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Den ersten Mann, den ich küsste, habe ich gleich zwei Mal geheiratet. Erlebt meine reale Geschichte - vom Eingeständnis meiner Homosexualität, der Begegnung mit meiner großen Liebe, dem Coming Out und bis hin zu zwei Hochzeiten mit meinem ersten schwulen Kontakt, Freund, Partner und Ehemann Denis. Viele Menschen treten in mein Leben. Eine Metamorphose beginnt und aus Tilo Braun wird Tilo Braun-Wangrin. Diese Geschichte hat eine Dynamik, die einem feurigem und leidenschaftlichem Tango gleicht. Der farbige Regenbogen im Titel signalisiert dabei nicht nur das Symbol der Gay-Community, sondern auch einen Spannungsbogen, der bunt gespickt ist und in ein glamouröses Finale mündet.
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Seitenzahl: 371
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Tango unterm
Regenbogen.
Ein Roman vom
Familienportraet-Produzenten
Tilo Braun-Wangrin
„Ick bin wat alle sind. Een kleenet Menschenkind.“
Kapitel
Zeit
PROLOG: Tango mit alten Bekannten
08/1996 - 08/1997
01. Abenteuerurlaub Bundeswehr
09/1997 - 02/1998
02. Kontakte
02/1998 - 03/1998
03. Part(ner) Nummer Vier
04/1998
04. Audienz beim Papst
04/1998
05. Krisen
05/1998
06. Dinge des Lebens
05/1998
07. Bekanntschaften
06/1998
08. Entschlüsse
06/1998 - 07/1998
09. Aus heiterem Himmel
07/1998
10. Feuertanz der Gefühle
08/1998
11. Ironie des Schicksals
08/1998
12. Coming Out
09/1998
13. Schattenseiten
11/1998
14. Flugzeuge im Bauch
12/1998
15. Weichenstellung
12/1998 - 01/1999
16. Urlaub unter Palmen
02/1999
17. Ich will keine Schokolade
03/1998 - 05/2020
18. Der Sinn des Lebens
12/1998 - 03/2002
19. Hochzeitsfieber
09/2001 - 05/2002
20. Der große Tag
07/2002
21. Frau Schröder
10/1998 - 01/2020
22. Der Schauspieler
10/2002 - 05/2020
23. Schwester der Königin
05/2004 - 05/2020
24. Die Manuel-Krise
06-09/2006
25. Hinterm Horizont geht‘s weiter
2007-2016
26. Prinz Louis
2007-2016
27. Schicksalsschläge
2011-2017
28. Auf den Spuren des heiligen Jakob
2016/17
29. Legenden
2012-2016
30. HOCHZEIT 2.0
06/2017 - 07/2018
EPILOG
06/2020
Mit 16 sagte ich still:Ich will,will groß sein, will siegen,will froh sein, nie lügen.Mit 16, sagte ich still:Ich will,will alles oder nichts. Für mich soll's rote Rosen regnen,mir sollten sämtliche Wunder begegnen,die Welt sollte sich umgestaltenund ihre Sorgen für sich behalten.
Und später sagte ich noch:Ich möcht verstehen, viel sehen, erfahren, bewahren.Und später sagte ich noch:
Ich möchte nicht allein sein und doch frei sein. Für mich soll's rote Rosen regnen,mir sollten sämtliche Wunder begegnen,Das Glück sollte sich sanft verhalten,es soll mein Schicksal mit Liebe verwalten. Und heute, sage ich still:
Ich sollt mich fügen, begnügen,
ich kann mich nicht fügen,kann mich nicht begnügen:Will immer noch siegen.Will alles, oder nichts. Für mich soll's rote Rosen regnen,mir sollten ganz neue Wunder begegnen,
mich fern vom Alten neu entfalten,
von dem, was erwartet, das Meiste halten.Ich will, ich will.{1}
Ich bewohnte meine erste eigene Wohnung in Strausberg Hegermühle. Bevor es dazu kam, musste ich jedoch noch einige Wochen mit den Eltern meiner ehemaligen Mitbewohnerin Doreen zusammenwohnen. Sie hatten sich entschieden, nach Strausberg zurückzukehren. Da die Wohnung Doreens Eltern gehörte, wohnten wir vier Wochen wie Mutter, Vater, Kind zusammen, bis ich den Bescheid für meine eigene Wohnung bekam.
Doreen, die seit ihrem Umzug nach Gera nicht mehr gesehen wurde, hatte sich in Thüringen gut eingelebt und sich einen neuen Freundeskreis aufgebaut. Sie nahm das Leben wie es kam. In guten wie in schlechten Zeiten.
Nachdem mich meine Freunde Jana und Ronny (Ronda) hintergangen hatten waren sie nun ein Paar.
Ich brauchte einige Zeit, um die Trennung von meinen engsten Freunden zu verkraften und mich quälten noch immer viele Gedanken. Knapp neun Monate nach dem Vorfall, nahmen Jana und ich den telefonischen Kontakt zueinander wieder auf.
Fast zwei Jahre nach dem Bruch unserer Freundschaft, begegnete ich vor meinem Haus im Försterweg meinen alten Kumpel Oliver (Oli), Janas Exfreund. Nach einigen Unstimmigkeiten hatten wir kaum noch ein Wort miteinander gesprochen. Nun war er gekommen, um sich mit mir auszusprechen. Wir waren beide erwachsener geworden. Wir fanden schnell wieder einen Draht zueinander und knüpften an frühere Zeiten an. Die enge Beziehung zu Jana war für uns beide Geschichte, doch dafür hatten wir eine gute Freundschaft wieder zurückgewonnen. Oli absolvierte seinen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr und begann im Anschluss eine Lehre im Groß- und Einzelhandel.
Bei Marén (Reni) und Markus standen die Sterne auf dem Höhepunkt. Nachdem sie nach Berlin Hellersdorf in eine größere Wohnung gezogen waren, bekamen sie ihr erstes gemeinsames Kind, welches sie Isabelle nannten.
Besonders harte Schicksalsschläge trafen Manuela und Marc. Immer wieder gab es Höhen und Tiefen. Während einer Trennungsphase hatte Manuela kurze Liaisons mit Jan (Janosch) und mit Frank. Nachdem es bei beiden Männern nicht für mehr reichte, gab sie Marc noch eine letzte Chance. Dieser kiffte und trank inzwischen ziemlich stark. Unberechenbare Situationen bestimmten Manuelas Alltag.
