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Theodor Holm hat als Student der Theologie und Oberjäger in der Schleswig-Holsteinischen Armee in den Jahren von 1849 bis 1851 ein Tagebuch geschrieben. Dieses Buch enthält die Übertragung seines handschriftlich verfaßten Tagebuchs mit den Berichten über seine Beteiligung am Schleswig-Holsteinischen Krieg sowie die Beschreibungen seiner Pfingstwanderungen und Ferienreisen, mit ergänzenden Anmerkungen und zusätzlichen Informationen im Anhang.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Theodor Holm
Vorbemerkungen
Über das Original des Tagebuchs
Über Theodor Holm
Vorgeschichte des Schleswig-Holsteinischen Krieges
Kriegsverlauf im Jahre 1848
Das Tagebuch
Feldzug in Jütland im Jahre 1849
Spaziergang Pfingsten 1850
Der Feldzug 1850
Reise nach Erlangen
Spaziergang 1851
Ferienreise 1851
Ein kurzes Nachwort
Anhang
Anmerkungen
Ode des Horaz
Aus den Erinnerungen von Christian Callisen
Zwei Gedichte
Über das Leben auf dem „Waldemar“
Hannemann und der „tappre landsoldat“
Doppeleiche
Wingolf
Sachregister
Personenregister
Ortsregister
Quellen, Literatur und Bilder
Mein Urgroßvater Theodor Holm schrieb in den Jahren 1849 bis 1851 ein Tagebuch. Das Original des Tagebuchs erbte nach seinem Tod 1901 seine Tochter Maria Holst geb. Holm, die es an ihre Tochter Christa Pieper geb. Holst weitergab. Von ihr bekam es wiederum deren Tochter Gertrud Schultz geb. Pieper, die es Reimer Mohr auf der Rantzauer Mühle in Barmstedt zur Aufbewahrung überließ.
Drei im Literaturverzeichnis erwähnte Quellen, [FrGe1], [RHIn14] und [WaKa], geben nur einen Teil des Tagebuchs, den Feldzug im Jahre 1850, wieder und sind außerdem sehr lückenhaft und fehlerhaft übertragen, da das Original damals noch nicht vorlag.
In dieser kleinen Schrift habe ich das handschriftliche Tagebuch meines Urgroßvaters Theodor Holm aus der Zeit des Schleswig-Holsteinischen Krieges übertragen, in eine gut lesbare Form gebracht und ergänzt um einen notwendigen geschichtlichen Hintergrund und zusätzliche Anmerkungen über den Kriegsverlauf.
Nach einleitenden Kapitel über das Original des Tagebuchs, über den Verfasser Theodor Holm, über die Vorgeschichte des Schleswig-Holsteinischen Krieges und über den Kriegsverlauf im Jahre 1848, folgt das eigentliche Tagebuch.
Das gesamte Tagebuch hat Theodor Holm in sechs Teile gegliedert; diese Gliederung habe ich beibehalten.
Im ersten Teil beschreibt Theodor Holm Erinnerungen den Feldzug in Jütland bei der Eroberung von Kolding und der Belagerung von Friedericia im Jahre 1849. Er beschließt diesen Teil mit seinen Gedanken über eine der Oden des Horaz, die er einer Schönen im Garten widmete.
Originalseite aus dem Tagebuch
Im zweiten sehr kurzen Teil schildert er seinen Pfingstspaziergang von Kiel aus durch das Swentine-Tal in die Holsteinische Schweiz – für jemanden, dessen Heimat in Schleswig-Holstein liegt, mit Vergnügen zu lesen und nachzuwandern.
Der dritte und umfangreichste Teil enthält seine Erlebnisse während des Feldzuges im Jahre 1850 – die Schlacht bei Idstedt, die kleinen Gefechte im Raum zwischen Schleswig und Rendsburg und bei Missunde und seine anschließende Gefangenschaft in Kopenhagen.
Der vierte Teil schließt zeitlich gleich daran an und erzählt seine Reise von Karby nach Erlangen mit seinem Bruder Ernst im Frühjahr 1851, wo er sein Studium der Theologie fortsetzen wollte. Darin nimmt der Besuch bei seiner Tante und dem Vetter in Detmold und die Wanderungen im Teutoburger Wald den größten Teil ein.
