The Corporation - T. J. English - E-Book

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T. J. English

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Beschreibung

Ab den Sechzigerjahren stieg die kubanisch-amerikanische Mafia zu einer der mächtigsten kriminellen Organisationen der USA auf. Mit rücksichtslosen Methoden und einem eigenen Zweig des illegalen Glücksspiels baute sich die „Corporation“ ein Millionenimperium auf. T. J. English hat zahlreiche Insider der Corporation aufgespürt und über mehrere Jahrzehnte hinweg Material zusammengetragen, um die Geschichte dieser mächtigen, aber weitgehend unbekannten Organisation und ihres legendären Paten José Miguel Battle nachzuzeichnen.

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Seitenzahl: 899

Veröffentlichungsjahr: 2018

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In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stieg die kubanisch-amerikanische Mafia zu einer der mächtigsten kriminellen Organisationen der USA auf. Mit rücksichtslosen Methoden und einem eigenen Zweig des illegalen Glücksspiels baute sich die „Corporation“ ein Millionenimperium auf. Ihre Mitglieder rekrutierten sich aus kubanischen Exilanten, die nach der Revolution durch Fidel Castro und seiner „Bewegung des 26. Juli“ in die USA geflüchtet waren und nun davon träumten, ihr Land eines Tages zurückzuerobern.

T. J. English hat zahlreiche Insider der Corporation aufgespürt und über mehrere Jahrzehnte hinweg Material zusammengetragen, um die Geschichte dieser mächtigen, aber weitgehend unbekannten Organisation und ihres legendären Paten José Miguel Battle nachzuzeichnen. Das Ergebnis ist ein gewaltiges Gangster-Epos, in dem politische Exilanten zu Auftragskillern und korrupte Polizisten zu Mafia-Paten werden.

T. J. ENGLISH

The Corporation

Aufstieg und Fall der kubanischen Mafia

Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader

Wilhelm Heyne Verlag München

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel The Corporation. An Epic Story of the Cuban American Underworld by HarperCollins Publishers, New York.

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Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Copyright © 2018 by T. J. English

Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Werner Wahls

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design/Margit Memminger unter Verwendung von Shutterstock (marcin Jucha, Roobcio)

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-20681-9V001

www.heyne-hardcore.de

In Gedenken an all jene, die im April 1961 ihr Leben in der Schweinebucht auf Kuba verloren haben.

Aquellos que van a retozar con los gatos deben esperar a ser rayado.

Wer sich mit Katzen einlässt, muss mit Kratzern rechnen.

Miguel de Cervantes

Don Quixote

INHALT

Einleitung

Prolog

TEIL I: TRAICIÓN/VERRAT

1 Brigade 2506

2 Gleich und Gleich

3 Santo

4 Regen in Spanien

5 Bring mir den Kopf von Palulu

6 Der verlorene Sohn

7 Rasputin in Mexiko

TEIL II: VENGANZA/RACHE

8 Gegenrevolution

9 Der Rechtsbeistand

10 Korruption

11 Feuer und Rauch

12 Ein Gebet für Idalia

13 Kampfhahn

14 Tot und doch nicht tot

TEIL III: LO HECHO, HECHO ESTÁ/WAS GESCHEHEN IST, IST GESCHEHEN

15 Alte Freunde

16 Stürmische Zeiten

17 Anfängerglück

18 Am Ende in Lima

19 Präsident im Ruhestand

20 Durchhalten

21 Cómo fue/Wie es war

Epilog

Danksagung

Anmerkungen

Quellen

Personenregister

EINLEITUNG

DER WAHRE SCHMELZTIEGEL IN den USA war das organisierte Verbrechen. Der Prozess der individuellen Amerikanisierung ist historisch eng mit dem Gangstertum verknüpft. Wer davon ausgeht, dass das Land seiner Natur nach ein kriminelles Unternehmen ist – kolonisiert und den Ureinwohnern gewaltsam entrissen, danach gestützt durch ein System der Sklaverei, das schließlich für illegal erklärt wurde –, liegt damit ziemlich richtig. Der Keim wurde schon vor langer Zeit gelegt. Die Mafia ist nur eine Blüte dieses Keims, gegossen mit dem Blut vieler Tausender Opfer der Unterweltgewalt im vergangenen Jahrhundert.

Die traditionelle organisierte Kriminalität – in der Hauptsache irisch, italienisch und jüdisch – hat ihre Wurzeln in den frühen Dekaden des 20. Jahrhunderts. Die Prohibitionszeit führte zu einer engen Verflechtung von Verbrechen und Politik und zu einer Institutionalisierung der Unterwelt. In Filmen, Romanen und der Populärkultur wurden Teilaspekte dieser Ära verewigt. Für viele geht die Vorstellung des Gangstertums Hand in Hand mit dem »American Dream«, dem historischen Leitbild des Vorankommens in der Gesellschaft.

Für kubanischstämmige Amerikaner ist dies allerdings eine Geschichte jüngeren Datums, sie geht zurück auf die kubanische Revolution Ende der Fünfzigerjahre.

Das folgenschwere Erbe der von Fidel Castro, Ernesto »Che« Guevara und vielen anderen geführten kubanischen Revolution ist in zahllosen Büchern, Dokumentarfilmen, Gemälden, Dramen, Filmen und Lebensgeschichten beleuchtet worden. Wie andere historische Geschehnisse von großer Tragweite wurde sie durch das Prisma politischer Ideologie, Ikonografie, Legendenbildung und Fantasie gedeutet und immer wieder neu zusammengesetzt, mit der unvermeidlichen Folge, dass es allein vom Betrachter abhängt, welche Lehren daraus zu ziehen sind. Für die einen ist Castro ein Held, für die anderen ein Teufel, für die einen diente die Revolution den Menschen, für die anderen nur der Zentralisierung staatlicher Gewalt, mit der Castro seine Position unangreifbar machte.

Unstrittig, wenngleich wenig beachtet, ist, dass viele Männer und Frauen, die einen Beitrag zur Revolution leisteten, und auch einige, die zusammen mit Castro in seiner Bewegung des 26. Juli kämpften, nichts von den kommunistischen Zielen dieser Revolution wussten. Castro war sehr darauf bedacht, seine politische Bewegung nicht als marxistisch-leninistisches Unternehmen darzustellen. Bei einer Vortragsreise in den USA in den Jahren 1955/56 zur Beschaffung von Mitteln für seine Sache ließ er sich nicht in die Karten schauen. Erst nach der Machtergreifung bekannten sich Castro und Guevara zu ihren wahren Absichten.

Einige prominente Teilnehmer der Revolution – auch aufständische Kämpfer, die sich auf dem Schlachtfeld ausgezeichnet hatten, sowie einige führende Köpfe des Widerstands im Untergrund – zeigten sich bestürzt über die Ausrichtung der neuen Revolutionsregierung. Als klar wurde, dass Castros Regime auf eine kommunistische Diktatur ohne freie Wahlen hinauslief, begannen die Menschen zu fliehen. Zu den Ersten, die das Land verließen, gehörten aus naheliegenden Gründen die Anhänger des abgesetzten Diktators, Presidente Fulgencio Batista. Die Zurückgebliebenen wurden festgenommen und manche vor ein Erschießungskommando gestellt: al paredón! – an die Wand! Als Nächstes setzte sich die Oberschicht ab, nachdem sie durch staatlichen Erlass Eigentum und Unternehmen verloren hatte. Und dann folgten Zehntausende weitere: Lehrer, Facharbeiter, Künstler und Besitzlose, die mit allen nur erdenklichen Mitteln von der Insel flohen: mit dem Flugzeug, mit dem Boot und in späteren Jahren mit Flößen, aufgeblasenen Luftschläuchen und anderen instabilen, notdürftig zusammengebastelten Gefährten, von denen nicht wenige in der unerbittlichen See versanken und ihre Passagiere in den Tod rissen.

Die Flüchtlinge – und vor allem jene, die die Revolution ursprünglich unterstützt hatten – fühlten sich zutiefst verraten. Und wer sich verraten fühlt, hat oft ein starkes Bedürfnis nach Rache. Genau dies war die vorherrschende Stimmung bei den jüngst aus ihrer Heimat Vertriebenen.

Sie ließen sich zumeist in Südflorida nieder, und dort überwiegend in Miami, das auf der anderen Seite der Floridastraße nur rund 370 Kilometer Luftlinie von Havanna entfernt lag. Für Betuchte mit gehobenem diplomatischem Status war die kubanische Hauptstadt damit in nur 45 Flugminuten erreichbar. Einige Kubaner zogen weiter in den Norden nach Hudson County, New Jersey, vor allem nach Union City, wo Ende der Sechzigerjahre nach Miami die größte kubanische Exilgemeinde leben sollte. In Union City fanden sie Arbeit in den Textilfabriken; diese waren bereits die wichtigsten Arbeitgeber in der Region, als nach dem Zweiten Weltkrieg dort noch hauptsächlich Bürger italienischer, irischer und jüdischer Herkunft wohnten.

Ob in New Jersey, Südflorida oder anderswo, die Kubaner brachten immer ihre kulturellen Traditionen mit. Glanzvolle afrokubanische Musik; pulsierende Tanzclubs; eine starke Verbundenheit mit dem Katholizismus und in manchen Fällen auch mit der heidnischen Religion der Santería; unvergleichliche Zigarren; bisweilen Hahnenkämpfe; die Vorrangstellung des Familienlebens; eine von Hähnchen, Lechón (Spanferkel), Kochbananen, Reis und Bohnen geprägte Kost; eine Vorliebe für Rum von den Inseln; und in manchen Fällen eine Neigung zu Glücksspielen, vor allem zu einer schlichten Variante namens Bolita.

