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Das erfolgreiche Theaterstück von Bestsellerautor Ferdinand von Schirach – plus hochkarätige Essays und ergänzende Texte zu »Terror«.
Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben. Der Mann muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Zuschauer und Leser, sie müssen über Schuld und Unschuld urteilen.
»Terror« behandelt einen Stoff von bedrückender Aktualität. Das Stück stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terrorgefahr noch gilt?
Ergänzend widmen sich 13 namhafte Expertinnen und Experten den politischen, juristischen, ethischen und künstlerischen Fragestellungen des Stücks. Sie beleuchten Hintergründe, schildern persönliche Erfahrungen, geben Denkanstöße. Der Band enthält ferner Ferdinand von Schirachs Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele sowie ein umfangreiches Gespräch mit dem Autor über Theater, Kritik und Gesellschaft.
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Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ferdinand von Schirach
Terror
erweiterte Ausgabe
Das Theaterstück von Ferdinand von Schirach inklusive Essays, Hintergründe und Analysen (Zusatzmaterial herausgegeben von Bernd Schmidt)
btb
Das Theaterstück:
Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben. Der Mann muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Zuschauer und Leser, sie müssen über Schuld und Unschuld urteilen. »Terror« behandelt einen Stoff von bedrückender Aktualität. Ferdinand von Schirach stellt darin die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terrorgefahr noch gilt?
Die Anthologie:
»Terror« von Ferdinand von Schirach ist eines der erfolgreichsten Theaterstücke unserer Zeit. Der Fall des Kampfpiloten Lars Koch, der ein von Terroristen gekapertes Flugzeugs mit Kurs auf die vollbesetzte Allianz-Arena abschießt, ist mittlerweile sogar Thema im Ethikunterricht. Hat der Mann sich schuldig gemacht oder nicht? In dieser Anthologie widmen sich 13 Expertinnen und Experten den politischen, juristischen, ethischen und künstlerischen Fragestellungen des Stücks. Sie beleuchten Hintergründe, schildern persönliche Erfahrungen, geben Denkanstöße. Ergänzt wird der Band durch Ferdinand von Schirachs Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele sowie durch ein umfangreiches Gespräch mit dem Autor über Theater, Kritik und Gesellschaft.
Ferdinand von Schirach:
Der Spiegel nannte Ferdinand von Schirach einen »großartigen Erzähler«, die New York Times einen »außergewöhnlichen Stilisten«, der Independent verglich ihn mit Kafka und Kleist, der Daily Telegraph schrieb, er sei »eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur«. Die Erzählungsbände »Verbrechen«, »Schuld« und »Strafe« und die Romane »Der Fall Collini« und »Tabu« wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück »Terror« zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm sein persönlichstes Buch »Kaffee und Zigaretten«, der Gesprächsband »Trotzdem« (mit Alexander Kluge) sowie das Theaterstück »Gott«.
Bernd Schmidt:
Bernd Schmidt wurde 1958 in Bochum geboren. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Anglistik an der Freien Universität Berlin. Danach arbeitete er als Journalist und Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften und leitete das Berliner Bücherforum ex libris. 1985 trat er als Dramaturg in die Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH ein. Seit 2000 ist er geschäftsführender Gesellschafter des Bühnen- und Medienverlags.
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Die Taschenbuchausgabe von »Terror« ist erschienen im btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Copyright © 2016 Ferdinand von Schirach Covergestaltung: buxdesign | München, nach einem Motiv von Klaus Vedfelt/Getty Images
»Terror – Das Recht braucht eine Bühne« ist erschienen im btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Copyright © 2020 btb Verlag Covergestaltung: buxdesign, München / Ruth Botzenhardt
ISBN 978-3-641-20329-0 V002
www.btb-verlag.dewww.facebook.com/btbverlag
Der Vorsitzende tritt vor den geschlossenen Vorhang. Er trägt einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine weiße Krawatte. Die Robe hat er über seinen Arm gelegt. Er spricht direkt zum Publikum.
VORSITZENDER
Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich freue mich, dass Sie pünktlich kommen konnten. Parkplätze sind hier ja schwer zu finden, und das Haus ist doch etwas verwinkelt gebaut … Schön jedenfalls, dass Sie es rechtzeitig geschafft haben. Bevor wir anfangen, möchte ich Sie bitten, alles zu vergessen, was Sie über diesen Fall gelesen oder gehört haben. Wirklich alles. Nur Sie sind dazu berufen, hier zu urteilen, Sie sind die Schöffen, die Laienrichter, die heute über den Angeklagten Lars Koch zu Gericht sitzen. Das Gesetz stattet Sie mit der Macht aus, über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden. Bitte nehmen Sie diese Verantwortung ernst. Sie werden ausschließlich über das urteilen, was Sie hier in der Verhandlung hören. Wir Juristen nennen das »aus dem Inbegriff der Hauptverhandlung schöpfen«. Also: Nur das, was der Angeklagte, die Zeugen, die Nebenkläger und Sachverständigen in diesem Verhandlungssaal sagen, nur die Beweise, die wir hier erheben, werden Grundlage Ihres Urteils sein. Am Ende des Prozesses werden Sie Ihre Stimme abgeben müssen, und ich werde das Urteil verkünden, das Sie finden werden.
In einem Gerichtsverfahren spielen wir die Tat nach, das Gericht ist eine Bühne. Natürlich führen wir kein Theaterstück auf, wir sind ja schließlich keine Schauspieler. Wir spielen die Tat durch Sprache nach, das ist unsere Art, sie zu erfassen. Sie hat sich seit Langem bewährt. Vor Hunderten von Jahren trafen sich die Richter an einem besonderen, einem als heilig geltenden Platz, dem Thing. Recht sprechen hieß damals, eine Unordnung wieder in Ordnung bringen. Wenn ein Unheil geschah – der Überfall eines fremden Stammes zum Beispiel –, wurde an diesem Platz immer wieder darüber gesprochen: Welche Frau wurde bei dem Überfall vergewaltigt? Welche Hütte niedergebrannt? Welcher Mann ermordet? Unsere Vorfahren wussten, dass das Böse so seinen Schrecken verlieren kann. Ob es uns heute noch gelingt? – Ich bin mir nicht sicher. Aber wir müssen es versuchen. Ein Richter kennt die Kategorie des »Bösen« nicht. Seine Urteile sind nicht Hölle und Verdammnis, sondern Freispruch, Gefängnis oder Sicherungsverwahrung.
