Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In einem sehr persönlichen Erfahrungsbericht erzählt Benedikt Bech, wie eine äußerlich normale und scheinbar harmonische Kindheit in einer intakten Familie dennoch zu schweren Beeinträchtigungen der psychischen Entwicklung führen kann. Und er beschreibt, wie er diese Blockierungen im Rahmen einer zehn Jahre dauernden »Reifungsreise« überwinden konnte, indem er sich für das Unbewusste, den Körper, den Anderen und die eigene Geschichte zu öffnen lernte.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Widmung
Für den kleinen Benedikt, der unter den Trümmern meines Lebens begraben lag.
Und für Jens, der mir bei der Bergung half.
Begleitwort des Körperpsychotherapeuten Jens Tasche
Therapien sind Abenteuer. Seit Sigmund Freud von Anna O. in die Welt des Unbewussten eingeführt wurde [Lorenzer], begleiten Therapeuten ihre Klienten auf deren Reisen in die Tiefe der Seele. Solche Reisen führen Klient und Therapeut in Welten, die nur allzu häufig beiden Beteiligten unbekannt sind. Zwar versucht die Psychoanalyse seit mehr als einhundert Jahren, Landkarten für diese Innenwelten bereitzustellen. Doch trotz großartiger Leistungen auf diesem Gebiet bleibt die Kartensammlung lediglich ein grobes Hilfsmittel, das den Therapeuten keineswegs vor Rat- und Hilflosigkeit schützt.
Die Unvorhersehbarkeit individueller therapeutischer Prozesse bietet dem Therapeuten jedoch auch regelmäßig die Gelegenheit, über den Mut und die Entschlossenheit eines Klienten zu staunen. Die Reise, von der Laika in diesem Buch erzählt, ist für mich eine solche Gelegenheit. Der Reisende ist Benedikt, der bis heute das Wagnis eingeht, sich von der ›Seelenhündin‹ Laika – einer höchst lebendigen visuellen Gestalt aus den Tiefen seiner Psyche – und ihren Archetypenfreunden leiten zu lassen. Laika ist Reiseführerin, Mitglied des Rescue-Teams und Vermittlerin zwischen den verschiedenen Welten. Völlig entspannt bewegt sie sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ich hatte und habe das Privileg, Laika und Benedikt seit mehr als zehn Jahren begleiten zu dürfen. Manchmal konnte ich Landkarten zur Verfügung stellen, mit deren Hilfe Benedikt die Orientierung behielt. Manchmal war es wohl einfach nur wichtig, dass ich da war.
Kennengelernt habe ich Benedikt auf einem von mir geleiteten Workshop für Bioenergetische Analyse – unmittelbar nach dem Tod seiner Mutter. Die ersten Begegnungen waren nicht einfach. Ein Mensch, der einen nahen Angehörigen verloren hat, hat Anspruch auf Trost, Rücksicht und Raum für Trauer; der Teilnehmer an einem körperpsychotherapeutischen Seminar hat dagegen das Recht, vom Therapeuten mit den tieferen Themen seiner Persönlichkeit konfrontiert zu werden. Im Fall von Benedikt hieß dies, ihm die narzisstischen Seiten seines Charakters bewusst zu machen. Selten habe ich einen Menschen erlebt, der es so perfekt verstand, in anderen Menschen Sympathien für sich zu wecken und dabei gleichzeitig unendlich weit von den Gefühlen für sich selbst und für Andere entfernt zu sein. Benedikts ›falsches Selbst‹ [Winnicott] hatte für Andere nichts Unangenehmes oder gar Arrogantes. Sofern man keine tiefere Beziehung zu ihm anstrebte, war er der beste Gesellschafter, den man sich vorstellen kann. Sein gesamtes Verhalten war darauf ausgerichtet, es den Menschen in seiner Umgebung so angenehm wie möglich zu machen. Vermutlich musste man damals ziemlich lange mit ihm im Kontakt sein, um zu begreifen, dass er unterdessen die ganze Zeit um das eigene Überleben kämpfte und keine Möglichkeit hatte, die Gefühle anderer Menschen an sich heranzulassen oder gar zu erwidern. Die Anstrengungen, die Benedikt unternahm, um sich beliebt zu machen, waren purer Stress für ihn. Obwohl er damals noch keine dreißig Jahre alt war, litt er unter diversen körperlichen Beschwerden, die sonst eher typisch für Menschen in einem weitaus höheren Lebensalter sind. Er war enorm verspannt und hatte kaum ein Gefühl für seine körperlichen Grenzen. Es schien, als würde er seinen Körper unter dem Druck des Beliebtsein-Müssens permanent überfordern.
Irgendwie gelang es mir wohl, in diesem ersten Workshop eine ausreichende Balance zwischen Trost und Konfrontation zu finden, die es Benedikt erlaubte, die Arbeit mit mir fortzusetzen. Trost und Konfrontation sind bis heute die zwei wesentlichen Merkmale unserer therapeutischen Beziehung geblieben. Diese Beziehung war von Beginn an eine ›therapeutische Fernbeziehung‹: Während des gesamten Zeitraums lebte Benedikt immer mindestens ein paar hundert, manchmal auch ein paar tausend Kilometer entfernt. Er kam mehrmals im Jahr zu mir nach Berlin, um einige Stunden mit mir zu arbeiten, nahm verschiedentlich an Workshops teil und telefonierte im relativ regelmäßigen Abstand von drei bis vier Wochen mit mir. Sicher gab es dafür verschiedene, auch berufliche, Gründe. Ich hatte aber immer den Eindruck, dass er das ›idealisierte Bild‹ [Kohut], das er von mir geschaffen hatte, auf diese Weise schützen wollte und musste.