Wörtlich übersetzt, bedeutet Bolita »kleine Kugel«. Diese Bezeichnung stammt aus einer Zeit, als bei der staatlichen Lotterie in Kuba kleine nummerierte Kugeln in einer Tüte vermengt wurden, um nach dem Zufallsprinzip die Tageszahl zu ermitteln. Bolita war eine illegale Variante für arme Leute, das bei geringen Einsätzen hohe Gewinne versprach und deren Gewinnzahl sich nach der staatlichen kubanischen Lotterie richtete. Ab den Zwanzigerjahren wurde Bolita in Kuba zu einer Art Nationalsport, der so alltäglich war wie Zuckerrohrfelder, Königspalmen und der ferne, immer gegenwärtige Trommelwirbel der Revolution.

Angesichts seiner hohen Verbreitung bei Kubanern aller Schichten war es wohl unvermeidlich, dass das Spiel auch in den kubanischen Exilgemeinden von Miami und Union City großen Erfolg hatte. Der Mann, dessen Name später in den USA mit dieser illegalen Aktivität vor allem assoziiert werden sollte, brachte aus Kuba keine Erfahrung als Bolitero (Chef einer Bolita-Organisation) mit. Er war während der Diktatur Batistas Polizist in Havanna gewesen und hieß José Miguel Battle y Vargas.1

Das Havanna der Fünfzigerjahre war eine Stadt der Korruption und des Vergnügens. Manche erinnerten sich später an sie als einen der glorreichsten Orte für Sinnenfreuden und Laster des gesamten 20. Jahrhunderts. Zum Teil lag das daran, dass die Karibik seit den Tagen der Gewürzhändler, internationalen Söldner und Piraten als Umschlagplatz für Schmuggelware gedient hatte. Mit der Zeit entwickelte sich Havanna zwar zu einem Zentrum der Kultur und Architektur, dennoch behielt die Stadt immer ihr schwüles, sexuell aufgeladenes Ambiente, das Touristen und Prominente aus aller Welt anlockte.

Meyer Lansky, Charles »Lucky« Luciano und Santo Trafficante Jr. gehörten zu den bedeutenden US-Mafiosi, die in Kuba einen idealen Auslandsstützpunkt für ihre Operationen sahen. Darüber hinaus konnte man auch im Land selbst gutes Geld verdienen. Lansky stellte als Erster eine Geschäftsbeziehung zu Batista her, der ihn 1952 zum Direktor für die Reform des Glücksspiels in Kuba ernannte. Lansky räumte mit dem Betrug in der Kasinoszene auf und begründete damit den guten Ruf der Insel als Ziel für Vergnügungssuchende. Das führte zu einem noch nie da gewesenen Aufschwung der Glücksspiel- und Unterhaltungsbranche in Kuba.

Alles begann mit den Kasinos, die sich überwiegend in den besten Hotels der Stadt befanden. Das Hotel Nacional bot das eleganteste und Lanskys 1957 eröffnetes Riviera das protzigste. Der ovale Saal, entworfen vom international angesehenen Architekten Igor Boris Polevitzky, verfügte über einen luxuriösen Teppichboden, Blattgoldwände und sieben prächtige, eigens angefertigte Kronleuchter aus Gold und Kristall. In der Mitte des Raums standen die Spieltische – Roulette, Würfel, Blackjack, Baccara –, und die geschwungenen Wände wurden von Münzautomaten gesäumt. Die versenkte Bar Doble o Nada (doppelt oder nichts) war einer von drei Veranstaltungsorten des Hotels für Live-Unterhaltung.

Von außen betrachtet, lag das Kasino wie ein bunt bemaltes modernistisches Ei vor dem Hotel. Das Ganze war ein einziges Kunstwerk.

Die Kasinos waren das Zugpferd und brachten Geld in die Stadt, das auch anderen Branchen zugutekam. Alle Hotels hatten Nachtclubs, die zum Zentrum einer fabelhaften Unterhaltungsszene mit heißem Latinjazz, knackigen Revuegirls, aufwendigen Shows und vielen Spitzensängern und Entertainern aus den USA wurden. Und außerhalb dieser offiziellen Welt der Kasinos und Live-Unterhaltung gab es ein quicklebendiges Schattenreich mit Bordellen, Sex-Shows, privaten Kartenspielen um hohe Einsätze und Zugang zu Drogen.

José Miguel bewegte sich in dieser Szene von der höchsten bis zur tiefsten Ebene. Im Havanna der Fünfzigerjahre war er bei der Sitte. Für Andersdenkende und politische Untergrundaktivitäten waren eigene Abteilungen der Polizei zuständig. Der berüchtigte Servicio de Inteligencia Militar (SIM), Batistas militärischer Geheimdienst, verhaftete Studenten und andere vermeintliche Regimegegner und schaffte sie in Lagerhallen und Hinterzimmer, wo sie gefoltert und in einigen Fällen auch ermordet wurden. Mit solchen Aktivitäten hatte Battle nichts zu tun. Als Beamter bei der Sitte machte er seine Runden durch Freudenhäuser, Spielsalons, Nachtclubs, Hahnenkampfplätze und Hotels, wo man in der Lobby eine Zigarre rauchen konnte. So lernte er die Einwohner der Stadt kennen, von den schäbigsten Straßenzuhältern bis hinauf zur Prominenz aus Politik und Unterhaltung.

Einer von ihnen war Martín Fox, der Besitzer des Tropicana, des legendärsten Nachtclubs von Havanna. Vor seiner Zeit als Nachtclub-Impresario war Fox einer der bedeutendsten Boliteros der Stadt gewesen. Er hatte als bescheidener Listero angefangen, der Wetten annahm und sie auf einem Blatt Papier festhielt. Nach dem Umzug aus seiner Heimatprovinz Matanzas wurde Fox zu einem der reichsten Bolita-Banker in Havanna. Als Banquero bürgte er für alle anderen Boliteros, wenn eine vielfach gewettete Zahl gewann – zum Beispiel die Acht am 8. September, dem Tag der kubanischen Schutzpatronin María, der Barmherzigen. Mit seinen Bankrücklagen konnte Fox diese Verluste decken, wohl wissend, dass seine Beteiligung an den Gewinnen aller Boliteros diese kurzfristigen Einbußen im Lauf der Zeit mehr als wettmachen würde. Nach und nach gelang es ihm, in Havanna eine lukrative Glücksspielszene zu etablieren, die, obwohl verboten, durch Zahlungen an die Polizei ermöglicht wurde.

José Miguel Battle kam im Juni 1951 als Polizist nach Havanna. Da war Martín Fox bereits vom Bolitero zum Eigentümer des Tropicana aufgestiegen. Battle und Fox verstanden sich auf Anhieb. Sie sahen sich sogar ähnlich. Beide waren untersetzt und geradlinig, zu gleichen Teilen freundlich und barsch. In ihrer Art erinnerten sie ein wenig an den Filmschauspieler Anthony Quinn. Beide waren Guajiros (Landeier) und mit dem Traum nach Havanna gekommen, etwas aus sich zu machen. Obwohl der jüngere Battle vom Tropicana genauso beeindruckt war wie alle, interessierte er sich noch mehr für Fox’ Vergangenheit als Bolitero, die ihm erst den Sprung zu gesellschaftlichem Ansehen ermöglicht hatte.

Mit der Zeit kamen sie ins Geschäft. Fox zahlte monatlich 5000 Pesos an den Polizeichef José Salas Cañizares, und manchmal war es José Miguel Battle, der das Geld überbrachte. Später wurden diese »Botengänge« sehr viel wichtiger, als Battle weitaus höhere Summen von hochrangigen US-Mafiosi im Präsidentenpalast von Batista zustellte.

DIE GEMEINDE ALTO SONGO in der Provinz Oriente liegt im östlichen Teil der Insel, weit entfernt von Havanna. Noch heute werden die aus Oriente stammenden Hauptstadtbewohner als Palestinos belächelt, weil sie in Havanna ein Volk ohne Land sind. José Miguel Battles Heimatort Alto Songo war zur Zeit seiner Geburt noch fast vorindustriell, mit eingeschränktem Zugang zu Strom und fließendem Wasser.

Battle wurde am 14. September 1929 um zehn Uhr Vormittag geboren. Er war das älteste Kind von José María Batlle Bestard und Angela Vargas Yzaguirre, die ebenfalls in Alto Songo geboren und aufgewachsen war. Nach und nach bekam José Miguel fünf Brüder (Gustavo, Pedro, Sergio, Hirám und Aldo) und eine Schwester (Dolores). Als Jugendlicher besuchte er das Instituto Santiago de Cuba und schloss die Schule 1947 ab.

Knapp zwei Jahre später trat Battle mit 19 der kubanischen Nationalpolizei bei. Eineinhalb Jahre darauf wurde er nach Havanna versetzt, ein großer Schritt für den jungen Guajiro. Er wurde der Sittenpolizei zugeteilt und musste daher nicht mehr die Uniform eines Streifenbeamten tragen. Offiziell gehörte er als Ermittler einem Verband der Nationalpolizei an, der in der Region Rio Almendares stationiert war. Battles Abteilung befasste sich hauptsächlich mit illegalem Glücksspiel und Raubdelikten.

1952 heiratete Battle María Josefa Rodríguez y Vega, und nach einem Jahr erblickte José Miguel Battle Jr. das Licht der Welt. Sie wohnten im Bezirk Luyano in der Nähe des Hafens.

Die meisten Bekannten Battles aus dieser Zeit hatten ihn als jemanden in Erinnerung, der sich mit Leichtigkeit zwischen den Welten der Polizei und der Kriminalität bewegte. Beim Glücksspiel arbeiteten beide Welten Hand in Hand. Die Bosse bezahlten die Polizei für ihren Schutz, und das Geld wurde über die gesamte Organisation verteilt. In Havanna wie in vielen anderen Städten mit aktiver Unterwelt waren Verbrecher keine Leute, die man unbedingt ins Gefängnis brachte. Für einen Ermittler war es manchmal besser, wenn die Ganoven frei herumliefen und für ihn arbeiteten. Battle war immer darauf bedacht, Bündnisse zu schmieden.

