Teilzeitküsse - Nancy Salchow - E-Book

Teilzeitküsse E-Book

Nancy Salchow

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Beschreibung

„Jan ist das, was man perfekt nennt. Okay, sein Sixpack ist eher ein Vierer-Pack mit weichem Übergang zur Sechs, die klischeehaften blauen Augen sind grau und die dunklen Haare eine Spur zu kurz für den morgendlichen Wuschel-Look, den ich bei Männern so anziehend finde, trotzdem: für mich könnte er nicht perfekter sein. Jan. Allein sein Name ist perfekt, denn er hat die ideale Herzchen-Größe – oder haben Sie schon mal versucht, Wolfgang oder Alexander in ein Herz zu schreiben? Probieren Sie’s ruhig, es sieht einfach nur blöd aus. Jan hingegen passt wie angegossen, nicht nur in ein gemaltes Herz, sondern auch in mein eigenes – und das schlägt für ihn seit unserer ersten Begegnung.“ Gutaussehend, intelligent und einfühlsam – in Jan scheint Anna endlich den absoluten Traummann gefunden zu haben. Sie könnte im siebten Himmel schweben, wäre da nicht die lästige Tatsache, dass er sich seinen über alles geliebten Hund Neo trotz Trennung immer noch mit seiner Ex-Freundin Katja teilt. Und die sieht nicht nur unverschämt gut aus, sondern ist auch ein Paradebeispiel für die perfekte Frau: selbstbewusst, schlank, schlagfertig – all das, was die eher unsichere Anna selbst gern wäre. Anstatt die ungestörte Zweisamkeit mit Jan zu genießen, wird Anna durch Katjas ständiges Auftauchen immer wieder an seine Vergangenheit und die eigenen Selbstzweifel erinnert. Als Neo dann auch noch ausgerechnet bei einem Spaziergang mit Anna ausreißt und nicht wieder auftaucht, scheint das Chaos perfekt. Inklusive des kompletten autobiografischen Buchs „Der Tag, an dem mir das Leben schrieb“, das hiermit nach vielen Leser-Nachfragen endlich wieder erhältlich ist.

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Nancy Salchow

Teilzeitküsse

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Über das Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

An meine Leser

Der Tag, an dem mir das Leben schrieb – Über das Buch

Der Tag, an dem mir das Leben schrieb – Prolog

Der Tag, an dem mir das Leben schrieb – Kapitel 1

Der Tag, an dem mir das Leben schrieb – Kapitel 2

Der Tag, an dem mir das Leben schrieb – Kapitel 3

Der Tag, an dem mir das Leben schrieb – Kapitel 4

Der Tag, an dem mir das Leben schrieb – Kapitel 5

Der Tag, an dem mir das Leben schrieb – Nachtrag

Danksagung

Über die Autorin

Impressum neobooks

Über das Buch

„Jan ist das, was man perfekt nennt. Okay, sein Sixpack ist eher ein Vierer-Pack mit weichem Übergang zur Sechs, die klischeehaften blauen Augen sind grau und die dunklen Haare eine Spur zu kurz für den morgendlichen Wuschel-Look, den ich bei Männern so anziehend finde, trotzdem: für mich könnte er nicht perfekter sein.

Jan. Allein sein Name ist perfekt, denn er hat die ideale Herzchen-Größe – oder haben Sie schon mal versucht, Wolfgang oder Alexander in ein Herz zu schreiben? Probieren Sie’s ruhig, es sieht einfach nur blöd aus. Jan hingegen passt wie angegossen, nicht nur in ein gemaltes Herz, sondern auch in mein eigenes – und das schlägt für ihn seit unserer ersten Begegnung.“

Gutaussehend, intelligent und einfühlsam – in Jan scheint Anna endlich den absoluten Traummann gefunden zu haben. Sie könnte im siebten Himmel schweben, wäre da nicht die lästige Tatsache, dass er sich seinen über alles geliebten Hund Neo trotz Trennung immer noch mit seiner Ex-Freundin Katja teilt. Und die sieht nicht nur unverschämt gut aus, sondern ist auch ein Paradebeispiel für die perfekte Frau: selbstbewusst, schlank, schlagfertig – all das, was die eher unsichere Anna selbst gern wäre. Anstatt die ungestörte Zweisamkeit mit Jan zu genießen, wird Anna durch Katjas ständiges Auftauchen immer wieder an seine Vergangenheit und die eigenen Selbstzweifel erinnert. Als Neo dann auch noch ausgerechnet bei einem Spaziergang mit Anna ausreißt und nicht wieder auftaucht, scheint das Chaos perfekt.

Inklusive des kompletten autobiografischen Buchs „Der Tag, an dem mir das Leben schrieb“, das hiermit nach vielen Leser-Nachfragen endlich wieder erhältlich ist.

Kapitel 1

Jan ist das, was man perfekt nennt. Okay, sein Sixpack ist eher ein Vierer-Pack mit weichem Übergang zur Sechs, die klischeehaften blauen Augen sind grau und die dunklen Haare eine Spur zu kurz für den morgendlichen Wuschel-Look, den ich bei Männern so anziehend finde, trotzdem: für mich könnte er nicht perfekter sein.

