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Ein tödliches Praliné. Ein Mordrezept aus viktorianischer Zeit. Eine Ermittlerin, die den Toten zuhört.
Wenn Schokolade zur tödlichen Versuchung wird.
Als Violet Grave in Brightons berühmtem Schokoladenladen Lombardi’s Chocolates ein altes viktorianisches Pralinenrezept probiert, entkommt sie nur knapp dem Tod. Ein anderer Kunde hat weniger Glück: Er stirbt qualvoll an vergifteter Schokolade.
Während die Polizei ermittelt, entdeckt Violet Parallelen zum legendären Fall der „Chocolate-Cream-Mörderin“ aus dem 19. Jahrhundert. Ist ein Nachahmungstäter am Werk? Und was hat die „Schokoladen-Contessa“, die Gründerin des Familienunternehmens, damit zu tun – eine Frau, die seit über achtzig Jahren tot ist?
Dank ihrer besonderen Gabe kann Violet Kontakt zu den Toten aufnehmen. Sie folgt einer Spur von Giftmördern aus Vergangenheit und Gegenwart. Doch je tiefer sie in die dunkle Geschichte von Lombardi’s eintaucht, desto gefährlicher wird es – für sie selbst. Schon bald gerät Violet ins Visier des Killers und der Polizei. Die Zeit läuft: Wird sie den Täter stellen oder selbst einem bittersüßen Tod zum Opfer fallen?
SÜSSES GRAB ist das spannende Prequel zur erfolgreichen Violet-Grave-Mystery-Thriller-Serie um die Grabkünstlerin und Friedhofsenthusiastin Violet Grave – ein Muss für Fans von süßen Verlockungen, viktorianischen Crime-Legenden und übersinnlichen Ermittlerinnen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Felicity Green
Süßes Grab
Ein Violet-Grave-Mystery-Thriller
© Felicity Green, 1. Auflage 2023
www.felicitygreen.com
A. Papenburg-Frey
Schlossbergstr. 1
79798 Jestetten
Umschlaggestaltung: CirceCorp design - Carolina Fiandri
(www.circecorpdesign.com)
Korrektorat: Wolma Krefting, bueropia.de
Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Personen und Handlungen sind frei erfunden oder wurden fiktionalisiert. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
www.felicitygreen.com
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn
Kapitel vierzehn
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Nachwort
In guter Gesundheit dacht ich wenig dran,
dass einmal kommt der Tag,
an dem ich alle Freunde auf Erden verlassen soll,
die ich so gern mag.
Sei gewarnt durch meinen plötzlichen Abruf,
mach dich für den Tod parat,
der Tag wird kommen – du wirst nicht wissen, wann,
wo, wie und auf welche Art.
Übersetzung des Epitaphs auf dem Grabmal von John Sanger, siehe Kapitel 10
Violet Grave brachte ihr Gesicht nah an die Scheibe, um ins Café hineinzublicken.
Es war so neblig an diesem Februartag, dass sie sonst nichts hätte erkennen können.
Doch auch so hatte sie keine Sicht ins Innere, denn die Scheiben waren beschlagen.
Violet fand die Tür, ging hinein und sah sich um.
Cat war nirgends zu sehen.
Ihre Freundin war nicht gerade berühmt für ihre Pünktlichkeit, also beschloss Violet, sich schon mal einen Kaffee zu holen. Sie hatte keine große Lust, draußen in der feuchten Kälte zu stehen, um auf Cat zu warten.
Das Café war proppenvoll und Violet stellte sich in die Schlange vor der Baristabar. Die Preise auf der Tafel über den Espressomaschinen versetzten ihr einen kleinen Schock. Allein ein Cappuccino würde ihr Lebensmittelbudget für den Rest der Woche um die Hälfte schrumpfen lassen. Als sie an der Reihe war, bestellte sie einen kleinen schwarzen Kaffee und schaute gar nicht erst in Richtung der verführerisch duftenden Backwaren im Glasschrank neben der Kasse. »Das wäre alles«, schnitt sie der Frau hinter dem Tresen das Wort ab.
Als sie sich mit ihrer Tasse in der Hand nach einer Sitzgelegenheit umsah, wurde zu ihrem Glück gerade ein kleiner Tisch in der Ecke frei.