Ein Ganove, der Battle in Havanna kennenlernte, war ein Mann namens Jesús.2 Ein Jahr jünger als Battle, war Jesús ein Schwarzmarkt-Waffenhändler zu einer Zeit, da Waffen in der Stadt sehr gefragt waren, und zwar sowohl bei Straßenkriminellen als auch bei politischen Aufrührern. Jesús gehörte zu einer Bande, die Waffen stahl – manchmal auch von der Polizei – und sie an jeden Interessierten verkaufte. Gelegentlich übernahm er auch Waffen, die andere gestohlen hatten, und vermittelte sie an Dritte weiter.

»Manchmal«, so Jesús, »haben wir die Waffen an dieselben Leute verkauft, denen man sie zuvor gestohlen hatte.«

Eines Tages kam ein Freund von Jesús zu ihm und sagte: »Da will ein Polizist mit dir reden. Er heißt José Miguel Battle.«

Jesús hatte noch nie von dem Mann gehört. »Was will er denn?«

»Er weiß, dass du auf dem Schwarzmarkt Waffen gekauft hast. Waffen, die der Polizei gestohlen wurden.« Jesús’ Freund bürgte dafür, dass Battle »ehrenhaft« war, also jemand, der die Regeln der Unterwelt kannte und ein Zusammentreffen nicht als Gelegenheit für eine Verhaftung missbrauchen würde.

Jesús erklärte sich zu einem Gespräch bereit. Sie trafen sich im Restaurant des Hotels Sevilla Biltmore, das Amleto Battisti y Lora gehörte, einer Schlüsselfigur der Mafia von Havanna. Battisti, ein italienischer Staatsbürger, war unter anderem Kokain- und Marihuanahändler und zahlte regelmäßig Schmiergeld an die Polizei. Angesichts dieser Örtlichkeit wusste Jesús, dass er nichts zu befürchten hatte.

Battle erschien in Begleitung seines Partners Vincente Juvenciente. Auch Jesús hatte seinen Freund mitgebracht.

Battle kam gleich zur Sache: »Hast du neulich einem Schwarzen im Centro Revolver abgekauft?«

»Kommt darauf an«, antwortete Jesús.

»Nun, wir haben einen Schwarzen verhaftet. Er erzählt, dass er dir Waffen verkauft hat. Und diese Waffen sind bei der Polizei gestohlen worden.«

Jesús ließ sich das Ganze kurz durch den Kopf gehen. »Oye, hör zu. Ich kann dir nicht erzählen, wo was ist und wer wer ist, also sag mir einfach, was du sonst von mir willst.«

Battle sah ihn lange an. Dann sagte er: »Du bist ein echter Mann. Du verpfeifst deine Partner nicht. Das ist eine gute Eigenschaft.«

Von da an blieben Jesús und Battle in Kontakt. Der Straßengauner und der Polizist tauschten gelegentlich, wenn es für beide nützlich war, Informationen aus.

Viele Jahre später und weit entfernt von Havanna sollte Jesús für Battles kriminelle Organisation in den USA arbeiten. Angeblich hat er viele Aufgaben übernommen, auch als Killer.

Im Havanna der Fünfzigerjahre drehte sich alles um Verbindungen. Eine andere Unterweltgestalt, die Battle kennenlernte und die in der kriminellen Hackordnung weit über Jesús stand, war Santo Trafficante Jr.

Martín Fox stellte die beiden einander vor. Das Tropicana war zwar der einzige Nachtclub der Stadt, an dem die Mafia keinen Anteil hielt, doch die Glücksspielkonzession des Clubs wurde von Trafficante kontrolliert. Fox und Trafficante hatten eine gute Arbeitsbeziehung, und für beide gehörte es zum Geschäft, dass der Clubbesitzer den jungen Polizisten von der Sitte mit einem der führenden Gangster in der Stadt bekannt machte.

Die Familie Trafficante genoss auf der Insel einen legendären Ruf. In den Dreißigerjahren hatte Trafficantes in Sizilien geborener Vater als einer der ersten Mafiosi Kontakte nach Kuba geknüpft. Santo Trafficante Sr. gehörte zu den Begründern der Mafia in Tampa, Florida, einer Stadt mit einer lebendigen kubanischstämmigen Gemeinde, deren Ursprung in der Zeit des spanisch-amerikanischen Kriegs von 1898 lag. Trafficante Sr. machte kriminelle Geschäfte mit Kubanern in Tampa. Schon bald sprach er fließend Spanisch, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Sizilianischen hatte, und lernte die kubanische Kultur schätzen: Zigarren, spanisches Essen und eine stark patriarchale Aufgabenteilung, bei der die Frauen zu Hause blieben und die Kinder aufzogen, während die Männer sich draußen ums Geschäft kümmerten.

Von Anfang an war Bolita eine wesentliche Einnahmequelle für die Mafia in Tampa. Und dann gab es noch die Drogen. In den Dreißigerjahren etablierte Trafficante Sr. Kuba als wichtigen Umschlagplatz für Heroin aus Marseille.

In den Fünfzigerjahren neigte sich die Ära des älteren Trafficante bereits dem Ende zu (er starb 1954). Heroin spielte für die Geschäfte der Mafia in Kuba keine große Rolle mehr. Meyer Lansky hatte das Ruder übernommen und klargestellt, dass für Rauschgift kein Platz mehr war. Schließlich wollte niemand den Zorn des Federal Bureau of Narcotics (FBN) in den USA auf sich ziehen und damit das entstehende Kasinoimperium auf der Insel gefährden. Immerhin hatte das FBN bereits 1947 die Ausreise des Heroinschmugglers Lucky Luciano aus Kuba erzwungen (der daraufhin nach Italien zurückkehrte). Danach ließ die Mafia in Havanna lieber die Finger vom Drogengeschäft.

Daran hielt sich auch Santo Jr., auch wenn seine Beziehung zu Lansky nicht ganz ohne Reibungen blieb. Mit seiner Nickelbrille und dem friedlichen Auftreten wirkte er eher wie ein Banker als ein Gangster. Und er betrachtete sich auch als Geschäftsmann – allerdings einer, der die Ermordung von Rivalen und Partnern in Auftrag gab und sich den ganzen Tag mit der Planung von Verbrechen beschäftigte. Jedenfalls war er Teil einer stolzen Tradition. Und in Havanna hatte diese Tradition ihren Schwerpunkt auf das bewährte Geschäft des Kasinoglücksspiels verlegt, das in Kuba nicht einmal verboten war.

Schon bald entstand zwischen Trafficante und Battle eine Partnerschaft. Trafficante betrieb in Kuba auch noch andere kriminelle Aktivitäten, unter anderem Zigarettenschmuggel. Battle hielt den Mafioso über den Klatsch in der Welt der Gesetzeshüter und auf der Straße auf dem Laufenden.

Schließlich wurde José Miguel eine wichtige Aufgabe übertragen. Jede Woche traf er sich mit Boten Trafficantes und übernahm einen oder mehrere Koffer voller Bargeld. Diese für Batista bestimmten Koffer musste Battle im Präsidentenpalast abliefern. Der Inhalt stammte von dem Geld, das durch Diebstahl in den Zählräumen in die Hände der Mafia gelangt war. In Havanna gab es offiziell keine Glücksspielregulierung. Faktisch regulierte die Mafia das Glücksspiel.

Die wöchentliche Zahlung an den Präsidenten betrug geschätzt eineinhalb Millionen Dollar.

Ein für beide Seiten profitables Arrangement. Die Gangster wurden reich, Batista wurde reich. Und auch José Miguel Battle spielte eine wichtige Rolle in einer kriminellen Allianz, die in die Geschichte eingehen sollte.

ALS AM NEUJAHRSTAG 1959 alles zusammenbrach, sahen Battle und viele andere zunächst keinen Anlass zur Panik – auch wenn die Lage nicht gerade rosig war. Batista floh im Schutz der Dunkelheit mit dem Flugzeug aus Havanna. Lastwagen voller Guerilla-Soldaten strömten in die Stadt. Auf den Straßen feierten die Menschen und machten sich daran, die Kasinos zu demolieren. Münzautomaten und Spieltische wurden auf die Straße geschleppt, zertrümmert und in Brand gesteckt. Für die Castro-Anhänger waren die Kasinos zu einem zentralen Symbol der Korruption und imperialistischen Unterdrückung geworden.

Dennoch gab es Grund zu der Annahme, dass Castro am Fortbestand der Glücksspielbranche gelegen war. Immerhin hätte er sich mit der Schließung der Kasinos einer einträglichen Geldquelle beraubt. Battle selbst hatte noch immer seine Arbeit, wenngleich die neue Revolutionsregierung einen Polizisten, der sich im korrupten Milieu der Batista-Ära bewegt hatte, mit Misstrauen beäugte.

Battle blieb in Havanna, doch schon bald verschlechterte sich die Lage. Nach einer Phase der Verhandlungen ließ Castro alle Kasinos schließen. Battle wurde von der Sitte ins Verkehrsamt versetzt. Er hasste seine neue Arbeit und plante, wie so viele seiner Freunde und Geschäftspartner, die Insel zu verlassen.

Am 28. Dezember 1959, fast ein Jahr nach Batistas Flucht, konnte sich Battle über Beziehungen ein Touristenvisum für die USA besorgen. In New York stieg er im Mayflower Hotel an der Ecke 48th Street/8th Avenue ab. Auch andere Kubaner hatten sich in Manhattan niedergelassen. Sie lebten zum Großteil in Mietwohnungen in der Gegend der St. Nicholas Avenue und Fort Washington Avenue. Eine wichtige Verbindung für viele waren wandernde Pokerpartien in den Hinterzimmern lateinamerikanischer Restaurants und in Apartments. Dort traf Battle eine Reihe kubanischer Emigranten, die in seiner Zukunft als Glücksspielboss zu wichtigen Akteuren werden sollten.

