Tagebuch eines Suchenden - Franz Wuth - E-Book

Tagebuch eines Suchenden E-Book

Franz Wuth

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Beschreibung

Alkoholiker, Pädophiler und Borderliner - drei von vielen "Diagnosen", die ich im Laufe meines Lebens "verliehen" bekam. Wie ich trotzdem zu mir und zu meinem inneren Frieden fand, davon erzählt dieses Buch. Ich stehe heute zu meiner Vergangenheit und habe mich aber dazu entschieden, mehr auf die Gegenwart und nach vorn zu sehen. Wenn nur eine dieser Geschichten einem einzigen Menschen Mut macht, seinen Weg weiterzugehen, so ist der Zweck dieser Texte erreicht.

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Seitenzahl: 262

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Das Buch

Alkoholiker, Pädophiler und Borderliner – drei von vielen „Diagnosen“, die ich im Laufe meines Lebens „verliehen“ bekam. Wie ich trotzdem zu mir und zum inneren Frieden fand, davon erzählt dieses Buch. Ich stehe heute zu meiner Vergangenheit und habe mich aber dazu entschieden, mehr auf die Gegenwart und nach vorn zu sehen. Wenn nur eine dieser Geschichten einem einzigen Menschen Mut macht, seinen Weg weiterzugehen, so ist der Zweck dieser Texte erreicht.

Der Autor:

geboren 1959 in der DDR

Ausbildung zum Facharbeiter Elektronik

1978-1981 Armeezeit

1985 Alkoholentwöhnungskur

Ausbildung zum Pflegehelfer

1989 Heirat

Verlust Arbeitsstelle und Wohnung

Umsiedlung nach Niedersachsen

1991/92 Geburt Tochter und Sohn

1998 Umschulung zum Tischler

Arbeit im Orgelbau

2001Arbeitslosigkeit

2011Scheidung

2015 Beginn Buchprojekt

Inhalt

1.0 Einleitung

1.1 Vorwort

1.2 Identität - Der Verlorene

1.3 Gesa 1 „ Nebel “

2.0 Erwin, der Suchende

2.1 Spiegelsplitter

2.2 Gesa 2 „ Kaleidoskop “

2.3 Wellen am Mittelmeer -

2.4 Der Feind in ihm

3.0 Der kleine blonde Kerl

3.1 Herkunft

3.2 Gesa 3

3.3 Schulgeschichte

3.4 Welt Brandenburg

3.5 Gesa 4

3.6 Orchesterwelt

3.7 Ausreißer

3.8 Gesa 5

3.9 Klassentreffen

4.0 Alwin, der Alkoholiker

4.1 Trocken

4.2 Gesa 6 „ Freund “

4.3 Scham

4.4 Gesa 7 „ Kampf “

4.5 Wahrheit

4.6 12 Schritte

4.7 Gesa 8 „ Entscheidung “

4.8 Ländertreffen

5.0 Pedro, der Pädophile

5.1 Mensch

5.2 Gesa 9

5.3 Der sichere Ort

5.4 Kindergeburtstag

5.5 Gesa 10 „ Kind in mir “

5.6 Kiel

5.7 Kastration

5.8 Gabe

5.9 Gesa 11

6.0 Boldwin, der Borderliner

6.1 Weitergehen

6.2 Glück

6.3 Behinderte

6.4 Juist

6.5 Gesa 12

6.6 Abstürze

6.7 Gesa 13

6.8 Psychiatrie

6.9 Visite

7.0 Gottfried, der Glaubende

7.1 Anfang

7.2 Neuanfang

7.3 Gesa 14

7.4 Vertrauen

7.5 Gevatter Tod

7.6 Ablehnung

7.7 Gesa 15

7.8 Träume

7.9 Genesung

8.0 Briefe

8.1 an Mutter

8.2 an Vater

8.3 Gesa 16 -

8.4 an meinen Bruder

8.5 an meine Kinder

8.6 an meine Enkel

8.6 an die Ex

8.7 Gesa 17

8.9 an mich selbst

9.0 Wolkengeschichten

9.1 Karnewaldsländ - kleine Zwerge

9.2 Karnewaldsländ - große Zwerge

9.3 Timeländ

9.4 Glaubensländ

9.5 Haustierländ

9.6 Gesa 18

10.0 Fazit

10.1 und noch ein Traum

10.2 Identität - Einheit

10.3 Gesa 19

10.4 Schlusswort

10.5 Danke

Vorwort

Warum gibt es diese Geschichten?

Weil meiner Meinung und meines Wissens nach nur wenige deutschsprachige Texte von Betroffenen zum Thema „Leben als Pädophiler“ existieren.

Im Laufe der jahrzehntelangen Suche nach einer Möglichkeit, mit mir selbst irgendwie friedvoll zu leben (nach nicht mehr zu zählenden Therapeuten, vielen Therapien und Psychiatrie-Aufenthalten), habe ich die Erfahrung machen können, dass es mir in Ermangelung an geeigneten Gesprächspartnern hilft, die geführten inneren Dialoge zu Papier zu bringen. Auf diese Weise gelingt es mir besser, meine oft chaotischen Gedankengänge etwas zu sortieren.

