Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Es ist die Lebensgeschichte meiner Großmutter, einer Frau, die mit viel Herz und Kraft ihr Leben gemeistert hat. Die Familie stand stets bei ihr im Vordergrund. Diese Zeilen wurden verfasst entsprechend ihrer Erzählungen und mit dem Einverständnis der im Roman betroffenen Personen, die leider zum Teil schon verstorben sind. Der Handlungsrahmen umfasst die Zeitspanne von 1910 bis Ende der 1970iger Jahre. (Constanze Wiemer)
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vorwort
Ein neuer Anfang
Die Abfahrt
Wie alles begann
Befürchtungen
Der 1. Weltkrieg
Heimaturlaub
Stolz
Das Angebot
Die Kinder
Änderung
Die Suche beginnt
Ankunft
Das neue Haus
Fortschritte
Die erste Produktion
Die ersten Geschäfte
Heinrichs Handel
Erste Gehilfen
NS-Zeit
Henriette
Hochzeitsvorbereitungen
Hugo kommt in die Firma
Die Krankheit
Friederike
Krieg
Auguste
Heinrich zieht in den Krieg
Paris
Die Flüchtlinge
Weihnachten
Die Schwiegertochter
Das neue Enkelkind
Die Ehe
Falsche Freunde
Junior
Flirts
Constanze
Carolines Kur
Hans
Winter
Abschied
Heute, beinahe 40 Jahre nachdem sie uns verlassen hat, um auf die andere Seite zu gehen, traue ich mich, ihren Lebensweg nieder zu schreiben. Wäre sie damit einverstanden? Würde ich die richtigen Worte treffen, meine Einschätzung der Dinge, die geschehen sind, ausreichen, auszudrücken, sie zu zeigen, wie sie wirklich war? Überschätze ich meine Fähigkeiten, mich in Caroline hineinzuversetzen? Bin ich sogar anmaßend? Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass es zu ihren Lebzeiten nicht viele Menschen gab, die sie wirklich kannten. Caroline war eine liebenswerte einzigartige Frau, die noch heute in der Familie so präsent ist, als wäre sie nie von uns gegangen.
Ich möchte den Lebensweg einer starken Frau aufzeigen, die es zeitlebens nie zuließ, andere ihr wahres Ich erkennen zu lassen. Eine Frau, die im Grunde ihres Wesens verletzlich war, diese Verletzlichkeit jedoch nie zeigen konnte. Sie überspielte sie mit Härte, die es nie gab, mit einer gewissen Arroganz, die ihr eigentlich zuwider war und nicht ihrem Charakter entsprach. Diese Frau, Caroline, hatte sich im Laufe ihres Lebens ein zweites Ich zugelegt, das erste war unter den Sorgen und Mühen fast verschüttgegangen und kam nur noch ganz selten zum Vorschein.
Ein kalter Tag im Februar 1932 - Plötzlicher Wintereinbruch und klirrende Kälte, mit der niemand mehr gerechnet hatte nach den eher milden beinahe frühlingshaften letzten Januartagen. Der anhaltende Dauerregen hatte zu Überschwemmungen geführt. Das Grau der Landschaft, die Dunkelheit und der Nebel, der sich über die Landschaft breitmachte, bedrückte sie alle und hatte sie traurig gemacht. Die Stimmung in der Natur schien sich an die der Familie angepasst zu haben - oder vielleicht umgekehrt. Es wäre müßig gewesen, darüber nachzudenken. Es war, wie es war. Caroline hatte oft zum Himmel gesehen und Stoßgebete nach oben geschickt- „Lieber Gott, lass es aufhören zu regnen“ - in der Hoffnung, dass sie erhört würde. Diese Tage waren für alle anstrengend genug gewesen. Es waren Tage des Umbruchs, der Vorbereitung auf eine unbekannte Zukunft. Caroline sah das, was sie durchmachen mussten als Prüfung an, die es galt zu bestehen. Nach dem „Warum“ fragte sie schon lange nicht mehr, aber die lebensbejahende positive Seite ihres Charakters half ihr, doch das „Gute“ in der Sache zu sehen.