Jan. Allein sein Name ist perfekt, denn er hat die ideale Herzchen-Größe – oder haben Sie schon mal versucht, Wolfgang oder Alexander in ein Herz zu schreiben? Probieren Sie’s ruhig, es sieht einfach nur blöd aus. Jan hingegen passt wie angegossen, nicht nur in ein gemaltes Herz, sondern auch in mein eigenes – und das schlägt für ihn seit unserer ersten Begegnung.

Unsere erste Begegnung. Ist die denn wirklich schon wieder drei Monate her?

Ich weiß es noch wie heute. Ich hatte mich von meiner Schwester Sabrina dazu überreden lassen, ehrenamtlich beim Tierheimfest auszuhelfen und Kuchen zu verkaufen. Sabrina arbeitet dort und weiß alles über Tiere, was es zu wissen gibt. Meine Erfahrung hingegen geht nicht über den Vogelfuttereinkauf im Winter hinaus, wenn mich Jahr für Jahr mütterliche Gefühle für die Kohlmeisen auf meinem Balkon überkommen.

Aber Erfahrung brauchte ich auch nicht, um da zu sein, wo ich an jenem Mainachmittag stand, als plötzlich dieser unverschämt attraktive Kerl mit einem sibirischen Husky an der Leine vor mir auftauchte, um mich mit Dahinschmelzblick um ein Stück Pflaumenkuchen zu bitten.

Ich lehne mich mit verklärtem Blick in meinem Kinosessel zurück, als mir genau diese Anekdote in den Sinn kommt. Auf der Leinwand rettet gerade irgendein glatzköpfiger Muskelprotz die Welt, doch alles, was ich wahrnehme, ist die Hand, die neben meiner in einer überdimensionalen Popcorntüte steckt.

Flüchtig streifen sich unsere Finger. Ist es möglich, dass mir selbst eine inzwischen vertraut gewordene Berührung wie diese noch immer ein Bauchflattern beschert?

Seine Augen suchen meine in der Dunkelheit des Saals.

Langsam nähert er sich zum Kuss.

Da ist es wieder, das Kribbeln, das blitzschnell von meinem Bauch über Arme und Schenkel bis in die Knie wandert, die so weich werden, dass mich lediglich der Kinosessel davor bewahrt umzukippen.

Ich übertreibe schon wieder.

Aber Jan bringt mich dazu. Noch immer und immer wieder.

„Hab ich dir schon gesagt, wie hübsch du heute aussiehst?“, flüstert er mir zu.

Ich nicke. „Aber du kannst es gern noch ein paar Mal wiederholen.“

Zum zweiten Mal an diesem Abend bin ich dankbar dafür, auf Sabrinas Rat gehört und das dunkelblaue Top gekauft zu haben. Mir war es etwas zu eng, um den leichten Rettungsring-Ansatz an meiner Taille zu kaschieren, Sabrina hingegen vertrat die Meinung, dass kein Mann auch nur eine Ahnung von Rettungsringen haben wird, wenn er das Dekolleté sieht, das dieses Top zu zaubern imstande ist. Und überhaupt, wer braucht schon einen Rettungsring, wenn er stattdessen in den Tiefen eines Dekolletés versinken kann?

Sabrinas Worte, nicht meine.

Aber auch wenn sie seltsame Vergleiche macht, mit einem hatte sie recht: So ein Dekolleté ist wirklich imstande zu zaubern. Zumindest Jans Blick zufolge.

Er wickelt eine meiner roten Locken um seinen Finger. Noch so eine gute Idee, das Haar heute offen zu tragen.

„Ich bin dafür, dass wir heute bei mir übernachten.“ Ich lächele vielsagend. „Ich habe deinen Lieblingswein gekauft und eine Lasagne im Ofen, die nur noch aufgewärmt werden muss.“

„Aber Neo“, beginnt er.

„Neos Lieblingsfutter steht schon lange im Schrank“, komme ich seinen Ausflüchten zuvor. „Wir müssen ihn nur noch abholen und einem gemütlichen Abend steht nichts mehr im Wege.“

Zwei winzige Falten schieben sich zwischen seine Augenbrauen, während er sich in seinem Sessel zurücklehnt und zur Leinwand starrt.

„Alles okay?“, frage ich.

„Eigentlich schon“, murmelt er. „Es ist nur …“

Ich kenne seine Antwort, bevor er weiterspricht.

„Kannst du sie nicht anrufen“, komme ich ihm zuvor, „und ihr sagen, dass sie Neo morgen besuchen kann?“

„Im Grunde schon, aber sie wollte heute noch zum Tierarzt und die Ohrentropfen für ihn abholen. Die braucht er heute Abend. Eine Dosis nimmt sie mit, der Rest bleibt bei uns.“

„Ohrentropfen“, wiederhole ich, während ich in die Popcorn-Tüte greife. „Verstehe.“

„Bist du sauer?“

„Du weißt, dass ich Neo liebe“, antworte ich diplomatisch. „Ich will, dass es ihm gut geht.“

„Das war keine Antwort auf meine Frage.“ In seinem Lächeln liegt der Hauch eines schlechten Gewissens.