Ein für mich ganz wichtiger Aspekt ist es, durch das Teilen der Texte mit anderen Menschen, die fast unendliche Einsamkeit, die wahrscheinlich jeder Pädophile so gut kennt und durchleben muss, wenigstens teilweise zu durchbrechen.

Jede Zeit braucht ihre „Hexen“ und „Juden“. Mein Gefühl dabei ist es, dass diese Rolle heute uns Pädophilen zugeteilt wird. Durch meinen inzwischen verhältnismäßig offenen Umgang mit anderen Menschen, auch was dieses Thema betrifft, lässt es sich kaum vermeiden, dass ich immer wieder auf massive Vorurteile, Unwissen oder einfach Dummheit treffe. Die Folgen waren und sind erfahrungsgemäß oft Diskriminierung, Angriffe und Ausgrenzung. Bei nicht allen von diesen Erlebnissen gelingt es mir, sie auf der unpersönlichen Schiene zu verarbeiten. So sehe ich auch für mich eine gewisse „missionarische“ Aufgabe darin, dem entgegenzuwirken. Auch wir Pädophilen gehören zu den

Menschen

, selbst die, die zum Täter wurden.

Ich für mich habe Sex zwischen Kindern und Erwachsenen schon immer als besonders zerstörerisch eingestuft und mein mir Möglichstes getan, dass es von meiner Seite aus dazu nicht kommt. Bei in Deutschland geschätzten 200.000 bis 300.000 von Pädophilie betroffenen Männern (und auch einigen Frauen) ist es eigentlich ein absolutes Unding, dass es nur ein Minimum an Hilfsmöglichkeiten für die davon Betroffenen gibt, wie zum Beispiel das Projekt „Kein Täter werden“. Ich selbst habe dort erst nach jahrzehntelanger vergeblicher Suche endlich professionelle Hilfe erhalten können. Dieses Projekt und die von mir gefundenen anderweitigen Hilfsmöglichkeiten werden, zumindest von meiner Krankenkasse in keiner Weise unterstützt, eher wird nach meinem Gefühl versucht, sie zu sabotieren, aus welchen Gründen auch immer. Die Kosten für das Projekt „Kein Täter werden“ in Kiel trägt das Bundesland, um die nicht unerheblichen Bahnkosten für die etwa 400 Kilometer entfernten monatlichen Besuche dort musste ich mich allerdings auch als Hartz IV Empfänger selbst kümmern. Ein Diakonieverein erstattete sie mir glücklicherweise, sonst wären diese Besuche für mich gar nicht erst möglich gewesen. In Anbetracht dessen, welch ein heuchlerisches Medienspektakel jedes mal veranstaltet wird, wenn wieder einmal ein „Monster zugeschlagen“ hat, etwas „schief gelaufen“ ist und „Opfer zu beklagen“ sind, will ich auch auf den Notstand aufmerksam machen, der in Deutschlands so hoch gelobter medizinischer Versorgung den Opfern und genauso den behandlungswilligen Pädophilen gegenüber herrscht.

Ich

werde daran nichts ändern, manchmal kann schreien aber helfen.

Was ist sonst noch zu sagen?

Dieses Büchlein wird polarisieren, das ist auch beabsichtigt. Es soll dazu anregen, sich nicht nur oberflächlich mit etwas „Andersartigem“ zu beschäftigen und vielleicht dabei zu entdecken, dass es so andersartig gar nicht ist.

Ich habe in keiner Weise das Recht, irgend jemand oder irgendetwas zu verurteilen. Mir ist sehr bewusst, welches Leid Pädophilie und anders gearteter Missbrauch Kindern bringen kann und täglich bringt. Ich sehe es als eine große Gnade, Bewahrung und ein Geschenk für mich an, nicht selbst zum sexuellen Täter an Kindern geworden zu sein. Wie viel mich das gekostet hat und auch noch kostet, kann ein Außenstehender nur sehr begrenzt beurteilen. Wenn wieder einmal Straftaten offenbar werden, so haben dort immer eine Vielzahl von Dramen bereits vorher stattgefunden und es werden auch noch weitere Dramen dort stattfinden und zwar für alle Beteiligten. Mein Herz schlägt in erster Linie für die Not und das Leid der geschädigten, zerstörten oder getöteten Kinder und deren Familien. Aber ich bin selbst auch zumindest potentieller Täter und kenne einige der anderen Seiten. Jeder Täter war auch einmal selbst Opfer, egal in welcher Hinsicht. Jeder Mensch ist erst Opfer und wird danach zum Täter, egal in welcher Form sich das dann auch zeigt, sonst wäre er kein Mensch.

Die Gedanken, die ich hier äußere, sind ausschließlich aus meinen Erfahrungen und meinen Wahrnehmungen heraus entstanden. Sie erheben keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Richtigkeit. Jeder Mensch nimmt und sieht Dinge anders, auch mir sei dies gestattet.

