Susannah - Stephen King - E-Book

Susannah E-Book

Stephen King

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Beschreibung

Mit Band VI des Zyklus um den Dunklen Turm nähert sich Stephen King dem großen Finale. Als ein Balken des Turms einstürzt und in Mittwelt ein Erdbeben auslöst, müssen Roland und Eddie erkennen, dass ihnen die Zeit wegläuft. In ihrer Verzweiflung beschließen sie, ihren Schöpfer aufzusuchen, während Susannah in New York Rolands Sohn zur Welt bringt. Der Kreis beginnt sich zu schließen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 671




Inhaltsverzeichnis
 
Zum Autor
Widmung
Lob
Inschrift
REPRODUKTION
 
1. Strophe – BALKENBEBEN
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2. Strophe – DIE BEHARRLICHKEIT DER MAGIE
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3. Strophe – TRUDY UND MIA
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4. Strophe – SUSANNAHS DOGAN
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5. Strophe – DIE SCHILDKRÖTE
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6. Strophe – AUF DEM WEHRGANG
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7. Strophe – DER HINTERHALT
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8. Strophe – BALLSPIELE
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9. Strophe – EDDIE HÜTET DIE ZUNGE
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10. Strophe – SUSANNAH-MIO, DIVIDED GIRL OF MINE
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11. Strophe – DER SCHRIFTSTELLER
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12. Strophe – JAKE UND CALLAHAN
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13. Strophe – »HEIL MIA, HEIL MUTTER«
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Koda
ANMERKUNGEN DES WÖRTERSCHMIEDS
Copyright
Zum Buch
Mia hat im Körper der hochschwangeren Susannah die Flucht in das New York von 1977 ergriffen, und mit Hilfe der Manni gelingt es Roland und seinen Gefährten Eddie, Jake und Callahan, ihr durch die Tür in der Höhle zu folgen. Nachdem ein Balken des Turms eingestürzt ist und ein Erdbeben in Mittwelt verursacht hat, läuft ihnen die Zeit davon. Doch Roland und seine Getreuen geraten in einen Hinterhalt und werden von Balazars Leuten überfallen, die es auf den Dunklen Turm abgesehen haben. Nur mit Hilfe eines neuen Freundes gelingt ihnen die Flucht. In ihrer Verzweiflung beschließen sie, ihren Schöpfer aufzusuchen, während Susannah in New York Rolands Sohn zur Welt bringt.
Zum Autor
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg, »Carrie«, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 300 Millionen Bücher in 33 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk.
Inzwischen liegt die Saga DER DUNKLE TURM vollständig vor: Schwarz-Drei-tot.-Glas-Wolfsmond-Susannah-Der Turm
Dazu gibt es das Kompendium Das Tor zu Stephen Kings Dunklem Turm von Robin Furth
Die OriginalausgabeTHE DARK TOWER VI: SONG OF SUSANNAH erschien 2003 bei Scribner, New York
Für Tabby, die wusste, wann es fertig war.
»Dann geh, es gibt andere als diese Welten.«
JOHN »JAKE« CHAMBERS
I am a maid of constant sorrowI’ve seen trouble all my daysAll through the world I’m bound to rambleI have no friends to show my way …Folksong
»Fair ist jeweils, was Gott tun will.«
LEIF ENGER Ein wahres Wunder
REPRODUKTION
19
1. Strophe
BALKENBEBEN

