen, hat zugelassen, dass man ihr Angst gemacht hat, dass man ihr Medikamente ins Essen gemischt hat, von denen sie Bauchschmerzen bekam und schläfrig wurde. Er hat ihr Leben zerstört, hat ihre Unschuld in gewisser Weise zerstört und geraubt, indem er ihr das Wertvollste nahm, was ein Kind besitzt.“
„Die Fähigkeit bedingungslos zu lieben und zu vertrauen.“, war Deacon durchaus klar. „Er hat ihr das Urvertrauen geraubt, das Kinder in ihre Eltern haben und das ihnen hilft, zu den Personen zu werden, die sie werden sollen.“
„Ich denke, sie hat einen ziemlich schweren Weg hinter sich und ich bin tatsächlich mehr als neugierig, was sie veranlasst, hierher zurückzukommen und sich um diesen Job zu bewerben, der sie an einen Ort führt, der für sie für immer mit Angst und Panik behaftet sein muss.“, gab Alba zu.
„Nun, dann wirst du sie wohl einladen und genau das fragen müssen.“ Deacon warf die Bewerbungsmappe zurück auf den Schreibtisch seiner Mutter.
„Was ich bereits getan habe.“ Alba lächelte. „Oder warum glaubst du, habe ich dich hergebeten?“
„Moment.“ Diese Antwort traf ihn wie ein Schlag. „Willst du sagen, sie kommt her? Heute noch?“
Die Bürgermeisterin nickte. „Als ich vorhin gesagt habe, ich hätte in einer knappen Stunde einen Termin, vor dem ich dich ins Bild setzen möchte, sprach ich von ihr. Von Lavinia.“
„Sie kommt. In…“ Deacon blickte auf seine Armbanduhr.
„…knapp zwanzig Minuten?“
„Ja, falls sie pünktlicher ist wie du.“ Seine Mutter grinste, als sie seine Reaktion bemerkte.
Er machte einen verkniffenen Gesichtsausdruck. „Ich war pünktlich. Ich habe nur ein wenig länger mit Cassie geredet.“
„Nun, da Lavinia Cassie nicht kennt, wird sie das wohl kaum als Ausrede benutzen können.“
„Sehr lustig.“ Deacon fand das alles andere als zum Lachen.
„Warum willst du, dass ich dabei bin? Ich habe mit den Personalentscheidungen für das Hotel doch nichts zu tun. Ich bin lediglich der Architekt, der das Hotel entworfen hat und jetzt dafür sorgt, dass alles nach unseren Vorstellungen läuft und gebaut wird.“
„Ganz genau.“, erwiderte seine Mom. „Und genau diese Vorstellungen sollst du ihr erläutern. Keiner kann das Hotel und wie es werden soll, so gut beschreiben wie du. Du hast es entworfen, du wirst ihr seine Besonderheiten näher bringen.“
Er runzelte die Stirn. „Wozu soll das gut sein?“
„Wenn wir sie wirklich nehmen und sie das Hotel leitet, sollte sie wissen, wie wir uns alles vorstellen und was das Hotel ausmacht. Oder nicht?“ Alba blickte ihn herausfordernd an.
„Mom…“
„Sie kennt dich, Deacon.“, schwenkte seine Mutter um, als sie seinen Tonfall hörte. „Sie vertraut dir, zumindest war es damals so.“
„Und du meinst, das macht es ihr leichter, Ja zu sagen?“ Er wusste nicht ganz, was seine Mutter von ihm erwartete.
„Willst du denn, dass sie Ja sagt? Dass sie die Hotelmanagerin wird?“
„Ich glaube, es kann von Vorteil sein, jemanden einzustellen, den wir bereits kennen. Dessen Entschlossenheit, dessen Mut, vielleicht sogar Wagemut, wir kennen.“, gab sie ihre Gedanken preis. „Sie kommt aus einer Familie, die seit Generationen im Hotelgeschäft ist. Die sich mit der Verwaltung von großen Gebäuden, dem Management vieler Mitarbeiter, den Ansprüchen, die so ein Unternehmen mit sich bringt, auskennt. Ich denke, sie könnte die Richtige sein und ja, ich finde es gut, dass wir eine gewisse Verbindung haben. Weil diese Verbindung einiges erleichtern kann.“
„Mom, wir haben sie in der schlimmsten Nacht ihres Lebens kennengelernt. Und danach, nachdem ihre Eltern sie an diesem Morgen bei uns abholten, da Dad sie verständigt hatte, hatten wir beinahe keinerlei Kontakt mehr.“
„Ihre Mutter kam mit ihr vorbei, um sich für alles bei deinem Dad, dir und mir zu bedanken, bevor sie weggezogen sind.“, erinnerte sie ihn. „Erinnerst du dich daran?“
„Ja.“ Und an das Bild, wie Vinnie an diesem Tag ausgesehen hatte, ebenfalls. Ein traumatisiertes, zwölfjähriges Mädchen, blass im Gegensatz zu diesem satten kastanienbraunen Haar, tiefe Schatten unter den sanften, braunen Augen, die ihn zwar nicht mehr voller Angst angeblickt hatten, in denen dennoch so viel Schmerz gestanden hatte, dass es ihm beinahe das Herz zerrissen hatte.