Ich habe die Mitte 50 bereits überschritten. Ich war über 20 Jahre verheiratet, habe zwei erwachsene Kinder und auch zwei Enkelkinder, auf die ich ganz stolz sein kann und bin. Ich befinde mich auf einem Weg, meinem Weg und ich werde ihn noch weitergehen, solange mir Gott die Zeit dazu schenkt. Wenn nur eine dieser Geschichten einem Menschen auf seinem Genesungsweg helfen kann und ihm Mut macht, ihn weiter zu gehen, macht mich das ein wenig glücklicher und das Ziel und der Zweck dieses Büchleins ist vollkommen erreicht.

Ich bin kein Schriftsteller, dies ist mein erstes Projekt in dieser Richtung. Deshalb bitte ich die Leser um Nachsicht, was die Grammatik, Orthographie und Ausdrucksweise dieses Buches angeht. Es sind auch einige Wiederholungen enthalten, da die Texte ja ursprünglich als Einzeltexte entstanden sind.

Ich hatte Gesa, eine der Korrekturleserinnen gebeten, mir eventuell Gedichte zu einigen Geschichten zu schreiben, diese Bitte ist glücklicherweise von ihr erhört worden und sie wurden so zu einer Bereicherung des Buches. Wenn jemand Interesse an weiteren Gedichten und Texten von ihr hat, so bitte ich über die unten genannte E-mail-Adresse Kontakt zu mir aufzunehmen, ich werde es an sie weiterreichen.

Dankbar wäre ich auch über Rückmeldungen zu diesem Buch, ebenfalls über diese Adresse.

Ansonsten hoffe ich, dass ich den Lesern genug Anstoß für viele eigene Gedanken biete.

Die Anonymität soll meine Familie und mich vor verbalen oder anders gearteten Angriffen schützen. Alle Namen wurden geändert. Ich bitte um Verständnis dafür,

der Autor!

[email protected]

Identität - Der Verlorene

Wer oder was ist er wirklich? Es ist eine Frage, die ihn schon immer umtreibt, die ihn früh oft nach dem Weckerklingeln überfällt und ihn manchmal über Stunden im Bett festhält. Warum und wozu lebt er eigentlich (noch)? Wer ist oder sind diese Personen, die da in seinem Körper stecken? Auf wen oder was kann er sich wirklich verlassen? Sein Selbstbild ist sehr subjektiv und kann sich ganz urplötzlich ändern. Es verleiht ihm keinerlei Stabilität. Was oder wem soll und kann er noch vertrauen, wenn er das sich selbst gegenüber nicht kann?

Wenn er morgens in den Spiegel schaut, meint er selten, sich selbst zu sehen. Meist findet er dort eine Person, die nicht zu ihm gehört, die ihm als völlig fremd erscheint, deren Aussehen sich von mal zu mal ändern kann, je nachdem, in welchem inneren Zustand er sich gerade befindet. Wenn er diese äußere Hülle aber nicht ist, wer oder was ist er dann, was macht ihn als Mensch eigentlich aus?

Ist er Erwin, der Suchende? Ist er das, was seine Gefühlswelt aus ihm macht? Man sagt ihm oft und er muss es auch sich selbst immer wieder sagen: Die Gefühle in ihm sind echt und haben alle ihre Berechtigung. Aber auf sie verlassen kann er sich genauso wenig, wie auf sein Spiegelbild. Er ist aus eigenem Erleben eben ein Borderliner. Manchmal macht ihm die Schnelligkeit, mit der seine Gefühle das Vorzeichen wechseln, große Angst. Sie lassen ihn, oft aus nicht erkennbaren Gründen, innerlich geradezu kippen und können ihn plötzlich von einem Augenblick zum nächsten unvorhersehbar zu einer scheinbar anderen Person machen. Diese latente Angst vor einer Art Kontrollverlust begleitet ihn schon sein ganzes Leben. Sie zwingt ihn gewissermaßen zu seiner sehr zurückhaltenden Lebensweise, da diese Unsicherheit und Unzuverlässigkeit aus ihm selbst heraus, ihm nur in einer für ihn sehr stabilen Umgebung erlaubt, sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Dazu kommt die ihm eigene „Ganz-oder-Gar-nicht-Mentalität“, die ihn noch zusätzlich verletzbar macht. Wenn schon offen, dann mit „offener Bauchdecke“, selbstverletzend, wie der Borderliner, der sich immer wieder ritzt. Das hat er selbst zwar fast nie in dieser für alle sichtbaren Art und Weise getan. Doch die Entspannung durch fließendes Blut und körperlichen Schmerz kennt auch er, sie vertreibt wenigstens teilweise die innere Leere, sie gibt ihm das Gefühl zurück, dass er immer noch lebt. Also muss er sich dadurch definieren, dass er Boldwin, der Borderliner ist?