So plötzlich wie der Regen gekommen war, so plötzlich hatte er aufgehört, die dunklen schweren Regenwolken hatten sich verzogen und über Nacht sanken die Temperaturen. Der Winter war zurückgekehrt und aus dem Regen war Schnee geworden. Die vormals graue Landschaft war nun in eine weiße Decke gehüllt, die Dunkelheit, die Caroline und ihre Familie tagelang wie ein schwarzer Umhang umhüllt hatte, wechselte über zu einem hellen, klaren Licht. Die Tage wurden freundlich und kalt, sehr kalt, was immerhin besser als Regen und Nässe war. Trotzdem, es war nicht gerade das Wetter, das sie sich wünschten, um einen Neuanfang zu wagen. Aber sie konnten es sich natürlich nicht aussuchen. „Nach vorne schauen und dadurch“, war ihre Devise, „Aus allem das Beste machen.“ Obwohl Caroline nicht übermäßig gläubig war, vertrat sie dennoch die Ansicht, dass der Herrgott mit allen Menschen einen Plan hatte und jeder seinen für ihn vorbestimmten Weg zu gehen hatte. „Wenn ich auf meinem Weg abbiege und eine Kurve mache, glaube ich, dass ich immer wieder auf den eigentlichen Weg zurückkommen werde. Die vielen Kurven in unserem Leben zeigen uns nur die Möglichkeiten an, die wir eventuell haben könnten und aus denen wir lernen.“ Caroline philosophierte, es war ihre Art mit schier unüberwindbaren Problemen fertig zu werden, sich selber zu beruhigen und Johann, ihrem Mann, zu überzeugen, dass ihr Leben doch noch gut werden würde.
Ein neuer Lebensabschnitt lag vor Ihnen. Ein Schritt ins Ungewisse, ein Wagnis, das viel Mut und Gottvertrauen erforderte. Das Leben hatte sie nicht sonderlich verwöhnt und Caroline meinte, dass das, was jetzt auf sie zukommen würde, nicht wesentlich schlimmer sein könnte als das, was sie hinter sich hatten. Bisher war es ein schwerer, mühseliger Weg gewesen, den sie gehen mussten, der ihnen auferlegt war und trotzdem hatten sie es immer wieder geschafft. Sie alle waren stark, jeder von ihnen auf seine Art und Weise.
Heute war der Tag gekommen. Der Tag, der sie alle in eine neue Welt, ein neues Leben führen sollte und den sie niemals mehr vergessen konnten, keiner von ihnen. Die Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit war so groß, dass sie beinahe alles in Kauf nahmen. Jede Veränderung konnte, ja musste das Gute in ihr Leben zurückbringen. Fröhlichkeit und Heiterkeit sollte wieder Einzug halten, sorgenvolle Tage und Nächte wollten sie endlich hinter sich lassen. Hoffen und Bangen hielten sich die Waage, aber letztlich waren sie sich darüber im Klaren, dass sie nichts mehr zu verlieren hatten und nur gewinnen konnten. Es war die letzte Chance wie Johann immer sagte.