1

»Wie lange wird der Zauber anhalten?«
Zunächst beantwortete niemand Rolands Frage, daher wiederholte er sie, diesmal mit einem Blick quer durchs Wohnzimmer des Pfarrhauses, in dem Henchick von den Manni neben Cantab saß, der eine von Henchicks zahlreichen Enkeltöchtern geheiratet hatte. Die beiden Männer hielten sich an den Händen, wie es bei den Manni Brauch war. Der Alte hatte an diesem Tag eine Tochter verloren, aber falls er um sie trauerte, zeigte sich dieses Gefühl nicht auf dem starren, beherrschten Gesicht.
Neben Roland saß schweigsam und erschreckend blass Eddie Dean, der aber niemands Hand hielt. Schräg vor ihm hockte Jake Chambers im Schneidersitz auf dem Boden. Er hatte sich Oy auf den Schoß gesetzt, etwas, das Roland noch nie gesehen hatte und wovon er nicht geglaubt hätte, dass der Billy-Bumbler es sich überhaupt je gefallen lassen würde. Eddie und Jake waren beide mit Blut bespritzt. Das auf Jakes Hemd stammte von seinem Freund Benny Slightman. Das auf Eddies kam von Margaret Eisenhart, einst Margaret vom Clan Redpath, der verlorenen Enkeltochter des alten Patriarchen. Eddie und Jake sahen beide so müde aus, wie Roland sich selbst auch fühlte, aber er war sich ziemlich sicher, dass es heute Nacht keinen Schlaf für sie geben würde. Von fern her, aus der Stadt, drang der Lärm von Feuerwerk und Gesang und ausgelassener Feier an ihr Ohr.
Hier wurde nicht gefeiert. Benny und Margaret waren tot, und Susannah war fort.
»Henchick, sag’s mir, ich bitte dich: Wie lange wird der Zauber anhalten?«
Der Alte strich sich geistesabwesend den Bart. »Revolvermann … Roland … Das kann ich nicht sagen. Die Magie der Tür in dieser Höhle übersteigt meine Kraft. Wie du wissen müsstest.«
»Sag mir, was du denkst. Nach allem, was du weißt.«
Eddie hob die Hände. Sie waren schmutzig, er hatte Blut unter den Nägeln, und sie zitterten. »Sagt’s uns, Henchick«, bat er in einem demütigen, verstörten Ton, den Roland noch nie von ihm gehört hatte. »Sagt’s uns, ich bitte Euch.«
Rosalita, Pere Callahans Mädchen für alles, kam mit einem Tablett herein, auf dem Tassen und eine dampfende Kaffeekanne standen. Zumindest sie hatte Zeit gefunden, ihre Bluse und die blutbespritzten, staubigen Jeans gegen ein Hauskleid zu vertauschen, wenngleich ihre Augen noch immer den Schrecken des Erlebten verrieten. Sie spähten aus ihrem Gesicht wie ängstliche kleine Tiere aus ihrem Bau. Jetzt goss sie Kaffee ein und reichte die Tassen wortlos herum. Sie hatte allerdings noch nicht alles Blut abgewaschen, das sah Roland, als er sich eine der Tassen nahm. Auf ihrem rechten Handrücken war ein Streifen zurückgeblieben. Margarets Blut oder Bennys? Er wusste es nicht. Aber es war ihm auch ziemlich egal. Die Wölfe waren fürs Erste zurückgeschlagen. Sie mochten nach Calla Bryn Sturgis zurückkehren oder auch nicht. Dafür war das Ka zuständig. Sie dagegen waren für Susannah Dean zuständig, die nach dem Kampf verschwunden war und die Schwarze Dreizehn mitgenommen hatte.
»Ihr fragt nach Kaven?«, sagte Henchick.
»Aye, Vater«, sagte Roland. »Nach der Beharrlichkeit der Magie.«
Father Callahan nahm seine Tasse Kaffee mit einem Nicken und einem geistesabwesenden Lächeln, aber ohne ein Wort des Dankes entgegen. Seit ihrer Rückkehr aus der Höhle hatte er nur wenig gesprochen. Auf seinem Schoß lag ein Buch mit dem Titel Brennen muss Salem, das von einem ihm unbekannten Autor stammte. Es gab vor, ein Roman zu sein, aber er, Donald Callahan, kam darin vor. Er hatte in der Kleinstadt gelebt, die darin beschrieben wurde, war an den Ereignissen beteiligt gewesen, von denen das Buch erzählte. Er hatte auf der Rückseite und der hinteren Umschlagklappe ein Foto des Verfassers gesucht, weil er sich merkwürdig sicher gewesen war, dass ihm eine Version des eigenen Gesichts entgegenblicken würde (höchstwahrscheinlich so, wie er 1975 ausgesehen hatte, als jene Dinge sich ereignet hatten), aber er hatte kein solches Foto, sondern nur eine Notiz über den Autor gefunden, die aber nicht viel aussagte. Er lebte im Bundesstaat Maine. Er war verheiratet. Er hatte zuvor ein erstes Buch geschrieben, das recht gut besprochen worden war, wenn man den Zitaten glauben wollte.
»Je stärker der Zauber, desto beharrlicher ist er«, sagte Cantab und sah dann fragend zu Henchick hinüber.
»Aye«, sagte Henchick. »Magie und Glammer, die sind eins, und sie entfalten sich aus der Vorzeit.« Er machte eine Pause. »Aus der Vergangenheit, musst du wissen.«
»Diese Tür hat sich zu vielen Orten und vielen Zeiten der Welt geöffnet, aus der meine Freunde stammen«, sagte Roland. »Ich möchte sie erneut öffnen – aber nur zu den beiden zuletzt besuchten Orten. Zu den beiden jüngsten Ereignissen. Ist das möglich?«
Alle warteten, während Henchick und Cantab darüber nachdachten. Die Manni waren große Reisende. Wenn jemand sich damit auskannte, wenn jemand es schaffte, was Roland wollte – was sie alle wollten -, würden es diese Leute sein.
Cantab beugte sich ehrerbietig zu dem Alten, dem Dinh der Calla Redpath, hinüber. Er flüsterte etwas. Henchick hörte mit ausdrucksloser Miene zu, dann drehte er Cantabs Kopf mit einer seiner knorrigen alten Hände zur Seite und flüsterte eine Antwort.
Eddie bewegte sich, und Roland spürte, dass sein Gefährte kurz vor einem Ausbruch stand und möglicherweise gleich zu schreien anfangen würde. Er legte ihm eine zur Zurückhaltung mahnende Hand auf die Schulter, und Eddie ließ sich zurücksinken. Wenigstens vorläufig.
Das im Flüsterton geführte Gespräch dauerte ungefähr fünf Minuten, während alle anderen warteten. Roland ertrug den aus der Ferne herüberdringenden Festlärm schlecht; Gott mochte wissen, wie Eddie dabei zumute war.
Schließlich tätschelte Henchick die Wange Cantabs und wandte sich dann an Roland.
»Wir glauben, dass sich das machen lässt«, sagte er.
»Gott sei Dank«, murmelte Eddie. Und dann sagte er lauter: »Gott sei Dank! Am besten gehen wir gleich dort rauf. Wir können uns an der Oststraße treffen …«
Die beiden Bärtigen schüttelten den Kopf: Henchick mit einer Art strenger Besorgnis, Cantab mit einem Blick, aus dem fast Entsetzen sprach.
»Wir werden keinesfalls im Dunkeln zur Höhle der Stimmen hinaufgehen«, sagte Henchick.
»Wir müssen aber!«, brach es aus Eddie hervor. »Ihr versteht wohl nicht! Hier geht’s nicht nur darum, wie lange der Zauber anhält oder nicht, sondern darum, wie die Zeit auf der anderen Seite abläuft! Dort drüben läuft sie nämlich schneller ab, und wenn sie weg ist, ist sie weg! Jesus, Susannah könnte das Baby genau in diesem Moment bekommen, und wenn es eine Art Kannibale ist …«
»Hört mich an, junger Freund«, sagte Henchick, »hört mich sehr wohl an, ich bitte Euch. Der Tag ist beinahe vorüber.«