Genauso wie damals, als er aufgehört hat zu trinken? Damals in der ersten Phase seiner neu gewonnenen Trockenheit, als er sich und auch anderen gegenüber das erste Mal in seinem Leben aus seinem inneren Gefühl heraus sagen konnte, auch er ist ein Mensch, zwar nur ein Alkoholiker, aber er existiert wenigstens als Mensch.

Er hat sich lange Zeit über diese „Krankheiten“ definiert. Wahrscheinlich kommt das daher, dass er sich als Kind meist nur von seinem Umfeld wahrgenommen gefühlt hat, wenn er körperlich erkrankt war. Letztlich definiert er sich heute auch noch gelegentlich über seine ihm von den Ärzten verliehenen Diagnosen. Ja, das tut er wohl immer noch, wenn ihn die Identitätsfrage wieder einmal verunsichert. Dann ist er wieder Alwin, der Alkoholiker.

Wenn er mit Kindern zusammen war und ist, erlebte und erlebt er das Gefühl, sich selbst nahe zu sein. Er ist nicht mehr nur der unbekannte Fremde für sich, er kann sich selbst in ihnen erkennen, er kann sich in einigen von ihnen sehen, wie in einem intakten Spiegel. Sie geben ihm selbst gewissermaßen Teile seiner eigenen Identität zurück. Ja er ist auch Pedro, der Pädophile. Heute ist ihm klar, warum diese Zeit, in der er noch mit Kindern zusammen arbeiten konnte und durfte, eine der schönsten Zeiten seines Lebens war. Er konnte endlich einmal Kind unter Kindern sein. Er hat sich bis zu seiner Kastration auch über seine, in seiner inneren Welt lebenden Kinder definiert, zum Beispiel über den kleinen blonden Kerl in ihm. Die freiwillige Kastration hatte dann aber leider nicht nur körperliche Nebenwirkungen, sie nahm ihm in gewisser Weise auch wieder einen Teil seiner (männlichen?) Identität.

Dieser Schritt vor mehreren Jahren hat sein Leben verändert. Er könnte es auch heute noch nicht genau sagen, ob er sich damals so wirklich richtig entschieden hat. Es wird wohl, wie das Meiste in seinem Leben, Fluch und Segen zugleich sein. Auftauchende sexuelle Phantasien kann er jetzt endlich sofort stoppen und er tut das auch, sie waren vorher immer eine extreme Belastung für ihn. Der körperliche Anteil seiner Sexualität ist fast ganz verschwunden, er lebt im Sinne von AS (Anonyme Sexaholiker) als trockener Sexaholiker. Das „Trinken mit den Augen“, laut AS definiert als ein Teil der „Lüsternheit“, ist zwar geblieben, aber er kapituliert jedes mal bewusst davor. Er kann sie an Gott abgeben und macht dann immer wieder die tolle Erfahrung, dass sie sich auch sofort auflöst. Das ist seine ganz praktische „Gotteserfahrung“ und seine alltäglich erlebbare „Gebetserhörung“. Von der sexuellen Seite der Pädophilie her gesehen kann er also eine vorher nie gekannte Freiheit erleben. Der Preis dafür ist, dass er sich nun oft als ein geschlechtsloses Wesen fühlt, was den Aspekt seiner „Eigenfremdheit“ und „Nicht-Zugehörigkeit“ wieder verstärkt. Ein weiterer hoher Preis sind die vielfältigen körperlichen (und auch psychisch-depressiven) Nebenwirkungen, die er zu spüren bekommt, seit sein Testosteron-Spiegel alle drei Monate durch eine Depot-Spritze auf fast Null gefahren wird.

Er identifizierte sich bisher also im Grunde dadurch, dass er Suchender, trockener Alkoholiker, Borderliner, sexuell trockener Pädophiler und Kind geblieben ist. Aber das verändert sich, nur sehr langsam zwar, durch die zuerst Kopf-mäßige Erkenntnis, dass er auch noch eine neue Identität als Gotteskind finden konnte. Diese Erkenntnis hat er schon relativ lange, seit seiner beginnenden Trockenheit als Alkoholiker vor Jahrzehnten, als Gott ihn damals fand. Aber erst in letzter Zeit kehrt auch wieder das zaghaftes Gefühl von damals zurück, dass er auch so sein darf, dass er auch aus seinem „inneren Kern“ heraus so ist, wie er ist, dass Gottes Liebe für alle gilt, sogar für Alkoholiker, Borderliner, Pädophile, erwachsene Kinder und Suchende, vielleicht sogar besonders für sie. Ist er also Gottfried, der Glaubende?

Das ist seine, hoffentlich immer größer werdende Hoffnung und ein wichtiger Antrieb für ihn, der ihn immer noch (weiter-) leben lässt.

Nebel

Wabernde Schleier, lautlose Einsamkeit.

Tastende Schritte auf steinigem Pfad - Wohin?

Wege verfehlt, herumgeirrt.

Verlorener Schrei der Angst, ungehört.

Nebeltrost – verhüllt das Unfassbare.

