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Eine Frau besucht auf dem Rückweg von einer Reise den Ort ihrer Kindheit. Sie beabsichtigt, eine Pause einzulegen. Vielleicht wird sie eine Tasse Kaffee trinken, dann weiterfahren. Doch schon bald tauchen Erinnerungen an die alte Zeit auf, und es beginnt eine schmerzhafte Zwiesprache mit der Vergangenheit. Es ist ein berührendes Buch über das Aufwachsen in einem Elternhaus mit den durch Krieg und Gefangenschaft traumatisierten Eltern. Eine Erzählung über die Narben zweier Generationen, die sowohl den Krieg als auch die traumatischen Folgen erlebten und lebenslang davon geprägt waren.
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Seitenzahl: 68
Veröffentlichungsjahr: 2017
Helga Storm
Biografische Erzählung
© 2017 Helga Storm
Umschlag: Angela Herold, HEROLDDESIGN, 22926 Ahrensburg
Verlag und Druck: tredition GmbH, Grindelallee 188, 20144 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7439-4906-5
Hardcover:
978-3-7439-4907-2
e-Book:
978-3-7439-4908-9
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Es war einer dieser heiteren Tage im September. Die Sonne stand in einem Himmel aus makellosem Blau, nur ihre länger werdenden Schatten deuteten auf das nahe Ende des Sommers hin. Scheinbar ungebrochen verströmte sie ihre Wärme, die wie eine Liebkosung auf meinem Gesicht lag, während ich die kurvenreiche Strecke vor mir im Auge behielt. Ich hatte vergessen, wie schön diese weiche Landschaft war, gerade jetzt, wo sie sich in den unterschiedlichsten Gold- und Orangetönen verfärbte und die Hügel leuchteten. Ich hatte auch vergessen, wie lang sich der Weg über die alte Landstraße hinzog, sonst wäre ich wahrscheinlich dem Reiz der gut ausgebauten Bundesstraße erlegen. Aber schließlich kannte ich diese Strecke von früher und wollte mich dem Dorf nach so vielen Jahren behutsam nähern. Warum, das fragte ich mich damals nicht.
Die Straße tauchte ab in die Hanbacher Senke und führte durch dichten Wald. Geruch von modrigem Waldboden drang ins Wageninnere. Eben noch hatte mich die Sonne angenehm gewärmt, jetzt wurde es kühl. Die Klimaanlage heizte, ich schaltete den CD-Player ein. Und während sich wieder wohlige Wärme ausbreitete, sang die Stimme der Callas „Caro Nome“. Bittersüß – und zugleich so herrlich. Sie rührt mich jedes Mal zu Tränen. Wie einst die traurigen Klänge des Vaters am Klavier.
Vor einer Stunde noch dachte ich nicht daran, die Rückreise vom Besuch einer Freundin am Bodensee gerade hier zu unterbrechen. Ein spontaner Entschluss, der plötzliche Wunsch, das Dorf wiederzusehen, in dem ich als Kind nicht einmal drei Jahre lebte und doch so lange daran zurückdenken musste. Bis die Bilder nach und nach versanken. Nun allerdings kamen mir Zweifel, ob der Abstecher nach Rendenburg eine gute Idee gewesen war. Ich bummelte über die Landstraße, beinahe froh, die Ankunft damit hinauszuzögern.
Die Senke lag hinter mir, und wie Orpheus aus der Unterwelt tauchte ich wieder auf inmitten dieser, so schien es mir, für immer behäbig in der Sonne daliegenden Landschaft. Verschlafene Weiler mehrten sich rechts und links. Alte Eichen säumten die Straße, mit Baumkronen, die sich vor ewigen Zeiten schon zu einem gewaltigen Dach geschlossen hatten.
Das Ortsschild. Ich spürte den feinen Stich bei seinem Anblick. Mein Herz klopfte schneller. Zu viel Gefühl für eine so unbedeutende Sache, befand ich. Ein verwilderter Rosenstock mühte sich, das Schild demnächst zu überwuchern. Es folgte eine lang gezogene Kurve, eine Straßenkreuzung, das Ende der Chaussee. Ein baum- und strauchloses Industrie- und Gewerbegebiet, wo nach meiner Erinnerung ein mächtiger Laubwald gestanden hatte. Nichts Besonderes, eine Ortseinfahrt wie viele. Erst nach und nach tauchten die alten Häuser und Gärten auf, gelegentlich unterbrochen von Büro- und Geschäftshäusern mit Fassaden aus Beton und Glas; Fremdkörper sowohl zwischen den dörflichen Wohnstätten als auch in meinem Bild von früher. Der Kirchturm der katholischen Kirche, hinter der einst die Zwergschule lag, die ich bis zur Gymnasialzeit besuchte. Straßenkreuzungen und Ampeln, wo früher keine waren, Geschäfte, ein Parkplatz. Ich stieg aus, schaute mich neugierig um. Überall neue Straßen, neue Namen. Die Jugendlichen auf dem Fußweg gegenüber hätten meine Enkel sein können. Es herrschte mäßiger Verkehr an diesem frühen Nachmittag. Tauben gurrten auf haushohen Straßenlaternen. Und von dem Fachwerkhaus, das einst hier gestanden hatte, keine Spur.