Im fünften Teil erzählt er uns von einem Spaziergang in die fränkische Schweiz in einer Gruppe von Erlanger Theologiestudenten, der uns ebenso wie der zweite Teil einen Eindruck des Wanderns vor einhundertsiebzig Jahren gibt.
Der sechste und letzte Teil enthält einen ersten Teil seiner Ferienreise von Erlangen aus nach Tirol und Venedig in einer Reisegesellschaft von fünf Theologiestudenten – dem Besuch in München und die Alpenüberquerung zu Fuß bis ins Zillertal.
Grundlage dieser Arbeit war eine Kopie des Originals des Tagebuchs, von dem eine Seite hier gezeigt ist. Er pflegte eine alte deutsche Kurrentschrift mit sehr persönlichen Eigenheiten. Die Übertragung dieses Blattes findet man auf Seite 63 dieses Buches. Da die Handschrift von Theodor Holm – ich kenne sie aus den alten Kirchenbüchern in Hütten – manchmal nur sehr schwer zu entziffern war, können sich Fehler eingeschlichen haben. Es war sehr schwierig, eine getreue Textwiedergabe und eine gute Lesbarkeit in Einklang zu bringen. Darum habe ich mich auch nicht immer genau an die üblichen Transkriptionsregeln gehalten. So habe ich unleserliche nicht zu entziffernde Worte in der Tagebuchabschrift teilweise und so weit es mir möglich war sinngemäß ergänzt, so wie es sich aus dem Gesamtzusammenhang zwangsläufig ergibt, und diese Ergänzungen und Korrekturen in eckige Klammern in serifenlosen Text gesetzt und im Anhang die Worte im Originaltext wiedergegeben.
Im Tagebuch steht als Ortsangabe häufig „eodem“ mit der Bedeutung ebendort oder am selben Ort. Ich habe jeweils den entsprechenden Ortsnamen eingesetzt. Bei den Ortsangaben südlich des Bisten- und Wittensees ist zu beachten, daß damals der Nordostsee-Kanal in seinem heutigen Verlauf noch nicht existierte, sondern nur der sehr viel schmalere Schleswig-Holsteinische Kanal, der bereits in den Jahren von 1777 bis 1784 gebaut wurde. Auch bei allen anderen Beschreibungen, die Lebensumstände und Kriegsführung betreffen, sollte man sich in Gedanken 170 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzen in die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Statt vieler Fußnoten, wie es in wissenschaftlichen Arbeiten üblich ist, und um damit den Text lesbarer zu halten, habe ich die Personennamen, Ortsnamen und Sachbegriffe wie z. B. militärische Ausdrücke, Fremdworte und ähnliches in einem Personenregister, einem Ortsregister und einem Sachregister im Anhang geklärt. Ebenso habe ich umfangreichere Erklärungen – gelegentlich mit Bildern angereichert – als Anmerkungen und durch hochgestellte Ziffern gekennzeichnet und in den Anhang verschoben.
Die einzige bemerkenswerte Besonderheit, die Theodor Holm als Schmuckelement in seinem Tagebuch verwendete, ist sein Namenszug, den er in Schmuckschrift gestaltet hatte, und den ich auf Seite 17 übernommen habe.
Aus der Zeit des Schleswig-Holsteinischen Krieges in den Jahren 1848 bis 1851 ist uns vieles überliefert an alten Büchern, Dokumenten, Berichten, Briefen und Tagebüchern, die ich neben anderer ergänzender Literaur teilweise in das Quellen- Literatur- und Bilderverzeichnis übernommen habe.
Wer nun das ganze Tagebuch gelesen hat, die vielen Anmerkungen überlesen hat, weil sie ja doch in einer ganz anderen Zeit und von einem ganz anderen Menschen geschrieben sind, der mag vielleicht enttäuscht sein, weil er aus seinem Tagebuch so gar nichts über Theodor Holms frühes Leben erfährt und über seinen Werdegang als Theologe und Pastor. Wir lesen im Tagebuch fast nur über sein äußeres Leben in jenen drei Jahren.
