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Das eBook "MAfiA - Magische Alternative für individuelle Angst" mit dem Untertitel "Im Reich der drei Eichhörnchen" ist wohl der best lesbare und erzählte Anti-Psychiatrie-Roman, den es auf dem Büchermarkt gibt. Atemlos verschlingt man die Zeilen. Hin- und hergerissen zwischen Realität und Fiktion führt uns der Autor Jakob Brasstoll mit Hilfe von Tagebuch-Eintragungen, die stellenweise sehr humorvoll sind, hinter die Kulissen des offenen Strafvollzuges mit seiner angewandten Psychotherapie, die Massenmörder und psychisch kranke Terroristen hinter sich bringen müssen. Ein Unterfangen, in das er durch die Intrigen einer satanistischen MAfiA-Sekte geraten ist. gez. Verlag MBHM.
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Seitenzahl: 840
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Ich, Jakob Brasstoll, lebe in nem Teufelsland. Wir schreiben das Jahr 11 nach dem Terroranschlag vom 9. November 00 auf dem westlichen Kontinent Krasdrandul.
Vor ein paar Tagen habe ich mir kleine Tagebücher gekauft, obwohl Schreiben hier in Haus 7 verpönt ist. Die Menschen, die mich umgeben und zu denen ich jetzt auch gehöre, gelten alle als schwachsinnig. Böse Zungen sagen: „Wir sind irre, wir sind verrückt!“, und wenn dann jemand von diesen Schwachsinnigen einen einsamen Weg geht, von Zukunft spricht und obendrein zum Literaturpinsel greift, ist das für die Pfleger, Ärzte und Psychologen ein bisschen blöd, und hinter verschlossenen Türen sprechen diese Leute höchstwahrscheinlich von einem Anflug von Spinnerei, von einem Anflug leichten Schwachsinns, den der Patient gerade durchlebt.
Die kleinen Tagebücher sind farbig: schwarz, orange, lila, blau, und haben das Format DINA 5. Vorn auf dem Deckel befindet sich eine kleine Notizzeile, sodass ich diese kleinen Büchlein nummerieren und mit Datum versehen kann. Sie haben den malerischen Namen Clairefontaine.
Als ich sie im Kaufhaus im Regal für Schreibwaren liegen sah, griff ich sofort zu. Meine Suche hatte ein Ende. Seit Stunden war ich durch die Innenstadt gelaufen und hatte nach geeignetem Schreibmaterial gesucht.
Nun lege ich eine Hand auf das erste Büchlein, das vor mir liegt. Fühle seinen Puls. Die Wärme, die Papier ausstrahlt, strömt dabei durch meine Handfläche und schenkt mir Hoffnung.
Ich will beginnen zu schreiben und blicke mich um. Sehe zur Tür, die in unseren Aufenthaltsraum führt und durch die die Pfleger immer stürmen. Hinter mir steht ein Fernseher. Der Raum ist mit acht langen Tischen zugestellt. Die zweite Tür, die in diesen Raum führt, gehört zur Stationsküche. Unser Aufenthaltsraum ist groß, wenn er voll ist, sitzen 24 Schwachsinnige an den Tischen und mampfen ihr Essen.
Ich habe mich in die äußerste Ecke dieses Raumes gezwängt. Neben mir ist eine große Fensterfront, hinter mir steht ein wuchtiger Benjaminstrauch und das Bücherregal für uns Patienten ist links von mir.
Darin befinden sich uralte Bücher. Alle aus dem Jahre AnnoDazumal, halt aus der Zeit, zu der diese Klinik gebaut wurde. Ein paar von den Büchern sind noch in alter Schrift. Die Seiten sind mittlerweile vergilbt, riechen nach modrigem, vergammeltem Papier und erzählen ihre eigenen längst vergessenen Geschichten.
Ich blicke wieder auf das Büchlein vor mir. Es ist schwarz, hat mehrere hundert Seiten aus liniertem Papier.
Gerade ist Pfleger Beck in den Aufenthaltsraum gekommen. Er schiebt den Essenswagen in die Küche und schließt ihn an. Dabei hat er gesehen, wie ich ein paar Zeilen auf eines meiner Studienhefte gekritzelt habe.
„Was machen Sie, Herr Brasstoll?!“
„Ach, ich habe nur ein paar Zeilen geschrieben.“
Bei diesen Worten schenkt er mir einen finsteren Blick. Seit etwa vier Wochen ernte ich diese Haltung vom Pflegeteam.
Nun ist er wieder fort und ich überlege, ob ich meine später vollgeschriebenen Tagebücher verstecken sollte. Doch hier gibt es Razzien und wenn man dann entdeckt, dass ich etwas verstecke, gibt’s nen Megaaufstand. Nicht auszudenken welcher Diskussion ich ausgesetzt wäre, welche Konsequenzen ich davontragen müsste!
Ich werde diese kleinen Tagebücher, es sind neun an der Zahl, daher offen in mein Regal stellen, das über meinem Bett hängt. So erwecken sie keinen Verdacht, stehen da nur rum und glänzen in der Sonne, die ab Mittag in mein Zimmer scheint.
Haus 7 ist eine Jugendstilvilla auf dem Gelände einer Großstadtpsychiatrie, eine halboffene Station für schwachsinnige Strafgefangene, wobei Mafiosis eine Psychiatrie als „Strafgefangenenlager für Verräter und potentielle Verräter“ bezeichnen. Ja, die sprechen von einem Vernichtungslager der Glaubwürdigkeit.
Die Werkzeuge in diesem „Vernichtungslager“ sammeln sich unter dem Begriff Zwangstherapie. Die Gefangenen müssen arbeiten gehen, müssen Medikamente nehmen, müssen an Gesprächstherapie teilnehmen, müssen Anhörungen beiwohnen, müssen sich begutachten lassen und das solange, bis sie nur noch duckmäusern und schweigen.
Ich, Jakob Brasstoll, bin an einem solchen Ort verbannt worden. Als intrigant Verurteilter, als schwachsinniger Strafgefangener, verweile ich in diesem Haus 7 und versuchte meine Zukunft zu retten.
Auf Grund unseres individuellen Rechtssystems, mit dem die Persönlichkeitsrechte eines Einzelnen geschützt werden, sind in diesem Tagebuchroman Orte, Städtenamen, Datum, die Namen der Personen, die Hausnummern, die Personenbeschreibungen und auch die Ländernamen so abgeändert worden, sodass gegen kein geltendes Gesetz verstoßen wird. Trotzdem lassen diese Veränderungen teilweise Rückschlüsse auf Dinge, Handlungen und Erfolge in unserer realen Welt zu.
gez. Jakob Brasstoll
SAMSTAG, 17.09.11, 16:03 UHR
Vor etwa vier Wochen habe ich mich, ohne es mit dem Team abzusprechen, bei der Hansa Akademie für Fernstudien für den Lehrgang „Kreatives Schreiben“ eingeschrieben. Nun bin ich wieder Student.
Als Student fühl ich mich wohl. Es liegt wohl daran, dass ich so viel Freiheit als Maschinenbaustudent hatte. Ich kam und ging wie ich wollte, schrieb Klausuren wie ich wollte, arbeitete wann und wo ich wollte und kam trotzdem mit dem Studieren voran.
Insgesamt war mein Maschinenbaustudium 18 Semester lang, mit Militärdienst und Krankheit und Studienortwechsel. Mein Vater nannte mich deswegen schon „Ewiger Student“, jetzt hat er wohl Recht behalten, denn nun bin ich ja wieder ein Student. Ob er sich deswegen wohl im Grab umdreht? Er ist nämlich im Jahr 5 verstorben und ich war nicht auf seiner Beerdigung.
Ich habe ihn halt nicht geliebt, diesen Vater, der glaubte, dass ich manchmal von Satan besessen war. Deswegen rief er dann immer den Dorfpriester ins Haus, oft auch seinen jüngeren Bruder, der auch teufelsgläubiger Priester und Exorzist ist.
Wenn ich bedenke, dass ich mal von einer Satansaustreibung ein Bild malte und deswegen erkannte, mit welcher Grausamkeit sie dabei vorgingen, so will in meinen Kopf gar nicht rein, dass es wirklich wahr ist, dass man so etwas mehrmals mit mir getan hat.
SONNTAG, 18.09.11, 17:54 UHR
Murat nervt! Immer diese blöden Fragen, die er stellt. „Wie findest du meine Brusthaare?“ „Wie lange dauert’s, bis ich Profimusiker bin?“ „Wie findest du es, wenn ich Mandoline spiele?“
Ich kenn Murat jetzt fast drei Jahre und noch nie hat der eine „normale“ Frage gestellt. Er ist wie ein Kind, dabei ist er 36 Jahre alt.
Er kommt aus Kürkistan, hat aber gefärbtes, rotlockiges Haar. Jetzt hat er’s sich an den Seiten abrasiert und natürlich hat er mich gefragt, wie ich seine neue Frisur finde.
Der ist einfach zu blöd, echt!
Ich möchte auch nicht wissen, was er angestellt hat. Bestimmt irgendwas mit Vergewaltigung oder so.
Am 15. September hab ich meine erste Hausarbeit für die Hansa Akademie abgeschickt, dachte, sie wäre schon beantwortet worden, aber am Wochenende arbeiten die bei der Hansa Akademie dann doch wohl nicht. Was die Lehrerin, Rigina Wolfes, wohl zu meiner Hausarbeit sagt? Hatte deswegen schon einen Anflug von Paranoia, dachte, sie fände sie so schlecht, dass sie gar nicht antwortet. Sone Gedanken kommen, wenn man zu viel grübelt.