Als Körperpsychotherapeut war und bin ich es gewöhnt, mit dem körperlichen Ausdruck meiner Klienten zu arbeiten und ihnen zu helfen, sich selbst und ihre Geschichte durch und mit dem Körper zu verstehen. Benedikt wählte einen eigenen therapeutischen Weg, indem er seine intensive Meditationspraxis mit einer durch mich angeleiteten körperpsychotherapeutischen Arbeit verband und für die in beiden Feldern auftretenden Prozesse meine tiefenpsychologische Interpretationshilfe in Anspruch nahm. Ich brauchte einige Zeit, bis ich verstand, dass Benedikts körperliche Blockierungen so tief gingen, dass sie mit den in der Bioenergetischen Analyse zur Verfügung stehenden Instrumenten allein nicht erfolgreich beeinflussbar gewesen wären. Benedikt benötigte den Raum der meditativen Konzentration auf sich selbst, um sich seinem Körper in der richtigen Form und im richtigen Tempo annähern zu können. Da aber letztlich jeder Klient seinem eigenen Therapiepfad folgt, erlebte ich Benedikts Reise in die Innenwelt lange Zeit in der gelassenen Überzeugung, ihn dabei kompetent unterstützen zu können.
Laika veränderte dann allerdings einiges. Ich weiß nicht mehr genau, wann Benedikt mir das erste Mal von ihr berichtete, von den entsprechenden Bildern, Tagträumen und Visionen. Aber von diesem Moment an wurden Laikas Botschaften ein immer stärkerer Bestandteil der gemeinsamen Arbeit. Natürlich war ich fasziniert von dieser inneren phantasmatischen Welt, gleichzeitig aber auch nur wenig darauf vorbereitet. Meine therapeutischen Interessen und Qualifikationen beziehen sich vorrangig auf die Bioenergetische Analyse, die Bindungstheorie und die Ich-Psychologie. Sie bilden einen klaren und gut strukturierten Rahmen für meine Arbeit. Die von Benedikt angebotenen Bilder waren jedoch ohne die Analytische Psychologie C.G. Jungs nicht interpretierbar. Außer einer großen Bewunderung für das Werk Erich Neumanns und der eher widerwillig akzeptierten Einsicht, dass Jungs ziemlich unstrukturiertes Persönlichkeitsmodell (mit Begriffen wie Anima, Schatten, Individuation und eben auch Archetypus) die menschliche Seele deutlich plausibler abbildet als das entsprechende freudianische Modell, war mir diese Form tiefenpsychologischen Verstehens recht unvertraut.
Sicherlich eine ungewöhnliche Situation. Benedikt, naturwissenschaftlich ausgebildet und bis zu diesem Zeitpunkt mit seinem kreativen Potenzial kaum vertraut, entdeckt und belebt überwiegend mithilfe der Vipassana-Meditation (die ja auch vorrangig andere Ziele verfolgt) seinen Körper und trifft dabei in seinem Inneren auf Bilder, Geschichten und Figuren, die dem kollektiven Unbewussten zugeordnet werden müssen und wohl nur selten in einer solchen Komplexität erlebt werden. Und für diese Reise sucht er sich einen Begleiter, der von dieser Welt kaum mehr weiß als er selbst. Vor diesem Hintergrund bin ich überzeugt, dass Experten der verschiedenen Fachrichtungen zu Recht jede Menge Einwände gegen dieses Buch vorbringen können. Vermutlich ist die unspirituelle Nutzung der Vipassana-Meditationstechnik ebenso wenig korrekt wie die im Buch auftauchenden ›jungianischen‹ Deutungen. Aber bekanntlich führt man auf Reisen nicht immer das perfekte Handwerkszeug mit sich. Man improvisiert, überbrückt und bastelt sich das Notwendige zusammen. Bei dieser ›Bastelarbeit‹ erwies es sich allerdings als sehr hilfreich, dass Benedikts Bilder eine solche Kraft ausstrahlen, dass sie fast selbsterklärend und deshalb leicht zu interpretieren sind. Laika, der alte Mönch ohne Namen, die Hexe Pudra und der Krieger Arkan leben wohl in jedem von uns. Obschon sie auch als fremd und gefährlich wahrgenommen werden können, sind uns diese Figuren irgendwie vertraut.