Bevor man das Tagebuch von Theodor Holm liest, sollte man wissen, wer der Verfasser ist und welchen Menschen ich mir beim Lesen vorstellen muß. Deshalb soll hier sein Leben während seiner ersten beiden Lebensjahrzehnte – und nur das ist fürs Erste entscheidend – betrachtet werden.
Reimer Carl Georg Theodor Holm wurde am 12. Dezember 1827 in Garding auf Eiderstedt geboren als Sohn des Pastors Eberhard Holm und dessen Frau Johanna Maria Ernestine geb. Friederici. Getauft wurde er am 9. Januar 1828 in Garding. Bei der Taufe erhielt er den Namen Reimer nach seinem Großvater Reimer Holm, den Namen Georg nach seinem Großvater Georg Ernst Friederici und den Namen Carl von seinem Onkel Carl Friedrich Ferdinand Hancke; sein Rufname war jedoch Theodor.
Theodor war der Älteste der später insgesamt sechs Geschwister. Die ersten zwei Jahre wuchs er im Pfarrhaus in Garding auf. Seine eigentliche Heimat wurde jedoch Karby auf Schwansen, wo sein Vater die Pfarrstelle übernommen hatte, nachdem dessen Schwiegervater Georg Ernst Friederici als Klosterprediger nach Preetz berufen worden war.
Karby war in der damaligen Zeit ein sehr kleines Dorf und bestand aus etwa sieben Höfen und einigen kleinen Pachtstellen. Neben dem Pastorat mit dem großen Pastoratsgarten, der Küsterwohnung, einem Armenhaus und der Schule gab es noch zwei Wirtshäuser, eine Bäckerei, eine Schmiede, eine Ziegelei und eine Essigfabrik. Zum weiteren Lebenskreis von Theodor Holm gehörte jedoch auch das ganze Kirchspiel des Vaters mit gelegentlichen Besuchen auf den umliegenden großen Gütern Schönhagen, Loitmark, Roest, Carlsburg und Olpenitz.
Seinen ersten Unterricht erhielt Theodor und sein drei Jahre jüngerer Bruder Ernst, wie es damals üblich war, zuhause beim Vater und beim alten Pastor Andresen auf der Distriktschule in Karby. Der Lebensstil und die Wertevorstellungen der Menschen dieser Zeit, der Zeit der Restauration und der Biedermeierzeit, haben sicher ganz wesentlich sein Elternhaus und damit auch seine Kindheit mit geprägt. Aufgewachsen war Theodor Holm also in der Zeit des ausgehenden Biedermeier und Vormärz. Einen gewissen Hang zur Romantik aus der Zeit der Jahrhundertwende gaben ihm die Eltern und Lehrer mit auf den Weg, denn so eine Zeit wie die Romantik endet ja nicht plötzlich, sondern läuft langsam aus und die Bilder, die Literatur und das Lebensgefühl wirken noch lange nach.
Gegen Ende der Dreißiger Jahre schickte ihn sein Vater zusammen mit seinem Bruder Ernst auf die altehrwürdige Domschule in Schleswig. Während dieser Zeit wohnte er bei seinem Onkel und Patenonkel, dem Obergerichtsadvokaten Carl Ferdinand Hancke. Dieser für ihn wichtige Lebensabschnitt der Entwicklung und des Erwachsen-Werdens fiel in die unruhige Zeit des Vormärz und der nationalen Bestrebungen. Einen ersten Eindruck von der nationalen Erhebung in Schleswig-Holstein bekam er während der Vorbereitungen zum Schleswiger Sängerfestes am 24. Juli 1844, die großenteils im Hause seines Onkels Hancke stattfanden, der das Sängerfest als Vorsitzender der Schleswiger Liedertafel organisierte und leitete. Auf diesem Sängerfest wurde auch zum ersten Mal die neue „Nationalhymne“ Schleswig-Holsteins, das Schleswig-Holstein-Lied von Matthäus Chemnitz in der Vertonung von Carl Gottlieb Bellmann gesungen.