Urteilen Sie also ruhig und gelassen. Und vor allem: Denken Sie daran, dass vor Ihnen ein Mensch sitzt; er hat die gleichen Träume wie Sie, die gleichen Bedürfnisse, er strebt, wie Sie, nach Glück. Bleiben Sie deshalb bei Ihrem Urteil selbst Menschen.
So, ich würde jetzt gerne anfangen, aber wir müssen noch auf den Verteidiger warten – er ist zu spät.
Der Wachtmeister tritt von hinten an den Vorsitzenden heran, sagt leise etwas zu ihm, der Vorsitzende nickt. Der Wachtmeister tritt ab.
VORSITZENDER
Ich höre, dass er endlich eingetroffen ist. Na dann, fangen wir also an.
Der Vorsitzende tritt ab und streift sich im Gehen die Robe über.
Ein Gerichtssaal. In der Mitte der Richtertisch, an dem rechts die Protokollführerin sitzt, der Stuhl des Vorsitzenden ist leer. Links unter einem Fenster sitzt die Staatsanwältin, daneben etwas tiefer die Nebenklägerin, rechts der Verteidiger. Der Angeklagte sitzt in einer Zelle hinter dem Verteidiger. In der Mitte vor dem Richtertisch stehen ein Stuhl und ein Tisch für die Zeugen. Der Wachtmeister sitzt auf einem Hocker neben der Tür. Die Staatsanwältin und die Protokollführerin tragen schwarze Roben, weiße Blusen und weiße Halstücher. Der Angeklagte ist in Luftwaffenuniform erschienen. Der Wachtmeister trägt die Uniform der Justizbeamten des Landes Berlin. Der Verteidiger trägt keine Robe. Der Vorsitzende betritt den Saal durch eine schmale Tür hinter dem Richtertisch. In diesem Moment stehen alle Personen auf der Bühne auf.
VORSITZENDER
Stehend.
Ich eröffne die Sitzung der 16. Großen Strafkammer, Schwurgericht. Bitte nehmen Sie Platz.
Der Vorsitzende setzt sich, alle anderen nehmen ebenfalls Platz. Der Vorsitzende wartet, bis es ruhig ist.
VORSITZENDER
Für das Protokoll stelle ich fest: Als Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft ist Frau Staatsanwältin Nelson erschienen, als Verteidiger Rechtsanwalt Biegler.
Als Angeklagter wurde Herr Major Koch aus der Untersuchungshaftanstalt vorgeführt. Das Gericht ist in der Besetzung zusammengetreten, die Ihnen mit der Ladung zu diesem Termin mitgeteilt wurde. Bis hierher erst mal. Gibt es dazu Fragen oder Anträge?
Staatsanwältin und Verteidiger schütteln den Kopf.
VERTEIDIGER
Ich hätte gerne, dass Herr Koch neben mir Platz nimmt.
VORSITZENDER
Ja, da gibt es wohl keine Sicherheitsbedenken.
Zum Wachtmeister.
Herr Wachtmeister, würden Sie bitte …
Der Wachtmeister öffnet die Tür der Zelle. Der Angeklagte kommt heraus und setzt sich neben den Verteidiger.
VORSITZENDER
Zum Angeklagten.
Guten Tag, Herr Koch. Ich werde nun Ihre Personalien aufnehmen. Sie heißen bitte mit Vornamen?
ANGEKLAGTER
Lars.
VORSITZENDER
Wann sind Sie geboren?
ANGEKLAGTER
Am 14. März 1982. Ich bin 31 Jahre alt.
VORSITZENDER
Sind Sie verheiratet?
ANGEKLAGTER
Ja.
VORSITZENDER
Haben Sie eheliche oder uneheliche Kinder?
ANGEKLAGTER
Einen Jungen, Boris. Er ist zwei Jahre alt. Keine unehelichen Kinder.
VORSITZENDER
Sie wohnen in Berlin?
ANGEKLAGTER
Amselweg 56 in Steglitz.
VORSITZENDER
Herr Koch, Sie sind Major der Luftwaffe. Zurzeit sind Sie in Untersuchungshaft und vom Dienst freigestellt. Ist das so richtig?
VERTEIDIGER
Der Dienstherr meines Mandanten, die Bundeswehr, wartet mit der endgültigen Entscheidung den Ausgang dieses Verfahrens ab.
VORSITZENDER
Danke sehr.
Zur Protokollführerin.
Personalien wie auf Blatt 159, Band 1 der Hauptakten.
Protokollführerin schreibt die Personalien mit.
VORSITZENDER
Gibt es noch Fragen der Prozessbeteiligten zu den Personalien des Angeklagten?
Staatsanwältin und Verteidiger schütteln den Kopf.
VORSITZENDER
Gut. Wenn es auch sonst keine weiteren Anträge oder Fragen gibt … darf ich die Staatsanwaltschaft bitten, die Anklage zu verlesen.
VERTEIDIGER
Können wir ein Fenster öffnen? Die Luft hier ist furchtbar.
VORSITZENDER
Stimmt. Das Problem haben wir seit Tagen, die Umluftanlage soll defekt sein, sagt die Verwaltung. Aber wenn wir das Fenster öffnen, wird es zu laut.
VERTEIDIGER
Straßenlärm?
VORSITZENDER
So laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht.
VERTEIDIGER
Das fällt mir so schon schwer.
VORSITZENDER
Wie bitte?
VERTEIDIGER
Schon gut.
VORSITZENDER
Aber würden Sie bitte Ihre Robe anziehen, Herr Biegler.
VERTEIDIGER
Oh. Ist mir gar nicht aufgefallen. Spitzbuben.
VORSITZENDER
Spitzbuben? Ich verstehe Sie nicht.
VERTEIDIGER
Die Robe … Sie wissen doch. 1726 verfügte Friedrich Wilhelm I., dass Anwälte dunkle Roben tragen. Wörtlich sagte er: »Damit man die Spitzbuben schon von Weitem erkennen und sich vor ihnen hüten möge.«
VORSITZENDER
Aha.