Noch eine knappe Stunde. Dann sollte der Zug eintreffen. Viel zu früh hatten sie sich auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Johann, Caroline und ihre vier Kinder Henriette, Friederike, Heinrich und Emil. Mehr als 10 Jahre war ihnen das kleine verträumte Dorf, das eingebettet lag in sanften Hügeln und Wäldern, Heimat gewesen. Es war nicht nur der Abschied vom Dorf, ihrer lieb gewonnen vertrauten Umgebung, es war auch der vorläufige Abschied von ihrer jüngsten Tochter Friederike. Die Familie wurde getrennt – wenn auch nur für eine kurze Zeit-. Wieder so ein unabänderlicher Zwang, den sie gerne vermieden hätten. In ein paar Wochen würde Friederike konfirmiert werden. Es machte es keinen Sinn, sie aus dem Konfirmandenunterricht zu reißen. Friederike war ein sensibles Kind, auf das es galt Rücksicht zu nehmen. So hatten Caroline und Johann beschlossen, sie bis zu ihrer Konfirmation bei einer befreundeten Familie unterzubringen. Nach dem Fest würde sie ihren Eltern und Geschwistern folgen. Behutsam hatten Caroline und Johann Friederike auf diese besondere Situation vorbereitet. Wider Erwarten ertrug sie es tapfer. Die Freunde mochten Friederike, sahen sie beinahe wie eine zweite Tochter an. Das war nicht nur ein Glück für das Mädchen, auch Caroline und Johann wussten das zu schätzen. Wehmütig schaute Caroline zu ihrer jüngsten Tochter hinüber, die sich die Wartezeit zusammen mit den anderen drei Geschwistern durch lautes Herumhopsen und dem gegenseitigen Zuwerfen von Schneebällen vertrieb.
Johann öffnete die beiden mittleren Knöpfe seines Mantels und holte die Taschenuhr, die ihm sein Vater vor vielen Jahren geschenkt hatte und die an einer langen Kette seiner Anzugsjacke befestigt war, aus seiner linken Jackentasche. Er warf einen Blick darauf, schüttelte mit dem Kopf und steckte sie wieder zurück. Dann sah er sich um und ging zum Bahnhofsvorsteher. „Was meinen Sie, kommt er heute pünktlich?“ „Natürlich“ antwortete er, erstaunt und etwas gereizt. „Natürlich, er kommt immer pünktlich und er fährt immer pünktlich“, erwiderte der Mann. Dabei betonte er „immer pünktlich“ und sah Johann geringschätzig an. Seine Stimme klang hochmütig und entrüstet. Eine solche Frage zu stellen, war in seinen Augen eine Unverschämtheit. Seine kleine Welt war in Ordnung, obwohl er insgeheim zugeben musste, dass Johann`s Frage wohl doch nicht so ganz von der Hand zu weisen war.
Wen kümmerte es schon, ob der Zug eine paar Minuten zu spät oder ein paar Minuten zu früh kam. Die Menschen aus diesem Dorf hatten Zeit und nichts zu eilen. Sie standen dann auf dem Bahnsteig, liefen ein wenig hin und her und tauschten den neuesten Dorfklatsch aus. Es war eine der Gelegenheiten, Neues aus dem Dorf oder der Umgegend zu erfahren und seine eigenen Neuigkeiten an den Mann zu bringen. Das konnte mitunter sehr unterhaltsam und lustig sein. Auf jeden Fall sehr informativ für diejenigen, die diese Form des Austausches liebten. Johann hielt nichts von diesem Klatsch und es wäre ihm niemals eingefallen, sich daran zu beteiligen. „Halt dich aus allem heraus, Line, das bringt nichts, damit handelst du dir nur Ärger ein“, pflegte er seiner Frau immer wieder zu sagen. Line versuchte, sich seinem Wunsch zu beugen, obwohl sie manches Mal insgeheim zugeben musste, doch an dem einen oder anderem interessiert zu sein. Aber sie war klug genug, dass für sich zu behalten. So trug sie das, was man ihr erzählte nicht weiter. Alles war bei ihr gut aufgehoben.