Ansonsten kann ich bis zum 28.02. an einem Weihnachtsgeschichtenwettbewerb teilnehmen. Mit so viel Beiträgen, wie es mir gefällt.
Naja! Bis zum 28. Februar ist noch viel Zeit.
Beim Stöbern auf der Website der Hansa Akademie hab ich mir auch eine Kurzgeschichte durchgelesen. Die hatte einen vielversprechenden Titel. „Das kursische Mädchen“. Aber der Rest war, so fand ich, total beschissen. Der Autor redete von feuchten Träumen und am Ende entpuppte sich das kursische Mädchen als traurige Prostituierte. Pah! Blöde Geschichte. Aber so ist es in der Welt der Literatur. In der tummeln sich Viele und man muss irgendwie einen Weg finden sich hervorzuheben, sonst wird es nie was mit den Veröffentlichungen und dem vielen Geld, das einige Schriftsteller verdienen.
MONTAG, 19.09.11, 14:25 UHR
Ich bin im Café Seelenbrot. Es ist halb Drei und ich schreibe in mein Tagebuch.
Christian ist auf 50 verlegt worden. Hatte entweder Stress zu Hause oder Stress auf der Arbeit, auf die er so stolz war. Mit breiter Brust hat er mir vor ein paar Tagen seine Lohnabrechnung gezeigt. 325 Dollar hatte er in vier Wochen verdient. Damit hat er 125 Dollar mehr als die meisten Anderen hier und 75 Dollar weniger als ich, ich arbeite nämlich als Cateringfahrer auf 400DollerBasis.
Christian wurde in den Hochsicherheitstrakt verlegt, auf Station 50, er ist also scheinbar wieder gefährlich.
Man weiß das hier nicht so genau, die Ärzte sind nämlich sehr willkürlich, wenn es um die Gefährlichkeitseinstufung eines Schwachsinnigen geht. Auch mir ist es mal so ergangen. Ich hatte zuvor eine Geschichte geschrieben, in der vier Menschen starben. Diese Geschichte gelangte in die Hände der Ärzte, die Angst bekamen und mich deswegen kurzerhand auf 50 wegschließen ließen.
Auf der Station war helle Aufregung deswegen. Keiner der Patienten konnte sich erklären wieso ausgerechnet ich verlegt worden war. In Haralds Augen stand damals sogar die nackte Panik. So viel Angst macht uns eine Verlegung immer. Hier wird also die Angst vor uns mit Angst vor 50 beglichen!
DIENSTAG, 20.09.11, 18:00 UHR
Christian hat getrunken und dann gestänkert. Er war auf dem Jahrmarkt und hat nach 9 oder 10 Jahren mal wieder gefeiert.
Solche Sachen werden hier unterschiedlich gehandhabt. Manche, die getrunken haben, bekommen nur Ausgangssperre, manche aber, so wie Christian, werden sofort auf 50 verlegt.
MITTWOCH, 21.09.11, 20:55 UHR
Heute war Meeting. Mittwochs ist immer Meeting. Dabei hat das Pflegeteam uns mitgeteilt, dass wir Jahrmarktsverbot haben.
DONNERSTAG, 22.09.11, 17:15 UHR
Gestern Abend habe ich mit meiner Mutter telefoniert. Tat gut ihre Stimme zu hören. Auch war das Gespräch ganz angenehm. Sie wollte noch mit meiner Schwester reden, wegen dem Jahrmarktsbesuch, meine Schwester und mein Schwager haben nämlich vor, auch wegen dem Jahrmarkt, mal bei mir vorbeizukommen. Ich hab meiner Mutter gesagt, dass ich vielleicht doch noch die Genehmigung bekomme, zum Jahrmarkt gehen zu dürfen.
Ansonsten habe ich meine erste Hausarbeit von der Hansa Akademie zurückgesandt bekommen. Das Urteil ist eigentlich ganz positiv ausgefallen. Zuerst dachte ich ja etwas anderes.
Ich bin heute wieder im Café Seelenbrot. Mich stören die Gäste nicht beim Schreiben. Auch finde ich es gut, zwischendurch an einem Spezi zu nippen.
Ich hab auch schon ne Idee für die zweite Hausarbeit, sie wird heißen: „Der Zauberapfel von Atlantis“, oder einfach nur: „Zauberapfel“.
Die Lehrerin, Regina Wolfes, rät mir, aus der Hausarbeit etwas Eigenes zu machen. Das hab ich selber schon gedacht und dementsprechend nachgedacht – mit dem „Zauberapfel“ müsste es mir eigentlich gelingen. Na, mal sehen was wird! Erst muss ich sowieso noch Lektion 5 und 6 durcharbeiten. Ich will bei diesem Studium des Kreativen Schreibens immer alles geben. Nicht so wie beim Maschinenbaustudium. Da ging es mir immer nur ums Bestehen, der Beste wollte ich nie sein.
FREITAG, 23.09.11, 17:50 UHR
Hatte heute Morgen Ärger – Schwierigkeiten bei der Arbeit. Da ist son junger Koch, dem hab ich mal nicht geholfen seine Arbeit zu verrichten. Hatte einfach keine Zeit, musste mich um meine eigene Arbeit kümmern. Seitdem grüßt er nicht mehr und macht mich morgens nur noch fertig. Zumindest versucht er’s, aber es klappt nicht, denn ich lass mich auf solche Typen nicht mehr ein. Früher hab ich das gemacht. Hab diesen Leuten einfach gesagt, was ich von denen wegen ihrem Verhalten halte. Das haben die Leute als beleidigend empfunden, wofür sie mich schlagen wollten. Sowas hab ich natürlich nicht zugelassen und so hab ich schon mehrere handgreifliche Streitigkeiten hinter mir.
Fürs Schlägern – aus halber Notwehr – bin ich auch ins Gefängnis gekommen und später in die Forensik. Ich hab noch allerhand andere Sachen angestellt, bin also nicht unschuldig hier, aber richtig Vorwürfe machen kann ich mir auch nicht, denn letztendlich hab ich den Leuten, mit denen ich mich geprügelt habe, zuvor immer nur meine Meinung gesagt und für seine Meinung schämt man sich nicht und macht sich deswegen auch keine Vorwürfe.
Zu erzählen gibt’s noch: Ingo ist jetzt der Zweite in wenigen Tagen, der auf 50 zurückverlegt worden ist. Wir wissen wieder nicht wieso. Ich auch nicht. Ich kann nur vermuten, dass es etwas mit seinem Rechtsstreit zu tun hat. Ingo ist nämlich einer, der wegen seiner Sache bis vor den teufelsländischen Gerichtshof gegangen ist. Der will keine Medikamente nehmen. Er sagt, sie würden ihn bzw. hätten ihn total fett gemacht.
Muss ganz schön frustrierend für das Psychiatrieteam hier sein, jeder sagt nämlich, er sei nicht schwachsinnig. Jeder ist hier so, auch ich bin da keine Ausnahme. Ich sag zwar: „Ich bin nicht unschuldig hier!“, aber schwachsinnig? Nä, das passt nun wirklich nicht zu mir. Aggressiv – ja, das wohl eher, aber letztendlich zweifle ich auch das an, denn die anderen Patienten sagen immer zu mir: „Was machst du eigentlich hier? Du bist doch völlig normal!“
SAMSTAG, 24.09.11, 17:10 UHR
Ich hab Schimpfe gekriegt. Von Hakim. Der ist Kundusianer und trägt immer dieselben Klamotten. Einen blauen Trainingsanzug mit weißen und roten Flicken. Der Trainingsanzug ist aus sehr dünnem Stoff und total verwaschen. Darunter trägt er nur eine Unterhose, eine von diesen Baumwollunterhosen aus der Nachkriegszeit. Die ist total vergilbt. Ich weiß das, weil er sie immer auf denselben Wäscheständer aufhängt, auf dem auch ich meine Wäsche aufhänge.
Auch Andere hängen ihre Wäsche darauf auf. Murat und Werner zum Beispiel. Die Wäsche von denen sieht total ekelig aus. Total verwaschen und vergilbt. Mit Urinflecken und so. Bäh! Echt eklig.
Wenn ich solche Wäsche auf dem Ständer sehe, auf dem meine Wäsche hängt, hab ich sie immer mit einer Wäscheklammer „angefasst“ und weggeworfen. In den Müll. Bah, echt eklig! Da gehören die auch einfach nur noch hin!
Heute allerdings hat Hakim was gemerkt, weil er auch in die Mülltonne geschaut hat, als er eine einzelne Unterhose vermisste. Er hat sie dann wieder rausgeholt und sie mir vor die Augen gehalten. Dabei hat er geschimpft: „Wer macht sowas nur? Sowas Gutes in den Müll zu werfen?“
Er hat wohl geahnt, dass ich es gewesen bin, aber sicher ist er sich nicht gewesen und ich hab’s auch abgestritten.
Danach hatte ich Angst, dass das Mittwoch auf dem Meeting zur Sprache kommt. Nach ner Viertelstunde hab ich mir deswegen eine List einfallen lassen. Ich hab ihm, also Hakim, ein paar von meinen Klamotten angeboten. Natürlich keine Unterhosen, auch wenn die am wichtigsten für ihn wären, sondern fast nie getragene Pullover und einen weiteren Trainingsanzug, den ich auch nie trage. Die Sachen nehmen mir ehrlich gesagt nur Platz im Schrank weg, den man mir zur Verfügung gestellt hat.
Naja. Jedenfalls hat Hakim abgelehnt, klar, der merkt ja gar nicht in welchem Zustand er umherläuft, aber meine kleine List scheint funktioniert zu haben, denn nun lächelt er wieder, wenn er an mir vorbeigeht.