VERTEIDIGER
Kann ihn verstehen, den alten König. Die Kollegen sind ja oft schwer zu ertragen.
VORSITZENDER
Na gut. Sind Sie so weit, Herr Biegler?
VERTEIDIGER
Ja.
VORSITZENDER
Dann, Frau Staatsanwältin, bitte, die Anklage.
STAATSANWÄLTIN
Stehend.
Lars Koch, Personalien wie soeben erörtert, wird unter Beschränkung der Strafverfolgung gemäß § 154a Absatz 1 der Strafprozessordnung angeklagt, über der Ortschaft Oberappersdorf am 26. Mai 2013 mit gemeingefährlichen Mitteln 164 Menschen getötet zu haben.
Ihm wird zur Last gelegt, am 26. Mai 2013 um 20.21 Uhr mithilfe eines Luft-Luft-Lenkkörpergeschosses ein Passagierflugzeug des Flugzeugtyps Airbus Industrie A320-100/200, das sich im Auftrag der Deutschen Lufthansa AG als Flug unter der Bezeichnung LH 2047 von Berlin nach München befand, abgeschossen und damit die sich in dem Flugzeug befindlichen 164 Menschen getötet zu haben. Verbrechen des Mordes nach §§ 211 Absatz 2, Gruppe 2, Variante 3, 52 Absatz 1 des Strafgesetzbuches.
VORSITZENDER
Danke sehr.
Diese Anklage ist durch Beschluss der Kammer vom 28. 2. dieses Jahres unverändert zugelassen, Blatt 256 im Band VI der Hauptakten.
Zum Angeklagten.
Herr Koch, Sie sind in diesem Strafverfahren des mehrfachen Mordes angeklagt. Ich muss Sie als Angeklagten darüber belehren, dass Sie sich redend oder schweigend verteidigen können. Sie müssen hier also keine Aussage machen. Falls Sie zu den gegen Sie erhobenen Vorwürfen schweigen, darf und wird das Gericht Ihr Schweigen nicht gegen Sie verwenden. Haben Sie die Anklage und diese Belehrung verstanden?
ANGEKLAGTER
Ja.
VORSITZENDER
Na dann. Sie haben das sicher schon mit Ihrem Verteidiger besprochen: In dem Ermittlungsverfahren haben Sie bereits ein umfassendes Geständnis abgelegt. Wie möchten Sie es heute halten? Werden Sie hier aussagen?
ANGEKLAGTER
Steht auf.
Ich …
VERTEIDIGER
Zieht den Angeklagten am Ärmel zurück auf seinen Platz und steht selbst auf.
Ich werde für den Angeklagten eine Erklärung abgeben.
VORSITZENDER
Gut. Sie können aber sitzen bleiben.
VERTEIDIGER
Sie wissen, dass ich lieber stehe. Die Würde des Gerichts …
VORSITZENDER
Bitte, wenn’s der Wahrheitsfindung dient.
VERTEIDIGER
Meine Damen und Herren Richter, jeder von uns weiß noch, wo er am 11. September 2001 war. Jeder weiß, wo er diese Bilder zum ersten Mal gesehen hat – die beiden Flugzeuge, die in das World Trade Center in New York flogen, das dritte, das im Pentagon explodierte, und das vierte, das bei Pittsburgh auf einem Feld abstürzte. Wir alle sehen die Menschen vor uns, die aus dem brennenden Hochhaus in den Tod sprangen. Es war ein terroristischer Massenmord. Etwa anderthalb Jahre später kaperte ein Mann hier in Deutschland ein Sportflugzeug. Er kreiste damit über Frankfurt am Main und drohte, das Flugzeug in das Hochhaus der Europäischen Zentralbank stürzen zu lassen. Großalarm wurde ausgelöst, die Innenstadt Frankfurts geräumt. Tatsächlich ging die Sache noch einmal gut aus, der Mann landete und ließ sich widerstandslos festnehmen.
Aber wir hatten aus den Vorfällen gelernt, wir hatten endlich verstanden, dass wir uns schützen müssen. 2005 wurde deshalb ein neues Gesetz erlassen, das Luftsicherheitsgesetz. Unser Parlament einigte sich darauf, dass im schlimmsten aller Fälle der Verteidigungsminister entscheiden darf, Waffengewalt anzuwenden. Auch gegen eine Passagiermaschine, in der unschuldige Menschen sitzen. Im Extremfall durfte ein entführtes Flugzeug also abgeschossen werden. Eine Mehrheit der Abgeordneten stimmte für dieses Gesetz. Es erlaubte dem Staat, Menschen zu töten. Menschen, die nicht Täter, sondern Opfer eines Verbrechens sind. Sie können sich die endlosen Debatten im Bundestag vorstellen.
Ein Jahr nach dem Erlass hob das Bundesverfassungsgericht den wichtigsten Paragrafen dieses Gesetzes wieder auf. Das Bundesverfassungsgericht ist unser höchstes Gericht, alle staatliche Gewalt ist an seine Entscheidungen gebunden. Und dieses Gericht erklärte, es widerspreche der Verfassung, unschuldige Menschen zur Rettung anderer unschuldiger Menschen zu töten. Leben dürfe niemals gegen Leben abgewogen werden.
Sie, verehrte Damen und Herren Richter, müssen heute entscheiden. Folgendes ist passiert: Ein Terrorist entführte eine Passagiermaschine. Er wollte sie mitten in ein Fußballstadion stürzen lassen und so 70 000 Menschen töten. Aber ein Mann – dieser Mann – hatte den Mut und die Kraft zu handeln. Er schoss das Flugzeug ab, alle 164 Insassen starben. Das ist der Vorwurf der Anklage. Und die Staatsanwaltschaft hat recht, Lars Koch hat es getan. Er hat die Menschen in dem Flugzeug getötet, Männer, Frauen und Kinder. Er hat abgewogen: das Leben von 164 unschuldigen Menschen gegen das Leben von 70 000 unschuldigen Menschen. Lars Koch hat gestanden, es getan zu haben, und wir werden daran auch nichts beschönigen.
