13,99 €
Die Autorin trifft in einer Psychiatrischen Ambulanz (PIA) den jungen Arzt Dr. Ludwig, der es mit ihr zusammen wagt, nach 40 Jahren Lithiumtherapie das Lithium abzusetzen; eine unglaubliche Entwicklung setzt ein ... Die wahre Geschichte in Tagebuchform berührt und schenkt Zuversicht, wo es eigentlich gar keine gibt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 315
Veröffentlichungsjahr: 2020
Dieses Buch widme ich meinen Eltern.
2013 veröffentlichte Judith Freeman ihr erstes Buch unter dem Titel „Dank Therapie an Leben gewonnen“ (Books on Demand, ISBN 978-3837072402, 116 Seiten)
Augen,
die nur Schönes
sehen wollen,
sind für
Wirklichkeit und
Wahrheit
blind.
Vater und ich, 1976
Vorwort
15.6.2016
17.6.2016
18.6.2016
19.6.2016
24.6.2016
27.6.2016
6.7.2016
In der Nacht vom 6. auf den 7.7.2016
7.7.2016
9.7.2016
Die Nacht vom 9. auf den 10.7.2016
13.7.2016
14.7.2016
20.7.2016
24.7.2016
25.7.2016
26.7.2016
27.7.2016
28.7.2016
2.8.2016
3.8.2016
11.8.2016
13.8.2016
14.8.2016
15.8.2016
16.8.2016
18.8.2016
19.8.2016
21.8.2016
22.8.2016
24.8.2016
26.8.2016
27.8.2016
20.9.2016
21.9.2016 (Papas Geburtstag)
5.10.2016
6.10.2016
16.10.2016
31.10.2016
3.11.2016
9.11.2016
11.11.2016
14.11.2016
15.11.2016
16.11.2016
17.11.2016
18.11.2016
19.11.2016
20.11.2016
23.11.2016
25.11.2016
26.11.2016
2.12.2016
4.12.2016
5.12.2016
7.12.2016
8.12.2016
10.12.2016
13.12.2016
14.12.2016
16.12.2016
17.12.2016
18.12.2016
19.12.2016
20.12.2016
21.12.2016
22.12.2016
24.12.2016
25.12.2016
27.12.2016
30.12.2016
Silvester 2016
Neujahr 2017
5.1.2017
9.1.2017
10.1.2017
11.1.2017
14.1.2017
18.1.2017
19.1.2017
21.1.2017
23.1.2017
24.1.2017
25.1.2017
26.1.2017
8.2.2017
10.2.2017
11.2.2017
12.2.2017
13.2.2017
14.2.2017
15.2.2017
23.2.2017
24.2.2017
25.2.2017
1.3.2017
2.3.2017
3.3.2017
5.3.2017
6.3.2017
7.3.2017
8.3.2017
9.3.2017
10.3.2017
11.3.2017
12.3.2017
13.3.2017
14.3.2017
15.3.2017
16.3.2017
17.3.2017
18.3.2017
19.3.2017
20.3.2017
21.3.2017
23.3.2017
24.3.2017
25.3.2017
26.3.2017
27.3.2017
29.3.2017
30.3.2017
31.3.2017
1.4.2017
2.4.2017
3.4.2017
4.4.2017
5.4.2017
6.4.2017
7.4.2017
8.4.2017
9.4.2017
10.4.2017
11.4.2017
12.4.2017
13.4.2017
14.4.2017
15.4.2017
16.4.2017
17.4.2017
18.4.2017
19.4.2017
20.4.2017
21.4.2017
22.4.2017
24.4.2017
25.4.2017
27.4.2017
28.4.2017
29.4.2017
30.4.2017
2.5.2017
3.5.2017
4.5.2017
8.5.2017
9.5.2017
10.5.2017
13.5.2017
14.5.2017
18.5.2017
23.5.2017
28.5.2017
30.5.2017
2.6.2017
3.6.2017
4.6.2017
11.6.2017
14.6.2017
15.6.2017
16.6.2017
22.6.2017
26.6.2017
27.6.2017
28.6.2017
29.6.2017
30.6.2017
2.7.2017
4.7.2017
5.7.2017
6.7.2017
9.7.2017
11.7.2017
12.7.2017
13.7.2017
17.7.2017
18.7.2017
19.7.2017
20.7.2017
21.7.2017
23.7.2017
26.7.2017
28.7.2017
29.7.2017
31.7.2017
2.8.2017
4.8.2017
7.8.2017
9.8.2017
14.8.2017
15.8.2017
18.8.2017
19.8.2017
23.8.2017
25.8.2017
27.8.2017
28.8.2017
29.8.2017
30.8.2017
31.8.2017
1.9.2017
3.9.2017
4.9.2017
8.9.2017
11.9.2017
12.9.2017
14.9.2017
15.9.2017
17.9.2017
18.9.2017
19.9.2017
21.9.2017
22.9.2017
23.9.2017
25.9.2017
27.9.2017
29.9.2017
3.10.2017
4.10.2017
5.10.2017
6.10.2017
10.10.2017
12.10.2017
13.10.2017
14.10.2017
15.10.2017
16.10.2017
17.10.2017
18.10.2017
19.10.2017
20.10.2017
21.10.2017
22.10.2017
23.10.2017
25.10.2017
8.10.2017
31.10.2017
2.11.2017
3.11.2017
5.11.2017
6.11.2017
7.11.2017
8.11.2017
9.11.2017
10.11.2017
11.11.2017
12.11.2017
13.11.2017
14.11.2017
16.10.2017
17.11.2017
18.11.2017
20.11.2017
22.11.2017
23.11.2017
24.11.2017
25.11.2017
26.11.2017
27.11.2017
28.11.2017
1.12.2017
3.12.2017
4.12.2017
6.12.2017
7.12.2017
9.12.2017
11.12.2017
13.12.2017
14.12.2017
15.12.2017
17.12.2017
18.12.2017
19.12.2017
20.12.2017
23.12.2017
24.12.2017
25.12.2017
26.12.2017
27.12.2017
28.12.2017
30.12.2017
31.12.2017
Neujahr 2018
2.1.2018
3.1.2018
4.1.2018
5.1.2018
6.1.2018
7.1.2018
8.1.2018
9.1.2018
10.1.2018
11.1.2018
12.1.2018
13.1.2018
14.1.2018
16.1.2018
17.1.2018
18.1.2018
20.1.2018
21.1.2018
22.1.2018
23.1.2018
24.1.2018
25.1.2018
26.1.2018
27.1.2018
28.1.2018
29.1.2018
30.1.2018
31.1.2018
2.2.2018
3.2.2018
4.2.2018
5.2.2018
6.2.2018
7.2.2018
8.2.2018
10.2.2018
11.2.2018
12.2.2018
13.2.2018
14.2.2018
16.2.2018
17.2.2018
20.2.2018
22.2.2018
23.2.2018
24.2.2018
25.2.2018
26.2.2018
1.3.2018
2.3.2018
3.3.2018
11.3.2018
12.3.2018
13.3.2018
14.3.2018
15.3.2018
16.3.2018
21.3.2018
24.3.2018
28.3.2018
31.3.2018
Ostersonntag, 1.4.2018
2.4.2018
3.4.2018
4.4.2018
5.4.2018
17.6.2018
Nachwort
Als ich im Jahr 2015 in der Psychiatrischen Ambulanz der Uniklinik Heidelberg Patienten einer in Elternzeit befindlichen Kollegin übernahm, war auch Judith Freeman dabei. Sie war schon seit vielen Jahren in psychiatrischer und psychotherapeutischer Begleitung. Mich beeindruckte ihr kraftvoller Wille, ihre traumatische Lebens- und Krankheitsgeschichte hinter sich zu lassen und mit positivem Blick auf die Menschen und die Umwelt ihr weiteres Leben selbstbestimmt zu gestalten und zu genießen.