Sie eilte hinüber und nahm vorsichtig auf dem kleinen, kalten Metallstuhl Platz, dessen Beine ihr so dünn wir Zahnstocher vorkamen.
Der Kaffee war zugegebenermaßen sehr gut, aber Violet fühlte sich nicht besonders wohl in dem stylischen neuen Café, das von der Sorte war, wie sie in Brighton derzeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Die minimalistische, kühle Einrichtung sagte ihr nicht zu; lieber hätte sie sich in einem gemütlichen alten Sessel entspannt.
Cat hatte den Treffpunkt ausgesucht und es war bezeichnend, dass ihre Freundin besser über die In-Lokalitäten in Brighton Bescheid wusste als Violet, die hier immerhin noch lebte.
Cat hingegen hatte es nach dem Studium beruflich an andere Orte gezogen. Momentan war sie für ein Projekt ihrer Firma in Sussex und hatte spontan das Treffen vorgeschlagen.
Violet nahm noch einen Schluck Kaffee und kramte ihr Handy aus der übergroßen Handtasche, um zu sehen, wie spät es war.
Das Zeichen für eine Sprachnachricht blinkte auf dem Display.
Als sie die Nachricht abhörte und Cats Stimme erklang, wusste Violet schon, was kommen würde. Enttäuschung machte sich in ihr breit.
»Du, Violet, es tut mir entsetzlich leid, aber ich schaffe es leider nicht. Bei der Ausgrabung ist etwas aufgetaucht, und ich komme mit den Formularen und Berichten nicht hinterher. Ich darf mir nicht anmerken lassen, dass ich überfordert bin. Du weißt doch, was für eine unglaubliche Karrieregelegenheit dieser Job für mich ist. Ich muss eben extra hart arbeiten und es leicht aussehen lassen. Stell dir vor, …«
Violet ließ die Nachricht nicht bis zum Ende abspielen und stellte verärgert das Handy aus. Sie wollte nichts mehr hören.
Die Karriere stand bei Cat immer an erster Stelle, und Violet wusste schon, dass ihre Freundin eher skrupellos sein konnte, wenn es um ihren Job ging. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass sich ihrer beider Leben nach dem Studium in unterschiedliche Richtungen entwickelt hatten. Wenn sie ehrlich mit sich war, dann hatten ihre Wertvorstellungen schon immer um Welten auseinandergelegen. Hätten sie nicht gemeinsam etwas Schreckliches durchgestanden und wäre Cat nicht einer der wenigen Menschen, die Violets Geheimnis kannten, dann hätte ihre Freundschaft sicher nicht überdauert.
Cat war eigentlich Violets einzige richtige Freundin. Vielleicht ließ sie ihr deshalb einiges durchgehen, beispielsweise, dass sie sich nur sporadisch meldete und oft nur über ihre eigenen Triumphe und Probleme sprach, statt sich für Violet zu interessieren. Es war auch nicht das erste Mal, dass Cat Violet versetzte.
Doch Violets Nachsichtigkeit hatte ihre Grenzen. Der Ort, an dem Cat gerade arbeitete, war mindestens eine halbe Stunde Autofahrt von Brighton entfernt. Es hätte ihr früher einfallen können, dass sie es nicht zu dem Treffen mit Violet schaffen würde. Die Absage wäre für Violet nicht so schlimm gewesen, wenn sie nicht extra ihre eigene Arbeit unterbrochen, sich bei dem ungemütlichen Wetter zu den South Lanes aufgemacht und Geld für einen überteuerten Kaffee ausgegeben hätte.
Übel gelaunt trank sie den Rest des jetzt bitter schmeckenden Gebräus und stand auf.
Ein Mädchen im Teenie-Alter hatte es so eilig, sich den frei gewordenen Tisch zu schnappen, dass sie Violet beim Verlassen des Cafés anrempelte.
»Hey«, fauchte Violet, als das Mädchen keine Anstalten machte, sich zu entschuldigen.
»Tut mir leid«, sagte der Teenie jetzt in einem Ton, der alles andere als zerknirscht klang.