SONNTAG, 25.09.11, 10:40 UHR
Es ist ein besonders schöner Tag. Die Sonne scheint, es ist nicht kalt, aber auch nicht zu warm. In unserem Garten ist noch alles grün, nur vereinzelt kann man schon vergilbte Blätter an den Eichen sehen, die bei uns im Garten stehen. Die Eichen sind fast 100 Jahre alt, so alt halt wie die Psychiatrie hier.
Besonders schön zu beobachten sind unsere drei Eichhörnchen. Eine Familie. Sie kommen immer in unseren Garten und suchen Futter.
Wir haben auch einen Gartenteich, der von Sträuchern und Schilfgras umgeben ist, dazu ein roter Nussbaum. Zu dieser Jahreszeit kann man immer noch die Seerosen sehen, die es auf unserem kleinen Teich gibt. Das Wasser ist so klar, dass man von weitem die Goldfische sehen kann.
Wir haben wirklich einen schönen Garten, er ist einer der schönsten hier auf dem Psychiatriegelände.
Hakim läuft mal wieder im selben Trainingsanzug rum. Das sagte ich gestern ja schon. Er merkt nicht, wie er herumläuft.
Ansonsten ist ja Sonntag. Ich habe meine tägliche Dusche hinter mir und hab noch ein bisschen Fußballliga geschaut. Das Spiel von Paffenheim hab ich verpasst.
Mir fällt es morgens schwerer, in mein Tagebuch zu schreiben. Zu frisch ist der Tag, noch hab ich keine Eindrücke gesammelt. Noch hab ich keinen Schweiß auf der Haut, den ich mit Worten abwaschen könnte.
Mal sehen, wie es mit dem Lernen weitergeht. Ob ich morgens begriffsstutziger bin als abends? Die Hansa Akademie sagt was anderes. Die sagen: „Morgens hat man ein Lernhoch.“
Heute Morgen hab ich noch gesehen, dass Hakim das Blumengießen für Ingo übernommen hat. Jetzt ist die Terrasse voll mit Wasser und die Blumen triefen, als hätten sie 10 l Wasser geschluckt.
Mit ist gestern noch ein Titel eingefallen. Ein Titel für einen Roman. Er heißt: Der „Unterhosenfetischist!“ Na, mal sehen, vielleicht verwende ich ihn.
Ich wollte allerdings erst wieder anfangen zu schreiben, wenn ich bei meinem HansaLehrgang die Kapitel bis zum Roman abgeschlossen habe. Ich hab nämlich ein Problem! An Ideen fehlt’s mir nicht, so ist das nicht, es ist nur so, dass ich bei einem Verlag nicht ankomme. Ich schicke da meine Sachen hin, aber die antworten nie. Werfen meine Sachen immer sofort in den Müll. Scheinbar!
Jedenfalls kenne ich die Grundlagen der Schreibkunst nicht, das heißt: Ich weiß, wie man einen Roman schreibt, aber worauf Verlage Wert legen, weiß ich nicht und deswegen hapert’s wohl bei der Verlagskorrespondenz. Wie gesagt: „Die melden sich nie!“
SONNTAG, 25.09.11, 18:25 UHR
Ich war am Lauchinger See. Habe mir zwei alkoholfreie Bier gegönnt. Das war verboten. Malzbier oder auch alkoholfreies Bier dürfen wir nicht trinken. Steht so in der Hausordnung. Aber mir war’s egal. Ich brauchte das einfach. Jetzt geht es mir wunderprächtig. Total ausgeglichen bin ich.
Am Lauchinger See hab ich auch noch in einem Buch gelesen. Ark de Strumpf von Plemarque. Obwohl mich die Dialoge eigentlich immer mehr langweilen, lese ich dieses Buch doch zuende, denn es ist wirklich großartig geschrieben.
Plemarque nutzt, so scheint mir, den kurzen Satz.
Eigentlich will ich Romane aus der heutigen Zeit lesen, ich weiß nur nie welche. Ich hab mir deswegen eine Bibliographie zugelegt. Darin stehen 1001 Buchtitel und über 100 Bücher aus unserer Zeit, aber noch hab ich mir keins ausgesucht. Ich hab ja noch zu lesen.
MONTAG, 26.09.11, 14:05 UHR
Ich hab mich wieder mit Hakim gestritten. Wegen seinen Klamotten. Wir standen auf der Terrasse. Aybüke, Rolf, ich und Pfleger Kai. Wir unterhielten uns ganz lustig, als Hakim die Treppe zur Terrasse hinaufkam. Ich sagte dann beiläufig in der Gruppe, dass Hakim neue Klamotten gebraucht. Er würde immer in denselben Kleidern umherwandeln. Darüber hat sich Hakim aufgeregt. Angeschrien hat er mich: „Was geht dich das denn an? Meinst du, dass ich stinke? Hier, riech doch mal an mir!“
Ich hab dabei auch ein paar Sprüche zurückgegeben, solange bis Kai uns befohlen hat auseinanderzugehen.
„Unterhosenwegschmeißer!“, hat Hakim zum Schluss hervorgebracht.
Naja. Stimmt ja! Aber wenn sie so eklig sind? Was soll man da denn machen? Seine Wäsche daneben etwa aufhängen? Hätten Sie das getan? Ich hab Kai dann über Hakim aufgeklärt. Kai meinte deswegen, ich hätte das Hakim ja unter vier Augen sagen können. Nun! Hab ich doch. Ich hab ihm ja schon Klamotten angeboten. Zwar mit einem Haken, aber trotzdem: Höflicher kann man einem Menschen doch nicht sagen, dass er sich mehr zu pflegen hat, oder was?
Naja! Jedenfalls stört es mich, dass hier so jemand umherwandelt. Mal sehen, vielleicht werde ich in der Visite was sagen. Mal sehen.
MITTWOCH, 28.09.11, 18:20 UHR
Gestern hab ich vergessen in mein Tagebuch zu schreiben. Erst hatte ich Gruppe, danach bin ich unter die Dusche gegangen und schon war es 18:00 Uhr. Normalerweise setzte ich mich dann hin und lerne, schreibe etwas in mein Tagebuch. Ich weiß auch gar nicht mehr, was ich zwischen 18 und 19 Uhr gemacht habe? Pizza gegessen, fällt mir gerade ein. Deswegen habe ich also vergessen, in mein Tagebuch zu schreiben. Naja, was soll’s.
Heute jedenfalls ist Mittwoch und am Mittwoch ist erst Einzelgespräch, dann Visite, dann Meeting.
Im Einzel hab ich mit Fr. Potz über die KMafia gesprochen. Der Konsonant K steht für Kanibalen. Sie glaubt mir natürlich nix! Sie sagt: „Ich glaube Ihnen, dass Sie davon überzeugt sind!“
Sie hat mich auch gefragt, was ich denn von ihr erwarten würde. Ich sagte: „Ich benötige einen Schrieb, damit Polizei und Anwalt mich ernst nehmen, wenn ich die KMafia anzeigen will.“ Den Schrieb soll ich jetzt selber aufsetzen, damit sie überhaupt erstmal etwas Konkretes vorliegen hat und sich vorstellen kann, was ich überhaupt will. Na gut! Dann mach ich das halt. Irgendwas wird mir schon einfallen. Auch wenn ich im Moment gar nicht weiß, wie ich son Schrieb anfangen soll.
Ansonsten ist meine Therapeutin in anderen Umständen und geht im November. Schade eigentlich. Ich versteh mich ganz gut mit ihr, auch wenn ich sie nicht ansehen mag. Ich schäm mich immer, wenn ich mit ihr rede.
Über die KMafia wollte ich schon lange reden, ich hab mich bisher nur noch nicht getraut. Jetzt hab ich mal allen Mut zusammengenommen, aber das Ergebnis hab ich vorhergesehen. Die glauben mir natürlich nicht. Therapeuten und Psychiater können manchmal engstirniger sein als Schwachsinnige in ihrem Wahn.
DONNERSTAG, 29.08.11, 17:10 UHR
Aybüke hat seine Unterhose auf der Terrasse aufgehängt. Nicht irgendwie in einer verborgenen Ecke, nein, direkt vorn am Eingang, wo wir immer sitzen, rauchen und ratschen.
Ich mein: Aybükes Unterhosen sehen nicht aus wie die von Hakim, sondern Aybükes Unterhosen sind Boxershorts und farbigkariert. Aybüke ist auch unser Küken hier, er ist erst 18! Seine Unterhosen stellt er ohnehin jeden Tag zur Schau, denn er trägt diesen Hosenlook der Rapper. Sie wissen schon: Er trägt seine Hosen auf halb Acht, so dass man immer seinen Arsch sehen kann, der in Boxershorts steckt.
Ich weiß sowieso nicht wie dieser Look aufgekommen ist, denn ich sehe selten Musiksender.
Jedenfalls weiß ich, dass Musiker diesen Look vorgemacht haben und unsere Kinder haben sich damit identifiziert. Das ist eine Kultbewegung geworden. Wir werden also damit leben müssen. Wir tun’s ja längst, denn der Rap ist ja schon mindestens 15 Jahre alt. Aber seine Unterhose vor der Nase des Anderen aufhängen, zum Trocknen na, ich weiß nicht sorecht. Bin ich da etwa spießig, oder was?
FREITAG, 30.09.11, 17:30 UHR
Es ist ein Neuer aufs Haus gekommen. Der heißt Manfred. Hat mich mit Handschlag begrüßt. Dabei hatte er ein ganz nettes Lächeln im Gesicht. Schlank ist er. Mal sehen wie lange noch. Hier auf Haus 7 wird man nämlich sehr schnell dick.