Gelegentlich unternahm er einen kurzen Trip über den Fluss nach Union City, New Jersey, wo ebenfalls zahlreiche Kubaner eine neue Heimat gefunden hatten. Dort kaufte er einen Anteil an einer Kneipe namens Johnny’s Go Go Bar, in der Go-Go-Tänzerinnen auftraten. Seine Investition war klein, aber sie legte den Grundstein für seine Geschäfte in den USA.

Battle wollte zuerst Fuß fassen und dann irgendwie seine Frau und seinen kleinen Sohn aus Kuba nachholen. Vor dieser Herausforderung standen Tausende von kubanischen Emigranten, die mit den Folgen der Revolution zu kämpfen hatten.

Zu denen, die Battle in dieser Zeit begegneten, gehörte der in Polen geborene Jude Abraham Rydz, der mit seinen Eltern im Alter von zwei Jahren nach Kuba ausgewandert und in Havanna aufgewachsen war. Die beiden hatten sich zu Kasinozeiten bei einem Kartenspiel im geschäftigen Vedado-Viertel kennengelernt. Jetzt, nur wenige Jahre später, begegneten sie sich als Vertriebene in New York und Union City wieder, und zwar ebenfalls bei einem Kartenspiel.

Rydz hörte, dass Battle Teilhaber einer Bar war und in der Gegend Wurzeln schlagen wollte. Später sollten sie als Partner ein Glücksspielunternehmen führen und damit reich werden – bis dahin war es allerdings noch ein weiter Weg.

»Damals«, so Rydz, »hatte er nichts. Keiner von uns hatte was. Wir mussten ums Überleben kämpfen.«

Im April 1960 überzog Battle sein Visum – mit gutem Grund. In Emigrantenkreisen machte das aufregende Gerücht die Runde, dass die US-Regierung Leute für eine heimliche Invasion Kubas rekrutierte. Das war fast zu schön, um wahr zu sein. Viele Kubaner, die der Insel den Rücken gekehrt hatten, träumten davon, Castro zu vertreiben und ihr Land zurückzuerobern. Mit der Stärke des US-Militärs im Rücken und der Unterstützung einer ominösen Geheimorganisation namens Central Intelligence Agency – wie hätten sie da verlieren können?

Battle reiste nach Miami und buchte ein Zimmer im South American Hotel an der Ecke 2nd Street/2nd Avenue. Zusammen mit über 1000 kubanischen Flüchtlingen fand er sich in einem Hangar im Vorort Hialeah ein. CIA-Vertreter erklärten den Anwesenden, dass die USA sich für Castros Sturz einsetzen und in Kuba eine demokratische Regierung etablieren wollten.

Battle war Feuer und Flamme. Wenige Tage darauf reiste er – zusammen mit Hunderten kubanischen Emigranten – zuerst zu einem Geheimcamp in der Region Homestead in Südflorida und dann zu einer Ausbildungseinrichtung in den Bergen von Guatemala. Das war der Anfang eines Abenteuers, von dem sich Battle und die anderen die Rückkehr in ihre Heimat und ein glückliches Leben als stolze Kubaner auf der geliebten Insel erhofften.

DIE GESCHICHTE DES KUBANISCHEN organisierten Verbrechens in den USA hat ihre Wurzeln in einem Unternehmen, das später als Invasion in der Schweinebucht bekannt wurde. Die überwältigende Mehrheit der Teilnehmer an dieser von der Regierung Eisenhower und der CIA initiierten (und am 14. April 1961 vom neu gewählten Präsidenten John F. Kennedy beschlossenen) verdeckten Operation hatte keinerlei kriminelle Neigungen. Im Gegenteil, die ausgewählten Kämpfer wurden sorgfältig auf Vorstrafen überprüft, um jedem Schaden für das Image dieser Militäraktion vorzubeugen. Patriotismus und Idealismus waren die Beweggründe dieser Männer. Ihnen ging es um die Rückeroberung Kubas. Dagegen hatten die Absichten der US-Regierung mehr mit dem Kalten Krieg zu tun, mit dem Kampf gegen das Vordringen des Kommunismus in die westliche Hemisphäre, in dem Kuba nur eine Schachfigur war.

Wie auch immer, alle Beteiligten schlugen einen Kurs ein, von dem es kein Zurück mehr gab. Männer wie José Miguel Battle, die sich als Heimatvertriebene sahen, verschrieben sich dieser Sache mit einer an Fanatismus grenzenden Hingabe.

Die Invasion in der Schweinebucht sollte sich als einer der eklatantesten Fehlschläge des US-Militärs erweisen. Und die teilnehmenden Kämpfer mussten danach eine weitere Demütigung hinnehmen, die große Auswirkungen auf ihr Leben und die Geschicke sowohl Kubas als auch der USA hatte. Neben ihren politischen Folgen legte die gescheiterte Invasion auch den Keim zu einer kriminellen Organisation in den USA, die unter dem Namen Corporation bekannt wurde.

Diese Organisation beruhte auf der Wettlotterie Bolita. Angeführt von Battle und anderen, wurde daraus ein Multi-Millionen-Dollar-Unternehmen. Dennoch löste es sich nie ganz von seinen politischen Wurzeln in der Revolution und im Exil. Nach dem Scheitern der Schweinebuchtinvasion gab es weitere Anschläge gegen Castro und Umsturzversuche gegen die kubanische Regierung. Betrieben wurden diese Geheimoperationen von einer Allianz zwischen CIA und militanten Exilkubanern, von denen viele Veteranen der Invasion waren. Dieser Handlungsfaden sollte sich durch die US-Geschichte des Kalten Kriegs ziehen wie der Stolperdraht zu einer Mine. Der Watergate-Einbruch, politische Attentate in den USA und in anderen Ländern sowie der Iran-Contra-Skandal waren nur einige der Ereignisse, die aus der Anti-Castro-Bewegung entstanden. Diese wurde zu einem Schlagwort für die Beschreibung zahlreicher antikommunistischer Anstrengungen der CIA in der gesamten zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Geschichte der Corporation spielt sich vor diesem größeren politischen Hintergrund ab. Das Anti-Castro-Erbe bildet den Kontext für das organisierte Verbrechen kubanischer Provenienz in den USA, das in seinem Umfang und der Zahl der Todesopfer kaum hinter der italoamerikanischen Mafia zurücksteht.

José Miguel Battle stieg vom Polizisten in Havanna zum Padrino, zum Paten, in Amerika auf, doch die Chronik der Corporation beschränkt sich nicht auf einen einzigen charismatischen Boss. Für die Beteiligten war die Corporation nicht nur eine kriminelle Organisation, sondern etwas, das ihr Leben bestimmte. Auf der einen Seite standen die Boliteros und Gangster, auf der anderen die vielen Gesetzesvertreter, die im Lauf der Jahre darauf hinarbeiteten, sie zu Fall zu bringen. Es gab die Ehefrauen, die Freundinnen, Söhne, Töchter, Cousins, die Opfer, die Polizeispitzel, die verdeckten Ermittler – Hunderte von Menschen, die in ein haarsträubendes kriminelles Geschehen von fast 40 Jahren Dauer hineingezogen wurden.

Anfangs übte die Polizei in den USA gegenüber der kubanischen Mafia eher Zurückhaltung. Im Lauf der Jahre wurden Battle und andere zwar gerichtlich belangt, aber nie wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. In manchen Fällen wurden Polizisten gekauft, und in anderen lag es einfach am Nimbus der Corporation. Verbindungen zur CIA und zur Anti-Castro-Bewegung über Gruppierungen wie Alpha 66 und Omega 7, die in den USA und Südamerika politische Attentate verübten, ließen die Corporation unangreifbar erscheinen. Erst nach geraumer Zeit zog sich die Schlinge allmählich zu, bis die Corporation schließlich in New York und Miami vor Gericht mit Anklagen und Verurteilungen systematisch auseinandergenommen wurde.

Dieses Buch zeichnet den Aufstieg und Fall von Battles Organisation von der Schweinebuchtinvasion bis heute nach. In dieser Zeit schmiedeten kubanische Gangster eine Partnerschaft mit der Mafia und kämpften dann mit den Italienern um die Vorherrschaft über lukrative Wettbüros in New York. Es war ein blutiger Krieg mit großen Kollateralschäden. Schließlich wurden Gewalt und Mord zum täglichen Brot, mit jahrelangen Rachefeldzügen und Schießereien auf den Straßen von Little Havana in Miami und überall in New York und New Jersey. Auch wenn El Padrino im Zentrum der Handlung steht, entfaltet sich die Saga wie durch ein Kaleidoskop von männlichen und weiblichen Figuren. Der Bogen spannt sich weit, denn die Geschichte der Corporation ist nicht nur die eines kriminelles Syndikats, sondern auch die einer Kultur, die sich über eine brutale Version des amerikanischen Traums definiert.

Die Geschichte des kubanischen organisierten Verbrechens wurde noch nie vollständig erzählt. Manchem mögen die äußeren Umstände dabei exotisch erscheinen: Mordpläne werden bei Hahnenkämpfen in Key Largo geschmiedet und in lateinamerikanischen Nachtclubs in Harlem oder Little Havana zum Rhythmus afrokubanischer Trommeln ausgeführt. In Wahrheit entspricht die Entwicklung der Corporation einem beliebten amerikanischen Archetyp. Irische, italienische und jüdische Gangster waren seine Vorreiter, und inzwischen haben ihm auch neuere ethnische Unterweltgruppen – afroamerikanisch, asiatisch, mexikanisch – ihren Stempel aufgedrückt. Einige ziehen vielleicht den Mythos von Horatio Alger vor – den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär mit einem Schuss blauäugigem Optimismus und Selbstgefälligkeit. Aber das organisierte Verbrechen und die Unterwelt sind genauso tief im amerikanischen Bewusstsein verwurzelt. Daher ist es höchste Zeit, dass sich endlich auch für die kubanische Version der klassischen amerikanischen Geschichte der Vorhang hebt.

