Karneval oder Adams erste Frau - Slawomir Mrozek - E-Book

Karneval oder Adams erste Frau E-Book

Slawomir Mrozek

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Beschreibung

Ein Karneval mit illustren Gästen: Adam und seine Gattin Eva. Goethe, begleitet von Gretchen. Ein Jedermann namens Joe, ein Bischof und der Satan. Und eine geheimnisvolle Dame. Mrozeks letztes Stück ist ein erotischer Reigen quer durch Zeiten und Realitätsebenen, federleicht und philosophisch.

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Seitenzahl: 55

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Sławomir Mrożek

Karneval oder Adams erste Frau

Ein Stück

Aus dem Polnischen von Marta Kijowska

Diogenes

Personen

Herren:

Damen:

Impresario

Lilith

Assistent

Eva

Goethe

Margarete

Satan

Bischof

Joe

Adam

Masken

Goethe – Löwe

Lilith – beliebig

Satan – beliebig

Eva – Katze>

Bischof – Mütze eines mittelalterlichen Narren

Margarete – Katze

Joe – ›Il Dottore‹

 

Die Wahl der Kleidung, Kostüme, Masken sowie der Musik steht dem Regisseur frei, mit Ausnahme der Maske von Joe (›Il Dottore‹) und der Schlussmusik (›La Llorona‹).

Erster Akt

Erste Szene

Es ist der 26. Juni. Herrliches Wetter. Frisches, üppiges Gras, darin Schmetterlinge, Bienen und andere Insekten. Ein See, dessen Ende wegen der Entfernung kaum sichtbar ist. Die Bänke am Ufer laden zum Verweilen ein. Schilf, Wasserlilien, im Gras viele Blumeninseln, wie geschaffen zum Innehalten und Nachdenken. In der Mitte einer Aussichtsbank sitzt Lilith. Prächtiges blondes Haar (natürlich eine Perücke), offen, bis zur Taille reichend. Um der Pornographie vorzubeugen, ist ihr Körper verhüllt von einem dünnen Stoff, der die Nacktheit imitieren soll. Sie sitzt dem Publikum zugewandt, bewegt sich nicht und sagt nichts. Sie spricht erst gegen Ende der ersten Szene des ersten Akts. Von links treten der Impresario und sein Assistent auf.

IMPRESARIO

erscheint in einem Frack. Zu Beginn geben wir ihnen Goethe.

ASSISTENT

erscheint in einem cremefarbenen Anzug mit Epauletten. Wie bitte?

IMPRESARIO

Für dich bedeutet Herr Goethe gar nichts. Aber viele Zuschauer sind schon so erwachsen, dass er für sie mehr bedeuten wird, als du denkst. Zumindest für die mit antideutschen Reflexen.

ASSISTENT

Ich bin hier, um Dinge zu erfahren, von denen ich bis jetzt nicht die leiseste Ahnung hatte. Unter anderem über Herrn Goethe.

IMPRESARIO

Das spricht für dich. Gleich wirst du ein paar Neuigkeiten hören, einige davon zum ersten Mal in deinem Leben. Manche lasse ich weg und sage dir vorläufig nur eine.

ASSISTENT

Welche?

IMPRESARIO

Du bist noch so jung, dass das Einzige, was dich wirklich interessiert, das sogenannte Geheimnis der Geschlechter ist.

ASSISTENT

Das gebe ich zu.

IMPRESARIO

Also wird das Geheimnis der Geschlechter unser Thema sein, und der Rest bleibt der Rest.

Von links treten Goethe und Margarete auf; sie halten sich bei den Händen. Goethe in Reisehut und Umhang. Margarete, ein junges bayerisches Mädchen, lässt Goethes Hand los und läuft über die Wiese.

MARGARETE

Blumen! Welch eine Überraschung!

GOETHE

unzufrieden Na ja.

MARGARETE

Blumen, Blumen, Blumen …

GOETHE

Vielleicht setzen wir uns?

MARGARETE

Ich will mich jetzt nicht setzen. Ich will herumlaufen!

GOETHE

Wie du willst, mein Liebchen.

Margarete läuft auf der Wiese herum, pflückt einen Armvoll Blumen, kniet sich vor Herrn Goethe nieder und überreicht sie ihm. Herr Goethe zieht Margarete an sich heran und bedankt sich mit einem langen Kuss.

MARGARETE

Noch einen!

Goethe schenkt ihr einen zweiten Kuss.

MARGARETE

Noch einen! Noch einen!

Goethe gibt ihr einen dritten Kuss.

ASSISTENT

während er in gewisser Entfernung an Goethe vorbeigeht Haben Sie das gemeint?

IMPRESARIO

Das? Dieses alberne, kindische Spiel der Geschlechter? Aber nein! Dich erwarten viel größere Überraschungen.