Da stand ich nun und wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Zwischen dreistöckigen Wohnblocks entdeckte ich schließlich den immer noch beeindruckenden Klinkerbau der alten Post mit seinem Schmuckfries aus versetzten Steinen. Jetzt offenbar der Filialsitz einer Firma. Als Schülerin hatte ich hier mein Taschengeld auf ein Konto eingezahlt, das Sparbuch ging bei einem der folgenden Umzüge verloren. Ich erinnere mich nicht, dass ich darüber traurig gewesen wäre. Vermutlich nahm ich es einfach hin, wie so vieles. Schon mehrmals hatte ich verloren, was mir gerade erst lieb geworden war: Freunde und Freundinnen, Lehrerinnen, vertraute Umgebungen. Nichts blieb. Für die Neunjährige eine alltägliche Erfahrung, es wäre ihr nicht in den Sinn gekommen, darüber zu klagen. Schließlich war auch durch die Flucht vor der russischen Front alles, was die Familie besessen hatte, verloren gegangen. Mit einer Ausnahme: der Bechsteinflügel des Vaters, den die Mutter vier Jahre nach Kriegsende in einer riskanten Aktion, versteckt in einem Lastwagen voller Gemüsekonserven, in den Westen holte. Das wusste das Kind. Was es nicht ahnen konnte, war, dass die immateriellen Folgen von Krieg und Flucht in der Familie viel stärker wogen als der Verlust von Besitz.
Doch davon wollte ich eigentlich gar nicht erzählen.
Acht Monate später, ein vielversprechender Tag im Frühsommer. Vor mir auf dem Gartentisch die begonnene Erzählung. Eine nette kleine Geschichte sollte es werden. Über das Wiedersehen mit dem Dorf, das ich letzten Herbst nach langer Zeit zum ersten Mal wiedersah. Aber ich komme nicht voran. So, wie geplant, kann ich sie nicht erzählen, weil sich mir damals hinter der bekannten Dorfoberfläche noch etwas anderes, Schmerzliches, aufdrängte. Davon allerdings will ich auf keinen Fall erzählen. Nur lässt mich diese andere Geschichte nicht los.
In den Nachbargärten wird gegessen und geschwatzt. Geschirr klappert, in der Ferne ist ein Moped zu hören. Zufriedene Gespräche nebenan, Lachen, Scherzen. Familienleben eben, wie früher in meinem Elternhaus, als wir Kinder mit Vater und Mutter bei Tisch plauderten und die Welt für uns ganz selbstverständlich in Ordnung schien. Heute weiß ich, dass dies keineswegs so war. Denn nicht, was gesagt wurde, machte uns zu denen, die wir wurden, sondern das, was unaussprechbar blieb.
Stille, die Stimmen sind verklungen. Insekten fliegen emsig hier- und dahin. Wind tut sich auf, es rauscht und weht, dann wieder mittägliche Ruhe, als sei nichts geschehen. Ich weiß, wohin mich diese andere Geschichte führen will. Und ich ahne, dass ich sie nicht übergehen kann. Es geht darin um das Leben meiner Eltern und um das, wovon sie Zeit ihres Lebens nicht sprechen konnten. Die Fakten kenne ich inzwischen. Ich habe sie in langen Jahren mühevoll recherchiert. Dabei schien von dem, was ich suchte, ein großer Widerstand auszugehen. Denn ich drang in etwas Verbotenes, Verschlossenes ein, von dem ich nichts weiter wusste, als dass es einmal real gewesen war. Nun will ich versuchen, diese Bruchstücke und andere Überreste der Vergangenheit meiner Familie in einen Zusammenhang zu bringen und eine Sprache dafür zu finden. Auch wenn es mir schwerfällt.
So erzähle ich am Ende doch die Geschichte, deren lange Schatten mich in Rendenburg einholten.
Seit Tagen schneit es, lautlos und in dicken Flocken. Nachts fällt das Thermometer auf minus dreißig Grad. Ein scharfer Wind streicht ums Haus und türmt mächtige Schneewehen auf. Großmutter Alexia steht am Fenster und hält den zehn Monate alten Paul fest, den sie neben sich auf der Fensterbank abgesetzt hat. Seit vielen Jahren verwitwet, verlor sie vor einem Jahr auch noch ihr Haus im Rheinland durch einen Bombenangriff. Nun lebt sie hier bei einem ihrer sieben Kinder, einem Sohn und seiner jungen Familie in Finsterwalde, einer kleinen Stadt nahe Cottbus.
Es ist der erste Weihnachtstag im Kriegsjahr 1944. Sie ist nicht zur Kirche gegangen, der Weg im tiefen Schnee wäre zu beschwerlich gewesen. Jetzt wartet sie auf die Rückkehr der Schwiegertochter und der bald zweijährigen Hanna – das Kind, das ich damals war. Tags zuvor sind die beiden nach Torgau aufgebrochen, um Abschied von ihrem Mann und Vater zu nehmen. Bis zu dessen Einberufung vor drei Monaten arbeitete er für eine Firma, die kriegswichtige Kugellager produzierte. Nun werden auch diese Männer an die Front geholt, sogar die älteren. Ein Foto zeigt ihn bei der Schnellausbildung an der Zweizentimeterflak inmitten von siebzehn weiteren, ebenfalls nicht mehr jungen Männern, alle in Luftwaffenuniform. Doch uniform sind die Männer damit noch lange nicht. Dem Vater schaue der Zivilist aus allen Knopflöchern, wird er gerügt. Er ist einundvierzig Jahre alt, ein gesunder, sportlich trainierter Mann, musikalisch begabt, ein überzeugter Verfechter humanistischer Werte. Heiligabend erfuhren die Soldaten, dass sie am nächsten Tag zur 11. Flakdivision nach Oberschlesien aufbrechen sollten.