Dann kam der nächste Schock: Peter, Manuelas Vater erlitt einen Herzinfarkt. Eine schwere Zeit stand ihr bevor.
Sie trennte sich endgültig von Marc, da sie Michél kennengelernt hatte und blitzartig davon überzeugt war, ihre große Liebe gefunden zu haben.
Ihre Prüfung hatte sie mit guten Ergebnissen bestandenen und wurde für eine befristete Zeit bei New Yorker{2} angestellt. Im Laufe der Zeit zog Manuela bei ihren Eltern aus und bei Michél ein. Mit der Zeit stellten sich jedoch auch in dieser Beziehung erste Krisen ein.
Jennifer (Jenne) unternahm den Versuch, sich selbstständig zu machen. Nachdem sie damit scheiterte und auch mit ihrer Berliner Wohnung Pech hatte, kehrte sie zunächst nach Eggersdorf zu ihrer Familie zurück.
Unsere Freundschaft hatten wir intensiviert. Als der theoretische Teil ihrer Ausbildung abgeschlossen war, suchte sie sich einen Praktikumsplatz in einer Kindertagesstätte in Bielefeld, wo sie kurzerhand hinzog. Dort lebte auch ihr Vater.
Aus der gemeinsamen Zeit mit Ronda, Jan und Jana war nur noch Janosch übriggeblieben. Regelmäßig besuchte er mich, um sich mit mir über aktuelle Geschehnisse auszutauschen. Er übernahm die Fliesenarbeiten für die neuen Familienportraet{3}-Studios und überlegte sich den erlernten Beruf an den Nagel zu hängen.
Die Bundeswehr schien ihm die Entscheidung abzunehmen und nach seiner Einberufung, verpflichtete er sich für einige Jahre.
Daniela (Dani) erlebte eine intensive Veränderung. Nach dem Abitur zog sie nach Berlin und nahm ein Studium im Bibliothekarwesen auf.
In der privaten Selbstständigkeit wurde sie schnell erwachsen. Ein paar Wochen später hatte sie ihre erste feste Beziehung. Sie hatte ihn in der Uni kennengelernt. Auch unsere Freundschaft hatte sich gefestigt. Während wir früher viel stritten, uns manchmal hassten und grundsätzlich anderer Meinung waren, erlebten wir inzwischen eine andere Art des Miteinanders.
Unseren Polizisten Frank, Annette und Katja ging es richtig gut. Frank führte sein gewohntes Leben. Oft fuhr er mit seinem besten Freund Oli zur Disko - nicht nur zum Tanzen.
Auch Oliver und Frank hatten ihren Status wieder neu entdeckt, nachdem Oli den zwiespältigen Oliver G. in die Wüste geschickte hatte.
Frank hatte seinen Opel Astra zu Schrott gefahren, was mächtig an seinen Nerven zehrte. Er trug die Schuld, da er bei einem Überholmanöver die Kontrolle über das Fahrzeug verloren hatte. Nun zahlte nicht einmal die Versicherung. Aber er ließ den Kopf nicht hängen und sparte bereits auf das Nachfolgemodell.
Annette und Katja hatten ebenfalls eine Krise zu meistern, die ihre Freundschaft auf eine harte Probe stellte.
Familienportraet entwickelte sich stetig. Seit Beginn der 5. Staffel gab es einen festen Cast{4}. Ich, als Produzent, entschied, wer in einer neuen Staffel Hauptfigur und wer Gastdarsteller war. Die Einteilung hing von der Präsenz der jeweiligen Figuren ab. Grundsätzlich war die Beteiligung an dem Projekt freiwillig. Immer zum Familienportraet-Jubiläum, am 9. August eines Jahres, begann eine neue Staffel. Wir befanden uns inzwischen in der 7. Staffel und in der Saison 1997/98.
Familienportraet-Ensemble 1997
Ich bin ein Mensch der Gewalt ablehnt und auch kein Freund von Waffen ist. Wenn es nach mir ginge, bräuchte es keine Armeen geben. Nie wollte ich einer solchen Institution dienen. Aber wie auch schon in der DDR, gab es im wiedervereinigten Deutschland einen Grundwehrdienst. Dieser betrug zehn Monate.
Gern stelle ich mich Dingen, die mir nicht liegen. Und so entschied ich mich dann doch ganz bewusst für die Bundeswehr. Außerdem hätte der Zivildienst weitere Monate meiner aktiven Arbeitszeit gekostet. Der Zeitpunkt der Einberufung war äußerst ungünstig. In der Marketingabteilung hatte ich feste Aufgabenbereiche übernommen, die schwer für einen so langen Zeitraum übergeben werden konnten. Mein damaliger Chef setzte sich für mich ein und wollte eine Unabkömmlichkeit erwirken. Da der Ort der Einberufung Strausberg war und die Sparkasse gute Beziehungen zur Bundeswehr hatte, wurde das Verfahren nicht angeschoben. Stattdessen ließ ich mich durch einen Vertrag mit geringfügiger Beschäftigung an die Sparkasse binden, für die ich Projekte während der Zeit des Wehrdienstes erledigte.
1. September 1997{5}. Mein Bruder brachte mich vor das Tor der Struzberg Kaserne. Es sollte mein erster Tag bei der Bundeswehr sein.
Allein nur mit meiner großen Reisetasche durchwanderte ich das Bundeswehrgelände, bis ich zum Hauptgebäude meiner Kompanie des 5./TrspBtl. 143 kam. Dort wimmelte es nur von Leuten in meinem Alter, die in Zivil ihre Marschzettel abarbeiteten. Nachdem ich unzählige Formulare ausgefüllt hatte, wurde mir das Nichtraucherzimmer 226 zugewiesen. Dort traf ich zum ersten Mal auf meine drei Zimmergenossen.
Schnell begann ich mit meinen Kameraden Kai, Danny und Daniel (Rappo) Kontakt zu knüpfen. Kai und Danny lagen voll auf meiner Wellenlänge. Rappo unterschied sich von uns.
Die kommenden Wochen wurden von unserem Zugführer bestimmt. Jeden Tag marschierten wir den beschwerlichen Weg in den Wilkendorfer Forst, den wir alle zu hassen begannen. Wir lernten über Felder zu gleiten, zu schießen und unseren Lagerplatz auszugestalten.