Hier im Hause seines Onkels wurde er wohl ganz für die Sache Schleswig-Holsteins und die deutsche Seite in der sich immer mehr zuspitzenden Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Dänen gewonnen, die dann ihren ersten Höhepunkt in der Märzrevolution 1848 und dem Beginn des Schleswig-Holsteinischen Krieges fand. Eine Gedenktafel an diesem Hause erinnerte noch lange daran.
Gedenktafel „Up ewig ungedeelt“
Die Domschule war ein humanistisches Gymnasium und Vorstufe zur schleswig-holsteinischen Landesuniversität in Kiel, und das bedeutete damals, daß etwa die Hälfte des Unterrichts sich den beiden Sprachen Latein und Griechisch widmete, nicht nur der Sprache in Wort, Schrift und Grammatik, sondern – und dies besonders in den höheren Klassen – auch der Literatur bis hin zur gesamten alten Kultur der Griechen und Römer.
Zu Ostern 1847 bestand er an der Domschule das Abitur. Da er bei der Entlassungsfeier eine Rede „Über den Charakter der alten Deutschen“ hielt, so muß er wohl einer der besten Schüler seines Jahrganges gewesen sein.
Wann Theodor Holm in die schleswig-holsteinische Armee eintrat und ob er von Anfang an, also seit 1848 an der Erhebung der Herzogtümer Schleswig und Holstein gegen die Herrschaft der Dänen beteiligt war, vielleicht bereits als Freiwilliger in einem der Freicorps, z. B. im Kieler Studenten- und Turnercorps, gegen die Dänen kämpfte, ist nicht bekannt. Mit dem Staatsgrundgesetz vom 15. September 1848 wurde zwar die allgemeine Wehrpflicht nach preußischem Vorbild eingeführt, aber ausgenommen waren die Studenten und Angehörige geistlicher Berufe. Deshalb vermute ich, da er über diese Zeit zwischen Ostern 1847 und dem Beginn des Wintersemesters 1848 nichts hinterlassen hatte, daß er, weil er ja noch nicht volljährig war, vielleicht in dieser Zeit seine jüngeren Brüder Ernst, Carl und Eberhard – nicht zu vergessen die beiden Schwestern Sophie und Margaretha – zuhause unterrichtet hatte.
Am 18. November 1848 immatrikulierte Theodor Holm sich an der Universität in Kiel, um Theologie zu studieren. Für die meisten Studenten war ja der Besuch der Landesuniversität zumindest für einige Semester verbindlich vorgeschrieben, um später im Staats- und Kirchendienst des eigenen Vaterlandes angestellt zu werden.
Gerade die Universitäten waren damals die Stätten, an denen sich zuerst eine gesamtdeutsche Wirkungsmöglichkeit bot, an denen das Werden einer Nation seinen Anfang nehmen konnte. In einer Zeit, in der es noch keine politischen Parteien oder andere, die Kleinstaaten übergreifende Organisationen gab, bildeten die Universitäten fast die einzige Einrichtung, die eine ständige geistige und organisatorische Verbindung von Staat zu Staat gewährten. Ein Universitätswechsel war damals die Regel, denn auf den damit verbundenen Fahrten und Wanderungen lernte man alle Teile Deutschlands kennen. Die Studentenschaft war das geistig und territorial bewegliche gesellschaftliche Element innerhalb einer in biedermeierlich-genügsamer Enge lebenden kleinbürgerlichen und bäuerlichen Welt.
Aus Theodor Holms Tagebuch geht hervor, daß er von Anfang Januar 1849 bis zum 8. März 1849, also den Rest des Wintersemesters, für das Studium in Kiel beurlaubt war. Demnach war er schon 1848 als Wehrpflichtiger der schleswig-holsteinischen Armee gemustert. Mit anderen Studenten bzw. Rekruten reiste er in den ersten Märztagen nach Tondern. Welches Bild müssen wir uns von dem Oberjäger Theodor Holm machen?
