Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Im März 1943 ist Tina noch nicht ganz drei Jahre alt, als ihre Mutter unerwartet stirbt. Ihr Vater heiratet nur wenige Wochen später erneut und überträgt Tinas Erziehung der neuen Ehefrau. Beruhigt und in festem Glauben, zum Wohle seines Kindes gehandelt zu haben, kehrt er an die Front zurück. Die Stiefmutter aber ist weit davon entfernt, dem Kind die Mutter zu ersetzen, da in ihrer Lebensplanung nur die eigene Versorgung vorgesehen ist. Bald wird sie des Kindes überdrüssig und sucht nach Mitteln und Wegen, es loszuwerden. Nach ständigem Nahrungsentzug schreckt sie nach und nach auch nicht vor heimtückischen Mordanschlägen zurück. So wird Tinas Leben über einen längeren Zeitraum hinweg von ständigem Hunger, Qualen und Todesängsten begleitet. Nur ihrem starken Überlebenswillen und der Aufmerksamkeit von Nachbarn ist es zu verdanken, dass sie diese schreckliche Zeit überlebt. Stationen dieses erschütternden Dramas sind München, ein einsamer Bauernhof im Allgäu und schließlich ein Dorf im heutigen Rhön-Grabfeld-Kreis. 2004 wird Tina erneut mit ihrer schrecklichen Vergangenheit konfrontiert, als sie in Florian, dem Freund ihrer Stieftochter Melanie, einen Enkel der verhassten Stiefmutter vermutet.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Trotz schmerzlicher Erinnerung
an all das Schreckliche,
das ihr in der Kindheit widerfahren war,
konnte sich Tina den Glauben an das Gute im
Menschen bewahren.
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Von ihrem Navi geleitet verließ Tina an einem Sonntag im Juli 2004 die A 7 und setzte ihre Reise auf der sich anschließenden Bundesstraße fort. Sie war am Morgen in Würzburg losgefahren und befand sich nun in einer zauberhaften Voralpenlandschaft. Beim Anblick der reizenden Umgebung fasste sie den spontanen Entschluss, für kurze Zeit ihre bisherige Route zu verlassen, um einen der kleinen Orte abseits der Fernstraße aufzusuchen. Dort bewunderte sie von ihrem Wagen aus die prachtvollen alten Häuser, deren Fassaden wegen ihrer Fülle an bunten Geranien in allen Farben leuchteten. Während sie ihr Fahrzeug weiterhin langsam durch den hübschen Ort lenkte, streifte ihr Blick die Terrasse eines Eiscafés, wo sich etliche junge Leute beiderlei Geschlechts unter hellen Sonnenschirmen aufhielten. Diese Momentaufnahme rief in ihr den Wunsch nach einer kleinen Erfrischung hervor, und die Aussicht auf eine damit verbundene, willkommene Pause veranlasste sie, einen schattigen Parkplatz aufzusuchen.
Als sie ausstieg, herrschten um sie herum unerwartet hohe Temperaturen, die ihr vorübergehend das Atmen erschwerten. Sie machte sich auf den Weg und schlich dicht an den alten Häusern entlang. Doch die fast senkrecht stehende Sonne verhinderte, dass ihr die Hauswände den erhofften Schatten spendeten. So vergingen für sie endlos lange Minuten, bis sie das Café erreichte und dort wegen der angenehmen Raumtemperatur endlich wieder durchatmen konnte. Während sie die Eis- und Getränkekarte studierte, hörte sie von der Terrasse her die fröhliche Unterhaltung der jungen Leute, die den hochsommerlichen Temperaturen im Freien zu trotzen schienen. Eine junge Italienerin, die sie gerade mit Erfrischungen versorgt hatte, kam nun zu Tina an den Tisch und fragte sie nach ihren Wünschen. Sie bestellte einen Eiskaffee.
Am Vortag war Tinas heile Welt von einem Augenblick auf den anderen aus den Fugen geraten. Dies hatte sie veranlasst, an diesem Morgen zu einer für sie wichtigen Recherche ins Allgäu aufzubrechen.
Melanie, ihre Stieftochter und deren Freund Florian hatten am gestrigen Samstag Vormittag ihre Urlaubsreise an die Ostsee in Würzburg unterbrochen, um ihr und ihrem Gatten einen Kurzbesuch abzustatten. Bei dieser Gelegenheit hatten sie Melanies Freund kennengelernt. Melanie und Florian waren beide 28 Jahre alt und arbeiteten als Assistenzärzte in einem Münchner Klinikum.
Als die Bedienung den Eiskaffee servierte, wurde Tina aus ihren Gedanken aufgeschreckt. Sie bedankte sich und begann den kalten, mit schmelzendem Vanilleeis gefüllten Kaffee bedächtig über einen Strohhalm zu trinken. Wenig später saß sie wieder grübelnd da und nippte hin und wieder an ihrem Getränk, ohne es zu registrieren. Sie war erneut in Gedanken bei Melanie, die sie liebte wie eine eigene Tochter. Seit deren viertem Lebensjahr war sie ihr eine treusorgende Mutter gewesen, stets darauf bedacht, dem Kind all die Liebe und Geborgenheit zu schenken, die ihr in ihrer eigenen Kindheit versagt geblieben waren. Und während Melanie zum Teenager und zur jungen Frau heranwuchs, war sie ihr immer als einfühlsame Freundin und gute Ratgeberin zur Seite gestanden. Tina war davon überzeugt gewesen, Melanie alles mitgegeben zu haben, um die Hürden des Lebens problemlos zu meistern.