Das stimmte. Roland hatte noch nie einen Tag erlebt, der ihm so schnell durch die Finger geronnen war. In der Frühe, nicht lange nach Tagesanbruch, war es zum Kampf mit den Wölfen gekommen, anschließend hatte es auf der Straße eine improvisierte Siegesfeier gegeben, in die sich Trauer über die Verluste gemischt hatte (die letztlich doch erstaunlich gering gewesen waren). Danach waren die Erkenntnis, dass Susannah verschwunden war, ihr gemeinsamer Aufstieg zur Höhle und ihre dortigen Entdeckungen gekommen. Bis sie das Schlachtfeld an der Oststraße wieder erreicht hatten, war es Spätnachmittag gewesen. Die meisten Stadtbewohner waren fort und hatten ihre geretteten Kinder im Triumph heimgetragen. Henchick hatte der Bitte um ein Palaver bereitwillig zugestimmt, aber bis sie ins Pfarrhaus zurückgekommen waren, hatte die Sonne schon ziemlich tief über dem Horizont gestanden.
Wir werden also doch unsere Nachtruhe bekommen, sagte Roland sich, wenngleich ratlos, ob er darüber froh oder enttäuscht sein sollte. Er hatte Schlaf bitter nötig, so viel wusste er.
»Ich höre und verstehe«, sagte Eddie, aber Roland, dessen Hand weiter auf Eddies Schulter lag, konnte spüren, wie der jüngere Mann zitterte.
»Selbst wenn wir zu gehen bereit wären, könnten wir nicht genügend von den anderen dazu überreden, uns zu begleiten«, sagte Henchick.
»Ihr seid ihr Dinh …«
»Aye, so sagt Ihr, und das bin ich wohl, auch wenn dies nicht unser Wort ist, müsst Ihr wissen. Sie würden mir in den meisten Dingen folgen, und ihnen ist bewusst, was wir eurem Ka-Tet nach diesem Tagewerk verdanken, und sie würden euch ihre Dankbarkeit auf jede nur mögliche Art erweisen. Aber sie würden nicht im Dunkeln den Pfad hinaufsteigen und diesen Ort betreten, an dem es spukt.« Henchick schüttelte langsam und mit großer Bestimmtheit den Kopf. »Nein, das täten sie nicht. Hört mir zu, junger Mann. Cantab und ich können wieder im Redpath Kra-Ten sein, bevor es ganz dunkel ist. Dort rufen wir unser Mannsvolk in die Tempa, die der Versammlungshalle des vergesslichen Volks entspricht.« Er sah kurz zu Callahan hinüber. »Erflehe Eure Verzeihung, Pere, wenn dieser Ausdruck Euch kränkt.«
Callahan nickte geistesabwesend, ohne von dem Buch aufzusehen, das er immer wieder zwischen den Händen hin und her drehte. Es trug keinen Schutzumschlag aus Klarsichtfolie, wie es bei wertvollen Erstausgaben oft der Fall war. Auf dem Vorsatzpapier war dünn mit Bleistift der Preis eingetragen: $950. Der zweite Roman irgendeines jungen Mannes. Er fragte sich, was ihn so wertvoll machte. Sollten sie dem Eigentümer dieses Buchs, ein Mann namens Calvin Tower, über den Weg laufen, würde er ihn sofort danach fragen. Und damit würde sein Verhör erst beginnen.
»Wir erklären ihnen, was ihr wünscht, und bitten um Meldungen von Freiwilligen. Von den achtundsechzig Männern im Redpath Kra-Ten sind bis auf vier oder fünf bestimmt alle bereit, euch mit versammelter Kraft zu helfen. Auf diese Weise entsteht ein starkes Khef. So heißt es bei euch doch? Khef? Das Teilen?«
»Ja«, sagte Roland. »Das Teilen von Wasser, so sagen wir.«
»So viele Männer passen unmöglich in die Öffnung dieser Höhle«, wandte Jake ein. »Nicht einmal, wenn die eine Hälfte auf den Schultern der anderen sitzt.«
»Keine Sorge«, sagte Henchick. »Wir schicken nur die Stärksten hinein – die so genannten Sender. Die anderen können sich Hand in Hand und Senkblei an Senkblei auf dem Weg aufreihen. Sie werden dort oben sein, noch bevor die Morgensonne unsere Dächer bescheint. Darauf setze ich Uhr und Urkunde.«
»Wir brauchen die Nacht ohnehin, um unsere Magneten und Senkbleie zusammenzusuchen«, sagte Cantab. Er sah Eddie entschuldigend und etwas ängstlich an. Der junge Mann ihm gegenüber litt entsetzlich, das war ihm klar. Und er war ein Revolvermann. Ein Revolvermann konnte um sich schlagen, und wenn er’s tat, geschah es nie blindlings.
»Dann ist es vielleicht zu spät«, sagte Eddie leise. Er blickte Roland aus seinen haselnussbraunen Augen an. »Morgen kann zu spät sein, auch wenn der Zauber bis dahin nicht geschwunden ist.«
Roland öffnete den Mund, aber Eddie hob warnend einen Finger.
»Sag jetzt nicht Ka, Roland. Wenn du noch einmal Ka sagst, explodiert mir der Kopf, das schwöre ich dir.«
Roland schloss den Mund.
Eddie wandte sich wieder an die beiden bärtigen Männer, die in ihre dunklen, quäkerhaften Umhänge gekleidet waren. »Und ihr könnt nicht dafür garantieren, dass der Zauber anhält, oder? Was uns heute Nacht noch offen steht, kann uns morgen auf ewig verschlossen sein. So fest verschlossen, dass alle Magneten und Senkbleie der Manni nicht ausreichen würden, um es wieder zu öffnen.«
»Aye«, sagte Henchick. »Aber Euer Weib hat die Zauberkugel mitgenommen, und unabhängig davon, wie Ihr darüber denkt, können Mittwelt und die Grenzlande froh sein, sie los zu sein.«
»Ich würde meine Seele dafür verkaufen, sie jetzt wieder in Händen halten zu können«, sagte Eddie laut und deutlich.
Daraufhin wirkten alle schockiert, sogar Jake, und Roland fühlte den starken Drang, Eddie aufzufordern, das zurückzunehmen, es ungesagt zu machen. Es gab starke Mächte, die ihre Suche nach dem Turm behinderten, dunkle Mächte, und die Schwarze Dreizehn war deren deutlichstes Sigul. Was sich gebrauchen ließ, konnte auch missbraucht werden, und die Bogen des Regenbogens besaßen einen eigenen bösartigen Glammer – die Dreizehn vor allen anderen. Vielleicht war sie ja die Summe aller anderen. Wäre sie in ihrem Besitz gewesen, hätte Roland darum gekämpft, sie nicht in Eddie Deans Hände gelangen zu lassen. In seinem gegenwärtigen Zustand kummervoller Verwirrung hätte die Kugel ihn binnen weniger Minuten vernichtet oder zu ihrem Sklaven gemacht.
»Ein Stein könnte trinken, wenn er einen Mund hätte«, sagte Rosa trocken und überraschte damit alle. »Eddie, lass Zauberei mal beiseite, und stell dir den Weg vor, der dort hinaufführt. Und dann stell dir fünf Dutzend Männer vor, viele fast so alt wie Henchick, ein paar blind wie Maulwürfe, die den Weg nachts hinaufzuklettern versuchen.«
»Der Felsblock«, sagte Jake. »Erinnerst du dich nicht an den Felsblock, um den man sich mit den Fersen über dem Abgrund herumschlängeln muss?«
Eddie nickte widerstrebend. Roland konnte sehen, wie er zu akzeptieren versuchte, was er nicht ändern konnte. Wie er um Fassung rang.
»Außerdem ist Susannah Dean auch ein Revolvermann«, sagte Roland. »Sie sollte eine Weile auf sich selbst aufpassen können.«
»Ich glaube nicht, dass Susannah sich noch im Griff hat«, antwortete Eddie, »und du glaubst es auch nicht. Schließlich ist es Mias Baby, und Mia wird die Macht über sie ausüben, bis das Baby – der kleine Kerl – da ist.«
Auf einmal hatte Roland eine Eingebung, und zwar eine, die sich wie so viele andere, die er im Lauf der Jahre gehabt hatte, als richtig erweisen sollte. »Sie mag die Macht über Susannah gehabt haben, als sie fortgegangen sind, aber sie hat sie vielleicht nicht behalten können.«
Callahan meldete sich endlich zu Wort und sah von dem Buch auf, das ihn so verblüfft hatte. »Wieso nicht?«
»Weil dort nicht ihre Welt ist«, sagte Roland. »Es ist Susannahs Welt. Und wenn sie keinen Weg finden, sich zu arrangieren, werden sie möglicherweise miteinander sterben.«