Wir entschlossen uns gemeinsam, nach der langjährigen Behandlung mit anhaltender Stabilität den Stimmungsstabilisierer Lithium auszuschleichen, da vermutlich eine gewisse Gefühlsabschottung und mangelnde Lebendigkeit auch daher rühren konnten. Das Ergebnis glich einem Wunder: Judith Freeman tauchte aus einer gefühlten dämpfenden „Glocke“ auf und erlebte nach und nach ein wesentlich breiteres Spektrum an Emotionen, mit denen sie zunächst wieder umzugehen lernen musste. Da sie und ihr Ehemann in der Früherkennung von emotionalen Schwankungen und Überlastungen sehr achtsam waren und wir eine relativ engmaschige Begleitung vereinbarten, konnten Krisensituationen immer gut abgefangen werden.
Für die Stabilisierung, Reflexion und zugleich Intensivierung des Erlebens war für Judith Freeman das Tagebuch-Schreiben eine zentrale Hilfe: Sie konnte ihre Gedanken und Gefühle ordnen, diese mit Erinnerungen an frühere Erfahrungen verknüpfen und sich auf ihre Ressourcen und Fähigkeiten im Umgang mit Konflikten besinnen. Oftmals durfte ich in den Behandlungsstunden anhand ihrer Tagebuch-Aufzeichnungen den inneren Prozess der vergangenen Wochen nachvollziehen.
Es entstand die Idee, aus den Aufzeichnungen ein Buch werden zu lassen, das auch anderen Betroffenen Mut und Hoffnung geben kann. In ihrem ersten Buch „Dank Therapie an Leben gewonnen“ schilderte Judith Freeman einige Jahre zuvor ihre teils traumatischen Psychiatrie-Erfahrungen. Bei den Tagebuch-Aufzeichnungen greift sie nun ihr ganzes Lebens- und Alltags-Spektrum samt Kindheitserinnerungen auf, so dass spürbar wird, wie reichhaltig ihre Erlebnisse und Erfahrungen auch jenseits von psychischer Erkrankung waren. Eine zunehmende emotionale Unabhängigkeit von der zurückliegenden Krankheitsgeschichte wird deutlich, so dass mit Recht von einem Zeugnis einer Heilung gesprochen werden kann.
Dr. Max Ludwig
Vom Bett aus schaue ich auf das weite Meer. Es ist grünblau gestreift. Tom ist stark erkältet. Augen hat er wie Schlitze, rot und glasig.
Meine Füße kribbeln, ich denke an „restless legs“. Irgendwie bin ich innerlich unruhig, nach dem Aufwachen vielleicht ein Tick depressiv. Ich habe keine Bewegung, weil ich nicht richtig laufen kann, mein linker Fuß ist immer noch nicht in Ordnung, ich habe ihn mir im letzten Urlaub verknackst. In meinem nächsten Portugalurlaub will ich auf jeden Fall wieder ohne Schmerzen unterwegs sein können, besser noch vorher. Tom geht gerade allein spazieren. Ich liebe ihn. Schade, dass ich nicht bei ihm sein kann. Ich denke an zuhause, sind Dusche und Bad fertig, wenn wir heimkommen? Lebe zu viel in der Vergangenheit, das ist nicht gut. Im Hier und Jetzt sein, das ist die Chance. Tom lebt in der Gegenwart, ich kann von ihm lernen. Die Vergangenheit ist vorbei, du kannst sie nicht verändern. Vielleicht finde ich einen guten Ghostwriter, der meine Geschichte aufschreiben kann. „Eine Familiengeschichte“, wie Dr. Lu mein Buch nennen mag. Alles aufschreiben, das ist meine Chance. Will mit Dr. Lu darüber sprechen.
Wegen der Klimaanlage bin ich sehr erkältet. Ich habe letzte Nacht vor lauter Kopfschmerzen fast nicht geschlafen. Heute bekomme ich von meiner Schwägerin Paracetamol. Ich hebe drei Tabletten für die Nacht auf. Ich möchte schnell wieder gesund werden, dass wir noch ein bisschen was vom Urlaub haben.
Schlafe in der Nacht besser, der Husten ist noch nicht weg. Tom kauft mit seiner Schwester und seinem Schwager ein. Ich versuche den „enthusiasme“ aufzubringen, mich zu duschen und die Haare zu waschen.
Ich gehe ohne Lithiumschutz mehr in die Vergangenheit, „Stadt“. Will bei Dr. Lu darüber sprechen. Dafür brauche ich viel Vertrauen.
Mit Lithium bin ich nicht in der Realität. Ich bin wie in Watte gepackt. Ohne Lithium liegt die nackte Realität vor und hinter mir, meine Krankheit wird mir bewusst. Muss unbedingt mit Dr. Lu darüber sprechen.
Geduscht und mit gewaschenen Haaren sitze ich im Bett und fühle mich sauwohl. Ich habe elf oder zwölf Stunden Schlaf hinter mir und bin jetzt um 18 Uhr voll ausgeruht.