Heute Abend ist auch noch Musikgruppe. Muss ich mein KBoard wieder zu Haus 5 rüberschleppen. Aber Musikmachen macht Spaß.
Neben mir sitzt gerade Patient Kai. Er isst. Er ist mein Zimmerkollege, neben Alexandros. Kai hat immer schwarze Unterhosen an, zumindest sehe ich nie eine andere Farbe an ihm. Kommt mir immer so vor, als sei er in Trauer.
Er trauert auch wegen seinem Urteil. Ganz oft hört man ihn klagen: „Ich bin verprügelt worden, von nem Sicherheitsbeamten! Und nur, weil ich ein Kreissägenblatt dabei hatte, sitz ich nun hier und muss den Stufenplan machen!“
Kai ist jetzt fünf Jahre hier. Er arbeitet in der Arbeitstherapie für 80 Cent die Stunde, ansonsten liegt er auf dem Bett. Wenn nicht, dann schreibt er im gebrochenen Benglisch Geschäftsbriefe. Er will das große Geld machen.
Am Anfang hab ich ihn deswegen respektiert. Am Anfang sprach er auch immer von einem Solarpark auf dem östlichen Kontinent, aber nun hab ich mir einmal, mehr oder minder zufällig, einen seiner Geschäftsbriefe durchgelesen, den er offen auf dem Tisch in unserem Zimmer liegenlassen hat. Da stand was von einer Bestellung von JumboJets, natürlich den A 480. Ich musste deswegen lächeln und mit dem Kopf schütteln. Nun nehm ich ihn nicht mehr ernst. Irgendwann wird er für diese „Geschäftspost“ auch wieder rückverlegt, denn sone Geschichten dürfen wir nicht machen.
Über Kai gibt’s noch zu erzählen, dass er zwei Frauen hat. Eine lebt auf dem westlichen Kontinent, der schickt er immer Geld, dabei hat er so wenig, die andere ist in der Forensik in Wallburg. Auch sie hat mit einem gefährlichen Werkzeug hantiert. Mit ner Axt soll sie auf Polizisten losgegangen sein.
Jetzt war sie ein paar Mal hier und hat Kai besucht. Sie ist 45, sieht aber aus wie 60 und trägt Stringtangas. Man kann es sehen, denn sie trägt noch Jugendfeschen, sodass, das ist ja jetzt auch ganz modern, man ihren halben Arsch sehen kann. Die Figur dafür hat sie aber nicht. Sie ist dick, mit Rettungsring über der Hüfte.
SAMSTAG, 01.10.11, 17:15 UHR
Ich war in der Früh joggen. Ist nur ne kurze Strecke, die ich laufe. Etwa vier Kilometer. Bin auch geradeerst mit dem Joggen wieder angefangen. Von 00 bis ins Jahr 6 hab ich viel gejoggt. 10 Kilometer und solche Strecken. Ich hab auch immer an den Altstadtläufen teilgenommen. Macht ordentlich gute Laune, das Laufen. Sollte jeder tun.
Im Jahr 6 bin ich dann obdachlos geworden. Ich war also ein topfitter Obdachloser. Als Obdachloser hab ich mich mit Diebstählen über Wasser gehalten. Bin mit nem gestohlenen Auto durchs Teufelsland gekurvt. In der Großstadt, ich der ich jetzt in einer Psychiatrie gefangen bin, hab ich am Ende in einem Schwimmbad eine Ohrfeige ausgeteilt. Dafür wurde ich angezeigt und eingelocht.
Im Gefängnis verletzte ich obendrein einen teufelsgläubigen, 9mal vorbestraften Kriminellen und man behauptete deswegen, dass ich ein schwachsinniger Mensch bin und hat mich in eine Psychiatrie gebracht. Dort hock ich nun und warte darauf, entlassen zu werden.
Im März des Jahres 8 bin ich nach hier überstellt worden.
Das sind bis jetzt nun 3,5 Jahre. Klinkt lange, aber die Anderen sind schon viel länger hier. 7 – 18 Jahre. Ich bin also immer noch einer von den „Kurzzeiturlaubern“.
Ne, echt! Die meiste Zeit ist es hier wie im Urlaub. Man sitzt viel im Garten und entspannt sich.
Das machen die Meisten hier.
Ich war noch einkaufen. Hab mir eine neue Strickweste gekauft, eine Jogginghose und zwei neue SportTShirts. Darin schwitz ich nicht so schnell. Neue Unterhosen brauchte ich noch nicht. Meine sind erst ein paar Monate alt. Sie fragen sich, wieso ich soviel über Unterhosen quatsche? Naja: Über eine Million Menschen oder mehr, Frauen wie Männer, zeigen heutzutage ihre Unterwäsche, selbst in der Kirche, also müssen wir wohl mal über Unterhosen reden. Meine sind ganz normal, aus Stretch, in unterschiedlichen Farben.
Ich finde übrigens, dass man an der Unterwäsche eines Menschen sehr viel sehen kann. Zum Beispiel, wie er sich pflegt, ob er ein ordnungsliebender Mensch ist oder ob er sich schön findet, so wie Aybüke mit seinen zur Schau gestellten karierten Boxershorts. Man kann an der Unterwäsche erkennen, welches Selbstwertgefühl ein Mensch hat. Denn wer sich nicht pflegt, dem ist auch das eigene Ich egal. Oder zum Beispiel Hr. Michaels Unterwäsche. Die ist lang. Olivenfarbene Unterwäsche, selbst im Sommer. Das wissen wir alle, denn Hr. Michael duscht nicht, er wäscht sich am Waschbecken, was wohl an seinem Alter liegt, denn er ist der Senior unter uns, mit seinen 80 Jahren. Mit 80 noch in der Forensik. Mann, Mann, was fürn Lebensabend.
Jedenfalls war Hr. Michael Feldwebel bei der Bundeswehr, glaub ich zumindest. Aber die lange Unterwäsche trägt er, weil ihm kalt ist. Er nervt uns regelrecht mit seinem Fimmel die Terrassentür zu schließen.
An meiner Unterwäsche kann man erkennen, dass ich ein bisschen selbstverliebt bin. Meine Unterwäsche gehört nämlich eigentlich zur Kategorie Erotikwäsche, auch wenn die jedes halbe Jahr wechselt. Teuer war sie nicht. Schön erotisch seh ich darin allerdings nicht aus, denn leider hab ich auch einen Bauch gekriegt. Und wer sieht schon erotisch mit Bauch aus? Dabei, obwohl: Fr. Flopp, unsere Sozialtherapeutin, dreht sich immer nach mir um und linst, wenn sie mich auf dem Gang der Station in Unterwäsche sieht. Aber ne Chance bei diesen Leuten hat man hier nicht, denn Sex zwischen Therapeut und einem Schwachsinnigen ist die Hölle auf Erden, das darf man nicht. Das wird als notgeil bezeichnet. Ja, Sex auf der Station ist für jeden hier verboten!
SONNTAG, 02.10.11, 10:00 UHR
Es ist Sonntag! Ich habe meine Dusche hinter mir, eins der neuen TShirts an und Kuchen hab ich auch schon gegessen. Sonntags gibt’s nämlich immer Kuchen.
Aybüke ist auch im Aufenthaltsraum und übt Karate. Natürlich in Unterhose bzw. mit Hose auf halb Acht.
Letztens sah ich ihn am Pissbecken, mit heruntergelassener Hose stand er da und telefonierte. So wie die heutige Jugend ist. Arschfrei mit Handy in der Hand, zu jeder Tageszeit, an jedem Ort.
Zuerst hab ich ihn aber heute Morgen im Zimmer nebenan rappen gehört. Sein Zimmerkollege hielt sich dabei die Ohren zu.
In gewisser Hinsicht bewundere ich Aybüke, denn er hat keine Hemmungen seine Kreativität auszuleben, auch wenn sie unter der Gürtellinie ist. Könnte ich mir davon man ein Stück abschneiden. Vielleicht würde ich dann täglich singen und pfeifen. Pfeifen tu ich ja täglich, aber singen? Das trau ich mir einfach nicht.
Am Dienstag in der Stationsgruppe hatten wir auch das Thema Musik und Gesellschaft. Von Waller, der Zimmergenosse von Aybüke, hatte das Thema angeschnitten. Als ich sagte, dass ich gern HeavyMetall höre, waren alle skeptisch und meinten, ich würde nur Geschräddere hören.
DIENSTAG, 04.10.11, 17:50 UHR
Meine Therapeutin wollte mich stufen, aber der Oberarzt hatte was dagegen. Ich wäre noch nicht lang genug in der Arbeit.
Auf der Arbeit gibt’s auch Probleme. Ich fahre Auto, nehme aber auch Medikamente. Jetzt rückt die Verwaltung nicht mit dem Arbeitsvertrag raus. Es wäre unklar, wer die Verantwortung übernimmt. Morgen will vielleicht mein Chef fahren, weil Ronja krank ist. Na, mal sehen was morgen wird.
Ansonsten hab ich mal wieder Baguettes mitgebracht und 10 Bratwürste. Sind vom Catering übriggeblieben. Das Essen hab ich auf der Station verteilt. Schon ein paarmal hab ich das gemacht, dadurch bin ich in der Beliebtheitsskala ein wenig gestiegen.
Gestern hab ich meine zweite Hausaufgabe korrigiert. Samstag geschrieben, Sonntag korrigiert. Ich find, sie ist ganz ordentlich geworden. Jetzt lass ich sie ein paar Tage liegen, bis Donnerstag, mal sehen ob sie sich dann immer noch so gut liest. Bei der Grammatik und Zeichensetzung muss ich dieses Mal aufpassen. Ich neige nämlich dazu den Tempus zu wechseln.
