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Was sind das für seltsame Wahrnehmungen, die aus anderen Welten zu kommen scheinen. Spiegeln diese eine für unsere Sinne zwar unsichtbare, dennoch reale Welt wider oder sind es nur Produkte unseres Gehirns? Gibt es den Himmel und die Hölle wirklich oder sind es nur Fantasien? Mit diesen und anderen (weltanschaulichen, philosophischen, psychologischen) Fragen muss sich die Autorin des Tagebuchs aufgrund ihrer Erlebnisse auseinandersetzen, um im Leben bestehen zu können. Das Tagebuch führt den Leser in das Erleben einer hochsensiblen Jugendlichen, die mit intuitiven Fähigkeiten begabt ist. Sie muss sich nicht nur mit einem sozialen Umfeld (in der damaligen DDR) auseinandersetzen, in dem Anderssein nicht akzeptiert wurde, sondern auch mit einem intensiven Innenleben, unsichtbaren Welten bzw. außergewöhnlichen Wahrnehmungen. Das Tagebuch offenbart, wie schwierig es ist, mit sehr viel mehr und subtileren Wahrnehmungen umgehen zu müssen, als normal ist, zu erkennen, was real ist und was nicht, vor allem wenn man seine Erfahrungen verschweigen muss, um nicht als verrückt erklärt zu werden. Damals konnte die Jugendliche sich nicht offenbaren. Vielleicht findet sie heute Menschen, die sie vorbehaltlos verstehen wollen. Das hätte sie sehr gefreut. Das weiß ich.
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Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das Leben ist eine große Suche: Die Suche nach sich selbst und den Sinn des Lebens.
VORWORT
(von A. C. Friedrich)
EINLEITUNG
ARTISTENSCHULE
Ein Freund
Training und Internat
Trägheit
Zigeunerleben
Eigene Wege
ZU HAUSE
Gestrandet
Im Hotel
Vampire und Dämonen
Ein neuer Morgen
In der Gärtnerei
Mensch und Natur
Der Eid
BERUFSAUSBILDUNG (Teil I)
Neue Eindrücke
Klassenwechsel
Theorie und Praxis
Die Funktion
Die Musikprüfung
Weihnachtsferien
Schlafmangel
Gute Nachrichten
BERUFSAUSBILDUNG (Teil II)
Ungarn und Ostsee
Zwänge
Träume
Abschied vom LWH
Glücksgefühle
Krank
Weckruf
Wieder im LWH
Mauern und Freiheit
Mona
Absturz
Die letzte Hürde
Nachtwache und Prüfung
Noch eine Hürde
Eine himmlische Erfahrung
ABF HALLE
Die Tagung
Eliteleben
Eine fremde Welt
Geborgenheit
Geistige Enge
Zweifel
Wandlung
Leidensgefährten
Halbzeit
Fehler
Frühlingserwachen
Ostern
Die innere Stimme
Die Entscheidung
Abschied
Rückblick
Das Leben
Ich möchte in die Welt hinaus wandern und das Leben suchen in den Seelen anderer Menschen.
Es gab zu allen Zeiten Menschen, welche die Fähigkeit besaßen mehr wahrzunehmen als „normal“ ist. Es waren (Männer und Frauen), die als Schamanen, Heiler, Seher, spirituelle Lehrer ... anerkannt wurden. Oder sie wurden als Ketzer und Hexen verschrien, verfolgt, gefoltert und oftmals getötet.
Zwar werden in der heutigen Zeit Menschen, die anders sind, nicht mehr aufgrund ihrer Fähigkeiten verfolgt und getötet. Aber es gibt nach wie vor Vorurteile, die dazu führen, dass Menschen, die ungewöhnliche Fähigkeiten besitzen (zum Beispiel über eine subtilere Wahrnehmung verfügen), ausgegrenzt, gemobbt oder sogar als krank bezeichnet werden. Sie werden nicht mehr als Hexen oder Ketzer bezeichnet, aber nicht selten als Spinner oder Verrückte, sogar als wahnsinnig usw.
Eine Grundlage dieser Urteile sind (neben Unkenntnis und sonstigen Vorurteilen) philosophische Postulate der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, zum Beispiel, dass nur das existiert bzw. real ist, was der Mensch mit seinen Sinnen wahrnehmen kann. Aber ist das wirklich so? Was weiß die Wissenschaft über das (vielschichtige) Universum und den Menschen, um das mit Sicherheit behaupten zu können?
Die Naturwissenschaft ist in der Erforschung der Materie und deren Energien sehr weit vorangeschritten. Sie kann in unfassbare Weiten des Kosmos schauen und ebenso in die Tiefen des Mikrokosmos. Aber was weiß sie über die immateriellen (dunklen) Substanzen und Energien? Was weiß sie wirklich über den Ursprung des Lebens, über seine Eigenschaften, Erscheinungs- und Wirkungsweisen im Kosmos, in der Natur und im Menschen?
In der Kosmologie wurde entdeckt, dass der materielle Kosmos nur einen (sehr geringen) Teil des Universums ausmacht (etwa 4%). Es existiert also sehr viel mehr als die materielle Welt, die wir (und das auch nur teilweise) mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen können.
Zu dieser Schlussfolgerung gelangt man auch, wenn die Erkenntnisse in der Quantenphysik, vor allem aber in der Biologie und Psychologie unvoreingenommen (ohne ihr einengendes materialistisches, positivistisches Weltbild) betrachtet werden.
Es gibt demnach keine naturwissenschaftlichen Beweise für die Behauptung, dass nur die materielle Welt real ist und der Mensch nur fähig ist mit seinen Sinnesorganen die Realität wahrzunehmen. Es ist lediglich ein Weltbild, das derartige Behauptungen aufstellt. Es bezeichnet sich als naturwissenschaftlich, lässt jedoch nur Erkenntnisse zu, die diesem Weltbild (das sich im 19./ 20. Jahrhundert entwickelte) entsprechen bzw. interpretiert sie in seinem Sinne und ignoriert das, was nicht in das Weltbild passt. Das hat mit echter Wissenschaft nichts zu tun.
Es sind unsere Weltbilder, die bestimmen, was wir als „wahr“ annehmen und wie wir urteilen. Dies gilt es zu bedenken, denn es hat einen entscheidenden Einfluss auf unser persönliches Leben (ob wir leiden oder unser Leid überwinden können) und auf die kollektive Entwicklung der Menschheit (unter anderem auf die selbstgesteckten Grenzen in der Wissenschaft und darauf, ob wir Kriege führen und sogar unseren Planeten zerstören oder ob wir es verhindern wollen und können).