„Wie schön, dass er wenigstens heute pünktlich sein wird, “ dachte Caroline, die das Gespräch zwischen Johann und dem Bahnhofsvorsteher mit angehört hatte. Sie alle froren, waren nervös und ungeduldig. Die Kinder rannten hin und her, lachten und lärmten, bewarfen sich weiter mit Schnee, um sich danach abwechselnd bei ihrer Mutter über den jeweils anderen zu beklagen. Caroline hatte kaum ein Ohr für diese kleinen Streitereien und mehr oder weniger in Gedanken murmelte sie immer wieder: „Kinder benehmt Euch! Macht nicht so einen Krach. Der Zug kommt gleich.“ Es war nur ein Murmeln, keine Rüge mit erhobener Stimme, wie es sonst ihre Art war. Aber so viele Dinge gingen Caroline durch ihren Kopf, so viele Gedanken wirbelten in ihrem Kopf herum, sie hatte einfach keine Lust, die Kinder in diesem Augenblick ernsthaft zu maßregeln.
Heute jedoch war der Bahnhof fast menschenleer. Einige wenige Fahrgäste schlenderten hin und her, rieben sich die Hände und zitterten vor Kälte. Neugierig beobachteten Sie die Familie, tuschelten untereinander, um gleich darauf wieder wegzusehen, wenn sie sich ertappt fühlten. Caroline war ein Stück gegangen und blieb jetzt vor dem Gebäude stehen. Sie betrachtete es mit einer Aufmerksamkeit, über die sich selber wunderte, da es weiß Gott nicht viel zu sehen gab. Es war ein alter beinahe heruntergekommener Bahnhof, wie es ihn in jedem anderen Ort auch gab und er bestand aus einer sehr kleinen Haltestelle mit einem Bahnwärterhäuschen, das wiederum einen schmalen Anbau hatte. Aus dem Schornstein, der in Carolines Augen viel zu groß war, stieg grauweißer Rauch kerzengerade in den klaren Winterhimmel hoch. Ein alter rot angestrichener Backsteinbau, dessen rote Farbe man nach all diesen Jahren nur noch erahnen konnte.
Der Bahnhofswärter wohnte im gleichen Ort und kannte Caroline und Johann sehr gut. Mit langsamen Schritten, fast schlürfend, ging er auf Johann und Caroline zu. "Tut es Ihnen nicht leid, von hier wegzuziehen?" Ein kleiner dicker Mann, dessen Kappe zu weit in die Stirn gezogen war und dessen Uniformjacke um seinen dicken Bauch spannte. Trotzdem machte ihn die Uniform stolz und er kam sich wichtig vor. Er hielt ständig seinen rechten Zeigefinger unter seine rote Nase und schniefte. ‘Wenn der doch endlich ein Taschentuch nehmen würde, ’ dachte Caroline genervt, ‘das kann ja keiner mehr mit ansehen. ’ Der Mann tat ihr diesen Gefallen nicht. Die linke Hand hatte er in der Hosentasche seiner Uniform, in der rechten Hand hielt er die Kelle und die Pfeife fest. Er durfte seinen wichtigen Moment nicht verpassen und zweimal lange pfeifen und die Kelle hochhalten, wenn der Zug eintraf. "Tut es Ihnen nicht leid?“ wiederholte er jetzt mit fester Stimme. „Na ja, ich könnte mir auf jeden Fall nicht vorstellen, hier wegzugehen. Wo ich doch schon so lange hier lebe." "Sie müssen ja auch nicht von hier weg", brummte Johann unfreundlich. "Jeder sucht sein Glück dort, wo er es zu finden glaubt." Johann war angewidert. Neugierige Menschen waren ihm von jeher ein Gräuel, und außerdem war Reden sowieso nicht seine Sache. Und über etwas sprechen, was doch nur ihn und Caroline anging - nein - das war gar nichts für ihn. Caroline versuchte, das barsche Verhalten ihres Mannes zu überspielen. "Wir sind nicht aus der Welt, wissen Sie, wir werden wohl noch einmal wiederkommen. Unsere jüngere Tochter wohnt ja noch für ein paar Wochen bei Bekannten hier." Insgeheim ärgerte sie sich über Johanns Verhalten. Er besaß keine verbindliche Art anderen Menschen gegenüber, konnte nicht aufgeschlossen und herzlich sein. Ein harter Mann, wie es Jahrzehnte später ein Weggefährte ausdrückte. Es war Johann gleichgültig, was andere über ihn dachten.
