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Das Buch Tagesbuch eines illegalen Einwanderers beschäftigt sich mit den Herausforderungen der illegalen Migration. Illegalen Migranten rücken erst ins Licht der Öffentlichkeit, wenn sie in Scharen nach Europa ziehen. Die Öffentlichkeit erfährt sehr wenig von ihrem tatsächlichen komplizierten und harten Leben. In vielen europäischen Ländern sind sie gezwungen in unmenschlichen Verhältnissen zu leben. Die Ausgrenzung und Verachtung, die sie erleben, frisst sie von innen auf und führt zu negativen Verhaltensmustern: Gewalt, illegale und strafbare Handlungen, psychische Schwierigkeiten, soziale Ausgrenzung usw. Diese Übersetzung ist einen klaren Beitrag zum sozialen Frieden in Europa. Sie zeigt zeigt nicht mit dem Finger auf illegalen Migranten, sondern thematisiert ihre Probleme, Sorgen, Ängsten, Perspektivlosigkeit und Ausbeutung.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Gestern sah ich im Fernseher, wie ein kleines Boot kenterte. Am felsigen Ufer ruhten die sieben Leichen wie erschöpfte Schiffe. Ich habe gerade gegessen, als die Bilder an mir vorbeizogen. Plötzlich war ich satt. Jemand schleppte die Leichen auf den Sand und bedeckte sie mit einem Stück Stoff. Die Leichen waren nass und lagen ordentlich nebeneinander.
Heute kehrte dieses Bild zurück und erschien in einigen Zeitungen. Das ist ekelhaft. Die Fernsehmoderatorin glaubt, dass die Regierung schläft. Ich weiß nicht genau, was ich hier mache.
Gestern rief ich Bushra an. Sie erkannte meine Stimme nicht. Sie sagte, sie wisse nicht, warum ich nicht mehr anrufe. Bösartig. Ich sagte ihr, dass ich Marokko verlassen hatte. «Ich hänge ein bisschen in Europa rum.» Sie fragte, wann ich zurück sein würde. Ich sagte ihr, dass ich mich in Spanien niederlassen wolle. Sie meinte, dass das besser. «Viel besser», sagte ich. Ich weiß nicht mehr, warum ich ihre Nummer gespeichert oder warum ich überhaupt mit ihr gesprochen habe. Vielleicht musste ich eine Stimme hören. Sie schwärmte, Spanien sei wunderbar. Ich stimmte ihr zu: «Die Araber konnten die Schönheit Spaniens nicht ertragen, also verließen sie das Land. Jetzt bereuen sie es und kehren dorthin zurück. Einzeln und meistens als Ertrunkene.» Sie lachte und bat, ich solle ihr eine Tafel Schokolade schicken. Zynisch.
Wir sind jetzt vier Leute im Haus. Ein anderer Algerier kam und brachte Miguel mit. Miguel hatte sich kaum gesetzt, als er über Argentinien zu sprechen begann. Er erzählte, dass sein Vater und seine Mutter, gleich nachdem er im Baskenland geboren worden war, mit ihm nach Buenos Aires auswanderten, wo sie nun schon dreißig Jahre lebten. Wegen des Hungers flohen die Spanier in Länder, in denen es genug Nahrung gab. Franco schien alles allein zu verschlingen. Miguel sprach von Menschen, die in den 1980er Jahren nach irgendwelchen Vorkommnissen verschwanden. Welche Vorkommnisse das waren, verstand ich wegen seines merkwürdigen Spanisch nicht. Ich wusste nur, dass es sich um schmerzhafte Ereignisse handelte. Miguels Lächeln war schüchtern. Er hatte schiefe Zähne. Wenn er lachte, versteckte er seine Zähne hinter seinen geschlossenen Lippen. Wenn Menschen verschwinden, deutet dies darauf hin, dass etwas höchst Unangenehmes passiert ist. Überall auf der Welt verschwinden Menschen. Die Ereignisse werden manchmal so dramatisch, dass ein Regime oder nur ein dummer Herrscher, der an Paranoia, Wahn oder Hämorrhoiden leidet, gezwungen ist, unschuldige Bürger zu verhaften und sie zu foltern. Vielleicht liquidiert er sie sogar auf die eine oder andere Weise. Ich habe über all diese Dinge nachgedacht, aber ich habe Miguel nichts davon erzählt. Ich weiß nicht, warum ich Vorbehalte hatte, darüber zu sprechen. Nachts, als ich meinen Kopf auf das Kissen legte, kam ich zum Schluss, dass es uninteressant wäre und es besser sei, meine Meinung nicht preiszugeben. Was kümmert es mich, wenn Leute so verschwinden? Ich bin hierhergekommen, um zu arbeiten. Politik habe ich hinter mir gelassen. Miguel wiederholte, dass die Juden in Argentinien alles im Griff haben. Er fragte mich, ob sie wirklich Kinder Gottes seien. Ich sagte ihm, dass alles, was ich über die Juden wisse, sei, dass sie lange Locken haben und schwarz gekleidet sind. Und sie hätten Hakennasen, wie ich. Gott habe keine Kinder. Miguel verstand nicht, was ich sagte, also lächelte er schüchtern und versteckte seine schiefen Zähne. Wenn du keine schönen Zähne hast, bist du tatsächlich gezwungen, die anderen so wenig wie möglich anzulächeln. Manchmal vermeidest du es, mit ihnen zu reden. Dies führt zu einer Art Absonderung, die manche möglicherweise anders deuten. In Wahrheit sind es nur falsch gewachsene Zähne.