Von Karl Jaspers stammt der Satz »Ich bin nur mit anderen, allein bin ich nichts« [Jaspers]. Wenn es um menschliches Wachstum, um Individuation geht, ist der Andere notwendig, vielleicht sogar entscheidend. Beim Lesen dieses Buchs wird deutlich, dass es in Benedikt eine innere Stimme gibt, die viel von dem bewahrt hat, was ich mit Benedikt erarbeitet habe. Der Andere in Benedikts Erzählung – der Urheber der »Was würde Jens wohl sagen?«-Einschübe – bin ich ... und auch wieder nicht. Aus der Psychoanalyse ist bekannt, dass Lehranalysanden kaum etwas über ihre Lehranalytiker berichten können, da ihre Erinnerung an diese unlöslich an diejenigen Aspekte des Gedächtnisses gebunden ist, die zu einem Teil der eigenen Identität werden [Mehler]. Eine Erfahrung, die ich aus der Arbeit mit meinem Lehranalytiker unbedingt bestätigen kann. Wie fühlt man sich aber im umgekehrten Fall, wenn Eigenes zum Persönlichkeitsanteil eines Anderen wird? Wenn eigene Überzeugungen, Haltungen und Perspektiven von einem Klienten als Gerüst für dessen Persönlichkeitsentwicklung genutzt werden und Ausdruck in einem ›guten inneren Objekt‹ [Winnicott] finden? Selbstverständlich bin ich mir beim Lesen des Buches auch selbst begegnet und habe die damit wohl immer einhergehenden ›gemischten Gefühle‹ erlebt. Durch die Eigendynamik des guten Objekts habe ich mich aber sehr befreit gefühlt. Benedikt hat mir die Bedeutung gegeben, ohne die ein tiefgehender therapeutischer Prozess nicht stattfinden kann. Gleichzeitig hat er die therapeutische Beziehung kritisch reflektiert und genutzt. Nicht immer finde ich mich deshalb in den Anmerkungen wieder, die der von Benedikt verinnerlichte Jens – das Introjekt jEnS – im Verlauf des Buches von sich gibt. Benedikts Geschichte ist ein eindrückliches Beispiel, wie therapeutische Bindungserfahrungen nicht zur unkritischen Übernahme einer vorgegebenen Ideologie führen, sondern den Klienten dabei unterstützen, seinen Kampf mit der eigenen Geschichte aufzunehmen.
Laika erzählt Benedikts Geschichte einer Selbstfindung, vielleicht auch einer Heilung. Solche Erzählungen sind im therapeutischen Kontext eher selten. ›Schattenmund‹ [Cardinal], ›Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen‹ [Green] und vielleicht auch ›Mars‹ [Zorn] sind beeindruckende, tiefgehende und manchmal auch traurige Zeugnisse der Auseinandersetzung mit sich selbst, der Selbstrettung der Seele mithilfe eines Anderen. Das Besondere an der vorliegenden Erzählung ist natürlich, dass sie aus der Perspektive eines Archetypus erzählt wird. Eine Erzählform, die mir bisher noch nicht begegnet ist, die es dem Leser aber ganz sicher leichter macht, Benedikts Lebensgeschichte zu begreifen. Und ihr einiges von der Schwere nimmt, die eben auch ein Teil von Benedikts Leben ist. Ich sehe in Laika ein Symbol für die enorme Heilkraft, die allen Menschen unabhängig von der Härte ihres Schicksals innewohnt und die uns immer wieder Hoffnung zu geben vermag.
Wie lebendig sind Archetypen in uns? Welche Erfahrungen der eigenen Geschichte und der Menschheitsgeschichte sind in ihnen gespeichert? Auch wenn es auf diese Fragen keine abschließende Antwort geben kann, weist dieses Buch doch auf das riesige Potenzial hin, das sich in der Auseinandersetzung mit dem Unbewussten erschließen lässt, um das eigene Selbst zu entfalten und zu verwirklichen.
Literatur
Cardinal, Marie: Schattenmund – Roman einer Analyse (rororo 1979)
Green, Hannah: Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen (Rowohlt 2000)
Jaspers, Karl: Einführung in die Philosophie (Piper Verlag 2004)
Kohut, Heinz: Narzissmus – Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen (Suhrkamp Verlag 1976)
Lorenzer, Alfred: Intimität und soziales Leid – Archäologie der Psychoanalyse (Fischer 2016)
Lowen, Alexander: Der Verrat am Körper (Rowohlt 1983)
Mehler, Jacqueline Amati: Erinnerungen an Eugenio Gaddini. In: Jappe, G., Strehlow, B.: Das Ich ist vor allem ein körperliches (edition discord 1998)
Winnicott, Donald Woods: Familie und individuelle Entwicklung (Suhrkamp 1984)
Zorn, Fritz: Mars (Fischer Taschenbuch 1979)
Anmerkung des Autors
Alle Ereignisse, von denen Laika im Folgenden erzählt, beruhen auf tatsächlichen Begebenheiten in meinem Leben. Wer sich eingehender mit psychischen Entwicklungsprozessen auseinandergesetzt hat, weiß jedoch um die seltsam verschlungenen Wege der Seele: Zwar ist mittelfristig eine Hierarchie von Reifungsschritten deutlich erkennbar, die konkrete Abfolge der Einzelereignisse wirkt aber meist sprunghaft und inkohärent. Entsprechend habe ich den zeitlichen Ablauf mancher Geschehnisse verschoben, um den Text besser lesbar zu machen. Ansonsten verbürge ich mich für dessen Wahrhaftigkeit.
Noch ein technischer Hinweis: Da die verschiedenen Erzählebenen des Buches durch unterschiedliche Schriften voneinander abgegrenzt sind, empfiehlt es sich, die Schrifteinstellung des E-Readers auf »Verlagseigene Schrift« beziehungsweise »Publisher Font« zu setzen.