Nach den Übungen war stundenlanges Waffenputzen angesagt, was als reine Beschäftigungstherapie zu sehen war. Die Offiziere unserer Kompanie begannen jedoch von Tag zu Tag aufzutauen und lockerer zu werden. Abends verließen wir für ein paar Stunden, stolz in Uniform, das Kasernengelände. Wir erhofften verstärkt, Blicke auf uns zu ziehen. Um 22.00 Uhr war Zapfenstreich. Jeder hatte in seinem Bett zu sein und die Nachtruhe einzuhalten.
Besonders froh waren wir, als wir Gruß- und Gelöbnisabnahme, Rekrutenprüfung und die damit verbundene allgemeine Grundausbildung überstanden hatten. Nach sechs Wochen purer Abenteuer(frust), waren zwei Wochen Urlaub angesagt. Diese verbrachte ich zum Teil bei Doreen und auf Mallorca.
Doreen war erst vor ein paar Wochen von Gera nach Leipzig gezogen, da sie Heiko kennengelernt hatte, der zwar in Gera wohnte, aber durch sein Studium öfter in der Messestadt als in seiner Heimat war. Sie hatte eine Dachgeschosswohnung zur Untermiete bezogen und mit diesem Schritt abermals ein neues Leben begonnen.
Meine Urlaubswoche am Ballermann war recht erholsam, aber ebenso einsam. Ich machte tägliche Strandwanderungen an der Playa de Palma. Da der November nicht mehr zur Hauptsaison der Insel zählt, hielten sich hier unzählige Rentner auf, mit denen ich nun nicht großartige Freundschaften knüpfen wollte.
Oft stand ich in den Nächten am Strand und überlegte meine derzeitige Situation. Beruflich ging es mir gut, denn seit diesem Monat würde ich stundenweise neben der Bundeswehr wieder für die Sparkasse arbeiten. Mein Arbeitsvertrag und meine Zukunft schienen gesichert.
Ich hatte Alles und doch nichts. Ich merkte, wie einsam ich war. Mein Liebesleben gestaltete sich schwierig. Die Erfahrungen, die ich in meiner Jugendzeit mit Frauen erlebte, reichten einfach nicht aus, um meine Veranlagung zu ändern.
Ja, ich bin schwul und keiner außer mir wusste bisher davon. Vor ein paar Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis - bei dem mir klar wurde, dass ich auch Gefühle für Männer entwickeln kann.
Bei der Party einer Freundin hatte ich zu viel Alkohol getrunken. Als ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte, stülpte mir mein guter Freund Frank einen Eimer mit kaltem Wasser über den Kopf. „Dann trug er mich ins Badezimmer, zog mir mein nasses T-Shirt aus und zog mir sein Trockenes über.“{6} Diesen Moment erlebte ich plötzlich ganz bewusst. Es hatte mich mehr als imponiert. Für eine kurze Zeit sah ich Frank mit anderen Augen. Ich machte mir jedoch schnell klar, dass er nur ein Freund ist und ich kein Recht hatte ihn anzuhimmeln.
Außerdem war ich über meine Gefühle damals so verwirrt, dass ich sie verdrängte. Die Aufnahmen im Familienportraet waren für mich ein ideales Spiegelbild mein Verhalten zu kontrollieren. Alles was an mir nur irgendwie schwul wirkte wurde abgestellt.
Sein T-Shirt hat Frank allerdings niemals zurückbekommen. Es verblieb bei mir wie ein Bote, der mir Orientierung geben sollte. Als ich merkte, dass ich mich eigentlich nur noch für Männer interessierte und mich auch mit niemandem darüber unterhalten konnte, meldete ich mich bei einer Selbsthilfegruppe in Berlin an. Ich bin dort allerdings nie hingegangen, da mich im entscheidenden Augenblick immer der Mut verließ.
Während meiner Grundausbildung bei der Bundeswehr erlebte ich auch einen Typen, der sich für mich zu interessieren schien: Ringo.
Unsere Blicke trafen sich immer wieder und sahen erschrocken zurück, wenn es einer von uns beiden mitbekam. Bei einer Übung machte er mich das erste Mal direkt an.
Wir hatten beide den Auftrag, die Figuren von der Schiessbahn zu räumen. Während ich mit meinen Aufstellern ca. zehn Meter vor ihm lief, hörte ich ihn hinter mir ein Liedchen trällern: „Mit dir vielleicht, vielleicht auch nicht, fühlst Du etwa auch wie ich...“? Ich traute meinen Ohren kaum und drehte mich kurzerhand um. Er zwinkerte mir zu. Erschrocken wich ich zurück.
Später tat ich so, als ob nichts gewesen wäre. Es gab noch öfter Situationen, wo er mir seine Zuneigung zum Ausdruck brachte. Doch da ich keine Erfahrungen hatte, verkrampfte und ignorierte ich. Irgendwann gab er auf. Wenn ich in solchen Momenten immer so reagieren würde, hätte ich es schwer, jemals einen Partner zu finden.
Wir standen kurz vor dem Jahreswechsel. Meine neuen Kameraden und ich verstanden uns prächtig. Ich überlegte mir sie auch ins Familienportraet zu bringen. So wählte ich fünf Kandidaten aus, die für eine Teilnahme geeignet waren. Dannys sympathische und natürliche Ausstrahlung brachte ihm im Januar 1998 sofort eine Moderation der 11. Ausgabe der StarNEWS ein, die außer durch Lars (2./ 1995) von noch keinem anderen Gastdarsteller verlesen wurde. Es war zudem die erste Produktion des Jahres 1998.
Einen ähnlich starken Einstieg hatten Kai und René (Softi). Sie sollten die Folgeausgaben der StarNEWS moderieren. Das Dream-Team der Bundeswehr wurde eine fester Bestandteil der siebten Staffel.