Auf dem Feld weiß ich wegen der vielen Berge nicht, wo die Sonne aufgeht. Die vier Himmelsrichtungen verlieren sich inmitten all dieser Höhen. Auf den Gipfeln einiger Berge sehen wir manchmal alte und heruntergekommene Festungen. Ich zeigte auf sie und forderte Merici auf zu schauen: "Dort haben wir früher gelebt." Merici verstand nicht, warum wir den Berg hinauf mussten, um eine Bleibe zu finden.
Ich sagte ihr, dass wir unsere Burgen auf dem Gipfel des Berges bauten, um sie zu beschützen, weil sie in den Tälern gelebt haben. Merici verstand die Geschichte nicht. Sie liebte Schokolade mehr als baufällige Schlösser.
Orangenfelder variieren je nach Größe der Bäume, nach Höhe oder Breite. Es gibt hohe, große Bäume, die einen affenartigen Aufstieg erfordern. Ahmed, der Algerier, der Dünne, nennt sie Hochhäuser. Es gibt wundervolle Bäume, deren Früchte du alle plündern kannst, ohne deinen Platz auf dem Boden verlassen zu müssen. Manchmal verliert einer von uns die Beherrschung und beginnt laut mit den Bäumen zu sprechen, indem er sie verflucht. Wenn du wütend bist, kannst du dir den Baum als jemand anderes vorstellen und mit ihm sprechen. Aggressiv, wenn du möchtest. Dichte Bäume waren schon immer lästige Bäume, weil die Orangen ganz oben und normalerweise weit auseinander wachsen. Wenn du mit dem Baum fertig bist, stellt du fest, dass du viel Zeit verschwendet und viel Staub und giftige Pestizide eingeatmet hast. Dann hast du das Gefühl, der Sonne zu nahe zu kommen. Letztendlich habe ich eine seltsame Beziehung zu Bäumen aufgebaut. Die einfachen und geordneten Felder bleiben in Erinnerung. Was die ungünstigen und miteinander verflochtenen Felder betrifft, so ist die Erinnerung an sie immer mit Fluchen verbunden. Du kannst Bäume verfluchen, wann immer du willst. Diese interessiert das nicht.
Wenn ich auf einen Orangenbaum klettere, erinnere ich mich an all die Gelegenheiten, bei denen ich eine Bühne bestiegen und ein Mikrofon gehalten habe, um Gedichte vorzulesen. Ich sehe, dass das Leben manchmal zu einer endlosen Ironie wird. Meine Dichterfreunde sprechen in ihren Gedichten über den Körper. Sie sagen, das sei ein neuer Trend. Dichter mit meist schlanken und kranken Körpern. Wenn du fünfhundert Kisten mit Orangen in einen Anhänger laden kannst, ist der Körper «tot». Jede Reihe steht mit sieben Kästchen vertikal, wir haben nicht einmal die Möglichkeit, die Stirn zu trocknen. So lernst du deinen Körper gut kennen und siehst, ob ihr einander verdient. Ich denke, ich habe meinen Körper verdient, weil er mich nicht enttäuscht hat, als ich ihn brauchte. Nicht wie Bücher oder Gedichte, die manchmal zu Tode enttäuschen.