Tom fragt mich: „Wie findest du den Urlaub?“
„Abgesehen von der Erkältung süpi.“
Noch eine Nacht und wir sind wieder zuhause. Hoffentlich sind unsere neue Dusche und das Klo fertig! Ich stelle mich auf Putzen ein. Jetzt habe ich genug Kraft, den Alltag anzupacken.
Erster Termin nach dem Urlaub in der Psychiatrischen Ambulanz bei Dr. Lu. Reduzierung des Olanzapins von 15 mg auf 10 mg.
Mache meinen Mann und Dr. Lu miteinander bekannt.
„Ihre Frau hat eine starke Erkältung“, sagt Dr. Lu zu Tom. Er fährt fort: „Ich finde es toll, wie fest Sie an ihrer Seite stehen.“
„Wir schaffen das schon“, beendet Tom das kurze Gespräch.
Wir alle drei verabschieden uns mit Händedruck. Ich fühle mich geborgen.
Nächster Termin: Mittwoch, 27.7.2016, 18 Uhr, unser Hochzeitstag.
Heute fühle ich mich sehr matt, obwohl ich eineinhalb Wochen nach unserem Portugalurlaub endlich wieder genügend geschlafen habe. Mittags lege ich mich ins Bett und onaniere. Der Orgasmus kommt ganz leicht und mühelos. Mein ehemaliger Neurologe Dr. Adam mit Praxis in Leimen empfiehlt mir schon 1986: „Sie müssen zwei- bis dreimal in der Woche onanieren, wenn Sie nicht mit Ihrem Mann schlafen!“ Als frühere Klosterschülerin fühle ich mich heute noch sündig, wenn ich „es“ tue.
Die Reduzierung des Olanzapins macht mir zu schaffen. Soll ich Dr. Lu anrufen?
„Helfen Sie mir zu ordnen?“, werde ich ihn fragen.
Ich wache in der Nacht auf, 2.30 Uhr, und bin mit meinen Gedanken wie auf Knopfdruck in der Heidelberger Altstadt. (1973) Hellwach stehe ich auf, nehme mein Tagebuch, setze mich auf die Kuschelecke im Wohnzimmer und fange an zu schreiben.
Ich jobbe in der Diskothek „Lupe“ an der Garderobe, wohne in einem Minizimmer in der Schiffsgasse gleich hinter dem Rathaus und lasse mich treiben.
Alles fängt so an: Anita, eine meiner Schwestern, nimmt mich nach meinem Selbstmordversuch im Frühling 1973 von Stuttgart mit nach Heidelberg. Ich lebe bei ihr und Ralf, ihrem Freund. Sie wäscht von Hand auch meine Kleidung. „Hast du denn nur weiße Socken?“, faucht sie mich an. Sie fährt fort und schreit mich an: „Ich will, dass du gehst. Du kannst abhauen!“
Ich packe eine kleine Tasche mit dem Nötigsten und fahre mit meinem Mofa in die Stadt ins Ungewisse, ohne Bleibe. Ich bin krank. Bei irgendeinem Typen lande ich, ich weiß nicht mehr bei wem. Etwas später lerne ich in einer Bar einen Ägypter kennen. Ich ziehe zu ihm in ein Zimmer oberhalb vom „Wienerwald“, das er mit einem Freund teilt. Einmal pinkelt er ins Waschbecken, was mich sehr ekelt, und ein anderes Mal spritzt er sich in den Unterschenkel, Rauschgift? Kommt mir im Nachhinein, während ich dies schreibe. Im Bett läuft nichts ab und er eröffnet mir: „Du kannst hier nicht bleiben.“
Und dann ziehe ich in dieses Minizimmer gerade um die Ecke, Bett, Regal, Dusche, Miete 220 DM im Monat, die ich fast nicht aufbringen kann. So behalte ich das Zimmer nur knapp einen Monat lang. Ich glaube, so ist es gewesen.
Einmal frage ich am Morgen danach meinen Gast: „Wie heißt du eigentlich?“ „Frank“, antwortet er. Meine nächste Frage: „Und was machst du?“ „Ich bin Arzt.“
Jahre später (1982) treffe ich ihn in Weinheim wieder als meinen behandelnden Arzt, Dr. Arnold, was mir erst mit der Zeit aufgeht.
Ich nehme Benni (14 Jahre) bei mir auf. Ich will von ihm wissen: „Warum bist du von zuhause abgehauen?“ „Mein Vater hat mich geschlaucht.“ Ich lege für ihn eine Matratze neben mein Bett; tatsächlich will er Zärtlichkeit. Ich mache ihm unmissverständlich klar: „Ich habe nichts mit Jugendlichen am Hut.“ Und bin sehr streng.
„Wo wohnst du?“, fahre ich fort. „In einer Wohngemeinschaft in der Krämergasse“, lässt er mich wissen. Ich begleite Benni dorthin und erschrecke darüber, was ich da sehe: ein schmuddeliges Matratzenlager und viele heruntergekommene Typen, kreuz und quer liegend, vergammelt, ungepflegt und rauchend. Jasper, der Kopf der WG, will mit Benni schlafen. Ich warne ihn: „Lass Benni in Ruhe!“, worauf er sich auf mich stürzt und mich an den Haaren reisst. Ich erschrecke mich zu Tode und flüchte sofort von diesem abscheulichen Ort. Benni muss ich rigoros rausschmeißen, weil er nicht von mir lassen will.
Ich lerne den Untergrund kennen, wie armselig doch viele junge Menschen leben, in dunklen Zimmern, in Hinterhöfen, arm und verlottert.
Ich bin an der Uni eingeschrieben, Romanistik und Geographie, bewege mich fast ausschließlich in Bars und Diskotheken oder im „Kakaobunker“, einer Cafeteria, wo hauptsächlich ausländische Studenten verkehren, und lasse mich treiben.
So begegne ich Ali, einem türkischen Jurastudenten. In seinem kalten Zimmer ohne Heizung kann man sich nur im Bett aufhalten. Zu seinem Geburtstag schenke ich ihm Fellhausschuhe, über die er sich wahnsinnig freut. Er nimmt mich mit zu seinen Freunden und in einer türkischen Familie esse ich das beste Spiegelei meines Lebens.
Ali stammt aus einer sehr großen Familie und er vertraut mir an, dass er kaum eine Schlafmöglichkeit findet, wenn er in die Heimat reist. Irgendwie sind wir beide „verlorene Seelen“, was uns verbindet.