Für Rückmeldungen habe ich die Emailadresse [email protected] eingerichtet.
Mai 2018, Benedikt Bech
Am Anfang war fast nichts
Mein Name ist Laika, ich bin ein Hund und lebe in Benedikt Bechs Geist. Da die allerwenigsten von Euch schon einmal dort zu Besuch waren, habe ich Benedikt gebeten, im Internet nach einem realen Hund zu suchen, der mir ähnlich sieht:
Wo lebe ich nun also? Ganz vereinfacht könnt Ihr Euch den Geist eines Menschen wie die Oberfläche einer Riesenportion schwabbeliger Götterspeise vorstellen. Zu Beginn eines Menschenlebens ist diese Fläche völlig eben und kann ganz frei schwabbeln. Erlebt ein Säugling eine Gefühlsregung wie Freude oder Wut, gerät die Götterspeise in Wallung und wird von der durchfließenden Gefühlsenergie mächtig durchgeschüttelt. Nach einiger Zeit ebbt das Gefühl ab, der Säugling beruhigt sich und die Götterspeise nimmt wieder ihre endlos-flache Oberfläche an. Bis das nächste Gefühl kommt ... und geht.
Ihr könnt Euch sicher denken, dass es auf Dauer nicht besonders geschickt ist, wenn bei jeder emotionalen Regung der gesamte Geist ins Wackeln gerät. Schließlich soll der Mensch später in der Lage sein, konzentriert ein Buch zu lesen oder sein Auto bei 200 Stundenkilometern stabil auf der Überholspur zu halten, ohne von jedem Furz im Inneren aufgeschreckt zu werden. Dafür hat sich die Natur einen cleveren Mechanismus ausgedacht: Mit zunehmender Lebenserfahrung bilden sich über der Grundfläche des Geistes kleine künstliche Podeste, wie Bootsstege an einem See. Über ein ausgeklügeltes Federungssystem sind die Podeste an den Urgrund angebunden. So wird auf ihnen das Erleben gedämpft, wenn unten in der Götterspeise mal wieder eine mitreißende Emotion vorbeizieht. Auf den Podesten schwingen sich wiederum neue Podeste empor, die allesamt durch Federn flexibel miteinander verbunden sind. Mit zunehmender Reifung des menschlichen Geistes entsteht so ein unglaublich kompliziertes System aus geistigen Ebenen, Zwischenebenen, Treppenhäusern, Seilen und Falltüren – ein hinreichend stabiles, aber dennoch flexibles Geistgebäude, das sich nahezu beliebig verändern und erweitern lässt. Und in den allerobersten Geschossen dieses Gebäudes kann dann das entstehen, was Bewusstsein genannt wird: ein einigermaßen konstantes Welterleben, das nicht permanent durch die Impulswellen in der Götterspeise abgelenkt wird. In Eurer äußeren Welt lässt sich dieser Trick am besten mit der Federung eines Autos vergleichen. Wenn Ihr mit einem luxuriösen BMW über einen Feldweg fahrt, fallen Euch die Unebenheiten des Untergrunds fast gar nicht auf, weil die Stoßdämpfer alle Stolpersteine absorbieren. So entsteht für alle Insassen die Illusion eines glatten, festen Untergrunds. Auch das Bewusstsein erscheint angesichts der sorgsam ausgetüftelten Dämpfung ziemlich fest. Aber letztlich verkennt das die wahre Natur des Geistes, seine unendlich-bewegliche Götterspeisenoberfläche.
Vielleicht fragt Ihr Euch jetzt, wer ganz am Anfang die allerersten Podeste baut. Gute Frage! Hier kommen meine Freunde und ich ins Spiel. Der kreative Seelenforscher C.G. Jung hat uns den Namen Archetypus verpasst. Wir Archetypen sind gewissermaßen die Serienausstattung des menschlichen Geistes. Eine Kollektion von Grundfähigkeiten und -bedürfnissen, die jedem menschlichen Wesen eigen ist. Über unzählige Menschengenerationen haben wir uns als Startformation im Geist etabliert. Wir leben auf der Grundfläche des Geistes und surfen auf den Gemütswellen der Götterspeise. Dank jahrtausendelanger Surfpraxis reißt uns keine noch so starke Emotion vom Brett. Die meiste Zeit verbringen wir im Untergrund des Geistes, von wo aus wir dafür sorgen, dass alle zur menschlichen Entwicklung gehörigen Reifungsprozesse zur rechten Zeit einsetzen und nach Plan verlaufen. Manchmal tauchen wir aber auch im Bewusstsein des Menschen, dessen Geist wir bewohnen, auf – zum Beispiel wenn er im Drogenrausch oder mithilfe einer Meditationstechnik einen Schleichweg in die Urgründe seines Geistes entdeckt.