Ich habe auch noch nicht in das neue Lernheft reingeschaut. Werde es gleich tun. Bin gespannt, wie die nächste Hausarbeit aussieht. Die ersten beiden Hefte kannte ich schon zum größten Teil. 1998 hab ich mich nämlich schon mal für so einen Kurs (Studium) eingeschrieben. Erst das dritte Lehrheft wird also ganz neu für mich sein. Vielleicht muss ich einen Dialog erfinden oder sowas. Na, mal sehen was kommt.
DONNERSTAG, 06.10.11; 18:30 UHR
Gestern hab ich wieder nicht in mein Tagebuch geschrieben. Stattdessen habe ich mit Pfleger Beck meine Hausaufgabe „korrigiert“. D. h.: Ich habe Beck die Geschichte „Der Zauberapfel von Atlantis“ lesen lassen. Er meinte danach: „Nette Kindergeschichte!“ Tja! Das hat mich nicht überrascht. Das war klar, denn die Hausaufgabe bestand ja darin, eine Story zu schreiben, über einen Jungen mit Schlägermütze und Apfel in der Hand. Meine Geschichte wurde dann eine Kindergeschichte, mit einem goldenen Drachen und ner Räuberbande, die zu nem Ameisenhaufen verwandelt wird.
Auf der Arbeit läuft alles routiniert. Ronja ist immer noch krank, nun hab ich die Verantwortung. Musste deswegen Karin und Reiner antreiben. Die haben geschludert, weil Ronja nicht da ist. Nun waren wir wegen meinem Antreiben schon um 14:30 Uhr fertig. Na, geht doch!
Ich hab das Antreiben auch gar nicht so schimpfend gemacht, sondern einfach nur gesagt, was gesagt werden musste.
Ansonsten gibt mein Kugelschreiber jetzt schon den Geist auf, nach son paar Zeilen. Immer setzt er aus. Das nervt ganz schön.
Plemarque ist doch kein Meister des kurzen Satzes. In seinem Buch Ark de Strumpf hat er eine Menge an unendlich langen Sätzen verfasst. Aber man kann sie lesen, letztendlich ist es das, was zählt.
Meine 2te Hausaufgabe! Gerade hab ich sie weggeschickt und als nichts mehr zu machen war, hab ich einen Fehler entdeckt. Gleich im ersten Satz hab ich ein Wort kleingeschrieben, anstatt groß. Verdammt, echt! Wieso denn gerade im ersten Satz?
Mal sehen, was ich deswegen zu hören bekomme. Vielleicht nichts, vielleicht aber auch ne Standpauke, denn ein Fehler im ersten Satz ist echt grandios daneben.
FREITAG, 07.10.11, 17:30 UHR
Es ist Wochenende. Am Montag geht es weiter mit der Arbeit. Normalerweise habe ich am Montag immer frei, aber Ronja ist noch immer krank, jetzt muss ich für sie am Montag einspringen. Schade! Montags frei zu haben, das ist wirklich ne tolle Sache.
Murat hat sich einen neuen Hut gekauft. Einen schwarzweiß Karierten. Er sagt: „Ein Musiker muss so etwas tragen.“
Wir haben noch einen hier mit Hut. Schröder heißt der. Der trägt einen schwarzen Hut. Dazu hat er langes, gebleichtes Haar. Seine Hemden trägt er offen bis zum Bauchnabel, so kann man immer seine goldene Kette sehen.
Schröder hat seine Hände tätowieren lassen. Schwarzrote Schlangen schlängeln sich über seine Handrücken. Seine Hände trägt er immer ausgestreckt, so als wolle er einen Karateschlag ausführen. Bei ihm kann man sehen, dass Tätowierungen den Menschen total beeinflussen.
Ronja ist auch am ganzen Körper tätowiert. Sie hat mir erzählt, dass sie in einem Erziehungsheim aufgewachsen ist. Ihre Mutter soll total schräg gewesen sein.
Ronja ist klein, eine Farbige und hat für ihre Größe sehr prächtige Brüste, die auch tätowiert sind. Sie ist wirklich überall am Körper tätowiert.
Aber ich kann nicht erkennen, wie die Tätowierungen sie verändert haben. An Ronja fällt mir nur auf, dass sie immer sehr gestresst ist. Morgens allerdings trödelt sie, wie alle beim Café Seelenbrot.
Na gut! Ich trödel morgens nicht. Das ist bei den Anderen auch schon angekommen. Unser Chef hat mir vor ein paar Tagen gesagt, dass sie mal Glück gehabt haben, mit ihrem neuen Mitarbeiter. Damit meinte er mich. Gut zu wissen, dass ich dieses Mal einen guten Start erwischt habe. Aber so war es eigentlich immer. Ich mach halt meine Arbeit, ohne viel zu meckern oder mich vor irgendwas zu drücken.
SAMSTAG, 08.10.11, 17:10 UHR
Die Abendessenszeit ist gerade rum. Die ist immer um 16:45 Uhr.
Heute war oder ist einer von diesen langweiligen Tagen. Nichts passiert, nix ist los. Ich war einkaufen, hab mir Tabak und Duschgel besorgt und war im Café Schweiger. Dort hab ich ein Stück Schokorolle und einen Kaffee zu mir genommen.
Insgesamt war ich deswegen 1,5 Stunden draußen. Morgen werde ich wohl ins Kino gehen. Vorher noch Joggen. Egal was fürn Wetter ist. Das ist nämlich derzeit besonders mies. Regen, 7°C, alles grau in grau, als wenn wir schon November hätten.
Die Nachrichten sagen, im Erzgebirge hätte es bereits geschneit. Die ersten Skipistenjäger wären schon unterwegs.
Gerade passiert doch etwas. Aybüke und Hakim sind im Streit. Ich weiß nicht genau worum es geht, ich weiß nur, dass Aybüke zu Hakim gesagt hat: „Saukerl! Aso!“, und dass Hakim darauf total aggressiv reagiert. Lautstark motzt er gerade auf dem Flur. Momentan ärgert er sich darüber, dass Aybüke Pfleger Walddorf eingeschaltet hat.
In der Hinsicht sind wir zwiegespalten. Die eine Hälfte von uns schwachsinnigen Patienten geht, beim ersten Anzeichen von Streit, zum Pflegeteam, die Meisten aber sagen nichts, regen sich dann aber doch darüber auf, dass der Andere zum Pfleger gerannt ist.
Murat hat sich gerade in den Streit eingemischt. Er wirkt beruhigend – beschwichtigend – auf Hakim ein. Pfleger Walddorf spricht mit Aybüke.
Eine Verlegung wird es deswegen aber nicht geben. Wegen jedem Streit werden wir nun auch wieder nicht auf 50 eingesperrt. Aber diskutiert wird darüber, spätestens Mittwoch in der Visite.
Ich mag Aybüke lieber als Hakim. Aybüke ist sauber. Er steht jeden Tag unter der Dusche und trägt gepflegte Klamotten. Hakim nicht. Ich sagte ja schon: Der trägt seit vier Monaten dieselben Kleider.
Hakim kann sehr freundlich sein, aber ich weiß, dass das nur Fassade ist. Ob Hakim wohl ein echter Psychopath ist? Gefährlich und unberechenbar?
Pfleger Walddorf fragt Hakim gerade: „Was war denn los?“, und Hakim sagt: „Eigentlich gar nichts. Aybüke hat mich beschimpft, hat sich über mich aufgeregt und ist dann einfach zu Ihnen geflitzt!“
Das glaubt Pleger Walddorf natürlich nicht, nun diskutieren sie auf dem Flur. Ich verstehe aber nichts. Es hallt hier zu sehr.
Jetzt sind ein paar Minuten vergangen und Hakim steht im Aufenthaltsraum, in dem ich schreibe. Er redet mit Günter. Auch so einer, der kein Bock auf Dusche hat und das offen erzählt. Hakim sagt: „Aybüke ist ein Kind, das in einer schmutzigen Sprache spricht. Was soll das nur?“
Nun kommt Pfleger Walddorf dazu und spricht wieder mit Hakim. Hakim ist wieder sehr laut.
Am liebsten würde ich dazugehen und meine Meinung kundtun. Aber das lass ich lieber bleiben, das macht alles nur noch schlimmer. Pfleger Walddorf würde auch nicht darauf eingehen, glaub ich zumindest.
Jetzt endlich ist wieder Ruhe eingekehrt. Die Langeweile beginnt wieder. Naja, ich hab ja noch zum Lernen, das wird mir über die Zeit helfen.
DIENSTAG, 11.10.11, 17:30 UHR
Habe wieder, zwei Tage dieses Mal, nichts in mein Tagebuch geschrieben. Stattdessen habe ich auf der Website der Hansa Akademie die Korrektur meiner zweiten Hausaufgabe gelesen.
Die Korrektur ist eigentlich ganz positiv ausgefallen. Regina Wolfes meinte, sie hätte meine Geschichte „Der Zauberapfel von Atlantis“ gern gelesen. Sie sagte aber auch, dass sie von Phantasiestorys keine Ahnung hätte. Sie meinte, das wäre nicht so ihre Domäne. Deswegen ist ihre Beurteilung sehr dürftig ausgefallen. 100 Dollar war das auf jeden Fall nicht wert. Die zahl ich nämlich monatlich.