2

Henchick und Cantab kehrten nach Manni Redpath zurück, um den versammelten (und ausschließlich männlichen) Ältesten von den Ereignissen des Tages zu berichten und ihnen mitzuteilen, welche Gegenleistung dafür zu erbringen sei. Roland begleitete Rosa in ihr Häuschen. Es stand auf dem Hügel oberhalb eines früher einmal recht hübschen Außenaborts, der jetzt aber größtenteils in Trümmern lag. In diesem Abort stand als unnützer Wächter die äußere Hülle des Kurierroboters Andy (viele weitere Funktionen). Rosalita entkleidete Roland langsam und vollständig. Als er splitternackt war, streckte sie sich neben ihm auf ihrem Bett aus und rieb ihn mit speziellen Ölen ein: mit Katzenöl gegen seine Gelenkschmerzen, mit einer cremigeren, schwach parfümierten Mischung für seine empfindlichsten Teile. Sie schliefen miteinander. Sie kamen gemeinsam (die Art körperlichen Zufalls, die Dummköpfe für Schicksal halten), während sie das Krachen von Feuerwerkskörpern auf der Hauptstraße der Calla und das Geschrei der Folken hörten, von denen die meisten ihren Stimmen nach längst mehr als nur beschwipst waren.
»Schlaf jetzt«, sagte Rosa. »Morgen werde ich dich nicht mehr sehen. Weder ich noch Eisenhart oder Overholser noch sonst jemand in der Calla.«
»Hast du etwa das zweite Gesicht?«, sagte Roland. Er klang zwar entspannt, sogar amüsiert, aber selbst als er tief in ihre Hitze hineingestoßen hatte, hatte der nagende Gedanke an Susannah ihn nie verlassen: Jemand aus seinem Ka-Tet war verloren gegangen. Und selbst wenn es nur das gewesen wäre, es hätte auch allein ausgereicht, dass er nicht zu wirklicher Ruhe oder Entspannung gelangen konnte.
»Nein«, sagte sie, »aber ich habe wie jede andere Frau auch manchmal Ahnungen, besonders wenn es darum geht, wann ihr Mann sich davonmachen wird.«
»Bin ich das für dich? Dein Mann?«
Ihr Blick wirkte schüchtern und fest zugleich. »In der kurzen Zeit, die du hier gewesen bist, aye, das denke ich gern. Willst du sagen, dass ich damit Unrecht habe, Roland?«
Er schüttelte sofort den Kopf. Es war gut, wieder der Mann einer Frau zu sein, auch wenn es nur für kurze Zeit war.
Sie sah, dass er es ernst meinte, und ihr Gesichtsausdruck wurde sanfter. Sie streichelte seine hagere Wange. »Wir haben gut zusammengepasst, Roland, nicht wahr? Schön, dass wir uns in der Calla getroffen haben.«
»Aye, Lady.«
Sie berührte seine verkrüppelte Rechte, dann seine rechte Hüfte. »Und wie sind deine Schmerzen?«
Sie wollte er nicht belügen. »Scheußlich.«
Sie nickte, dann ergriff sie seine linke Hand, die er damals von den Monsterhummern hatte fern halten können. »Und die hier?«
»Gut«, sagte er, aber tief drinnen spürte er Schmerzen. Lauernd. Auf ihre Zeit wartend, um auszubrechen. Gelenkstarre, wie Rosalita sie nannte.
»Roland!«, sagte sie.
»Aye?«
Sie betrachtete ihn unverwandt und hielt weiter seine linke Hand umfasst, berührte sie, erforschte ihre Geheimnisse. »Bring deine Aufgabe möglichst schnell zu Ende.«
»Rätst du mir das?«
»Aye, mein Herz. Bevor deine Aufgabe dich erledigt.«