„Und du weißt auch“, fahre ich fort, „dass es mir nicht zusteht, über die Abmachung zwischen dir und deiner Ex zu urteilen. Es ist nun mal euer gemeinsamer Hund und jeder Blinde sieht, wie sehr Neo nach wie vor an ihr hängt.“

„Das stimmt schon, aber was soll das heißen, es steht dir nicht zu, darüber zu urteilen?“ Er zieht meine Hand aus der Popcorntüte und umfasst sie liebevoll mit seinen Fingern. „Du bist immerhin meine Freundin und ich möchte nicht, dass du irgendetwas in dich hineinfrisst.“

Schweigend bemühe ich mich um ein Lächeln, das ihm einmal mehr meine Toleranz und Unkompliziertheit demonstrieren soll, doch vermutlich weiß er ohnehin, wie es in Wirklichkeit in mir aussieht. Drei Monate sind mehr als genügend Zeit, um eine Fassade zu durchschauen – besonders wenn ich diejenige bin, die entsprechende Fassade erschaffen hat. Und wenn es etwas gibt, das ich absolut nicht beherrsche, dann ist es das Vortäuschen falscher Tatsachen.

„Das mit Katja und mir ist schon fast ein Jahr her“, sagt er. „Und ich bin froh, dass wir es trotz der Trennung geschafft haben, einigermaßen vernünftig miteinander umzugehen.“

Ich nicke. „Mach dir keine Gedanken um mich. Ich verstehe das. Wirklich.“

Mühsam versuche ich, das rote Sommerkleid mit dem tiefen Ausschnitt aus meinem Kopf zu verbannen, das Katja beim letzten Mal getragen hat.

„Abgesehen davon hätte es auch alles ganz anders ablaufen können“, fährt Jan fort. „Ich bin einfach nur froh, dass Neo bei mir wohnt. Da nehme ich es lieber in Kauf, dass sie ihn alle paar Tage zum Spaziergang abholt.“

„Wirklich, Jan“, ich gebe mir jetzt etwas mehr Mühe mit meinem toleranten Lächeln, „es ist alles gut. Glaub mir. Ich hatte mich nur eben auf einen schönen Abend mit dir gefreut.“

„Der ja trotzdem stattfinden wird“, fällt er mir mit gewohntem Unschuldsblick ins Wort, „nur eben bei mir. Wir können den Wein und die Lasagne ja nachher noch abholen. Es sei denn, dir ist es lieber, Katja holt Neo in deiner Wohnung ab. Ich meine, wenn ich sie anrufe, dann würde sie vielleicht …“

„Nein nein.“ Allein der Gedanke, dass sie mit ihrem elfengleichen Gang durch meine Wohnung schwebt, beschert mir eine Gänsehaut. „Alles gut. Und jetzt lass uns lieber den Abend genießen, anstatt uns mit Banalitäten aufzuhalten.“

Banalitäten. Ein Wort, das Jan nur allzu gern in Bezug auf Themen wie diese verwendet. Und jetzt benutze ich es? Fange ich etwa an, ihm nach dem Mund zu reden?

Vermutlich sollte ich das Ganze wirklich etwas entspannter betrachten und mich stattdessen lieber darüber freuen, dass sie keine gemeinsamen Kinder haben. Andere teilen sich das Sorgerecht für ein Kind, bei Jan und seiner Ex ist es eben ein sibirischer Husky.

Na und?

Der Muskelprotz auf der Leinwand trägt gerade eine Frau aus einem brennenden Haus, die dankbar seinen Hals umklammert.

Was für ein Klischee, möchte ich brüllen und frage mich im selben Moment, ob ich damit mich oder den Film meine.

Kapitel 2

„Also habt ihr gestern schon wieder nicht bei dir geschlafen?“ Sabrina hebt einen Zehn-Kilo-Hundefuttersack in ihren Kofferraum. „Du hattest doch extra alles so schön hergerichtet, das Futter für Neo gekauft, die Duftkerzen.“

„Na ja, es hat sich halt anders ergeben.“ Ich schiebe eine Stiege Katzenfutter neben den Sack.

„Anders ergeben?“ Sabrina hebt skeptisch die Augenbrauen, während die kurzen Fransen ihrer blonden Haare in ihre Stirn fallen. Seufzend lässt sie sich auf die Kante des Kofferraums fallen.

„Warum musst eigentlich immer du die Einkäufe für das Tierheim erledigen?“, frage ich. „Ihr habt doch auch kräftige Männer dort, oder?“

„Jetzt lenk nicht ab, okay?“

„Ich lenke doch gar nicht ab.“ Ich setze mich neben sie. „Jan und ich hatten einen tollen Abend, das ist alles, worauf es ankommt.“

„Einen tollen Abend, den ihr wieder mal in seiner Wohnung verbracht habt, weil er auf diese Katja warten musste, richtig?“

„Sicher war sie da.“ Ich zucke gleichgültig mit den Schultern. „Aber nur kurz. Sie hat den Hund abgeholt. Außerdem hatte sie Ohrentropfen dabei, die er brauchte.“

„Ohrentropfen, so so.“

„Kannst du bitte aufhören, so zu tun, als hättest du mich bei irgendetwas erwischt?“

„Hab ich ja auch. Nämlich dabei, wie du dir selbst etwas vormachst.“

„Ich mache mir nichts vor. Ich sage nur, wie es ist. Ganz neutral. Das ändert ja nichts daran, dass Jan und ich noch immer so verliebt sind wie am ersten Tag. Und das mit Katja, tja, das ist eben so – und zur Zeit nicht zu ändern.“

„Bloß zur Zeit?“

„Neo ist eben so was wie“, ich suche nach dem richtigen Wort, „ein Teilzeithund. Sie haben ihn sich angeschafft, als sie noch liiert waren, deshalb gehört er ihnen gemeinsam.“

„Solange es nur ein Teilzeithund ist und keine Teilzeitküsse, die er morgens dieser Katja und abends dir gibt.“

„Kannst du bitte aufhören?“ Ich ramme ihr meinen Ellenbogen in die Hüfte.