Nur durch vorbehaltlose Erkenntnis können Vorurteile überwunden werden. Es geht dabei auch um Fragen wie: Was von dem, was ich glaube, ist wirklich wahr und was sind weltanschauliche, kulturelle Postulate? Was von dem, was ich wahrnehme, ist wirklich real und was sind Illusionen, Täuschungen oder sogar Wahnvorstellungen? Insbesondere die letzte Frage, die Frage danach, was von dem Wahrgenommenen real existiert und was Illusionen bzw. nur Einbildungen sind, spielt im „Tagebuch einer Seele“ eine wesentliche Rolle.
In diesem „Tagebuch“ schreibt eine Jugendliche, die mit intuitiven Fähigkeiten begabt ist, über ihre inneren und äußeren Erlebnisse. So erfährt der Leser einiges über ihr einengendes soziales Umfeld (in der damaligen DDR), in dem „Anderssein“ nicht akzeptiert wurde. Man musste sich anpassen oder ging unter.
Zu den Herausforderungen im alltäglichen Leben, die oftmals durch Unverständnis in ihrem Umfeld und durch geistige Unterforderung erzeugt wurden, kam noch ein intensives Innenleben dazu. So erfahren wir in diesem Tagebuch auch einiges über unsichtbare Welten, die mit der normalen Realität nichts zu tun haben oder etwa doch?
Das „Tagebuch einer Seele“ offenbart, wie schwierig es ist mit außersinnlichen Wahrnehmungen umzugehen, zu erkennen, was wirklich existiert und was nicht, vor allem wenn man niemanden hat, mit dem man darüber reden kann, wenn man seine Wahrnehmungen verschweigen muss, um nicht als verrückt erklärt zu werden.
Auch wenn die politisch- ideologische Situation in der damaligen DDR das Leben von Menschen, die „anders“ sind, offenbar zusätzlich erschwert hat, hat sich meines Erachtens nicht allzu viel geändert. Es gibt nach wie vor Vorurteile, die das Leben von Menschen, die nicht in die Norm passen, erschweren oder sogar extrem belasten.
So wird bereits Kindern Nichtnormalität bescheinigt, wie zum Beispiel ADHS, weil sie zu lebhaft, unkonzentriert oder allgemein unangepasst sind.
Dabei sind sie nur anders, mitunter zu intelligent, um in der Schule dem normalen Unterricht konzentriert folgen zu können.
Kinder, die zu still sind und zu viel träumen, erhalten den Stempel ADS und wenn sie zu viel fantasieren und mehr wahrnehmen, als es „normal“ ist, wird ihnen sogar eine psychische Erkrankung bescheinigt.
Durch das oftmals nach wie vor fehlende Verständnis, was ungewöhnliche Veranlagungen betrifft (selbst bzw. gerade in der Pädagogik, Psychologie und Psychiatrie), können betroffene Menschen psychisch extrem belastet werden. Das kann dann zu psychischen Einbrüchen und/ oder psychosomatischen Erkrankungen führen. Nicht die Veranlagung eines Menschen ist Ursache für psychische Probleme, sondern der Umgang damit.
Es gibt inzwischen mehr Toleranz, was das „Anderssein“ betrifft, und vor allem Literatur, die aufklärt (z.B. über Hochsensibilität). Es hilft betroffenen Menschen zu sich zu stehen und sich gegen Ausgrenzungen zu wehren.
Es wäre jedoch besser, wenn Anderssein allgemein als etwas Normales anerkannt werden würde, anstatt es wegtherapieren zu wollen.
A. C. Friedrich
Ach, warum lasset ihr mir nicht mein verrücktes Leben? Ich kann nicht anders! Also wundert euch, aber lasset mich! Ich bin nun mal etwas anders als das, was ihr normal nennt. Bin ich deswegen schlechter? Nur ein wenig naiver. Aber was macht das schon?
Schon als Kind hatte ich unendlich viele Fragen. Mein Kopf war voller Gedanken und Fantasien, die weit über das Alltägliche hinausgingen. Da sich in meinem Umfeld niemand dafür interessierte, war ich gern allein, um mich mit dem, was auf mich einströmte, auseinandersetzen zu können.
Am liebsten war ich in der Natur. Dort fühlte ich mich angenommen und geborgen. Der Natur konnte ich alles anvertrauen und bekam Antworten, die vieles erklärten.
Nach der 10. Klasse begann ich eine Ausbildung an der Artistenschule in Berlin. Das Training machte Spaß und ich kam auch mit den anderen in der Trainingsgruppe gut aus. Aber mir fehlten meine Freiheit und die Natur. Mir fehlten meine geliebten Pferde. Vor allem fehlte mir geistige Nahrung, was ich erst viel zu spät bemerkte.
Da ich nun fast den ganzen Tag mit anderen zusammen war und mich ihrer (Gedanken-) Welt anpassen musste, fehlte mir die Zeit für meine eigene Gedankenwelt. Das erzeugte zum ersten Mal in meinem Leben eine innere Leere. Dazu kamen innere Spannungen und Konflikte, weil ich mich ständig selbst unterdrücken musste. Ich wollte nicht, dass jemand merkt, dass ich anders bin. Das kostete sehr viel Kraft. Dennoch merkten die Trainer und vor allem der Leiter der Schule, dass ich nicht so war, wie sie sich eine Zirkusartistin vorstellten.
Nach sieben Monaten musste ich die Ausbildung an der Artistenschule beenden.
Zu Hause angekommen, wuchs in mir eine dunkle Leere. Ich hasste mich, weil ich nicht normal war, nicht so sein konnte wie andere. Zudem fühlte ich mich als Versager, weil ich die Ausbildung nicht geschafft hatte, aber auch, weil ich diese inneren Konflikte hatte, diese Leere spürte und nichts dagegen tun konnte.
Nach einiger Zeit fiel ich in ein tiefes psychisches Loch. Ich machte Bekanntschaft mit Vampiren und Dämonen und es begann ein Kampf gegen Wahnsinn und Tod.
Zum Glück verschloss sich der Abgrund wieder und die dämonischen Kräfte verloren ihre bedrohliche Macht. Es war dennoch nichts mehr wie es früher war.
Noch jahrelang litt ich unter psychischen Belastungen, durchlebte mitunter heftige Krisen, musste gegen innere Leere, Lethargie und Depressionen kämpfen. Ich gab mir immer selbst die Schuld, dachte, dass ich einfach nur zu schwach bin, um ein normales Leben zu führen.
Heute ist mir bewusst, dass es nicht darum ging, dass mit mir irgendetwas nicht stimmte, sondern dass die äußeren Lebensumstände ungünstig für mich waren. Ich musste meine Fähigkeiten unterdrücken, mich selbst verleugnen und nach den Erwartungen anderer funktionieren, mich ihren Vorstellungen anpassen und das erzeugt nun mal psychische Belastungen oder sogar Krisen.