Bisher schien in Melanies Leben auch alles nach Plan zu verlaufen. Doch mit dem Besuch des jungen Paares war eine unerwartete Situation eingetreten, die Tina in tiefe Besorgnis um Melanies Zukunft gestürzt hatte. Denn seit dem Vortag befürchtete sie, dass Florian ein Nachfahre der Familie sein könnte, durch die sie in ihrer Kindheit so viel Qualvolles erlitten hatte. Schon der bloße Gedanke an diese unheilvolle Konstellation brachte sie an den Rand der Verzweiflung. Sollte sich definitiv herausstellen, dass Melanies Freund aus dieser besagten Familie stammte, dann bestanden für sie keinerlei Zweifel, dass in seinen Genen noch Spuren der Bösartigkeit und Grausamkeit seiner Vorfahren vorhanden waren. Gleichzeitig beschäftigte sie sich mit der bangen Frage, wie sie nach einer Bestätigung ihres Verdachts Melanie dazu bringen könnte, ihre Liaison mit Florian noch einmal zu überdenken, ohne Gefahr zu laufen, sich mit ihr zu überwerfen.
Florian hatte am Vortag erwähnt, dass sich sein Elternhaus in der Nähe des Städtchens S. im Allgäu, auf dem Grund und Boden eines ehemaligen Bauernhofs namens „Waldbruch“ seiner Vorfahren befinde. Der Name „Waldbruch“ aber ist für Tina noch heute der Inbegriff unbeschreiblichen Leids. Zugefügt hatte ihr dieses Leid ihre Stiefmutter, als sie im Alter von drei Jahren gezwungen war, mit ihr mehrere Monate in deren Elternhaus, einem Allgäuer Bauernhof gleichen Namens, zu verbringen. Auch die Eltern und die Schwester der Stiefmutter hatten damals Schuld auf sich geladen, da sie die Übergriffe sehenden Auges gebilligt haben. Die Stiefmutter hatte zudem keine Skrupel, das Kind selbst dann weiterhin zu quälen, nachdem sie mit ihm nach Franken, in Wohnortnähe der Familie seines Vaters, umgezogen war.
Tina hatte bisher nicht gewusst, wo genau im Allgäu die Grausamkeiten an ihr verübt worden waren. Nun gab es durch Florian vielleicht einen Hinweis auf diesen grauenvollen Ort. Doch das Ergebnis ihrer Recherche sollte nicht primär zum Ziel haben, ihren Verdacht zu bestätigen, sondern vielmehr einen Zusammenhang zwischen Florians Waldbruch und dem ihrer Kindheit möglichst auszuschließen. Zwar deuteten mehrere Fakten auf eine Übereinstimmung hin, doch Tina klammerte sich verzweifelt an die ihr verbliebene Hoffnung, dass sich für alles eine einleuchtende Erklärung werde finden lassen, der zufolge Florian zu einer völlig anderen Familie gehörte, und sich das schreckliche Geschehen ihrer Kindheit in einer ganz anderen Region des Allgäus zugetragen hatte.
Bedächtig löffelte Tina das nicht geschmolzene Vanilleeis aus dem Glas. Dann legte sie den Rechnungsbetrag inkl. eines angemessenen Trinkgeldes auf den Tisch und verließ das Café. Am Parkplatz angekommen, stellte sie erleichtert fest, dass das Wageninnere dank der schattenspendenden Bäume nicht so sehr aufgeheizt war, wie sie befürchtet hatte. So konnte sie ihre Fahrt ohne Verzögerung in Richtung ihres angestrebten Ziels fortsetzen. Sie verließ den kleinen Ort und lenkte ihren Wagen zurück auf die Bundesstraße. Auf der letzten Etappe ihrer Reise fuhr sie, vermutlich aus einem unbewussten Bedürfnis heraus, „es hinter sich zu bringen“, etwas zügiger als vor ihrem Zwischenstopp.
Gegen 13.00 Uhr erreichte sie schließlich mithilfe ihres Navis ihren Zielort, das auf einer Anhöhe gelegene, im Landhausstil erbaute Hotel im Städtchen S. Sie stellte ihren Wagen auf dem Hotel-Parkplatz ab, nahm ihren Trolley aus dem Kofferraum und strebte mit raschen Schritten dem Eingang zu. Beim Betreten des Gebäudes war sie glücklich, sich vor der Hitze in Sicherheit bringen zu können. An der Rezeption wurde sie von der gleichen jungen Dame freundlich begrüßt und willkommen geheißen, die am Morgen ihre telefonische Buchung entgegengenommen hatte. Nach Erledigung der üblichen Formalitäten erhielt Tina von ihr den Zimmerschlüssel ausgehändigt. Da sie nicht erwartet hatte, schon um diese Uhrzeit ihr Zimmer beziehen zu können, freute sich nun umso mehr darüber. Einem Ständer an der Rezeption entnahm sie einen übersichtlichen Stadtplan, in dem auch die nähere Umgebung von S. eingezeichnet war.