„Nur ein Witz, Mausi.“

„Du sollst mich nicht immer Mausi nennen. Du bist gerade mal achtundzwanzig – nur ein Jahr älter als ich.“

„Mausi bleibt Mausi.“

„Können wir jetzt bitte das Thema wechseln und die Sachen ins Tierheim bringen?“

„Hey, hallo – Erde an Anna!“ Sabrinas Stirn legt sich in Falten. „Kannst du bitte mal für einen Moment aufhören, so zu tun, als wäre ich Jan? Ich bin's, dein Schwesterchen. Also bitte hör auf mit der Show und gib endlich zu, wie es wirklich in dir aussieht. Dein ewiges Verständnis für diese vollbusige Blondine aus seiner Vergangenheit fängt nämlich an zu nerven.“

„Willst du denn unbedingt, dass ich mich aufrege?“

„Du sollst die Sache nur nicht in dich hineinfressen.“

„Das hat Jan auch gesagt.“

„Siehst du? Weil er nämlich selbst merkt, was für eine beschissene Situation das ist.“

„So hat er das nicht gemeint.“

„Aber ich meine es so. Irgendwann muss das doch mal ein Ende haben. Soll diese Frau jetzt alle zwei Tage bei euch auftauchen? Das kann doch echt nicht ewig so weitergehen.“

„Jan würde Neo niemals aufgeben. Und ich hänge ja selbst an dem Vierbeiner.“

„Das verlangt ja auch niemand. Aber es muss doch irgendeine andere Lösung geben.“

„Und was für eine Lösung soll das sein? Sie liebt den Hund.“ Ich räuspere mich, als müsste ich nicht nur Sabrina, sondern auch mich selbst überzeugen. „Im Moment gibt es nun mal keinen anderen Weg. Außerdem ist es mir lieber, dass sie Neo abholt, wenn ich bei Jan bin, als wenn es hinter meinem Rücken geschieht.“

„Aha!“ Sabrina wedelt wichtigtuerisch mit dem Zeigefinger. „Dann misstraust du ihm also doch!“

„Ich misstraue ihm nicht. Ich …“ Ich erhebe mich von der Kofferraumkante. „Sag mal, kann es sein, dass du mich mit aller Macht wütender machen willst, als ich es ohnehin schon bin?“

„Ich will nur nicht, dass dir jemand wehtut. Das ist alles.“

„Es tut mir niemand weh, verstanden? Und jetzt lass uns endlich das verdammte Futter wegbringen, okay?“

„Von mir aus.“ Sie steht auf und schmeißt die Kofferraumklappe zu. „Ich hoffe nur, dass du dich nicht zu lange verarschen lässt.“

„Niemand verarscht mich. Wenn du es ganz genau wissen willst, ist diese Katja sogar ganz nett.“

„Nett. Ja. Nett sind Sekretärinnen auch. Solange bis du deinen eigenen Ehemann mit ihr im Bett erwischst.“

„Tja.“ Ich zwinkere ihr lachend zu. „Da habe ich ja Glück, dass Jan keine Sekretärin hat und wir nicht verheiratet sind.“

*

Es soll ja Frauen geben, die sich beim richtigen Mann voll und ganz fallen lassen und den Rest der Welt vergessen können. Mit Herzchen in den Augen und voller Selbstbewusstsein gelingt es ihnen, sich ganz und gar ihren Gefühlen hinzugeben und einfach nur verliebt zu sein.

Ich schaffe beides: Wahnsinnig verknallt zu sein und trotzdem alle zwei Sekunden darüber nachzudenken, wie viel Einfluss meine Cellulite auf seinen Verliebtheitsgrad hat.

Diese Gedanken sind es auch, die mir durch den Kopf gehen, als wir an diesem Abend knutschend auf seinem Sofa liegen.

„Ich steh auf dein Kleid“, flüstert er mir ins Ohr. Er atmet diese Feststellung eher aus, als sie wirklich zu sagen. Sein Atem glüht auf meinem Dekolleté, seine Lippen umspielen den Ansatz meiner Brüste, während ich mit meinen Fingern durch sein Haar fahre.

„Ich habe es gestern erst gekauft“, antworte ich.

„Ich würde sagen, eine sehr kluge Geldanlage.“

„Ist doch nur ein Kleid.“

„An einer anderen Frau wäre es vielleicht nur ein Kleid, aber an dir …“ Da sind sie wieder, seine unverschämt weichen Lippen an meinem Hals.

Neo liegt mit zufriedenem Schnaufen neben dem Sofa, sein Kauknochen direkt neben ihm. Unsere Knutscherei scheint ihn nicht sonderlich zu beeindrucken.

„Hast du morgen Abend schon etwas vor?“, fragt Jan.

„Ich bin bis vier im Büro, danach gehöre ich dir, wenn du willst.“

Dass ich nicht nur nach vier, sondern auch während meiner täglichen Arbeitszeit im langweiligsten Schreibbüro der Welt eigentlich unentwegt an ihn denke, behalte ich für mich. Nicht, dass ihm meine Verliebtheit noch zu Kopf steigt. Reicht ja völlig, wenn mein eigener Kopf davon vernebelt ist.