Violet wandte sich ab, ohne etwas zu entgegnen, hörte aber noch, wie die gleichaltrige Begleitung der Remplerin kichernd sagte: »Die hat es wohl eilig, wieder zu ihrer Gruft zurückzukommen.«
Violet rollte mit den Augen. Sie hatte ein Faible für das viktorianische Zeitalter und trug gerne ungewöhnliche Unikate, die an die Mode des späten neunzehnten Jahrhunderts angelehnt waren, wie das schwarze Kleid aus Samt und Spitze, das sie heute angezogen hatte. Altmodische schwarze Schnürstiefel und ein Vintage-Frackmantel machten ihr Outfit komplett. Mit den wilden schwarzen Haaren und ihrer von Natur aus blassen Haut hatte ihr Look vielleicht etwas Gruftiges. Aber eigentlich fiel so ein Aufzug in ihrer Heimatstadt Brighton nicht auf – hier wurde fröhlich mit Mode experimentiert und Individualität gefeiert.
Doch eben wohl nicht in diesem hypermodernen Café mit einem eingebildeten Publikum, das sich die Preise leisten konnte. Es störte Violet nicht, wenn sie von solchen Menschen schräg angeschaut wurde. Sie konnte den Ort gar nicht schnell genug verlassen.
Draußen zog sie ihren Mantel etwas enger um sich und ging langsam durch die engen Gassen. Der Nebel war immer noch so dicht, dass man leicht mit anderen Passanten zusammenstoßen konnte, wenn man nicht vorsichtig war.
Als Violet um eine Ecke ging, passierte ihr das beinahe, und sie konnte gerade noch ausweichen, indem sie sich gegen ein Schaufenster drückte.
Dabei kam sie nicht umhin, in das Fenster hineinzuschauen.
Es handelte sich ausgerechnet um Lombardi's Chocolates, Brightons bekanntestes eigenständiges Schokoladengeschäft. Das Wasser lief Violet im Mund zusammen, als sie die köstlichen Schokoladenkreationen in der Auslage sah.
Sie dachte schon, sie bildete sich ein, den Duft von Schokolade zu riechen, doch dann sah sie, dass ein Kunde den Laden betreten hatte und die Tür noch offen stand. Ihr Blick fiel auf einen Verkostungstisch, der für Edeltrinkschokolade warb. Eine Verkäuferin schenkte dem Mann, der gerade eingetreten war, dampfenden Kakao in einen kleinen Pappbecher ein. »… probieren Sie gerne …«, drang die Stimme der jungen Frau nach draußen.
Wie magisch angezogen von dem bezaubernden Aroma betrat Violet das Geschäft.
Normalerweise war sie nicht der Typ, der Degustationen schamlos ausnutzte, obwohl sie ganz sicher nicht vorhatte, etwas zu kaufen. Aber so eine tröstlich heiße Schokolade war genau das, was sie jetzt brauchte.
Die Verkäuferin – eine rundliche junge Frau mit roten Haaren – machte es ihr einfach. Sie lächelte Violet an und fragte: »Möchten Sie gerne probieren? Das ist unsere dunkle Trinkschokolade.« Sie zeigte auf eins der Päckchen im Regal hinter ihr. »Sie besteht aus kleinen Perlen Edelkakao mit siebzig Prozent Kakaoanteil, die man in heißer Milch schmelzen lässt.«
Violet nahm dankend den Becher entgegen. Sie schloss die Augen, atmete den Duft ein und trank einen Schluck der cremigen Flüssigkeit. Der Schokoladengeschmack zerging ihr auf der Zunge. Es war genau die richtige Mischung aus süß und bitter. »Herrlich«, hauchte sie.
Da gerade sonst niemand an den Kakaoproben interessiert war, unterhielt sich Violet mit der Verkäuferin über die Herkunft der Schokolade und die fairen Handelsbedingungen, an die sich der Schokoladenproduzent, eine Kleinplantage in Ecuador, hielt.
Dabei fiel ihr das Verhalten des Kunden auf, der vor ihr in den Laden gekommen war. Es war ein drahtiger, kleiner Mann in übergroßem Trenchcoat und mit Baskenmütze. Seinen Pappbecher hatte er irgendwo abgestellt, und er nahm nun scheinbar wahllos Produkte aus den Regalen, nur um sie gleich wieder zurückzulegen. Er wirkte richtig zappelig, bis er vor einem Schild stehen blieb und es für eine Weile anstarrte. Damit zog er auch Violets Aufmerksamkeit darauf und ihr Interesse war sofort geweckt.