Nach Betreten ihres Zimmers im ersten Stockwerk ließ sie sich in einen der bequemen Sessel fallen und begann neugierig den mitgebrachten Plan zu studieren. Sehr schnell wurde sie auf einen schmalen und geschlungenen Wasserweg von der Breite eines Bachs oder kleinen Flusses aufmerksam, der das Städtchen in seinem südlichen Drittel durchschnitt. Mit ihrem Zeigefinger folgte sie dem Flusslauf in beide Richtungen und stieß flussaufwärts auf ein weit außerhalb des Ortes gelegenes, einzelnes Gebäude, das direkt am Flussufer eingezeichnet war. Nicht sonderlich glücklich über ihre Entdeckung nahm sie sich vor, sich während ihres geplanten Ausflugs zuerst in die Richtung dieses Gebäudes zu begeben. Laut Plan war es als Restaurant ausgewiesen, doch sie wollte sichergehen, dass sich dahinter nicht die Mühle verbarg, die in ihrer Kindheit eine besondere Rolle gespielt hatte.
Nach Beendigung ihres Planstudiums nahm sie ihr Mobiltelefon zur Hand und teilte ihrem Gatten Rolf ihre Ankunft in S. mit. Sie bedauerte, dass es ihr wegen der unerträglichen Hitze im Augenblick nicht möglich sei, schon jetzt festzustellen, ob sie sich hier am Ort ihrer Kindheit befand oder nicht.
Nach dem Telefonat meldete sich bei ihr noch deutlicher als bei ihrer Ankunft ein Hungergefühl, das sie veranlasste, das Restaurant im Erdgeschoss aufzusuchen. Die Bedienung geleitete sie an einen kleinen runden Tisch und überreichte ihr Speise- und Getränkekarte. Tina musste nicht lange suchen und entschied sich für einen Salat mit Meeresfrüchten und frischem Baguette. Aus der Getränkekarte wählte sie einen Riesling und ein Mineralwasser. Nach wenigen Minuten brachte ihr die Servicekraft Wein und Wasser, und goss jeweils einen Teil der Getränke in die dafür vorgesehenen Gläser. Bis das Essen serviert wurde, konnte sie nun wieder ihren Gedanken nachhängen.
Nun ließ sie die Ereignisse, die der Grund für diese Reise waren, wie in einem Film vor ihrem inneren Auge ablaufen: Melanie hatte am Telefon darum gebeten, während ihres Besuchs keinen großen Aufwand zu betreiben, sondern ihnen allenfalls Kaffee und Kuchen zu servieren. Denn ihre Zeit sei knapp bemessen, da sie am frühen Abend zumindest Hamburg erreichen wollten.
Nach Ankunft des jungen Paares am späten Vormittag wurde es von Tina und Rolf ins Esszimmer gebeten, um mit ihm bei Kaffee und Kuchen zu plaudern, und um Florian näher kennenzulernen. Tina hatte bereits den Tisch gedeckt, in dessen Mitte ihr selbstgebackener Apfelkuchen, Melanies Lieblingsgebäck, stand.
Schon kurz nach Beginn ihrer Beziehung zu Florian hatte Melanie ihre Stiefmutter davon unterrichtet, dass ihr Freund mit Nachnamen „Engel“ heiße, so wie Tinas Mädchenname gelautet hatte. Während der gestrigen Unterhaltung kam Melanie erneut auf das Thema zu sprechen und fügte scherzhaft hinzu: „Vielleicht seid ihr verwandt und ihr wisst es nur nicht.“
„Du kommst aus dem Allgäu?“, fragte Tina, an Florian gewandt. Florian bejahte und ergänzte, dass er bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr inmitten der Kleinstadt S. gewohnt habe. Danach sei er mit seinen Eltern in ihr jetziges Domizil, weit außerhalb des Ortes, umgezogen.
„Es war ursprünglich ein kleiner, freistehender Bauernhof, den unsere Vorfahren noch bis in die neunzehnhundertfünfziger Jahre bewirtschaftet haben.“, fuhr Florian fort.
„Auf dessen Grund und Boden haben meine Eltern seit den neunziger Jahren nach und nach ein völlig neues Gebäudeensemble errichtet. Neben dem Wohnhaus existiert ein Gebäude, in dem mein Vater seine Steuerberaterkanzlei betreibt, und einen weiteren Trakt haben meine Eltern mit schönen Ferienwohnungen ausgestattet. Meine Mutter reduzierte daraufhin ihren Fulltime-Job als Lehrerin und kümmert sich nun in ihrer Freizeit ausschließlich um ihre Gäste. Den Namen „Waldbruch“, wie der Hof einst von unseren Vorfahren genannt wurde, haben meine Eltern für das Ensemble nicht mehr verwendet. -------"
Bei der unerwarteten Erwähnung des Namens „Waldbruch“ glaubte Tina den Boden unter den Füßen zu verlieren. In ihrer Panik war sie nicht mehr in der Lage, Florians weiteren Ausführungen zu folgen und vernahm seine Stimme wie aus weiter Ferne. Kaum hatte er geendet, zog sie sich unter dem Vorwand, den Kaffee zubereiten zu müssen, fluchtartig in die Küche zurück. Schon war Melanie aufgesprungen und rief ihr hinterher, dass sie ihr helfen komme. Doch Melanies Anwesenheit in der Küche konnte Tina jetzt am allerwenigsten gebrauchen. Sie nahm daher ihre ganze Kraft zusammen und rief ihr über die Schulter zu: „Ich mach’ das Bisschen schon alleine. Lass’ dich heute mal von mir verwöhnen!“
Tina zitterte am ganzen Körper und musste sich in der Küche an einen der Schränke lehnen. Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen. Schließlich redete sie sich ein, es könne sich hier nur um eine zufällige Namensgleichheit zweier verschiedener Familien und deren Bauernhöfe handeln. Das Ganze ergäbe ja nur Sinn, wenn Florians Vater ein unehelicher Sohn ihrer Stiefmutter wäre.