Als Kind hatte ich eine quadratische Ledertasche. Eine kleine und alte Tasche. Eine von diesen Taschen, die normalerweise hart sind, wie die aus dem Film «Al-Ghoul». Ich habe sie jeden Morgen geöffnet, nahm die Bücher heraus, riss die obersten Blätter weg und räumte sie wieder in der Tasche ein. Es waren keine wichtigen Bücher. Es waren nur Bücher, über die ich im Laden meines Großvaters gestolpert war. Physikbücher, Lesebücher, Geschäftsbücher. Ich habe es geliebt, sie in der Tasche immer wieder neu zu ordnen. Jeden Tag eine andere Ordnung. Die Tasche stellte ich unter mein Bett. Wenn ich schlief, träumte ich von großen Bibliotheken, und dass ich zwischen ihren Gängen hindurchfliege. Manchmal träumte ich, dass ich auf dem Wasser gehe und wie der Heilige Petrus nicht nass werde, als wäre das Wasser ein großes Bett, über das ich laufe und springe. Wenn ich von Schlangen verfolgt wurde, öffnete ich meine Arme und flog wie ein Storch in die Höhe. Meine Mutter sagte, dass Schlangen im Traum die Feinde seien. Sie sind die neidischen Menschen. Auch Hunde verfolgten mich. Schwarze und wilde Hunde.
Eines Tages brauchte ich Geld. Ich überlegte, die Bücher zu verkaufen. Ich trug die Tasche zum Markt und legte die Bücher auf den Boden. Der Tag verging, ohne dass ich ein einziges Buch verkaufte. Ich steckte die Bücher zurück in die Tasche und räumte sie wieder unter das Bett.
Seit damals öffnete ich die Tasche nicht mehr, um die Bücher zu ordnen. Ich brauchte Geld und dachte, meine Bücher könnten etwas für mich tun. Leider haben sie mich enttäuscht. Also habe ich sie verlassen, wie sie mich verlassen haben. Ich ließ sie unter dem Bett liegen. Ihr Schicksal ging mich von diesem Moment nichts mehr an.
Als ich älter wurde, konnte ich meine Bücher verkaufen, wann immer ich Geld brauchte. Zu diesem Zweck bewahrte ich immer einige Bücher auf. Ich kann ein Buch nicht lieben. Nicht ohne daran zu denken, es zu verkaufen. Bücher, die mich im Stich lassen, lasse ich fallen.
Merici kletterte nicht die Bäume hinauf. Nicht weil sie es nicht konnte, sondern weil wir sie daran hinderten. Nicht aus Sorge um ihre Sicherheit, sondern aus Sorge um unseren Wochenlohn. Wenn sie vom Baum gefallen wäre, wären wir ohne Arbeit auf der Straße gestanden. Das amüsierte sie sehr, oder vielleicht passte es ihr einfach. Ich weiß es nicht. Manchmal lag sie im Gras auf dem Bauch und schwor, dass sie keine einzige Orange pflücken würde.
«Wenn Baku kommt, weckt mich auf», bat sie uns.
Merici hatte große Angst vor Baku. Mehr als einmal sagte ich ihr, dass dieser Baku kein Gott ist, vor dem man Angst haben muss.
Sie sagte, sie wisse das, aber er garantiere ihr das ganze Jahr über Arbeit. Ich stellte fest, dass sie immer Angst vor allem hatte, vor Baku, vor Roma, vor dem Wetter, vor Ratten und auch vor uns.