Die Jäger der schleswig-holsteinischen Armee trugen dunkelgrüne Jägerröcke mit roten Aufschlägen und rotem Kragen und Achselklappen mit der Nummer des Corps und dunkelgraue Hosen mit roter Paspel. Als Kopfbedeckung diente ein Filz-Tschako mit dem Doppeladler des Deutschen Bundes aus Messing und mit einem Roßschweif. Zur Ausrüstung gehörten noch Tornister und Brotbeutel, der an der rechten Seite getragen wurde. Die Mäntel waren von starkem, dunkelgrauem Tuch und wurden auf den Tornister geschnallt. Das Bajonett wurde – außer bei Paraden oder im Kampf – in einer Bajonettscheide an der linken Seite getragen.
Der Tornister enthielt die gesamte persönliche Habe des Soldaten, genau so wie später die des Wanderersund des Reisenden. Dazu gehörte neben der Wechselwäsche, dem Eßgeschirr und einfachem Werkzeug, z. B. einem Messer, Spielkarten, Pfeife und Tabak bei Theodor Holm auch ein Gesangbuch und außer seinem Horaz – bei anderen war es der Tacitus oder der Homer – auch sein Tagebuch mit Feder und Tinte. An seiner Schrift ist unschwer zu erkennen, daß er nicht mehr mit einem Gänsekiel schrieb, der nach einigem Gebrauch getrocknet und wieder zugespitzt werden mußte, sondern schon mit verschiedenen Stahlfedern. Theodor Holm hat wohl immer auch ein kleines Notizbuch und einen Bleistift bei sich getragen, denn wie hätte er sonst gehörte Worte oder gelesene Verse so fehlerfrei in seinem Tagebuch wiedergeben können.
Als Oberjäger erhielt er täglich 71/2 Schilling Löhnung, 31/2 Schilling Bespeisungsgeld und 3/4 Schilling Untermontierungsgeld, das für Westen, Unterhosen, Strümpfe usw. gedacht war Wie aus dem Tagebuch immer wieder hervorgeht, mußte die Truppe unterwegs teilweise selbst für Verpflegung sorgen und auch für Privatunterkünfte auf Gütern bei Bauern oder Bürgern bezahlen.
Bei einem Ereignis in der Geschichte ist es immer schwierig zu sagen: hier war der Anfang, hier fing alles an.Wie bei allen geschichtlichen Ereignisse reichen die Ursachen des Schleswig-Holsteinischen Krieges von 1848 bis 1851 bis weit in die Vergangenheit zurück, und die Folgen wirkten noch lange nach, sind noch heute sichtbar, verblassen aber immer mehr in der Erinnerung der Menschen. Um die Zusammenhänge zu verstehen und einordnen zu können, ist es empfehlenswert, sich mit der Geschichte dieser deutsch-dänischen Grenzregion zu beschäftigen. Für einen oberflächlichen Einblick ist Robert Bohns gut lesbare und kurze „Geschichte Schleswig-Holsteins“ gut geeignet.
Wie in allen Grenzregionen, in denen zwei Staaten oder zwei Völker mit unterschiedlicher Kultur und Sprache eng benachbart, ja sogar verzahnt sind, verschoben sich die Grenzen und Einflußbereiche zwischen der Elbe im Süden und der Königsau im Norden über die Jahrhunderte immer wieder. Ein markantes Datum in der schleswig-holsteinischen Geschichte war der Vertrag von Ripen 1460, in dem es heißt:
„Desse vorben (omeden) land laven wy na alle unseme vormoge holden an gudeme vrede, unde dat sie bliven ewich tosamende ungedelt.“
„Diese vorgenannten Lande geloben wir mit allen unseren Kräften in gutem Frieden zu erhalten und daß sie ewig zusammen ungeteilt bleiben.“
In diesem Vertrag wurde die ewige Untrennbarkeit der beiden Herzogtümer Schleswig im Norden und Holstein im Süden beiderseits der Eider festgelegt in enger Verbindung mit Dänemark. Der König von Dänemark war als Herzog von Holstein Lehnsherr des Deutschen Reiches, zu dem Holstein gehörte, und er war gleichzeitig als Herzog von Schleswig, das zu Dänemark gehörte, sein eigener Lehnsherr. Dieser Vertrag bestimmte in seinen Grundzügen bis 1864 über gute 400 Jahre das Zusammenleben der beiden Herzogtümer.