1 Battles Geburtsname in Kuba war Batlle (ausgesprochen Bat-je). Nach seiner Ankunft in den USA änderte er Schreibweise und Aussprache. Dieses Buch benutzt ausschließlich die neue Version, die in offiziellen Dokumenten, Zeitungsberichten und auch von Battle und seiner Familie selbst verwendet wurde.

2 Jesús erklärte sich nur unter der Bedingung zu einem Interview bereit, dass sein wahrer Name nicht genannt wird. Den Vorfall schilderte er in einem Interview am 10. Mai 2016.

PROLOG

IDALIA FERNÁNDEZ LIESS SICH bei General Hospital nicht gerne stören. Jeden Nachmittag um drei Uhr schaltete sie die beliebte Seifenoper ein. Wenn die Serie lief, ging sie nicht ans Telefon und öffnete oft nicht einmal die Tür. In letzter Zeit hatte sie die Tür sowieso nicht geöffnet, denn sie und ihr Freund waren auf der Flucht und hatten sich in Opa-locka, einem Vorort von Miami, verkrochen. Sie versteckten sich vor kubanischen Gangstern, die ihnen nach dem Leben trachteten.

Doch selbst unter diesen schwierigen Umständen ließ sich Idalia kaum eine Folge der Serie entgehen. Als sie am Nachmittag des 16. Juni 1976 vor dem Fernseher saß, hörte sie plötzlich den ohrenbetäubenden Krach von zerplatzendem Glas und splitterndem Holz. Drei Männer brachen in einem Scherbenregen durch die Lamellentür des Apartments ins Zimmer. Einer von ihnen war Julio Acuña, ein Gangster aus New York, den sie als »Chino« kannte. Er hielt eine große Pistole mit Schalldämpfer in der Hand und marschierte mit einem irren Gesichtsausdruck direkt auf sie zu.

Seit über einem Jahr waren Idalia und ihr Freund Ernesto Torres mit Zügen und Autos von einem billigen Motel oder Apartment zum nächsten geflohen, in der Hoffnung, dem Teufel zu entrinnen. Das war alles Ernesticos Schuld. Als sie ihn in Union City kennenlernte, merkte Idalia sofort, dass er ein Gangster war, der sein Geld mit der kubanischen Bolita verdiente. Obwohl Puerto Ricanerin, wusste Idalia gut darüber Bescheid. Bolita war bei allen Lateinamerikanern beliebt, und viele von ihnen setzten täglich Geld auf eine oder mehrere Zahlen. Im Grunde lief es nicht viel anders als bei der legalen staatlichen Lotterie von heute. Doch damals war das Ganze illegal und wurde von Kriminellen beherrscht. Bei der Bolita in New Jersey, wie überall an der Ostküste, hatte eine Organisation das Sagen, die bisweilen als kubanische Mafia bezeichnet wurde. Manche Vertreter der US-Strafverfolgungsbehörden hielten sie für gefährlicher als die Cosa Nostra.

Der Anführer der Mafia cubana war El Padrino José Miguel Battle. und einer seiner meistgefürchteten Handlanger war »Chino« Acuña.

Das alles wusste Idalia, weil ihr Freund Ernestico bis vor Kurzem in Union City für Battle gearbeitet hatte und mit Chino befreundet war. Doch dann entführte Ernestico einen hoch geschätzten Banker der Organisation und schoss ihn an. Mit diesem unfassbaren Verrat hatte Ernestico sein eigenes Todesurteil gesprochen. Vor seiner und Idalias Wohnung in Cliffside, New Jersey, ging an einem Nachmittag eine Bombe hoch und zerstörte Ernesticos Auto. Er selbst kam nur knapp mit dem Leben davon. Einige Tage darauf wurde Ernestico vor einem Blumenladen in Manhattan angeschossen. Daraufhin flohen er und Idalia mit dem Zug nach Miami, wo sie am Neujahrstag 1976 ankamen.

Sie verkrochen sich wie Ungeziefer und schlugen sich notdürftig durch. Eigentlich konnte niemand wissen, wo sie sich versteckt hielten. Doch drei Wochen zuvor war Ernestico im Vorort Hialeah wieder Ziel eines Anschlags geworden. Er stand auf dem Gehsteig vor dem Haus, in dem sie wohnten, als zwei Männer aus einem vorbeifahrenden Auto das Feuer eröffneten. Ein Schuss traf ihn am Unterarm und zerschmetterte die Speiche. Und wieder mussten sie umziehen, zum vierten Mal seit ihrem Untertauchen in Miami. Von der neuen Bleibe in Opa-locka wussten außer ihnen nur zwei Menschen: die Dame, die ihnen das Apartment vermietet hatte, und ein Junge, bei dem sie Lebensmittel vom Supermarkt Los Hispanos bestellten.

Am Morgen hatte Idalia Ernestico geweckt und ihm beim Duschen geholfen. Nach der jüngsten Schussverletzung trug er noch immer eine Armschiene. Idalia kochte ihm etwas. Nach dem Mittagessen legte sich Ernestico wieder hin, und Idalia schaltete General Hospital ein. Kurz darauf flogen die Glasscherben ins Zimmer.

Idalia sah die zwei Männer hinter Chino, die sofort aufs Schlafzimmer zusteuerten. Chino zielte mit seiner Waffe auf Idalia und drückte ab. Eine Kugel bohrte sich in ihre Brust, und sie brach zusammen. Dann stellte sich Chino über sie und schoss ihr in den Hinterkopf. Er drehte sie auf den Rücken und schlug ihr mit dem Pistolengriff ins Gesicht und auf den Mund. Idalia verlor das Bewusstsein.

Eigentlich hätte sie tot sein müssen. Aber sie war es nicht. Der Schuss in die Brust verletzte keine lebenswichtigen Organe, und die Kugel im Kopf kreiste innen um ihre Schädeldecke, ohne ins Gehirn einzudringen, und trat wieder aus. Aufgrund der Verletzungen zweifelten die Angreifer allerdings keine Sekunde an ihrem Tod.

Als sie wieder zu sich kam, lag Idalia in ihrem Blut und war umgeben von Polizisten.

»Wer war das?«, fragte ein Detective. »Haben Sie gesehen, wer auf Sie geschossen hat?«

Idalia war kaum bei Bewusstsein und konnte nicht antworten. Sie luden sie auf eine Trage und fuhren sie ins nächste Krankenhaus, wo sie sofort operiert wurde.

Später wurde sie im Krankenhaus von weiteren Kriminalbeamten besucht. Diese teilten ihr mit, dass ihr Freund ermordet worden war. Als Ernestico hörte, wie die Killer in das Apartment eindrangen, hatte er zwar nach seiner Waffe gegriffen, um sich zur Wehr zu setzen, jedoch aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit der Angreifer keine Chance gehabt. Die Polizisten fanden seine von Kugeln durchsiebte, zusammengekrümmte Leiche im Wandschrank. Ernesticos Mörder hatte ihm den Pistolenlauf an die Stirn gehalten und ihm einen Gnadenschuss zwischen die Augen versetzt.

Als sie das hörte, brach Idalia in Tränen aus. Ihr Kopf war kahl geschoren, und ihr Gesicht übel zugerichtet: zwei blaue Augen, Prellungen, die Schneidezähne zerbrochen. »Sie haben meinen Mann umgebracht.« Nur mühsam brachte sie die Worte über die Lippen. »Wir haben alles versucht, damit sie es nicht schaffen. Aber wir wussten, wir werden verlieren. Es ging einfach um zu viel Geld.«

»Sie müssen keine Angst mehr haben«, sagte ein Detective. »Wir brauchen Ihre Hilfe, Sie können uns vertrauen.«

»Estoy bien mareada, mir ist ganz schwindlig«, antwortete Idalia. Sie wusste genau, was die Polizisten von ihr wollten. »Ich habe nachgedacht. Ich kann mich nicht richtig erinnern, es ist wie in einem Film. Ich glaube, ich habe Chino gesehen, wie er reingekommen ist.«

Ein Detective redete, ein anderer machte Notizen. »Sie haben also beobachtet, wie Chino das Haus betreten hat?«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur gesagt, dass ich es glaube. Ich muss noch mal …« Idalia fing an zu wimmern.

»Was ist los, was ist los?«, fragte der Detective.

»Schmerzen.«

»Wo?«

»Überall am Kopf.«

Die Beamten rieten Idalia, sich zu entspannen. Sie hätten Zeit. Eine Schwester brachte ihr ein Glas Wasser.

»Also, was meinen Sie? Glauben Sie, es war Chino?«

»Ich glaube, es war Chino. Er muss es gewesen sein. Er kam mir so bekannt vor. Für mich war es Chino.«

»Kennen Sie Chino denn?«

»Ja, ich kenne Chino.«

Der andere Detective schrieb alles mit. Die Männer hielten inne, um den großen Augenblick zu würdigen: Das Opfer hatte den Angreifer identifiziert.

Dann erkundigten sich die Beamten, ob sie auch die anderen Killer gesehen hatte. Idalia erwiderte, sie sei nach den Schüssen bewusstlos geworden und habe deshalb nichts von den anderen mitbekommen.

Das war allerdings eine Lüge. Einen der zwei, die hinter Chino ins Zimmer gestürzt waren, hatte Idalia erkannt. Es war der Pate persönlich gewesen, José Miguel Battle.