Einmal erzählte sie uns, dass sie sich manchmal vorstelle, wir würden sie eines Tages töten, ihr Auto stehlen und dann verschwinden. Die Moros könnten alles. Sie lachte. Auf dem Rückweg vom Feld sah ich sie an diesem Tag lange an. Sie war sehr vorsichtig. Sie war immer so. Sie schaute weg, wie jemand, der über etwas Unangenehmes und Verblüffendes nachdenkt. Ich sagte ihr, dass wir sie nicht töten würden, weil wir ihr Auto nicht brauchten. Siemeinte, es sei nur ein Witz gewesen. Sie drehte sich auf dem Feld um und zündete sich eine Zigarette an. Ihre Tabaksucht ist schrecklich, ihr morgendlicher Husten, während sie sich auf das Lenkrad stützt. Ich lenke meinen Blick auf die Felder und Berge, wo sich die Wolken wie große Hände am Himmel verflechten.» Du wirst am Rauch sterben, Merici», sage ich ihr. Sie lacht und sagt: «Ja, ich werde am Rauch sterben.» Christian, der Italiener, ist der einzige Mann, der einen Sinn für die Natur zu haben scheint. Nachdem er sich eine mit Tabak gefüllte Zigarette gedreht und mit dem Rauchen begonnen hat, beginnt er immer über das Ende der Welt zu sprechen. Das ist sein Lieblingsthema. Er sagt, er habe Marokko einmal besucht. Er blieb drei Wochen dort und rauchte dort etwas, das er in seinem Leben noch nie geraucht hatte. Als ich ihn fragte, welche Städte er besucht habe, sagte er, er habe Kutama nicht verlassen. Ich sagte ihm, dass Kutama nur eine Region im Rifgebirge sei. Er meinte aber, dass Kutama für ihn Marokko sei. Christian liebt es, vor dem Mittagessen ein Feuer zu machen. Er hat immer Steaks dabei. Wenn er ins Feuer bläst, bindet er seine blonden Haare mit einem Tuch zusammen, damit sie nicht in die Flammen fallen. Er liebt seine Haare sehr. Während er spricht, bewegt er ständig seinen Kopf, um seine blonden Locken aus seinen Augen zu schütteln. Aber er ist ein Betrüger bei der Arbeit. Er benutzt selten seine Schere und reißt die Orangen einfach von den Zweigen. Das machte Baku mehr als einmal wütend. Wegen Christian wurde uns mehrmals mit einer Kündigung gedroht. Merici berichtet Baku, dass die kaputten Kisten den Roma gehören. Manchmal arbeiten die Roma mit uns. Wenn die Bäume hoch sind, lassen sie die Orangen einfach hängen, ohne sie zu pflücken. Und wenn sie das Feld nicht mögen, verlassen sie es und gehen zur Bar. Ich weiß nicht, warum sie uns Cousins nennen. Die Romni, die ich bisher gesehen habe, sind nicht wie in den Gedichten, die ich an der Universität gelesen habe. Fett, ekelhaft und ihre Gesichtszüge gleichen den Gesichtszügen der Frauen in den Asylheimen. Baku kann ihnen keine Vorwürfe machen, weil sie in großer Zahl zur Arbeit kommen. Zigeuner fürchten nur eines: die Araber.
Einmal als Christian betrunken war, sagte er, dass das Leben wunderbar sei. Er wiederholte es viele Male. Asidro erwiderte nichts, sondern sah ihn an, als würde er ihn zum ersten Mal sehen. Seit fünf Uhr abends tranken sie. Jose kam und schloss sich ihnen an. Diese Männer haben nichts gemeinsam außer die Müdigkeit, die sie die ganze Woche über in den Orangenfeldern spüren und den Preis, den sie jeden Freitagabend für diese Müdigkeit bezahlen. Merici weiß, dass sie bis auf den letzten Cent in ihren Taschen trinken. Also fährt sie die Männer jeden Freitagabend, wenn wir mit der Arbeit fertig sind, zur Bar ihres Mannes, damit sie dort auf Baku warten kann. Wenn Baku kommt, übergibt er Merici den Fahrpreis und lädt alle zu einem Drink ein. Als er mich neben Ahmed dem Algerier sitzen sieht, flüstert er Merici zu, dass er die Moros bei der Arbeit sehr mag, weil sie seit ihrer Kindheit an Härte gewöhnt sind. Ahmed und ich kehrten schließlich zu Khaleds Haus zurück. Dieser gab uns die Schlüssel und verschwand. Zuvor erzählte er uns, die Polizei habe ihn in den letzten Tagen verfolgt und er habe Angst.
«Ich werde nach Italien zu Freunden gehen oder für einige Zeit nach Marokko zurückkehren», sagte er aufgeregt. Nachts verwendeten wir die schweren Vorhänge als Decken. Im Haus gab es nichts anderes als die nackten Betten. Der Wind draußen heulte wie ein hungriger Wolf. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.
Ich hatte Angst, dass die Roma nach Khaled suchen würden, weil er geflohen ist, nachdem er eine große Menge Haschisch verkauft hatte. Er floh mit dem Geld, ohne es mit seinen Partnern zu teilen.
Zigeuner vergeben eine solche Tat nicht. Ich weiß nicht, wie Khaled das Problem lösen wird. Morgens um sechs verließen wir unser Haus, um zu arbeiten.