Plötzlich erhöhte sich ihr Pulsschlag erneut, da sie den letzten Gedanken gar nicht so abwegig fand. Denn sie wusste von einer neuen Partnerschaft ihrer Stiefmutter Anfang bis Mitte der 1950iger Jahre und hatte den Partner sogar während einer seltsamen Begegnung selbst kennengelernt. Außerdem erinnerte sie sich, dass ihre Stiefmutter 1956 von einem auf den anderen Tag ihre gemeinsame Heimat verlassen hatte, nachdem ihr Lebensgefährte kurz zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Nun fragte sie sich, ob vielleicht eine Schwangerschaft der Grund für ihre überstürzte Abreise gewesen sein könnte.
Nach wenigen Minuten hatte sie sich wieder soweit gefasst, dass sie sich in der Lage sah, die gewünschten Kaffeevarianten am Automaten zuzubereiten. Mit den gefüllten Kaffeetassen auf dem Tablett ging sie schließlich zurück ins Esszimmer. Beim Wiedereintreten bemerkte sie am prüfenden Blick ihres Mannes, dass ihm ihre Panikattacke am Esstisch nicht entgangen war. Beruhigt stellte sie fest, dass zumindest Melanie und Florian ihre Gefühlswallung nicht bemerkt hatten.
Tina spielte einen Augenblick lang mit dem Gedanken, sich Gewissheit über Florians Herkunft zu verschaffen, indem sie ihn nach dem Vornamen seiner Großmutter fragte. Doch schnell verwarf sie den Gedanken wieder, da sie nicht wusste, wie sie die Frage begründen und gleichzeitig deren Hintergrund verbergen sollte. Stattdessen erkundigte sie sich bei ihm diskret nach dem Alter seiner Eltern, und Florian ließ sie wissen, dass sein Vater achtundvierzig und seine Mutter siebenundvierzig Jahre alt sei. Tinas daraus resultierende Feststellung, dass Florians Vater bei der Geburt seines Sohnes tatsächlich nicht älter als zwanzig war, passte fatalerweise wie ein weiteres Puzzleteilchen zu ihren bisher gesammelten Fakten.
Während Melanies und Florians verbleibenden Aufenthalts bemühte sich Tina, sich ihre innere Zerrissenheit nicht anmerken zu lassen. Aber es kostete sie eine ungeheure psychische Kraftanstrengung, ihren Teil zu einem ungetrübten und herzlichen Verlauf der Unterhaltung beizutragen. Als sie bei der Verabschiedung des Paares dem jungen Mann direkt gegenüberstand, musterte sie unauffällig seine Augen, um darin nach Anzeichen von Kälte, Bosheit oder Abweisung zu forschen, Eigenschaften, die ihr von den Augen der Stiefmutter unauslöschlich im Gedächtnis hafteten. Doch in Florians freundlichem Blick konnte sie nichts Beunruhigendes feststellen.
Rolf sprach Tina auf ihre plötzliche Veränderung erst an, nachdem sich Melanie und Florian verabschiedet hatten. Nun erzählte sie ihm von ihrem furchtbaren Verdacht, und Rolf zeigte sich über diese unerwartete Entwicklung ebenso besorgt, wie seine Ehefrau.
Am Abend nach dem Zubettgehen wollte sich bei Tina der Schlaf nur schwer einstellen. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um die potentiell unheilvolle Verbindung zwischen Melanie und Florian. Wenn es ihr dennoch ab und zu gelungen war, ein wenig Schlaf zu finden, wurde sie von unangenehmen Träumen heimgesucht, die auch in ihre Kindheit zurückreichten.
Noch während der Nacht reifte in ihr der Plan, am Morgen ein Hotel in S. ausfindig zu machen, um an Ort und Stelle zu ergründen, ob sich dort das ehemalige Gehöft befand, in dem sie einen Teil ihrer schrecklichen Kindheit verbracht hatte. Sie wusste aber auch, dass es ein schwieriges Unterfangen war, eine Gegend wiederzuerkennen, in der sie als kleines Kind nur kurze Zeit gelebt hatte.