Und doch wird der Schleier zerreißen -

wenn die Sonne hervorbricht

mit wärmendem Strahl

Tränen trocknend:

Hoffnung.

2. Erwin, der Suchende

Spiegelsplitter

Erwin befand sich auf seinem Weg.

Auf seinem eigenen, langen, schon sein ganzes bisheriges Leben andauernden, manchmal auch sehr holprigen und steinigen Weg.

Erwin war fast immer unterwegs. Er blieb selten länger an einem Ort, war fast schon getrieben auf der Flucht vor der Leere, die er manchmal in sich spüren und kaum aushalten konnte.

Nur selten gestattete Erwin sich ein Innehalten, eine Rast, eine Ruhepause, in der er vorsichtig zurück sah, ob er nicht einen seiner wertvollen, auf dem Weg gefundenen „kleinen Schätze“ wieder verloren hatte.

Auf seinem Weg musste Erwin öfter nachts unbekannte finstere Wälder durchqueren, die voll von nächtlichen Geräuschen und unbekannten Düften waren. Sie lösten in ihm inzwischen vorher nie verspürte Ängste, manchmal sogar Panik aus. Erwin war auch dem Wetter ausgeliefert und dem Auf und Ab der Landschaft. Er war oft als Bettler, seltener als ein „kleiner König“ unterwegs. Wenn Erwin sich einmal verirrte oder versuchte, den, seinen eigenen Weg zu verlassen, vielleicht um einen bequemeren gehen zu können, dann zog ihn eine unbekannte Macht doch wieder auf seinen Weg zurück.

„Trümmermann“ war er zwar keiner, er war ja schließlich nach dem letzten Krieg in diese Welt geboren worden. Aber er war und blieb ein Sammler, ein Splittersucher, ein Mosaik-Gestalter, ein Puzzle-Künstler.

Erwin hatte schon in viele Spiegel geschaut, die ihm begegnet waren. Wenn sich ihm dazu die Gelegenheit bot, tat er dies fast immer. Aber die Gestalten, die er in diesen fremden Spiegeln sah, hatten nicht viel mit ihm selbst zu tun, sie waren und blieben lange Zeit für ihn etwas Fremdes, aus einer ihm fremden, unnatürlichen Welt stammend.

Zeitlebens war Erwin schon auf der Suche nach seinem eigenen Spiegelbild, das er in seinem, zu ihm gehörenden Spiegel zu finden hoffte. Er konnte aber leider immer nur einzelne kleine Splitter entdecken. Sie lagen lose verteilt auf seinem Lebensweg, manchmal weit verstreut, manchmal nah beieinander liegend und wenn er wieder einmal den einen oder anderen oder auch mehrere davon fand, hob er diese Splitter auf und sammelte sie, er betrachtete sie ab diesem Zeitpunkt als zu seinem gut behüteten „inneren Schatz“ gehörig.

Erwin sammelte manchmal Splitter auf, die waren sehr schön und sie konnten im warmen Sommerlicht wie ganz feingeschliffene Miniprismen die Regenbogenfarben sichtbar werden lassen. Einige wirkten dagegen sehr alt und blass und fleckig und auch schon verwittert. Andere lösten beim näheren Betrachten fast unerträgliche Schmerzen in ihm aus und brachen alte Narben wieder auf. Erwin hatte schon mehrmals versucht, diese Splitter wieder loszuwerden und zu entsorgen. Aber gerade diese erwiesen sich, erst einmal in die Hand genommen, als sehr hartnäckig und fest an ihm klebend. Irgendwann hatte er diese vergeblichen Versuche, sie loszuwerden, sein gelassen. Er hatte schließlich akzeptieren müssen, dass auch sie einmal wertvolle Teile seines Spiegelbildes werden sollten.

Es war oft ein einsamer Weg, den Erwin gehen musste. Von ganz klein auf hatte es natürlich auch Menschen gegeben, die ihn auf Teilstrecken seines Weges begleitet hatten. Doch er kannte es nur so und konnte auch nicht anders, Erwin blieb sehr lange ein etwas seltsamer Fremder in dieser Welt. Selbst wenn um ihn herum alles voller Menschen war, er blieb für sich, allein, ein stiller Beobachter. Beide, die Sehnsucht nach Nähe und die Einsamkeit, waren seine unerklärten stillen Freunde und auch Feinde, sie ließen ihn oft macht- und hilflos sich selber und anderen gegenüber zurück.

Erwin lief von Tag zu Tag, von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr, lief und lief und war sich irgendwann nicht einmal mehr sicher, ob dieses, sein Spiegelbild in seinem Spiegel, überhaupt jemals in der Vergangenheit als Ganzes existiert hatte. Wenn dem aber so war, so musste wohl ein sehr großer und schwerer Stein schon früh in seiner Kindheit diesen, seinen Spiegel, total zerstört haben.

Er wurde sich auch immer weniger sicher, je länger er seinen Weg beschritt, ob es überhaupt möglich war, das Spiegelbild seines Lebens zu finden.