Aber, meine Damen und Herren Richter, damit endet dieser Prozess nicht, damit beginnt er. 82 Hauptakten, 158 Beiakten, 46 Beweismittelordner, 15 Lichtbildmappen und so weiter. Das sind die Akten zu diesem Verfahren. Mein Mandant sitzt jetzt seit sieben Monaten in Untersuchungshaft, sein Kind hat er ebenso lange nicht gesehen, seine Frau darf ihn alle 14 Tage für eine halbe Stunde besuchen. Aber die einzige Frage in diesem Verfahren, die einzige Frage, die Sie hier und heute gestellt bekommen, lautet: Durfte Lars Koch diese 164 Menschen töten? Gibt es Situationen in unserem Leben, in denen es richtig, vernünftig und klug ist, Menschen zu töten? Und mehr noch: in denen alles andere absurd und sogar unmenschlich wäre?
Natürlich, diese Fälle sind so furchterregend, dass sie uns selbst infrage stellen. Aber zu glauben, dass es sie nicht gibt, weil es sie nicht geben darf – das ist nicht nur naiv, es ist gefährlich, sehr gefährlich sogar. Es geht nicht anders: Wir müssen uns damit abfinden, dass wir in einer Welt leben, in der das Unvorstellbarste und Schrecklichste längst Realität geworden ist. Wir müssen verstehen, dass es Grenzen für die Prinzipien unserer Verfassung gibt. Und es ist Ihre Aufgabe, verehrte Damen und Herren Richter, Ihre Pflicht, diese Realität zu erkennen und zu bewerten. Ich bin mir sicher: Wenn Sie das tun – aufrichtig tun –, werden Sie am Ende des Verfahrens Lars Koch freisprechen. Sie werden ihn freisprechen, weil er gehandelt hat. Sie werden ihn freisprechen, obwohl er 164 Menschen getötet hat.
Herr Vorsitzender, Frau Staatsanwältin, meine Damen und Herren Richter: Lars Koch räumt die Vorwürfe aus der Anklageschrift ein. Er gesteht. Es ist alles genau so gewesen, wie es die Anklage geschildert hat. Ja, die Tatsachen treffen zu. Aber – und nur auf dieses aber kommt es an – das war kein Mord. Die rechtlichen Schlüsse, die die Staatsanwaltschaft gezogen hat, sind falsch.
VORSITZENDER
Herr Koch, habe ich Ihren Verteidiger richtig verstanden: Sie räumen das äußere Tatgeschehen ein?
ANGEKLAGTER
Wie bitte?
VORSITZENDER
Die Tatsachen. Stimmen die Tatsachen, die Ihnen die Anklage vorwirft?
ANGEKLAGTER
Ja.
VORSITZENDER
Gut. Wir würden aber gerne noch mehr über den Tatablauf wissen. Wir würden gerne etwas von Ihnen zu Ihrer Motivation hören. Ein pauschales Geständnis reicht uns nicht. Wären Sie bereit, sich den Fragen der Prozessbeteiligten zu stellen?
VERTEIDIGER
Mein Mandant wird jetzt keine weiteren Angaben machen.
VORSITZENDER
Und später?
VERTEIDIGER
Das ist so geplant, ja.
VORSITZENDER
Gut, wie Sie meinen, Herr Verteidiger. Dann treten wir jetzt in die Beweisaufnahme ein.
Herr Wachtmeister, würden Sie bitte nachsehen, ob der Zeuge Lauterbach eingetroffen ist?
Der Wachtmeister tritt ab.
WACHTMEISTER
Draußen rufend.
Herr Lauterbach, Christian Lauterbach …
VORSITZENDER
Frau Staatsanwältin, Herr Verteidiger, ich habe, wie Sie der Zeugenliste entnehmen konnten, nur diesen einen Zeugen geladen. Da der Angeklagte die Tatvorwürfe bereits im Ermittlungsverfahren eingeräumt hat, erschienen mir weitere Zeugen entbehrlich. Selbstverständlich können wir das Programm erweitern, wenn Sie es nach der Aussage von Herrn Lauterbach noch für notwendig halten. Sie brauchen dafür keine formellen Anträge zu stellen, ich werde großzügig mit Ihren Anregungen sein.
VERTEIDIGER
Das wäre mir neu.
VORSITZENDER
Was?
VERTEIDIGER
Dass Sie großzügig sind.
VORSITZENDER
Wie bitte?
VERTEIDIGER
Mein Mandant ist seit sieben Monaten in Untersuchungshaft. Sie hätten ihn entlassen können, Sie wissen, dass er nicht weggelaufen wäre. Von großzügig kann also keine Rede sein.
VORSITZENDER
Ich kann einen Beschuldigten beim Verdacht eines 164-fachen Mordes doch nicht entlassen.
VERTEIDIGER
Sie könnten schon – Sie wollen nur nicht …
STAATSANWÄLTIN
Meine Herren, bitte.
VERTEIDIGER
Es geht nicht um eine Bitte.
VORSITZENDER
Sie sind unhöflich, Herr Biegler.
VERTEIDIGER
Es geht auch nicht um Höflichkeiten. Strafverteidigung ist kein Beliebtheitswettbewerb.
Der Wachtmeister und Lauterbach treten ein. Lauterbach geht zum Zeugenstuhl, auf den der Vorsitzende deutet. Er setzt sich.
VORSITZENDER
Guten Morgen. Sie sind Christian Lauterbach?
LAUTERBACH
Ja, guten Morgen.
VORSITZENDER
Herr Lauterbach, ich muss Sie zunächst als Zeugen belehren, dass Sie verpflichtet sind, hier die Wahrheit zu sagen. Sie dürfen nichts hinzufügen und nichts weglassen. Eine Falschaussage ist mit hohen Strafen bedroht. Sie können auch auf Ihre Aussage vereidigt werden. Haben Sie das verstanden?
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Zur Protokollführerin.
Belehrt.
Protokollführerin stempelt das Protokoll entsprechend.
VORSITZENDER
Bitte geben Sie Ihre Personalien zu Protokoll.
LAUTERBACH
Ich heiße Christian Georg Lauterbach.
Protokollführerin schreibt die Personalien mit.
VORSITZENDER
Etwas lauter bitte.
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Christian ist Ihr Rufname?
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Ihr Alter bitte in vollen Jahren.
LAUTERBACH
Ich bin 49.
VORSITZENDER
Wo wohnen Sie?
LAUTERBACH
In Goch. Das liegt am Niederrhein.
VORSITZENDER
Sind Sie mit dem Angeklagten verwandt oder verschwägert?