Obwohl unsere archetypischen Fähigkeiten universell sind und jedem Menschen gleichermaßen zur Verfügung stehen, werden wir vom Bewusstsein als höchst individuelle, zum jeweiligen Menschen passende Figuren wahrgenommen. Leider kann ich nur von den Archetypen in Benedikts Geist berichten, da es mir bisher noch nicht vergönnt war, Bekanntschaft mit den Archetypen anderer Menschen zu machen. Doch auch hier sind wir schon ein ganz illustrer Kreis. Kleine Vorstellungsrunde gefällig? Da wäre zuallererst der alte Mönch ohne Namen zu nennen. Er ist unser Boss und steht für den Erfahrungsschatz großer Weiser aus unzähligen Generationen. Voll gleichmütiger Anteilnahme begleitet er Benedikts Leben. Er mischt sich wenig ein und tritt nur in Erscheinung, wenn er um Rat gefragt wird oder die Hütte lichterloh brennt. Benedikt hat ein klares inneres Bild vom alten Mönch ohne Namen: ein zierlicher alter Mann mit kurzgeschorenem grauem Haar und einer rotbraunen Mönchsrobe, der mit einem langen Wanderstab in der Hand am Ufer eines Bergsees steht und zufrieden nach oben in Richtung Kamera blickt.
Dann gibt es Pudra die Hexe – ein uraltes, runzeliges Weiblein. Mit gekrümmtem Rücken und Krückstock humpelt sie in Benedikts Geist herum, stets auf der Suche nach Gelegenheiten, die bestehende Ordnung zu torpedieren. Ursprünglich entstammt Pudra dem Dunstkreis von Gaia, der archetypischen Urmutter des Menschengeschlechts. Im Gegensatz zur zugewandt-bewahrenden Mutter eines Kleinkindes hat sie sich aber auf die magisch-dunkle Seite der Mütterlichkeit verlegt. Alles und jeder, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird von ihr ohne Vorwarnung mit einem schicksalsträchtigen Zauberspruch belegt.
Pudras Gegenpart auf männlicher Seite ist Arkan der Krieger. Mit seinem Mut, seinem zähen Willen und seiner unbändigen Körperkraft unterstützt er Benedikt darin, sich im Leben tatkräftig zu behaupten. Bei Arkans erstem Auftauchen brachte Benedikts Bewusstsein ihn mit dem Wrestler Hulk Hogan in Verbindung. Ich finde zwar, dass diese Identifikation etwas kurios und Arkans Fähigkeiten nicht vollauf angemessen ist. Aber wir Archetypen können uns eben nicht aussuchen, in welcher konkreten Gestalt wir auftauchen. Hier also eine typisch raumgreifende Pose von Arkan alias Hulk Hogan:
Und dann gibt es noch mich, Laika den Hund. Meine Aufgabe besteht darin, Benedikt während seines ganzen Lebens als treue Begleiterin zur Seite zu stehen. Offenbar haben meine realen Artgenossen diese Aufgabe über die Jahrtausende so erfolgreich für so viele Menschen erledigt, dass wir diesen Platz im Repertoire des menschlichen Geistes fest abonniert haben.
Im besten Fall ist so ein Archetypenleben ziemlich entspannt. Tief im Inneren des Geistes surfen Archetypen von morgens bis abends auf den herrlich fetten Götterspeisewellen. Hin und wieder muss mal der eine, mal der andere in den Vordergrund treten und seine Fähigkeiten zur Verfügung stellen, damit der Mensch, in dessen Geist sie leben, zu seiner vollen Pracht heranreifen kann. Danach ist wieder Surfen und gepflegtes Abhängen angesagt. Bei Benedikt lief die Sache jedoch von Anfang an gehörig schief. Ein archetypisches Worst-Case-Szenario sozusagen. Benedikts reale Mutter war psychisch sehr krank und nicht in der Lage, ihrem neugeborenen Sohn Geborgenheit und eine sichere Anbindung zu gewähren. Turmhohe Wellen der Angst, des Hasses und der Einsamkeit peitschten durch den Geist des hilflosen Jungen. Und nicht einmal der notdürftigste Rettungsanker zum Festhalten in Sicht. Je dringlicher der kleine Benedikt um Hilfe schrie, desto verzweifelter wurde seine Mutter. Als die Lage so weit eskalierte, dass Benedikts Mutter die Kontrolle über sich zu verlieren drohte und von ihrem Mann nur mit größter Mühe daran gehindert werden konnte, den um sein Leben brüllenden Säugling gegen eine Wand zu schleudern, rief uns der alte Mönch ohne Namen zusammen. »Meine Freunde, leider läuft die Sache hier ziemlich aus dem Ruder«, sprach er. »Benedikts Mutter ist offenbar nicht in der Lage, ihrem Sohn ausreichend äußere Sicherheit zu bieten, bis dieser ein stabiles eigenes Bewusstsein entwickelt hat. Wenn wir nichts unternehmen, wird Benedikt den morgigen Tag nicht überleben.«