Während des gemeinsamen Frühstücks eröffnete Tina ihrem Gatten den während der Nacht gefassten Plan. Anfangs stand Rolf dem Vorhaben seiner Frau sehr skeptisch gegenüber. Als sie ihm jedoch noch einmal das Leid schilderte, das sie durch ihre Stiefmutter und andere Mitglieder der Familie erfahren hatte, und ihm damit darzulegen versuchte, in welch schreckliche Familie seine Tochter möglicherweise einheiratete, gab er seinen Widerstand auf. Schließlich wollte auch er Gewissheit über Florians Herkunft erhalten, bevor es vielleicht zu spät war. Gerne hätte er Tina begleitet, um sie bei ihrer Recherche zu unterstützen. Doch wegen eines laufenden Verfahrens in seiner Eigenschaft als Anwalt, auf das er sich noch einige Tage lang vorbereiten musste, blieb er unabkömmlich.
Tina genoss den Salat zusammen mit dem Riesling und bestellte sich nach der Hauptmahlzeit einen fruchtigen Nachtisch. Inzwischen hatte sich das Wetter dramatisch verändert, was ihr aber wegen der getönten Butzenscheiben und der ständigen Raumbeleuchtung im Restaurant nicht aufgefallen war. Erst als sie sich durch dumpfes Donnergrollen veranlasst sah, aus dem Fenster zu blicken, registrierte sie, dass das gleißende Sonnenlicht dunklen Gewitterwolken gewichen war, und die Baumwipfel vor dem Hotel in heftigen Windböen hin- und herschwankten.
Tina ließ den Mittagstisch auf ihre Hotelrechnung setzen und verließ das Restaurant. In ihrem Zimmer öffnete sie nacheinander die beiden Fenster und schloss vorsorglich die Fensterläden. Schon hatte starker Regen eingesetzt, der ihr während des vorübergehenden Öffnens ins Gesicht spritzte. Die Pausen zwischen Blitz und Donner verkürzten sich rasant, und in wenigen Minuten schien es, als stünde ein schweres Gewitter, begleitet von heftigem wolkenbruchartigem Regen, direkt über dem Hotel. Das anfängliche Donnergrollen hatte sich nach und nach in ein detonationsähnliches Krachen verwandelt, das Tina vor Angst erbeben ließ. Sie befürchtete, dass in ihrer unmittelbaren Umgebung ein Blitz einschlagen und eine Schneise der Verwüstung verursachen könnte. Ihre panische Angst vor schweren Gewittern hatte ihren Ursprung in der Bombennacht vom 9. auf den 10. März 1943 in München, in der sie mit knapp drei Jahren allein und schutzlos in der Wohnung ihrer Eltern den alliierten Luftangriffen ausgesetzt war. Diese Angstattacken bei Gewittern hatten sie während ihrer gesamten Kindheit begleitet, und selbst im Erwachsenenalter war es ihr nicht vollständig gelungen, sich davon zu befreien.
Ohne sich zu entkleiden legte sie sich aufs Bett und begrub ihren Kopf unter einem Kissen. Nach etwa einer halben Stunde begann sich das Unwetter zu beruhigen, und sie schlief unversehens ein. Der Schlafmangel der vergangenen Nacht und die anstrengende Autofahrt hatten offenbar nun ihren Tribut gefordert.
Tinas Vater Georg kam ursprünglich aus einer Kreisstadt an den Ausläufern der bayerischen Rhön. Er hatte noch drei weitere Geschwister. 1938 ging er in der Absicht nach München, um die Unteroffizierslaufbahn einzuschlagen. Als häufiger Gast in einem Caféhaus am Stachus lernte er 1939 Theresa, Tinas Mutter, kennen, die dort als Bedienung arbeitete. Theresa stammte aus Esting bei München und war das zweitjüngste von sechs Kindern. Im Oktober 1939 heiratete das Paar und bezog eine Wohnung in der Adlzreiterstraße in Münchens Schlachthofviertel. Ihre gemeinsame Tochter Tina kam Ende April 1940 zur Welt.
Anfang März 1943 zählte Tina noch nicht ganz drei Jahre. Sie hatte früh sprechen gelernt und war ein sehr aufgewecktes und wissbegieriges Kind. Aufmerksam verfolgte sie alles Geschehen um sich herum, und wenn sie etwas, das sie sah oder hörte, nicht sofort einordnen konnte, versuchte sie diesen Mangel durch hartnäckiges Nachfragen auszugleichen. Diese Eigenschaft forderte ihrer Mutter oftmals ein hohes Maß an Geduld ab.
Nachts durfte Tina neben ihrer Mutter im Ehebett schlafen, da sich ihr Vater seit geraumer Zeit mit seinem Regiment in Kroatien aufhielt. Er und seine Kameraden waren abgestellt worden, um die kommunistischen Partisanenüberfälle auf die dort stationierte Wehrmacht einzudämmen. Im Frühjahr/Sommer des vergangenen Jahres hatte er sich letztmals auf Heimaturlaub befunden.
In den vergangenen Wochen war mehrmals nächtlicher Fliegeralarm ausgelöst worden, und Theresa hatte sich gezwungen gesehen, mit ihrer Tochter den Luftschutzkeller aufzusuchen. Glücklicherweise waren in ihrem Stadtteil auf die jeweiligen Alarme bis dahin keine Luftangriffe erfolgt.