Wirkliche Hilfe kann es nur geben, wenn die Ursachen verstanden werden. Es bedeutet, den Menschen in seiner Veranlagung ernst zu nehmen, ihn in seiner Entwicklung zu unterstützen, anstatt ihn in vorgegebene Normen bzw. Vorstellungen hineinpressen zu wollen.
Zum Glück begann ich an der Artistenschule mit dem Tagebuchschreiben. Zum ersten Mal konnte ich meine Gedanken äußern und mich somit auf einer neuen Ebene damit auseinandersetzen. Das Schreiben verband mich mit mir selbst. Es half mir, mich selbst und mein Umfeld besser zu erkennen und zu verstehen. Es holte mich aus sozialen Abhängigkeiten und Verwicklungen heraus.
Es half mir durch schwierige Zeiten und begleitete mich bei wunderbaren Erlebnissen.
Das Tagebuchschreiben war eine Möglichkeit, sich nach außen zu öffnen, ohne mit verständnislosen, destruktiven Reaktionen anderer konfrontiert zu werden, die aufgrund von Unverständnis und auch Vorurteilen unvermeidlich waren.
Das Tagebuch wurde zu meinem besten Freund, dem ich alles anvertrauen konnte.
Inzwischen sind einige Jahrzehnte vergangen und es ist viel passiert. Die geistige Enge in den Mauern der DDR ist vorbei. Endlich wurde es möglich sich vorbehaltloser zu äußern und sich vielfältiger zu informieren.
Erst nach dem Mauerfall wurde mir bewusst, wie sehr wir in der DDR geistig unterdrückt wurden. Mich störte damals nicht, dass wir nicht in den Westen reisen durften oder nicht den Konsum hatten. Mich störte diese geistige Enge, in der nur bestimmte Ansichten und Informationen zugelassen wurden und es geradezu verboten war, anders zu sein als erwünscht war bzw. sogar anders zu denken als vorgegeben wurde. Das ist zum Glück Geschichte.
Dennoch, trotz der Vielfalt an Informationen (geistiger Nahrung) und (Entwicklungs-) Möglichkeiten, die in der „westlichen Welt“ gegeben sind, gibt es auch weiterhin Vorbehalte gegenüber Menschen, die anders sind. Es ist nach wie vor schwierig wirklich ehrlich zu sein, weil es noch immer an Verständnis fehlt.
Das (und weiteres) hat mich bewogen, das „Tagebuch“ zu veröffentlichen und die darin eingefangene Seele zu befreien.
Damals, in der DDR, konnte sie sich nicht offenbaren. Vielleicht findet sie heute Menschen, denen es ähnlich geht und sie kann ihnen Mut machen.
Vielleicht findet sie Menschen, die über das Alltägliche hinausdenken und Menschen, die anders sind, verstehen wollen, auch wenn sie nicht „betroffen“ sind. Vielleicht inspiriert sie den ein oder anderen, regt zum Nachdenken an. Das hätte sie sehr glücklich gemacht. Das weiß ich.
Viel Spaß beim Lesen wünscht
Nora Seelig
(Januar – März 1978)
Der wahre Reichtum eines Menschen liegt in ihm selbst verborgen, in seinen Fähigkeiten und seiner Schöpferkraft. Wird der innere Reichtum eines Menschen unterdrückt, ist das äußere Leben trostlos und unerfüllt, unabhängig davon, wie gut es einem ansonsten geht.
Gestern beim Spaziergang durch die Schönhauser Allee sah ich dieses Tagebuch im Schaufenster. Es zog meinen Blick magisch an und ich musste es kauften. Nun sehen mich die noch leeren Seiten erwartungsvoll an und ich überlege schon eine Weile, was ich schreiben könnte.
Es sind so viele Gedanken in meinem Kopf. Sie suchen schon lange nach einem Ausweg, wollen befreit werden. Ich kann mit niemandem darüber reden, was ich denke. Sie würden mich alle nur verständnislos ansehen, als ob ich aus einer fremden Welt komme oder nicht ganz dicht bin. Also schweige ich. Aber irgendwie will ich das, was ich denke und fühle, auch herauslassen.
Schon als ich diese wenigen Worte schrieb, habe ich ein seltsames Gefühl bekommen. Es ist, als ob ich durch das Schreiben irgendwie mit mir selbst verbunden bin. Ich fühle den Augenblick des Jetzt- Seins. Jetzt bin ich hier. Jetzt lebe ich in dieser Welt. Ich kann sie erfahren, mir Gedanken über sie machen. Ich will alles verstehen und das Schreiben hilft mir dabei.
Ich spüre, dass das Tagebuchschreiben wichtig ist, denn wie schnell vertreibt die Eintönigkeit im Alltag Wünsche und wahre Bedürfnisse. Außerdem ist es gut, wenigstens einige Erlebnisse und Gedanken festzuhalten, damit die Zeit mir nicht alles stehlen kann und ich später nachlesen kann, womit ich mich beschäftigt habe.
Die Erinnerung an schon vergessene Wünsche, Träume und Erlebnisse kann mir vielleicht helfen, leblose Zeiten zu ertragen und wieder Sinn im Leben zu finden.
Außerdem tut es so gut, die Gedanken herausfließen zu lassen. Es ist, als ob ich nun einen Freund habe, dem ich alles anvertrauen kann und der mich versteht. Was für ein wunderbares Gefühl!
Gestern vor dem Einschlafen hatte ich noch unendlich viele Ideen, die ich aufschreiben wollte. Deshalb war ich noch lange wach, während die anderen längst schliefen. Heute früh weckte mich (wie üblich) das Geschnatter meiner Mitbewohnerinnen. Erst beim Training wurde ich langsam wach. (Man sollte in „Tempo“ wirklich wach sein, wenn man beim Flickflack und Salto springen nicht stürzen will.)
Auf dem Weg ins Internat * verschwand das, was ich im Training erlebte, aus meinem Sinn und ich tauchte in meine eigene Gedankenwelt ein. Das passiert von selbst, sobald ich allein bin und entspannen kann. Aber als ich im Internat ankam, war das, worüber ich auf dem Weg nachdachte, vergessen. Es ist so, wie man einen Traum vergisst, sobald man aufwacht und an die Pflichten des Tages denkt. Dabei wollte ich es mir unbedingt merken, wiederholte sogar einige Themen immer wieder, um sie nicht zu vergessen. Aber jetzt, wo ich sie aufschreiben könnte, ist alles weg und mein Kopf ziemlich leer.