Er hatte die beiden einfach stehengelassen und stand schon an den Gleisen. "Ja, ja, brummelte sich der Bahnhofswärter in den Bart. Ja ich weiß es. Die Konfirmation.“ Dann beugte er sich vor, sah Caroline mit durchdringenden Augen an,“ „Haben sie denn dort, wo Sie hingehen keine Kirche?" Caroline gab es auf. Dieser Mann verstand nichts. Sollte sie sich aufregen? Dazu fehlte ihr die Lust und außerdem war es die Sache nicht wert. Sie schüttelte entnervt mit dem Kopf und ließ ihn stehen. Manches Mal konnte sie Johann in seiner abweisenden Art sogar verstehen. Sie fühlte, wie der Mann ihr nachsah und hörte schon in Gedanken, wie er den Leuten erzählte, wie unfreundlich Caroline und Johann zu ihm waren. Das alles interessierte Caroline jetzt nicht mehr. Der Entschluss, von hier wegzugehen war ihr sehr schwergefallen, doch jetzt hatte sie mit allem abgeschlossen, was mit dem Dorf und den Menschen zu tun hatte. Die einzige Verbindung, die jetzt noch bestand, war die zu der Familie, die ihre Tochter für einige Wochen aufgenommen hatte.
Das Signal des heranfahrenden Zuges ertönte. Jetzt wurde es Ernst. Friederike lief zu ihrer Mutter, Tränen rannen über ihr Gesicht. Liebevoll nahm Caroline sie in den Arm und drückte sie fest an sich. „Tsch, mein Kind, nicht weinen. Bald kommst du nach.“ Mit ihren Fingern wischte sie Friederike die Tränen ab und gab ihr einen Kuss. „Schatz, wir müssen jetzt ganz stark sein. Du wirst sehen, dass die Wochen schneller vergehen, als du denken kannst:“ Friederike schluckte. „Mutter, kommst du zwischendurch noch einmal hierher?“ Sie wartete auf ein „JA“ ihrer Mutter, das hätte ihr Trost geben können. Doch Caroline konnte und wollte ihre Tochter nicht belügen. „Friederike, mein Kind, ich werde es auf jeden Fall versuchen. Aber ich kann es dir nicht versprechen. Zur Konfirmation werden dein Vater und ich wieder hier sein.“ Friederike nickte und wandte sich dann ihrem Vater zu. Er gab ihr die Hand. „Auf Wiedersehen Friederike, benimm dich anständig. Ich will keine Klagen über dich hören.“ Der Abschied zwischen Vater und Tochter fiel kühler aus als der zwischen Mutter und Tochter. Friederike kannte es nicht anders von ihrem Vater. Sie versprach ihm alles und flüsterte nur „Mach’s gut, Vater.“ Danach umarmte sie ihre Geschwister. „Macht’s gut." „Tschüss, Friederike“ riefen sie „bis bald“. Dann ertönte auch schon die Stimme von Johann. „Kinder, Kinder, habt Ihr alle Eure Sachen? Der Zug kommt. Heinrich, du nimmst das Paket da und du, Henriette, du packst mit Emil zusammen den Koffer." Johann gab den Kindern seine Anweisungen. Alles musste funktionieren, reibungslos ablaufen. Johann hasste es, wenn etwas nicht funktionierte. Der Zug hielt an und Johann ging sogleich zur Türe eines Waggons. Er stieg eine Stufe hinauf und öffnete sie. „Reicht mir die Koffer,“ rief er seiner Familie zu. Er stand nun im Abteil und schob die Koffer, einer nach dem anderen, in den Gang. „Und jetzt die Taschen“. Caroline nahm den Kindern die restlichen Gepäckstücke ab und reichte sie Johann. „So das wär’s,“ sagte sie. Sie trat zur Seite und wartete, bis ihre Kinder eingestiegen waren. Dann stieg auch sie in den Zug, dreht sich noch einmal um, um Friederike, die verloren auf dem Bahnsteig stand, zuzuwinken. Caroline schluckte, ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie das Mädchen einsam auf dem Bahnsteig stehen sah. Verstohlen wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und folgte den anderen ins Abteil. Johann hatte inzwischen das Gepäck einigermaßen gut untergebracht, sodass genügend Platz war, um durch den Gang zu gehen.
Der Zugabteil war nahezu leer. Einige wenige Menschen saßen gelangweilt und still auf den braunen, abgewetzten Holzbänken und beobachteten sie. ‘Dann haben wir wenigstens genügend Platz und stören niemanden mit unseren vielen Sachen’, ging es Caroline durch den Kopf. Sie fuhren dritter Klasse. Etwas Anderes konnten sie sich nicht leisten. Die Holzbänke waren nicht einladend und sehr hart. Aber es war angenehm warm im Abteil und so konnten sie sich letztlich doch wohlfühlen, wenn man es so nennen konnte.
"Setzt Euch irgendwo hin, Ihr seht ja, dass kaum jemand mitfährt heute. Aber zankt Euch nicht wieder". Caroline nahm ihren Platz direkt am Fenster ein, Ihr gegenüber setzte sich Henriette hin, dann kam Johann. Die beiden Jungen nahmen die Plätze neben ihrer Mutter. Sie hörten das Pfeifen des Bahnwärters und seinen Ruf: “Achtung, der Zug fährt ab. Gehen Sie von den Gleisen weg!“ Es gab einen kurzen Ruck und der Zug fuhr an. Ein letztes Mal sah Caroline aus dem Fenster herüber zu ihrer Tochter und winkte. Dann glitt ihr Blick hinüber zu den alten Häusern des Dorfes. Sie wurden immer kleiner, bis sie schließlich ganz verschwanden. Alle schwiegen, jeder hing seinen Gedanken nach. Spannung, Angst, Beklemmung vor dem Neuen überfiel sie. Es war doch ein Abschied von dem Ort, an dem sie so viele Jahre ihres Lebens verbracht hatten. Mehr oder weniger glücklich.
Johann hatte Caroline und den Kindern lediglich den Namen des Dorfes, in dem sie von nun an leben sollten, genannt. Dort gewesen waren sie jedoch nie. Wie immer hatte Johann alles alleine in die Hand genommen, entschieden, gekauft und das weitere Leben geplant. Caroline hatte sich in all den Jahren längst damit abgefunden, dass Johann so war wie er war. Ändern konnte sie ihn nicht, das Leben hatte aus ihm einen harten Mann gemacht. Vielleicht brauchte Johann diesen starken Willen und dieses gewisse Maß an Einsamkeit, um mit seinem Leben fertig zu werden. Trotz allem war er die Liebe ihres Lebens, für die sie gekämpft hatte. Das Leben mit einem anderen Mann zu verbringen, hatte sich Caroline nie vorstellen können und wollen. In gewisser Weise ergänzten sie sich und kamen immer wieder auf einen gemeinsamen Nenner.
Caroline sah zu ihrem Mann hinüber. Er war groß und sehr kräftig. Die Haare hatte er sich, wie immer, sehr kurz schneiden lassen und der kleine braune Oberlippenbart ging nur von einem Nasenloch zum anderen. Auch er war akkurat gestutzt und jedes Barthaar lag, wie es liegen musste. Johann wirkte blass und mitgenommen in seinem abgetragenen grauen Wollmantel. Der Mantel hatte ein Fischgrätmuster mit einem wuchtigen Kragen. Diesen schlug Johann immer dann hoch, wenn er fror, er sparte dadurch den Schal. ‘Sein unnahbarer Gesichtsausdruck kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie ihm zumute ist. Vor mir kann er seine Angst und Verzweiflung nicht verbergen. ’ Caroline beobachtete ihn. Wie sehr wünschte sie sich in diesem Moment, seine Nähe körperlich zu spüren, seine Hände zu halten, ihn anzusehen und zu wissen, dass sie beide die gleichen Gedanken hatten. Dass sie überwältigt waren von ihren Gefühlen. Wieder einmal sprach Caroline in Gedanken zu sich selber, wie sie es so oft tat. Sogleich rügte sie sich. „Sei nicht sentimental, Caroline, reiß dich am Riemen.“ Ein Ruck ging durch ihren Körper, sie setzte sich gerade hin und lehnte sich an die harte Rückwand der Bank. Ihre Blicke wanderten abwechselnd zu ihrem Mann und zu den Kindern.
‘Sie sehen sich eigentlich kaum ähnlich. Ich habe vier Kinder und alle sind so unterschiedlich. Im Aussehen und im Charakter. Sie drehte ihren Kopf abrupt zum Fenster. Johann sollte ihr die plötzliche auftretende Verzweiflung, die sie überkam, nicht ansehen. Trotz all’ ihrer Liebe und Zuneigung zu Johann, war da immer ein wenig Angst vor ihm. Caroline hatte oft darüber nachgedacht, woher diese Angst kam. Ihre Liebe, ihre Gemeinsamkeit wurde überschattet von den Zweifeln, der Unsicherheit Carolines. War sie zu schwach ihm gegenüber, hatte sie nicht genügend Persönlichkeit, ihm entgegenzutreten, wenn er sie hart anfuhr? Ihre Selbstzweifel zermürbten sie beinahe und machten ihr Zusammenleben oft unnötig schwer.
Sah er in ihr nicht die Ehefrau, sondern lediglich die Person, die sich seinem Willen beugen musste? Es gab Momente in ihrer Ehe, in denen Caroline sich wie das fünfte Kind Johanns vorkam, vergaß, dass sie die Frau an seiner Seite war. In solchen Momenten kam sie sich klein und unbedeutend vor. Sie war sich seiner Liebe sicher und doch stand da etwas zwischen ihnen, dass sie nicht in Worte ausdrücken konnte.
Es begann heftig zu schneien. "Man sieht nichts mehr von der Landschaft", meinte Henriette und stand auf, um ihre Nase nahe und platt an die Fensterscheibe zu drücken, die beinahe gänzlich mit Eisblumen bedeckt war. "Setz Dich wieder hin, davon siehst Du auch nicht mehr. Du verschmierst nur die Scheibe". In seinem barschen Ton fuhr Johann seine Tochter an, die augenblicklich zusammenzuckte und sich wieder ruhig auf ihren Platz setzte.
Johann liebte diese Tochter nicht. Sein Verhalten ihr gegenüber war gleichgültig und oft voller Abneigung. Er fand keinen Zugang zu dem Mädchen. Der Stachel: Du bist schuld an allem, saß zu tief. Es war eine schreiende Ungerechtigkeit gegenüber Henriette. Sie konnte am allerwenigsten dafür. Henriette war ein in sich gekehrtes Mädchen, das nicht wagte den Mund auf zu machen und zu sprechen, wenn ihr Vater in der Nähe war.
Caroline schwieg. Sie hatte sich den Mantel über ihrer Brust fest zusammengezogen, saß nun in ihrer Ecke, den Kopf schräg gegen die Wand des Abteils gelehnt, und hielt die Augen geschlossen. Es tat ihr unendlich weh, mit ansehen zu müssen, wie Johann die älteste Tochter behandelte. Caroline hatte es aufgegeben Johann in solchen Momenten etwas entgegenzusetzen. Wie oft hatte sie ihn gebeten, ja angefleht, Henriette doch ein wenig Liebe entgegen zu bringen. Sie appellierte an seine Gefühle als Vater. Diese Gespräche endeten immer im Streit und immer blieb Caroline weinend zurück. Seine fehlende Liebe musste sie ihrer Tochter geben. Es war keinesfalls eine einfache Sache und forderte oft ihre ganze Kraft.