Wenn er auf dem Weg hinfiel - und er fiel oft hin - hatte er schon manchmal versucht, aus den von ihm gefundenen Splittern ein sinnvolles Bild zusammenzusetzen. Aber es war bisher immer ein Stückwerk geblieben, wie ein unvollendetes Mosaik oder ein Puzzle mit fehlenden Teilen. Und wenn es dann doch einmal den Anschein erweckte, dass so etwas wie ein verschwommenes Bild von ihm entstehen könnte, brauchte es meist nur eine kleine Erschütterung oder eine unbedachte Bewegung durch ihn oder andere und er stand wieder einmal vor seinem eigenen Spiegelsplittertrümmerhaufen.

Erwin blieb immer unterwegs, lange auf der Suche, ohne ein erkennbares Ziel. Er fand nirgends einen Ort, den er seine Heimat hätte nennen oder an dem er gerne für immer hätte bleiben wollen. Aber er schaffte es trotz allem, was er auch erleben musste, sich seine kindliche Neugier und die Fähigkeit zum Staunen zu bewahren.

Erwin war nicht nur ein ewiger Wanderer, sondern auch ein Grenzgänger. Er wanderte beliebig zwischen den verschiedenen äußeren und für sich selbst erschaffenen, imaginären inneren Welten hin und her. Nicht immer gab es dabei für ihn klare Grenzen zu erkennen.

Er konnte durchaus eine halbe Stunde staunend an einem Waldbach sitzen und einem Pärchen von Bachstelzen beim Hochzeitsflug zusehen, zuhören und sich darüber kindlich freuen. Erwin saugte dann diesen wertvollen, neu gefundenen Splitter fast in sich auf. Natürlich, dieses unbändige Gefühl von Freiheit und Lebensfreude gab es auch noch in ihm, er musste sich nur die Zeit dazu nehmen, um gründlich und tief genug danach zu graben. Wenn er dieses Gefühl dann endlich einmal gefunden hatte und es dann auch noch zulassen konnte, liefen ihm warme Tränen über seine Wangen und die Zeit schien für ihn still zu stehen.

Seine Tränen waren, genau wie er, Grenzgänger. Grenzgänger zwischen dem tollen Erlebnis der soeben erst wiedergefundenen Hochgefühle und der Trauer darüber, dass es in der Vergangenheit und Gegenwart sogenannte erwachsene Menschen gegeben hatte und immer noch gab, die ihm gerade diese Gefühle wieder nehmen wollten. Dann meldete sich in ihm der kindliche Trotz und Stolz zurück. In dieser Beziehung war und blieb Erwin den „Erwachsenen“ gegenüber fast immer ein innerer Sieger, so oft er auch nach außen hin verlor. Dieser kindliche Trotz und Stolz war es, der ihn vor der gänzlichen Zerstörung seiner Seele bewahrt hatte. Doch der Preis, den er dafür wieder und wieder zahlen musste, war die ihm eigene Instabilität und Krassheit seiner Gefühle. Aber Erwin wollte auch so leben, kannte und konnte es auch nur so. In den Zeiten des Hinfallens, wieder Aufstehens und Weitergehens spürte er diese grausame innere Leere in sich seltener, vor der er sich so sehr fürchtete. Er konnte dann spüren, dass er immer noch lebte und fühlte und trotz allem doch auch ein kleiner Teil dieser Welt war.

Erwin lernte und erkannte es im Weitergehen immer deutlicher, obwohl er es nie ganz verstand. Es sollte ihn so geben und vielleicht war sein Spiegelbild gar nicht mehr so wichtig - wichtig war letztlich nur, dass er seinen Weg immer weiter ging, sein ganzes weiteres Leben lang.

Kaleidoskop

Zusammengefügt für den Bruchteil

einer Sekunde

Farben – Formen,

aus bunten Splittern entstanden.

Meinte zu erkennen ein Bild -

mein Bild?

Zerstört im Augenblick, nichts bleibt.

Suche nach Veränderung,

Neues formt sich...

... und vergeht.

Wellen am Mittelmeer

Erwin macht Rast auf seiner Lebensreise, auf der Suche nach sich selbst.

Er sitzt am Strand des Mittelmeeres und bestaunt das Wasser.

Er beobachtet, wie auf der ruhigen, stillen Wasseroberfläche, zuerst kaum wahrnehmbar, Wellen entstehen. Wellen, die in der Sonne zu glitzern beginnen und immer höhere Berge und tiefere Täler bilden. Die Gipfel der Wellenberge erhalten nun weiße Schaumkronen, die, ab einem bestimmten Zeitpunkt, oben überkippen und herab stürzen. Schließlich kommen sie, immer langsamer werdend, am Kieselufer zum Stillstand. Sie versuchen noch, als Wasserrinnsal ins Meer zurückzufließen ... Bis die nächste Welle kommt und alles überspült.

Erwin faszinieren diese Wellen.

Hier am Mittelmeer sind sie besonders schön, findet er, mitten im Februar, bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein.

Da es hier keine Ebbe und Flut gibt, kann er stundenlang am warmen Strand sitzen mit dem beruhigenden Rauschen des Meeres in den Ohren.

Er ist erfüllt von einem tiefen Gefühl des Friedens und des Eins-Seins mit der Natur.

Er genießt es, im Moment jetzt hier, so wie er ist, zu dieser Zeit und an diesem Ort richtig zu sein.

Er empfindet große Dankbarkeit, dass er dies erleben darf, nach diesen Momenten des Glücks hat er sich sein ganzes Leben lang gesehnt.

Plötzlich ist ihm, als wenn die Wellen beginnen, zu ihm zu sprechen:

Siehst du es?

Erkennst du es?

Kannst du es endlich spüren?

Du bist wie wir!

Jede Einzelne von uns steigt aus dem großen Meer auf, nur für kurze Zeit, um anschließend wieder in ihm zu versinken. So, wie es schon seit ewigen Zeiten war und für ewige Zeiten auch weiter sein wird.

Im Orkan kommen wir mit mächtiger Gewalt daher, ein andermal kann man uns kaum spüren.

Jede von uns ist einmalig, es gibt keine zwei Wellen, die einander gleichen.

Nur im Gegensatz zu dir muss sich keine von uns fragen, warum dies so ist, wir können es genießen, einfach zu sein, als ein kleiner Teil des großen Meeres.

Und du?

Sieh dir dein Leben an!

Gleicht es nicht dem unseren?

Auch du bist ein kleiner Teil eines unendlichen Meeres.

Auch du wurdest aus ihm geboren und dein Leben verlief und verläuft immer wieder in einzelnen Wellen.

Auch du hast immer wieder versucht an den Strand zu kommen, weil du hofftest, dort sei „dein großes Glück“ zu finden, nach dem du so suchtest.

Aber was würde denn geschehen, wenn du es endlich schaffen könntest, auf den Strand zu kommen um dann dort zu bleiben? Du würdest als Pfütze oder als kleiner Tümpel enden, einsam, getrennt vom unendlichen Meer. Du würdest innerhalb kürzester Zeit in der heißen Sonne verdunsten oder im Sand versickern.

Letztlich würdest du doch auch nur wieder im großen Wasserkreislauf der Natur im Meer landen, dort, wo du auch hingehörst.

Selbst dein Inneres, deine kleine Seele, ist auch wie ein Meer in dir.

Manchmal steigen Teile deiner Seele wie Wellen in dir auf. Gefühle, die den Riesenwellen im Sturm gleichen, die dich zu überrollen scheinen.

Ein anderes Mal melden sie sich eher als ein sanftes Gleiten unter einer dichten Nebelwand, als kaum spürbare Regung.

Oder vielleicht gleichen sie verspielt umher tollenden Sommerbadetags-Wellen.

Auch wir werden von Wind und Wetter bestimmt, von der Art des Strandes, an den wir irgendwann gespült werden.

Wir sind wie du!

Es bringt uns gar nichts, ewig zu grübeln, wozu und warum wir gerade jetzt hier sind.

Wir wurden aus dem Meer geboren und kehren dorthin zurück, im ewigen Kreislauf der Natur.

Manchmal gibt es auch für uns Momente des Glücks, wenn wir Menschen wie dich am Strand vorfinden, die sich an unserem Anblick erfreuen oder die mit uns während eines Sommerbades spielen.

Aber nimm dich in Acht!

Wir können auch zerstörend sein, wie auch du es sein kannst.

Gib acht darauf, wenn du uns begegnest!

Würde denn eine von uns denken, sie sei größer als ihr Meer?

Auch du bist angewiesen auf das, was dich umgibt.

Denke nicht du seist eine besondere Welle, besser als andere und du bräuchtest das Meer nicht. Ohne dieses Meer würdest du überhaupt nicht existieren.

Lerne von uns!

Genieße die kurze Zeit deines Daseins und wenn du die Möglichkeit dazu hast, erfreue einige dir begegnende Menschen einfach mit deiner Existenz.

Der Feind in ihm

Erwin befand sich inzwischen im voraussichtlich letzten Drittel seines Lebens und war mit ihm und sich selbst im Großen und Ganzen zufrieden. Er war nach wie vor auf Wanderschaft. Gelegentlich fand er noch den einen oder anderen Splitter, der wahrscheinlich auch zu seinem Spiegelbild zu passen und zu gehören schien.

Es war absolut nicht so, dass ihm gar keine Hindernisse mehr auf seinen Wegen begegneten. Aber ihre heutige Größe war in keiner Weise mehr mit der zu vergleichen, die sich ihm auf seinen früheren Wanderungen entgegengestellt hatten und die er überwinden musste. Auch der Aufwand, sie zu bearbeiten hatte sich wesentlich verringert, um sie nach getaner Arbeit hinter sich zu lassen und dann weitergehen zu können. Er besaß heute viel mehr und bessere Werkzeuge als früher. Erwin hatte in sich einen Frieden und eine Gelassenheit gefunden, die ihm auch äußerlich eine gewisse Stabilität verliehen. Er wusste zwar nicht so genau, ob seine Wegbegleiter diesen Aspekt immer genau so sahen, aber er empfand das so. Das war letztlich entscheidend für sein jetziges Leben.

Natürlich stolpert er auch heute noch über alte, nicht mehr aufzufüllende Löcher und ihm, von sich selbst oder seinen Mitmenschen, gestellte Fallen. Sie brachten ihn gelegentlich noch immer zum Straucheln, doch das Sicherheitsnetz, das er sich selbst inzwischen geknüpft hatte, besaß ziemlich enge Maschen und konnte ihm meist auch schnell wieder auffangen.

Aber es gab da trotz allem noch, den von ihm ohne Hilfe schwer zu beherrschenden inneren Feind, der versuchte, ihn wie eine Krallenhand aus einem uralten Grab zu fassen zu bekommen, um ihn dann in ihren finsteren Höllenschlund herab zu ziehen. Er konnte zwar immer besser lernen, diese abwärts führende Spirale in sich rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern, um sich frühzeitig vom Rand des Soges einer beginnenden Depression zu retten und in Sicherheit zu bringen.

Manchmal jedoch trafen ihn die Auslöser dieses Soges völlig unverhofft und unvorbereitet. Dann musste Erwin sich schnell entscheiden. Die Rettung für ihn bestand darin, sich trotz oder gerade wegen der inneren Lähmung, die ihn dann meist überfiel, aktiv zu werden, gegenzusteuern und sich nicht seinen Ohnmachtsgefühlen zu überlassen. Wege dazu gab es genug: Gemeinschaft, Reden, Beten, Schreiben, Lesen, Tapetenwechsel. Er musste nur auch bereit sein, einen dieser Wege zu gehen und gerade das war nicht immer leicht. Es war also gar nicht so wichtig für ihn, welchen Weg er wählte, sondern, dass er überhaupt weiterging.

Er lernte auch, auf die Auslöser zu achten, denn die konnte er zumindest schon zum Teil vorher spüren. Schmerz, Wut, Unzufriedenheit, Groll … Es waren besonders die Gefühle, ausgegrenzt zu werden, nicht dazuzugehören, von anderen nicht akzeptiert und beachtet zu werden oder falsch zu sein, so wie er war. Diese Gefühle verletzten sein Selbstwertgefühl, sie konnten tief sitzende Wunden in ihm wieder zum Bluten bringen.

Doch in Erwin hatte sich inzwischen einiges verändert. Er wusste sich von Gott bedingungslos geliebt und angenommen. Er hatte eine Liebe erfahren, die ihm Menschen nicht geben konnten. Dieses ehemals riesengroße Loch in seinem bodenlosen inneren Fass begann kleiner zu werden. Er wusste, dieses Loch der Sehnsucht nach voller Annahme, Geborgenheit, Liebe und Zuwendung würde sich in diesem Leben nie ganz schließen lassen. Er hatte bisher aber noch keinen Menschen kennengelernt, dem es nicht ähnlich ging. Es würden auch in Zukunft Wunden und Vernarbungen bleiben und es würde wieder neue geben, das Leben war eben so. Doch der entscheidende Unterschied zu früher lag darin, dies akzeptiert und angenommen zu haben. Letztlich hatten ihn seine Wunden und Narben zu dem gemacht, der er heute war. Sie gehörten zu ihm. Diese Verletzungen würden auch in Zukunft Schmerzen und Zweifel in Erwin auslösen, aber die waren auszuhalten und hatten ihre frühere zerstörerische Macht über ihn fast gänzlich verloren.

Alles in Allem war Erwin ein Mensch geworden, der sich mit seinen Defiziten, Fehlern und Grenzen selbst annehmen konnte, so sah er sich heute jedenfalls. Er hatte sich von einem in vielen Dingen negativ denkenden und fühlenden, einsamen und verschlossenen Griesgram in einen Menschen verändern lassen, der heute viel positiver dachte und fühlte und der auch lieben konnte. Seine Verbitterung von früher löste sich mehr und mehr in Wohlgefallen auf und er war überzeugt, dass dies die meisten Menschen um ihn herum auch spüren konnten. „Ein Lächeln, dass du einem anderen schenkst, kommt zu dir zurück.“ war zu einem seiner Lieblingssprüche geworden. Und es lag nun an ihm selbst, diese Erfahrung jeden Tag wieder neu machen zu können.

3. Der kleine blonde Kerl

Herkunft

Er wird 1959 als kleiner blonder Kerl in diese Welt geworfen, keiner hat ihn gefragt, ob er das überhaupt wirklich will.

Als anatomischer Junge landet er im Ostteil eines Landes, dass Jahrzehnte zuvor nacheinander zwei Weltkriege begonnen und beide glücklicherweise auch verloren hatte, dessen Menschengenerationen sich von den traumatischen Folgen des letzten Krieges zu seinen Lebzeiten nie mehr erholen würden.