Idalia schaute die Polizisten an. »Egal, was Sie denken, ich bin eine anständige Frau. Ich habe eine Tochter, die ich über alles liebe. Und meine Mutter auch. Ich will nicht, dass ihnen was passiert.«

Idalia war klar, dass die Polizei aufgrund ihrer Aussage nach Chino fahnden würde. Nach seiner Verhaftung würde es einen Prozess geben, bei dem sie aussagen musste, wollte sie eine Art von »Gerechtigkeit« bekommen. Das kannte sie aus Film und Fernsehen. Aber Idalia wusste, dass sich in der realen Welt manche Wahrheiten der Gerechtigkeit entzogen und dass sie bestimmte Dinge besser ließ, wenn sie nach ihrer wundersamen Rettung auch weiterhin am Leben bleiben wollte. Und dazu gehörte, dass sie unter keinen Umständen El Padrino mit hineinziehen durfte, auch wenn er gerade einen Mordversuch gegen sie verübt hatte.

»Das ist alles«, sagte sie deshalb zu den Ermittlern. »Mehr weiß ich nicht. Und jetzt lassen Sie mich bitte allein.«

TEIL I

TRAICIÓN/VERRAT

1

BRIGADE 2506

JOSÉ MIGUEL BATTLE SASS bei seinen Leuten. Sie waren um den Rumpf eines Schiffs verteilt und schauten hinaus aufs Meer oder hinauf zum Nachthimmel. Der Mond warf sein glitzerndes Licht auf die Meeresoberfläche und zeigte einen Weg, der nach Norden führte.

An Bord befanden sich fast 200 Mann mit Gewehren. Sie sprachen kaum ein Wort. Für das bevorstehende Unternehmen schien es angemessen, still in sich gekehrt über das Wesen des Kosmos nachzudenken. Battle und die anderen Soldaten hatten monatelang für diese Mission trainiert. Jetzt, unter dem Baldachin der Sterne und Planeten, lag ihr Schicksal in den Händen der Götter.

Sie waren auf dem Weg nach Kuba, um La Patria zurückzuerobern, ihr Heimatland, das ihnen ein redegewandter Despot mit Zottelbart und dicker Zigarre genommen hatte.

Das Schiff gehörte zu einer Gruppe von sechs Schiffen mit Hunderten von Leuten, die zusammen die Invasionsarmee Brigade 2506 bildeten. Der Verband hatte am Vortag um zwei Uhr morgens in Puerto Cabezas an der Küste Nicaraguas abgelegt. Die einzelnen Schiffe durchquerten die Karibik auf leicht unterschiedlichen Routen, um möglichst nicht aufzufallen. Die Männer fuhren durch die Nacht, erlebten den Sonnenaufgang, setzten ihren Weg den ganzen Tag über fort und sahen den Sonnenuntergang, ehe alle Boote im Schutz der Dunkelheit 60 Kilometer vor der Küste Kubas wieder zusammenfanden.

Mit seinen 31 Jahren gehörte Battle zu den Älteren dieser bunt zusammengewürfelten Brigade, und trotz seiner stämmigen, fast übergewichtigen Statur war er ein geborener Anführer. Der Ruf eines harten Sittenpolizisten aus Havanna eilte ihm voraus, und bei der Vorbereitung hatte man ihn aufgrund seiner Leistungen zum Leutnant und Führer eines Zugs ernannt. Seine Einheit sollte als eine der ersten an Land gehen, sobald die Flotte Kuba erreicht hatte.

Es war der 16. April 1961. Die Brigade sollte an der Südküste in der Bahía de Cochinos, der Schweinebucht, anlegen. Die Landestelle war in letzter Minute geändert worden. Tatsächlich war die Invasion der kampfeswilligen Männer in einen politischen Strudel der Kompromisse und Zauderei geraten.

Die Planung für den Einmarsch hatte schon vor Jahren unter der Regierung Eisenhower begonnen. Es handelte sich um eine verdeckte Operation der CIA. Bei seinem Amtsantritt 1961 erbte John F. Kennedy das Vorhaben. Es war umstritten – vorsichtig ausgedrückt. Die US-Regierung durfte keinesfalls den Eindruck erwecken, die Invasion in irgendeiner Form zu billigen oder gar zu unterstützen. Ohne Kriegserklärung hätte sie damit gegen internationales Recht verstoßen.

Im Oval Office äußerte Kennedy Zweifel an dem Plan, doch er steckte in einem Zwiespalt. Während des Präsidentschaftswahlkampfs 1960 hatte er seinem Gegner, Vizepräsident Richard Nixon, vorgeworfen, die Regierung Eisenhower sei zu nachsichtig gegen den Kommunismus und habe Castros Staatsstreich tatenlos hingenommen. Jetzt hätte Kennedy als Heuchler und Feigling dagestanden, wenn er die Invasion abgeblasen hätte. Stattdessen verlegte er sich darauf, systematisch einzelne Aspekte des Plans zu beschneiden, damit nicht der geringste Anschein einer militärischen Beteiligung der USA an der Operation entstehen konnte.

So fiel unter anderem die Entscheidung, die Bombardierung von Castros Luftwaffe abzubrechen. Ursprünglich sollte diese noch vor der Landung der Brigade ausgeschaltet werden. Doch nach einem Bombenangriff, der nur einen Teil der Flugzeuge lahmlegte, brach Kennedy das Ganze ab.

Die Mitglieder der Brigade 2506 hatten keine Ahnung, dass der US-Präsident mit sich rang, weil er am Sinn und den Erfolgsaussichten der Invasion zweifelte. Für sie zählte nur ihre starke Moral. Sie hatten sich dieser Mission verschrieben, und viele von ihnen hatten dafür Frauen, Kinder und ein gutes Auskommen zurückgelassen. Sie wollten es Castro heimzahlen und Kuba zurückerobern. Mit allen Mitteln.

An Bord des Führungsschiffs Blagar vertrieben sich einige Leute die Zeit mit Kartenspielen. Auch Battle, der Glücksspiele und vor allem Poker liebte, nahm an einer Runde teil. Niemand von ihnen wusste, dass der Plan zur Ausschaltung der kubanischen Luftwaffe aufgegeben worden war. Es sollte ein Überraschungsangriff sein, und die Männer rechneten nicht mit nennenswertem Widerstand. Sie konnten nicht ahnen, dass die Invasion schon vor ihrer Landung zum Scheitern verurteilt war.

IM HISTORISCHEN RÜCKBLICK HAT sich gezeigt, dass die Männer der Brigade 2506 nicht, wie häufig angenommen, aus der kubanischen Oberschicht oder aus Kreisen stammten, die mit der Diktatur Batistas zusammengearbeitet hatten. Die Vorstellung, dass die Invasion von Gegnern der Revolution veranstaltet wurde, ist nicht ganz zutreffend. Viele Brigadistas hatten die eine oder andere im Kuba der Fünfzigerjahre entstandene Dissidentengruppe mit Wohlwollen betrachtet oder unterstützt. Einige hatten sogar in der Sierra Maestra in Castros Bewegung des 26. Juli gekämpft und für die Revolution ihr Leben aufs Spiel gesetzt.

Die Organisatoren der Invasion – sowohl die CIA als auch die Führungsriege der kubanischen Castro-Gegner in den USA – hatten strikt darauf geachtet, keine Batista-Sympathisanten in die Brigade aufzunehmen. Sie wollten nicht, dass die Invasion als Gegenputsch Batistas gedeutet wurde. Neben der Rekrutierung und Ausbildung einer Invasionsarmee stellten die Organisatoren auch ein Schattenkabinett zusammen, das nach dem Sturz Castros die Macht übernehmen sollte. Keiner der Politiker hatte Verbindungen zum Batista-Regime.

Manche Mitglieder der Brigade wie José Miguel Battle hatten einen persönlichen Grund zum Groll. Sie hatten Arbeit und Existenz verloren oder waren auf besonders demütigende Weise von der Insel gejagt worden, nachdem der Staat ihr Eigentum beschlagnahmt hatte. Viele waren schockiert, als sie von den politischen Hinrichtungen durch den Revolutionsrat unter Führung Che Guevaras hörten. Andere waren desillusioniert, als sich in zunehmendem Maß die kommunistische Orientierung von Castros Regime zeigte, und fühlten sich verraten. Sie hatten an einen positiven gesellschaftlichen Wandel durch die Revolution geglaubt und mussten nun erkennen, dass nur die eine Diktatur von einer anderen abgelöst worden war. Persönlicher Schaden und politische Empörung waren starke Impulse. Die Männer der Brigade wollten mit Castro abrechnen.

Bald nach der Zusammenstellung der konterrevolutionären Truppe begann die Ausbildung in einem Geheimcamp in den Bergen von Guatemala. Eine Armee von ungefähr 1500 Männern wurde heimlich auf den Stützpunkt Trax verlegt, wo sie sechs Monate lang lebten und trainierten. Im drückend heißen Tropendschungel wurden sie von Schlangen, Spinnen und Insekten geplagt. Einige Männer brachen bei Übungen in der Hitze vor Erschöpfung zusammen. Sie waren von der Außenwelt abgeschnitten und hatten keinen Zugang zu Zeitungen, Fernsehen oder Radio.

Das Camp stand unter der Aufsicht von CIA-Agenten und Offizieren der U.S. Army und Air Force. Die Freiwilligen absolvierten täglich ein physisch und psychisch rigoroses Programm. Nicht alle schafften am Ende die körperliche Prüfung.

Wer bestand, bekam eine Nummer. Einer von ihnen starb während der Ausbildung; ihm zu Ehren erhielt die ganze Truppe seine Nummer und damit die Bezeichnung Brigade 2506.

Zu den Mitgliedern der Brigade gehörten die Brüder Fidel und Ramón Fuentes. Wie viele im Zug von José Miguel Battle kannten sie den ehemaligen Polizisten aus ihrer Zeit in Havanna. Fidel Fuentes hatte Battle bei einem Freimaurertreffen kennengelernt. Beide waren Mitglieder in dem Geheimbund, der in Kuba seit der Ankunft britischer und irischer Siedler im Jahr 1763 existierte. In späterer Zeit genoss die Organisation in manchen Kreisen hohes Ansehen. Der verehrte Patriot und Dichter José Martí war Freimaurer und angeblich auch Fidel Castro, der bei gewaltsamen Studentenunruhen Ende der Vierzigerjahre sogar in einer Loge Zuflucht gesucht haben soll.