Gedanken vom Februar 1998: „Die Bundeswehr ist ein toller Zeitabschnitt in meinem Leben. Noch nie habe ich so viel Kameradschaft erlebt. Als Zugschreiber des zweiten Zuges bekam ich den besten Job der Kompanie. Ich kann die Wachplanung machen und UvD-Dienste einteilen, was nicht immer in der Gunst meiner Kameraden liegt. Und trotzdem sind wir eine prima Truppe, die zusammen viel Spaß und Freude hatten. Jeder bringt seine Persönlichkeit ganz offen zum Ausdruck. Was wäre unser Rappo ohne seine Schweißfüße. Oder Börni, wenn er uns nicht seine Meinung aufdrängen und einen Streit provozieren würde? Was wäre aus Conny ohne Blümchen oder Tilo ohne sein Familienportraet?“
5./Transportbataillon 143 in Strausberg
Truppenausweis
Meine Rolle im Freundeskreis hatte sich verändert. Während ich mich früher um jeden Einzelnen kümmerte, Kaffeerunden veranstaltete und den Bund der Hauptfiguren im Familienportraet zusammenhielt, war ich nun auf der Suche nach einer neuen Identität.
Ich nahm mir vor, mein schwules Ich zu ergründen. Das Jahr 1998 sollte ein Jahr der Veränderungen in meinem Leben werden. Ich träumte von einem Partner, der großen Liebe und dem Coming Out vor allen Verwandten und Bekannten.
Ich aß gerade bei Burger King einen Whopper{7}, als mir das kostenlos ausliegende Stadtmagazin [030]{8} auffiel, welches direkt neben dem Tresen auslag. Ich griff mir ein solches Heft, um es in der Stadtbahn auf der Fahrt nach Hause durchzuschauen.
Sofort fielen mir die Seiten mit den Rubriken Gay Life und Er sucht Ihn auf. Aufmerksam lass ich jede Zeile. Nachdem ich mit dem Anzeigenteil durch war, entschied ich, meinem Schicksal endlich auf die Sprünge zu helfen.
Eine Anzeige in einem Berliner Stadtmagazin würde allemal mehr bringen als in einer gesamtdeutschen Zeitungsausgabe. Zu Hause ließ ich mir vier originelle Botschaften einfallen, die ich in einer Art Sammelauftrag in jeder zweiten Woche für zwei Monate zum Erscheinen in Auftrag gab.
So erhielt ich bereits nach Erscheinen der aktuellen Ausgabe der [030]die ersten Zuschriften. Unter all den Zuschriften kristallisierten sich zunächst nur zwei ansprechende Angebote aus Berlin. Dahinter steckten Julian aus Spandau und Patrick aus Hellersdorf.
Brief von Julian vom 05. März 1998: „Hallo Unbekannter, wer auch immer Du bist, wo auch immer Du sein magst. Ich jedenfalls bin hier! Wo? In Berlin-Spandau. Aber Entfernung ist ja bekanntlich Illusion. Jetzt zu mir. Ich bin 18 Jahre; 1,76 m groß, habe braune Augen/Haare.
Meine Freizeit verbringe ich größtenteils im Fitnessstudio und mit meiner besten Freundin. Das heißt natürlich nicht, dass Du wahnsinnig sportbegeistert sein musst, wäre aber nicht schlecht.
Deine Anzeige lass ich irgendwann am letzten Wochenende als wir (ich + beste Freundin) noch spät in der Nacht Hamburger essen waren. So und jetzt schreib ich Dir! Na? Kannst Du Dich aufraffen mir zu schreiben? Ich würde mich freuen. Also vielleicht bis ganz bald... Julian.“
Brief von Patrick vom 10. März 1998: „Hallo Unbekannter, als ich diesmal die Seite „Er sucht ihn“ aufschlug, da stach mir Deine Anzeige gleich ins Auge.
Ich dachte mir, schreibe ich mal einem (einsamen) Wehrdienstleistenden. Ich habe nämlich gehört, die sollen immer Heimweh nach Hause haben. Und vielleicht hast Du ja auch bald Heimweh nach mir. Außerdem soll der Brief auch eine Ablenkung vom grauen Alltag beim Bund sein. Ehrlich gesagt, habe ich noch nie auf eine Anzeige geantwortet, aber das alleine sein habe ich echt satt.
Und ich hoffe, es war nicht falsch, diesen Brief zu schreiben. Vielleicht schreibst Du mir ja zurück, wenn er Dir gefallen hat. Ich heiße übrigens Patrick, bin süße 18 Jahre jung und 186 cm groß. Also gebe Dir einen Ruck und schreibe mit Foto und Adresse zurück, damit aus einem Brief noch viel mehr werden kann. Also bis dann sagt Patrick. PS: Würde mich riesig freuen über Deinen Brief“.
Diese Briefe faszinierten mich am meisten. Unter ca. dreißig Zuschriften fand sich aber noch jemand, der Aufmerksamkeit in mir erweckte. Denis aus Neuenhagen. Er wohnte nur 20 km von mir entfernt! Ich war erschrocken. Sollte ich ihm etwa antworten? Nachher kannte er mich oder ich würde mal dienstlich in Neuenhagen zu tun haben und dann würde es zu Peinlichkeiten kommen.
Brief von Denis Wangrin aus Neuenhagen: „Hallo Wehrdienstleistender! Mein Name ist Denis und ich bin 22 Jahre alt. Ich bin 1,82 m; 70 kg schwer und schlank.
Meine Haare sind dunkelblond und kurz und die Augen blaugrau. Ich habe zurzeit leider kein Foto, hoffe aber, dass die Beschreibung etwas weiterhilft.
In meiner Freizeit gehe ich gerne ins Kino oder zum Billard/Bowling. Meine Musikrichtung ist nicht festgelegt, man hört alles, was einem gefällt.
Am Wochenende gehe ich mit guten Freunden in die Disco oder bleibe einfach zu Hause und mache mir einen netten Videoabend. Mein Zivildienst war sehr interessant und ich hoffe Deiner ist nicht so anstrengend. Ich bin nicht geoutet und finde es furchtbar, dieses gezierte Benehmen. Man kann sich doch auch völlig normal benehmen. Ich hoffe wir hören voneinander. Tschau Denis. PS: Kein Schreck bei der Adresse bekommen, in 30 Minuten ist man mit dem Auto in der Stadt.“
Meine Antwort: „Hallo Denis, ich bin sehr überrascht auch einen Brief aus der näheren Umgebung zu erhalten, denn ich wohne in Strausberg, was von Neuenhagen ja ein Katzensprung ist.