Neu: Pralinen nach einem viktorianischen Familienrezept.
Mit Goldfolie beklebte Schachteln, verziert mit einer Schleife aus schwarzer Spitze, waren kunstvoll auf dem kleinen Tisch arrangiert. Daneben stand ein Silbertablett mit Pralinen zum Probieren.
Der Mann stolperte und stieß den Stapel um. Ungeschickt stellte er ein paar Schachteln wieder auf.
Dann nahm er einige Konfektstücke vom Tablett auf einmal und stopfte sie sich in den Mund. Bevor er heruntergeschluckt hatte, griff er schon nach der nächsten Handvoll.
In dem Moment kam ein adrett gekleideter Herr mittleren Alters durch die Tür hinter der Kasse. Seine Augen weiteten sich, als er den Mann das halbe Tablett leer machen sah. Er warf der Verkäuferin, die dem Pralinen-Tisch am nächsten stand, einen bedeutungsvollen Blick zu.
Die junge Frau verließ sofort ihren Posten bei der Trinkschokolade und eilte zu dem Mann hinüber. »Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«, fragte sie, während sie das Tablett zur Seite zog.
Der Mann schien sich keines ungebührlichen Verhaltens bewusst zu sein. »Äh, ja, ja, ich weiß auch nicht.«
Für Violet wirkte er neben der Spur – vielleicht war er betrunken oder hatte Drogen genommen? Auf jeden Fall hatte sie nicht den Eindruck, er hätte dreist das Probierangebot ausgenutzt, sondern eher gedankenabwesend die Pralinen in den Mund gesteckt.
»Ich suche ein Geschenk für eine … ja … ähm … eine Frau. Ich will sie beeindrucken, wissen Sie … es ist wichtig, dass ich alles richtig mache.« Er schwankte, als er fahrig ein paar Schachteln auf dem Tisch verschob.
Die Verkäuferin fing eine geschickt auf, bevor sie zu Boden ging. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen einige Sachen zur Auswahl, dann finden wir sicher etwas.« Sie führte den Kunden zu einem anderen Regal.
Der Herr hinter dem Tresen wirkte erleichtert und kam zum Tisch mit den viktorianischen Pralinen, um wieder alles ordentlich zu arrangieren.
Violet ging zu ihm.
»Entschuldigung, würden Sie mir mehr über diese Schokolade erzählen? Ich bin Expertin für das viktorianische Zeitalter und es interessiert mich sehr, dass es sich um ein Rezept aus dieser Ära handelt.«
»Ah, tatsächlich?« Der Mann schaute sie mit strahlenden Augen an. »Sind Sie Historikerin?«
»Ich habe Geschichte studiert«, sagte Violet etwas verlegen. »Meine Spezialität ist allerdings Grabkunst. Ich werde manchmal als Expertin für Grabikonografie hinzugezogen. Ich stelle auch Grabsteinreproduktionen her. Außerdem habe ich einen Blog zu dem Thema und einen Podcast, Grave Secrets, in dem ich die Geschichten von Personen aus dem Zeitalter aufrolle. Aber die ganze Ära interessiert mich«, beeilte sie sich zu sagen. Violet schämte sich nicht für ihren Beruf – oder ihre Berufung – und stand zu ihrer Faszination für Gräber. Doch sie wusste, dass es manche Leute abstieß.
Doch zu ihrem Glück hatte sie das Interesse des Mannes geweckt. »Faszinierend«, sagte er. »Ich bin übrigens der Besitzer dieses Geschäfts, Alessandro Lombardi. Schön, Sie kennenzulernen.«
»Violet Grave«, stellte sie sich vor und schüttelte seine Hand.
»Ja, ich habe das Rezept erst vor Kurzem gefunden«, begann Mr Lombardi enthusiastisch zu erzählen. »In den Unterlagen meiner Vorfahrin, der Gründerin unseres Familienunternehmens. Sie kam aus der italienischen Schweiz, wissen Sie, die jüngste Tochter einer Schokoladendynastie, die mittlerweile sehr bekannt ist. Die Firma ihres Vaters war damals, in den 1880er-Jahren, Hoflieferant für König Umberto von Italien. Meine Vorfahrin brachte traditionelle Rezepte mit nach England, heiratete einen wohlhabenden Mann aus Brighton – und der Rest ist Geschichte.« Mit einer ausladenden Handbewegung zeigte er auf die Schokoladenkreationen im Laden, offensichtlich sehr stolz auf sein Traditionshaus.