Mericis Vater ist sehr gesprächig. Seinen zahnlosen Mund hat er die ganze Zeit nicht geschlossen. Joses Mund hat auch keine Zähne. Und Christians Mund ist auch zahnlos. Bevor Merici uns mit ihrem großen Auto zur Arbeit fährt, frühstücken wir in der Manolo-Bar. Eine abstoßende Bar. Manolo besitzt eine langweilige Kassette, die er jeden Morgen spielt. Auf dem Cover dieser Kassette schlafen eine nackte Frau und ein Mann miteinander.
Jeden Morgen auf die gleiche Weise und mit dem gleichen Gejammer. Manolo sagt, dass ihm das helfe, seine Morgenkunden zu behalten. Merici schämt sich nicht vor ihrem Vater, sie trinkt ihren mit Whisky angereicherten Kaffee und raucht. Wenn sie spricht, vermischt sich ihre Stimme mit dem Jammern der nackten Frau auf dem Band. Wenn alle Männer da sind, steigen wir ins Auto und fahren aufs Feld.
Ich denke, Baku wollte sagen, dass er die Moros bei der Arbeit mag, weil sie die stundenlange, mühsame Arbeit zu niedrigen Preisen akzeptieren. Aber er zog es vor, höflich zu sein und zu sagen, dass er die Moros mag, weil sie schon seit jungen Jahren an Härte gewöhnt sind. Aber er sagte nicht genau, was er unter Härte versteht.
Macarena weiß nicht, dass ich ein Einwanderer ohne Papiere bin. Sie weiß nur, dass ich hierhergekommen bin, um zu studieren. Das ist alles, was sie weiß. Oder besser, das ist alles, was ich ihr sagen wollte. Nur ein Student. Als ich ihr sagte, dass ich einen Job finden will, sagte sie lächelnd, dass ich meine Zeit mit Arbeiten verschwenden und das Lernen vergessen würde. Sie fügte hinzu: «Ich arbeite, während du studierst und schreibst.»
Heute Morgen stieg dichter Nebel über den Feldern auf und die Orangen wurden zu kleinen Eisbrocken, die man nicht pflücken konnte, da man sonst Opfer einer Erkältung würde. Die Männer wissen das ganz genau, deshalb spielten sie lieber Karten in der Merici -Bar und warteten auf den Sonnenaufgang. Nur die Wärme machte die Arbeit wieder möglich. Christian hat sich letzte Nacht die Zehe gebrochen, ohne zu wissen wie. Er hat auch seine Schere verloren. Ich habe mich am ersten Arbeitstag mit der Schere verletzt. Ich hatte noch nie in meinem Leben eine Schere verwendet. Ich trug Vorträge und lächerliche Bücher mit mir herum, die mir jetzt, auf der Spitze dieser Bäume, uninteressant vorkommen. Ahmed der Algerier verletzte sich drei Finger. Jedes Mal, wenn er schrie, wusste ich, dass er die Orange verfehlte und seine Hand aufschlitzte. Geschwindigkeit verlangt manchmal derartige kleine Opfer. Ahmed hat einen Magister in Chemie von der Universität Oran. Er kann seine Eltern nicht sehen, weil er keine Papiere hat. Fünf Jahre sind vergangen, und er denkt nicht daran, nach Algerien zurückzukehren. Er sagt, wenn er zurück geht, wird er am Flughafen von einem Polizeiauto empfangen. Vierundzwanzig Monate Militärdienst warten auf ihn. In seinen Augen ist die Armee eine große Dummheit. Er sagt, er mag keine Waffen und will nicht lernen, wie man schießt. Und das ist sein gutes Recht. Er wird nicht müde, die Geschichte von Jamal, dem Algerier, zu wiederholen. Als Jamals Großmutter starb, begleitete er ihren Sarg zur Beerdigung nach Oran. Die Großmutter wurde begraben und Jamal wurde eingezogen, um seinen Militärdienst zu leisten. Jamal sagt, es gibt keinen Militärdienst. Alles, was es dort zu tun gibt, ist, in den Bergen nach islamischen Jihad-Gruppen zu suchen. Er wird den Tag niemals vergessen, an dem sie einen Mann aus einem Apache-Flugzeug geworfen haben, weil er einer dieser Organisationen angehört hat. Der Mann habe die beiden Schahada (Glaubensbekenntnis) rezitiert und Jamal zitterte: «Als wir ihn aus dem Flugzeug warfen, sahen wir uns an und konnten unsere Tränen nicht zurückhalten. Der Mann sprach die beiden Schahada, als er in die Leere fiel, und wir sangen Heile Hob, während wir ihn hinauswarfen.» Jamal bestätigt, dass sie nichts anderes getan haben, als Befehlen zu gehorchen. Das Regime glaubt, dass die Lösung darin bestehe, die bewaffneten Gruppen für immer zu verfolgen und sie bis auf den letzten Mann zu töten. Deshalb hasst Ahmed die Armee. Er sagt, dass er keine Probleme mit der FIS (Islamische Heilsfront), dem Islamischen Dschihad oder dem Regime habe. Er wolle einfach niemanden töten.