LAUTERBACH
Nein.
VORSITZENDER
Ihr Beruf?
LAUTERBACH
Soldat.
VORSITZENDER
Dienstlicher Rang?
LAUTERBACH
Oberstleutnant.
VORSITZENDER
Danke sehr.
Wir haben hier Ihre Aussagegenehmigung der Bundeswehr vorliegen. Danach dürfen Sie die Auskunft auf solche Fragen verweigern, die Dienstgeheimnisse betreffen. Ist das so richtig?
LAUTERBACH
Das trifft zu.
VORSITZENDER
Falls ich oder einer der anderen Prozessbeteiligten Sie im Laufe dieses Verfahrens nach Dienstgeheimnissen fragen und Sie diese Fragen nicht beantworten dürfen, müssen Sie uns das kenntlich machen. Sie dürfen also nicht einfach ausweichend antworten. Haben Sie auch das verstanden?
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Es geht um den 26. Mai des vergangenen Jahres. Bitte berichten Sie aus Ihrer persönlichen Sicht von den Ereignissen an diesem Tag.
LAUTERBACH
Ich bin ab 14 Uhr zum Dienst als DC eingeteilt gewesen. Also die zweite Schicht.
VORSITZENDER
Als DC?
LAUTERBACH
Duty Controller.
VORSITZENDER
Ganz grundsätzlich, Herr Lauterbach: Wir sind hier bei Gericht und nicht bei der Luftwaffe. Die Schöffen haben die Akten nicht gelesen, und wir alle kennen Ihre Vokabeln nicht. Sie müssen uns sämtliche militärischen Begriffe erklären. Was ist die Aufgabe eines Duty Controller?
LAUTERBACH
Der DC ist ein Stabsoffizier der Luftwaffe. Soll ich zunächst die technischen Hintergründe erläutern?
VORSITZENDER
Ich bitte darum.
LAUTERBACH
Der Luftraum über Deutschland wird durch die NATO überwacht. Das gesamte Luftverteidigungssystem untersteht ihr. Wird aber ein Flugzeug im deutschen Luftraum entführt, endet die Zuständigkeit der NATO und geht auf das sogenannte Nationale Lage- und Führungszentrum für Sicherheit im Luftraum über.
VORSITZENDER
Kompliziert.
LAUTERBACH
Es ist beabsichtigt, das in Zukunft zu europäisieren, aber so weit sind wir noch nicht.
VORSITZENDER
Verstehe. Also normalerweise überwacht die NATO den Luftraum, bei Entführungen wird die Landesverteidigung aktiv.
LAUTERBACH
So könnte man es zusammenfassen, ja.
VORSITZENDER
Wer arbeitet in diesem Führungszentrum?
LAUTERBACH
Vertreter des Bundesverteidigungsministeriums, also Soldaten der Luftwaffe. Sie verfügen über langjährige Erfahrung in der Luftraumüberwachung.
VORSITZENDER
Und sonst?
LAUTERBACH
Weiter sind dort Beamte des Bundesinnenministeriums, des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.
VORSITZENDER
Wie viele Personen sind das?
LAUTERBACH
Zwischen 60 und 65.
VORSITZENDER
Und wo befindet sich dieses Führungszentrum?
LAUTERBACH
In Uedem in Nordrhein-Westfalen. Da ist auch der NATO-Gefechtsstand.
VORSITZENDER
Und dort verrichteten auch Sie Ihren Dienst am 26. Mai?
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Erklären Sie uns bitte, wie der Luftraum ganz konkret überwacht wird.
LAUTERBACH
Wir beobachten durch Primär- und Sekundärradar. Weiter stehen uns sämtliche Daten der zivilen Flugsicherung und der Landes- und Bundespolizei zur Verfügung. Wir bekommen auch die Informationen der Geheimdienste, soweit sie den Flugverkehr betreffen. Das alles wird zu einem Lagebild zusammengefasst.
VORSITZENDER
Verstehe.
LAUTERBACH
Wir prüfen also ständig, ob ein Renegade eintritt.
VORSITZENDER
Renegade?
LAUTERBACH
Verzeihung. Gemeint ist damit der Fall, dass ein ziviles Verkehrsflugzeug von Luftpiraten für einen terroristischen Angriff verwendet wird. Wir nennen das »Renegade«.
VORSITZENDER
Auf Englisch?
LAUTERBACH
Ja, die Sprache des Flugverkehrs ist Englisch.
VORSITZENDER
Gut, also Renegade. Wie erfahren Sie von einem solchen Fall?
LAUTERBACH
Das genau ist die Schwierigkeit unseres Berufs. Sehen Sie, wir stehen mit jedem Flugzeug in Funkkontakt und suchen nach Auffälligkeiten.
VORSITZENDER
Zum Beispiel?
LAUTERBACH
Ein Flugzeug weicht vom Kurs ab, oder sein automatisches Erkennungssystem ist ausgeschaltet, oder es ist schlicht kein Funkkontakt möglich.
VORSITZENDER
Kommt das häufig vor?
LAUTERBACH
Ja, jeden Tag so etwa drei- bis fünfmal. Es sind ja fast nie Entführungen. Trotzdem müssen wir jeden einzelnen Fall überprüfen und dann entscheiden.
VORSITZENDER
Verstehe.
LAUTERBACH
Am 26. Mai ist es allerdings einfach gewesen.
VORSITZENDER
Einfach? Warum?
LAUTERBACH
Der Terrorist hat den Piloten gezwungen, über Funk bekannt zu geben, dass er das Flugzeug entführt hat.
VORSITZENDER
Genauer, bitte.
LAUTERBACH
Um 19.32 Uhr ist bei uns ein Funkspruch der Lufthansa-Maschine LH 2047 eingegangen. Das ist der Flug von Berlin-Tegel nach München, 19.20 bis 20.30 Uhr. Der Pilot hat gesagt, er wird gezwungen, einen Text vorzulesen.
VORSITZENDER
Was für einen Text?
LAUTERBACH
Liest vom Zettel ab.
»Mit der Erlaubnis Gottes habe ich diese Maschine in meiner Gewalt. Freut euch, Gemeinschaft der Muslime. Die Kreuzfahrerregierungen Deutschlands, Italiens, Dänemarks und Englands haben unsere Brüder getötet, nun töten wir eure Familien. Ihr werdet sterben, wie wir gestorben sind.«
VORSITZENDER
Wörtlich?