Ich möchte Dir in diesem Brief noch nicht meinen Namen und meine Adresse verraten, da ich mir erst sicher sein möchte, dass Du zumindest erst mal absolut diskret bist.
Ich bin 20 Jahre alt und wohne in „Hegermühle“. Von den Interessen haben wir viele Gemeinsamkeiten. Auch ich genieße es mal zu Hause zu bleiben und sich einen Gemütlichen zu machen. Doch allein macht das in meiner Drei-Zimmer-Wohnung gar keinen Spaß und da ich nicht geoutet bin, versuche ich es auf diesem Wege. Zurzeit bin ich in Strausberg bei der Bundeswehr, um meinen Grundwehrdienst abzuleisten. Habe eine prima Truppe erwischt und es macht auch Spaß. Es sind nur noch wenige Monate, dann gehört auch dieser Lebensabschnitt der Vergangenheit an.
Für dieses Jahr habe ich mir endlich vorgenommen, meinem schwulen Leben auf die Sprünge zu helfen. Dieser Brief ist hoffentlich der erste richtige Schritt. Meine Eltern, Verwandte und Freunde glauben, dass ich einen ganz „normalen“ Weg gehe, doch ich halte dieses Schauspiel einfach nicht mehr lange aus. Denis, wenn es Dich nicht abschreckt, dass ich so nah bei Dir wohne, dann schreib mir bitte nochmals unter meiner „030“-Chiffre Nummer. Ich lege aber großen Wert auf Diskretion, ich hoffe, Du verstehst das. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mir recht bald schreiben würdest. Viele Grüße, Tilo“
Mit wenig Hoffnung von Denis noch einmal zu lesen, entwickelten sich die Briefwechsel zwischen Julian, Patrick und mir weiter recht rege. Die Briefe nach meiner Antwort behielten ihre Spannung.
Auch Denis schrieb zurück: „Hallo! Vielen Dank für Deinen Brief. Wie ich gelesen habe, wohnen wir nur eine geringe Distanz voneinander entfernt. Ich finde es optimal, dass man nicht so weit entfernt voneinander wohnt. Furchtbar beide Sätze mit dem gleichen Inhalt beendet. Naja! Es muss bestimmt für Dich angenehm sein, den Grundwehrdienst in der Nähe Deiner Wohnung absolvieren zu können.
Ich würde mich freuen, wenn wir bei nächster Gelegenheit mal ins Kino gehen würden. Aufgrund meiner Arbeitszeit habe ich meistens am Wochenende Zeit für Unternehmungen. Meine Eltern denken, ich bin auch ganz normal und ich will es auch so belassen. Für mich steht Diskretion ebenfalls an erster Stelle.
Ich hoffe der Wehrdienst ist nicht so anstrengend, dass Du noch Zeit findest zu antworten, was mich sehr freuen würde. Bis bald Denis! PS: Die Entfernung ist für mich nicht abschreckend.“
Obwohl ich immer mehr Zuschriften erhielt, blieben Denis, Julian und Patrick meine Favoriten. Zu meinem 21. Geburtstag erhielt ich von Allen liebe Grüße, die sie mir auf unterschiedlichste Weise zukommen ließen. Denis schrieb eine ganz süße Karte, untermalt mit parfümierten Düften.
Julian sandte ein Sunshine-Fax und Patrick übermittelte per Brief die besten Wünsche. Keiner hatte meinen Ehrentag vergessen.
Patrick und Denis bekannten sich bereits nach wenigen Wochen ihrer Zuneigung mir gegenüber. Julian blieb auf Distanz. Mit ihm gestaltete sich inzwischen mehr ein platonischer Briefwechsel.
Im zweiten Brief teilte ich Denis meine vollständige Adresse mit und schrieb weiter: „Gern möchte ich mit Dir ins Kino gehen, jedoch möchte ich Dich vorher noch ein bisschen kennenlernen. Ich würde so gern mal aus mir rauskommen und mich nicht immer verstellen. Vielleicht klappt es ja, wenn wir uns treffen. Wie stellst Du Dir eine Beziehung mit einem Mann vor? Ich bin eher der Romantiker. Außerdem bin ich ein Reisemensch. Zudem interessierte mich, was er beruflich macht.
Schnell kam Antwort von Denis: „Ich mache zurzeit eine Ausbildung im Einzelhandel bei Peek & Cloppenburg{9} (P&C) in Berlin, Tauentzienstraße. Meine Berufsschule befindet sich im Herzen von Kreuzberg und meinen Zivildienst habe ich in der Schlosspark-Klinik auf der Neurologischen Abteilung, als Pfleger, geleistet. Die Erfahrungen, die man dort gesammelt hat, sind im Bereich des Zwischenmenschlichen von großer Bedeutung. Der Umgang mit den Patienten und die Arbeit mit dem Pflegepersonal und den Ärzten war sehr interessant.
Die Beziehung zu einem Mann sollte etwas ganz Schönes sein. Treue, Ehrlichkeit und gemeinsame Interessen stehen an erster Stelle. Ich verreise auch sehr gerne...vor allem in den sonnigen Süden. Ich habe Dir ein Foto mitgeschickt. Ich schaue ein bisschen ernst, aber ich kann auch lachen.“
Das Foto sah toll aus. Ich war begeistert: „Alle Achtung, Du siehst ja wirklich traumhaft aus. Ob ich da mithalten kann? Dass Du ein hübsches Lächeln hast, kann ich mir gut vorstellen. Du bekommst doch bestimmt ständig Angebote von Mädels? Wie kommst Du damit klar und wie verhältst Du Dich dann? Ich hatte kürzlich wieder so eine Situation, wo eine Freundin meines Kumpels mir an die Wäsche gehen wollte. Als ich auf ihre Anmache nicht reagierte, war sie ziemlich sauer.“
Es war tatsächlich eine krasse Geschichte. Mein alter Schulfreund Jens, der schon lange wieder in Stralsund wohnte, kam mich eines Tages mit einer Freundin besuchen, die nicht seine Partnerin war. Sie übernachteten bei mir. In der Nacht hörte ich, wie die Tür meines Schlafzimmers geöffnet wurde und sich jemand neben mich legte. Auf dem Rahmen meines Futtonbettes wurde ein Kondomtütchen platziert.