Naja! Jetzt geht es bei meinem Fernstudium darum, eine neue Hausarbeit einzureichen. Dieses Mal muss ich eine Erzählung oder einen Sachbericht schreiben. Wieder nur 80 Zeilen lang. Son paar Zeilen sind viel zu wenig. Ich mein: Wie soll man denn auf sonem Schnipselchen Papier, das diese Zeilenvorgabe bestimmt, ein echtes Erlebnis draufquetschen?
MITTWOCH, 12.10.11, 18:30 UHR
Heute hatten wir wieder Meeting. Hr. Michael sind Schokoladen entwendet worden.
Mir hat man auch schon oft Obst gestohlen. Mein Obst lag allerdings frei zugänglich für jedermann im Aufenthaltsraum auf dem Tisch. Hr. Michael sagt aber, man hätte ihm die Schokoladen aus seinem Zimmer gestohlen. Auch Aybüke sagt, man hätte ihm aus dem Kühlschrank etwas weggenommen. Die Reaktion vom Team war recht kühl. Was solln se auch machen? Pfleger Walddorf meinte: „Das Betreten fremder Zimmer ist verboten!“
Am meisten aber ärgere ich mich über Kohl. Der regt sich darüber auf, wenn ich pfeife. Den stört das. Ich weiß: Einige Menschen regen sich darüber auf, wenn sie jemanden pfeifen hören. Aber das liegt nicht an den Pfeiftönen, sondern daran, dass diese Menschen oftmals brummig sind. Kohl ist auch so einer. Er ist über 50, hat kurzgeschorene Haare und wiegt wahrscheinlich über 100 kg, bei einer Körpergröße von 1,75 m.
Das hab ich auch schon im Gefängnis erlebt. Dort gibt es viele, die sich aufregen, wenn sie jemanden sehen, der singt, lacht oder wie ich pfeift.
Die begreifen einfach nicht, dass man trotz Gefangenschaft noch gute Laune haben kann.
Letztendlich sind diese Leute also eifersüchtig auf Andere mit guter Laune. Pfeifen, Singen, Tanzen usw. sind nämlich Ausdrücke großer Lebensfreude.
Kohl meint, dass sei Egoismus, man müsse doch Rücksicht auf die Anderen nehmen, man würde wohl glauben, man wäre ganz allein auf der Station. Das hat Kohl mir gesagt und er hat mich dabei angeguckt, als wolle er mich beim nächsten Mal totschlagen.
Nun hab ich Angst vor Kohl, und deswegen hab ich überhaupt keine Lust mit Vernunft auf ihn einzugehen. Aber ihn provozieren darf ich auf keinen Fall. Dann werd ich wohlmöglich fürs Pfeifen verprügelt!
Aber aufhören mit Pfeifen will ich auch nicht.
Mein Pfeifen ist auch nicht so schief wie Murats Musik, die uns alle nervt. Mein Pfeifen ist schön, das hat sogar schon – neben vielen Anderen – der teufelsländische Musiker Mathias Leim gesagt. Der wollte mich sogar mit auf die Bühne nehmen, damals, als ich als Maschinenbaustudent für ihn als Rowdy arbeitete. Ich konnte damals nur keins seiner Lieder pfeifen, deswegen ist es nicht dazu gekommen.
Trotz Kohl werd ich aber nicht aufhören zu pfeifen. Es kann nicht angehen, dass die Schlechtgelaunten hier das Hausrecht erwerben. Pah! Wo kämen wir denn dahin?
Kohl ist augenblicklich sowieso mehr genervt als sonst. Das Team drängt ihn zur Arbeit. Das will er aber mit seinen 50 Jahren nicht mehr. Aus Faulheit, denke ich. Er frönt lieber seine schlechte Laune und isst am Tag 10 Eier. Er ist auf Eierdiät, sagt er.
Kohl erinnert mich an Corinna, eine Freundin, die ich als Maschinenbaustudent mal hatte. Die hat zu dem Thema gesagt: „Komisch, dass manche Menschen ihre Depression auch noch pflegen!“
So ähnlich ist das auch bei Kohl. Er arbeitet wenig, liegt viel im Bett, isst zu viel Eier und ist dementsprechend gelaunt, und wenn dann jemand kommt und gutgelaunt vor sich hinpfeift, weckt ihn dass, er erkennt sein Dilemma, dass er nicht wahrhaben will und regt sich deswegen über den Anderen auf. Und wie wütend diese Typen werden, weiß ich aus dem Gefängnis. Die werden dann ganz böse.
DONNERSTAG, 13.10.11, 17:30 UHR
Heute lief alles rund. Bei der Arbeit kamen wir gut voran, die Kinder, für die wir das Catering ausliefern, kamen portionsweise und so konnten wir schon vor 13 Uhr alles wieder einräumen. Das sorgte dafür, dass wir bereits um 14:30 Uhr zurück im Café Seelenbrot waren.
Gestern Abend bin ich erst um Eins in der Nacht eingeschlafen. Weiß auch nicht woran es lag. Normalerweise schlafe ich immer vor 22 Uhr ein, aber gestern ging es einfach nicht. Kai sah bis drei Uhr in der Nacht fern und Alexandros schnarchte schon ab 18 Uhr in seinem Bett.
Alexandros ist Leichenländer. Wir können alle seinen Nachnamen nicht aussprechen Roliroinadis oder so, schwieriges Wort.
Ich hab auch Schwierigkeiten meinen eigenen Namen auszusprechen. Ich weiß allerdings nicht woran es liegt. Kompliziert ist er nämlich gar nicht. Brasstoll heiße ich. Aber ich spreche ihn immer so aus, sodass meine Mitmenschen Wasstoll verstehen. Auch die Polizei hat mich mal verdächtigt, die Verbrechen eines Masstolles begangen zu haben und das, weil ich meinen Namen nicht richtig aussprechen kann.
Früher, also vor Beginn meiner Erinnerungskrankheit, da war das nicht so. Zu der Zeit verstanden mich alle immer korrekt und schrieben meinen Namen auch richtig. Jetzt machen sie das nicht mehr.
Aber sagen, dass ich undeutlich spreche, tut auch keiner. Wer macht sowas auch schon? Im Teufelsland jedenfalls macht das niemand. Schwachsinnige Behinderungen werden nicht direkt angesprochen. Man tuschelt nur darüber oder lacht gar darüber, aber offen mit dem Schwachsinnigen über seine Behinderung reden, das tut niemand. Schade eigentlich! Ich hab nämlich schon ein paar Menschen hier in der Psychiatrie kennengelernt, die ganz undeutlich sprechen. Denen hab ich’s dann immer gesagt. Danach hab ich aber keine Schläge gekriegt oder Schimpfe, sondern ich hörte stets ein Dankeschön, das aufrichtig war.
FREITAG, 14.10.11, 17:30 UHR
Ich habe das KeyBoard abgegeben. Drei Jahre hab ich darauf gespielt, allerdings nicht richtig. Ich hab die ForensikBand immer nur mit Akkorden begleitet. Manchmal hab ich auch kleine Melodien gespielt.
Am Anfang hat mir das auch richtig Spaß gemacht. Die Lieder, die wir spielten, dazu passte diese einfache Art Musik zu spielen auch, aber mittlerweile haben wir zwei neue Gitarristen und die Beiden sind echte Profis. Dementsprechend anspruchsvoller wurden die Musikstücke, die wir spielten, und dazu passt mein billiges Akkordespielen nicht mehr. Zu abgehackt klingt das einfach.
Ich hab mir dann damals ein Buch gekauft, mit dem man sich selbst das KeyBoardSpielen beibringen kann, aber ich hatte nicht genug Ehrgeiz, um stundenlang ein und dasselbe Musikstück einzuüben.
Naja! Jetzt hab ich es aufgegeben. Hat Mut gekostet, aber ich hab’s geschafft. Dem Team hab ich’s noch nicht erzählt. Ich warte bis Mittwoch, da hab ich Einzelgespräch, in dem sich das vernünftig klären lässt.
SONNTAG, 16.10.11, 10:55 UHR
Hatte heute Morgen eigentlich vor Joggen zu gehen, hab’s aber nicht getan. Mal sehen, vielleicht schaff ich’s ja morgen.
Gestern hab ich mir einen neuen Kopfhörer gekauft. Von Rennheiser. 107 Dollar hat der gekostet. Dazu Socken von Turmfalke, die mir 48 Dollar gekostet haben. Fühlen sich gut an, an den Füßen.
Damals hab ich immer die billigsten Sachen getragen. Hatte nie genug Geld für bessere Socken, aber dann hab ich mir mal bessere gekauft und seitdem tu ich das nur noch, denn man fühlt sich viel wohler in guten Socken.
So ist das auch mit Unterwäsche. Gute Unterwäsche gibt einen ein ganz anderes Lebensgefühl. Ein viel besseres. Deswegen ekel ich mich auch vor der Unterwäsche der Anderen hier auf Station. Ich stell mir immer vor, wie sich das anfühlen muss, in diesen ausgelaugten, abgetragenen nicht mehr sauber zu kriegenden Unterhosen und Socken. Bäh! Echt, i bah!
Heute Nachmittag werde ich wieder zum Lauchinger See fahren und die Oktobersonne genießen. Mit einem Buch in der Sonne, dazu alkoholfreies Bier, das ist wirklich was Feines.
Frau Pelzmann ist als Pflegeteam da. Die räumt immer ganz penibel den Kühlschrank auf. Auch die Geranien hat sie von der Terrasse entfernt und in den Keller gebracht. Sie ist hier die Hausfrau unter den Pflegern, Walddorf der Kinogänger und Badvice der Ausflügler. Pfleger Hanken ist die Stationsleitung und Beck der Polizist. Der einzige Pfleger, der keine Macke hat, ist Kai. Er ist auch der Jüngste im Pflegeteam und sieht deswegen alles ein bisschen lockerer.