LAUTERBACH
Ja, wörtlich. Dann hat der Pilot gesagt, der Terrorist will die Maschine in das Fußballstadion vor München stürzen lassen. Gemeint ist die Allianz-Arena. An diesem Tag ist dort das Länderspiel Deutschland gegen England gewesen. Ausverkauftes Stadion, 70 000 Zuschauer.
VORSITZENDER
Sie hörten den Funkspruch selbst?
LAUTERBACH
Ja. Er wird aufgezeichnet, alle Funksignale werden gespeichert. Ich habe ihn danach laut geschaltet, damit alle im Raum zuhören konnten.
VORSITZENDER
Gab der Terrorist seine Identität bekannt?
LAUTERBACH
Die haben wir erst später erfahren. Er ist wohl ein Selbstmordattentäter einer Splitterorganisation der al-Qaida gewesen.
VORSITZENDER
Das wissen Sie aber nicht aus eigener Recherche, oder?
LAUTERBACH
Nein, vom Bundeskriminalamt. Und dann aus der Zeitung. Wie gesagt, erst viel später.
VORSITZENDER
Was taten Sie, nachdem Sie den Funkspruch gehört hatten?
LAUTERBACH
Ich habe alle im Raum darüber informiert.
VORSITZENDER
Ja, Sie schalteten den Lautsprecher an, das haben Sie schon gesagt. Ich meine danach.
LAUTERBACH
Ach so. Ich habe einen Ringruf an alle zuständigen NATO-Stellen abgesetzt. Gleichzeitig habe ich den Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Radtke, informiert.
VORSITZENDER
Wer ist das?
LAUTERBACH
Er ist der höchste General der Luftwaffe. Ich habe ihm Bericht erstattet.
VORSITZENDER
Ist das ein übliches Vorgehen?
LAUTERBACH
Ja, es steht so auch in den Dienstvorschriften.
VORSITZENDER
Weiter.
LAUTERBACH
Ich habe den Befehl gegeben, dass eine Alarmrotte aufsteigt und Sichtkontakt zu der entführten Lufthansa-Maschine aufnimmt.
VORSITZENDER
Was ist eine Alarmrotte?
LAUTERBACH
Zwei Kampfflugzeuge, Typ Eurofighter. Sie sind in Dauerbereitschaft. Eine Rotte ist im Norden, in Wittmund, Ostfriesland, stationiert, die andere im Süden, in Neuburg an der Donau. Die Jagdflieger aus Wittmund sind gerade in der Luft gewesen. Die Piloten haben die Lufthansa-Maschine in elf Minuten erreicht.
VORSITZENDER
Das ist sehr schnell, oder?
LAUTERBACH
Eher normal. Der Luftraum ist nicht so groß.
VORSITZENDER
Gut. Wer waren die Piloten? Ich meine die Piloten der Alarmrotte.
LAUTERBACH
Major Koch und Oberleutnant Weinberger. Die Alarmrotten sind in der Regel ja so aufgeteilt, dass ein älterer, erfahrener Pilot zusammen mit einem jüngeren fliegt. Major Koch ist 31, Oberleutnant Weinberger 25 Jahre alt.
VORSITZENDER
Verstehe. Kommen wir noch einmal zurück zu Ihrem Telefonat mit Generalleutnant Radtke.
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Was befahl er?
LAUTERBACH
General Radtke hat zunächst wissen wollen, ob die Alarmrotte schon Sichtkontakt zu dem Piloten hatte.
VORSITZENDER
Was antworteten Sie?
LAUTERBACH
Nachdem die Soldaten zu der Lufthansa-Maschine aufgeschlossen hatten, ist Sichtkontakt möglich gewesen. Die Soldaten haben von einem zivil gekleideten Mann im Cockpit berichtet. Der Mann hat sich zwischen Pilot und Kopilot aufgehalten. Funkkontakt ist nicht möglich gewesen, die Geräte der Lufthansa-Maschine waren ausgeschaltet.
VORSITZENDER
Und das gaben Sie auch so weiter?
LAUTERBACH
Natürlich.
VORSITZENDER
Was befahl Radtke dann?
LAUTERBACH
Die Lufthansa-Maschine abzudrängen und zur Landung zu zwingen.
VORSITZENDER
Was genau sagte er Ihnen?
LAUTERBACH
»Intervention«. Der Befehl lautet »Intervention«. Damit ist Abdrängung gemeint.
VORSITZENDER
Intervention, verstehe.
LAUTERBACH
Ja. Gleichzeitig haben alle Beteiligten im Führungszentrum einen Flugplatz gesucht, auf dem eine Landung möglich wäre. Solche Flugplätze sind für diese Fälle vorgeplant.
VORSITZENDER
Sie gaben also den Befehl weiter.
LAUTERBACH
Ja, sofort.
VORSITZENDER
Nur das eine Wort.
LAUTERBACH
Ja. Die militärische Sprache ist kurz, mehr war nicht nötig.
VORSITZENDER
Aber die Lufthansa-Maschine reagierte nicht.
LAUTERBACH
Richtig, sie hat ihren Kurs gehalten.
VORSITZENDER
Wie ging es weiter?
LAUTERBACH
Das habe ich wieder General Radtke gemeldet. Und ich habe die weiteren Einzelheiten mitgeteilt.
VORSITZENDER
Welche Einzelheiten?
LAUTERBACH
Dass es sich bei der Lufthansa-Maschine um den Flugzeugtyp Airbus Industrie A320-100/200 gehandelt hat. Dass neben dem Terroristen 164 Menschen in der Maschine gewesen sind. Wie viele davon zur Crew gehört haben. Die Geschwindigkeit. Der berechnete Zeitpunkt des Aufpralls. Solche Sachen eben. Details.
VORSITZENDER
Und diese Details wussten Sie woher?
LAUTERBACH
Von den Kollegen der zivilen Flugsicherung zum Beispiel. Es sind 98 Männer, 64 Frauen und zwei Kinder gewesen. Die Passagierliste ist mir vorgelegt worden.
Das jüngste Kind ist erst vier Jahre alt gewesen, ein Mädchen.