3

Eddie saß auf der Veranda hinter dem Pfarrhaus. Die Mitternacht kam, und der Tag, den die hiesigen Leute bis in alle Ewigkeit den Tag der Schlacht an der Oststraße nennen würden, ging in die Geschichte über (um später zu einer Sage zu werden … immer unter der Voraussetzung, dass die Welt lange genug zusammenhielt, damit das geschehen konnte). In der Stadt war der Feierlärm immer lauter und fieberhafter geworden, bis Eddie sich ernsthaft zu fragen begann, ob sie nicht bald die gesamte Hauptstraße in Brand stecken würden. Und hätte ihm das etwas ausgemacht? Nicht das Geringste, sage euch meinen Dank und bitte sehr dazu. Während Roland, Susannah, Jake, Eddie und drei Frauen – die Schwestern von Oriza, so nannten sie sich – es mit den Wölfen aufgenommen hatten, hatten die restlichen Calla-Folken sich irgendwo in der Stadt oder in den Reisfeldern unten am Fluss versteckt. Aber in zehn Jahren – vielleicht schon in fünf! – würden sie einander erzählen, wie sie an jenem Tag im Herbst, Schulter an Schulter mit den Revolvermännern kämpfend, ihr halbes oder ganzes Dutzend Wölfe erledigt hatten.
Es war nicht gerecht, und irgendwie war ihm bewusst, dass es nicht gerecht war, aber er hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie so hilflos, so verloren und dementsprechend elend gefühlt. Er bemühte sich angestrengt, nicht an Susannah zu denken, sich nicht zu fragen, wo sie sein mochte oder ob ihr Dämonenkind schon geboren war, und merkte dann, dass er es trotzdem tat. Sie war nach New York gegangen, das stand für ihn fest. Aber in welches New York? Fuhren die Leute dort in Mietdroschken auf von Gaslaternen beleuchteten Straßen umher – oder jetteten sie mit Anti-Grav-Taxis herum, die von Robotern von North Central Positronics gesteuert wurden?
Lebt sie überhaupt noch?
Vor diesem Gedanken wäre er zurückgeschreckt, wenn er es vermocht hätte, aber der Verstand konnte eben grausam sein. Eddie sah sie immer wieder irgendwo unten in Alphabet City im Rinnstein liegen: mit einem in ihre Stirn eingeschnittenen Hakenkreuz und einem um den Hals gehängten Schild mit der Aufschrift GRÜSSE VON DEINEN FREUNDEN IN OXFORD TOWN.
Hinter ihm wurde die Küchentür des Pfarrhauses geöffnet. Dann hörte er das leise Patschen nackter Füße (sein Hörvermögen war jetzt geschärft, ebenso geübt wie seine restlichen Killerfertigkeiten) und das Klicken von Krallen auf Holz. Jake und Oy.
Der Junge ließ sich neben ihm in Callahans Schaukelstuhl nieder. Er war angezogen und trug seine Dockerschlinge. In ihr steckte die Ruger, die Jake seinem Vater an dem Tag entwendet hatte, an dem er von zu Hause weggelaufen war. Heute hatte die Pistole ihre Feuertaufe erhalten, wenn auch auf unblutige Art. Auf die ölige Art? Eddie lächelte leicht, aber in dem Lächeln lag kein Humor.
»Kannst wohl nicht schlafen, Jake?«
»Ake«, stimmte Oy zu. Er ließ sich so zu Jakes Füßen nieder, dass seine Schnauze zwischen den Pfoten auf den Verandabrettern lag.
»Stimmt«, sagte Jake. »Ich muss immerzu an Susannah denken.« Er hielt inne, dann fügte er hinzu: »Und an Benny.«
Eddie wusste, dass das nur natürlich war: Der Junge hatte mitbekommen müssen, wie sein Freund vor seinen Augen explodiert war, selbstverständlich dachte er jetzt an ihn, aber trotzdem spürte Eddie einen bitter eifersüchtigen Stich, so als hätte Jakes gesamte Sorge ausschließlich Eddie Deans Frau gelten dürfen.
»Der kleine Tavery«, sagte Jake. »Das war seine Schuld. Ist in Panik geraten. Losgerannt. Hat sich den Knöchel gebrochen. Wäre er nicht gewesen, würde Benny noch leben.« Und sehr leise – Eddie zweifelte nicht daran, dass dem betreffenden Jungen das Blut in den Adern gestockt hätte, wenn er das gehört hätte – fügte Jake hinzu: »Frank … Scheißkerl … Tavery.«
Eddie streckte eine Hand aus, die keinen Trost spenden wollte, und zwang sie dazu, den Kopf des Jungen zu berühren. Dessen Haar war inzwischen lang. Brauchte eine Wäsche. Teufel, brauchte einen Schnitt. Brauchte eine Mutter, die dafür sorgte, dass der Junge darunter sich um solche Dinge kümmerte. Aber hier gab es keine Mutter, nicht für Jake. Dafür ein kleines Wunder: Trost zu spenden bewirkte, dass Eddie sich besser fühlte. Nicht gewaltig, aber doch ein wenig.
»Lass es gut sein«, sagte er. »Geschehen ist geschehen.«
»Ka«, sagte Jake verbittert.
»Schnauze, Ka«, sagte Oy, ohne den Kopf zu heben.
»Amen«, sagte Jake und lachte. Die Frostigkeit seines Lachens war beunruhigend. Er zog die Ruger aus dem provisorischen Halfter und betrachtete sie. »Die hier wird hinübergelangen, weil sie von der anderen Seite stammt. Das meint Roland jedenfalls. Die anderen vielleicht auch, weil wir in diesem Fall ja nicht flitzen gehen. Wenn’s nicht klappt, versteckt Henchick sie in der Höhle, wo wir sie uns vielleicht irgendwann wieder holen können.«
»Sollten wir in New York landen«, sagte Eddie, »dann gibt’s da massenhaft Waffen. Und wir werden sie finden.«
»Aber keine wie Rolands. Ich hoffe verdammt noch mal, dass sie durchkommen. In keiner der Welten gibt’s noch Waffen wie seine. Da bin ich überzeugt.«
Das dachte Eddie zwar auch, aber er machte sich nicht die Mühe, es auszusprechen. Aus der Stadt war kurz ein Knattern von Knallkörpern zu hören, dann herrschte wieder Stille. Dort drüben ging offenbar die Siegesfeier ihrem Ende entgegen. Irgendwann musste sie das ja mal. Morgen würde es zweifellos eine ganztägige Party auf dem Stadtanger geben – eine Fortsetzung der heutigen Feiern, aber etwas weniger trunken und etwas zusammenhängender. Roland und sein Ka-Tet würden zwar als Ehrengäste erwartet werden, aber wenn die Götter der Schöpfung es gut mit ihnen meinten und die Tür sich öffnete, würden sie längst fort sein. Um Susannah nachzuspüren. Sie zu finden. Zum Teufel mit dem Nachspüren. Finden.
Als läse er Eddies Gedanken (und das konnte er, besaß er doch die Gabe der Fühlungnahme), sagte Jake: »Sie lebt noch.«
»Woher willst du das wissen?«
»Wir hätten gespürt, wenn sie nicht mehr am Leben wäre.«
»Jake, kannst du sie erreichen?«
»Nein, aber …«
Bevor er den Satz zu Ende bringen konnte, drang ein tiefes Rumpeln aus der Erde. Die Veranda begann plötzlich wie ein Boot in schwerer See zu schwanken. Sie konnten hören, wie die Bretter knarrten. Aus der Küche kam das Klirren von Porzellan, das wie Zähneklappern klang. Oy hob den Kopf und winselte. Sein füchsisches kleines Gesicht wirkte komisch erschrocken, die Ohren hatte er flach angelegt. Nebenan in Callahans Wohnzimmer stürzte irgendetwas krachend um und zerschellte.
Eddies erster Gedanke – unlogisch, aber sich nicht weniger aufdrängend – war, Jake habe Suze allein dadurch getötet, dass er sie für lebend erklärt hatte.
Einige Augenblicke lang wurde das Beben sogar noch stärker. Ein Fenster zersplitterte, weil dessen Rahmen völlig verdreht wurde. Aus der Dunkelheit war ein Geräusch zu hören, als fiele etwas in sich zusammen. Eddie vermutete – völlig zu Recht -, dass es sich um den beschädigten Außenabort handelte, der jetzt vollends einstürzte. Er sprang auf, ohne es zu merken. Jake stand neben ihm und hielt sein Handgelenk umfasst. Eddie hatte Rolands Revolver gezogen, und die beiden standen jetzt da, als wollten sie im nächsten Augenblick zu schießen beginnen.
Aus den Tiefen der Erde stieg ein abschließendes Grollen auf, dann stabilisierte sich die Veranda unter ihnen wieder. An bestimmten Schlüsselpositionen entlang dem Balken wachten Leute auf und sahen sich benommen um. Auf den Straßen eines bestimmten New Yorker Wanns heulten die Alarmanlagen einiger Autos los. Am nächsten Tag würden die Zeitungen unbedeutende Erdstöße melden: Glasschäden, keine Verletzten. Nur ein leichtes Zittern des eigentlich unerschütterlichen Grundgesteins.
Jake starrte Eddie mit weit aufgerissenen Augen an. Mit wissendem Blick.
Die Tür hinter ihnen flog auf, und Callahan kam in einer dünnen weißen Unterhose, die ihm bis zu den Knien reichte, auf die Veranda gestürmt. Sonst trug er nur noch sein goldenes Kruzifix um den Hals.
»Das war ein Erdbeben, oder nicht?«, sagte er. »Ich habe mal eines in Nordkalifornien gespürt, aber noch nie hier in der Calla.«
»Das war verdammt viel mehr als ein Erdbeben«, sagte Eddie und deutete mit einer Hand. Die mit Fliegengittern umgebene Veranda führte nach Osten hinaus, wo der Horizont von lautlosen Artilleriesalven aus grünen Blitzen erhellt wurde. Unterhalb des Pfarrhauses öffnete sich die Tür von Rosalitas Häuschen knarrend und fiel dann wieder krachend zu. Rosa und Roland kamen miteinander den Hügel herauf; sie in ihrem Unterkleid und der Revolvermann in Jeans, liefen sie beide barfuß über die taunasse Wiese.
Eddie, Jake und Callahan eilten ihnen entgegen. Roland starrte unverwandt die bereits schwächer werdenden Blitze im Osten an, dorthin, wo das Land Donnerschlag auf sie wartete – und der Hof des Scharlachroten Königs und am Ende der Endwelt der Dunkle Turm selbst.
Wenn, dachte Eddie. Wenn er noch steht.
»Jake hat gerade gesagt, dass wir es wissen würden, wenn Susannah gestorben wäre«, berichtete Eddie. »Dass es etwas geben würde, das du Sigul nennst. Und dann kommt das hier.« Er zeigte auf Pere Callahans Rasen, auf dem sich ein kleiner Hügelrücken gebildet hatte, über dem die Grasnarbe auf ungefähr drei Meter Länge aufgeplatzt war, sodass die gekräuselten braunen Lippen der Erde zu sehen waren. Überall in der Stadt kläfften Hunde, aber von den Folken war nichts zu hören, zumindest momentan noch nichts; Eddie vermutete, dass viele der Leute so fest schliefen, dass sie überhaupt nichts mitbekommen hatten. Der Schlaf trunkener Sieger. »Aber es hatte nichts mit Suze zu tun. Oder etwa doch?«