Ich bin auch über Hakim überrascht. Ich mein: Er trägt immer noch die gleichen Klamotten, aber gestern hat er mit mir gescherzt. Das hatte ich gar nicht von ihm erwartet. Ich dachte, er sei total nachtragend.
Seine Unterhose allerdings hat er wieder auf den Wäscheständer aufgehängt. Da glänzt sie jetzt, strahlt regelrecht vor sich hin. Ob da wohl Radioaktivität austritt?
Na, jedenfalls werde ich sie dieses Mal hängen lassen. Er holt sie ja doch wieder aus der Mülltonne raus.
Manfred ist weiterhin freundlich zu mir, allerdings ist sein Lächeln nicht mehr so smart wie vorher. Er war beim Zahnarzt und bekommt eine Prothese. Deswegen fehlen ihm jetzt lauter Zähne und er hält sich die Hand vor den Mund, wenn er spricht.
Dabei sieht man gar nichts beim Sprechen, nur beim Lächeln.
Manfred ist übrigens nach Paragraph 67h untergebracht. Bewährungswiederruf heißt das. Er ist rückfällig geworden, hat als schwachsinniger Alkoholiker wieder getrunken. Nun sitzt er hier auf Station und betreibt Krisenintervention.
MONTAG, 17.10.11, 14:20 UHR
Heute ist mein freier Tag. Montags hab ich ja immer arbeitsfrei. Ronja ist also wieder da.
Pfleger Badvice, der Ausflügler, ist im Dienst. Er hatte 2,5 Wochen Urlaub.
Ich kann ganz gut mit ihm, auch wenn er immer einen auf gut Kumpel macht, was ziemlich schleimerisch ist.
Hakim hat mal andere Klamotten an. Eine Jeans und dazu eine Regenjacke. Sowieso laufen, jetzt wo es kälter geworden ist, viele von uns in Winterjacken auf Station umher. Es ist auch kühl hier im Haus und in den Zimmern.
Im Winter kann man sich nur im Zimmer aufhalten, wenn man unter der Bettdecke liegt. Sonst ist es einfach zu kalt. Ich hab mir zusätzlich ein Unterhemd angezogen. Dazu ein TShirt und darüber eine schwarze Strickweste. So geht’s!
In unserem Garten sind die Strafgefangenen aus der Gartengruppe am Arbeiten. Sie hacken das Laub zusammen und entsorgen es.
Hr. Michael ist gerade reingekommen. Er schnauft immer wie eine Dampfwalze. Keine Ahnung wieso. Ich weiß nur, dass alte Leute ihre Eigenheiten entwickeln und Hr. Michael ist ja schon 80 Jahre alt.
Unsere Putzfrau geht gerade. Sie hat von 6 Uhr an unsere Station geputzt. Sie kommt jeden Tag, aber montags macht sie groß Reine.
Ansonsten ist mal wieder einer von diesen lauen Tagen. Bin früh aufgestanden, hab geduscht, zu Mittag gegessen und nun sitz ich hier und schreibe in mein Tagebuch.
Gestern war ich am Lauchinger See, wie schon gesagt. Dort habe ich einen Sachbericht über Atlantis geschrieben. Mal sehen, vielleicht schick ich den an die Hansa Akademie. Die können den ja beurteilen, sodass ich ihn richtig korrigieren und danach veröffentlichen kann.
Ich denke auch viel über meinen Roman nach, den ich schreiben möchte, um mein Elend mal klarzustellen, aber irgendwie scheint mir dieses Projekt für zu kompliziert. Zuviel ist passiert, zu viel hab ich vergessen.
Am meisten denke ich über einen Titel nach. Mir kam die Idee, mein Buch „Der Exorzist, ein Kinderanpisser“ zu nennen, aber von so einem Titel schreckt ja die Weltliteratur zurück. Vor ein paar Tagen dachte ich an den Titel „Holger“. Das ist der Name meines verstorbenen Bruders. „Der Pfeifer“ ist mir auch schon in den Sinn gekommen, das wäre dann der Titel für mein Lebenswerk.
Die von der Akademie sagen, man soll nicht versuchen sein ganzes Leben auf einmal aufzuschreiben. Besser wäre, einzelne Episoden zu dokumentieren, und wenn ich mich bei meinen Überlegungen an diese Aussage erinnere, fällt mir das Überlegen tatsächlich leichter. So – mit gewissen Episoden, Teilabschnitten des Lebens – haben es ja auch schon andere sehr erfolgreich geschafft ihr Leben in den Griff zu kriegen.
DIENSTAG, 18.10.11, 18:35 UHR
Gerade hab ich Günter dabei geholfen, einen problembezogenen Lebenslauf zu schreiben. Den braucht er, damit er in eine therapeutische Wohngemeinschaft entlassen werden kann.
Das Ganze hat etwa 1,5 Stunden gedauert und wir haben 1,5 Seiten verfasst. Günter hat selbst geschrieben. Er ist Linkshänder und war sehr langsam, seine Handschrift eher krakelig.
Ich weiß nicht, was Günter früher alles angestellt hat, aber den Paragraphen 63, die Bevölkerung sagt auch Gummiparagraph dazu, hat er gekriegt, weil er in eine Bank eingebrochen ist. Er hat dort viel Geld vermutet. Gefunden hat er 13 Dollar. Deswegen sitzt der jetzt schon seit August des Jahres 6 in Haft bzw. in einer Psychiatrie. Die Ärzte haben ihn halt für „schwachsinnig“ eingestuft.
Ansonsten ist Günter auch einer, der selten die Kleider wechselt. Er hat kein Bock zu duschen, wie ich schon sagte, und das sagt er auch immer.
Apropos Dusche! Da muss ich ja auch noch drunter. Um 19 Uhr beginnt ja meine Lieblingsserie. Die uralten Serien von Raumschiff Voyer. Star Trek, das guck ich wirklich sehr gern.
MITTWOCH, 19.10.11, 18:30 UHR
Heute war Meeting. Der Umgangston unter uns Patienten wäre unsozial, um nicht zu sagen asozial. Ich hab mich da gefragt, auf was sich das bezieht. Nach dem Meeting hörte ich dann Kohl reden. Er sagte, dass würde sich auf ihn beziehen, weil er mal unfreundlich zu Aybüke gewesen ist.
Aybüke hat bei den Anderen voll verloren, hab ich gemerkt. Er ist ja der Jüngste hier und erntet deswegen überhaupt keinen Respekt. Er ist in den Augen aller hier nur ein minderwertigkeitskomplexgesteuerter junger Spund.
Naja! Ein bisschen hat er sich das auch selbst zuzuschreiben, denn so, wie er hier immer rumhampelt und rappt, darüber lachen die anderen Patienten natürlich nur. Vor allen Dingen die, die über 50 sind.
Manchmal denke ich, dass 50Jährige besonders spießig sind. Scheinbar ist das im Teufelsland eine Altersgrenze, die eine Bewusstseinsänderung mit sich bringt, denn ich hab nicht nur hier auf Station die Spießigkeit bei 50Jährigen erlebt, sondern auch schon anderswo.
Mit 50 sind die plötzlich alle auf einmal so ordnungsliebend! Jähzornig ein bisschen und die erwarten, dass man ihnen den totalen Respekt zollt, den man auch einem 80Jährigen gegenüber aufbringt. Passiert das nicht, werden die 50Jährigen leicht aggressiv, so wie Kohl, wenn er mich zum Beispiel pfeifen hört.
Aybüke bekommt auch immer Besuch von seiner Mutter. Die kocht dann für ihn. Oft bringt die Mutter auch Freunde mit und es ist ein volles Haus hier.
Deswegen beneide ich Aybüke wieder ein bisschen. Er bekommt viel Besuch von seiner Familie. Das hätte ich auch gern.
Ansonsten: Carlos ist auf 50 zurückgebracht worden. Wir wissen wieder nicht wieso. Wie immer. Man merkt es nur. Auf einmal ist einer auf Station weniger. Beim Meeting fehlt plötzlich einer. Schrecklich, dieser Zustand mit dem Verlegen, vor allem, weil man diesen Männern selbst nichts anmerkt. Morgens sind sie noch da und rauchen mit einem zusammen und dann kommt man von der Arbeit und es fehlt einer. Das ist fast so wie im Roman 1984 von Georg Orwell.
Von Carlos weiß ich, dass er seine Oma sexuell belästigt haben soll. Er sagt, es wäre genau umgekehrt gewesen, einer alten Frau hätte man nur mehr geglaubt.
Am Anfang war Carlos ganz normal. Er redete auch normal, aber er ist einmal weggelaufen, zu seiner Mutter. Danach haben sie ihn zurückverlegt, aber nur für ein paar Wochen. Ich bin kurz darauf in ein anderes Haus gekommen. Carlos folgte mir nach sechs Monaten. Er hatte sich aber total verändert. Ganz abgehackt hat er zuletzt gesprochen und dabei immer mit dem Kopf genickt.
Carlos haben se auf jeden Fall irgendwann in diesen sechs Monaten gewaltig manipuliert, um nicht zu sagen: Ins Gehirn geschissen. Die Ärzte haben diesen Wandel natürlich auch bemerkt, aber die denken auch, dass sie nicht schuld sind. So ist das übrigens immer. Die Ärzte sind nie schuld, immer nur wir Schwachsinnigen.