»Wow, okay!« Violet war beeindruckt – nicht nur von der Geschichte und der Schokolade, sondern auch von dem Mann in dem schicken Anzug und den eleganten Tassel-Loafers aus rostrotem Leder. Die grauen Schläfen in den vollen dunklen Haaren ließen ihn nicht alt wirken, sondern machten ihn nur noch attraktiver, musste Violet zugeben. Nicht dass sie in romantischer Hinsicht an ihm interessiert gewesen wäre – dennoch genoss sie den italienischen Charme, den er versprühte.
Einer gerade hereingekommenen Kundin mittleren Alters erging es offensichtlich ebenso. Sie hatte mit angehört, was Mr Lombardi erzählte, und schaute ihn bewundernd an. »Darf ich vielleicht mal probieren?«, fragte sie. Ihre Wangen färbten sich rosa.
Mr Lombardi hielt ihr lächelnd das Silbertablett hin. »Sehr gerne.«
Violet trat zur Seite, damit sich die Frau eine Praline nehmen konnte.
Mr Lombardi berichtete, dass seine Schwester eine Kiste mit alten Unterlagen und Briefen auf dem Dachboden aufgestöbert hatte. Das war Musik in Violets Ohren, denn es gab für sie nicht viel Erfüllenderes, als einen solchen historischen Schatz zu entdecken. Der Fund interessierte sie in diesem Augenblick mehr als die verführerische Auslage, und sie hing an Mr Lombardis Lippen. Er erzählte ihr, wie er eben dieses Rezept zwischen den Unterlagen gefunden hatte. »Unsere berühmtesten Pralinen sind ja mit edlen Haselnüssen gemacht, einer Art Nougat nach italienischem Traditionsrezept. Aber hier haben wir einen piemontesischen Haselnusslikör in dunkler Schokolade. Ein ungewöhnliches Rezept für seine Zeit und ich möchte sagen, Pionierarbeit meiner Vorfahrin, der Schokoladen-Contessa.«
Das laute Geräusch der zuschlagenden Tür riss Violet aus ihrem Bann. Sie schaute zum Eingang und merkte, dass die andere Kundin fluchtartig den Laden verlassen haben musste. Es kam ihr merkwürdig vor, denn sie hätte schwören können, dass sich die Dame gerne noch länger in Gegenwart von Mr Lombardi aufgehalten hätte. Vielleicht hatte ihr die Praline nicht geschmeckt?
In diesem Moment fragte der Chocolatier sie, ob sie nicht auch ein Stück kosten wolle.
»Eigentlich sehr gerne. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich wenig Geld dabei habe … und eigentlich kein Budget für solche Luxusprodukte. Ich hab schon die leckere Trinkschokolade probiert und fühle mich etwas schuldig. Bevor ich etwas kaufe, müsste ich erst einmal zur Bank und meinen Kontostand checken.«
»Das ist doch kein Problem.« Mr Lombardi schenkte ihr ein ehrliches Lächeln. »Sie sind zu keinem Kauf verpflichtet.« Er war im Begriff, das Tablett in die Hand zu nehmen, hielt dann jedoch inne. »Einen Moment, ich fülle es noch auf.«
Sein tadelnder Blick ging in Richtung des drahtigen Mannes, der jetzt an der Kasse stand. Immerhin hatte er wohl etwas gekauft. Er nahm die kleine Tüte entgegen, die ihm die Verkäuferin reichte. Seine Hände zitterten.
Als er den Laden verließ, fing er am ganzen Körper an zu zucken. Er hatte Schwierigkeiten, die Tür zu öffnen.
Die Verkäuferin eilte zu ihm und half ihm. »Sind Sie okay?«, fragte sie besorgt.
Doch der Mann entgegnete nichts und ging einfach. Die Verkäuferin hob ratlos die Schultern und kehrte zum Tresen zurück. Etwas schien mit der Kasse nicht in Ordnung zu sein, denn sie piepte.