Was tun? Der Notfallplan des alten Mönchs klang wie ein Ding der Unmöglichkeit: Mit seinen kraftstrotzenden Armen sollte der Krieger Arkan einen winzigen Teil der Geistesoberfläche emporheben und so den wild tosenden Wellen unzugänglich machen! Auf dieser geschützten Geistinsel würde Benedikt dann eine vermeintlich nachhaltige Bewusstseinsstruktur aufbauen können, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, dass sein Bewusstsein nicht von natürlich gewachsenen Geistfedern ausbalanciert wird, sondern von Arkans eiserner Willenskraft. Pudra wurde mit der Aufgabe betraut, anstelle von Benedikts völlig überforderter Mutter als innere Amme zu fungieren und sich der dringlichsten Bedürfnisse des kleinen Benedikts anzunehmen. Wir alle wussten, dass dies nicht gerade die Idealbesetzung war – schließlich war Pudra eine böse Hexe! Aber uns blieb keine Wahl: Sie war der einzige Archetypus in unserem Team, der einen (wenn auch sorgfältig unter Verschluss gehaltenen) Kern von Mütterlichkeit in sich trug. Pudra war es zwar höchst peinlich, sich plötzlich von solch einer zarten Seite zeigen zu sollen. Doch sie sah die Not dieses kleinen Menschenkindes, und sie sah die Aussichtslosigkeit der Lage. Also vereinbarten wir, dass sie sich niemandem als Amme zeigen müsse außer dem Säugling, um so in der Archetypenwelt ihren Ruf als verruchte Hexe wahren zu können. Meine eigene Aufgabe war die undankbarste von allen: Ich hatte nichts zu tun. »Benedikt wird lange Zeit nicht in der Lage sein, seinen eigenen Weg zu gehen, weil er keine Anbindung an seinen Wesenskern hat«, erklärte mir der alte Mönch ohne Namen. »Spar dir also deine Kräfte auf, bis die Zeit reif ist und Benedikt sich auf die Reise zu sich selbst macht. Das kann fünfzehn Jahre dauern oder vielleicht auch vierzig Jahre. Dir bleibt im Moment nur, dich in Geduld zu üben und im rechten Moment hellwach zu sein.«
Nachdem der alte Mönch ohne Namen seine Rede beendet hatte, war uns allen schwer ums Herz. Natürlich sahen wir die dringende Notwendigkeit, etwas zu unternehmen. Aber würde das wirklich klappen, eine künstliche Insel des Bewusstseins? Selbst die Bärenkräfte eines Arkan würden nicht genügen, um die Insel dauerhaft in der Luft zu halten! Was, wenn Arkan irgendwann ans Ende seiner Kräfte käme und zusammenbräche? Und wer übernähme Arkans Rolle, wenn dieser in seiner Funktion als Krieger gefordert wäre? Der alte Mönch ohne Namen meinte lapidar: »Jetzt ist jetzt, später ist später. Ich sehe keine andere Möglichkeit. Lasst uns darauf vertrauen, dass es funktioniert.«
So nahm das Leben des kleinen Benedikt seinen Lauf.
Ein Leben hinter unsichtbaren Gittern
Und so wuchs der kleine Benedikt ohne eine verlässliche Anbindung an seine Mutter und ohne Verbindung zum Urgrund seines Geistes auf. Getragen von seiner eigenen Willenskraft in Person des Kriegers Arkan. Benedikts sich rasant entwickelndes Bewusstsein hatte einen seltsamen Rand, über den er um keinen Preis treten durfte, weil er sonst an Arkan vorbei in die Tiefe gestürzt wäre. An den Rändern seiner Bewusstseinsinsel hatten wir unsichtbare Barrieren errichtet, wie elektrische Zäune an einer Kuhweide. Immer, wenn Benedikt dem Rand bedenklich nahe kam, erstarrte sein gesamter Körper und verhinderte jede weitere Bewegung, bis sein Bewusstsein wieder auf sicheres Terrain zurückgefunden hatte.
Erstaunlicherweise bekam der heranwachsende Benedikt fast nichts von den dramatischen Ereignissen in seinem Inneren mit. Für ihn fühlte sich alles ganz normal an, schließlich hatte er es nie anders kennengelernt. Wer sein Leben lang ohne Zugang zur inneren Quelle verbracht hat, verspürt keinen Durst mehr danach. Auch das körperliche Erstarren nach versehentlichen Ausritten ins Grenzgebiet der Insel hatte sich sehr bald in Benedikts Unbewusstes verlagert und wurde von uns Innenbewohnern so routiniert abgewickelt, dass Benedikt selbst überhaupt nichts davon mitbekam. Mögliche körperliche Nebenwirkungen wie Zittern oder Gleichgewichtsstörungen unterdrückten die Kollegen aus der Muskelabteilung im Keim. Auch Benedikts geistige Entwicklung zeigte keine besorgniserregenden Abweichungen – er war in jeder Hinsicht ein ganz normales, aufgewecktes Kerlchen. Der Plan des alten Mönchs ohne Namen schien tatsächlich aufzugehen!
Wer genau hinsah, konnte dennoch Spuren des Unglücks entdecken. Beispielsweise hatte Benedikt schon als kleines Kind damit begonnen, seine Fingernägel abzukauen: Nicht nur die Nägel, sondern auch die Haut drum herum zerbiss er bis aufs Fleisch. Als wir den alten Mönch ohne Namen fragten, wie wir auch dieses verdächtige Symptom kaschieren könnten, entgegnete dieser: »Lasst den Jungen machen. Durch den Schmerz lernt er zumindest auf einer ganz groben Ebene, seinen Körper zu spüren. Die Menschen in Benedikts Umfeld werden das Kauen vermutlich als schlechte Angewohnheit abtun, ohne die Tiefe seiner Not zu erkennen.« Und so war es dann auch tatsächlich. Benedikts Eltern versuchten zwar regelmäßig, ihm das Nägelkauen abzugewöhnen. Aber sie verstanden nie Benedikts eigentliches Bedürfnis hinter dem Kauen: den Körper aufbeißen, damit die Spannung aus dem Inneren abfließen kann. Selbst Benedikt ahnte damals nichts von diesem Bedürfnis. Er entdeckte es erst viel später bei seinen Reisen nach innen.