Worüber also soll ich schreiben? Der Alltag ist ziemlich eintönig. Es passiert hier nicht besonders viel, schon gar nichts, worüber es sich wirklich lohnt zu schreiben. Das macht mich ziemlich fertig. Ich würde so gern jeden Tag etwas Neues erleben, wenigstens mit noch mehr Dingen beschäftigt sein. Aber außer den zwei mal zwei Stunden Training am Tag passiert hier nichts.
Das Training macht schon Spaß. Wir haben Unterricht in Äquilibristik, Ballett, Tempo, Jonglieren, Drahtseil und Trapez.
* Zwischen 10:00 und 12:00Uhr sowie nach 14:00 Uhr habe ich frei, da ich nicht zum Schulunterricht muss.
In Tempo müssen wir die ganze Zeit der Reihe nach auf einem dünnen Filzteppich Überschläge, Flickflack, Salto usw. springen, dann zurückgehen und wieder springen. Das ist anstrengend. Nach Tempo ist man total erschöpft, mehr als nach jedem anderen Training.
Am erholsamsten ist das Üben auf dem Drahtseil, zum einen, weil man (leider) warten muss, wenn die anderen dran sind, zum anderen braucht man da weder „Tempo“ noch Kraft. In der letzten Woche haben wir einen Stuhl und eine Leiter als Requisiten bekommen. Der Stuhl hat unten zwei Querstreben, womit jeweils zwei Stuhlbeine (die vorderen und die hinteren) miteinander verbunden sind. In der Mitte der Querstreben ist eine Delle. Dort wird der Stuhl auf das Drahtseil gestellt. Während wir auf dem Drahtseil balancieren, müssen wir den Stuhl an der Lehne festhalten, uns vorsichtig umdrehen, auf den Stuhl setzten und die Beine ausstrecken. Wenn wir erst einmal auf dem Stuhl sitzen, ist das Balancieren einfach. Kompliziert ist es, den Stuhl festzuhalten und sich dabei hinzusetzen. Aber langsam habe ich den Dreh raus.
Die Leiter wird seitlich auf das Seil gestellt (auch sie hat unten Dellen, um nicht wegzurutschen). Dann hält man sich an einer der oberen Quersprossen mit einer Hand fest, steigt unten auf die Sprossen, während man sich mit dem Fächer in der anderen Hand ausbalanciert. Das ist wirklich nicht einfach, aber macht Spaß.
*
Heute ist Freitag. Nachher ist nur noch Krafttraining und danach dürfen wir erschöpft ins Wochenend- Nichtstun fallen.
Einerseits freue ich mich auf das Wochenende, auf das Ausruhen, weil das Training schon ziemlich hart ist und die Muskeln sich spätestens nach dem Krafttraining nach Erholung sehnen. Andererseits freue ich mich nicht, weil es am Wochenende ziemlich langweilig ist.
Wenn man irgendwo hingehen oder etwas Sinnvolles tun könnte, wäre es weniger langweilig. Es wäre auch schon gut, wenn man seine Ruhe hätte. Aber es ist jedes Mal nur zwanghaftes Nichtstun und gleichzeitig zwanghaftes Tun, weil man nicht allein ist und wirklich entspannen kann, sondern sich auf die anderen einstellen muss. Das ist sehr anstrengend. Am liebsten würde ich irgendwohin gehen, wo ich meine Ruhe haben kann, oder dorthin, wo man mal etwas Neues erlebt.
Bestimmt gibt es in Berlin viel zu entdecken. Aber wie soll ich es finden? Ich habe mir schon so viele Gegenden angeschaut, bin oft auf dem „Alex“ gewesen oder „Unter den Linden“ entlang gelaufen (soweit, bis böse blickende Soldaten einem zum Umkehren bewegen).
Berlin ist schon interessant. Es gibt hier wirklich schöne Gebäude, die eine besondere Geschichte haben. Aber nur tote Steine anschauen, selbst wenn sie zu imposanten Gebäuden zusammengefügt und mit bewundernswerten Figuren verziert sind, ist irgendwann langweilig. Zudem ist es sehr kalt draußen.
Mir fehlt jemand, mit dem ich über alles reden kann. Ich fühle mich einsam, auch wenn ich selten allein bin. Mit den anderen verstehe ich mich gut. Aber sie sind jünger, weil sie schon nach der achten Klasse hierhergekommen sind, und sie haben andere Interessen. Wir albern herum und lachen viel. Das tut schon gut. Aber ich will nicht immer nur albern sein.
*
Endlich Montag. Endlich wieder Training. Es tut so gut, durch den Sportraum zu wirbeln und die überschüssigen Energien rauszulassen, die sich durch das Nichtstun am Wochenende angestaut hatten.
Das Wochenende war, wie erwartet, viel zu langweilig. Wir waren von Freitagnachmittag bis heute Morgen nur im Zimmer. (Draußen ist es eisig kalt.)
Vier aufgedrehte Energiebündel wirbelten die ganze Zeit laut schnatternd im Zimmer herum. Es gab kaum einen Moment Ruhe. Jeder wollte seine Ansichten loswerden. Es ging wie üblich meist um bestimmte Jungen, wer auf wen wie reagierte und wie das alles zu deuten ist.
Am liebsten wollte ich nur auf dem Bett liegen, Löcher in die Luft starren und in Ruhe über alles nachdenken. Aber das geht natürlich nicht, weil es aussieht, als wäre man träge. Deshalb saß ich die meiste Zeit auf meinem Bett und strickte am Pullover weiter. Dann tue ich so, als ob ich etwas tue und kann meinen Gedanken ein wenig freien Lauf lassen, weil ich mich ja auf die Handarbeit konzentrieren muss. (Das sage ich den anderen, damit sie mich nicht immer ansprechen und aus meinen Gedanken reißen.) Aber sie lassen mich trotzdem nicht in Ruhe. Es scheint, als ob sie sich verpflichtet fühlen, mich zu unterhalten, damit ich nicht einsam bin. Sie verstehen nicht, dass mich die „süßen“ Jungen, die außerdem viel zu jung für mich sind, nicht interessieren.
Ich kann ihnen nicht sagen, dass sie mich in Ruhe lassen sollen. Sie würden sich zurückgewiesen fühlen und das würde nur noch mehr Probleme geben. Also höre ich den anderen zu, albere mit ihnen herum und tue, als ob alles in bester Ordnung ist. Wenigstens habe ich von meinem Platz aus (oben im Doppelstockbett) ein wenig Abstand zu dem pausenlosen Geschnatter im Zimmer.
Von hier oben kann man alles gut beobachten, ohne zu sehr beteiligt zu sein. Aber wirklich Ruhe gibt es nicht.