»Nicht unmittelbar, nein.«
»Und es war nicht unserer«, warf Jake ein, »sonst wären die Schäden viel größer gewesen. Glaubst du nicht auch?«
Roland nickte.
Rosa starrte Jake mit einer Mischung aus Angst und Verwirrung an. »War nicht unser was, Junge? Wovon redest du da? Soll das etwa kein Erdbeben gewesen sein?«
»Nein«, sagte Roland, »es war ein Balkenbeben. Einer der Balken, die den Turm stützen – der wiederum alles aufrecht hält -, ist gebrochen. Ist einfach zersplittert.«
Selbst im schwachen Lichtschein der vier auf der Veranda flackernden Petroleumlampen sah Eddie, wie Rosalita Munoz leichenblass wurde. Sie bekreuzigte sich. »Ein Balken? Einer der Balken? Sag Nein! Sag, dass das nicht stimmt!«
Eddie musste unwillkürlich an irgendeinen weit zurückliegenden Baseballskandal denken. An einen kleinen Jungen, der bettelnd verlangte: Sag, dass es nicht stimmt, Joe.
»Das kann ich nicht«, sagte Roland, »weil es nämlich wahr ist.«
»Wie viele solcher Balken gibt es?«, fragte Callahan.
Roland sah zu Jake hinüber und nickte leicht. Sag deine Lektion auf, Jake von New York – sprich und sei wahrhaftig.
»Sechs Balken, die zwölf Portale miteinander verbinden«, antwortete Jake. »Die zwölf Portale stehen an den zwölf Enden der Erde. Roland, Eddie und Susannah haben ihre Wanderung am Portal des Bären begonnen und mich zwischen dem Portal und Lud aufgelesen.«
»Shardik«, sagte Eddie. Er beobachtete das letzte Wetterleuchten im Osten. »So hat der Bär geheißen.«
»Ja, Shardik«, bestätigte Jake. »Also sind wir auf dem Balken des Bären. Alle Balken kommen am Dunklen Turm zusammen. Unser Balken … jenseits des Turms …?« Er sah Hilfe suchend zu Roland hinüber. Roland sah seinerseits Eddie an. Offenbar wollte Roland auch diese Gelegenheit nutzen, sie den Weg des Eld zu lehren.
Eddie schien diesen Blick nicht zu sehen oder ihn bewusst zu ignorieren, aber Roland ließ nicht locker. »Eddie?«, murmelte er.
»Wir sind auf dem Pfad des Bären, dem Weg zur Schildkröte«, sagte Eddie geistesabwesend. »Ich weiß nicht, welche Rolle das jemals spielen soll, weil wir ohnehin nur bis zum Turm wollen, aber auf der anderen Seite liegen der Pfad der Schildkröte, der Weg zum Bären.« Und er rezitierte:
»Sieh der SCHILDKRÖTE gewaltige Pracht!Auf deren Panzer die Welt gemacht.Klar ist ihr Denken und stets rein,Schließt uns alle darin ein.«
An dieser Stelle nahm Rosalita den Vers auf:
»Die Wahrheit trägt sie auf dem Rücken,damit Pflicht und Liebe uns beglücken.Land und Meer liebt sie inniglich,Sogar ein kleines Kind wie mich.«
»Nicht ganz so, wie ich’s in der Wiege gehört und später meine Freunde gelehrt habe«, sagte Roland, »aber ähnlich genug, bei Uhr und Urkunde.«
»Die Große Schildkröte heißt übrigens Maturin«, sagte Jake schulterzuckend. »Falls das eine Rolle spielt.«
»Und du kannst nicht beurteilen, welcher Balken genau gebrochen ist?«, fragte Callahan, der Roland aufmerksam studierte.
Roland schüttelte den Kopf. »Ich weiß nur, dass Jake Recht hat – unserer war es nicht. Wäre er’s gewesen, stünde in hundert Meilen um Calla Bryn Sturgis kein Stein mehr auf dem anderen.« Oder vielleicht in tausend Meilen Umkreis – wer konnte das schon wissen? »Sogar die Vögel wären flammend vom Himmel gefallen.«
»Du sprichst vom Armageddon«, sagte Callahan mit leiser, sorgenvoller Stimme.
Roland schüttelte wieder den Kopf, jedoch nicht auf verneinende Weise. »Dieses Wort kenne ich nicht, Pere, aber ich spreche von großem Tod und Verwüstung, das sicherlich. Und irgendwo – vielleicht entlang dem Balken, der Fisch und Ratte verbindet – ist es jetzt dazu gekommen.«
»Weißt du das bestimmt?«, fragte Rosa leise.
Roland nickte. Das alles hatte er schon einmal durchgemacht, als mit dem Fall Gileads die Zivilisation, wie er sie einst kannte, untergegangen war. Als er sich mit Cuthbert und Alain und Jamie und den wenigen anderen aus ihrem Ka-Tet auf Wanderschaft hatte begeben müssen. Einer der sechs Balken war gebrochen, und jener war fast sicher nicht der erste gewesen.
»Wie viele Balken bleiben noch, um den Turm zu stützen?«, fragte Callahan.
Eddie schien sich zum ersten Mal für etwas anderes als das Schicksal seiner verschwundenen Frau zu interessieren. Er betrachtete Roland fast aufmerksam. Und warum auch nicht? Schließlich war das die alles entscheidende Frage. Alle Dinge dienen dem Balken, wie es hieß, und obwohl in Wirklichkeit alle Dinge dem Turm dienten, waren es die Balken, die den Turm im Lot hielten. Brachen sie …
»Zwei«, antwortete Roland. »Es muss mindestens noch zwei geben, würde ich sagen. Den einen, der durch Calla Bryn Sturgis geht, und dann noch einen weiteren. Aber weiß Gott, wie lange sie noch halten werden. Selbst wenn die Brecher nicht an ihrer Zerstörung arbeiten würden, bezweifle ich, dass sie noch lange halten können. Wir müssen uns beeilen.«
Eddie hatte sich sichtlich versteift. »Wenn das heißen soll, dass wir ohne Suze …«
Roland schüttelte ungeduldig den Kopf, als wollte er Eddie damit sagen, sich nicht lächerlich zu machen. »Ohne sie können wir nicht zum Turm vordringen. Wer weiß, ob wir dazu nicht auch Mias kleinen Kerl brauchen. Das liegt in den Händen von Ka, und in meiner Heimat gab es da ein Sprichwort: ›Ka hat weder Herz noch Verstand. ‹«
»Dem kann ich nur zustimmen«, sagte Eddie.
»Möglicherweise gibt es da noch ein weiteres Problem«, sagte Jake.
Eddie betrachtete ihn stirnrunzelnd. »Wir brauchen kein weiteres Problem.«
»Ich weiß, aber … Was ist, wenn das Erdbeben den Eingang der Torweghöhle verschüttet hat? Oder …« Jake zögerte, dann sprach er widerstrebend aus, was er wirklich befürchtete. »Oder sie ganz zum Einsturz gebracht hat?«
Eddie streckte eine Hand aus, packte Jake am Hemd und zog ihn zu sich heran. »Sag das nicht. Denk das nicht mal.«
Aus der Stadt war jetzt Stimmengewirr zu hören. Die Folken waren dabei, sich wieder auf dem Stadtanger zu versammeln, wie Roland vermutete. Wie er auch annahm, dass man sich an diesen Tag – und nun auch an diese Nacht – in Calla Bryn Sturgis noch tausend Jahre lang erinnern würde. Das hieß, wenn der Turm dann überhaupt noch stand.
Eddie ließ Jakes Hemd los und betatschte dann die Stelle, an der er es gepackt hatte, als wollte er auf diese Weise die Knitterfalten glatt bügeln. Er versuchte ein Lächeln, das ihn aber schwach und alt aussehen ließ.
Roland wandte sich an Callahan. »Werden die Manni morgen trotzdem kommen? Du kennst diesen Haufen besser als ich.«
Callahan zuckte die Achseln. »Henchick ist ein Mann, der Wort hält. Ob er nach allem, was vorhin passiert ist, jedoch andere dazu bringen kann, Wort zu halten … Das, Roland, weiß ich nicht.«
»Das will ich ihm aber geraten haben«, murmelte Eddie finster. »Ich will’s ihm bloß geraten haben.«
»Will jemand Watch Me spielen?«, fragte Roland von Gilead auf einmal.
Eddie glotzte ihn ungläubig an.
»Wir kriegen heute Nacht sowieso kein Auge zu«, sagte der Revolvermann. »Da können wir uns genauso gut die Zeit vertreiben.«
Also spielten sie das Kartenspiel, und Rosalita, die eine Runde nach der anderen gewann, addierte die Ergebnisse aller auf einer Schiefertafel, ohne das geringste Siegerlächeln zu zeigen – ohne irgendeinen Gesichtsausdruck, den Jake deuten konnte. Zumindest anfangs nicht. Er war versucht, seine Gabe der Fühlungnahme zu gebrauchen, gelangte aber zu der Einsicht, dass sich ihr Gebrauch nur in Notfällen rechtfertigen ließ. Sie zu benutzen, um hinter Rosas Pokergesicht zu blicken, wäre so gewesen, als hätte er sie heimlich beim Ausziehen beobachtet. Oder zugesehen, wie Roland und sie miteinander schliefen.
Aber als das Spiel weiterging und der Himmel im Nordosten endlich heller zu werden begann, glaubte Jake doch zu wissen, was sie dachte, weil es nämlich genau das war, woran er dachte. Auf irgendeiner Verstandesebene würden sie alle an die beiden letzten Balken denken, von nun an bis zum bitteren Ende.
Darauf warten, dass einer oder beide zerbrachen. Ob sie es waren, die Susannahs Fährte folgten, oder Rosa, die sich ihr Abendessen zubereitete, oder sogar Ben Slightman, der draußen auf Vaughn Eisenharts Ranch um seinen toten Sohn trauerte … Sie alle würden das Gleiche denken: Nur noch zwei übrig, und die Brecher arbeiteten Tag und Nacht gegen sie, fraßen sich in die Balken hinein, zerstörten sie.
Wie lange noch, bis alles endete? Und wie würde es enden? Würden sie das dumpfe Poltern riesiger schiefergrauer Steinquader hören, wenn der Turm einstürzte? Würde der Himmel wie ein dünnes Stück Tuch zerreißen und die Monstrositäten hervorquellen lassen, die im Flitzerdunkel hausten? Würde noch Zeit für einen Aufschrei sein? Würde es ein Leben nach dem Einsturz geben, oder würden durch den Fall des Dunklen Turms sogar Himmel und Hölle ausgelöscht werden?
Er sah zu Roland hinüber und sendete einen Gedanken, so deutlich er nur konnte: Roland, hilf uns.
Und eine Antwort kam zurück, die Jakes Verstand mit schwachem Trost erfüllte (ah, aber selbst schwach gespendeter Trost war besser als gar keiner): Wenn ich kann.
»Watch Me«, sagte Rosalita und breitete ihre Karten vor sich aus. Sie hatte Kreuzkarten zusammengestellt, eine große Straße, und die oberste Karte war Madame Tod.
 