Ali besucht mich später im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI), wo ich 1976 lande. Er distanziert sich von mir, sagt, er müsse zum Militärdienst in die Türkei und wisse nicht, wann er nach Deutschland zurückkehre. Die Wahrheit ist, er will keine psychisch kranke Frau, was er irgendwann zugibt.
„Ich hätte ihn sowieso nicht geheiratet“, äußere ich beim nächsten Arztgespräch.
Ich schlafe bis zum Morgen. Ich soll mich bei Dr. Lu melden, wenn ich überhaupt nicht schlafen könne. Seit neun Tagen diese Reduzierung von 15 mg auf 10 mg Olanzapin. Ich merke sie deutlich. Vergangenes kommt in mir hoch, häppchenweise, das ist meine Chance. Aufschreiben ist meine Chance. Jede Erfahrung wird im Gehirn gespeichert. Der Rausschmiss aus Anitas Wohnung liegt schon sehr lange zurück. Ich bin 20, 21 Jahre alt. Es ist nicht leicht mit mir, Monate mit tiefen Depressionen, auch im Hochsommer trage ich meistens einen schwarzen Rollkragenpullover.
Ralf und Anita wohnen in einer Zweizimmerwohnung in der Lutherstraße in Neuenheim. Er räumt sein Zimmer für mich und schläft bei Anita. Morgens frühstücken wir zu dritt und mittags essen wir in der Mensa. Ralf studiert Sozialarbeit, wo er seine neue Freundin kennenlernt. Die Beziehung zwischen ihm und Anita zerbricht.
Einmal in der Woche gehe ich in die Psychotherapeutische Beratungsstelle für Studenten (PBS) zur Gruppentherapie, die ich bald aufgebe. Die Gruppe schreibt mir einen Brief, dass sie mich vermissen würde und ich doch wieder kommen solle, was mich innerlich nicht erreicht.
Wilhelm und ich sehen uns in Heidelberg wieder, er ist Ralfs Schulfreund, uns verbindet eine On-and-off-Beziehung, wie Dr. Lu sie treffend bezeichnet. Oft schauen wir uns Filme im Kino an, in der „Kamera“, und gammeln hauptsächlich rum.
Ich bin sehr depressiv und selbstmordgefährdet, kaufe Unkrautvertilgungsmittel im Supermarkt, verstecke es im Kellergewölbe der Wohnung. Ich schleiche immer wieder zu dem Gift, habe vor es zu trinken. Ich setze die Flasche an, doch den letzten Schritt mache ich nicht. Ich leide Höllenqualen.
Trotz meiner letzten intensiven Erinnerung fühle ich mich psychisch stabil, habe ein sicheres Hier und Jetzt, die Beziehung mit meinem Mann klappt, nachts schlafe ich und aktuell gibt es keine größeren Probleme.
Heute haben wir Samstag, Tom und ich sind zu einem Grillfest eingeladen, bei diesen Leuten zum ersten Mal. Ich freue mich darauf. Tom teilt dem Gastgeber mit, wir seien Vegetarier, worauf dieser klarstellt, es gäbe genug Salate.
Letztendlich gehen wir doch nicht auf das Grillfest, Tom ist zu erschöpft, er hat den ganzen Tag im Rahmen des „J. F. HausService“ schwer in der Hitze geschuftet. Ich finde es schade, aber okay. Zu seiner Entspannung will er kochen, ich gebe die Küche frei. Er nimmt mich in die Arme mit den Worten: „Ich habe dich unheimlich lieb, ich freue mich, dass du mit mir zusammen bist“ und küsst mich. Meine Welt ist in Ordnung.
Es ist 3.26 Uhr und ich schlafe immer noch nicht. Tom meint, ich wühle mich zu sehr auf mit der Schreiberei, ich solle langsam machen. Ich pausiere bis auf Weiteres.
Nach einer guten Nacht ordne ich erst einmal meine Aktivitäten. Brot holen bei Bella, tanken, neues Heft zum Reinschreiben kaufen. 12 Uhr mit Tom brunchen. Danach tapeziert er die Wohnung über uns, ich decke den Tisch ab. Heute mittag räume ich meine Kleidung vom großen Schrank im Flur um in den Schrank im Schlafzimmer. 16 Uhr: Ich begleite Tom nach Gaiberg zu meiner englischen Freundin, sie will etwas installiert bekommen. Hinterher koche ich, Tom tapeziert weiter. Es gibt Reis mit Champignons in Tomatensoße, dazu Veggie-Burger vom Aldi.
Ich genieße den Zweipersonenhaushalt, alles ist angenehm einfach und übersichtlich. Wenn ich da an früher denke: zehn bis vierzehn Personen am Tisch, die Eltern, acht Kinder, zwei Knechte. Und das viele Geschirr. Die Eltern schuften von morgens bis abends: melken, Kühe und Schweine füttern. Mutter backt Brot, später immerhin mit Hilfe einer elektrischen Knetmaschine, wäscht, bald haben wir eine halbautomatische Waschmaschine zu ihrer Entlastung, Bett- und Kochwäsche kommen in großen Kesseln auf den mit Holz und Kohle gefeuerten Herd. Sonntag ist Ruhetag. Da gibt's Weißbrot und man geht in die Kirche. Später als Teenager setze ich den Braten auf oder schiebe die Hähnchen in den Backofen, während die anderen den Gottesdienst besuchen.
Mit zunehmendem Alter müssen wir Kinder auch mithelfen, jeder hat seine Aufgabe, in erster Linie samstags das ganze Haus putzen, angeleitet von Annelie, die es mit der Sauberkeit sehr genau nimmt. Sie ist fünf Jahre älter als ich. Brigitte und ich sind sieben und acht Jahre alt. Ferner müssen wir zwei „Kleinen“ im Keller Kartoffeln von den Trieben befreien und in Körben sammeln. Vier Körbe voll! Eine Kartoffel nach der anderen! Für den Kessel im Saustall. So mit zwölf bin ich für das Reinigen der Melkmaschinen zuständig.
Die Nacht darauf wache ich nach vier Stunden Schlaf um 2.30 Uhr auf und bin wieder in der Heidelberger Altstadt in meinem Minizimmer, 1973. Ich stehe auf und schreibe. Frank geistert mir im Kopf herum, wie ich ihn in Weinheim als Dr. Arnold wiedertreffe,1982.