Das Training ist das Einzige, das mir Spaß macht. Beim Sport habe ich das Gefühl aufzuwachen und lebendig zu sein. Am meisten gefallen mir Drahtseil und Trapez. Da bin ich auch ganz gut. Tempo geht so. Es macht schon Spaß, wenn man immer mehr Sprünge beherrscht. Es ist jedoch ziemlich anstrengend und man ist danach völlig fertig.
Nur Ballett und Jonglieren gefallen mir nicht. Ballett ist anstrengend und mitunter schmerzhaft, vor allem für die Beine. Und Jonglieren ist langweilig, weil man die ganze Zeit nur Bälle, Ringe oder Keulen in die Luft werfen und wieder auffangen muss. Dann muss man sich auch noch ständig bücken und Bällen hinterherrennen, die durch den ganzen Ballettsaal kullern. Mit Keulen jonglieren macht schon eher Spaß, weil man erst den richtigen Dreh herausfinden muss, um sie wieder am Griff aufzufangen. Aber nach über einer Stunde nur auf der Stelle stehen und Dinge in die Luft werfen, hat man wirklich genug davon, jedenfalls ich. Es gibt natürlich einige, denen das total Spaß macht, eigentlich nur einen, Carlo.
Äquilibristik macht eigentlich auch Spaß, wenn nicht die Vorschrift wäre, dass man in den Handstand kommen muss, ohne Schwung nehmen zu dürfen. Der Handstand an sich ist kein Problem. Ich kann im Handstand durch den Ballettsaal laufen und auch die Treppe runter. (Sie ist an einem Tisch befestigt.) Problematisch ist für mich nach wie vor in den Handstand zu kommen und das auf verschiedenen Requisiten in verschiedenen Höhen. Man darf nämlich nur mit geschlossenen abspringen und muss erst in der ersten Position verharren (mit angewinkelten Beinen) oder man zieht sich mit gegrätschten Beinen in den Handstand, was noch schwieriger ist.
In Äquilibristik haben wir auch Partnerübungen. Da ich ziemlich groß bin (1,63cm) und auch die Älteste, bin ich „Untermann“. (Selbst die Jungen sind kleiner oder fast gleich groß wie ich außer Detlef, er überragt uns alle.) Bettina ist mein „Obermann“, das heißt, ich muss sie auf „Händen tragen“, jedenfalls seitdem wir Hebungen üben. Am Anfang stand sie nur auf meinen Schultern oder auf meinem Kopf. Das ist nicht schwer. Eigentlich ging es vor allem darum, die verschiedenen Aufgänge zu üben. Jetzt muss ich sie über meinen Kopf heben, während sie in der Luft verschiedene Positionen einnimmt.
Bettina hatte sich ziemlich schnell daran gewöhnt, dass ich sie trage. Selbst beim Krafttraining macht sie es sich auf meinen Schultern bequem, während ich Kniebeugen übe. Und sie lässt sich auch gern nach dem Training (vor allem nach Tempo) auf meinen Schultern die Treppen zum Umkleideraum hochtragen. Das sind fast einhundert Stufen. Sie meint es nur gut, sagt sie, schließlich muss ich meine Muskeln trainieren.
*
Heute hatten wir beim Training eine Diskussion wegen der Wasserstoffbombe. Zuerst hatten nur Kerstin, Silke Bettina und ich diskutiert. Wir kamen nicht weiter, weil ich der Meinung war, dass wir nicht noch mehr Waffen brauchen und sie, dass es ums „Gleichgewicht“ geht.
Wir gingen zu unserer Trainerin. Sie sollte entscheiden, wer recht hat. Sie stimmte den anderen zu. Mich sah sie verwundert an und meinte total empört, ob ich glaube es besser zu wissen als die Regierung. Das gab mir den Rest, weil ich wieder einmal die Einzige war, die anders dachte. Dann musste ich mir auch noch den (seit der Schulzeit bekannten) Satz anhören: „Wenn alle anderen anderer Meinung sind als du, wer, glaubst du wohl, hat dann Recht?“
Sie sind alle tatsächlich der Meinung, dass es notwendig ist, riesige Geldsummen auszugeben, um noch mehr und raffiniertere Bomben zu produzieren. Als ob die Waffen, die es jetzt bereits auf der Welt gibt und sie mehrfach vernichten könnten, nicht abschreckend genug sind.
Die Wasserstoffbombe soll „nur“ Menschen töten, nicht materielle Werte zerstören. Als ob radioaktiv verseuchte Gebiete irgendeinen Nutzen für die Sieger bringen, falls es beim Atomkrieg irgendwelche Sieger bzw. überhaupt Überlebende geben sollte.
Wie viele Waffen sollen denn noch produziert werden?
Warum wollen sich die Menschen überhaupt gegenseitig vernichten? Woher kommt dieser Wahnsinn? Sehen sie denn nicht, dass es die Menschheit zerstört?
Es ist schon erstaunlich, dass hier alle der Meinung sind, dass es richtig ist nachzurüsten, nur weil es die Partei so beschlossen hat. Denken sie denn nicht selbst nach?
Niemand hier will einen Krieg. Trotzdem sind sie mit dem Nachrüsten einverstanden. Begreifen sie denn nicht, dass noch mehr Waffen nicht den Frieden garantieren, sondern die Gefahr eines Atomkrieges nur erhöhen?
Ich verstehe das nicht. Das Leben ist doch so einzigartig. Schon allein, dass es diesen Planeten gibt, die Natur und Menschen mit Bewusstsein ist erstaunlich. Warum nur wollen einige riskieren, dass das alles zerstört wird? Das Leben sollte beschützt werden und nicht bedroht sein.
Ich habe noch nie verstanden, warum es Kriege gab und immer noch gibt, warum die Menschen so schreckliche Waffen bauen und sich gegenseitig bedrohen oder sogar töten. Aber dass die anderen hier es richtig finden, wenn noch mehr Waffen produziert werden, weil es die SED so beschlossen hat, hat mich total überrascht.
Ja, vielleicht bin ich zu naiv und verstehe das nur nicht (muss ich mir oft genug anhören). Trotzdem glaube ich, dass es Wahnsinn ist, sich gegenseitig mit vernichtenden Waffen zu bedrohen. Es ist schwierig an eine glückliche Zukunft zu glauben, wenn über allem diese unsichtbare und doch reale Bedrohung schwebt.
Schlimm ist, dass man nichts dagegen tun kann. Es gibt einige Menschen, die darüber entscheiden, ob man leben darf oder ausgelöscht wird. Und die Mehrheit lässt dies zu, obwohl sie bestimmt keinen (Atom-) Krieg wollen.