Die Zeit des Gesamtstaatlichen Jahrhunderts, also die Zeit von 1767 bis 1864, war für beide Herzogtümer eine Periode politischer Ruhe und wirtschaftlicher Blüte. Die Verwaltung von Kopenhagen aus war keine Fremdherrschaft; der deutsche Adel hatte schon immer einen großen Einfluß am dänischen Hof. Statthalter des dänischen Königs in den Jahren von 1768 bis 1836 war der Landgraf Carl von Hessen, ein Schwager des Königs.
Die Zeit der französischen Revolution, die napoleonische Zeit und die Jahre nach dem Wiener Kongreß brachten auch in die Herzogtümer die neuen Ideen der Freiheit, die Idee der Volkszugehörigkeit und des Nationalstaates. Ein einschneidendes Ereignis war sicher der Befreiungskrieg 1813, ein weiteres das Wartburgfest im Oktober 1817 und dann die „Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktober [1818]“, die sogenannten Jenaer Beschlüsse, die so manches aus den Paulskirchenbeschlüssen von 1848 und den späteren Verfassungen vorwegnahmen.
Die Auseinandersetzung der beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein mit Dänemark und ihre Bedeutung für die deutsche Einheit zeichnete sich in den Anfängen bereits kurz nach dem Wiener Kongreß auf dem Wartburgfest 1817 ab. Dieser Konflikt um Schleswig und Holstein spitzte sich in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts zu einer nationalen Frage zu: Ein Teil der Bevölkerung des Herzogtums Schleswig fühlte sich, bedingt durch Sprache und Volkstum, mehr nach Süden zum Deutschen Reich hingezogen. Ziel dieser „Schleswig-Holsteiner“ war der Anschluß an das entstehende „Deutsche Reich“. Ein anderer Teil war dänisch gesinnt und strebte nach einer engeren Bindung an Dänemark. Zum einen gab es Bestrebungen in Schleswig-Holstein, beiden Herzogtümern eine Verfassung zu geben und die Bindung an Dänemark auf eine Personalunion zu beschränken. Zum anderen forderten die „Eiderdänen“ einen vollständigen Anschluß des Herzogtums Schleswig an das dänische Königreich mit der Eider als südlicher Grenze. Strittig war auch die Thronfolge, da in Dänemark auch die weibliche, in Holstein jedoch nur die männliche Thronfolge möglich war. Die neue nationaldeutsche Bewegung in den deutschen Ländern unterstützte die Erbfolge des Herzogs von Augustenburg und eine ungeteilte Zugehörigkeit beider Herzogtümer zum Deutschen Bund. In ganz Deutschland fand diese Bewegung breite Zustimmung.
In ganz Europa ging die Zeit des Absolutismus dem Ende entgegen, revolutionäre Gedanken kamen auf, die Zeit der Aufklärung wirkte sich aus, Verfassungsfragen wurden diskutiert und nationale Bestrebungen erstarkten immer mehr bis hin zu einem unseligen übersteigerten Nationalismus; so auch in den Herzogtümer Schleswig und Holstein. Der Verfassungsstreit zusammen mit einem Thronfolgestreit und einem Sprachenstreit führte hier 1848 zu einer Erhebung der Herzogtümer gegen den König von Dänemark und zu einem ersten Krieg zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark um ein zukünftiges unabhängiges Schleswig-Holstein.
Die deutschen Schleswiger wehrten sich gegen die Annexion durch Dänemark, der Herzog von Schleswig, der ja gleichzeitig König von Dänemark war, verlor seine Funktionen, die lutherischen Pastoren wandten sich gegen die alte Obrigkeit, es wurde eine provisorische Regierung als Statthalterschaft in Kiel gebildet, die vom Bundestag des deutschen Reiches anerkannt wurde.