In den Fünfzigerjahren standen Fidel Fuentes und José Miguel Battle im Kreis und schlossen die Arme zum traditionellen Ritual der Freimaurer. Diese Verbindung sollte später von Bedeutung sein, als sich Fuentes zusammen mit seinem Bruder an Bord der Blagar wiederfand und Richtung Kuba fuhr. Viele Jahre danach erinnerte sich Fidel an den Kommandanten seines Zugs: »Er war eine starke Führungspersönlichkeit. Kein anderer Chef oder Vorgesetzter war so simpático wie Battle.«

Erst vier Monate zuvor hatten die Brüder Fuentes ihrem Leben in Kuba den Rücken gekehrt und sich dem Kampf gegen Castro angeschlossen. Ihr Vater, ein kubanischer Exmilitär, hatte veranlasst, dass weit draußen auf dem Meer eine neun Meter lange Segeljacht ankerte. In der Nacht des 27. Dezember 1960 legten der 23-jährige Fidel, der 21-jährige Ramón, ihr 48-jähriger Vater und 16 andere in Ruderbooten ab. Diese waren jeweils mit vier oder fünf Leuten besetzt, weil sie in kleineren Gruppen nicht so leicht entdeckt werden konnten. Nachdem sie bei der Jacht angekommen waren, versenkten sie die Ruderboote.

Von den 19 Leuten, die an Bord gingen, gehörten acht der Familie Fuentes an. Die motorbetriebene Jacht steuerte sie sicher durch die raue See in der Floridastraße und landete an einem geheimen Ort in der Nähe von Key West. Schon wenige Tage nach ihrem Eintreffen auf US-amerikanischem Boden machten sich Fidel, Ramón und ihr Vater auf den Weg nach Guatemala.

Die Brigade 2506 setzte sich aus vier Bataillonen von jeweils rund 250 Mann zusammen. Diese wiederum waren in vier Züge unterteilt. Battles Zug gehörte dem Vierten Bataillon an, das bei Playa Girón in der Schweinebucht als Erstes an Land ging.

Fidel Fuentes konnte sich noch gut daran erinnern. »Bei unserer Landung war es zehn Minuten vor Mitternacht. Wir sind von Bord gegangen und haben auf einmal gemerkt, dass uns das Wasser bis zum Hals und zum Teil sogar über dem Kopf stand.«

Sie hörten Battles Stimme: »Die Maschinengewehre nicht nass werden lassen!«

Die Soldaten hielten ihre Waffen hoch über die Köpfe und suchten den Weg zum Strand. Dabei mussten sie sich durch die großen Felsen und das schartige Korallenriff an der Küste vor Playa Girón kämpfen und zerschnitten sich trotz ihrer Stiefel die Füße. Tropfnass und völlig erschöpft gelangten sie an Land.

Als die Brigade kubanischen Boden betrat, erlebte sie eine böse Überraschung. Castro wusste von ihrer Ankunft. Zum einen hatte die kubanische Regierung in der Exilgemeinde in den USA zahlreiche Spitzel, die Informationen über die Operation weitergegeben hatten. Damit nicht genug, hatte nur drei Tage zuvor die New York Times in einem Artikel auf der ersten Seite berichtet, dass eine Invasion bevorstand und dass es nur noch um die Frage ging, wann und wo genau sie stattfinden würde.

Die Mitglieder der Brigade waren völlig ahnungslos und entsprechend bestürzt, als sie am Strand von Scheinwerfern und Schüssen empfangen wurden. Die kubanische Armee wartete schon auf sie.

»Alle, die dabei waren«, so Fuentes, »werden Ihnen bestätigen, dass es von Anfang an eine schlimme Situation war.«

Trotzdem ließen sich die Soldaten nicht in ihrer Kampfbereitschaft beirren und erwiderten sofort das Feuer. Ein anderes Boot der Brigade spuckte Lastwagen, Panzer und Artillerie aus; weiteres Gerät sollte später auf dem Luftweg kommen.

Der Plan lautete, dass sich die Bataillone in Playa Girón und und im 45 Kilometer weiter nördlich gelegenen Playa Larga sammeln sollten. Die Landezonen erhielten die Bezeichnung Blue Beach und Red Beach. Beide Strände grenzten an das große Sumpfland Ciénaga de Zapata, das sich über rund 100 Kilometer von Osten nach Westen und 30 Kilometer von Norden nach Süden erstreckte und von dichten Hartholz- und Mangrovenwäldern bedeckt war.

Das Vierte Bataillon sollte 15 Kilometer landeinwärts in San Blas einen Kommandoposten errichten. Hauptaufgabe war die Einnahme des kleinen Flughafens in der Nähe, um den Nachschub von Lebensmitteln, Kommunikationsausrüstung und zusätzlichen Waffen aus der Luft zu sichern. Außerdem sollten sie das Krankenhaus in der nahe gelegenen Stadt Yaguaramas besetzen.

Für die Strecke nach San Blas benötigte das Bataillon einen Tag und eine Nacht. Unterwegs wurden sie teils mit schwerer Artillerie beschossen und aus der Luft bombardiert. Das war ein Schock für die Soldaten der Brigade. »Wir sind davon ausgegangen«, erinnerte sich Fuentes, »dass Castros Luftwaffe ausgelöscht war. Auf diesen erbitterten Widerstand zu Land und aus der Luft waren wir nicht gefasst.«

Noch bevor sich die Brigade richtig orientiert hatte, geschah etwas, das die Männer nie vergessen sollten. Als sie sich im Lärm des Artilleriefeuers, der Flugzeuge und Bombardements durch die Dunkelheit vorankämpften, kam von der Küste eine heftige Explosion, die den Boden unter ihren Füßen erbeben ließ. Sie drehten sich um und bemerkten eine riesige, zum Himmel aufsteigende Pilzwolke.

»Coño, verdammt«, rief ein Zugmitglied. »Hat Castro Atombomben?«

Eines ihrer Hauptversorgungsschiffe, die mit Treibstofftanks und Artilleriegeschützen beladene Río Escondido, hatte sich nach einem Treffer aus der Luft in einen donnernden Feuerball verwandelt. Doch das erfuhren die Männer erst später. Im Moment waren sie konsterniert und hatten Angst, es mit einem übermächtigen Gegner zu tun zu haben.

Die Straße nach San Blas war übersät mit vom kubanischen Militär aufgegebenen Fahrzeugen und Geschützen. Zu beiden Seiten der Strecke war Sumpf. Vor dem Dorf Covadonga näherten sie sich einer Zuckerrohrfabrik. Seit der Landung waren fast 24 Stunden vergangen; die Männer waren hungrig und erschöpft. Plötzlich schälte sich aus der Dunkelheit eine Herde Rinder, die die Straße überquerte. »Da ist unser Abendessen«, rief jemand. »Wir können sie schlachten und braten!«

Als sie auf die Kühe zusteuerten, wurde der Zug angegriffen. Mitten auf der Straße dem Feuer ausgesetzt, hatten Battles Leute keine andere Wahl, als die Rinder als Deckung zu benutzen. Die Tiere wurden in Stücke gerissen. Um ihr Leben zu retten, mussten die Männer auf ihr Essen verzichten und sich im Sumpf verstecken.

Am Ende erreichte das Vierte Bataillon doch noch seine Hauptziele: Die Soldaten errichteten einen Kommandoposten in San Blas und übernahmen das Krankenhaus in Yaguaramas. Der Feind war zwar zahlenmäßig überlegen, doch die Brigade verfügte über die bessere Ausbildung. Zumindest anfangs hatten ihre Gegner von der kubanische Armee den Großteil der Verluste zu beklagen.

Am dritten Tag der Operation hatte sich Battles Zug in San Blas verschanzt. Was dann geschah, sollte das Leben vieler Teilnehmer prägen und den Grundstein für die Legenden um José Miguel Battle legen.

RAÚL MARTÍNEZ URIOSTE HATTE noch nie von José Miguel Battle gehört, als er am 17. April als Mitglied der Kompanie C in einer C-46 von Puerto Cabezas abflog. Die Kompanie gehörte zur Brigade 2506 und umfasste vier Dutzend Fallschirmspringer. Sie waren getrennt von den anderen Soldaten in dem guatemaltekischen Landstrich La Suiza ausgebildet worden. Als sie sich der Schweinebucht in einer Flughöhe von 600 Fuß näherten, geriet das Transportflugzeug vom Boden aus unter Beschuss.

»Wir haben uns angeschaut«, erinnerte sich Martínez, »Hey, die schießen ja auf uns. Das ist real.«

Martínez hatte Kuba nach der Revolution mit 19 Jahren verlassen und im Ausbildungslager in La Suiza seinen 20. Geburtstag gefeiert. Er war mit John-Wayne-Filmen über den Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Am Morgen dieses Tages war er zusammen mit den anderen Fallschirmspringern aufgebrochen. Doch als er die Zahl 864 an der Seite der Maschine bemerkte, erschrak er. Abergläubische Kubaner messen Zahlen eine große Bedeutung bei. Acht-sechs-vier ließ sich grob übersetzen mit Tod des Soldaten im Mondschein. Oder, wie Martínez es auslegte: Muerte con muerte grande, der große Tod.

»Als ich das gesehen habe«, so Martínez, »wollte ich nicht in den Flieger.«

Doch die Ausbildung zum Soldaten setzte sich gegen den Aberglauben durch, und er ging an Bord.