»Äh, Alessandro …«, sagte sie.
Der Ladenbesitzer lächelte Violet an und zeigte auf das Tablett. »Bitte, bedienen Sie sich.« Dann ging er hinter den Tresen, um seiner Angestellten zu helfen.
Voller Vorfreude nahm Violet eine der runden Pralinen vom Tablett. Die Ummantelung bestand aus dunkler Schokolade, verziert mit etwas Haselnusskrokant. Sie steckte sie sich in den Mund, bereit, sich die schmelzende Köstlichkeit auf der Zunge zergehen zu lassen.
Doch stattdessen machte sich sofort ein sehr bitterer Geschmack bemerkbar.
Es war so schrecklich, dass Violet sich außerstande fühlte, den Bissen hinunterzuschlucken.
Panisch winkte sie in Richtung Kasse und stürzte aus dem Laden. Sie hoffte, dass es nicht zu unhöflich wirkte. Aber sie hatte ja gesagt, sie müsste zum Bankautomaten, bevor sie etwas kaufen konnte, und Mr Lombardi würde eventuell annehmen, dass sie deshalb so schnell das Geschäft verließ.
Der bittere Geschmack war mittlerweile so unerträglich, dass Violet anfing zu würgen. Sie stolperte um die Ecke und spuckte sofort alles aus, was sie im Mund hatte. Ungestüm wühlte Violet in ihrer Handtasche auf der Suche nach der Wasserflasche, die sie immer dabei hatte, und spülte sich gründlich den Mund aus.
Nun kam ihr der dichte Nebel gerade recht – hoffentlich beobachtete sie niemand. Als es ihr etwas besser ging, sich ihr Atem beruhigt und sie sich die Tränen aus den Augen gewischt hatte, sah sie sich um. Nein, da war niemand in ihrer Nähe, der sie anstarrte. Alles, was sie erblicken konnte, war eine andere ausgespuckte Praline, etwas rechts von ihr.
Ihr fiel jene Kundin ein, die vor ihr die Spezialität probiert hatte. Bestimmt war es ihr genauso ergangen wie Violet.
Angewidert und leicht benommen wandte Violet sich ab. Sie stolperte weiter, hielt erneut an und atmete tief durch, um sich zu sammeln.
Violet wollte nur noch nach Hause, aber sie brauchte einen Moment, um sich im Nebel zu orientieren.
Gerade, als sie die ersten Schritte in die richtige Richtung getan hatte, hörte sie einen markerschütternden Schrei.
Violet drehte sich einmal um sich selbst und folgte dann den Schreien in die Richtung, aus der sie sie zu hören glaubte.
Vor ihr lag der Eingang zu einer der sehr engen Gassen, die man in der Region »Twitten« nannte. Auf einer Seite waren die Rückwände von Reihenhäusern, auf der anderen die winzigen Vorgärten und Eingangstüren einer weiteren Reihe schmaler Cottages.
Diese Umgebung lag zu diesem Zeitpunkt allerdings im Nebel, und Violet konnte lediglich erkennen, dass ein paar Meter vor ihr jemand von einer anderen Person zu Boden gezogen wurde.
Violet rannte dorthin.
Die Person, die schrie, war eine Frau. Violet nahm an, dass sie angegriffen wurde, und wollte ihr helfen.
Doch dann sah sie, dass die Gestalt auf dem Boden ein Mann war, der offensichtlich Schmerzen hatte. Er zuckte, als ob er unter einem Anfall litt.
Violet griff nach der Hand, die sich um den Arm der Frau verkrampft hatte. »Er will Ihnen nichts Böses, er braucht Hilfe«, rief sie mehrmals, bis sie zu der Frau durchdrang.
Die hörte endlich auf zu schreien und sich zu wehren, sodass es Violet gelang, den Mann von ihr loszumachen.
Als sie ihre Aufmerksamkeit auf das Gesicht des Mannes richten konnte, bekam Violet einen Schreck.
Es war der zappelige Kunde aus Lombardi's Chocolates. Er lag völlig schlaff da, nachdem er den letzten Krampfanfall überstanden hatte. Er keuchte und war ganz rot im Gesicht.
»Rufen Sie den Rettungswagen«, schrie Violet der Frau zu. Die stand geschockt und mit weit aufgerissenen Augen neben ihr und rührte sich nicht.