Als Benedikt zum Jugendlichen heranreifte, begann unsere Strategie erste Verschleißerscheinungen zu zeigen. Die Pubertät ist ja schon für ›normale‹ Menschen eine saftige Hausnummer. Benedikt musste sich mit neuen Anforderungen, neuen Bedürfnissen und neuen Freiräumen arrangieren. Da wurde es für uns Geistbewohner immer aufwendiger, Benedikts Aktionsradius auf seine sichere Bewusstseinsinsel zu beschränken. Alle naselang knallte er in den Begrenzungswall, und wir mussten ihn unter großen Mühen in sicheres Geistgebiet zurückzerren. Um den pubertären Impulsen Einhalt zu gebieten, schütteten wir immer neue Schutzwälle aus Muskelspannung und Gefühlsabwehr auf. Davon verkrampfte sich Benedikts Körper zunehmend. Benedikt selbst fand für dieses Problem eine naheliegende Abhilfe: intensive sportliche Betätigung bis zur vollständigen Erschöpfung. Tennis total bei 35 Grad Sommerhitze, Tausendmeterläufe bis zum Umkippen, Sportabitur, ... Immer wenn er seinen Körper bis zum Maximum auslaugte, erlebte Benedikt im Anschluss ein kurzes Gefühl befreiten Loslassens. Dieser Moment der Entspannung war ihm die ganze Mühe wert – zumal er durch seine sportlichen Erfolge auch gehörig Anerkennung erntete.
Dank des Sportventils gelang es Benedikt, die wachsende Körperspannung in sein Bewusstsein aufzunehmen, ohne weiter Verdacht zu schöpfen. Zu dumm nur, dass er uns Innenwesen das Leben doppelt schwer machte mit seiner Strategie! Je näher er sich nämlich an den Rand der Erschöpfung trieb, desto größer wurde die Gefahr, von der Bewusstseinsinsel zu stürzen. Also türmten wir eine Schutzmauer nach der anderen auf, um Benedikts Bewusstsein stabil zu halten. Die von unseren Absicherungsmaßnahmen ausgehende Spannung trieb Benedikt wiederum zu erneuten sportlichen Höchstleistungen. Ein Teufelskreis. Vor allem Arkan war zu dieser Zeit elend zumute. Es schien ihm unfair, dass er seine ganze Kriegerenergie dafür aufwenden sollte, gegen Benedikts natürliche Entwicklungsrichtung anzukämpfen und dabei sogar dessen körperliche Unversehrtheit aufs Spiel zu setzen. Dabei hätte er Benedikt so viel lieber bei den Raufereien mit Klassenkameraden unterstützt oder ihm geholfen, die Mädchen in der Schülerdisko zu beeindrucken! Der alte Mönch ohne Namen hörte sich Arkans Bedenken aufmerksam an. »Die Zeit ist noch nicht reif für ein Absenken der Insel«, gab er zur Antwort. »Wir müssen damit leben, dass es scheinbar in die falsche Richtung geht. Lasst uns hoffen, dass sich bald eine Schleuse auftut, durch die Benedikt zurück in den Strom des Lebens gelangt.«
Auf der körperlichen Ebene wurde schnell deutlich, wie falsch die Richtung war, die Benedikt eingeschlagen hatte. Schon mit achtzehn Jahren wurde bei ihm ein Bandscheibenvorfall im Lendenwirbelbereich diagnostiziert. Statt jedoch die muskuläre Überspannung als Ursache dafür zu erkennen, führten die Ärzte den Vorfall auf eine zu schwache Rückenmuskulatur zurück. Also verdonnerten sie Benedikt zu einem intensiven Muskelaufbautraining. Arkan traute seinen Ohren nicht, als er davon hörte. Da war er Tag und Nacht im Dauereinsatz, um Benedikts Bewusstsein gegen Heerscharen muskulärer Überreizung zu verteidigen, und nun spielten die Ärzte seinen Gegnern auch noch in die Karten! Benedikt selbst kam der Aufforderung natürlich gerne nach, im disziplinierten Auftrainieren war er schließlich ein Profi. Dieses Mal hatte er sogar einen ärztlichen Segen, um sich weiteren Körperstrapazen zu unterziehen.