Der erste Trupp sprang über San Blas ab. Martínez gehörte zu einer zweiten Einheit von 19 Männern, die über dem Gefechtsvorposten 2 abgesetzt wurden, einem Feldweg zum Dorf Covadonga. Als er auf kubanischen Boden zusegelte, hörte Martínez als Erstes etwas wie eine Polizeisirene. Moment mal, dachte er, wir sind Soldaten in einem Krieg. Und da ruft jemand die Polizei? Er war beleidigt. Doch sobald sie den Boden berührten, wussten die Fallschirmspringer, dass sie sich im Krieg befanden.

Wie sich herausstellte, gehörte die Sirene zu einem Krankenwagen, und genau den brauchte Martínez’ Einheit. Bei der Landung hatte sich ein Schuss gelöst und einen Mann am Oberschenkel getroffen. Die Fallschirmspringer beschlagnahmten den Krankenwagen und fuhren nach San Blas. Dort stießen sie auf die anderen Mitglieder der Kompanie C.

Am Kommandoposten in San Blas herrschte rege Aktivität. Über Kurzwellenfunk hörten die Männer Berichte von der Front. Die Schlacht verlief nicht wie geplant, denn sie stießen auf einen Gegner, der offenbar auf die Invasion vorbereitet war und eine unerwartet starke Infanterie und Luftwaffe aufbot. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte noch niemand die Hoffnung aufgegeben. Beunruhigend war höchstens, dass von der versprochenen Unterstützung der USA noch nichts zu sehen war.

Martínez’ Einheit erhielt von Bataillonskommandeur Alejandro del Valle den Auftrag, eine Straßensperre am Gefechtsvorposten 2 zu errichten, um den Vormarsch feindlicher Truppen nach San Blas aufzuhalten oder zu verzögern. Dazu wurde der Trupp mit neun Männern des Vierten Bataillons verstärkt, auch mit Mitgliedern von Battles Zug.

In San Blas begegnete Martínez zum ersten Mal José Miguel. Es war eine kurze Vorstellung, die er nur deshalb in Erinnerung behielt, weil Battle offenbar ähnlich wie er selbst gerne aß. »Er war dick, genau wie ich«, erinnerte er sich später.

Die Fallschirmspringer und die Leute aus Battles Bataillon machten sich auf den Weg zurück zur Front. Sie fuhren mit einem Panzer, einem Krankenwagen und einem beschlagnahmten Lastwagen. Ihre Ausrüstung umfasste unter anderem ein Maschinengewehr Kaliber 50 und ein 75mm-Leichtgeschütz ohne Rückstoß. Martínez hatte als vorgeschobener Beobachter ein Sprechfunkgerät, ein Fernglas und einen M1-Karabiner.

Südwestlich der Zuckerrohrfabrik bei Covadonga, in dem Dorf Jocuma – das nur aus einigen Häusern an der Straße bestand – blieb die Einheit den ganzen Tag über ungestört. Um halb elf abends bemerkte Martínez zwei Kilometer südlich einen feindlichen Jeep, der in ihre Richtung fuhr. »Hey«, sagte er zu seinen Mitstreitern an den Geschützen, »ich hätte ein Ziel für euch.«

Aufgeregt verließen die Männer ihre Deckung und traten nach vorn zum Straßenrand. Als sich der Jeep näherte, zielten sie mit dem Maschinengewehr und feuerten.

Offenbar trafen sie einen Benzintank, denn der Jeep explodierte zu einem Feuerball. Martínez verfolgte das Ganze durch sein Fernglas. »Der Fahrer war gefangen zwischen seinem Sitz und dem Steuerrad. Er konnte nicht raus und ist vor meinen Augen verbrutzelt.«

Viel Zeit zum Feiern blieb den Brigadistas nicht. Zehn Meter hinter dem verkohlten Jeep tauchte jetzt ein gewaltiger T-34-Panzer sowjetischer Bauart aus dem Zweiten Weltkrieg auf. Im Turm erkannten sie einen kubanischen Soldaten mit einem schwerkalibrigen Maschinengewehr. Der Schütze bemerkte sie und eröffnete sofort das Feuer.

Völlig ungedeckt waren Martínez und die anderen dem Kugelhagel schutzlos ausgeliefert. Ein Mann neben ihm brach tot zusammen. Der Soldat rechts von ihm wurde am Rücken getroffen. »Er machte den Fehler, zu schreien und wieder aufzustehen. Nach dem nächsten Treffer war er tot. Der Typ mit dem Maschinengewehr bekam eine Kugel in die Arschbacke, aber wenigstens ist er nicht aufgestanden. Deswegen hat er überlebt.« Wie durch ein Wunder blieb Martínez unverletzt. »An diesem Tag wurde ich neu geboren«, wie er es später ausdrückte.

Inzwischen näherten sich weitere feindliche Kräfte: ein zweiter Panzer und Infanterie zu beiden Seiten der Straße. Die Brigadeeinheit lief Gefahr, eingeschlossen und aufgerieben zu werden.

»Eigentlich hatte ich keine Lust, den Helden zu spielen, aber mir blieb nichts anderes übrig. Unser Maschinengewehrschütze war verletzt, also habe ich seine Waffe übernommen. Immer nach dem Grundsatz, wenn sich was bewegt, drauf schießen. Das Rumballern mit Leuchtspurpatronen hat richtig Spaß gemacht. Irgendwann kam dann der Postenführer von der anderen Straßenseite und hat gemeint, ich soll nicht so viel Munition verschwenden.«

Ein Brigadista traf mit seiner Bazooka einen feindlichen Panzer und beschädigte die Raupen so stark, dass er liegen blieb. Plötzlich zeigten sich im Turm die Insassen des Panzers, die fliehen wollten. Martínez eröffnete sofort das Feuer. Die gegnerischen Soldaten zerstreuten sich und suchten Deckung im Sumpf.

Nach einer Weile legte sich der Staub. Es war nicht zu erkennen, ob Martínez jemanden erwischt hatte. Es blieb unheimlich still, bis ein feindlicher Soldat rief: »Teniente Julio, estoy herido, Leutnant Julio, ich bin verwundet!« Anscheinend war der Vorgesetzte des Verletzten verschwunden. Wieder kam sein Ruf: »Teniente Julio, estoy herido!«

Martínez erinnerte sich: »Wir haben keinen Mucks gemacht. Dann hat sich der Typ wieder gemeldet. ›Teniente Julio, dónde estás?, Leutnant Julio, wo bist du?‹ Und einer von unseren Leuten hat ihm geantwortet: ›Folla a tu madre, maricón, der fickt gerade deine Mutter, du Schwuchtel.‹«

Darauf rappelte sich der Mann hoch, um seine Position zu verändern. Martínez und die anderen beobachteten im Mondlicht, wie er mit schussbereitem Gewehr über die Straße hinkte. »Wir haben ihn mit dem Maschinengewehr niedergemäht.« Martínez überzeugte sich davon, dass der Mann tot war. »Er war in zwei Teile zerrissen, ungelogen. Es war schrecklich, aber so ist das eben im Krieg. Entweder er oder wir.«

Die Freude über den Sieg währte nur kurz, denn schon kamen die nächsten feindlichen Fahrzeuge in Sicht. Schnell huschte Martínez zurück in den Sumpf. Die Lage schien hoffnungslos.

Dann kam der große Auftritt von José Miguel Battle.

Offenbar war ein Mitglied von Martínez’ Einheit zu Fuß geflohen und den ganzen Weg bis nach San Blas gelaufen. »Wir wurden von einer Panzerkolonne und von Infanterie angegriffen«, meldete er Kommandeur del Valle. »Das gibt ein Blutbad. Bestimmt ist die ganze Einheit schon ausradiert.«

Del Valle sprach sich dafür aus zu warten, bis die erwartete Panzerverstärkung eintraf.

Battle war anderer Meinung. »Was zögern wir noch? Ich hole meine Leute.«

»Battle«, mahnte del Valle. »Du hast nur einen Lastwagen. Das ist ein Himmelfahrtskommando. Du fährst direkt ins feindliche Feuer, und wahrscheinlich sind sie sowieso schon tot.«

»Dann bringe ich eben ihre Leichen zurück.« Battle wandte sich seinen Männern zu. »Wer kommt mit?«

Fidel und Raúl Fuentes meldeten sich sofort. »Gehen wir.«

Sie luden ein Maschinengewehr und mehrere Handfeuerwaffen auf den Laster. Das war alles. Dann brachen sie auf zur Front. Inzwischen war es bereits nach zwei Uhr früh.

Die Schotterstraße bot kaum genug Raum für den Lastwagen. Schweigend saßen die Männer da. Nur die Scheinwerfer durchdrangen das Dunkel und tanzten über den steinigen, mit Löchern übersäten Weg und die Dschungelwand an den Seiten. Der Blick auf die Straße war wie der durch ein Schlüsselloch: ein zehn Meter weit reichender Lichtkeil und dahinter finsterer Abgrund. Mit Sicherheit durchstreiften feindliche Patrouillen das Gelände. Es war eine Reise ins Ungewisse, die jede Sekunde im Kugelhagel eines Maschinengewehrs oder im Artilleriefeuer hätte enden können.

An derselben Straße ein ganzes Stück weiter harrten Raúl Martínez und seine Einheit seit mindestens zwei Stunden in einem Graben aus. Sie hatten nur drei Todesopfer zu beklagen, angesichts des massiven Angriffs gegen sie eine erstaunlich niedrige Zahl. Doch nun saßen sie fest und mussten mit dem Schlimmsten rechnen, sobald die Sonne aufging. Einige sprachen schon ihre Gebete.

»Dann hörten wir einen näher kommenden Lastwagen«, erzählte Martínez. »Wir haben Ausschau gehalten, und da war er, einer von uns. Sogar die Scheinwerfer waren an. Ich sage Ihnen, diese Kerle hatten wirklich Mumm.«

Martínez rief den Lastwagen an. Battle und die Fuentes-Brüder bemerkten die Männer und stoppten.