Macarena weiß nicht, dass ich zur Arbeit nach Oliva gereist bin. Sie weiß nur, dass ich in Alicante bin. An der Universität.
Ich sagte ihr, dass ich dort zu Besuch bei einem Freund bin. Ich werde die Professoren sehen, einige Vorlesungen besuchen, ein paar Bücher kaufen und dann zurückkommen.
Eines Abends sah ich im Harley-Davidson-Café, vor dem riesige Motorräder wie eiserne Bestien vor dem Eingang standen, Macarena an. Ohne dass sie aufhörte zu lächeln, sagte sie, dass alles, was ich erzähle, eine Lüge sei.
Ich konnte nicht anders und musste lachen. Ich weiß nicht, warum ich lachte. Ich sagte ihr, dass Lügen manchmal notwendig wie Salz werden. Ohne sie sei das Leben wie fades Essen. Sie sagte, sie wolle dieses Essen trotz allem mit mir teilen. Sie wollte, dass wir drei in einem Haus leben. Sie, ich und die Hündin Etel, die bellt, wenn sie mich sieht. Ich erklärte ihr, dass ich nicht mit einem Tier in einem Haus leben könne.
Seitdem bevorzugen wir Das Amerikanische. Das ist nicht der richtige Name des Cafés, aber wir waren uns einig, es so zu nennen. Wegen der Indianerbilder, die die Wände schmücken, wegen der alternden Benzinpumpen am Eingang des Cafés, wegen der vielen Hörner, die in den Ecken hängen und wegen der vielen schwarz-weiß gefleckten Rindslederteppiche, die die Theken des Cafés bedecken. Ich erinnere mich an all die Kühe, die auf der Strecke zwischen der französischen Grenze und Brüssel weiden.
So viele Kühe, wie die unzähligen Orangenbäume auf den Feldern! Am ersten Arbeitstag kam ich tot nach Hause. Nachts, als ich meine Augen schloss, sah ich nur noch Orangen. Ich hörte die vielen Scheren. Es dauerte lange, bis ich einschlief. Als ich endlich einschlief, träumte ich von Orangen und Kisten. Aber ich hörte die Scheren nicht mehr. Alles was ich hörte, war der Wecker um sechs Uhr morgens.
Ahmed der Algerier sagt, er beneide mich, weil ich Marokkaner bin. Wenn ich ihn frage, warum, antwortet er, dass Marokkaner nicht zum Militärdienst verpflichtet sind. Ich sage ihm, dass das gut sei. Es ist für niemanden von Interesse, dass Zivilisten das Schießen lernen.
Ich habe Bauernhände bekommen. Kleine Narben und Rillen auf den Fingerspitzen. Sich mit der Scherre zu verletzen, ist normal geworden. Sobald sich die Hand an die Härte gewöhnt hat, wird sie hart. Wie das Herz. Wenn es mehrmals bricht, wird es hart und schlägt für niemanden mehr. Ich fühle, dass mein Herz mit einem schweren Riegel verschlossen ist. Nichts kann sich hineinschleichen. Alle Dinge, die darin sind, bleiben für immer dort. Wie alles in schwerem Wasser still steht.
Alle Geschichten, die ich in jungen Jahren las und die sich mit Liebe befassten, begannen mit langen Blicken. Ich habe auch gelesen, dass der Blick wie ein vergifteter Pfeil ist. Als mich einer dieser Pfeile traf, konnte ich nicht mehr schlafen.