Die Esszimmeruhr zeigt gleich 5 Uhr. Ich trinke einen Chi-Kaffee und versuche noch ein paar Stunden zu schlafen. Die Arbeit als Fußpflegerin könnte ich im Moment nicht leisten. Die Schreiberei wühlt mich auf. Es fällt mir schwer, langsam zu machen, mich zieht es förmlich zum Tagebuch hin.
Heute Morgen habe ich etwas Kopfweh und Augensäcke, ausgeprägter denn je.
Ich pausiere endgültig mit dem Schreiben, bis ich wieder schlafen kann. Loslassen ist angesagt! Will mit Dr. Lu darüber sprechen.
Muss unbedingt Dr. Lu fragen, ob er sich mit Bluthochdruck auskenne. Wenn ich selbst messe, ist der zweite Wert so um die 90. Nächsten Mittwoch, in einer Woche habe ich Gesprächstermin bei ihm, der auf unseren 37. Hochzeitstag fällt. Tom und ich verbinden den Termin mit einem Essengehen im „Red“, das ist ein vegetarisches Restaurant in Heidelberg. Tom würde sich sonst schwer die Zeit dafür nehmen. Er hat im Moment eine Siebentagewoche. Arbeit ohne Ende.
Mein Blutdruck fällt beim zweiten Wert unter 90 und mein Schlaf kommt zurück, was wahrscheinlich von der Schlafhygiene herrührt. Ich gehe erst später, so gegen 23 Uhr, anstatt zwischen 21 und 22 Uhr ins Bett. Ich schlafe sofort ein, wache einmal in der Nacht auf, um aufs Klo zu gehen und schlafe nur gleich weiter, wenn mir nichts im Kopf rumgeht.
Ich wache um 4.30 Uhr auf. Mama kommt mir in den Sinn, das Kleinstheim, in dem sie die letzten Wochen ihres Lebens verbringt und dort stirbt (1. April 2011).
Erstmal trinke ich einen Chi-Kaffee, dann versuche ich nochmals ein paar Stunden zu schlafen und schreibe morgen weiter. Zuvor setze ich mich noch zehn Minuten auf den Balkon und genieße die Stille um mich herum. Ein Vogel zwitschert und ein Auto rollt leise die Straße hinunter. Alle Fenster in den benachbarten Häusern sind noch dunkel, meine Welt ruht friedlich. Ich gehe ins Bett und schlafe weiter bis 8 Uhr, das genügt. Kurz noch: Ich habe diese schlafhygienische Vorgehensweise von einem Faltblatt der Barmer Ersatzkasse, „Gesunder und gestörter Schlaf“. Darin steht: Wenn man nachts aufwacht, soll man aufstehen, etwas lesen, trinken oder aufräumen und erst dann wieder ins Bett gehen, wenn man richtig müde ist. Gestern Nacht funktioniert diese Methode.
Heute gehe ich zur Kosmetikerin, Wimpern und Augenbrauen färben. Ich erzähle ihr: „Ich nehme seit dem 7. Februar überhaupt kein Lithium mehr ein, seit Oktober 2015 bin ich nicht mehr im Spiegel.“ Sie kommentiert: „Toll, dass du dich traust.“ Sie ist eine besondere Kosmetikerin, eine Naturkosmetikerin. Sie hat den Naturheilverein Spechbach aufgebaut mit vielen interessanten Vorträgen und Seminaren wie zum Thema Resilienz. Ich informiere mich bei ihr über Schüßler Salze wegen meiner Augensäcke. „Vielleicht hast du irgendwo im Körper einen Wasserstau.“ Sie empfiehlt mir vier Wochen lang das Schüßler Salz Nr. 8, auf das der Wasserhaushalt reagieren soll. Mal sehen.
Heute Abend geht das Kochen ganz schnell. Es gibt Bratkartoffeln, Zucchinigemüse mit einer Rote-Linsen-Soße. Ich schneide noch eine Paprikaschote in schmale Streifen.
Wie schon gesagt, wir sind heute 37 Jahre verheiratet und ich habe um 18 Uhr Termin in der Ambulanz bei Dr. Lu. Ich lese meinem Arzt aus meinem Manuskript vor, spreche über meine Schlafstörungen, immer diese Vergangenheit. Er erklärt mir: „Das sind die 10 mg Olanzapin, die Reduzierung.“ Trotzdem bleiben wir bei dieser Dosierung. Ich bin so richtig im „Flow“.
Habe die letzte Nacht keine Minute geschlafen, lege bis auf weiteres eine Schreibpause ein.
Rufe bei haess-media an. Wir brauchen die Werbung für den J. F. HausService im Gemeindeblatt nicht mehr wöchentlich, sondern nur noch 14-tägig. Wir haben einen enormen Zulauf, gestern allein drei neue Aufträge. Als Tom heute Mittag zum Brunchen nach Hause kommt, verrate ich ihm nicht, dass ich heute Morgen schon geschrieben habe. Ich musste ihm versprechen, dass ich ein paar Wochen damit pausiere, bis die Reduziererei meiner Medikamente abgeschlossen ist und ich fest im Sattel sitze. Schreiben belastet mich nur, wenn ich dabei in die Vergangenheit gehe, also analytisch; ich durchlebe meine Erfahrungen nochmals, die oftmals sehr heftig gewesen sind.
Meine englische Freundin besucht mich, wir sprechen über den Brexit. Sie erklärt mir: „Die Abstimmung war ganz knapp 51:50. Die jungen Leute sind für die EU, die alten, verknöcherten für den Austritt. Wahrscheinlich sind die wenigsten Jungen zum Wählen gegangen, sie haben gearbeitet.“ Sie spricht von einer eventuell kommenden Visapflicht für Engländer in Deutschland. Ich will, dass Tom sich informiert. Die Freundin kennt sich in der Politik gut aus, ich kann von ihr lernen.
Wache um 3 Uhr auf und bin mit meinen Gedanken im „Bunsenkeller“, einer Freizeiteinrichtung für Kinder der Stadt Heidelberg, wo ich Anfang der 80er-Jahre als Erzieherin arbeite. Greife es später auf, ich schäme mich so. Habe kein Auge mehr zugetan.