VORSÄNGER: Commala-come-comeThere’s a young man with a gun.Young man lost his honeyWhen she took it on the run.
 
CHOR: Commala-come-come!She took it on the run!Left her baby lonely butHer baby ain’t done.
2. Strophe
DIE BEHARRLICHKEIT DER MAGIE

1

Sie hätten sich keine Sorgen darüber zu machen brauchen, ob die Manni-Leute auftauchen würden. Henchick, griesgrämig wie immer, erschien mit vierzig Mann auf dem als Treffpunkt vereinbarten Stadtanger. Er versicherte Roland, dass die Mannschaft ausreichen würde, um die nichtgefundene Tür zu öffnen, wenn sie sich überhaupt noch öffnen ließ, nachdem die von ihm als »dunkles Glas« bezeichnete Kugel nun fort war. Der Alte entschuldigte sich mit keinem Wort dafür, dass er mit weniger Männern als versprochen aufgekreuzt war, aber er raufte sich ständig den Bart. Manchmal mit beiden Händen.
»Warum tut er das, Pere, weißt du das?«, fragte Jake an Callahan gewandt. Henchicks Truppe rollte auf einem Dutzend Buckas nach Osten. Hinter ihnen folgte eine ganz mit weißem Leinen ausgeschlagene zweirädrige Halbkutsche, die von zwei Albinoeseln mit anormal langen Ohren und feurigen rosa Augen gezogen wurde. Jake erschien die Kutsche wie ein großer Popcorneimer auf Rädern. Henchick fuhr mit diesem Vehikel allein und raufte sich dabei weiterhin trübselig seinen Prophetenbart.
»Ich glaube, es bedeutet, dass er verlegen ist«, sagte Callahan.
»Aber wieso sollte er? Ich bin überrascht, dass trotz des Balkenbebens überhaupt so viele aufgekreuzt sind.«
»Als die Erde gebebt hat, hat er wohl erfahren müssen, dass einige seiner Männer das mehr fürchten als ihn. Aus Henchicks Sicht läuft das auf ein gebrochenes Versprechen hinaus. Und nicht nur irgendein gebrochenes Versprechen, sondern eines, das er eurem Dinh gegeben hat. Er hat an Gesicht verloren.« Und ohne den Ton im Geringsten zu verändern, fragte Callahan, der den Jungen mit diesem Trick dazu brachte, eine Antwort zu geben, die er sonst nicht gegeben hätte: »Lebt sie denn wirklich noch, eure Suze?«
»Ja, aber sie hat schreck…«, begann Jake und schlug dann sofort eine Hand vor den Mund. Vor ihnen, auf dem Sitz der zweirädrigen Halbkutsche, sah Henchick sich überrascht um, so als hätten sie sich lautstark gestritten. Callahan fragte sich, ob in dieser verdammten Geschichte etwa jeder die Gabe der Fühlungnahme besaß, nur er nicht.
Das ist keine Geschichte. Dies ist keine Geschichte, sondern mein Leben!
Aber es fiel einem schwer, das zu glauben, wenn man seinen Namen als den einer der Hauptpersonen in einem Buch aufgeführt gesehen hatte, auf dessen Titelseite ROMAN stand. Doubleday and Company, 1975. Noch dazu in einem Roman über Vampire, von denen jeder wusste, dass sie nicht existierten. Trotzdem hatte es sie gegeben. Und in einigen benachbarten Welten gab es sie wohl noch immer.
»So darfst du nicht mit mir umgehen«, sagte Jake. »Du darfst nicht versuchen, mich reinzulegen. Nicht, wo wir doch auf der gleichen Seite stehen, Pere. Okay?«
»Tut mir Leid«, sagte Callahan und fügte dann hinzu: »Erflehe deine Verzeihung.«
Jake lächelte schwach und streichelte dabei Oy, der in der Vordertasche seines Ponchos mitfuhr.
»Ist sie …«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Ich will jetzt nicht über sie reden, Pere. Am besten denken wir nicht mal an sie. Ich habe das Gefühl – ob es zutrifft oder nicht, weiß ich nicht, aber es ist ziemlich stark -, dass irgendetwas auf der Suche nach ihr ist. Und wenn das stimmt, sollte es uns lieber nicht hören. Und das könnte es durchaus.«
»Irgendetwas …?«
Jake streckte eine Hand aus und berührte das Halstuch, das Callahan nach Cowboymanier trug. Das Tuch war rot. Dann hielt er sich mit dieser Hand kurz das linke Auge zu. Callahan verstand nicht gleich, was der Junge damit meinte, aber dann begriff er. Das rote Auge. Das Auge des Königs.
Er lehnte sich auf der Sitzbank des Buckas zurück und schwieg. Hinter ihnen ritten Roland und Eddie schweigend nebeneinander her. Beide hatten ihre Gunna hinter den Sätteln festgeschnallt und trugen ihre Waffen; Jake hatte die seine im Wagen liegen. Falls sie heute noch einmal nach Calla Bryn Sturgis zurückkehrten, würde es nicht für lange sein.
Schreckliche Angst, hatte er zu sagen angesetzt, aber in Wirklichkeit war es noch schlimmer. Fast unmöglich leise, fast unmöglich weit entfernt, aber trotzdem deutlich, konnte er Susannah kreischen hören. Jake konnte nur hoffen, dass Eddie sie nicht auch hörte.