Wenn nachts der Fliegeralarm ertönte, hatten Mutter und Kind genügend Zeit, um aufzustehen, sich anzukleiden und die Mäntel überzuziehen. Dann ergriff Theresa den in der Diele bereitstehenden und mit allem Nötigen gepackten Koffer, und sie machten sich auf den Weg in Richtung Luftschutzraum. Man hatte zu diesem Zweck ein Kellergewölbe in einem weiteren Mietshaus, das nur hundert Meter weiter auf der gleichen Straßenseite lag, entsprechend ausgestattet. So mussten Mutter und Kind nach Auslösen des Alarms nicht allzu weit gehen.
Schon bei einem der ersten Fliegeralarme, an die sie sich erinnern kann, wollte Tina von ihrer Mutter wissen, warum sie beide inmitten der Nacht aus ihren warmen Betten aufstehen, und in einen Keller gehen müssten. Theresa hatte bereits erwartet, dass ihre Tochter diese Frage stellte, und versuchte ihr während des Ankleidens den Sachverhalt kindgerecht zu erklären:
„Wenn die Sirenen heulen, mein Schatz, wollen sie uns damit sagen, dass böse Flugzeuge am Himmel sind, die uns Wehweh machen wollen. Damit uns aber diese bösen Flugzeuge nicht finden, müssen wir uns vor ihnen in einem Keller verstecken.“
Tina war von der Erklärung ihrer Mutter tief beeindruckt, und auf dem Weg in den Schutzraum malte sie sich ein schlimmes Szenario aus, was wehweh-machende Flugzeuge alles anrichten können.
Dem Aufsuchen des Luftschutzkellers zu Nacht schlafender Zeit konnte Tina bald auch eine angenehme Seite abgewinnen, da sie dort immer wieder mit ihren Freunden zusammentraf. Die Kinder wurden jedes Mal in Decken gehüllt und in die oberste Etage ehemaliger Obstregale verfrachtet. Dort sollten sie sofort wieder einschlafen, waren aber wegen der plötzlichen Schlafunterbrechung innerlich so aufgewühlt, dass sie zum Leidwesen der Erwachsenen allerlei Unsinn trieben.
Am Morgen nach dem nächtlichen Aufenthalt im Luftschutzraum achtete Theresa sorgsam darauf, dass Tina lange genug im Bett blieb und tüchtig ausschlief. Sie nutzte die Zeit, um sich ungestört ihrem Haushalt zu widmen oder Einkäufe zu tätigen. Ging sie außer Haus, so benötigte sie nie länger als eine halbe Stunde, um Lebensmittel einzukaufen, da sie im nahegelegenen Bäckerladen neben Brot auch vieles andere zum Leben Notwendige besorgen konnte. Für den Fall, dass es während ihrer Abwesenheit an der Wohnungstür läutete, hatte Theresa ihrer Tochter eingeschärft, niemandem zu öffnen.
Eines Morgens verkündete Theresa ihrer Tochter beim Kämmen ihrer Haare, dass sie bald ein Brüderchen oder ein Schwesterchen bekomme. Nach Ausdruck ihrer Freude über das zu erwartende Geschwisterchen fragte sie, ob es mit der Post komme, oder wer es sonst bringe, und die Mutter bemühte die Geschichte vom Klapperstorch. Die Niederkunft war für Ende März geplant, und Theresa hatte schon seit längerem damit begonnen, sich nach und nach die für den Säugling erforderliche Ausstattung zu beschaffen.
Beinahe regelmäßig kam Theresas zwei Jahre ältere Schwester Anni aus Perlach, die auch Tinas Patentante war, zu Besuch. Sie brachte auch immer ihre Kinder mit. Das Annerl war zwei Jahre älter als Tina, und Martin genau so alt wie sie. In letzter Zeit häuften sich Annis Besuche, da sie sich um die Schwester wegen deren bevorstehender Niederkunft sorgte. Tina waren diese Besuche eine willkommene Abwechslung, denn sie liebte ihre Patentante und spielte gern mit ihrer Cousine und ihren Cousin.
Auch Theresas jüngere Schwester Marie schaute regelmäßig an ihren freien Wochenenden vorbei. Darüber freute sich Tina ebenso sehr, wie über Tante Annis Besuche. Marie war Anfang zwanzig und wohnte noch bei ihren Eltern in Esting. Im Augenblick sah Tina Tante Maries nächstem Besuch mit Bangen entgegen, da sie der Puppe, einem Geschenk von ihr, bei einem unglücklichen Manöver einen Arm ausgerissen hatte. In diesem desolaten Zustand durfte Tante Marie die Puppe unter keinen Umständen zu Gesicht bekommen, und deshalb hatte Tina sie sorgfältig in der Wohnküche versteckt.
Der 9. März 1943 schien ein Tag wie jeder andere zu sein. Doch er sollte für das kleine Mädchen der Beginn eines nicht enden wollenden Albtraums werden.
Wie gewohnt, war Tina am Abend von ihrer Mutter in eines der Ehebetten gebracht worden und nach der üblichen Gute-Nacht-Geschichte schnell eingeschlafen. In der Nacht ertönte wieder Fliegeralarm. Tina war sofort hellwach und erwartete den in solchen Augenblicken eingespielten Ablauf, dass sich die Mutter erhob, sich ankleidete und sie aufforderte, das Gleiche zu tun. Doch ihre Mutter machte sich weder durch eine Bewegung, noch durch einen Laut bemerkbar. Tina konnte sie nicht sehen, da während des Krieges absolute Verdunkelung der Fenster vorgeschrieben war, und sie es aufgrund einer früheren Anweisung ihrer Mutter nicht wagte, das Licht anzumachen. In diesem Augenblick fragte sie sich, ob sich ihre Mutter wirklich im Zimmer befand.