In der Nacht bin ich wieder im „Bunsenkeller“. Merke deutlich die Reduzierung des Olanzapins von 15 mg auf 10 mg. Bald, in zehn Tagen habe ich das nächste Gespräch bei Dr. Lu. Kann die Zeit nicht ein bisschen schneller vorbeigehen? Mein Mann meint, ich würde mir um meinen Schlaf zu viel Sorgen machen: „Du weisst nicht, wann du schläfst und wann nicht, das beobachte ich.“
Letzte Nacht schlafe ich gut. Heute, Sonntag, brunchen wir mit Ilse im „Journal“ in Schwetzingen. Ich lerne sie 1982 in der Praxis Dr. Hand in Heidelberg kennen. Wir machen zusammen eine Spieltherapie-Zusatzausbildung. Der Ausbildungsleiter bemerkt damals: „Julia, überleg dir gut, wofür du dich hergibst“. Nach einem Rollenspiel meint er: „Du bist eine hervorragende Schauspielerin.“
Wieder gut geschlafen. Bin um 2.30 Uhr aufgewacht, aufs Klo gegangen, kurze Zeit später schlafe ich wieder ein. Vielleicht ist der „Bunsenkeller“ ausgestanden.
Drei Nächte hintereinander gut geschlafen, süpi. Bald bin ich so weit und kann über die Zeit im „Bunsenkeller“ schreiben. Zuerst muss ich einen Sachverhalt ein paarmal durchdenken. Ich erinnere mich, durchlebe alles gefühlsmäßig, als ob es gestern gewesen wäre, und halte schließlich meine Gedanken schriftlich fest. Das ist meine Methode, wie eine kleine Geburt.
Tom kommt wie jeden Mittag zum Brunch nach Hause. Es gibt Mozzarella Tomaten, Gurke, Paprika, Käse, Veggie-Wurst und Vollkornbrot. Ich bin dankbar für unser köstliches Essen, wir mussten noch nie hungern.
Mein Versprechen, erst wieder zu schreiben, wenn ich stabil bin, halte ich nicht ein.
Hatte eine gute Nachtruhe. Gehe heute zum Proktologen nach Heidelberg. Mit ein bisschen mehr Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit kann ich mein Buch ohne Schlafstörungen schreiben.
Wache um 0.30 Uhr auf und kann nicht mehr einschlafen, bin wieder im „Bunsenkeller“. Scheiße, ich hänge fest. Muss mit Dr. Lu darüber sprechen, Dienstag habe ich Termin. Schlafe später wieder ein.
Es heißt, der „Bunsenkeller“ im Untergeschoss des Bunsengymnasiums sei ein Politikum. Die „Stadt“ sucht jemanden, der den Karren aus dem Dreck zieht. Eine Erzieherin, die im Jugendamt, Abteilung Kindertagesstätten, arbeitet, empfiehlt mich. In der Zeit arbeite ich im Rahmen meines Anerkennungsjahres zur Erzieherin im städtischen Hort in Neuenheim. Mir kommt der eventuelle Wechsel nicht ungelegen, da ich mich mit der Leiterin nicht besonders gut verstehe.
Ich werde zur Vorstellung ins Sozial- und Jugendamt gerufen, dort dem Leiter des Jugendamtes vorgestellt, der für die Jugendeinrichtungen, Haus der Jugend, „Bunsenkeller“ und Plöck 2a zuständig und neu auf seinem Posten ist. Er wirkt mittelalterlich und dynamisch, auf jeden Fall sympathisch. Ohne genau abschätzen zu können, was auf mich zukommt, bin ich zu dem Wechsel bereit, morgens Stadtjugendsekretariat und mittags „Bunsenkeller“. Der Stadtjugendpfleger und ich sind uns auch zugetan. Schließlich machen sich eine Studentin der Berufsakademie, die im letzten Praxisvierteljahr schon im „Bunsenkeller“ eingesetzt gewesen ist, und ich an die Arbeit. Der „Bunsenkeller“ soll schnell wieder geöffnet werden, der Rektor des Bunsengymnasiums ist dagegen, es gibt Kämpfe zwischen Schule und Stadtverwaltung.
Der „Bunsenkeller“ befindet sich in einem desolaten Zustand, beschädigt, versifft und verlottert. Scheibchenweise erfahre ich, was geschehen ist. Die Einrichtung wurde von jetzt auf nachher geschlossen, weil die Leiterin mit der Stadtverwaltung nicht konform gegangen sei. Der Stadtjugendpfleger jedoch steht hinter ihr, sie „habe was los“. Er muss schließlich im Herbst 1980 seinen Posten räumen, wird in eine städtische Schule versetzt, was nicht ohne Widerstand abgeht. Die jahrzehntelange Schreibkraft mischt kräftig mit. Eines Morgens fragt sie mich hinterlistig: „Weiß der Leiter des Jugendamtes auch, dass Sie ein Vögele haben?“ Bald wird sie in den Ruhestand versetzt und von einer jungen sympathischen Kraft ersetzt.
Mit dem Hausmeister zusammen renovieren die Studentin und ich den „Bunsenkeller“, wir streichen die Wände, die Farbe können wir uns aussuchen. Wir stellen ein in der städtischen Druckerei gedrucktes Vierteljahresprogramm zusammen, ohne deren Erfahrung hätte es keinen Neuanfang gegeben. Neben Kursangeboten wie „Kochen in der Bunsenkellerküche“ und Töpfern gibt es einen Offenen Bereich mit Billard, Tischtennis und Sonderveranstaltungen wie „Kino für Kinder“. Eine Jahrespraktikantin zur Erzieherin wird eingestellt. Sie und ich ergänzen uns gut. Ihre Praxisanleiterin beurteilt unsere Arbeit: „Für zwei Anfängerinnen haben Sie das gut hingekriegt.“
Die Arbeit im „Bunsenkeller“ stresst sehr. Jugendliche wollen die Einrichtung wieder für sich erobern, doch der „Bunsenkeller“ soll nur für Kinder bis zu vierzehn Jahren konzipiert werden. Wir lassen uns im Zweifelsfall den Ausweis vorlegen, Jugendliche ab vierzehn haben ab sofort keinen Zutritt mehr. Wir sind freundlich und konsequent und bald versteht man uns. Immer weniger Jugendliche versuchen, den Ablauf im Keller zu stören, und immer mehr Kinder kommen, die das Angebot wahrnehmen. Der Betrieb läuft gut und ich werde belohnt mit einer Probezeitverkürzung von drei Monaten und einem Handschlag vom Oberbürgermeister, außerdem mit Fortbildungsveranstaltungen bezüglich offener Jugendarbeit. Die Studentin der Berufsakademie äußert: „Der Jugendamtsleiter hat nur Augen für dich.“ Und ich habe nur Augen für ihn. Er nährt meinen leistungsorientierten Boden. Einmal kommentiert er unsere Arbeit: „Gehen Sie nie runter von Ihren hohen Ansprüchen.“ Ich fühle mich total bestätigt und gehe voll in Resonanz mit diesem Menschen, bin sowohl intrinsisch als auch extrinsisch aufs Äußerste motiviert. Ich identifiziere mich stets mit meiner Arbeit. Wir achten darauf, dass wir die Räumlichkeiten abends tadellos, das heisst sauber und ordentlich verlassen. Der Rektor des Bunsengymnasiums beruhigt sich: „Frau Golding ist die Erste, die es geschafft hat.“
Einmal im Quartal besuche ich noch die Therapie in der Psychosozialen Beratungsstelle für Studenten (PBS), früher öfter, einmal in der Woche, aber das geht nicht mehr, weil ich keinen Studentenstatus mehr habe. Mein Therapeut bemerkt: „Du bist ja ganz schön tüchtig im ‚Bunsenkeller‘.“ Ich lerne ihn 1976 im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim kennen, wo er mein Stationsarzt gewesen ist. Er begleitet mich während meiner Ausbildung an der Fachschule für Sozialpädagogik in Mannheim. „Tom und ich wollen heiraten“, teile ich ihm 1979 mit, woraufhin er mich fragt: „Kannst du auch einen Haushalt führen?“ Das hat mich sehr amüsiert.