Die Zeit ist nur so dahingeflossen. Jetzt habe ich lange nichts mehr geschrieben. In den Zwischenpausen lag ich nur auf dem Bett. Ich fühle mich irgendwie schwach und innerlich leer, bin nur noch müde. In meinem Kopf spukt nur unwichtiges Blabla herum. Das, was seit dem frühen Morgen geplappert wurde und beim Training passierte, rotiert in meinem Kopf wie ein unaufhörlicher Kreisel und die Zeit, in der ich allein sein kann, ist viel zu kurz.
Das Training heute in „Tempo“ tat gut. Aber ich muss trotzdem unbedingt mehr tun. So geht es nicht weiter!
Es fällt mir immer schwerer mit den anderen zusammen zu sein, ihnen zuzuhören, sie ernst zu nehmen, mit ihnen zu lachen und für sie ganz selbstverständlich da zu sein, obwohl ich sie schon alle mag. Aber ich kann nun mal nicht sein wie sie und den ganzen Tag nur herumalbern und Nichtigkeiten plappern. Irgendwann nervt es.
Ich finde die Artistenwelt nach wie vor faszinierend. Nur fällt es mir schwer mich hier völlig anzupassen und an nichts weiter zu denken als an den Sport, das Aussehen, wie man sich schminkt und den Jungen gefällt.
Das Training ist das, was ich immer wollte und auch das Zirkusleben ist bestimmt interessant. Doch es gibt noch so viele andere interessante Dinge, die ich erleben will, die mir wichtig sind, die hier jedoch keinen Platz haben. Niemand versteht das.
Ich fühle mich gefangen, obwohl ich eigentlich frei bin, zumindest mehr Freizeit habe als die anderen, die auch noch zum Unterricht müssen. Ich habe genug Zeit, um mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Nur fehlt mir jegliche Lust dazu. Aber ich muss etwas tun! Ich muss wieder raus aus dieser Trägheit, dieser Leere! Aber wie?
Wenn es doch draußen endlich wieder warm wäre. Dann könnte ich weiter wegfahren, raus aus den Mauern der Stadt, dorthin wo Natur ist.
Am liebsten würde ich dahin gehen, wo Menschen sind, mit denen ich über alles reden kann.
Das Schreiben hilft mir etwas. Es befreit mich ein wenig. Ich habe das Gefühl, wieder wach zu werden und zu mir zu kommen. Aber es fällt mir schwer zu schreiben, weil in mir alles leer ist und ich kaum einen Gedanken fassen kann. Worüber soll ich schreiben? Es passiert ja nichts, außer dem tagtäglichen Einerlei und das zu ertragen wird immer unerträglicher.
*
Heute ist Sonntag und ich bin tief im untersten Sumpf angelangt, so tief, dass ich überhaupt keine Lust hatte aufzustehen. Aber ich musste ja aufstehen. Es geht nicht, dass man im Bett liegen bleibt, egal wie es einem geht. Es würde bedeuten, dass man faul und träge ist. Und es wäre auch einfach blöd mit Schlafsachen im Bett liegen zu bleiben, während alle anderen angezogen sind. Also wand ich mich hoch, ging ins Bad und zog mich an, nur um dann wieder (mit Strickzeug bewaffnet) aufs Bett zu klettern.
Im Moment bin ich allein. Das ist etwas erholsam. Die anderen sind zum Mittagessen in die Mensa gegangen. Danach wollten sie sich mit den Jungen treffen.
Jetzt versuche ich krampfhaft aus dieser geistigen Leere herauszukommen. Aber es gelingt nicht. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Alles ist trostlos, sinnlos.
Jeden Tag nehme ich mir vor etwas gegen diese geistige Öde zu tun, gegen den Stumpfsinn in meinem Kopf und die Trägheit. Ich nehme mir vor zu schreiben und wieder zu malen. Aber es geht nicht, weil es nichts zu schreiben gibt und mir einfach die Lust zu allem fehlt. Ich habe das Gefühl nicht mehr wirklich wach zu sein, sondern lebe wie in einem dunklen Traum. Alles kostet so viel Kraft und Überwindung. Am liebsten würde ich nichts mehr tun und nur noch meine Ruhe haben wollen.
*
Endlich mal allein! Die anderen sind dieses Wochenende zu Hause. Ich hatte mich darauf gefreut, allein zu sein, um mich mal richtig erholen und über alles nachdenken zu können.
Gestern wollte ich ausschlafen. Doch als ich nach dem Aufwachen im Bett liegen blieb und über mein Leben nachdachte, wurde mir bewusst, wie sinnlos alles ist. Als ich aufstehen wollte, war mein Körper schwer wie Blei. Das lag nicht nur am Krafttraining. Es war noch etwas anderes. Ich hatte weder Kraft noch Lust zum Aufstehen. Es gibt nichts mehr, was mir wirklich Freude macht.
Dabei hatte ich mich so auf die Artistenschule gefreut. Ich wollte raus aus der Kleinstadt und Neues erleben. Ich wollte durch die Welt reisen, andere Menschen, Kulturen kennenlernen und das Zirkusleben genießen. Jetzt fehlt mir die Freiheit, die ich früher hatte. Mir fehlt die Natur.
Ich habe so eine tiefe Sehnsucht nach dem Leben, nach meinem Leben, nach interessanten Menschen, sinnvollen Aufgaben, nach neuen Herausforderungen. Aber nichts geschieht hier. Nichts! Alles ist so langweilig und öde.
Früher hatte ich nie Langeweile. Nach der Schule war ich nur unterwegs, hatte ständig etwas zu tun. Ich konnte jeden Tag ausreiten oder war beim Fechten oder Turnen, streifte träumend durch die Natur oder las die Bibliothek aus. Ich schlief kaum, weil es so viel zu entdecken gab und über alles dachte ich stundenlang nach.
Ich dachte, das Leben würde immer aufregend sein, dass es in Berlin noch viel interessanter wird.
Wo ist das alles hin? Warum ist alles so schwierig? Dann ist es auch noch so dunkel, kahl und eiskalt draußen. Das alles macht mich ziemlich fertig. Wie soll es hier nur weitergehen? Ich muss etwas tun! Aber was? Wenn mir doch jemand helfen würde!
Gestern (am Sonntag) hatte ich es nicht mehr im Zimmer ausgehalten. Als ich in der Oranienburger Straße entlang lief, sah ich auf einem Filmplakat eine Zigeunerin. Sie war sehr schön. Ihre Augen zogen mich wie magisch ins Kino und so sah ich mir den Film „Das Zigeunerlager zieht in den Himmel“ an.