Mit einer ihrer kleinen Hände tastete sie sich nun hinüber zur anderen Seite des Doppelbettes und konnte das seidige Nachthemd ihrer Mutter fühlen. Sie fand heraus, dass ihre Mutter auf der Seite lag und ihr den Rücken zukehrte. Sich weiter vortastend erreichte sie den nackten Arm der Mutter, der über der Zudecke lag. Er fühlte sich ungewöhnlich kühl an. Vorsichtig strich sie mit der Hand über den kalten Arm, doch die Mutter blieb davon unbeeindruckt. Anschließend versuchte Tina durch halblautes Rufen auf sich aufmerksam zu machen. Als auch dieses Vorhaben nicht den gewünschten Erfolg hatte, brach sie alle weiteren Versuche ab, die Mutter in ihrer Ruhe zu stören. Sie legte sich in ihr Bett zurück und suchte nach einer Erklärung für das ungewohnte Verhalten ihrer Mutter. Sie vertraute ihr selbst in dieser befremdlichen Situation und kam daher zu folgendem Schluss:
‚Die Mama weiß sicher besser als die Sirenen, dass heute Nacht keine bösen Flugzeuge kommen.’
Mit dem beängstigenden Sirenengeheul vermischte sich wenig später unheildrohendes Brummen und Dröhnen, das langsam aber stetig zu einem lautstarken Tosen anschwoll. Ihr kam schlagartig in den Sinn, dass dies die bösen Flugzeuge sein mussten, von der ihre Mutter gesprochen hatte. Diese Erkenntnis löste bei ihr lähmendes Entsetzen aus.
Nach dem Tosen hörte das Kind grässlich lautes Pfeifen, Krachen und Bersten, furchteinflößende Geräusche, die ihm bis dahin völlig fremd waren. Sie erschütterten das gesamte Zimmer, ließen das Bett erzittern und Gegenstände zu Boden fallen. Vor Angst bebend setzte es sich auf und rief jetzt ganz laut nach seiner Mutter, während es hilfesuchend beide Arme nach ihr ausstreckte. Doch seine Berührung wurde nur von einer abweisenden Kälte erwidert.
In ihrer kindlichen Vorstellung fürchtete Tina, jeden Augenblick könne ein Flugzeug durchs Fenster hereinfliegen und ihr „Wehweh machen“. In entsetzlicher Panik und Hilflosigkeit vor sich hin wimmernd zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und hoffte, auf diese Weise von den Flugzeugen nicht gesehen zu werden. Nach endlos scheinendem Bangen hatte der höllische Spuk irgendwann ein Ende, und ermattet vom grauenvollen nächtlichen Erlebnis fand sie schließlich den erlösenden Schlaf.
Sie hatte keine Vorstellung, wie lange sie geschlafen hatte, als sie durch lautes Stimmengewirr, das von der Straße her zu kommen schien, geweckt wurde. Ebenfalls von außen kommend breitete sich ein Geruch nach Verbranntem im Zimmer aus. Sie stieg aus dem Bett und tastete sich in völliger Dunkelheit an eines der beiden Fenster, wo sie nach der Kordel des Rollos suchte. Schließlich tat sie etwas, was ihr die Mutter strikt verboten hatte: Mit einem kurzen Zug an der Kordel öffnete sie das Verdunkelungsrollo. Schlagartig drang gleißendes Tageslicht in das Zimmer, wodurch sie sich vorübergehend geblendet fühlte.
Ihre erste Aufmerksamkeit galt nun ihrer Mutter, die unverändert auf der Seite lag und noch immer zu schlafen schien. Vom Fenster aus schweifte Tinas Blick vom rosarot geblümten Nachthemd der Mutter über deren seltsam verfärbten Hals und Wange. Sie registrierte, dass auch dem nackten Arm, der über der Bettdecke lag, die gewohnte rosige Farbe fehlte. So völlig verändert hatte sie ihre Mutter noch nie gesehen, und sie begann sich vor etwas Undefinierbarem zu fürchten.
Schließlich wandte sie sich wieder dem Fenster zu. Da sie noch sehr klein war, konnte sie mit den Augen gerade über die Fensterbank blicken. Aber sie wusste sich zu helfen: Um sich einen besseren Überblick zu verschaffen, holte sie sich den Hocker vor Mutters Spiegelschrank ans Fenster, stieg hinauf und sah nach draußen. Dort bot sich ihr ein unwirkliches Bild, über das sie sehr erschrak: Die Dächer der gegenüberliegenden Häuserzeile waren, soweit sie sehen konnte, abgedeckt, und die Dachbalken, aus denen noch kleine Feuer loderten, waren verkohlt. Hauswände waren teilweise eingestürzt, und fast überall konnte sie in die Wohnungen der Menschen blicken.