„Sie hat dich sicher nicht vergessen, Deacon.“, war Alba sich sicher.
„Was soll dieser Satz, Mom?“ Deacon fuhr sich durch sein eigenes Haar, das um einige Nuancen dunkler als Lavinias war und beinahe schwarz anmutete.
„Ich erinnere mich, wie sie dich angesehen hat, in dieser Nacht, in der du sie gefunden und in Sicherheit gebracht hast.“ Alba lächelte.
„Mom, sie ist über unseren Gartenzaun geklettert und der Länge nach auf unserer Wiese gelandet, nachdem sie über eines von Liams Sandspielzeugen gestolpert ist. Also tu nicht so, als wäre ich der Held gewesen, der sie vor diesen Schurken gerettet hatte.“ Es war Deacon unangenehm, worauf seine Mutter anspielte.
„Du hast Eindruck auf sie gemacht und sie hat dir vertraut.
Das war nicht zu übersehen, als ich ins Zimmer kam. Und dein Dad hat mir damals erzählt, wie sie sich an dich geklammert hat, als er mit dir in dein Zimmer kam, wo sie wartete.“
„Sie war verängstigt und ich hatte ihr versprochen, sie zu beschützen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Sie kannte euch doch nicht.“
„Sie kannte dich auch nicht und hat dir vertraut.“
„Dann hättest du sehen sollen, wie sie mich angesehen hat, als ich in den Garten eilte. Du hättest hören sollen, wie sie geschrien hat, als ich ihr aufhelfen wollte und nach ihr gegriffen habe. Sie hat mir anfangs ebenso wenig vertraut wie euch.“
„Also gut, du willst das alles nicht hören, dann lasse ich es.“
Seine Mutter winkte ab. „Aber zu dem Gespräch bleibst du dennoch. Weil ich es so möchte und daher wirklich an dich appelliere, mir diesen Gefallen zu tun.“
„Du arbeitest nach wie vor mit unfairen Mitteln und verstehst es, deine Söhne zu manipulieren. Das hat sich seit unserer Kindheit nicht verändert.“, meinte Deacon ein wenig angefressen.
Ein verstecktes Grinsen zuckte um die Mundwinkel seiner Mutter. „Ich liebe dich und deine Brüder. Aber manchmal komme ich nicht umhin, euch zu eurem Glück zu zwingen.“
„Ja, ja, schon gut.“ Ihr Ältester verdrehte die Augen. „Ich bleibe. Zufrieden?“
Mit einem strahlenden Lächeln stand sie auf, ging um den Schreibtisch herum und küsste Deacon liebevoll auf die Wange. „Sehr sogar.“ Als es klopfte, blickte sie auf und ihr Lächeln wurde noch strahlender. „Und wie es scheint, ist meine zukünftige Schwiegertochter gerade rechtzeitig mit unserem Kaffee zurückgekehrt.“
„Gott segne meine Schwägerin.“, konnte sich Deacon nicht verkneifen, dann kam Cassie auch schon ins Büro seiner Mutter marschiert und beendete jede weitere Diskussion.
Als es das nächste Mal klopfte, etwa zehn Minuten nachdem Cassie mit dem Kaffee zurückgekehrt war, trat nicht seine zukünftige Schwägerin in den Raum, sondern Lavinia White höchstpersönlich, die eindeutig nicht mehr das elfjährige Mädchen war, an das Deacon sich erinnerte.