Wie schön es war - damals. Er hielt sie in seinem Armen. Sie drehten sich im Takt der Musik, schauten einander in die Augen, vergaßen alles, was um sie herum geschah. Sie waren allein auf dieser Welt, verliebt, glücklich. Heute gab es niemanden - nur sie beide. "Komm, sagte Johann, komm mit mir". Caroline erwiderte nichts und sah Johann nur mit großen Augen an. Er zog hinaus aus dem Saal, dorthin, wo sie endlich alleine waren und sich ihre Liebe gestehen konnten.
Hand in Hand schlenderten sie die Dorfstraße entlang, schweigsam, bis sie an dem Pfarrhaus, in dem Caroline als Dienstmagd arbeitete, ankamen. Die Luft war heiß und stickig. "Es wird ein Gewitter geben, danach haben wir Abkühlung". Johann öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. Er griff in seine Hosentasche, holte ein Taschentuch heraus und wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn. Dann blieb er einen Moment stehen und seufzte. " Die Hitze, weißt Du, ich kann diese verdammte Hitze nicht gut vertragen." Dann steckte er das Taschentuch wieder in seine Hose. Die Jacke ließ er lässig über die Schulter fallen. "Wir sind da," Caroline blieb stehen und blickte Johann ängstlich an. "Ich muss hinaufgehen, sie passen immer auf. Es ist außerdem schon ziemlich spät.“ Caroline seufzte. „Ich weiß sowieso nicht, was ich ihr morgen früh antworten soll, wenn sie mich fragt, wo ich so lange geblieben bin.“ Mit „ihr“ meinte sie die Frau des Pfarrers, die ihre Augen und Ohren überall hatte und die Moral über alles stellte. Vor mehr als einem Jahr hatten sie ihre Eltern bei dem Pfarrehepaar unterbringen können. Als einfaches Hausmädchen, das gehorchen musste und sich Tag für Tag duckte. Sie konnte sich nicht wehren, doch oft fragte sie sich, wie wohl ihre Zukunft aussehen würde und was das Leben noch bringen sollte. Carolines Träume von Unabhängigkeit, von einem Mann, der sie liebte und mit dem sie Kinder haben wollte, wichen abrupt der Realität, in der sie die Frau des Pfarrers täglich unerbittlich zurückholte. Caroline hatte Angst vor dieser Person, vor ihren bohrenden Fragen und durchdringenden Blicken. "Bitte, Line, bleib noch einen Moment, wir können uns auf die Bank unter der Eiche setzen. Bitte, nur einen Moment noch". Johann flehte sie an. Er wollte diesen wunderbaren Augenblick nicht einfach abrupt beenden und somit die besondere Stimmung dieses Abends zerstören. Ob ich wohl noch einmal so glücklich sein werde, wie jetzt? fragte sich Caroline und blieb. Morgen war weit weg und nur das Jetzt zählte.
Die Befürchtungen von Caroline waren Wahrheit geworden. Sie war schwanger. Die Anzeichen sprachen dafür, obwohl sie zuerst nur vermutete, wieder unter Magengeschwüren zu leiden. Seit jeher schlug ihr alles auf den Magen. Der Magen war wohl ihre empfindlichste Körperstelle. Mit 16 Jahren wäre ihr dies beinahe zum Verhängnis geworden. Damals klagte sie, Tag für Tag: "Ich habe solche Schmerzen im Bauch." Dabei drückte sie mit beiden Händen flach auf ihren Oberbauch und stöhnte. Sie aß nichts mehr und magerte ab. Ihre Eltern sorgten sich sehr. "Wir müssen etwas tun. Sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Es wird etwas Furchtbares passieren. Ich fühle es." Carolines Mutter, eine liebe gütige Frau, die sich immerzu um ihre neun Kinder bemühte, sorgte sich sehr und flehte ihren Mann an. Es war das