Als sie mich anfing zu berühren, erstarrte ich und stellte mich schlafend. Da ich nicht - wie andere Männer - aufwachte, verstand sie die Abfuhr und verschwand auch wieder. Die Situation war äußerst peinlich – vor allem am nächsten Tag, als über den Vorfall nicht gesprochen wurde.
Denis: „Du kannst sehr wohl mithalten, mit Deinem Äußeren. Du bist total mein Typ. Kurze Haare, tolles Lächeln, sympathische Ausstrahlung und viele gemeinsame Interessen sind Tatsachen, die ich bei Dir total mag.“
Mehr und mehr merkte ich, dass sich Denis zu meinem Favoriten zu entwickeln schien. Mit allen Briefpartnern hatten wir die meisten Übereinstimmungen: „Deine Briefe machen mir klar, wie ähnlich wir uns sind.“ Seine Anreden in seinen Briefen begannen mit der Zeit von „Hallo“, „Hallo Tilo“, „Hi Tilo“, „Hi Süßer, „Hallo mein Süßer“, „Mein Süßer“ zu „Mein lieber Schatz“. Die Briefe wurden länger und länger. Mit jedem Brief wuchs meine Aufregung: „Ich erlebe hier das erste Mal die Situation, mich mit einem Mann zu verabreden. Das macht mich ganz unruhig. Ich denke die ganze Zeit an Dich.“
Denis hatte mich als Erster zu einem Treffen eingeladen. Gelegenheit sollte eine Modenschau im Kongresszentrum am Berliner Alexanderplatz bieten, wo Denis im Rahmen einer Ausbildungsmesse als Model auftreten sollte. Mit der Modenschau wollte sich P&C als Ausbildungsbetrieb vorstellen.
Ich fuhr hin. Ich stand mittendrin. Mich verließ der Mut und ging, ohne nach Denis Ausschau zu halten. Für das erste Treffen war mir der Ort zu unpersönlich. Ich hatte mir etwas Romantisches zu zweit vorgestellt. Da wir uns dort nicht offiziell verabredet hatten, brauchte ich kein schlechtes Gewissen haben.
Wir schrieben uns weiter. „Ach Denis, ich könnte mir stundenlang Deine Briefe durchlesen oder Dein Foto anschauen. Ich habe das Gefühl, dass jetzt schon eine gewisse Spannung zwischen uns ist und wir noch sehr viel zusammen erleben werden.“
Denis: „Wie schön würde es sein, wenn der Mensch, den man von ganzem Herzen mag, neben einem sein würde. Zum Kuscheln und über Dinge des Lebens zu quatschen. Gerade Du wärst so einer, wo die Zeit des Zusammenseins etwas sehr Schönes wäre. Die Modenschau hat richtig Spaß gemacht. Die Präsentation war ein voller Erfolg. Hinter den Kulissen herrschte die absolute Hektik. Die Tage haben wirklich geschlaucht, aber Dein Brief und Dein süßes Bild ist Anlass, den Stress zu vergessen und an schöne Momente zu denken. Dabei denke ich an Dich.“
Tilo: „Auch ich schaue mir immer Dein Bild an. Diese wunderschönen blauen Augen, Dein sinnlicher Mund und die eleganten Sachen stehen Dir einfach fantastisch. Habe dann immer richtig Herzklopfen. Werden Deine Eltern nicht langsam misstrauisch, wenn Du so oft Post aus Strausberg bekommst?
Ich war übrigens auch unter den vielen Schülern im Kongresszentrum und stand direkt vor der Bühne. Allerdings nur kurz. Die Modenschau habe ich leider verpasst. Schön, dass Dir das ganze so viel Spaß gemacht hat. Stimmt es eigentlich, dass in Deinem Beruf sehr viele Schwule arbeiten? Kennst Du auch welche?“
Denis: „In der Modeszene, aber gerade auch in dem Beruf des Kaufmanns im Einzelhandel gibt es sehr viele Schwule und Bisexuelle. Aber gerade mit den Schwulen versteht man sich auf Anhieb. Man unterhält sich über die gleichen Interessen, sitzt gemeinsam in der Kantine und lästert über so manchen Kollegen. Gerade in Mode- und Stilfragen leben manche Menschen hinterm Mond. Ich persönlich versuche immer so aktuell wie möglich gekleidet zu sein. Kleidung, Düfte und Schuhe sind meine große Leidenschaft, wo ich manchmal unkontrolliert einkaufen gehe. ...
Zwischendurch muss ich einfach mal sagen, dass ich in Gedanken jeden Tag bei Dir bin. Meine Eltern legen die Post in mein Zimmer. Gesprochen wird darüber nicht.“
Denis
Patrick
Julian
Tilo
Das erste Treffen wurde vereinbart. Denis und ich sollten uns am dritten Aprilwochenende treffen. Die Anspannung wuchs mit jedem Tag.
Denis: „Am Wochenende vom 18./19.04. habe ich frei und bin ausgeruhter, als wenn ich arbeiten müsste. Ich werde Dir vorab einen Gruß auf dem Anrufbeantworter hinterlassen{10} und hoffe, dass meine Stimme Dich nicht abschreckt.“
Er hatte sich bereits mit einer Nachricht auf meinem Anrufbeantworter (AB) verewigt und seine Stimme klang anders als vermutet. Sie schreckte mich aber nicht ab. Umgehend hinterließ ich auch meinen Gruß auf seinem AB.
Da Denis geschrieben hatte, dass er nicht unbedingt ein Kochgenie sei, hatte ich versprochen, zu kochen. Damit ich mich nicht blamieren würde, bestellte ich meine befreundete Sparkassenkollegin Elfi und deren Freundin Doreen zu mir, um die Gerichte schon einmal zur Probe zu kochen. So bereiteten wir die Speisen schon einmal zu und testeten sie im Anschluss.
Ich schlug Denis ein Candle Light Dinner vor. Zu der Idee schrieb er: „Wenn wir unser gemeinsames Essen einnehmen, wird gefüßelt. Die Idee mit den Kerzen ist wirklich ganz süß, weil ich auf so romantische Sachen stehe. Im Hintergrund läuft, leise langsame Musik, um die Atmosphäre so angenehm wie möglich zu gestalten. Ein Glas Wein, ein tolles Essen und der Abend wird einfach wunderbar.“
18. April 1998. Obwohl es der erste Morgen des Wochenendes war, hievte ich meinen schlaftrunkenen Körper aus dem Bett. Ich musste pünktlich bei Familie P. sein, denn der ORB{11} drehte heute in Eggersdorf einen Beitrag der Sendereihe des Rasenden Reporters, der allmonatlich einen Brandenburger des Monats kürte.
Attila Weidemann und sein Team waren bereits auf dem Grundstück, als ich dazu stieß. Birgit P., meine ehemalige Deutschlehrerin, schien in ihrem Element. Von ihr bekamen die Macher der Sendung die nötigen Informationen über die alte Bäckermeisterfrau, die mit ihren 94 Jahren immer noch im Laden stand und die berühmten Ost-Brötchen verkaufte. Das Backen übernahm inzwischen ihr Sohn.
Sie sollte dafür geehrt werden und zur Brandenburgerin des Monats April 1998 gekürt werden.
Den Tipp dazu gab unsere Freundin Annette, die nach der letzten Sendung bei der Volontärin angerufen und die bewundernswerte Frau Kuhnow vorgeschlagen hatte. Die Produzenten waren entzückt und kamen direkt vor Ort, um den Beitrag zu drehen.
Nachdem ich von den Dreharbeiten zurückgekehrt war, bereitete ich alles für mein erstes Date mit Denis vor. Das Ergebnis waren ein frischer Salat und Pasta. Jetzt begann eine lange Zeit des Wartens. Ich sah Melrose Place. Im Anschluss stylte ich meine Frisur und hüllte meinen Körper in edle Klamotten.
Es klingelte. Meine Aufregung war so gut wie verflogen. Ich hörte seinen Atem, seine Fußstapfen und doch konnte ich ihn noch nicht sehen. Seine ersten Worte „Diese Treppen…“, werde ich nie vergessen.
Dann stand er in seiner jugendlichen Person vor mir. Ein süßer Kerl. Viel hübscher noch als auf dem Foto, welches er mir vor einigen Wochen bei einem unserer ersten Briefwechsel mitgeschickt hatte. Mir rutschte das Herz quasi in die Hose – jener Augenblick, in dem man glaubt, die Welt würde stehen bleiben. Jenem Bruchteil der Sekunde, der dem eigenen Leben die entscheidende Wendung gibt. Und letztlich heißt er dann doch Liebe auf den ersten Blick.
Nachdem er seine Sachen abgelegt hatte, machten wir einen Wohnungsrundgang. Sie schien ihm zu gefallen.
Danach nahmen wir im Wohnzimmer auf dem Dreisitzer Platz. „Darf ich Dir was zu trinken anbieten?“, fragte ich ihn. Es sollte ein Kirschsaft sein, den ich immer im Hause hatte.
Beim Essen blieb mir vor Aufregung der Appetit weg. Denis aß alles auf. Und dass, obwohl sich in der Pasta Rindfleisch{12} befand. Es schien ihm dennoch geschmeckt zu haben. Oder es war Freundlichkeit? Oder Liebe?
Wir sprachen darüber, warum gerade wir schwul geworden waren und ob es genetisch bedingt sei oder andere Einflüsse schuld daran seien.
Nach dem Essen zogen wir uns ins Wohnzimmer auf die Couch zurück. Denis hatte einen Stapel Fotografien mitgebracht, um mir seine Welt näher zu bringen. Sein Vater, der oft auf den Bildern zu sehen war, wirkte wie Denis älterer Bruder. Ich hatte es oft schwer, ihn von Denis zu unterscheiden. Zwischendurch war er näher an mich herangerückt und hatte seinen Arm hinter mich gelegt.
Als die Bilderschau vorbei war, spürte ich plötzlich Denis Lippen auf meinem Mund. Sie fühlten sich so warm, bestimmt und gekonnt an. Er entschuldigte sich für den spontanen Überfall und ich staunte, wie schnell ich mich auf ihn einlassen konnte und wie schnell ich ihn begehren würde. Denis küsste zärtlich meinen Hals und saugte sanft daran. Das Gefühl war so überwältigend. Auf beiden Seiten entstanden saftige Knutschflecke.
Es wurde immer später und ich hatte von Minute zu Minute das Gefühl nur noch Belanglosigkeiten zu erzählen. Irgendwann war ich so verunsichert, dass ich Denis mit den Worten „ich beende das Ganze jetzt hier“ zum Gehen aufforderte. Ohne Abschiedskuss oder andere Nettigkeiten beförderte ich ihn aus meiner Wohnung.
Bereits in den Minuten danach bereute ich meinen Auftritt. Dabei wollte ich mir meine Unsicherheit nur nicht anmerken lassen. Vielleicht hatte ich ihn nun verloren? Das wäre das Dümmste, was mir hätte passieren können, da dieser Mann einfach großartig war.
Am Folgetag hörte und las ich nichts von Denis und meine Nervosität stieg. Die Anspannung sollte sich erst am darauffolgenden Morgen lösen.
Bevor ich zu meinem Dienst in die Bundeswehrkaserne fahren wollte, entdeckte ich folgendes Fax in der Ablage:
Diese Zeilen signalisieren den Beginn unserer Beziehung, die damit offiziell am 20. April 1998 ihren Anfang nahm. Für mich war es die erste Beziehung, für Denis die Vierte. Mit den Männern vor mir war er jedoch nur maximal drei Monate zusammen, wie er mir sagte.
Ich war happy und aufgeregt zugleich. Von meinen Freunden, den Bundeswehrkameraden und den Sparkassenkollegen musste ich mir ironische Anspielungen auf die Rötungen an meinem Hals gefallen lassen. Die Rechnungsführerin der Bundeswehr fragte mich sogar ernsthaft, wer mich denn da gewürgt hatte. Ich konnte ein Lächeln kaum unterdrücken und verwies auf einen wilden Abend mit meiner Freundin.
Zehn Tage waren wir nun zusammen. Wir hatten es sogar schon ins Kino geschafft. Es war die Fortsetzung des Horrorfilms SCREAM, aber auch ein guter Vorwand um sich schützend an den Partner zu lehnen. Dennoch mit Vorsicht, denn in der Öffentlichkeit waren wir (nicht) geoutet und wahrten eine gewisse Distanz.