Ich saß wie gebannt vor der wunderschönen Landschaft auf der Filmleinwand und hörte unbeschreiblich schöne Musik. Schon bei den ersten Bilden und Klängen fing mein Herz an zu klopfen. Es war, als ob meine Seele aus einem tiefen Schlaf gerissen wurde und heftig vibrierte. Es war einfach überwältigend. Meine Gefühle sprangen hin und her zwischen Unverständnis und Entsetzen bei dem, was sich mitunter auf der Leinwand abspielte und einer tiefen Sehnsucht nach der Lebensfreude, welche die Zigeuner mit ihren bunten Farben und ihrer Musik ausstrahlten. Es war, als sehe ich in dem Film das Leben, wie ich es schon immer in mir fühlte.
Nach dem Film lief ich noch völlig aufgewühlt durch die Stadt. Es war schon dunkel. In meinem Innern hörte ich die berauschende Musik und in mir tobte ein Ozean an Gefühlen. Ich stellte mir vor, wie ich mit meinem Mann (natürlich einem Zigeuner) und Kindern durch die Natur reiste und wir gemeinsam sangen und tanzten.
Auf dem Rückweg ging ich durch die Friedrichstraße. Plötzlich sprach mich ein Mann an. Zuerst verstand ich nicht, was er wollte, da er schlecht deutsch sprach. Dann zog er Westgeld aus seiner Tasche. Ich verstand und war schockiert. Ich lief schnell weiter. Meine Traumwelt war zerplatzt. Stattdessen empfand ich Ekel. Noch bevor ich in der Linienstraße war, hatten mich zwei andere Männer angesprochen.
Dann bemerkte ich Frauen, die aufdringlich geschminkt durch die Straße gingen. Das schockte mich noch mehr.
Als ich im Internat ankam, war der Zauber des Films fast verschwunden. Zum Glück waren die anderen schon im Bett. Aber das Licht war noch an. Also ging ich ins Bad, zog mich schnell um und verschwand ebenfalls im Bett. Aber ich konnte lange Zeit nicht einschlafen. Zu viel war gestern passiert.
Jetzt bin ich wieder im normalen Alltag angekommen. Aber das Training macht wieder mehr Spaß. Auch die kleinen so „großen“ Freuden und Sorgen meiner lieben Mitbewohnerinnen nerven mich nicht mehr. In meiner Seele höre ich noch immer die Zigeunermusik und fühle eine tiefe Sehnsucht nach Lebendig sein.
Was würde ich geben, wenn ich frei in der Natur leben könnte wie die Zigeuner im Film, wenn ich diese Musik jeden Tag hören oder sogar mit anderen singen, lachen, tanzen könnte (und Artistik trainieren). Wir könnten in einer Art Zirkus auftreten (mit Gesang, Tanz, Artistik) oder bei Straßenfesten, um genügend zu verdienen. Ich würde auch gern die Kleidung selbst machen, nicht nur stricken, sondern auch nähen können.
Aber es ist nur ein Traum. Wie soll ich die Menschen finden, die den Traum mit mir gemeinsam leben wollen? Und allein diesen Traum leben geht nicht.
Es ist unmöglich in diesem kleinen Land, in dem alles seine geregelte Ordnung haben muss, so frei zu leben. Es gibt nicht diese überwältigende Natur und auch nicht diese wunderbare Musik. Es gibt mitunter auch schöne Musik. Aber sie ist nicht so tief. Sie berührt nicht so tief meine Seele wie diese Zigeunermusik im Film.
Außerdem müsste ich irgendetwas können, um Geld zu verdienen. Auf keinen Fall würde ich stehlen. Außerdem will ich auch etwas Nützliches tun. Aber wie kann ich Geld verdienen und trotzdem frei sein?
Auch würde ich nicht allein umherziehen wollen. Dann bin ich doch nur noch einsamer als jetzt. Jetzt habe ich wenigstens Menschen um mich.
Und auch wenn es nicht einfach ist, ständig mit ihnen zusammen zu sein, ist es auf jeden Fall besser als völlig allein zu sein.
Es bleibt mir nur das Zirkusleben. Deshalb wollte ich ja hierher. Ich liebe Artistik. Es ist schön sich zu bewegen, seinen Körper zu trainieren und zu beherrschen. Und es bedeutet Freiheit, zumindest mehr, als wenn man jeden Tag am selben Ort bleibt und acht Stunden arbeiten muss und das jahrelang bzw. ein Leben lang.
Es ist keine wirkliche Freiheit, weil man an den Zirkus gebunden ist und der zieht von Stadt zu Stadt und nicht durch die Natur. Es wird im Zirkus nicht so viel anders sein als jetzt. Das Leben bleibt tagtäglich gleich. Jeden Tag zwei Auftritte (und etwas Training) und die Welt da draußen bleibt verschlossen. All das, was es sonst noch zu entdecken gibt, bleibt unerreichbar.
Aber was kann ich tun? Wirkliche Freiheit gibt es wohl nicht. Dann gibt es auch dieses tiefe Lebendig sein nicht wirklich. Jedenfalls nicht hier, nicht für mich. Es war nur ein Film und ein trauriger noch dazu, obwohl er mich für Augenblicke aus dem tristen Alltag holte und glücklich machte.
*
Gestern hatte ich mir den Film „Das Zigeunerlager …“ noch einmal angesehen. Eigentlich wollte ich nur die Musik und die Landschaften genießen und die dunklen Stellen nicht sehen. (Ich hatte die Augen zugemacht und mir die Ohren zugehalten.) Trotzdem bekommt man ja mit was passiert. Jetzt ist es in meinem Gedächtnis und lässt mich einfach nicht in Ruhe.
Auch wenn ich nichts sehen will, was grausam ist, nicht einmal im Film, ich kann es nicht ignorieren und muss darüber nachdenken.
Es ist nicht der Tod, der mich schockiert. Der Tod gehört zum Leben dazu. Er ist letztendlich unvermeidlich.
Es ist dieses kaltblütige Morden, das schockierend ist, das mir einfach unbegreiflich ist. Wie ist es möglich, auf Menschen zu schießen oder sie heimtückisch zu töten? Was für ein Monster muss man sein, um so etwas tun zu können und dann auch noch ohne geringste Reue?
Die Soldaten hatten auf die Zigeuner geschossen, weil sie ihre Pferde gestohlen hatten. Sie hätten sich doch die Pferde einfach zurückholen können, was sie auch taten. Es ist gerecht, Diebe zu bestrafen. Es muss schon eine (angemessene) Abschreckung für Diebstahl geben. Aber sie töten? Warum? Mit welchem Recht darf ein Mensch überhaupt andere töten?