2

Auf diese Weise verließen sie eine Kleinstadt, die trotz des Bebens, das sie nachts erschüttert hatte, vor lauter Erschöpfung der Gefühle noch überwiegend fest schlief. Der Tag begann so kühl, dass sie beim Aufbruch ihren Atemhauch in der Luft sehen konnten, und die abgestorbenen Maisstängel waren mit dünnem Raureif überzogen. Über dem Devar-Tete Whye hingen wie die Atemwolken des Flusses weißliche Nebel. Die Vorboten des Winters, dachte Roland.
Eine einstündige Fahrt brachte sie ins Arroyo-Gebiet. Die einzigen Geräusche waren das Gebimmel der Schellen an den Pferdegeschirren, das Quietschen der Räder, der Hufschlag der Pferde, das gelegentliche höhnische Iahen eines der Albinoesel vor Henchicks Halbkutsche und der ferne Ruf dahinfliegender Häher. Vielleicht waren sie auf dem Flug nach Süden, sollten sie diesen überhaupt noch orten können.
Als das Land zu ihrer Rechten anzusteigen und sich mit Steilwänden und Felsklippen und Tafelbergen auszufüllen begann, dauerte es noch zehn, fünfzehn Minuten, bis sie die Stelle erreichten, wo sie erst vor vierundzwanzig Stunden mit den Kindern der Calla angekommen waren und ihre Schlacht geschlagen hatten. Hier zweigte ein Pfad von der Oststraße ab und schlängelte sich in mehr oder weniger nordwestlicher Richtung davon. Auf der anderen Straßenseite war ein grob ausgehobener Graben zu erkennen. In diesem Versteck hatten Roland, sein Ka-Tet und die Ladys mit den Tellern auf die Wölfe gewartet.
Apropos Wölfe: Wo waren die jetzt? Als sie gestern den Ort ihres Hinterhalts verlassen hatten, war der Kampfplatz mit Gefallenen übersät gewesen. Mit insgesamt über sechzig dieser menschenähnlichen Wesen, die mit grauen Hosen, grünen Umhängen und zähnefletschenden Wolfsmasken aus Westen angeritten gekommen waren.
Roland schwang sich aus dem Sattel und ging nach vorn zu Henchick, der mit der steifen Unbeholfenheit des Alters vom Sitz seiner zweirädrigen Halbkutsche herabkletterte. Roland machte keine Anstalten, ihm behilflich zu sein. Henchick würde das nicht erwarten, hätte sogar beleidigt sein können.
Der Revolvermann ließ den Alten seinen dunklen Umhang mit einer letzten Bewegung zurechtschütteln und wollte schließlich seine Frage stellen, merkte dann aber, dass sie überflüssig war. Fünfzig bis sechzig Schritte vor ihnen war rechts der Straße, dort, wo es vorher nichts dergleichen gegeben hatte, inzwischen ein großer Hügel aus ausgerissenen Maispflanzen aufgetürmt worden. Dieser Grabhügel, das sah Roland sofort, war ohne den geringsten Respekt aufgetürmt worden. Er hatte keine Zeit damit vergeudet und sich nicht die Mühe gemacht, sich zu fragen, womit die Folken den vorigen Nachmittag verbracht haben mochte – vor der Siegesfeier, nach der jetzt zweifellos viele einen Rausch ausschlafen mussten -, aber nun sah er ihre Arbeit vor sich. Haben sie befürchtet, die Wölfe könnten zu neuem Leben erwachen?, fragte er sich und wusste gleichzeitig, dass sie auf irgendeiner Bewusstseinsebene genau das befürchtet hatten. Und so hatten sie die schweren, schlaffen Kadaver (graue Pferde ebenso wie grau gekleidete Wölfe) in den Mais geschleppt, kreuz und quer übereinander aufgestapelt und dann mit ausgerissenen Maispflanzen bedeckt. Heute würden sie diesen Grabhügel in einen Scheiterhaufen verwandeln. Und wenn ein Seminon, ein Sturm als Vorbote des Winters kam? Roland vermutete, dass sie den Maishügel trotzdem anzünden würden, selbst wenn sie dabei Gefahr liefen, dass alle Felder zwischen Straße und Fluss abbrannten. Weshalb auch nicht? Die Pflanzzeit begann erst im Frühjahr, und Feuer sei der beste Dünger, behaupteten doch die Alten; außerdem würden die Folken keine richtige Ruhe finden, bevor nicht der Hügel niedergebrannt war. Und selbst dann würden nicht wenige Einwohner der Calla diesen Ort in Zukunft meiden.
»Roland, sieh nur«, sagte Eddie mit einer Stimme, die irgendwo zwischen Kummer und Wut schwankte. »Ach, verdammt noch mal, sieh dir das an!«
Am Ende des Pfades, ungefähr dort, wo Jake, Benny Slightman und die Zwillinge Tavery gewartet hatten, bevor sie über die Straße gehetzt waren, um sich in Sicherheit zu bringen, stand ein verkratzter und demolierter Rollstuhl. Das Chrom blitzte in der Sonne hell auf, und der Sitz war von Staub und Blut fleckig. Der linke Reifen war stark verbogen.
»Weshalb sprecht Ihr im Zorn?«, wollte Henchick wissen. Um ihn herum standen Cantab und ein halbes Dutzend Ältester der »Umhangleute«, wie Eddie sie insgeheim manchmal nannte. Zwei dieser Männer schienen wesentlich älter als Henchick selbst zu sein, und Roland musste daran denken, was Rosalita vergangene Nacht gesagt hatte: Stell dir fünf Dutzend Männer vor, viele fast so alt wie Henchick, die den Weg nachts hinaufzuklettern versuchen. Nun, inzwischen war es zwar Tag, aber er fragte sich, ob einige dieser Männer tatsächlich überhaupt imstande sein würden, den Weg zur Torweghöhle bis dorthin zu schaffen, wo er wirklich steil wurde – vom letzten gefährlichen Wegstück ganz zu schweigen.
»Man hat den rollenden Sitz Eures Weibes hergebracht, um sie zu ehren. Und um Euch zu ehren. Weshalb sprecht Ihr also im Zorn?«
»Weil er nicht demoliert sein sollte und weil sie darin sitzen sollte«, sagte Eddie zu dem Alten. »Dünkt Euch das nicht auch, Henchick?«
»Zorn ist das nutzloseste aller Gefühle«, sagte Henchick feierlich, »dem Verstand abträglich und schmerzlich fürs Herz.«
Eddie spannte die Lippen zu einem schmalen weißen Querstrich und schaffte es irgendwie, sich eine Antwort zu verbeißen. Stattdessen trat er an Susannahs verkratzten Rollstuhl – der Stuhl war viele hundert Meilen weit gerollt, seit sie ihn in Topeka gefunden hatten, aber damit war es nun vorbei – und starrte missmutig auf ihn hinab. Als Callahan sich ihm nähern wollte, wies Eddie den Pere mit einer knappen Handbewegung zurück.
Jake betrachtete die Stelle auf der Straße, wo Benny getroffen und getötet worden war. Der Leichnam des Jungen war natürlich abtransportiert worden, und jemand hatte sein vergossenes Blut mit einer frischen Lage des hierzulande als Oggan bezeichneten Lehms bedeckt, aber Jake stellte fest, dass er die dunklen Flecken trotzdem noch sehen konnte. Und Bennys abgerissenen Arm, der mit nach oben gekehrter Handfläche in der Nähe des Toten lag. Jake erinnerte sich daran, wie der Da’ seines Freundes aus dem Mais gestolpert war und seinen Sohn dort hatte liegen sehen. Ungefähr fünf Sekunden lang war er außerstande gewesen, irgendeinen Laut von sich zu geben, und Jake vermutete, in dieser Zeit hätte irgendjemand Sai Slightman mitteilen können, sie seien mit unglaublich leichten Verlusten davongekommen: ein Junge tot, die Frau eines Ranchers tot, ein weiterer Junge mit einem Knöchelbruch. Eigentlich kaum der Rede wert. Aber das hatte niemand getan, und dann hatte Slightman der Ältere zu kreischen angefangen. Jake glaubte zu wissen, dass er dieses Kreischen sein Leben lang nicht mehr vergessen würde, genau wie er stets das Bild vor sich haben würde, wie Benny mit abgerissenem Arm auf der dunklen und blutigen Erde vor ihm lag.
Neben der Stelle, wo Benny gestorben war, lag etwas, was ebenfalls mit etwas Erde bedeckt war. Jake konnte gerade noch ein kleines Stück Metall blinken sehen. Er ließ sich auf ein Knie nieder, scharrte die Erde beiseite und grub eine der »Schnaatze« genannten Todeskugeln der Wölfe aus. Der Aufschrift nach handelte es sich um ein Exemplar des Modells Harry Potter. Gestern hatte er mehrere dieser Kugeln in der Hand gehalten und ihr Vibrieren gespürt. Hatte ihr schwaches, bösartiges Summen vernommen. Die jetzige hier war mausetot. Jake stand auf und warf sie in Richtung des Grabhügels aus Maisstängeln, unter dem die toten Wölfe lagen. Warf sie so fest, dass ihm der Arm wehtat. Morgen würde er wahrscheinlich eine Muskelzerrung spüren, aber das war ihm egal. Auch er hielt nicht viel von Henchicks Rat, sich jeglichen Zorns zu enthalten. Eddie wollte seine Frau zurückhaben; Jake wollte seinen Freund wieder. Während Eddie vielleicht irgendwann jedoch bekommen würde, was er sich wünschte, gab es für Jake Chambers keine Hoffnung. Weil der Tod ein Geschenk für alle Ewigkeit war. Der Tod war wie Diamanten für ewig.
Jake wollte endlich weiter, wollte diesem Teil der Oststraße den Rücken kehren. Er wollte auch Susannahs verlassenen, demolierten Rollstuhl nicht mehr sehen müssen. Aber die Manni hatten einen Kreis um die Stelle gebildet, genau dort, wo der Kampf stattgefunden hatte, und Henchick sprach ungeheuer schnell ein Gebet, und das mit so hoher Stimme, dass sie Jake in den Ohren schmerzte: Sie klang fast so wie das Quieken eines ängstlichen Schweins. Henchick sprach mit etwas, was er das Drüben nannte, und bat es um sicheres Erreichen jener Höhle und Erfolg ihrer Bemühungen ohne Verluste an Leben oder geistiger Gesundheit (diesen Teil von Henchicks Gebet fand Jake besonders beunruhigend, weil er geistige Gesundheit nie für etwas gehalten hatte, worum man beten musste). Der Oberboss bat das Drüben auch, ihre Magneten und Senkbleie zu beleben. Und zuletzt betete er um Kaven, die Beharrlichkeit der Magie – ein Ausdruck, dem diese Leute besondere Kraft beizumessen schienen. Als er damit fertig war, sprachen die Manni im Chor: »Drüben-sam, Drüben-kra, Drüben-can-tah.« Dann ließen sie die ausgestreckten Hände ihrer Nachbarn los, und einige sanken auf die Knie, um ein kleines Extrapalaver mit dem wirklich großen Boss zu halten. Cantab führte inzwischen vier oder fünf der jüngeren Männer zu der Halbkutsche. Als sie deren schneeweißes Dach zurückschlugen, wurden mehrere große Holzkisten sichtbar. Senkbleie und Magneten, wie Jake vermutete – und wesentlich größere als die, die sie bereits um den Hals trugen. Für dieses kleine Abenteuer hatten sie wirklich die schwere Artillerie mitgebracht. Die Kisten waren mit geschnitzten Symbolen verziert – Sterne und Monde und merkwürdige geometrische Formen -, die eher kabbalistisch als christlich wirkten. Andererseits hatte Jake ja keinen Grund, das wurde ihm jetzt klar, die Manni für echte Christen zu halten. Mit ihren Umhängen und Vollbärten und schwarzen Hüten mit runder Krone mochten sie vielleicht wie Quäker oder Amish aussehen, wozu auch ihre altväterliche Ausdrucksweise beitrug, aber soweit Jake informiert war, hatten weder Quäker noch Amish ein Hobby daraus gemacht, andere Welten zu bereisen.

ENDE DER LESEPROBE

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2. AuflageTaschenbucherstausgabe 10/2005
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