Nach dem Abitur warteten wir ungeduldig darauf, dass Benedikt endlich bei seinen Eltern ausziehen und mit dem Studium in einer etwa 200 Kilometer entfernten Stadt ein neues Lebenskapitel aufschlagen würde. Wir hatten die vage Hoffnung, dass dann endlich das Kämpfen ein Ende hätte. Aber weit gefehlt! Irgendwann in den Jahren zuvor hatte sich in Benedikts Ohr ein Floh festgesetzt. In seinem Gepäck trug der Floh das haltlose wie verführerische Versprechen, dass Benedikt seine Mutter von ihrer inneren Not erlösen könnte, wenn er sich als perfekter Mustersohn erweisen würde. Folgerichtig erschien es Benedikt am vielversprechendsten, alle Erwartungen seiner Eltern (besser noch: seines gesamten Umfelds) tadellos zu erfüllen (besser noch: übererfüllen). Die Mustersohn-Strategie erwies sich leider als wohnortunabhängig: Bei seinem Auszug machte Benedikt keinerlei Anstalten, den Floh im Haus seiner Eltern zurückzulassen und in seinem Ohr Platz für originellere Flohversprechen zu schaffen. Und so waren wir auch beim Erstsemesterstudenten Benedikt mit großem Ehrgeiz und höchster Akribie konfrontiert. Sei es an der Universität oder im Sport – er spornte sich zu immer neuen Bestleistungen an. Dabei kann ich Euch gar nicht sagen, wer Benedikt diesen Mustersohn-Floh ursprünglich ins Ohr gesetzt hatte. Von uns Archetypen kam die Idee ganz sicher nicht. Irritierend war vor allem, dass Benedikts Eltern nicht mit der erhofften Wertschätzung auf die Bestleistungen ihres Schützlings reagierten. Im Gegenteil schienen sie von dessen Getriebenheit nach Erfolg eher besorgt als erfreut zu sein. Trotz anfänglicher Enttäuschung hatte das Benedikt aber nicht von seiner irrigen Annahme abgebracht, wonach er sein Leben am besten meistern würde, wenn er alle äußeren Anforderungen möglichst perfekt erfüllte. Irgendwann war das Konzept zum einsamen Selbstläufer geworden.
Wen wundert, dass solch ein unausgewogenes Selbstbild über kurz oder lang in einer realen Lebensschieflage mündete? Bald tauchten auch in Benedikts Bewusstsein erste Zweifel an seinem Masterplan auf. Schon in seinem ersten Studienjahr hatte er sich zu einem Psychotherapeuten in Behandlung begeben, nachdem ihm seine Großmutter den Tipp gegeben hatte, dass er damit vielleicht sein lästiges Fingernägelkauen loswerden könne. Am Ende der ersten Sitzung hatte der weitsichtige Therapeut auf zugewandte Weise rückgemeldet, dass er Fingernägelkauen als das kleinste von Benedikts Problemen ansehe. Die Rückmeldung gab Benedikt auf merkwürdige Weise Zuversicht. Er beschloss, diesem Menschen genauer Gehör zu schenken. Zwar erwies sich diese erste Phase therapeutischer Begleitung als nicht besonders ergiebig, da Benedikt mehr auf Selbstoptimierung denn auf Selbsterkenntnis bedacht war. Zudem kam der Therapeut nach nur einem Jahr der Zusammenarbeit sehr überraschend ums Leben. Doch in seiner Obhut waren bei Benedikt zarte Knospen der Einsicht getrieben, dass er bisher ein paar wesentliche Dinge im Leben übersehen hatte. Durch einen minikleinen Spalt hatte er einen raschen Blick auf ein düsteres Geheimnis in seinem Inneren erhascht. Der erste Kinderschritt in Richtung Aufgeben und Neubeginn war getan.
Ein weiteres Einsichtsfenster öffnete sich nach Benedikts Vordiplom – das er natürlich in Rekordzeit und mit Bestnoten absolvierte. Mittlerweile war er Stipendiat einer Hochbegabtenförderung und hatte auch sonst maximale Anerkennung von außen erfahren. Mit einem perfekten Physikvordiplom in der Tasche, einer bildhübschen Freundin an seiner Seite und vergleichsweise viel Geld auf dem Konto stand Benedikt nun da in seinem Leben und wusste nicht mehr weiter. Er hatte ziemlich alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte und man von einem Menschen seines Alters erwarten konnte. Dennoch stellte sich kein Gefühl von Befriedigung ein. Noch nicht einmal Erleichterung. Alles, was er spürte, war Sorge. Sorge darüber, die folgenden Hürden nicht überspringen zu können.
Bei all dem hektischen Erreichenmüssen wurde das Fingernägelkauen natürlich nicht weniger. Im Gegenteil gesellte sich pünktlich zum Vordiplom ein weiteres Kuriosum zu Benedikts Symptomblumenstrauß: Immer wenn er vor einer Gruppe sprechen sollte, wurde er von unerklärlichen Panikattacken überfallen. Bis zu diesem Zeitpunkt war Benedikt als höchst kompetenter und eloquenter Redner in Erscheinung getreten. Umso befremdlicher wirkte es auf die Zuhörer, als der bis dahin für seine Vorträge geschätzte Benedikt plötzlich am ganzen Leib zitternd und von Weinkrämpfen geschüttelt vor ihnen stand und nicht ein noch aus wusste. Aber wir Archetypen hatten die Grenze des Machbaren erreicht. Mittlerweile hatte sich die innere Anspannung so hoch in Benedikts Geist aufgetürmt, dass wir nicht mehr alle emotional belastenden Situationen im Versteckten regulieren konnten. Das Lampenfieber, das beim öffentlichen Sprechen ganz natürlich auftaucht, löste eine solche Paniklawine in Benedikts Innerem aus, dass alle Dämme brachen und er gen Abgrund taumelte.