Die Gegensätze zwischen den deutsch und den dänisch Gesinnten vertiefte sich und führte 1848 zum ersten Deutsch-Dänischen Krieg, der eigentlich und zuerst ein Krieg der Schleswiger gegen die Dänen war. Als am 21. März 1848 Dänemark das gesamte Herzogtum Schleswig in den dänischen Staat aufnahm, kam es zur Revolution und der Schleswig-Holsteinische Krieg begann.
Die junge schleswig-holsteinische Armee führte, wie auf der Abbildung unten zu sehen, neben der Fahne des Herzogtums Schleswig – rot mit den beiden Löwen unter der Krone – auch die blau-weiß-rot Fahne, die Farben Schleswig-Holsteins.
Uniformen der Schleswig-Holsteinischen Armee
Die junge Armee erlitt zwar bei Bau eine Niederlage gegen die Dänen, aber nachdem Preußen auf Bitten der provisorischen schleswigschen Regierung eingriff und Hilfstruppen schickte, besetzten die Schleswig-Holsteiner nach der Eroberung von Kolding, Friedericia und Düppel auf dem Sundewitt das ganze Herzogtum Schleswig. Das Problem „Schleswig-Holstein“ wurde nun zu einem europäischen Problem, bei dem auch die Großmächte Rußland und England ihre Interessen wahrnahmen, obwohl für sie der Anlaß und Umfang des Krieges nur ein verschwindend kleiner Unruheherd war. Preußen hatte sich aber schon im Mai 1848 auf Südschleswig zurückzogen und ohne die schleswig-holsteinische Regierung mit den Dänen über einen Waffenstillstand verhandelt, der dann am 26. August 1848 in Malmö, auf sieben Monate befristet, abgeschlossen wurde. Das Ergebnis war, daß sich Preußen ganz zurückzog, die provisorische Regierung aufgelöst wurde und eine neue dänenfreundliche Regierung eingesetzt wurde. Außerdem mußte Schleswig von deutschen Bundestruppen und Holstein von dänischen Truppen geräumt werden. Die seit März 1848 erlassenen Gesetze wurden außer Kraft gesetzt und England als Schiedsrichter bestimmt. Notgedrungen stimmte der deutsche Bundestag in Frankfurt mit knapper Mehrheit dem Waffenstillstand zu, aber die Schleswig-Holstein-Frage blieb vorläufig in der Schwebe. Damit endete die erste Phase dieses Krieges.
Am 26. März 1849 war der Waffenstillstand abgelaufen, General v. Bonin rückte mit 20 000 Mann Infanterie, zwei Regimentern Kavallerie und Artillerie in Nordschleswig ein und im April 1849 wurden die Kämpfe wieder aufgenommen.
Hier im März 1849 setzt der nun folgende erste Teil des Tagebuchs von Theodor Holm ein.
Oberjäger in der 3. Comp. des II. Schles.-Holst. Jägercorps.
Am 8tenMärz von einem in Husum auf unbestimmte Zeit gegebenen achtwöchentlichen Urlaub nach Kiel zurückgekehrt, kam ich mit den andern Rekruten in Tondern an. Die Reise machten wir in zwei Tagen auf sehr guten, bequemen Postwagen. In Schleswig hatte ich einige Stunden Zeit, um Hanckes zu besuchen, die aber gerade nach Apenrade gereist waren. Sophie war grade in Schleswig, aber da sie in Friedrichsberg zum Besuche war, sah ich sie für nur wenige Minuten auf der Straße. In Tondern waren die Quartiere durchgängig gut, auch ich hatte das Glück, ein eigenes kleines Zimmer zu bekommen bei sehr netten einfachen Leuten (Fridrichsen, Straße an der Schiffbrücke). Wir lagen dort nicht lange, mußten aber viel und mit vollständigem Gepäck aquiriren.