Violet suchte hektisch nach ihrem Handy in der großen Tasche und verfluchte, dass sie so viel darin herumtrug. Es kam ihr wie eine halbe Ewigkeit vor, bis sie es endlich gefunden hatte.
Zwei Männer tauchten aus dem nächsten Vorgarten auf – offensichtlich hatten sie endlich mitbekommen, dass vor ihrer Haustür etwas Schreckliches vorgefallen war. »Was ist los?«, fragte einer.
Violet hielt ihm das Handy hin. Er würde die genaue Adresse wissen, wo sie sich aufhielten. »Rufen Sie schnell einen Rettungswagen. Der Mann muss ins Krankenhaus.«
Der Anwohner zögerte nicht und tat wie gebeten. Erleichtert darüber, Unterstützung zu haben, wandte sich Violet dem Mann zu. Sie wusste nicht, ob sie etwas für ihn tun konnte. Panisch versuchte sie sich an den Erste-Hilfe-Kurs zu erinnern, den sie vor sehr langer Zeit gemacht hatte, aber ihr wollte nichts mehr einfallen.
»Kennt sich hier jemand mit epileptischen Anfällen aus?«, rief sie. Zumindest vermutete sie, dass es sich um so etwas handelte. Doch dann sah sie das Erbrochene auf der heruntergefallenen Baskenmütze des Mannes. Ein bitterer Geruch stieg ihr in die Nase und sie musste würgen.
Bevor sie dem Mann am Telefon etwas von den Pralinen sagen konnte, fing der Kranke wieder an zu zucken. Der Anfall wurde schnell so heftig, dass sich sein Körper richtig vom Boden abhob.
Violet wusste nicht, was sie tun sollte, und konnte nur völlig bestürzt zusehen. Den anderen drei Personen neben ihr schien es genauso zu ergehen, denn keiner bewegte sich.
Der Rücken des Mannes drückte sich so stark durch, dass er für einen Moment nur mit dem Hinterkopf und mit den Fersen den Boden zu berühren schien, wie bei einer bizarren Gymnastikübung.
Violet hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wusste nicht, ob der letzte Anfall des Mannes besonders lang gedauert hatte oder ob die Rettungssanitäter besonders schnell zur Stelle waren. Auf jeden Fall war die Twitten auf einmal voll mit Menschen.
Der Mann bewegte sich nicht mehr, war in grotesk verbogener Position erstarrt. Am schlimmsten aber war, dass auch seine Gesichtsmuskeln im Todeskrampf wie eingefroren schienen.
Den schrecklichen Ausdruck würde Violet nie im Leben wieder vergessen – es sah aus, als würde er auf eine sardonische Art grinsen.
Violet wusste, man nannte es sogar Teufelsgrinsen oder auch Risus sardonicus.
Ihr war es bei ihren historischen Recherchen öfter untergekommen.
Violet wurde schlecht, als sie mit einem Mal verstand, was dem Mann widerfahren war.
Sie packte einen Rettungssanitäter am Arm. »Strychnin«, keuchte sie. »Er wurde mit Strychnin vergiftet.« Mit zitterndem Finger zeigte sie auf die Einkaufstasche mit dem Logo von Lombardi's Chocolates, die neben ihm auf dem Boden lag. »Pralinen aus dem Laden«, stammelte sie. »Strychnin …«
Violet wurde schwindlig. Der Sanitäter konnte sie gerade noch halten, bevor sie zusammensackte. Eine Art Prickeln breitete sich auf ihrem ganzen Körper aus. »Ich auch …« Ihr wurde kurz schwarz vor Augen.
Die Fragen, die der Sanitäter ihr stellte, drangen kaum zu ihr durch. Sie riss die Lider auf und suchte seinen Blick. »Ich hab sie auch gegessen«, brachte sie gerade noch so heraus, bevor sie bewusstlos wurde.
Als Violet wieder aufwachte, war sie im Krankenhaus.
Sie fühlte sich wie zerschlagen und hatte keinen Appetit; besonders nicht auf die Krankenhauskost, die ihr serviert wurde.
Ungeduldig wartete sie darauf, dass der zuständige Arzt kam, um ihr den Verdacht zu bestätigen, was mit ihr passiert war.