„Das Sanitätshaus lädt die Belegschaft heute Abend zum Büffet beim Italiener ein“, sagt er fröhlich. „Machen die jeden Sommer. Soll so was wie ein Dankeschön sein.“

Dass Jan in einem Sanitätshaus arbeitet und dabei tagtäglich den Umfang weiblicher Beine für Therapiestrümpfe ausmisst, verdränge ich seit Beginn unserer Beziehung mal mehr, mal weniger erfolgreich. Genauso wie die Tatsache, dass der Kontakt mit weiblichen Beinen nicht mal ein Fünftel seiner wirklichen Arbeit ausmacht.

„Das heißt, dass wir uns erst spät sehen?“ Ich stütze mich auf meine Ellenbogen.

„Nur, wenn du mich nicht begleitest.“ Er küsst meine Nasenspitze.

„Ich?“

Er nickt triumphierend. „Mein Chef hat heute ganz gönnerhaft verkündet, dass wir auch unsere Partner mitbringen dürfen, wenn wir wollen. Dass die derzeitige Grippewelle unter den Kollegen der Grund dafür ist und er keine Lust hat, dass die Hälfte der Plätze am Tisch leer bleibt, hat er dabei für sich behalten, aber“, er zuckt mit den Schultern, „wen interessiert schon der Grund für seinen Sinneswandel? Hauptsache, ich kann dich mitnehmen. Vorausgesetzt natürlich, du hast Lust.“

„Klar. Warum nicht? Prima Idee.“ Meine Gedanken wandern zu meinem Kleiderschrank. Was ziehe ich nur an? Die blaue Bluse? Oder doch lieber das schwarze Top?

„Super.“ Er strahlt wie ein stolzer kleiner Junge. „Endlich kann ich auch mal vor meinen Kollegen mit dir angeben.“

Seine Worte verstummen, als er erneut mein Dekolleté küsst und langsam das Kleid von meinem Körper schält, während ich dabei bin, auf Wolke sieben davon zu schweben.

„Ach übrigens“, er schaut kurz auf, „ich muss morgen nach der Arbeit noch meinen Anzug aus der Reinigung holen. Macht es dir was aus, Katja aufzumachen, wenn sie Neo holen kommt? Nur falls ich noch nicht da sein sollte.“

Wie schnell man doch von Wolke sieben auf dem harten Boden der Realität landen kann.

„Klar.“ Ich kämpfe mir ein Lächeln ab. „Kein Problem.“

Kapitel 3

Wenn man sich zwischen einer blauen Bluse und einem schwarzen Top entscheiden muss und letztendlich ein rotes, enganliegendes Shirt wählt, kann es nur bedeuten, dass das Shirt so umwerfend ist, dass man keine andere Wahl hatte – erst recht nicht, wenn es perfekt zu dem schwarzen Bleistiftrock und den roten Pumps passt.

Diese Feststellung überkommt mich, als ich meine hinreißende Silhouette vor dem Schlafzimmerspiegel betrachte. So selten es vorkommt, dass ich zufrieden mit meinem Spiegelbild bin, so entzückt bin ich an diesem Abend von dem Ergebnis meines einstündigen Styling-Marathons.

Meine Smokey Eyes sorgen für eine dramatisch-weibliche Ausstrahlung, meine roten Locken fallen wie gemalt auf den weichen Stoff des Shirts und mein neuer BH zaubert ein Dekolleté, das genau die richtige Mischung aus Sexappeal und Seriosität darstellt.

Zufrieden senke ich meinen Blick auf Neo, der neben meinen Füßen auf dem Kunstfell vor dem Bett liegt.

„Was ist, Neo? Hast du Lust auf einen kleinen Snack?“

Neo hebt den Kopf und spitzt die Ohren, als hätte er jedes Wort ganz genau verstanden.

„Braver Kerl.“ Ich bücke mich und nehme sein Gesicht in meine Hände. „Was darf es denn sein? Kaustange oder Leckerli?“

Neo steht auf und folgt mir schwanzwedelnd zur Speisekammer neben der Küche, als das Klingeln an der Tür unseren Plan durchkreuzt.

„Tut mir leid, Süßer, nur aufgeschoben, nicht aufgehoben, okay?“

Als ich zur Tür eile, fange ich erneut meine Umrisse im Spiegel der Flurgarderobe ein. Jan und ich werden das Traumpaar dieses Abends sein, und zwar nicht nur optisch.

Doch meine Euphorie bekommt Risse, als ich eine Stunde früher als erwartet in das Gesicht einer makellos schönen Blondine starre.

„Katja!“ Ich knipse mein Alles-ist-gut-Lächeln an.

„Anna, hi.“

Ich hasse es, wenn sie „Hi“ sagt. Sie sagt immer „Hi“, fast so, als kosteten sie die zwei Silben von „Hallo“ zu viel Atem.

„Ich dachte, du kommst erst gegen halb sieben“, sage ich.

„Ja, sorry.“ Sie betritt den Flur und streichelt Neo, der ihr Auftauchen überglücklich zur Kenntnis nimmt. „Hey, Großer. Warst du schön brav?“

Ich stehe noch immer in der offenen Tür. Irgendetwas hält mich davon ab, sie zu schließen, solange diese Frau in der Wohnung ist.