Ein leidenschaftlicher Kuss läutete einen Abend ein. Sein süßes Lächeln verriet mir seine Begierde, doch so weit war ich noch nicht. Kuschelnd sahen wir uns Gute Zeiten, schlechte Zeiten an. Dabei streichelten wir uns sanft.
Familie Braun (Familienporträt 1998)
Während ich mich im frisch renovierten Bahnhof Alexanderplatz befand, klingelte mein Handy. Softi ließ anfragen, wann ich denn endlich am verabredeten Treffpunkt erscheinen würde. Ich erklärte ihm, dass ich wenigen Sekunden an der Weltzeituhr{13} eintreffen würde.
Kai war wie immer bis aufs letzte Detail durchgestylt, während René und ich heute ein ganz sportliches Outfit bevorzugten. Schließlich hatten wir eine lange Fahrt vor uns. Am Haus des Reisens{14} sollte die Reise mit Holiday International beginnen. Wir sicherten uns gute Plätze im Bus und verstauten das Gepäck. Wir fuhren quer durch Berlin, sodass wir noch viele Wahrzeichen dieser Stadt sahen. Unter anderem fuhren wir durch das legendäre Brandenburger Tor und dann weiter in Richtung Italien.
Bereits in den frühen Morgenstunden erreichten wir die Grenzen unseres Urlaubslandes. Später sandte ich all denen, die keine Karte von mir erhalten würden, eine SMS über mein Mobiltelefon. Kurz darauf erhielt ich zunächst eine Nachricht von Marén mit der Botschaft: „Aloha Pizzafresser. Schöne Grüße von der Küste wünscht Dir Reni und ihr Liebhaber Oki. Viel Fun Dir noch. Bye, Reni“.
„Was war das denn?“, dachte ich. Beunruhigt schrieb ich zurück: „Machst Du Scherze?“. Dann kam der Anruf. Reni erläuterte mir, dass sie keinesfalls scherzte und sie mir alles bei meiner oder ihrer Rückkehr erklären würde. Es war unglaublich. Wenn sich nun Marén und Markus trennen würden, was würde dann mit Isabelle passieren?
Regen und Sonnenschein wechselten sich während unserer Fahrt in eindrucksvollen Facetten ab. In der Zwischenzeit hatten wir uns mit unserem Busfahrer Siggi angefreundet. Er ließ uns vorne sitzen und erzählte dabei eine ganze Menge aus seinem Leben. In Kürze würden wir Pisa erreichen. Der schiefe Turm war bereits auf der linken Seite sichtbar. Es hatte gerade aufgehört zu regnen, sodass es Spaß machte durch die kleinen Gassen bis zu diesem schiefen Bauwerk zu gelangen. Es war schon seit Jahren mein Wunsch gewesen, das wohl bekannteste geneigte Gebäude der Welt und Wahrzeichen der StadtPisa,zu besichtigen. Nun stand ich davor und hatte mein Ziel erreicht.
Die schiefe Turm von Pisa.
Anschließend fuhren wir durch Norditalien zum Hotel Monte Pizzo, indem wir unsere erste Nacht verbringen würden. Geduscht und in frischen Klamotten trafen wir Siggi an der Rezeption, der uns die beste Pizzeria des Ortes anpries. Wir folgten seine Empfehlung. Weinflaschen umrahmten uns in zahlreichen Regalen. Bei Pizza und Rotwein erzählte uns Siggi weitere Geschichten. Nach dem Essen konnte ich mein Verlangen Denis Stimme zu hören nicht mehr kontrollieren und verzog mich in eine ruhige Gegend, wo ich ungestört mit ihm reden konnte. Zunächst sprang der Anrufbeantworter ein, doch dann schaltete sich Denis dazwischen. Wir vermissten uns unendlich. Diese Zeit müssten wir jedoch überstehen, da es kein Zurück mehr gab.
Kai und René waren inzwischen dabei, sich für die Disco fertig zu machen. Durch meine Sehnsucht nach Denis war mir nicht danach, deshalb saßen wir noch eine Weile am Empfang, bis die beiden aufbrachen.
In den frühen Morgenstunden fuhren wir nach Florenz weiter. Ich war heute innerlich leicht gereizt, was meine beiden Kameraden betraf. Wenn ich filmte, reagierten sie angemessen und ansonsten interessierten sie sich nur für Titten und Ärsche. Jede Tussi wurde begafft. Entweder hatten die beiden noch nicht die nötige Reife oder sie verstanden es nicht, sich in gewissen Situationen zu beherrschen. Das störte mich. So wanderten wir - leicht verstimmt - durch Florenz. Am Platz der Santa-Maria-Kathedrale fielen mir viele schwule Pärchen auf, die entlang der Mauern spazieren gingen. Ich träumte davon, wie schön es wäre mit Denis hier zu sein.
Kai und ich pilgerten durch angesagte Modegeschäfte, um neue Impressionen für unsere Looks zu holen. René begleitete uns ziemlich bereitwillig. Zu einer neuen Sonnenbrille ließ ich mich überreden. Aber die brauchte ich auch, da die andere langsam out war und brüchig wurde. Abends fuhren wir in ein weiteres Hotel, welches wir die nächsten drei Nächte beziehen würden. Die Zimmer waren ungemütlich und kühl. Kai und René standen stundenlang auf dem Balkon, um die Mädels im gegenüberliegenden Nachbarhotel zu begaffen.
Getrieben von Hunger und Durst suchten wir ein gemütliches Restaurante auf. Das Lokal war restlos überfüllt. Meine beiden Mitstreiter hatten keine Geduld auf einen freien Platz zu warten. Ich schickte sie weiter und setzte mich an einen Tisch, an dem zwei Indonesien aus unserer Reisegruppe saßen. Wir unterhielten uns angeregt über unsere unterschiedlichen Kulturen. Nachdem ich gespeist hatte, beglich ich die Rechnung und zog mich zurück. Meine beiden Freunde hatten in der Zwischenzeit ein schlechtes Gewissen bekommen und kehrten auch recht bald ins Hotel zurück.
Pünktlich begann unsere Tour nach Rom. Es war nach London und Paris eine weitere europäische Hauptstadt, die ich unbedingt sehen wollte. Gut gelaunt pilgerten wir zur Spanischen Treppe. Da ich mein Mikrofon vergessen hatte, musste ich die Vor Ort-Sendung für Familienportraet kappen, die ich dort produzieren wollte.