In der Zwischenzeit gehen Goethe und Margarete, Hand in Hand, rechts ab. Der Impresario und der Assistent folgen ihnen. Von links treten der Satan und der Bischof auf. Der Bischof – schwarze Soutane, violette Kappe, violetter Gürtel. Der Satan ganz in Schwarz, einschließlich Strumpfhose, Gugel und kleiner Fledermausflügel an den Schultern.

SATAN

Das habe ich nicht erwartet. Dieses Outfit …

BISCHOF

Bescheiden, nicht wahr?

SATAN

Zu bescheiden. Exzellenz beabsichtigen, auf Prunk zu verzichten?

BISCHOF

Mein Lieber, »die Mächtigen werden erniedrigt, und die Niedrigen werden erhöht«, sagt die Schrift. Das ist mein Prinzip.

SATAN

Aber Sie sollten es mit Mäßigung anwenden. Ich finde, Sie übertreiben, Exzellenz.

BISCHOF

Mäßigung ist eine Frage des Geschmacks. Ich übertreibe lieber in die eine Richtung.

SATAN

In welche?

BISCHOF

Oh, es kommt auf die Situation an.

SATAN

Und konkret sieht die Situation so aus, dass wir zu einem Karneval eingeladen sind.

BISCHOF

Ach was? Im Juni? Zu einem Karneval?

SATAN

So hat es sich ergeben.

BISCHOF

Und nicht im März? Das ist eine Konterrevolution!

SATAN

Exzellenz müssen sich an solche Konterrevolutionen gewöhnen. Es wird noch weitere geben.

BISCHOF

Der Karneval war schon immer im März.

SATAN

Die Umstände verlangen es aber, ihn auf den Juni zu verschieben. Es geht darum, Kälte, Regen, Schnee und andere unangenehme äußere Bedingungen zu eliminieren.

BISCHOF

Wenn die katholische Kirche beschlossen hat, dass der Karneval im Juni ist, dann soll er im Juni sein. Das Wetter ist übrigens wunderschön.

SATAN

Amen.

BISCHOF

Wie soll ich … Sie anreden?

SATAN

Nennen Sie mich einfach Satan.

BISCHOF

Ein schwieriges Wort.

SATAN

Exzellenz werden sich daran gewöhnen.

BISCHOF

Also, Satan, was gibt es Neues hier in der Gegend?

SATAN

Im Moment nichts.

BISCHOF

Wirklich …

Von links tritt Joe auf. Er trägt einen Tirolerhut mit Feder, ein rotes Hemd, einen Anzug mit dezenten Streifen und gelbe Halbschuhe.

JOE

Exzellenz!

BISCHOF

Das ist Joe, ein Mitglied der Menschheit. Wir haben ihn völlig vergessen! Zu Joe Hallo! Hier sind wir!

JOE

Niemand denkt an den Menschen.

BISCHOF

Ach wo denn! Natürlich denken wir an ihn! Möchten Sie sich zu uns gesellen?

JOE

Wenn Sie gestatten …

BISCHOF

Das ist Herr Satan, und das – Herr Joe …

SATAN

Wir kennen uns von irgendwo.

JOE

Ich kenne Sie nicht.

BISCHOF

Herr Satan ist inkognito hier.

JOE

Aah, das ist was anderes. Doch der Mensch ist wichtiger als der Satan.

BISCHOF

Nun ja …

JOE

»Ein Mensch – wie stolz das klingt.« Das hat Maxim Gorki gesagt.

SATAN

Wer?

JOE

Maxim Gorki. Ein Russe.

SATAN

Ach ja, stimmt.

BISCHOF

Herr Satan repräsentiert eine höhere Gewalt. Ich aber – die höchste. Zeigt mit dem Finger in Richtung Himmel.

JOE

Ich verstehe nicht …

BISCHOF

Na den da … Ganz oben. Doch sprechen wir leiser.

JOE

Ach den …

SATAN

Sind Sie nur ein Mensch oder ein Gott?

JOE

Ein Gott natürlich.

SATAN

Ach so.

JOE

Ein Gott, ohne Zweifel. Sie glauben mir nicht?

SATAN

Das ist doch unwichtig.

JOE

Ich bitte um Verzeihung, aber ich sehe hier keine Damen.

SATAN

Es werden bestimmt welche kommen. Es hat noch nie einen Karneval ohne Damen gegeben.

BISCHOF

Wie gut, dass Sie da sind. Ich diskutierte gerade mit Herrn Satan über die entscheidende Rolle des Menschen bei der Einrichtung der Welt.

JOE

Da schließe ich mich Ihnen gern an …

BISCHOF

Nehmen wir zum Beispiel eine Brücke. Sie steht da, und plötzlich stürzt sie ein. Was dann?

JOE

Nichts einfacher als das. Der Mensch beginnt, eine neue Brücke zu bauen. Er beschafft das Material, bereitet das Werkzeug vor, und bald ist die neue Brücke fertig.

BISCHOF

Ich würde sagen: Sie sollte fertig sein. Rein vorsichtshalber.

JOE

Also gut, sie sollte