Der Pfeil war bereits vergiftet. Es wird viele Jahre dauern, bis ich verstehe, dass der Pfeil noch feststeckt. Wie Widerhaken, die im Rücken eines wütenden Stiers in der Arena hängen. Aber wenn ich eine Orange vom Baum schneide und sie aus meiner Hand auf den Boden fällt, dann erinnere ich mich an sie. Ich erinnere mich an Bushra. Auch wenn ich weiß, dass die Orange nicht verschwindet, weil ich mich bücken werde, um sie aufzuheben und in die Kiste zu werfen, knackt etwas Geheimnisvolles in mir.
Ähnlich wie das Gefühl, wenn eine Mandel auf dem Weg zum Mund hinunterfällt. Obwohl viele Mandeln in der Tasche sein können, bestimmt der Fall einer Mandel, bevor sie den Mund erreicht, jedoch alles. Das ist traurig. Frauen haben immer Ausreden, um einen Mann loszulassen. Er kann gesprächig, schwerblütig oder charakterlos sein. Bushra hatte keine Entschuldigung dieser Art. Sie hat mich trotzdem verlassen. Je mehr sich der mit Pfeilen getroffene Bulle bewegt, desto mehr bewegen sich die Pfeile im Fleisch. Je mehr der Stier brüllt, desto größer sind die Schmerzen.
Als sie mich verließ, um einen anderen Mann zu heiraten, fühlte ich, als ob das Leben für mich vorbei wäre. Als hätte ich einen dunklen Tunnel erreicht und müsste ihn allein betreten. Ein schmaler und eintöniger Tunnel, von dem Kinder oft träumen, wenn sie vor dem Schlafengehen nicht auf die Toilette gehen. Auf der Universität hatten wir aus Protest gegen den Kaffeepreis in der Kantine, den Bücherbestand in den Regalen der Bibliothek und andere Kleinigkeiten einen Streik begonnen. Bushra stand immer neben mir wie eine kleine Klassenkämpferin. Mit ihrer artigen Kirsch förmigen Nase und ihrem schmalen Lächeln. Wahrscheinlich eine Amateurkämpferin.
An der Universität hassten wir die Kommunisten, weil sie in den Diskussionskreisen so wortgewandt sprachen. Als die Polizei intervenierte, waren sie die ersten, die flohen. Als die Ruhe eingekehrt war, kehrten sie zum Kreis zurück und sagten, dass der Militante der letzte ist, der stirbt. Wir dachten, wir wären alle Kämpfer. Wir haben also nicht verstanden, wer zuerst sterben musste.
Manchmal hatten wir Spass daran, Bilder von Marx und Lenin auf ihren Gewerkschaftstafeln zu zerreissen. Ich habe in einem Buch gelesen, dass Marx weder Kommunist noch Atheist war. Einige der Studenten der kommunistischen Gruppe waren meine Freunde.
Wir hatten ein paar Gedichte in einer Zeitung veröffentlicht.
Zufällig wurden sie auf der Seite für Jugendkreativität abgedruckt.
Das reichte, um unsere mysteriöse Freundschaft zu rechtfertigen, die während unserer Universitätszeit entstand. Die Kommunisten, die ich kannte, waren alle Dichter. Ich meine, sie schrieben Gedichte. Ein Stereotyp des Klassenkämpfers. Man musste eine alte Jeans tragen und der Bart musste ein wenig räudig ausschauen. Man musste den Anschein erwecken, als ob man die ganze Zeit denkt. Und der Vollständigkeit halber musste man auch noch ein dummes Gedicht in der Parteizeitung veröffentlichen.
Meine Freunde wussten nicht, in welcher Studentenfraktion ich war. Sie getrauten sich nicht, mich als Mitglied ihrer Organisation zu gewinnen. Kommunismus an der Universität war lustig. Nur ein Sturm in einer Kaffeetasse. Selbst Marx hätte, wenn er noch gelebt hätte, gesagt, dass alles nutzlos war. Es gibt nichts Traurigeres als eine Revolution.
Als die Studenten ihren Streik starteten, betrat ich den dunklen und engen Tunnel allein. Bushra verließ mich ohne Erklärungen.
Die Bibliothek blieb trotz des Streiks geöffnet. Ich ging allein dorthin. Während des Streiks las ich viele Bücher. Die Kommunisten waren gegen alle und alles. Ich war gegen die ganze Welt. Gegen Marx, gegen den Kampf. Ich erinnere mich nicht, wie die Welt zu Ende gegangen ist.