Weil die Zigeuner gestohlen hatten, wurden sie getötet. Aber diejenigen, welche Wehrlose töteten, wurden nicht bestraft, sondern genossen sogar Ansehen. Was für eine verrückte Welt ist das? Es ist unbegreiflich. Wieso haben die einen das Recht ungestraft zu töten, während andere kein Recht haben zu leben, nur weil sie gestohlen haben? Das ist zum Glück nicht mehr so, aber es war wirklich passiert. Vor nicht allzu langer Zeit genügte es, ein Jude zu sein oder ein Zigeuner oder sich zu weigern, andere zu töten, um getötet zu werden.
Auch das ist zum Glück Geschichte. Die Menschen sind friedliebender geworden. Trotzdem hat sich nicht grundlegend etwas geändert. Noch immer werden Menschen getötet, selbst wenn sie nichts getan haben.
Ich denke an Vietnam, Chile, Hiroshima und Nagasaki. Wie ist es überhaupt möglich, Bomben auf Menschen zu werfen, wenn man doch weiß, dass man damit tausende Menschen tötet, auch Kinder? Wie kann man leben mit dem Wissen, ein zigfacher Mörder zu sein?
Es ist unbegreiflich, wie viel Grausamkeit und Gewalt es noch immer gibt bzw. zu was für Grausamkeiten einige Menschen fähig sind, egal ob an Menschen oder Tieren.
Und auch wenn es hier keinen Krieg gibt, so ist doch die Gefahr, dass wir alle augenblicklich ausgelöscht werden könnten und der Planet lange Zeit radioaktiv verseucht sein wird, allgegenwärtig.
Warum ist die Welt so? Es sind doch Menschen, welche diese Welt geschaffen haben. Warum haben sie eine so leidvolle, gefährliche, furchterregende Welt geschaffen? Warum gibt es verhungernde Kinder, während es so viel Überfluss gibt? Warum gibt es Kriege? Warum bedrohen sich die Menschen mit schrecklichen Waffen? Wer ist dafür verantwortlich? Es ist bestimmt nicht die Mehrheit der Menschen, die das will. Die meisten wollen doch in Frieden leben. Oder?
Werden Kriege eines Tages für immer Geschichte sein? Das wünsche ich mir so sehr. Ich hoffe, dass es nicht so sein wird, weil es keine Menschen mehr gibt, weil sie sich und den Planeten zerstört haben, sondern dass sie in Frieden miteinander leben wollen und keine Kriege mehr dulden.
*
Heute ist Sonntag. Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau und es ist herrlich warm, obwohl es erst Anfang März ist. Gleich nach dem Frühstück bin ich mit der S- Bahn hierher (nach Grünau) gefahren.
Schon die Fahrt in der S- Bahn tat so gut, auch wenn ich noch in Grübeleien versunken war. Sie hatten sich seit einiger Zeit wie ein dunkler Knoten in mir eingenistet und hielten mein Denken in unlösbare Widersprüche und Zweifel gefangen. Aber bereits nach den ersten Schritten im Wald verschwanden die dunklen Grübeleien und es ging mir so gut wie schon lange nicht. Es war, als würde ich eine völlig andere Welt betreten, eine Welt, die ich nur zu gut kenne, aber vergessen hatte.
Ich sah die Sonnenstrahlen durch die Bäume scheinen und den dunklen Schatten des Waldes mit Licht erhellen.
Der Wind rauschte sanft durch die Bäume und streichelte mein Gesicht. Mir war, als ob er mich an etwas erinnern wollte. Zuerst wusste ich nicht an was, aber es fühlte sich gut an. Dann erinnerte ich mich an meine Schulzeit. Wie unbeschwert das Leben damals noch war.
Auch damals hatte ich viel nachgedacht, vor allem wenn ich traurig war oder etwas nicht verstand. Auch damals war ich verzweifelt, wenn in der Schule über Vietnam oder Hiroshima gesprochen wurde. Es war beängstigend, wenn wir mit Schutzanzug und Gasmasken herumlaufen mussten und uns klar gemacht wurde, dass es jeder Zeit einen Atomangriff geben könnte. Aber ich war nie lange traurig oder unglücklich. Sobald ich in der Natur war oder bei den Pferden oder beim Turnen, hatte ich all das Schreckliche vergessen, nicht wirklich, aber ich war zu glücklich bei all dem, was ich tat, um lange traurig oder verzweifelt zu sein.
Als ich vorhin durch den Wald spazierte und die Natur spürte, da lösten sich die Grübeleien wie von selbst auf und Glücksgefühle durchströmten mich. Dann hatte ich ein schlechtes Gewissen: Wie kann man glücklich sein, wenn so viel Schreckliches in der Welt passiert?
Dann wurde mir bewusst, dass ich niemandem helfe, wenn ich deshalb nur noch unglücklich bin. Ich kann es nicht ändern. Ich würde es gern. Ich würde alles geben, um das Leid in der Welt zu lindern. Aber es geht nicht. Es gibt keine Möglichkeit für mich, etwas zu tun.
Und wie sehr ich auch darüber nachdenke, es ist nicht zu verstehen. Es hat also keinen Sinn, ständig über Fragen und Probleme zu grübeln, die man nicht auflösen kann. Es hat keinen Sinn, nur noch unglücklich zu sein, weil es so viel Leid gibt und man nichts tun kann.
Ja, es tut mir leid, sehr sogar. Aber wenn ich deshalb nur noch leide, vermehre ich nur das Leid und kann trotzdem nichts dagegen tun.
Das Leben ist kostbar. Jedes Leben. Freude ist kostbar. Es ist eine Trotzdem- Freude, eine Freude, die dem Leid (und sinnlosen Grübeleien) entgegengesetzt wird, damit das Leid nicht die Seele zerstört. Es ist wichtig, sich am Leben zu erfreuen, denn es währt nicht ewig.
Es ist auch wichtig, das Leben sinnvoll zu nutzen, anstatt nur über Dinge zu grübeln, die man nicht ändern kann und dadurch nur in Stumpfsinn und Sinnlosigkeit fällt.
Mir wurde bewusst, dass ich selbst entscheiden kann, wie ich mein Leben gestalte und nicht nur von anderen abhängig bin. Ich kann entscheiden, was ich tun will, ob ich meine Zeit sinnvoll nutzen will oder mit sinnlosen Grübeleien vertue.
Zum Glück wird es bald Frühling sein und ich kann dann öfter in die Natur rausfahren. Aber das reicht noch nicht. Ich muss auch sinnvolle Beschäftigungen finden.
Jetzt habe ich eine ganze Weile nichts geschrieben. Zum Glück gibt es einen guten Grund: Ich war zu beschäftigt.