Die Krankenpfleger waren schon sichtlich genervt, da sie ständig nachfragte, als Dr. Flaherty endlich ins Zimmer kam.
»Wie geht es Ihnen, Miss Grave?«
Violet winkte ab und bat ihn, gleich zur Sache zu kommen.
Tatsächlich hatte sie eine Strychninvergiftung gehabt und war im Krankenhaus angekommen, gerade als die ersten Symptome sich bemerkbar machten. Dass sie das Bewusstsein verloren hatte, war untypisch – der Arzt nahm an, dass der Grund dafür Schock und Stress waren. Strychnin, so erklärte Dr. Flaherty, wirkt sich auf das zentrale Nervensystem aus. Die Übererregung der Rückenmarksnerven hat Auswirkungen wie Zittern und Zucken der Muskeln, meist führt es zu Übelkeit und Erbrechen. Nach einer Weile verkrampfen die Muskeln und es kommt zu regelrechten Konvulsionen und Atemnot – so wie Violet es bei dem Kunden aus dem Schokoladenladen erlebt hatte. Die Überstimulierung der Nerven bewirkt, dass man alles verstärkt wahrnimmt, sodass die Überreizung sich weiter steigert.
Eine Gegenmaßnahme bei Strychninvergiftungen war es daher, das Opfer so wenigen Reizen wie möglich auszusetzen, es zum Beispiel in einen abgedunkelten Raum zu legen. Dadurch, dass Violet kurz ohnmächtig geworden war, hatte sie sich quasi selbst in einen solchen Zustand versetzt, welcher durch die Behandlung mit Benzodiazepin weiter verlängert worden war. So war es bei ihr gar nicht zu schlimmeren Vergiftungserscheinungen gekommen.
»Wir gehen sowieso davon aus, dass Sie nur sehr wenig Strychnin zu sich genommen haben. Genaueres kann ich Ihnen sagen, wenn die Auswertungen eines ausführlichen Tests kommen, den ich angeordnet habe.«
Violet erzählte von der Praline mit dem unangenehm bitteren Geschmack, die sie ausgespuckt hatte.
Der Arzt meinte: »Schlimme orale Strychninvergiftungen sind Gott sei Dank selten, denn es gibt eigentlich nichts, das den Geschmack verstecken kann. Auch bei einer großen Verdünnung ist er noch wahrnehmbar. Ich hatte schon seit Jahren keine Fälle mehr, was auch damit zusammenhängt, dass der Handel mit Strychnin in Großbritannien mittlerweile verboten ist. Hier im Handel erhältliche Mittel zur Schädlingsbekämpfung – wie gegen Ratten oder Maulwürfe – enthalten kein Strychnin mehr. Warum ahnten Sie, dass es eine Strychninvergiftung war?«
»Ich bin so etwas wie eine Expertin für das viktorianische Zeitalter«, erklärte Violet. »Der Mann, der sich im Laden die Pralinen in den Mund gestopft hatte, war so verkrampft, dass sich sein Rücken ganz stark durchbog. Außerdem hatte er, als er starb, das sogenannte Teufelsgrinsen.«
Dr. Flaherty nickte. »Das entsteht durch das Krampfen der Gesichtsmuskulatur, was auch ein Symptom bei einem tödlichen Tetanus-Verlauf ist. Im neunzehnten Jahrhundert war Strychnin ja nicht nur bei Apothekern als Gift zur Schädlingsbekämpfung erhältlich, sondern auch noch Bestandteil in kosmetischen Produkten und sogar in Medikamenten.« Er schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Da kann man bloß froh sein, wie weit sich die Medizin seitdem entwickelt hat.«
»Es stimmt, dass Strychnin und andere Gifte im viktorianischen Zeitalter noch weit verbreitet waren. Ich wusste allerdings nicht, dass man Strychnin heutzutage fast gar nicht mehr bekommen kann.« Sie runzelte die Stirn. »Woher, meinen Sie, stammt das Gift in den Pralinen?«
Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Das ist eine Sache für die Polizei. Die übrigens auch schon hier ist und ungeduldig darauf wartet, dass ich die Erlaubnis gebe, mit Ihnen zu sprechen. Ihre Werte sind in Ordnung, aber fühlen Sie sich wohl genug?«