VORSITZENDER
Wie bitte? Ich habe Sie leider nicht verstanden.
LAUTERBACH
Ich habe gesagt, ein Kind ist erst vier Jahre alt gewesen.
VORSITZENDER
Ja, gut. Welchen Befehl bekamen Sie dann von General Radtke?
LAUTERBACH
Es hat etwa sechs Minuten gedauert. General Radtke muss in diesem Fall den Verteidigungsminister anrufen und ihn über die Lage aufklären. Gleichzeitig ist er mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr verbunden. General Radtke hat dem Verteidigungsminister einen Vorschlag gemacht, das ist seine Aufgabe. Der Verteidigungsminister entscheidet dann, ob er dem Vorschlag des Generals folgt. So steht es im Luftsicherungsgesetz und in den Dienstvorschriften.
VORSITZENDER
Was schlug General Radtke vor?
LAUTERBACH
Für diese Fälle ist eine Rangfolge festgelegt.
VORSITZENDER
Aha. Und die wäre?
LAUTERBACH
Schritt eins: Abdrängen. Schritt zwei: Warnschuss.
VORSITZENDER
Das heißt?
LAUTERBACH
Der Minister befiehlt, dass die Alarmrotte einen Warnschuss abgibt.
VORSITZENDER
Konnten die Piloten das nicht selbst entscheiden?
LAUTERBACH
Den Warnschuss?
VORSITZENDER
Ja.
LAUTERBACH
Nein, auch das darf nur der Minister.
VORSITZENDER
Gut, also Warnschuss. Erhielten Sie dann auch diesen Befehl? Ich meine, dass die Piloten jetzt einen Warnschuss abgeben sollten?
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Wie geht das vor sich? So ein Warnschuss, meine ich.
LAUTERBACH
Das wird aber jetzt technisch.
VORSITZENDER
Erklären Sie es trotzdem. Wir versuchen zu folgen.
LAUTERBACH
Der Eurofighter ist mit einer einläufigen, gasbetriebenen Fünfkammerrevolverkanone der Firma Mauser ausgestattet. Die Waffe ist im rechten Tragflächenansatz eingebaut. Die Kadenz beträgt 1700 Schuss pro Minute, die Mündungsgeschwindigkeit liegt bei 1025 Metern pro Sekunde. Dabei werden in 0,5 Sekunden über vier Kilogramm Geschossmasse abgefeuert. Die Reichweite liegt bei etwa 1600 Metern. Gegen Luftziele werden in der Regel Hochexplosivgeschosse geladen.
VORSITZENDER
Aha.
LAUTERBACH
Ich habe also den Befehl an die Alarmrotte weitergegeben. »Warning burst«, so heißt das bei uns. In der militärischen Sprache, meine ich.
VORSITZENDER
Wer feuerte diesen Schuss dann ab?
LAUTERBACH
Major Koch. Er hat aus der Bordkanone einen Feuerstoß gelöst. Es ist eine Mischbeladung: Leuchtspur- und normale Munition.
VORSITZENDER
Hatten Sie entschieden, wer den Schuss abgibt?
LAUTERBACH
Nein, das entscheiden die Piloten eigenständig. Es ist aber üblich, dass so etwas der Rottenführer macht.
VORSITZENDER
Der Angeklagte also.
LAUTERBACH
Richtig.
VORSITZENDER
Und wie ging es weiter? Bekommt der Kapitän einer zivilen Maschine den Warnschuss überhaupt mit?
LAUTERBACH
Natürlich. Er kann den Pulverdampf sehen und die Geschosse hören. Und er sieht die Leuchtspuren der Geschosse.
VORSITZENDER
Gab es jetzt irgendwelche Reaktionen?
LAUTERBACH
Nein. Und wenn ich das hinzufügen darf, so ein Warnschuss ist verdammt eindrucksvoll. Es gehört einiges dazu, darauf nicht zu reagieren.
VORSITZENDER
Verstehe. Gibt es, nach Ihrer militärischen Erfahrung, noch weitere Möglichkeiten, einen Flug zu unterbrechen?
LAUTERBACH
Sie meinen, außer Warnschuss und Abdrängen?
VORSITZENDER
Ja.
LAUTERBACH
Leider nicht.
VORSITZENDER
Leider nicht, ja.
LAUTERBACH
Das wird Ihnen auch jeder andere bestätigen.
VORSITZENDER
Was taten Sie als Nächstes?
LAUTERBACH
Ich habe erneut General Radtke Bericht erstattet.
VORSITZENDER
Und weiter?
LAUTERBACH
General Radtke hat sich nach ein paar Minuten zurückgemeldet. Er hat in der Zwischenzeit dem Verteidigungsminister den Vorschlag gemacht, die Lufthansa-Maschine abzuschießen.
VORSITZENDER
Und?
LAUTERBACH
Das ist der letzte mögliche Schritt. Der Verteidigungsminister hat es aber abgelehnt.
VORSITZENDER
Woher wissen Sie das?
LAUTERBACH
Der General hat es mir gesagt.
VORSITZENDER
Kommentierte Radtke die Entscheidung des Ministers?
LAUTERBACH
Wie meinen Sie das?
VORSITZENDER
Na ja, sagte er zum Beispiel: Leider hat er es abgelehnt. Oder etwas Ähnliches.
LAUTERBACH
Nein.
VORSITZENDER
Hatten Sie die Entscheidung des Ministers so erwartet?
LAUTERBACH
Ja. Wir alle kennen die Ansicht des Bundesverfassungsgerichts.
VORSITZENDER
Meinen Sie den Beschluss, womit ein Teil des Luftsicherungsgesetzes für verfassungswidrig erklärt wurde?
LAUTERBACH
Ja. Das wurde damals überall in der Truppe diskutiert.
VORSITZENDER
Ja, gut. Sie gaben das also an die Piloten weiter.
LAUTERBACH
Was?
VORSITZENDER
Dass nicht geschossen werden darf.
LAUTERBACH
Ja, natürlich.
VORSITZENDER
Und was geschah dann?
LAUTERBACH
Nichts.
VORSITZENDER
Nichts? Das verstehe ich nicht.
LAUTERBACH
Na ja, wir haben auf die Bildschirme gestarrt, wir konnten ja nichts mehr tun. Jeder hat auf ein Wunder gehofft. Ich jedenfalls habe es.