Ich nehme exakt mein Lithium ein und Ralf, meine Vertrauensperson und Anitas Exfreund, kommentiert: „So stabil wie jetzt warst du noch nie.“
In den Sommerferien 1980 leite ich im Rahmen des Ferienpasses hauptverantwortlich meine ersten Hüttenaufenthalte im Kleinen Odenwald mit Nachtwanderung, Grillen und allem, was dazugehört; eine Herausforderung für mich. Uns werden Kinder anvertraut, die noch nie über Nacht von zuhause weggewesen sind. Der ehemalige Stadtjugendpfleger ist begeistert von unserer Arbeit, Tom hilft bei der Beschäftigung der Kinder.
Gestern nach dem Gespräch in der Ambulanz und dem anschließenden Essen mit Tom im „Red“ falle ich um 21 Uhr erschöpft ins Bett und schlafe bis heute Morgen um 7 Uhr. Bin ausgeruht und fit. Komme gerade vom Einkaufen, habe wieder Lebensmittel süpi ausgewählt, viel Frisches wie Tomaten und Radieschen, hauptsächlich in Bioqualität. Heute gibt es zum Brunch Rührei mit Schafskäse und Tomaten. Bin gespannt, ob es mir genauso gut gelingt wie in der „Mantei“ in Heidelberg, wo wir ab und zu frühstücken gehen.
Heute Mittag gehen meine englische Freundin mit Hund und ich im Gaiberger Wald spazieren, der schönste Ort bei Temperaturen über 30 Grad. Ich trage mein grünes, luftiges Sommerkleid und Turnschuhe, man muss den Sommer noch ausnützen. Die Freundin arbeitete früher im amerikanischen Hospital als Sekretärin. Sie kennt zwei Menschen mit bipolarer Störung, spricht freundlich über sie, findet diese sogar interessant. Ich fühle mich bei ihr gut aufgehoben.
Habe einen erquickenden Schlaf hinter mir, bin heute Morgen fit und ausgeruht, nutze dies zum Schreiben. Ich fahre mit der Zeit im „Bunsenkeller“ fort. Wenn ich mich richtig erinnere, wird im Herbst 1980 im Zuge der Neustrukturierung die Stelle des Stadtjugendpflegers neu besetzt.
Der Vorlesewettbewerb Heidelberger Schulen findet im „Bunsenkeller“ statt. Bei der Begrüßung der Gäste erwähnt der neue Stadtjugendpfleger nur den Namen der Jahrespraktikantin, meinen ignoriert er. Spannung zwischen meinem Chef und mir ist vorprogrammiert. Die Jahrespraktikantin beendet ihre Arbeit im Sommer 1981, für sie kommt eine neue und weil der Betrieb so gut läuft, ab November zusätzlich eine Halbtagskraft, eine Lehrerin. Ab 1.9.1981 arbeite ich nur noch nachmittags im „Bunsenkeller“. Es gibt regelmäßige Besprechungen mit den Mitarbeitern vom Haus der Jugend, „Bunsenkeller“ und Plöck 2a, zur Unterstützung wird der Offenen Jugendarbeit eine Psychologin zugeteilt.
Bald tun sich die Jahrespraktikantin und die Lehrerin zusammen. Der Jugendamtsleiter kommt zur Besprechung in den „Bunsenkeller“ und stärkt mir total den Rücken. Die Jahrespraktikantin bittet ihre Praxisanleiterin um ein Dreiergespräch. Sie beendet ihren Besuch mit den Worten: „Dir muss man helfen, aber Julia muss man auch helfen.“ Sie war auch während meiner Ausbildung meine Praxisanleiterin gewesen. Ich bitte den Leiter des Jugendamtes zum Dreiergespräch: er, Stadtjugendpfleger und ich. Er kommt ohne Umschweife auf den Punkt. Er sagt: „Sie verlangen Unermessliches von mir. Das Problem ist, dass Sie beide sich nicht verstehen, und dann steckt noch was in ihr drin, dafür kann sie nichts.“
Es pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass der Leiter des Jugendamtes und ich uns gut verstehen. Ein sympathischer Mitarbeiter vom Sozialamt warnt mich: „Lass dich auf ihn nicht ein, alle städtischen Mitarbeiter haben ab vierzig Angst, dass die Felle ihnen davonschwimmen, alle.“
Die Jahrespraktikantin wirft mir vor: „Ich kann nicht mehr schlafen wegen dir.“ Ich würde sie nicht hochkommen lassen. Sie weint im Stadtjugendsekretariat. Der Jugendamtsleiter fordert von mir: „Geben Sie ab!“ Und der Stadtjugendpfleger freut sich, ihm kommen die Turbulenzen bezüglich meiner Person sehr gelegen. Die Studentin der Berufsakademie kommentiert: „Sie ist naiv.“ Der Leiter des Jugendamtes zieht sich von mir zurück mit den Worten: „Ich höre nur Negatives von Ihnen!“ Trotzdem suche ich immer wieder das Gespräch mit ihm, mache mich lächerlich und fühle mich gedemütigt. Sein Kommentar: „Sie sind selbst schuld, dass Sie sich in eine solche Abhängigkeit begeben.“
Ich mache den entscheidenden Fehler, ich setze von jetzt auf nachher das Lithium ab. Mein Therapeut spricht mich daraufhin an, ich gebe ihm keine Antwort. Ganz langsam, anfangs fast unmerklich, rutsche ich in die Dekompensation.