Das kastanienfarbene Haar, das im hereinfallenden Licht beinahe rötlich schimmerte, trug sie nicht mehr wie auf dem Passbild ihrer Bewerbung schulterlang, und auch nicht in wilden, zerzausten Locken wie als Kind, sondern zu einem kinnlangen Bob geschnitten, was ihre zarten Gesichtszüge beinahe noch mehr betonte. Ihre großen braunen Augen waren umgeben von dichten dunklen Wimpern, die dezent geschminkt waren und ihre sinnlichen Lippen, die ihm bereits auf dem Bild aufgefallen waren, hatte sie in einem zarten Rosa nachgezogen, das leicht schimmerte. Sie hatte lange Beine bekommen, die in einer schwarzen Hose steckten, die tailliert geschnitten und am Bund mit einer Schleife verziert war. Die sonnengelbe Bluse, die sie dazu trug und in den Bund der Hose gesteckt hatte, zeigte, dass sie schlank und schmal gebaut war, obwohl durchaus weibliche Rundungen zu erkennen waren, die ihre Figur weicher erscheinen ließen. Sie trug so gut wie keinen Schmuck, hatte nur goldene Creolen an den Ohren, die unter ihren Haaren hervorlugten, und eine feine goldene Kette um den Hals, deren Anhänger aussah wie das Blatt einer Weinrebe. Aber ihre Finger waren ohne Ringe – auch kein Verlobungsring, wie ihm auffiel – und ihre Handgelenke, die von den langen Ärmeln der Bluse bedeckt waren, schienen ohne Uhr oder Armreife zu sein.
Als sie den Raum betreten hatte, war ihr Blick kurz über Deacon geglitten, ohne eine wirkliche Reaktion zu zeigen, jetzt wandte sie sich Alba zu, die bereits um den Schreibtisch herumgekommen war und ihr die Hand entgegenstreckte.
„Mrs. Lawford, ich danke Ihnen für die Einladung und freue mich, dass Sie sich Zeit genommen haben für ein Gespräch mit mir.“ Lavinia ergriff die Hand der Bürgermeisterin und schüttelte sie höflich.
„Alba, bitte.“, verbesserte Deacons Mutter sofort. „Und ich freue mich über die Maßen, dich wiederzusehen, daher gibt es keinen Grund, eine solch übertriebene Höflichkeit an den Tag zu legen.“
Ein leichtes Lächeln glitt über Lavinias Züge. „Sie erinnern sich also an mich und wissen, wer ich bin.“
„Ich wüsste nicht, wie es mir hätte gelingen sollen, dich zu vergessen.“, sagte Alba, bevor sie eine Handbewegung in Richtung Deacon machte. „An Deacon erinnerst du dich ebenfalls?“
„Deacon, natürlich.“ Sie trat zu ihm, als er sich erhob und staunte darüber, dass er sie beinahe um einen ganzen Kopf überragte, obwohl sie mit ihren hohen Pumps fast einen Meter achtzig war. „Du bist ziemlich groß geworden.“
„Dasselbe kann ich von dir auch behaupten.“ Deacon schenkte ihr ein Lächeln, während er ihr die Hand reichte. „Du hast nicht mehr viel von dem elfjährigen Mädchen, an das ich mich erinnere.“
Dieses Mal war ihr Lächeln verhaltener und über ihre Augen glitt ein kurzer Schatten. „Nun, neunzehn Jahre sind eine lange Zeit und du siehst schließlich auch nicht mehr aus wie der fünfzehnjährige Teenager, der mir damals geholfen hat.“
„Das stimmt.“, gab er zu und bedeutete ihr, neben ihm vor dem Schreibtisch seiner Mutter Platz zu nehmen.
„Also gut.“ Alba nahm diese Geste ihres Sohnes zum Anlass, das Gespräch wieder zu übernehmen und ging hinter ihren Schreibtisch. „Du bist also hier, weil du dich für die Stelle als Hotelmanagerin interessierst, die wir ausgeschrieben haben.“
„Richtig.“ Vinnie – obwohl der Name jetzt wirklich überhaupt nicht mehr zu ihr passte, weil sie alles andere als ein Kind war – schaltete sofort in den Geschäftsmodus um und straffte sich.
„Wie Sie vielleicht bereits aus meinem Lebenslauf entnommen haben, habe ich schon etliche Erfahrungen auf dem Gebiet gesammelt und ich würde mich wirklich über die Herausforderung freuen, ein gerade neueröffnetes Hotel zum Erfolg zu führen und vor allem erfolgreich zu halten.“
„Das klingt schon einmal sehr vielversprechend.“ Alba lächelte. „Gibt es einen bestimmten Grund, warum es gerade dieses Hotel sein soll?“
„Sagen wir einfach so: Dieses Angebot kam gerade zur richtigen Zeit und wenn ich so ehrlich sein darf, irgendwie erschien es mir wie ein Wink des Schicksals.“, erklärte Lavinia ohne falsche Scham.
„Oh, ich bin für absolute Ehrlichkeit und finde es wichtig, genau zu wissen, was dich zu diesem Schritt getrieben hat.“, meinte Alba und lehnte sich zurück. „Du sagst, ein Wink des Schicksals. Wieso?“