Am 21ten marschirten wir aus, nach Bedstedt, wo das Strohlager anfing. Am 22ten gingen wir in unsre vorläufigen Companiekommandos1, die 1te Companie nach Haberslund, die 4te nach Kanpier, die 2te und 3te nach Osterlygum. Hier wohnte ich mit Henri, Eidermann, Matthießen, Stäbe und 19 Jägern bei Peter Landberg, 1/4 Stunde außerhalb des Dorfes. Das Quartier war gut und für die Oberjäger gab es Butter. Am 25ten ließ unser Hannis Generalmarsch schlagen und hielt eine populaire Rede, in welcher er Muth zu zeigen suchte, aber seine Bangigkeit, die sich später häufig zeigte, doch nicht verbergen konnte. Die Nacht vom 25./26. hatten wir beständig einen Posten vor unsrem Hause ausgestellt, wenn vielleicht im Dorfe Generalmarsch geblasen werden sollte, aber es passirte nichts. —
Am 26ten kamen alle Compagnien nach Osterlygum, und die Quartiere wurden sehr überfüllt, aber die Plage hatte ich nicht lange, da ich schon am Abend desselben Tages mit Tekl, Illing, Gefreiter Gude und 40 Mann unter Lieutenant Hammel auf Kommando nach der Gjenner Bucht geschickt wurde. Dort befürchtete man eine Landung, und diese sollten wir womöglich verhindern, oder doch zeitig das 1te Jägercorps, welches in Hadersleben lag, davon benachrichtigen.
Spät kamen wir in der Runder Mühle an bei einem sehr dänisch gesonnenen, scheinbar hasenfüßigen, aber meiner Meinung nach sehr schlauen Menschen. Die Nacht blieben wir dort, setzten Posten vor und schickten Patrouillen, bis wir andern Morgen die Wache eine halbe Stunde weiter zur Straße nach Dybighoved verlegten, wo sie blieb. Auf der Runder Mühle blieben drei Mann zurück als Bivouaksammelposten zwischen uns und Jahl, das an der Chaussee nach Hadersleben lag. Am 27ten bekamen wir zuerst Nothverpflegung und kochten selbst. Unsre Posten standen an Straßen und namentlich ein avancirter Posten 1/2 Stunde weit von uns. Um diesen Posten nachzuführen, mußten wir über die Gjenner-Bucht rudern, wenn wir nicht einen weiten, sehr schmutzigen Umweg durchs Holz machen wollten, den Lieutnant Hammel, der überhaupt selbst sehr thätig war, durch Holzbrücken einigermaßen praktikabel gemacht hatte. Das Leben, welches wir dort führten, war recht angenehm, wenn auch der Dienst ziemlich beschwerlich. Es wurde viel Whist gespielt, und oft schickte Hammel seinen Diener nach Apenrade, um Einkäufe als Schocolade, Zigarren, Brod etc. zu machen. Bisweilen bekamen wir dort Besuch von drei unserer Officire, einmal auch von Hannis selbst. Dieses Leben wurde so fortgeführt, bis wir am
3tenApril Abends Befehl bekamen, schnell nach Apenrade aufzubrechen, weil die Dänen über Hadersleben vordringen. Die Posten wurden schnell eingezogen und um 11 Uhr waren wir in Apenrade wo Jahl und ich bei einem Bäcker gut einquartiert wurden. Am folgenden Morgen
den 4tenApril rückten wir mit dem 9ten und 10ten Infanteriebataillon und einem Leutnant Meulenberger aus Apenrade und stießen in Petersburg mit unsrem Corps zusammen, von wo aus wir nach Feldstedt marschirten, wo wir mit noch einem Bataillon Badenern, ein Bataillon Würtemberger, ein Schleswig Holsteinisches und eine Hessen-Darmstädtischen Batterie lagen bis zum Abende. Im Sundewittschen war nämlich ein Gefecht2 und auf den Fall der Noth sollten wir dort zu Hülfe kommen. Man hörte den Kanonendonner, Bonin kam und wurde mit Hurrah empfangen, aber es wurde nichts verzapft. Am Abend marschirten wir zurück nach Stübbers.
Den 5tenApril ( Gründonnerstag) hörten wir Schießen in Norden und Südosten, auch Kleingewehrfeuer bei Feldstedt, wo die Badener und Würtemberger geblieben waren. Am Mittag gingen wir nach Feldlern am Apenradener Busen, kehrten aber bald wieder um und in unser Quartier zurück.
Den 6tenApril