Mein Therapeut teilt mir mit, dass er in der PBS aufhören werde. Er will nicht sagen warum. Ich mutmaße: Vielleicht ist er krank? Vielleicht hat er Krebs oder etwas anderes Schlimmes? Er will es einfach nicht sagen. Schließlich ruft mich seine Freundin an und teilt mir mit: „Er macht eine Praxis auf und nimmt keinen mit.“
Nach dem „Bunsenkeller“ gehe ich in die PBS und verkünde in seinem Arbeitszimmer: „Die Bilder an der Wand, die habe ich alle gemalt!“ Er reagiert: „Du hast Gefühle für mich. Wenn du jetzt nicht gehst, rufe ich den Krankenwagen und du kommst nach Weinheim!“ Ich habe keine Angst und gehe nicht.
Drei Tage muss ich dort zur Beobachtung bleiben. Schließlich holt mich mein Mann ab und rät mir eindringlich zu absoluter Ruhe und Zurückhaltung. Ich stecke mittlerweile schon tief in einer Psychose, was sie in Weinheim nicht gemerkt haben. Trotzdem gehe ich weiter arbeiten. Die Lehrerin schreit mich an: „Du bist krank!“ Ich schlafe nicht mehr, esse kaum noch und verkrieche mich in der Wohnung. Meine Kraft lässt nach und ich bin nicht mehr in der Lage weiterzuarbeiten. Mitte Juni 1982 rufe ich im Stadtjugendsekretariat an und flüstere in den Hörer: „Golding, ich komme nicht mehr.“ Ich kündige zum Monatsende.
Kurze Zeit später erhalte ich per Post mein Arbeitszeugnis, das liederlichste Zeugnis der Welt.
Wie es weitergeht, berichte ich eingehend in meinem ersten Buch „Dank Therapie an Leben gewonnen“. Mit der „Stadt Heidelberg“ bin ich noch nicht ganz fertig.
Jetzt ist es 10 Uhr und ich brauche erst einmal einen Kaffee und eine Schreibpause.
Habe mir die halbe Nacht um die Ohren geschlagen, schlafe erst gegen 3 Uhr ein. Tom: „Eindeutig zu viel geschrieben!“ Ich pausiere bis auf weiteres.
Hallo Buch, du musst dich noch ein bisschen gedulden.
Gespräch in der Ambulanz. Dr. Lu empfiehlt mir, vorübergehend von 10 mg auf 15 mg Olanzapin hochzugehen. Er geht weg, nach Erbach, er wird leitender Oberarzt und stellvertretender Chefarzt, und das mit 35. Ich kann dann großmaschiger zu ihm kommen, aktuell alle vier Wochen.
Ich sitze zuhause auf dem Balkon und weine. „Ich weine, weil Dr. Lu weggeht.“ „Sieh es als Fortschritt“, beruhigt mich Tom. Die Metapher mit der Erdbeerpflanze bezüglich meiner aktuellen Therapeuten finde ich ganz schön zutreffend.
Ich bin eine Erdbeerpflanze und werde mit Biodünger gestärkt (Therapie bei Fr. Dr. Jung). Die Erdbeerpflanze bringt große, rote und saftige Erdbeeren hervor. Dr. Lu macht Marmelade daraus und es wachsen neue Triebe.
Bluthochdruck in der Ambulanz ansprechen. Nehme Kontakt mit der Biografiewerkstatt Otto in Mainz auf.
Gestern Gesprächstermin bei Frau Dr. Jung. Der Kontakt kam über den Neurologen der psychiatrischen Ambulanz Heidelberg zustande (Jahr 2000). Ich öffnete mich: „Ich würde gern nochmal eine Therapie machen“, woraufhin er mir Fr. Dr. Jung empfahl. Sie ist Psychologin und Ärztin, sehr günstig für mich, da ich eine psychiatrische Erkrankung habe. Sie ist gerade mal zwei oder drei Jahre älter als ich, modern, attraktiv und sehr professionell. Schon nach der zweiten Sitzung sind wir bereit miteinander zu arbeiten, Verhaltenstherapie. Am Anfang betreut mich parallel dazu Herr Held vom Psychiatrischen Hilfsverein, was ich jedoch bald aufgeben kann, für mich ein Fortschritt; das bedeutet eine Stufe weiter auf der Leiter (siehe mein erstes Buch).
Frau Dr. Jung ist mir aktuell so vertraut, dass ich in der Therapie immer auf den Punkt komme. Zwischen den Terminen notiere ich mir Stichpunkte in mein Therapieheft und arbeite diese im Gespräch ab. Heute fange ich an zu sprechen: „Seit Oktober 2015 bin ich ohne Lithiumschutz, d.h. wir haben ganz langsam reduziert, mit Dr. Lus Worten: Wir gehen mit dem Lithium allmählich ganz raus. Ich glaubte, mich verhört zu haben, weil ich dachte, es wäre mein Schicksal bis ans Lebensende Lithium nehmen zu müssen.“
Tom äußert skeptisch: „Was ist, wenn Dr. Lu weg ist und du nicht klar kommst?“ Ich habe auch so meine Bedenken. Wir vereinbaren in der Ambulanz einen Gesprächsturnus von vier Wochen statt einmal im Quartal. Schritt für Schritt arbeite ich mich vorwärts, in langen Abständen jeweils um eine halbe Lithiumtablette reduzierend. Bald bewege ich mich unter dem Lithiumspiegel von 0,6 (wirkender Spiegel 0,4-1,2) und bin immer noch in keiner Krise. Ich schlafe mehr, was Tom sehr verblüfft.
Heute im Gespräch freut sich Frau Dr. Jung: „Sie sind viel lebendiger.“ Mit der Lebendigkeit kommen auch Lebenserfahrungen wieder hoch, die ich verarbeitet geglaubt habe, die jedoch nur verdrängt oder in Watte gepackt waren. Ich berichte der Therapeutin eine einschneidende Episode aus meiner Vergangenheit:
