Tango - Slawomir Mrozek - E-Book

Tango E-Book

Slawomir Mrozek

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Beschreibung

In Tango erinnern sich Arturs Eltern an die Zeiten, in denen Tangotanzen noch ein Skandal war. Doch mit diesen und allen anderen Zwängen und Konventionen haben sie gründlich aufgeräumt. Artur beschwert sich nun über die totale Freiheit, weil nichts mehr möglich ist, weil eben alles möglich ist. Er fordert sein Recht auf Aufruhr.

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Seitenzahl: 321

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Sławomir Mrożek

Tango

und andere Stücke

Aus dem Polnischen von Christa Vogel und Ludwig Zimmerer

Diogenes

Eine wundersame Nacht

Personen

Der Herr Kollege

Der Werte Herr Kollege

Die Dritte Person

Wenn der Vorhang aufgeht, ist die Bühne dunkel. Nur in der Ferne ein kleines rotes Licht. Man hört, wie eine Tür aufgeschlossen, ein Lichtschalter angeknipst wird. Dann leuchtet ein eintönig grelles Deckenlicht auf. In der Tür stehen der Herr Kollege und der Werte Herr Kollege.

Die Bühne stellt ein billiges Hotelzimmer dar. Rechts die Eingangstür, durch die der Herr Kollege und der Werte Herr Kollege eingetreten sind. Weiter im Hintergrund ein Kleiderständer. An der hinteren Wand von rechts nach links zunächst eine Seitentür zum benachbarten Zimmer. Sie ist durch eine Spiegelkommode verstellt. Neben dem Spiegel ein gerahmtes Foto hinter Glas mit einem breiten weißen Rand: die Venus von Milo. Dann das erste Metallbett. Mit dem Kopfende zur Wand, so daß es senkrecht zum Publikum steht. In einem kleinen Abstand daneben das zweite Bett. Dazwischen eine Stehlampe. Über den Betten ein großes Ölbild: ein Strauß Rosen. Kitschig und sehr auffällig. In der hinteren Wand befindet sich ein hohes enges Fenster mit einem Tüllvorhang und einer zur Seite geschobenen Portiere. Durch dieses Fenster sieht man das erwähnte Lichtchen, ein Signal, an der nahe gelegenen Eisenbahnlinie. Weiter vorn eine spanische Wand um das Waschbecken. Sie darf das Fenster im Hintergrund nicht verdecken. In der Mitte des Zimmers ein Tisch. Darauf ein Telefon und ein zweiarmiger Leuchter mit Kerzen. Daneben Streichhölzer. An der Decke eine Lampe. Der Herr Kollege und der Werte Herr Kollege sind im besten Mannesalter. Typische mittlere Angestellte, die ihr Diplom haben und sich auf Dienstreise befinden. Der Herr Kollege ist nicht der unmittelbare Vorgesetzte des Werten Herrn Kollegen, hat aber vermutlich eine bessere Stellung, eine längere Dienstzeit, einen größeren Kompetenzbereich. Andererseits scheint die gemeinsame Reise sie einander nähergebracht zu haben. Kleidung und Ausstattung, wie sie für Angestellte auf Dienstreise typisch ist. Beide sind in Mantel und Hut. Wenig Gepäck, eher Aktentaschen als Koffer.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Welches Bett nehmen Sie, Herr Kollege?

DER HERR KOLLEGE

Werter Herr Kollege, wählen Sie.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich bitte Sie, Herr Kollege, zuerst Sie!

DER HERR KOLLEGE

Nein, auf keinen Fall! Nach Ihnen! Welches wollen Sie?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Es ist mir ganz gleich.

DER HERR KOLLEGE

Mir ist es egal.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Mir auch.

DER HERR KOLLEGE

Das ist doch ganz belanglos.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Selbstverständlich.

Beide wissen nicht weiter. Scheinen sehr müde zu sein.

DER HERR KOLLEGE

ein wenig ungeduldig Welches also?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Nein, wirklich, ich bitte Sie …

DER HERR KOLLEGE

Wenn Sie schon so gütig sind, Herr Kollege, dann nehme ich vielleicht das erste hier. Ist es Ihnen recht?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber ich bitte Sie! Selbstverständlich!

DER HERR KOLLEGE

Meinen verbindlichsten Dank, Herr Kollege.

DER WERTE HERR KOLLEGE

wirft seine Aktentasche auf das zweite Bett beim Fenster. Ich falle um!

DER HERR KOLLEGE

Nichts wie schlafen!

DER WERTE HERR KOLLEGE

setzt sich auf das Bett und zieht die Schuhe aus. Das tut gut!

DER HERR KOLLEGE

setzt sich vorsichtig auf das zweite Bett, das anscheinend eine beschädigte Sprungfeder hat und durchdringend ächzt. Wenn es Ihnen, Werter Herr Kollege, wirklich nichts ausmacht …

DER WERTE HERR KOLLEGE

willig, bereit Aber ich bitte Sie!

DER HERR KOLLEGE

… dann könnten wir vielleicht doch tauschen.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Wie bitte?

DER HERR KOLLEGE

Ich würde doch lieber am Fenster schlafen. Wissen Sie, die frische Luft …

DER WERTE HERR KOLLEGE

beunruhigt Wie meinen Sie? Ich weiß, ich leide manchmal unter Schweißfüßen …

DER HERR KOLLEGE

Aber ich bitte Sie, wie kommen Sie darauf, Herr Ingenieur. Nur, wissen Sie, zu Hause schlafe ich auch immer am Fenster. Eine Gewohnheit von mir.

Das Bett ächzt.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Sie meinen also: tauschen?

DER HERR KOLLEGE

Wenn es möglich wäre …

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber natürlich, selbstverständlich!

Beide stehen auf. Der Werte Herr Kollege zieht sein Bett in die Mitte des Zimmers.

DER HERR KOLLEGE

Aber was machen Sie denn, Herr Ingenieur?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Sie wollten doch tauschen, Herr Magister.

DER HERR KOLLEGE

Das schon! Aber wozu so viele Umstände? Machen Sie sich doch keine solche Mühe, Herr Ingenieur!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Kleinigkeit! Schiebt das beschädigte Bett an den leeren Platz beim Fenster. Jeder hat seine Gewohnheiten, das ist klar. Das ist doch selbstverständlich, daß jemand am Fenster schlafen will. Bitte sehr, schon erledigt!

DER HERR KOLLEGE

sauer Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden.

DER WERTE HERR KOLLEGE

legt ab. Hängt Mantel und Hut an den Kleiderständer. Öffnet vor dem Spiegel sein Kragenknöpfchen und nimmt die Krawatte ab. Erblickt die Venus von Milo und pfeift anerkennend.

Der Herr Kollege fährt nervös hoch.

Was ist passiert?

DER HERR KOLLEGE

Nur weil Sie gepfiffen haben, Herr Ingenieur.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ja und …?

DER HERR KOLLEGE

Ich habe eine Allergie.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Oh!

DER HERR KOLLEGE

Ich kann Pfeifen nicht ertragen. Eine Überempfindlichkeit. Von Kind an! Veranlagung!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich bitte tausendmal um Verzeihung. Das habe ich nicht gewußt.

DER HERR KOLLEGE

Ein seltener Fall! Hypersensibilität des Trommelfells!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Es tut mir schrecklich leid.

DER HERR KOLLEGE

Macht doch nichts, macht doch nichts!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich habe gepfiffen, weil ich das hier sah. Haben Sie es schon bemerkt? Deutet auf die Venus.

DER HERR KOLLEGE

tritt vor das Bild. Ja, ja, die antike Welt!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Tolles Weibchen!

DER HERR KOLLEGE

Für mich ist das ein Kunstwerk.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Und sonst fühlen Sie gar nichts?

DER HERR KOLLEGE

Ich bin verheiratet.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich auch, Herr Kollege, ich auch. Meinen Sie vielleicht, ich nicht? Meinen Sie, daß ich mit meinem Onkel lebe? Aber auf einer Dienstreise wird man sich wohl noch einen Spaß erlauben dürfen. Unter Männern!

DER HERR KOLLEGE

Aber werter Herr Kollege, das ist doch ein Bild.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber das Bild hat es in sich.

DER HERR KOLLEGE

Ein Foto, und das nicht einmal nach der Natur. Das Foto einer Plastik, wobei es sich bestimmt auch noch um einen Abguß handelt. Die Reproduktion einer Kopie. Und diese Kopie ist sicher ihrerseits nach einer Kopie angefertigt. Und erst irgendwo dahinter fänden wir das Original. Und das Original, werter Herr Kollege, wäre aus Marmor und nichts weiter. Und vor dem Marmor …

DER WERTE HERR KOLLEGE

Na? Bitte?

DER HERR KOLLEGE

… war die Idee des Künstlers.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Und vorher?

DER HERR KOLLEGE

Wieso vorher?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Woher hatte dieser Künstler seine Idee?

DER HERR KOLLEGE

Nun, vielleicht, es ist durchaus möglich …

DER WERTE HERR KOLLEGE

Sehen Sie, Herr Kollege! Das meine ich eben. Ich habe ja gleich gesagt, daß da etwas dahintersteckt.

DER HERR KOLLEGE

Eine Vorstellung, werter Herr Kollege! Die Phantasie …

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ja, ja, so ist es! Legt seine Krawatte vollends ab, zieht die Jacke aus, wirft sie auf den Stuhl. Waschen Sie sich, Herr Kollege?

DER HERR KOLLEGE

Bitte sehr, nach Ihnen, Herr Kollege! Ich kann warten.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Das werden wir gleich haben. Nimmt seine Aktentasche und verschwindet hinter der spanischen Wand.

Man hört das Wasser rauschen, Plätschern und Schnauben. Das Handtuch wird über die spanische Wand gehängt. Der Herr Kollege steht vor der Venus. Er hat noch immer den Hut auf.

Ich möchte nur wissen, wer hier seine Seife vergessen hat.

DER HERR KOLLEGE

zerstreut Welche Seife?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Auf dem Waschbecken.

DER HERR KOLLEGE

Bestimmt derjenige, der vor uns das Zimmer hatte.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Die räumen hier wohl überhaupt nicht auf? Neues Plätschern … Aber die riecht vielleicht.

DER HERR KOLLEGE

Wer?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Die Seife. Über der spanischen Wand erscheint der nackte Arm des Werten Herrn Kollegen mit einem Stück Seife. Bitte!

DER HERR KOLLEGE

an der Seife riechend. Tatsächlich!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Veilchenduft!

DER HERR KOLLEGE

Das sind keine Veilchen. Die Seife riecht nach Flieder.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich dachte, Veilchen.

DER HERR KOLLEGE

Riechen Sie einmal genauer daran.

Die Hand mit der Seife verschwindet. Man hört, wie der Werte Herr Kollege die Seife beschnuppert.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Mh! Tatsächlich! Aber ich habe den Eindruck, daß sie nach Veilchen riecht.

DER HERR KOLLEGE

Aber ich bitte Sie, das ist ausgesprochener Fliederduft.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich habe Veilchen gern.

DER HERR KOLLEGE

Werfen Sie die Seife weg, das ist unhygienisch.

DER WERTE HERR KOLLEGE

kommt in gestreiftem Schlafanzug und Socken hinter der spanischen Wand hervor. Trägt in der einen Hand die Tasche, hat seine Garderobe über dem Arm. Legen Sie denn nicht ab, Herr Kollege? Wirft seine Kleidung unordentlich auf einen Stuhl.

DER HERR KOLLEGE

Sie haben ganz recht. Legt Mantel und Hut ab, hängt sie auf den Kleiderständer. Zieht die Jacke aus, hängt sie über den freien Stuhl. Tritt noch einmal vor den Spiegel, um die Krawatte aufzubinden. Haben Sie bemerkt, werter Herr Kollege, wie sehr dieser Spiegel entstellt?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Unmöglich!

DER HERR KOLLEGE

Er entstellt unwahrscheinlich.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Das täuscht vielleicht.

DER HERR KOLLEGE

Wieso Täuschung? Sehen Sie doch selber. Schauen Sie mich an!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Gern!

DER HERR KOLLEGE

Haben Sie geschaut?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ja!

DER HERR KOLLEGE

Und jetzt schauen Sie sich einmal mein Spiegelbild an! Nicht?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Tatsächlich!

DER HERR KOLLEGE

Völlig entstellt. Nicht wahr?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Nein!

DER HERR KOLLEGE

Wieso nicht?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Das heißt … vielleicht ein bißchen.

DER HERR KOLLEGE

Ein bißchen? Sie stehen vielleicht seitlich, deshalb sehen Sie es schlecht. Stellen Sie sich hierher! Zieht den Werten Herrn Kollegen am Ärmel auf seinen Platz. Schauen Sie sich einmal selbst an! Merken Sie es jetzt?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Wirklich! Unglaublich!

DER HERR KOLLEGE

Der Spiegel entstellt, nicht wahr?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Furchtbar! Was für ein Spiegel!

DER HERR KOLLEGE

Na, sehen Sie!

Beide treten niedergeschlagen vom Spiegel weg.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Das sollte verboten werden.

DER HERR KOLLEGE

In welchen Zeiten wir leben müssen … Er nimmt seine Tasche und verschwindet hinter der spanischen Wand.

Neben dem ersten Handtuch wird ein zweites sichtbar. Der Werte Herr Kollege setzt sich nachdenklich auf sein Bett.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Wer hätte das gedacht …

DER HERR KOLLEGE

das Plätschern des Wassers überschreiend Haben Sie etwas gesagt, Herr Kollege?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich … Nein!

Das Plätschern hinter der spanischen Wand hört auf.

DER HERR KOLLEGE

Ich hatte geglaubt.

Man hört ziemlich undeutlich ein Orchester, das einen Foxtrott spielt. Die Töne kommen von unten.

Was ist denn das für eine Musik?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Unter uns ist ein Restaurant mit einer Tanzbar.

Der Herr Kollege gurgelt.

Mögen Sie Musik gern?

Der Herr Kollege hat anscheinend die Frage überhört. Nachdem sich der Werte Herr Kollege auf diese Weise überzeugt hat, daß der Herr Kollege hinreichend mit seiner Toilette beschäftigt ist, klopft er zuerst auf sein Kopfkissen, stellt fest, daß es klein und dünn ist, sieht sich dann heimlich das Kopfkissen auf dem anderen Bett an, vergleicht und wechselt schnell die Kissen. Dann springt er in sein Bett und schließt die Augen.

DER HERR KOLLEGE

kommt hinter der spanischen Wand hervor, er hat einen gestreiften Schlafanzug an, trägt Aktentasche und Garderobe. Munter Jetzt schnell noch ein Vaterunserchen, und ins Bett!

Der Werte Herr Kollege stellt sich schlafend.

Hoffentlich gibt’s hier kein Ungeziefer. Ich habe einen leichten Schlaf. Wie bitte? Baut seine Kleidung pedantisch genau auf dem Stuhl auf. Wissen Sie, Herr Kollege, daß wir morgen wieder früh aufstehen müssen? Ausschlafen können wir dann zu Hause. Wieviel Tage sind wir eigentlich schon unterwegs? Werden Sie schlafen können, wenn hier Schaben herumkriechen? Wie meinen Sie, Herr Ingenieur? Ja, man ist todmüde. Will sich mit Schwung ins Bett werfen. Aber dann fällt ihm ein, daß die Feder kaputt ist. Legt sich vorsichtig hin. Seufzt erleichtert, als sich herausstellt, daß das Bett nicht zusammenbricht. Eine Wohltat!

Stille.

So, jetzt kann man das Licht ausmachen. Merkt erst jetzt, daß der Werte Herr Kollege nicht antwortet und sich nicht rührt. Wiederholt lauter Man muß das Licht ausmachen.

Der Werte Herr Kollege schnarcht ostentativ. Der Herr Kollege beugt sich aus dem Bett und rüttelt ihn an der Schulter.

Werter Herr Kollege!

DER WERTE HERR KOLLEGE

sich streckend und gähnend Ach so, Sie sind es …

DER HERR KOLLEGE

mit verständnisvollem, kollegialem Lächeln Endlich im Bettchen, wie?

Der Werte Herr Kollege dreht sich auf die Seite. Der Herr Kollege schüttelt ihn wieder. Der Werte Herr Kollege hebt den Kopf.

Endlich können wir schlafen, nicht wahr?

DER WERTE HERR KOLLEGE

ist bereits dabei, sich wieder umzudrehen. Mh!

DER HERR KOLLEGE

eilig Nur das Licht muß man noch ausmachen.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich habe es das letztemal ausgelöscht.

DER HERR KOLLEGE

Sie?

DER WERTE HERR KOLLEGE

In dem Hotel gestern.

DER HERR KOLLEGE

Ach ja, tatsächlich …

DER WERTE HERR KOLLEGE

Eben!

DER HERR KOLLEGE

Werter Herr Kollege, seien Sie doch kein Formalist! Sie befinden sich näher am Schalter.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Das scheint nur so aus Ihrer Perspektive.

DER HERR KOLLEGE

Aber, werter Herr Kollege, seien Sie doch nicht kleinlich. Ich würde aufstehen, aber es lohnt sich doch wirklich nicht, darüber zu reden.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich bin schon barfuß.

DER HERR KOLLEGE

Du lieber Himmel! Waren Sie nie beim Militär? Eins, zwei, drei – und schon ist’s erledigt.

DER WERTE HERR KOLLEGE

ohne Begeisterung Eins, zwei, drei … Steht auf und geht zum Lichtschalter neben der Tür. Das Orchester beginnt einen sentimentalen Tango zu spielen. Der Werte Herr Kollege blickt noch einmalzurück, um den Weg zum Bett in Erinnerung zu behalten. Als er mit der Hand nach dem Schalter faßt, bemerkt er die Seitentür. Da ist ja noch eine Tür.

DER HERR KOLLEGE

Wo?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Hinter der Kommode.

DER HERR KOLLEGE

Das war früher wohl ein Appartement.

Der Werte Herr Kollege geht zur Tür hinter der Kommode und dreht vorsichtig am Türknauf.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Zugesperrt!

DER HERR KOLLEGE

Na, dann ist doch alles in Ordnung.

DER WERTE HERR KOLLEGE

schiebt die Kommode etwas beiseite und schaut durchs Schlüsselloch. Nichts zu sehen! Es ist mit Papier verstopft.

DER HERR KOLLEGE

Natürlich! Das ist immer so.

Der Werte Herr Kollege geht zu seinen Sachen und zieht aus der Jackentasche einen Bleistift.

Was haben Sie denn vor, Herr Kollege?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Mal schauen, was sich machen läßt. Geht zur Tür zurück, bohrt mit dem Bleistift im Schlüsselloch, schaut durch.

DER HERR KOLLEGE

Lassen Sie das! Das gehört sich doch nicht!

Der Werte Herr Kollege schaut durchs Schlüsselloch.

Machen Sie das Licht aus und gehen Sie schlafen! Sie sind doch ein erwachsener Mann.

Stille.

So etwas kann man als Schuljunge machen. Aber Sie haben doch Familie …

Der Werte Herr Kollege kichert.

Was ist denn?

DER WERTE HERR KOLLEGE

kichert und schlägt sich auf die Schenkel. Hast du da noch Worte!

DER HERR KOLLEGE

Ist denn etwas zu sehen?

Der Werte Herr Kollege kichert weiter und antwortet nicht. Der Herr Kollege steht auf und tritt neben ihn.

Was ist denn da?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Hältst du das für möglich!

DER HERR KOLLEGE

Zeigen Sie mal!

Der Werte Herr Kollege schenkt ihm keine besondere Beachtung.

Lassen Sie mich doch auch mal!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Nein, du glaubst es nicht!

DER HERR KOLLEGE

Psst … ich möchte auch mal schauen.

Dümmlich lachend macht ihm der Werte Herr Kollege Platz. Der Herr Kollege schaut durchs Schlüsselloch, richtet sich voll Würde auf.

Sie sollten sich schämen!

DER WERTE HERR KOLLEGE

möchte jetzt selbst wieder schauen, aber der Herr Kollege kommt ihm zuvor und beugt sich noch einmal zum Schlüsselloch herab.

Jetzt bin ich an der Reihe.

DER HERR KOLLEGE

Moment mal!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich war der erste.

Schubsen sich gegenseitig. Schließlich erobert der Werte Herr Kollege wieder den Platz am Schlüsselloch. Das Orchester beendet den Tango.

DER HERR KOLLEGE

Nun? Was ist?

Der Werte Herr Kollege antwortet nicht.

Was geht vor sich? Spannen Sie mich doch nicht auf die Folter!

Der Werte Herr Kollege richtet sich auf und geht, ohne ein Wort zu sagen, von der Tür weg.

Was ist geschehen?

Der Werte Herr Kollege antwortet nicht.

Nun sagen Sie doch, was los ist!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Er hat sich umgedreht.

DER HERR KOLLEGE

Wieso?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Das ist überhaupt ein Mann.

DER HERR KOLLEGE

Unmöglich! Woher wissen Sie das?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Woher soll ich es schon wissen?

DER HERR KOLLEGE

So etwas …

Der Werte Herr Kollege legt sich schweigend ins Bett. Die Herren vermeiden es, einander anzusehen.

Nun … ja.

Stille.

Eine außerordentlich warme Nacht. Was wollte ich sagen? … Ach so! Ich glaube, wir lassen das Fenster offen, werter Herr Kollege, nicht wahr? Gute Nacht!

DER WERTE HERR KOLLEGE

unwirsch. Gute Nacht!

Der Herr Kollege löscht das Licht. Auf der völlig dunklen Bühne sieht man nur noch den roten Punkt hinter dem Fenster. Der Herr Kollege legt sich ins Bett. Längere Zeit Stille. Inzwischen schlafen beide ein, wobei allerdings ein übertriebenes Schnarchen vermieden werden sollte. Die Bühne wird allmählich ein klein wenig heller – in dem Maße, wie sich das menschliche Auge nach und nach an die Dunkelheit gewöhnt. Aus der Stille hört man das Rattern eines sich nähernden Zuges, und plötzlich ertönt ein durchdringender Pfiff der Lokomotive, so laut, als ob diese unmittelbar vor dem Fenster vorbeiführe. Der Herr Kollege schreckt hoch und setzt sich im Bett auf.

DER HERR KOLLEGE

Was? Was war das?

Noch ein Pfiff, diesmal in größerer Entfernung. Der Werte Herr Kollege scheintnichtaufgewachtzusein. Der Herr Kollege wendet sich mit einer gewissen Schüchternheit an ihn.

Herr Kollege? …

Stille.

Werter Herr Kollege? …

Stille.

Er wartet noch einen Augenblick und schüttelt den anderen an der Schulter.

DER WERTE HERR KOLLEGE

erschrocken, hochfahrend Jawohl! Heute noch! Selbstverständlich! Jawohl!

DER HERR KOLLEGE

beruhigend Ich bin es, werter Herr Kollege.

DER WERTE HERR KOLLEGE

aufwachend Ah, Sie sind es …

DER HERR KOLLEGE

Haben Sie geträumt?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Irgendeinen Unsinn …

DER HERR KOLLEGE

Ich bitte sehr um Entschuldigung, werter Herr Kollege, daß ich Sie aufgeweckt habe, aber hier ist eine Eisenbahn.

DER WERTE HERR KOLLEGE

So?

DER HERR KOLLEGE

Ich habe das nicht gewußt. Hätten Sie vielleicht die Güte? Ich würde lieber mit Ihnen tauschen. Vorausgesetzt natürlich, daß es Ihnen nichts ausmacht. Sie verstehen, Herr Kollege, meine allergische Reaktion auf Pfiffe … Mein Herz … Wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Kollege, würde ich lieber das Bett nehmen, das nicht so nahe am Fenster steht. Sie haben einen gesunden Schlaf …

DER WERTE HERR KOLLEGE

Wir können ja das Fenster schließen.

DER HERR KOLLEGE

Dann kriegen wir überhaupt keine Luft mehr. Es ist eine warme Nacht.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Stimmt! Verdammt heiß hier!

DER HERR KOLLEGE

Ich bitte Sie wirklich von Herzen um Entschuldigung.

DER WERTE HERR KOLLEGE

mit erzwungener Höflichkeit Aber ich bitte Sie, das macht doch nichts.

DER HERR KOLLEGE

Nein, es ist mir wirklich sehr unangenehm.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ist doch nicht der Rede wert.

DER HERR KOLLEGE

Aber es tut mir außerordentlich leid.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Lassen Sie doch! Kleinigkeit!

DER HERR KOLLEGE

sachlich Nun, dann tauschen wir.

DER WERTE HERR KOLLEGE

mit konventioneller Zuvorkommenheit und schlecht verheimlichter Wut Aber ich tue es wirklich gern. Sehr angenehm, sehr angenehm! Zündet die Stehlampe an und will sich daranmachen, die Betten wieder zu verstellen.

DER HERR KOLLEGE

setzt sich schnell auf das andere Bett. Nein, lassen Sie doch! Machen Sie sich keine unnötige Arbeit! Wir wechseln lediglich die Bettwäsche, das reicht vollkommen.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Natürlich! Wie Sie wünschen! Sein Ärger äußert sich in der Art, wie er das Bettzeug auf das andere Bett wirft. Das Bett am Fenster knarrt schrecklich, als er sich daraufsetzt. Er stößt einen Schrei aus.

DER HERR KOLLEGE

Haben Sie es bequem?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber ja!

DER HERR KOLLEGE

Was war denn das eben?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Eine Sprungfeder!

DER HERR KOLLEGE

Ich bin Ihnen unsäglich dankbar, werter Herr Kollege, wirklich unsäglich dankbar.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber es ist mir doch ein Vergnügen.

DER HERR KOLLEGE

Gut, dann schlafen wir! Gute Nacht!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Gute Nacht!

Der Herr Kollege löscht die Lampe. Wieder wird die Bühne völlig dunkel und dann allmählich etwas heller. Beide schlafen ein. Dann hört man, wie sich ein Zug nähert, dann einen Pfiff wie vorher. Beide fahren gleichzeitig hoch.

DER HERR KOLLEGE

Sie auch?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Wundert Sie das?

DER HERR KOLLEGE

Aber Sie haben doch keine Allergie!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber ich liege am Fenster.

Der Zug entfernt sich. Ein zweiter, leiserer Pfiff.

DER HERR KOLLEGE

Oh, du lieber Himmel!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Sie haben ganz recht.

DER HERR KOLLEGE

Das Gleis muß ganz in der Nähe sein, meinen Sie nicht auch?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Die bauen nur und machen sich keine Gedanken.

DER HERR KOLLEGE

Was sollen wir bloß machen?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Wollen Sie lieber gar nicht schlafen?

DER HERR KOLLEGE

Gut, machen Sie das Fenster zu!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich?

DER HERR KOLLEGE

Ich habe das Licht gelöscht.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Tatsächlich!

DER HERR KOLLEGE

Und außerdem kennen Sie sich in solchen Sachen besser aus. Sie sind schließlich Ingenieur, und ich bin Volkswirt.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Nun, gewissermaßen.

DER HERR KOLLEGE

Und schließlich sind Sie näher am Fenster.

Der Werte Herr Kollege steht auf und tritt zum Fenster, springt aber plötzlich zurück.

Ist es schon zu?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Psst!

DER HERR KOLLEGE

Was? Schließt es nicht?

Der Werte Herr Kollege legt ihm die Hand auf den Mund; der Herr Kollege brummelt zwischen seinen Fingern hervor.

Was haben Sie denn?

DER WERTE HERR KOLLEGE

flüsternd Still, um Gottes willen! Hier ist jemand. Lockert den Griff.

DER HERR KOLLEGE

flüsternd Wo?

DER WERTE HERR KOLLEGE

flüsternd Dort in der Ecke!

DER HERR KOLLEGEFLÜSTERND

Das kam Ihnen sicher nur so vor.

DER WERTE HERR KOLLEGE

flüsternd Dann sehen Sie doch selbst nach!

Stille.

DER HERR KOLLEGE

flüsternd Bringen Sie mir das Telefon!

DER WERTE HERR KOLLEGEFLÜSTERND

Wozu denn?

DER HERR KOLLEGE

flüsternd Ich rufe den Empfang an. Sie brauchen mir nur den Apparat zu bringen, ich telefoniere dann schon selbst.

DER WERTE HERR KOLLEGE

flüsternd Ich?

DER HERR KOLLEGE

flüsternd Sie sind ja schon auf.

DER WERTE HERR KOLLEGE

flüsternd Ich hatte das Fenster zu schließen. Jetzt sind Sie an der Reihe.

Stille.

DER HERR KOLLEGE

flüsternd Vielleicht mache ich Licht?

DER WERTE HERR KOLLEGE

laut Um Gottes willen nein! Flüsternd Wenn er eine Waffe hat, sind wir ihm ausgeliefert.

Es erscheint die Silhouette der Dritten Person.

Da geht er! Der Werte Herr Kollege springt auf das Bett des Herrn Kollegen.

DIE STIMME DER DRITTEN PERSON

eine junge, weibliche Stimme Bist du da?

DER WERTE HERR KOLLEGE

flüsternd Sind Sie gemeint?

DER HERR KOLLEGE

flüsternd Was fällt Ihnen ein! Ich denke, Sie sind gemeint.

DIE STIMME DER DRITTEN PERSON

Warum sagst du denn nichts?

DER HERR KOLLEGE

flüsternd Sagen Sie doch etwas, zum Teufel!

DER WERTE HERR KOLLEGE

flüsternd Was soll ich denn sagen?

DER HERR KOLLEGE

flüsternd Irgend etwas!

DER WERTE HERR KOLLEGE

neckisch – in der Art, wie sich gut erzogene Leute im Wald rufen Hu – uuu!

DIE STIMME DER DRITTEN PERSON

Was sind das für Späße? Wo bist du denn!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Hier! Im Bettchen!

DER HERR KOLLEGE

flüsternd Idiot!

DER WERTE HERR KOLLEGE

flüsternd Dann reden Sie doch mit ihr!

DIE STIMME DER DRITTEN PERSON

Warte, ich mache Licht.

DER HERR KOLLEGE

ängstlich Nein!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Nein, bitte, kein Licht! Bitte nicht!

DIE STIMME DER DRITTEN PERSON

Aber ich muß doch sehen.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich bin nicht rasiert.

DER HERR KOLLEGE

Ja! Ich auch nicht!

DIE STIMME DER DRITTEN PERSON

lachend Was du für Skrupel hast! Wie ein kleiner Junge!

Die Dritte Person zündet mit einem Streichholz beide Kerzen an. Das Orchester beginnt eine langsame, aber sehr rhythmische Melodie zu spielen. Die Dritte Person ist ein junges Mädchen. Sie trägt ein ärmelloses, tiefausgeschnittenes, spitzenbesetztes Tüllkleid, das in der Taille knapp anliegt und sich von der Hüfte an in Form einer kurzen Krinoline erweitert. Das Mädchen entspricht den Wunschvorstellungen von Herren mittleren Alters, darf aber durch Kleidung und Benehmen nicht vulgär wirken. Schuhe mit hohen Absätzen. Die Schritte sind jedoch weder jetzt noch später zu hören. Hat die Haare hochgesteckt. Die Dritte Person nimmt den Leuchter in die Hand, tritt zum Bett, auf dem sich der Herr Kollege und der Werte Herr Kollege befinden. Hält den Leuchter hoch, bis das Licht auf beide fällt. Sie sitzen nebeneinander, halb aufgedeckt, sind zerzaust, blinzeln, sehen reichlich dumm aus.

DER WERTE HERR KOLLEGE

resigniert Guten Abend, gnädiges Fräulein.

DER HERR KOLLEGE

Ja, so ist es!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle?

DER HERR KOLLEGE

sich nervös mit den Fingern das Haar zurechtstreichend Wenn Sie gestatten …

DER WERTE HERR KOLLEGE

den Herrn Kollegen in die Seite stoßend Stellen Sie mich doch vor!

DER HERR KOLLEGE

Sie gestatten, daß ich Ihnen meinen werten Herrn Kollegen vorstelle …

DER WERTE HERR KOLLEGE

macht eine Verbeugung, die im Bett recht ungeschickt ausfällt. Sehr angenehm!

DER HERR KOLLEGE

leise Und jetzt Sie mich.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Und das ist der Herr Kollege.

DER HERR KOLLEGE

verneigt sich Sehr erfreut … Hm …

DIE DRITTE PERSON

Du bist zu Zweit?

DER HERR KOLLEGE

Wir sind … auf Dienstreise …

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber sonst jeder für sich.

DIE DRITTE PERSON

ihnen scherzhaft mit dem Finger drohend. Da hast du mir aber eine schöne Überraschung bereitet.

DER WERTE HERR KOLLEGE

auf einen Stuhl weisend, charmant Wollen Sie nicht Platz nehmen?

DER HERR KOLLEGE

Wir bitten Sie!

DIE DRITTE PERSON

in die Mitte des Zimmers gehend Warum hast du mir denn nichts gesagt?

Die Herren merken, daß die Stühle durch ihre Garderobe belegt sind. Sie springen beide gleichzeitig aus dem Bett, nehmen ihre Sachen eilig herunter und verstecken sie, da sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen, hinter ihrem Rücken.

DER HERR KOLLEGE

Vielleicht ein Glas Tee gefällig?

DER WERTE HERR KOLLEGE

leise Sie wissen doch, daß wir hier keinen Tee haben.

DER HERR KOLLEGE

Nun gut, wenn Sie keinen Tee mögen, macht es auch nichts!

Die Dritte Person hat sich auf den Tisch gesetzt.

DER WERTE HERR KOLLEGE

weicht rückwärts gehend zu seinem Bett und packt die Sachen heimlich unter die Bettdecke. Ein bißchen unordentlich hier bei uns.

DER HERR KOLLEGE

im gleichen Ton Eben eine richtige Junggesellenwirtschaft, ha, ha!

DIE DRITTE PERSON

Wie gut, daß ich dich schließlich doch gefunden habe.

DER HERR KOLLEGE

unsicher auf sich zeigend Mich?

DIE DRITTE PERSON

Ich habe dich überall gesucht. Freust du dich?

DER HERR KOLLEGE

Ich war viel unterwegs … Dauernd irgendwelche Reisen … dienstlich natürlich …

Stille.

DIE DRITTE PERSON

ein wenig verwirrt, aber im Tonfall einer Konversation Und jetzt haben wir wieder Sommer …

DER HERR KOLLEGE

Das stimmt. Sogar in den Nächten ist es schon heiß.

Der Werte Herr Kollege macht ihm Zeichen.

… Gestern habe ich mir das ganze Hemd durchgeschwitzt … Zum Werten Herrn Kollegen Was denn?

DER WERTE HERR KOLLEGE

leise Kommen Sie mal hierher.

DER HERR KOLLEGE

ungern Gleich! … Gestatten Sie, daß ich mit dem Herrn Kollegen etwas bespreche. Geht zum Werten Herrn Kollegen.

DIE DRITTE PERSON

mit einem Seufzer und zu sich selbst Sommer, Sommer, Sommer … Sie hebt die Arme hoch, zieht einen Kamm aus dem Haar, läßt das Haar lose herabfallen.

DER HERR KOLLEGE

zum Werten Herrn Kollegen Was wollen Sie denn?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Wer ist das?

DER HERR KOLLEGE

Keine Ahnung!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ehrenwort?

DER HERR KOLLEGE

Ehrenwort! Ich habe sie nie im Leben gesehen.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Woher wissen Sie dann, daß sie mit Ihnen spricht?

DER HERR KOLLEGE

Wieso? Sie spricht doch mit mir.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Sie haben doch gerade gesagt, daß Sie sie gar nicht kennen.

DER HERR KOLLEGE

Ich kenne sie ja auch nicht.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Na also?

DER HERR KOLLEGE

Aber Sie kennen sie ja auch nicht.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber Sie drängeln sich vor.

DER HERR KOLLEGE

Ich drängele gar nicht, ich mache lediglich Konversation. Ich habe schließlich Kinderstube.

Das Orchester beginnt, einen Walzer zu spielen.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Herr Magister, ich …

DER HERR KOLLEGE

Augenblick!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Was haben Sie denn, Herr Magister?

DER HERR KOLLEGE

Spüren Sie denn nichts, Herr Ingenieur?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Wo?

DER HERR KOLLEGE

Hier im Zimmer! Flieder! Aha!

DER HERR KOLLEGE

Es duftet nach Flieder.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber das ist doch kein Flieder, das sind Veilchen.

DER HERR KOLLEGE

Ganz eindeutig Flieder!

DIE DRITTE PERSON

ist mittlerweile vor den Spiegel getreten, betrachtet sich und kämmt sich mit weitausholenden Bewegungen. Was machst du denn?

Der Herr Kollege und der Werte Herr Kollege sehen sich unruhig an.

Komm her zu mir!

Beide nähern sich ihr unsicher.

Dieser Schlafanzug steht dir gut. Laß sehen!

DER HERR KOLLEGE

Ich?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ich?

DIE DRITTE PERSON

Dreh dich einmal um.

Beide drehen sich um sich selbst.

Gott, was für ein hübscher Bursch du bist!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Och … nein.

DER HERR KOLLEGE

Na … im Profil vielleicht …

DIE DRITTE PERSON

Am meisten liebe ich deine Augen. Etwas so Betörendes glimmt darin.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Ach, nein …

DER HERR KOLLEGE

feierlich Das ist eine Sache des Charakters.

DIE DRITTE PERSON

Wenn ich dich so ansehe, dann gehe ich ganz auf in dir, dann bin ich gar nicht mehr ich selbst. Meine Augen sind die deinen, mein Mund verwandelt sich in deinen, und ich gehöre nicht mehr mir selbst. Habe ich das nicht schön gesagt? Komm her! Sie streckt die Arme aus und faßt beide um den Hals.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Drängeln Sie sich doch nicht vor!

DER HERR KOLLEGE

Machen Sie doch Platz! Sehen Sie denn nicht, daß ich mit einer Dame bin?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Herr Magister, ich möchte daran erinnern, daß Sie verheiratet sind.

DER HERR KOLLEGE

Richtig! Sucht sich freizumachen. Entschuldigung! Lassen Sie mich bitte los!

DIE DRITTE PERSON

Ich sehne mich so nach dir, kannst du das verstehen?

DER HERR KOLLEGE

seine Versuche aufgebend Sehen Sie, Herr Ingenieur? Da läßt sich nichts machen.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber Sie sind doch gar nicht gemeint.

DER HERR KOLLEGE

Wer denn sonst?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Fangen Sie schon wieder an?

DER HERR KOLLEGE

Nein, ich fange nicht an.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Doch Sie vergessen, daß Sie hier nicht allein sind.

DER HERR KOLLEGE

Sie auch.

DIE DRITTE PERSON

Du fängst an, mich zu langweilen. Läßt beide los, geht beiseite, zieht die Schuhe aus.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Was steckt da nur dahinter?

DER HERR KOLLEGE

Vielleicht hält sie uns für einen andern?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aus dieser Entfernung? Ausgeschlossen! Sie haben nicht genug Erfahrung, Herr Magister.

DER HERR KOLLEGE

Aber was meinen Sie denn, Herr Ingenieur?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Mir schwant etwas …

DER HERR KOLLEGE

Was denn? Sagen Sie doch!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Gleich, gleich … Wir werden es sofort herausbekommen. Wollen Sie?

DER HERR KOLLEGE

begeistert Gut! Weniger begeistert Aber wenn es schiefgeht, denken Sie daran, daß ich dagegen war.

DER WERTE HERR KOLLEGE

geht auf die Dritte Person zu, faßt sie am Arm, hebt den Arm in die Höhe und tritt einen Schritt zurück. Die Dritte Person scheint etwas verwundert zu sein, lächelt aber und läßt den Arm sinken. Der Werte Herr Kollege hebt auch ihren anderen Arm hoch. Die Dritte Person rührt sich nicht, sie sieht jetzt aus wie eine Statue. Alles klar!

DER HERR KOLLEGE

Ist sie eingeschlafen?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Nein! Sie schläft nicht.

DER HERR KOLLEGE

Was denn sonst?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Es gibt sie überhaupt nicht.

DER HERR KOLLEGE

Herr Ingenieur, ich möchte mir solche Scherze verbitten. Ich könnte schließlich immerhin Ihr Vorgesetzter sein.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Das sind keine Scherze. Es gibt sie nicht, weil sie ein Traum ist. Was ist daran merkwürdig? Es ist schließlich schon nach Mitternacht.

DER HERR KOLLEGE

Das kann ich nicht glauben.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Träumt Ihnen denn nie etwas, Herr Magister?

DER HERR KOLLEGE

Nun, natürlich … aber … solche Scherze?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Lieber Herr Kollege, machen Sie doch keine Ausflüchte, ich weiß doch, wie es ist.

DER HERR KOLLEGE

Kann ich zu Ihnen volles Vertrauen haben, werter Herr Kollege?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Unbedingt. Übrigens haben Sie mich ja in der Hand, Herr Kollege, mir träumt ja das gleiche.

DER HERR KOLLEGE

Das ist ja ein tolles Stück. Fängt an zu lachen, klopft den Werten Herrn Kollegen auf den Rükken, setzt sich auf einen Stuhl. Aber da haben wir Glück gehabt, nicht wahr?

Die Dritte Person läßt den Arm sinken und beginnt ebenfalls zu lachen.

Jetzt lacht sie auch noch.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Na und? Soll sie lachen. Wissen Sie nicht, daß im Traum alles möglich ist?

DIE DRITTE PERSON

Wie komisch du bist!

DER HERR KOLLEGE

Haben Sie gehört?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Das ist ohne Bedeutung. Im Traum ist nichts von Bedeutung.

DER HERR KOLLEGE

Sie haben leicht reden, werter Herr Kollege. Für Sie ist es vielleicht ohne Bedeutung, aber ich bin ein seriöser Mensch, dem die Gesellschaft Vertrauen entgegenbringt.

DER WERTE HERR KOLLEGE

irritiert Wozu träumen Sie dann überhaupt?

DER HERR KOLLEGE

Das ist meine Angelegenheit.

Stille.

DER WERTE HERR KOLLEGE

sieht ihn mißtrauisch an. Aha, ich beginne zu verstehen.

DER HERR KOLLEGE

beunruhigt Was beginnen Sie schon wieder zu verstehen?

Die Dritte Person geht währenddessen im Zimmer herum, betrachtet die Wände, die Bilder, Einzelheiten der Möbel.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Nichts, nichts!

DER HERR KOLLEGE

immer unruhiger Nun sagen Sie es doch schon, werter Herr Kollege!

DER WERTE HERR KOLLEGE

zu sich selbst Soll ich es sagen? Warum eigentlich nicht?

DER HERR KOLLEGE

Nur Mut! Worum geht es denn?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Es ist doch ganz klar, Sie kommen auch nur in meinem Traum vor.

DER HERR KOLLEGE

Ich? Umgekehrt wohl! Sie in meinem!

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber natürlich! Daß ich da nicht gleich draufgekommen bin. Sie sind auch ein Traum, nicht nur das Mädchen! Sie auch, dieses Zimmer, diese Nacht, alles! Das alles träumt mir. Läuft aufgeregt auf und ab.

DER HERR KOLLEGE

Das ist nicht wahr! Wir sind in einem Doppelzimmer, und ich habe das gleiche Recht zu träumen wie Sie.

DER WERTE HERR KOLLEGE

ihn nicht beachtend Das hätte ich mir gleich denken können! Ich hatte Sie schon lange in Verdacht.

DER HERR KOLLEGE

Ich verbitte mir das, vergessen Sie nicht, daß ich einen verantwortungsvollen Posten habe! Ich kann Ihnen nicht träumen.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber Sie tun es doch.

DER HERR KOLLEGE

Fällt mir nicht im Traume ein! Das heißt, umgekehrt! Ich träume, aber nicht Ihnen, sondern höchstens Sie mir.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Warum regen Sie sich dann so auf? Warum haben Sie denn zugegeben, daß für Sie das alles von Bedeutung ist? Warum rege ich mich denn nicht auf? Wenn Sie träumen und nicht ich, dann würde Sie das gar nichts angehen, ob das Mädchen über Sie lacht oder über mich oder über sonst jemanden. Wer träumt, fragt nicht. Was sagen Sie dazu?

DER HERR KOLLEGE

Regen Sie sich vielleicht nicht auf, werter Herr Kollege?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Kein bißchen!

DER HERR KOLLEGE

Das glaube ich Ihnen nicht.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Soll ich es Ihnen beweisen, Herr Kollege?

DER HERR KOLLEGE

Bitte sehr!

Die Dritte Person vergnügt sich inzwischen damit, die unter der Decke versteckten Kleidungsstücke hervorzuziehen.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Gut! Jetzt, da ich weiß, daß Sie mir träumen, sage ich Ihnen, was ich von Ihnen halte. Sie glauben vielleicht, daß ich nicht gemerkt habe, warum Sie das Bett tauschen wollten? Sie wollten mich wohl zum Krüppel machen? Beim ersten Knarren war mir klar, worum es Ihnen ging, Sie Schlaumeier! Oder dieses dauernde Aufwecken mitten in der Nacht! Bin ich vielleicht Ihr Dienstbote? Einmal: mach das Licht aus! Und dann wieder: mach das Fenster zu! Bald dies, bald das! Wie der Herr Direktor! Und wenn wir schon einmal dabei sind, kann ich Ihnen gleich auch noch sagen, was ich von Ihrer Karriere halte. Aber vorher will ich Ihnen noch genau beschreiben, wie Sie aussehen, damit überhaupt keine Zweifel mehr bestehen …

DER HERR KOLLEGE

Oh – lala …

DER WERTE HERR KOLLEGE

plötzlich aus dem Konzept gebracht Wie bitte?

DER HERR KOLLEGE

Werter Herr Kollege, ich habe nur eine Frage. Sind Sie denn ganz sicher, daß ich Ihnen träume?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Warum fragen Sie danach?

DER HERR KOLLEGE

Denn wenn Sie sicher sind, dann bitte sehr! Dann nehmen Sie nur kein Blatt vor den Mund. Aber ich wollte nur für alle Fälle fragen, ob Sie ganz sicher sind.

Stille.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber habe ich denn etwas gesagt?

DER HERR KOLLEGE

Wenn mir richtig träumt, dann haben Sie etwas gesagt, und das auch noch in Damengesellschaft.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Aber ich habe doch gar nichts gesagt.

DER HERR KOLLEGE

Dann wäre ja alles in Ordnung.

DIE DRITTE PERSON

macht eine Brieftasche auf die aus einer der Jacken gefallen ist. Du bist heute so anders.

DER WERTE HERR KOLLEGE

Da sehen Sie!

DIE DRITTE PERSON

Du hast so hübsche runde Öhrchen …

DER HERR KOLLEGE

Wessen Brieftasche ist das?

DER WERTE HERR KOLLEGE

Entweder meine oder Ihre.

DER HERR KOLLEGE

Hm … im Grunde ist das ja auch gleichgültig.

Beide gehen hin und her.

Ich möchte Sie nur warnen. Wenn das Ihr Traum sein sollte, dann werden Sie die Verantwortung zu tragen haben.

DIE DRITTE PERSON

kichernd Oj! Wie komisch er ist.

DER HERR KOLLEGE

stürzt plötzlich mit einem Hechtsprung auf sie, um ihr die Brieftasche abzunehmen. Die Dritte Person öffnet die Arme, in denen der Herr Kollege mit Schwung landet. Sie fallen beide auf das erste Bett. Die Dritte Person umarmt den Herrn Kollegen und kichert immer lauter. Der Herr Kollege versucht, sich loszureißen und ihr gleichzeitig die Brieftasche abzunehmen.

Das Orchester beginnt, einen Rock and Roll zu spielen.

Geben Sie das sofort zurück!

DIE DRITTE PERSON

Mein lieber Kleiner!

DER HERR KOLLEGE

Ich werde Anzeige erstatten.

DIE DRITTE PERSON

Mein Häschen!

DER HERR KOLLEGE

Ich bringe die Sache vors Gericht. Ich lasse mich nicht erpressen!

DIE DRITTE PERSON

Mein Schätzchen!

DER HERR KOLLEGE

Ich habe Frau und Kinder!

DIE DRITTE PERSON

Nun sei doch still, mein Schnuckichen!

DER HERR KOLLEGE

Ihm ist es endlich gelungen, der Dritten Person die Brieftasche zu entreißen.

Der Werte Herr Kollege ist währenddessen um sie herumgesprungen wie ein Schiedsrichter beim Ringkampf.