VORSITZENDER
Hinterfragten Sie den Befehl des Generals, oder gaben Sie ihn einfach nur an die Alarmrotte weiter?
LAUTERBACH
Es ist nicht meine Aufgabe, Befehle zu hinterfragen.
VORSITZENDER
Sie gaben seine Anweisungen also genau so weiter?
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Verstehe. Ich versuche mir die Situation vorzustellen. Sie sehen jetzt also auf die Bildschirme und warten. Wie lange dauerte das in etwa?
LAUTERBACH
28 Minuten.
VORSITZENDER
So lange?
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Also fast eine halbe Stunde.
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Und dann?
LAUTERBACH
Major Koch …
VORSITZENDER
Der Angeklagte?
LAUTERBACH
Er hat zweimal nachgefragt, ob er alles richtig verstanden hat.
VORSITZENDER
Den Befehl, dass nicht geschossen werden darf?
LAUTERBACH
Richtig. Der Abschussbefehl heißt »engage«. Ich habe ihm beide Male bestätigt, dass kein solcher Befehl erteilt worden ist.
VORSITZENDER
War die Verbindung klar? Konnte der Angeklagte Sie verstehen?
LAUTERBACH
Er hat es selbst wiederholt, ja.
Verzeihen Sie, könnte ich bitte ein Glas Wasser bekommen?
VORSITZENDER
Herr Wachtmeister, bitte ein Glas Wasser für den Zeugen.
Der Wachtmeister bringt eine Karaffe Wasser und ein Glas.
LAUTERBACH
Danke.
Er gießt sich ein Glas Wasser ein und trinkt.
VORSITZENDER
Sind Sie so weit?
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Gut. Also, der Angeklagte fragte zweimal nach. Wie ging es dann weiter?
LAUTERBACH
Als Nächstes hat Major Koch gemeldet, dass die Lufthansa-Maschine in den Sinkflug geht. Ich habe das auf meinem Schirm bestätigt gesehen.
VORSITZENDER
Wie weit waren die Flugzeuge vom Stadion entfernt?
LAUTERBACH
Etwa 25 Kilometer.
VORSITZENDER
Hatte die Lufthansa-Maschine in der gesamten Zeit ihren Kurs einmal gewechselt?
LAUTERBACH
Nein. Dann hat Major Koch in das Mikrofon geschrien.
VORSITZENDER
Er schrie?
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Und was?
LAUTERBACH
»Wenn ich jetzt nicht schieße, werden Zehntausende sterben.«
VORSITZENDER
War das der genaue Wortlaut?
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Und dann?
LAUTERBACH
Ich habe auf meinem Bildschirm gesehen, dass Major Koch die Sidewinder auslöst.
VORSITZENDER
Was ist eine Sidewinder?
LAUTERBACH
Ein Geschoss.
VORSITZENDER
Jetzt wird es vermutlich wieder technisch?
LAUTERBACH
Es ist ein Luft-Luft-Lenkflugkörper mit der Bezeichnung AIM-9L/I Sidewinder.
VORSITZENDER
Und wie funktioniert es?
LAUTERBACH
Die Sidewinder hat einen Infrarotsuchkopf. Sie steuert selbstständig auf Wärmequellen zu.
VORSITZENDER
Genau das passierte auch?
LAUTERBACH
Der Suchkopf hat das rechte Triebwerk der Lufthansa-Maschine erfasst und ist eingeschlagen. Das Flugzeug ist über einem Kartoffelacker abgestürzt.
VORSITZENDER
Wie viel Uhr war es?
LAUTERBACH
20.21 Uhr. Warten Sie, ich schau aber lieber noch mal nach. Ja, exakt 20 Uhr 21 und 34 Sekunden. Das war der Zeitpunkt der elektronischen Auslösung der Sidewinder.
VORSITZENDER
Und die Alarmrotte?
LAUTERBACH
Die beiden Kampfjets sind abgedreht und zurück zum Stützpunkt geflogen. Major Koch ist nach der Landung festgenommen worden. Die Kollegen von der Bundespolizei haben natürlich Rettungskräfte angefordert. Die haben in der abgeschossenen Maschine nach Überlebenden gesucht und die Stelle abgesperrt. Es hat niemand überlebt. Aber das weiß ich auch nur aus zweiter Hand.
VORSITZENDER
Hätten Sie vom Führungszentrum aus die Möglichkeit gehabt, das Auslösen des Geschosses zu verhindern?
LAUTERBACH
Wie?
VORSITZENDER
Ich weiß nicht, also zum Beispiel, es über Funk zu sperren?
LAUTERBACH
Nein, so etwas ist nicht möglich. Der Pilot kann und muss über sein Waffensystem selbstständig entscheiden können.
VORSITZENDER
Das leuchtet ein. Es lag also ausschließlich in seiner Hand.
LAUTERBACH
Ja.
VORSITZENDER
Und die Flugzeuge sind immer bewaffnet?
LAUTERBACH
Es sind Kampfjets. Natürlich sind sie bewaffnet.
VORSITZENDER
Haben Sie den Abschuss General Radtke gemeldet?
LAUTERBACH
Selbstverständlich.
VORSITZENDER
Wie reagierte er?
LAUTERBACH
Gar nicht.
VORSITZENDER
Wie bitte?
LAUTERBACH
Er hat die Meldung nur entgegengenommen. Was sich in ihm abgespielt hat, weiß ich natürlich nicht. Er hat allerdings befohlen, dass sämtliche Aufzeichnungen des Vorgangs sichergestellt werden und dass Major Koch der Bundespolizei zu überstellen ist. Unverzüglich.
VORSITZENDER
Ja. Gut. Ich für meinen Teil habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Der Sachverhalt scheint klar vor uns zu liegen. Er entspricht dem Geständnis des Angeklagten in jedem einzelnen Punkt. Gibt es von den anderen Prozessbeteiligten noch Fragen an den Zeugen? Frau Staatsanwältin?
STAATSANWÄLTIN
Ich habe keine Fragen an den Zeugen.
VORSITZENDER
Herr Verteidiger, Fragen?
VERTEIDIGER
Nein, ich habe auch keine Fragen.
VORSITZENDER
Gut. Gibt es Anträge auf Vereidigung des Zeugen? Wenn nicht, dann …