DONNERSTAG, 20.10.11, 18:30 UHR
Mein Chef vom Café Seelenbrot, HuberWallross, war mit zur Arbeit, weil gleich vier Personen krank sind. In meinen Augen drücken die sich alle nur vor der Arbeit. Ist auch ein schwerer Job, den ich da angefangen bin. Vom Denken her nicht so, aber Essen für 300 Kinder ist sehr schwer. Fast 1 Tonne Equipment plus Essen transportieren wir täglich hin und her. Man muss also bei dem Job schwer schleppen, und schnell muss man arbeiten, sonst wird man nicht pünktlich fertig. Um 11 Uhr kommen nämlich die ersten Kinder. Hungrig sind sie dann und wollen schnell was zu essen.
Schlimm ist, dass die pirischländischen Lehrer, wir liefern das Essen für die Kinder in einer pirischen Schule aus, heute gestreikt haben, so sind viele Kinder nicht gekommen und nun denkt unser Chef, dass wir tagtäglich nen lockeren Job haben.
Ich hab noch eine Nachricht von der Patientenbücherei bekommen. Habe das Buch Ark de Strumph noch nicht zurückgegeben. Vier Wochen hatte ich Zeit, es zu lesen, aber ich bin immer nur am Wochenende zum Lesen gekommen.
Nach der Arbeit hab ich’s nun eben zuendegelesen. Ist ein gutes Buch gewesen, war spannend und interessant. Plemarque schreibt wirklich sehr gut über die verlorene Generation. Hat sich wirklich gelohnt, das Buch zu lesen! Mal sehen, was ich als nächstes lesen werde? Wohl eins aus der Neuzeit, eben eins aus unserer Zeit. Mal sehen, mal sehen! Bin schon ganz gespannt darauf.
FREITAG, 21.10.11, 17:25 UHR
Abendessen war gerade. Ich hab das Mittagessen von heute Mittag noch präsentiert bekommen.
Bei der Arbeit hatte ich einen Finanzbuchhalter als Aushilfe dabei. Der hat mir den ganzen Tag die Ohren vollgequatscht. Ich mein: Er war ein netter Kerl und hat viel Sport in seinem Leben betrieben. Mit seinen 65 Jahren spielt er immer noch Tennis. Aber ich muss doch nicht wirklich wissen, wo er sein Meerschweinchen verbuddelt hat. Aber echt, alles hat der mir erzählt, sein ganzes Leben, auf das er sehr stolz ist und es wahrscheinlich auch sein kann.
Trotzdem verstehe ich die Leute, die in einer Tour labern, nicht so ganz. Für die ist Stille wohl sowas wie Vakuum, das unbedingt mit Akustik gefüllt werden muss.
Naja! Ansonsten hat er, dieser Finanzbuchhalter, gut gearbeitet. Er ist auch kein schwachsinniger Forensiker. Er arbeitet beim Seelenbrotverein, ehrenamtlich. Er ist halt Rentner. Verheiratet ist er, scheint aber keine Kinder zu haben, sonst hätte er mir wohl davon erzählt. Eltern sind doch immer so stolz auf ihre Kinder.
Nun ja. Fast! Meine waren wohl nicht so begeistert von mir – in deren Augen war ich ja mal sowas wie ein Besessener. Deswegen hab ich im Leben auch oft zugeschlagen, besser gesagt, zurückgeschlagen, und nun stehe ich als Schwachsinniger da, war im Gefängnis und verweile derzeit in der Forensik. Also worauf sollte meine Familie stolz sein?
SONNTAG, 23.10.11, 11:00 UHR
Badvice und Pelzmann sind als Team da. Badvice spielt BagGamon mit Hakim und verliert, Pelzmann kümmert sich wieder um den Haushalt hier auf der Station.
Badvice ist ein schlanker Mann mit etwa 1,94 m Größe. Oft hat er RoyBlackTShirts an, dazu Jeans und Slippers. Heute trägt er dazu eine rotschwarzkarierte Stickjacke. Er hat graues Haar und eine Bart.
Fr. Pelzmann trägt immer Jeans, wenn sie auf Station ist. Sie hat einen Pagenschnitt und ist für eine Frau recht klein. Sie hat aber einen Mann, der fast 1,90 m groß ist und mindestens 130 kg wiegt. Er ist Stationsleiter, der auf Haus 21 arbeitet.
Ich frag mich immer, was eine solche Frau zu solch einen dicken Mann hinzieht? Vor allem, weil sie sehr auf ihr Gewicht achtet.
Sie macht auch die Kochgruppe und daher weiß ich, dass sie sehr wenig isst.
Soweit ich weiß, haben die Beiden keine Kinder.
Fr. Pelzmanns Mann war zeitweilig auch auf Haus 5, wo auch ich kurzzeitig stationiert war. Dort habe ich mit ihm viel Karten gespielt. Blöckkopf vor allem. Dabei hat er sich nicht dumm angestellt.
Man lernt die Pfleger auf den Stationen immer irgendwie kennen. Ich hab sogar ein sehr gutes Verhältnis zu allen. Ich weiß nicht, was sie in ihren täglichen Berichten über mich schreiben, aber ich glaube nicht, dass es durchweg negativ ist.
Hakim war beim Friseur. Nun sieht er gepflegter aus, aber er hat mal wieder dieselben Klamotten an. Den blauroten Trainingsanzug, der im Schritt mittlerweile ein riesen Loch hat, sodass man seine handgewaschene Unterhose sieht. Im Augenblick sitzt er auf Carlos ehemaligen Platz und würfelt Zwiebeln. Das BagGamonspiel ist vorüber. Der ganze Aufenthaltsraum stinkt nun nach Zwiebeln.
Kohl und Günter sind gerade gemeinsam am Kochen. Die Zwei sind vom Team zusammengeführt worden. Jetzt kochen sie zusammen immer mal wieder was. Schlank macht die das sicher nicht. Beide gehören zu den ganz Dicken hier, zusammen haben die über 240 kg drauf.
Wir sind sowieso alle zu dick hier. Die einzigen Schlanken sind bzw. waren Carlos, Schörder, Hakim und Manfred, alle anderen haben Übergewicht. Ich auch. 3,5 kg Übergewicht. Das ist noch recht wenig mit 42 Jahren, aber man sieht unmöglicherweise einen Bauch an mir. Ich mag ihn nicht. Ich hasse ihn. Will ihn weghaben. Ich ess deswegen nur einmal am Tag und zwar nur zu Mittag und abends nur Obst. Damit müsste ich eigentlich abnehmen, aber fleitepiepen! Ich bleib auf 85 Kilo. Na wenigstens bleib ich konstant bei 85 Kilo. Anderen geht es da anders. Werner zum Beispiel: Bevor er zurückverlegt worden ist, hatte er ungefähr 75 Kilo bei 1,75 m Größe. Dann bekam er AntiSatan und nun hat er über 110 kg drauf und einen Ballon von Bauch, als hätte er einen Medizinball verschluckt. Schlimm sieht er aus. Eine Platte hat er, dazu langes, ungekämmtes Haar. Seine Kleider sind gewaschen, aber immer total kraus und durch sein Figur, die er mittlerweile hat, viel zu klein.
Werner ist vom Typ her ein Al Rundy. Er hat sich auch alle Staffeln dieser Fernsehserie gekauft, für 113 Dollar. Wenn er sich diese Serie über den Stationsfernseher anschaut, hat er wie Al Rundy eine Hand im Hosenschaft. Dabei lacht er.
Er meint: Wir Anderen wären für die Witze und Dialoge dieser Serie zu langsam, deswegen würden wir diese Sendung nicht anschauen. Mich hat er mal gefragt, ob ich nicht mitschauen will, aber ich will nicht. Ich finde diese Serien, wo an speziellen Stellen ein Publikum im Hintergrund lacht, einfach zu manipulierend. Man lacht nur, weil aus dem Fernseher Gelächter kommt.
Kohl und Günter haben sich Spaghetti Carbonare gemacht. Sie sitzen einen Meter von mir entfernt und essen gerade. Es riecht nach geschmolzenem Käse und Gewürzen, sodass man Hunger bekommt. Gleich ist ja auch Mittag. Fr. Pelzmann kontrolliert schon den Essenswagen.
SONNTAG, 23.10.11, 17:05 UHR
Kohl hat mir wieder befohlen mit dem Pfeifen aufzuhören. „Hör mit dem blöden Pfeifen auf!“, befahl er mir. Ich hab mich darüber richtig geärgert. Gezittert hab ich vor Wut, denn was für eine Anmache.
Zuvor hab ich in mein Tagebuch geschrieben. Mir fiel richtig was ein, die Gedanken waren flüssig, voller Ideen und Beschreibungen. Als ich fertig war und mir nochmals durchgelesen habe, was ich geschrieben habe, war ich sehr mit mir zufrieden. Dann war ich auch noch der Erste, der direkt darauf sein Essen bekam, was mich glücklich stimmte. Gutgelaunt stand ich auf und pfiff Lobo „I loved you to want me“. Ich hatte gerade das Lied angepfiffen, da böllerte Kohl schon los. Das hat mich total geschockt und verstummen lassen.
Ich sah mich um, sah zu Kohl, ich hatte total vergessen, dass er mich schon mal angepfiffen hatte. So nahm ich mein Essen, das Fr. Pelzmann mir gab. Ich ging damit an Kohl vorbei, blieb stehen und sagte zu ihm, in einer zittrigwütenden Stimme: „He! Pfeifen ist wie Singen, Lachen oder Tanzen. Das ist ein Ausdruck von Lebensfreude!“
„Das mag ja sein“, antwortete er cool, „aber du bist einer, der sich den ersten Satz in der Hausordnung nochmals durchlesen sollte. – Da steht was von Rücksichtnahme!“