Katja zieht Neos Leine von der Garderobe, was ihn dazu bringt, sich wie wild im Kreis zu drehen und jaulend auf und ab zu springen.

„Ich habe nachher noch einen Termin.“ Sie klemmt die Leine an sein Halsband. „Deshalb bin ich schon ein bisschen früher hier.“

Kein Problem. So ein Stündchen ist ja nicht der Rede wert.

„Wer ist mein Bester?“ Sie fährt mit den Händen durch sein Nackenfell. „Du bist mein Bester!“

Mit Neo an der Leine bleibt sie schließlich in der offenen Tür stehen und gibt den Blick auf ihren perfekten Jeansknackarsch frei.

„Ist Jan noch gar nicht da?“ Sie streicht sich eine Strähne aus dem perfekt geschminkten Gesicht.

„Er ist noch zur Reinigung. Wir gehen nachher noch aus und er braucht seinen Anzug dafür.“

„Verstehe.“ Sie neigt den Kopf zur Seite und mustert mich mit aufmerksamen Blick. „Na, dann will ich mal nicht weiter stören. Du musst dich ja noch umziehen und alles.“

Ich schaue auf mein Outfit herab. „Ähm …“

„Mach’s gut, Anna“, flötet sie, bevor ich etwas sagen kann. „Ich bringe Neo morgen Nachmittag wieder.“

Ich möchte etwas antworten, doch ehe ich meine Stimme wiedergefunden habe, sehe ich sie schon über den Asphalt in Richtung Parkplatz stolzieren, als hätte man ihr soeben die Gewinnerschärpe einer Miss-Wahl umgehängt.

„Blöde Kuh“, murmele ich, während ich ihr einen Moment zu lang hinterherschaue.

*

„Frau Abner, das muss heute noch fertig werden. Ein neuer Kunde.“

Eine Spannmappe mit einem Stapel handgeschriebener Notizen landet mit Schwung auf meinem Schreibtisch direkt neben der Tastatur.

Arthur, der mir gegenüber sitzt, tauscht einen vielsagenden Blick mit mir. Die Art von Blick, wie wir sie uns immer zuwerfen, wenn Herr Köster wieder mal vergisst, dass wir Menschen sind und keine Maschinen.

„Was hat der denn für eine Laune?“ Arthur schaut Köster nach, der seine Bürotür zuwirft. „Wieder mal Zoff mit Ehefrau Nummer drei?“

„Nummer vier“, flüstere ich ihm kichernd zu. „Bist du etwa nicht auf dem Laufenden?“

„Vorhin hat er mir drei jeweils einstündige Audiodateien geschickt. Diktiert von so einem sterbenslangweiligen Sachbuchautor. Heute Abend auf meinem Tisch, hat er mir zugerufen.“

„Nimm’s gelassen, Schätzchen, wenn es einer schafft, dann wir beide.“

Arthur ist das, was man ruhigen Gewissens einen prima Kerl nennen darf. Als wir beide damals fast zeitgleich in dem Schreibbüro von Köster anfingen, hatten wir denselben Plan: Das hier ist nur zur Überbrückung, bis wir wieder in unseren richtigen Jobs arbeiten – er als Telekommunikationskaufmann, ich als Bürokauffrau.

Drei Jahre ist das her und immer wieder ertappe ich mich bei der Erkenntnis, dass ich mir keinen Kollegen wünschen könnte, mit dem das Lästern über den Job mehr Spaß machen würde.

Ob ich deshalb noch immer hier bin? Oder liegt es daran, dass Arthur schwul ist, im selben Alter wie ich und der einzige Kerl, mit dem ich auch Frauenprobleme besprechen kann, ohne Angst vor einem Po-Grabscher haben zu müssen?

Arthurs Finger rattern wie Maschinengewehre über die Tasten, bis er sich für einen kurzen Moment grinsend zurücklehnt und die Hände auf seinen fülligen Bauch legt.

„Was ist?“ Meine Finger rasen fröhlich weiter über die Tastatur, während ich ihm einen fragenden Blick über unseren Doppelschreibtisch zuwerfe.

„Was hast du mit deinen Haaren gemacht?“ Er macht eine kreisende Bewegung mit seinem Zeigefinger.

„Es ist nicht zu fassen.“ Nun lehne auch ich mich zurück. „Du merkst aber auch wirklich alles.“

„Du warst beim Friseur, richtig?“

„Nein nein, das war mein eigenes Werk.“ Ich wickele stolz eine Locke um meinen Finger. „Mein neuer Lockenstab ist der Hammer, oder? Man sieht die Locken selbst zwei Tage später noch, wenn man sie fixiert und gut behandelt.“

„Entzückend. Und was war der Anlass? Ein romantisches Dinner mit Mister Sixpack?“

„Jan und ich“, antworte ich mit verklärtem Lächeln, „wir waren wirklich aus. Stell dir vor, er hat mich zum ersten Mal zu einem Abendessen mit seinen Kollegen mitgenommen. Offizieller geht es doch nun wirklich nicht, oder?“

„Klingt toll.“

Ich nicke grinsend. „Er war so süß zu mir. Na ja, eigentlich ist er das ja immer.“

„Und was ist das dann für ein Schatten auf deinem Gesicht?“

„Schatten?“ Instinktiv fasse ich unter meine Augen.

„Im übertragenen Sinne, Baby. Du weißt, was ich meine.“

Ich lasse die Arme sinken. „Ach, Arthur. Manchmal kann deine Beobachtungsgabe auch nerven. Du klingst schon wie meine Schwester. Die analysiert mich auch ständig.“

„Das mag daran liegen, dass deine Stimme immer zwei Oktaven höher springt, wenn du etwas verbergen willst.“

„Verbergen? Was sollte ich verbergen wollen?“

Köster brüllt irgendetwas in sein Telefon, was uns für einen Moment verstummt aufhorchen lässt. Als sich seine Tür jedoch nicht öffnet, beugt sich Arthur ein Stück über den Tisch und spricht weiter: „Nun erzähl schon, was ist los?“

„Ach, im Grunde nichts. Jan und ich, wir sind verliebt wie am ersten Tag.“

„Aber?“

„Es gibt kein Aber.“

„Also, wenn du mich fragst, hat das Aber lange blonde Haare und einen sexy Knackarsch.“

„Schon gut, schon gut.“ Frustriert lasse ich das Kinn auf meine Handfläche fallen. „Ich gebe es ja zu. Sie nervt noch immer wie am ersten Tag.“

„Und womit genau?“

„Mit ihrer Existenz natürlich. Reicht das nicht?“

„Herrgott nochmal, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, Püppchen!“

„Was soll ich sagen? Es ist dasselbe Problem.“

„Immer noch der Hund?“

Ich nicke. „Versteh mich nicht falsch, ich liebe Neo. Wirklich. Deshalb ist es ja so schlimm. Ich verstehe, dass diese Katja ihn sehen will und dass Jan ihn ebenso liebt – deshalb darf ich offiziell auch nichts sagen, wenn ich nicht der größte Unmensch aller Zeiten sein will.“

„Das soll heißen, sie taucht für die nächsten Jahre alle paar Tage bei euch auf und du musst damit leben, damit dich niemand – ähm – zickig findet?“

„So wie du das sagst, klingt es irgendwie“, ich neige meinen Kopf zur Seite, „seltsam.“

„Mensch, Anna, das kann’s doch aber jetzt nicht für immer sein, oder?“

„Ich finde es doch selber schrecklich. Glaube mir. Stell dir vor, gestern hat sie mich sogar beleidigt und war dabei so freundlich, dass es schon wehtat.“

„Beleidigt? Nicht doch!“

„Sie hat sich über mein Outfit lustig gemacht, zumindest durch die Blume. Das Schlimme daran ist aber, dass es ihr sogar gelingt, mich zu verunsichern. Egal, wie oft mir Jan seine Liebe gesteht – sie muss nur einmal mit ihrem Barbie-Gesicht und der perfekten Wallemähne vor der Tür stehen und ich habe alles vergessen. Dann sehe ich nur noch sie und ihn nackt im Bett und frage mich, ob ich ihr das Wasser reichen kann.“

„Jeder weiß doch, dass dir niemand das Wasser reichen kann, Schätzchen. Und immerhin ist er mit dir zusammen und nicht mit ihr, das wird seine Gründe haben.“

„Kann sein. Es fällt mir nur so schwer zu glauben, dass mich der Kerl, in den ich unsterblich verknallt bin, wirklich genauso liebt wie ich ihn. Das ist einfach so unwirklich … so … na ja … du weißt selbst, wie viel Pech ich mit den Kerlen hatte. Da traut man dem Frieden nicht mehr so leicht.“

„Na, komm schon, mit Jan hast du doch echt Glück. Als er dich letzte Woche hier abgeholt hat, hat sogar ein Blinder gesehen, wie scharf er dich findet.“

Meine Wangen werden heiß. „Du willst mich nur trösten.“

„Nie im Leben.“ Er hebt abwehrend die Hände. „Er steht auf dich, das habe ich sofort gesehen.“

Allein beim Gedanken an Jan muss ich lächeln. Dieses dämlich-debile Grinsen, von dem ich selbst manchmal genervt bin, das sich aber einfach nicht abschalten lässt.

„Wenn ich nur an diesen Puzzle-Typen von damals denke. Oh Mann, da hast du dich echt um Welten verbessert.“

„Theo?“ Ich lache.

„Das war doch der, der die Wochenenden lieber mit einem Puzzle als mit Sex verbracht hat.“

„Erinnere mich bloß nicht daran. Das sind vier Wochen meines Lebens, die ich nie wieder zurückbekomme. Ich war nur kurz von seinem charmanten Lächeln abgelenkt, bin aber Gott sei Dank schnell wieder wach geworden.“

„Und der Verheiratete?“

„Du weißt, dass ich es nicht gewusst habe.“

„Das ist ja das Schlimme. Wer weiß, wie lang er dich noch verarscht hätte, wenn du ihn nicht mit seiner Frau getroffen hättest.“

Richard. Das bisher dunkelste Kapitel in meinem ganz persönlichen Buch der Männerliebschaften.

„Das alles muss dir doch nur allzu deutlich zeigen, was für ein Glück du mit diesem Jan hast. Jetzt müssen wir nur noch das Problem mit dieser Ex lösen.“

„Ach, Arthur. Wenn das so leicht wäre.“

„Wie ist das mit den beiden überhaupt auseinandergegangen?“

„Ist schon ewig her. Fast ein Jahr mittlerweile.“

„Und hat er Schluss gemacht oder sie?“

„Sie wollte eine offene Beziehung, was er sofort abgeblockt hat. Später hat sich dann herausgestellt, dass sie sowieso schon einen Anderen hatte.“

„Armer Jan.“

„Ihre Doofheit war mein Glück.“ Ich zwinkere ihm vielsagend zu.

„Auch wieder wahr. Hat sie sich denn mit der Trennung abgefunden?“

„Offiziell vielleicht, aber sie ist seit damals Single. Jan sagt, weil sie nicht der Typ für eine feste Bindung ist, aber manchmal frage ich mich schon, ob nicht vielleicht er der Grund dafür ist und sie nicht gerade traurig darüber ist, in Neo eine Möglichkeit zu haben, Jan nicht aus den Augen zu verlieren“, ich schlucke, „und auf eine neue Chance zu warten.“

„Aber er würde sich doch nicht darauf einlassen, oder?“

„Natürlich nicht“, antworte ich etwas zu schnell. „Ich meine … er liebt mich. Und ich glaube ihm. Also eigentlich. Wenn ich nicht gerade wieder voller Selbstzweifel bin.“

„Selbst wenn du ihm trauen kannst: Diese Tussi nervt ja sogar mich und ich kenne sie nicht mal. Es muss doch eine Möglichkeit geben, das alles anders zu regeln.“

„Glaube mir, ich wäre die Erste, die es wüsste, wenn es einen Weg gäbe.“

„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Der Windzug der Bürotür durchfährt unsere Unterhaltung.

„Wie weit sind Sie mit dem Kluger-Auftrag?“ Kösters Frage kommt eher in unserem Büro an als er selbst. „Ich hatte ihn eben am Telefon.“

Unsere Finger landen hektisch auf den Tasten, als hätten sie nie woanders gelegen, während Köster mit hochrotem Kopf neben unserem Schreibtisch steht.

Arthur beginnt zu stammeln. „Ich wollte erst noch das Sachbuch …“

„Kluger ist wichtiger“, fällt ihm Köster ins Wort. „Ich verlasse mich auf Sie. Sie schaffen das.“

So schnell, wie er gekommen ist, verschwindet er wieder in seinem Zimmer.

Arthur wirft ihm einen Luftkuss durch die geschlossene Tür zu. „Ja, Chef. Alles, was Sie wollen, Chef.“

Kapitel 4

Es ist immer dasselbe: Wenn man Single ist, wünscht man sich nichts sehnlicher, als endlich den Mann der Träume zu finden. Der Mann, der das Leben perfekt und uns selbst wunschlos glücklich macht – zumindest sind das unsere naiven Illusionen. Wenn er dann endlich am Haken hängt, der Traummann, sonnt man sich höchstens ein paar Tage, vielleicht auch einige Wochen im Liebesglück – aber früher oder später kommen sie doch wieder ans Tageslicht, die kleinen und großen Probleme des Lebens. Sorgen im Job, Angst um die Beziehung, Stress mit der Familie – irgendwas ist immer.

Bei Jan und mir jedoch warte ich bereits seit drei Monaten vergebens darauf, dass irgendein Problem am Horizont auftaucht. So sehr ich mich auch anstrenge, jede potenzielle Schwierigkeit verblasst, sobald ich die Wohnungstür hinter mir schließe und ihn in der Küche stehen sehe, während er gerade Karotten für einen Gemüseauflauf schnippelt, mit dem er mich überraschen will.

Und überhaupt ist Jan alles andere als ein Durchschnittskerl. Er lässt sich nicht bekochen – und wenn, dann nur, wenn er mich dafür am nächsten Tag bekochen darf. Er liest es mir von den Augen ab, wenn mich etwas bedrückt – und er ist der beste Liebhaber, den sich eine Frau wünschen kann. Wäre ich eine meiner Freundinnen und müsste mir ständig anhören, wie perfekt er ist, wäre ich sicher genervt und würde nicht mal die Hälfte davon für wahr halten. Aber es ist wahr, jedes einzelne Detail.

Die einzige negative Schlagzeile in der Daily Jan ist und bleibt Katja. Und mal ehrlich: Wirklich vorwerfen kann man es ihm nicht. Schließlich hat er sich diese Situation ebenso wenig ausgesucht wie ich. Und die Tatsache, dass er seinen über alles geliebten Neo nicht aufgeben würde, lässt ihn in meiner ganz persönlichen Traummann-Skala nur noch weiter nach oben steigen.

Meine Mutter scheint das ähnlich zu sehen, nicht nur in Sachen Jan, sondern auch, was den Hund betrifft. Nicht nur, dass sie vom ersten Moment an von Neo entzückt war, sie scheint in ihm so etwas wie ein haariges Enkelkind zu sehen. Deshalb ist es auch selbstverständlich für sie, dass er unter dem riesigen runden Kirschbaumtisch im Esszimmer liegen und sich mit einem Kauknochen vergnügen darf, den sie extra für ihn besorgt hat.

„Nun sag mal, Jan“, sie schiebt einen Teller mit Apfelkuchen zu ihm herüber, „wie läuft es auf der Arbeit?“

„Alles wie immer, Martha. Die Leute kommen und gehen, beschweren und freuen sich. Von allem etwas, wie immer im Leben.“