Die Metzgerei schräg gegenüber, wo sie nach dem Einkauf von der Metzgersfrau immer eine Wurstscheibe bekommen hatte, war nur noch eine rauchende Ruine. Der Bäckerladen, die Straße ein Stück weiter unten, war ganz hinter einer Wand aus dichten Rauchschwaden verschwunden. Ihre schöne Straße hatte sich in ein einziges Trümmerfeld verwandelt. Leute liefen schreiend und gestikulierend über verkohlte Balkenreste und herumliegende Steine hin und her. Viele versuchten, aus den ausgebrannten Häusern noch einige Habseligkeiten zu retten.
Traurig wandte sich Tina wieder ihrer Mutter zu. Da vernahm sie ein Pochen an der Wohnungstür. Leise ging sie hinaus in die Diele und lauschte. Neben mehreren fremden Stimmen erkannte sie die Stimme ihrer Nachbarin aus der gegenüberliegenden Wohnung.
„Theresa, ist alles in Ordnung bei dir?“, hörte Tina die Nachbarin fragen.
„Warum warst du nicht im Luftschutzkeller? Wir haben uns um dich und dein Kind große Sorgen gemacht.“
Da ihr niemand antwortete, rief sie Tina beim Namen und forderte sie auf, die Tür zu öffnen. Aber Tina erinnerte sich an die Anweisung ihrer Mutter, dass sie niemandem öffnen durfte, und antwortete mit zaghafter Stimme:
„Meine Mama ist einkaufen und sie hat gesagt, ich darf die Tür nicht aufmachen.“
Wieder lauschte Tina nach draußen, von wo sie weiteres Stimmengewirr vernahm. Dann hörte sie wieder die Nachbarin zu ihr sprechen:
„Tina, mach’ bitte auf, ich bin’s, die Tante Waltraud von gegenüber.“ Doch Tina dachte weiter an die Anweisung ihrer Mutter, und verhielt sich ruhig. Nach einem kurzen beratenden Gemurmel vor der Tür meldete sich erneut die Nachbarin:
„Tinchen geh’ ganz weit weg von der Tür! Wir kommen jetzt rein zu dir. Du musst keine Angst haben.“
Wenig später wurde die Tür gewaltsam von außen geöffnet. Die Nachbarin nahm das verängstigte Kind auf den Arm und ging mit ihm in ihre gegenüberliegende Wohnung. Zitternd verkroch es sich dort unter einem Wandtischchen in der Wohnküche. Das veränderte Aussehen der Mutter und das Eindringen der Leute in die Wohnung ließen Tina erahnen, dass etwas Schreckliches mit ihrer Mutter geschehen sein musste.
Theresa Engel war am Abend des 9. März 1943 im Alter von 26 Jahren verstorben. Im Leichenschauschein trug der gerufene Arzt „Herzschlag“ als Todesursache ein.
Nach dem Auffinden der Verstorbenen verständigten die Mitbewohner deren Verwandte. Tinas Patentante Anni eilte nach Erhalt der Nachricht sofort von Perlach nach München, um sich ihres Patenkindes anzunehmen. Sie hatte im Vorfeld mit ihren Eltern vereinbart, das Kind zu ihnen nach Esting zu bringen.
Anni fand ihre kleine Nichte, die noch immer unter dem Tischchen in der Nachbarwohnung kauerte, völlig verstört und apathisch vor. Alle ihre Bemühungen, Kontakt zu ihr aufzunehmen, schlugen fehl. Tina wirkte vollkommen von ihrer Umgebung abgesondert, als habe sie sich in einen unsichtbaren Kokon eingesponnen.
Die Tante suchte für Tina Kleidung, Wäsche und Spielzeug zusammen und packte alles in einen kleinen Koffer. Dann verließ sie mit dem Kind, das sich willenlos in sein Schicksal fügte, das Haus, um es nach Esting zu bringen.
Wie Tina erst viele Jahre später erfuhr, hatte sich in der Bombennacht vom 9. auf den 10. März 1943 der bis dahin schwerste Luftangriff auf die Münchner Innenstadt ereignet und großflächige Zerstörungen erstmals auch in der Peripherie verursacht. Es kommt ihr noch heute wie ein Wunder vor, dass das Mehrfamilienhaus, in der sich die elterliche Wohnung befand, vom Luftangriff verschont, und sie unverletzt blieb, während die Menschen der gegenüberliegenden Häuserzeile Hab und Gut verloren haben, und wahrscheinlich umgekommen wären, wenn sie sich nicht in den Luftschutzkeller begeben hätten.
Tinas Großeltern Berte und Franz in Esting trauerten noch immer um ihren ältesten Sohn Franz, der im Dezember 1942 während der Schlacht um Stalingrad gefallen war. Seit dieser Schreckensnachricht war das Paar in tiefer Sorge, dass auch ihre beiden anderen Söhne, Paul und Mathias, deren Regimenter in der Normandie gegen eine mögliche Invasion der Alliierten Stellung bezogen hatten, nicht mehr zurückkehren könnten.
Der Tod ihrer Tochter Theresa hatte sich für sie völlig unerwartet ereignet und sie bis ins Mark getroffen. Neben einer unsagbaren Trauer begannen sie an Gott und dem Sinn des Lebens zu zweifeln. Doch trotz ihres Kummers versuchten sie sich gegenseitig aufzurichten, da noch am gleichen Tag die verantwortungsvolle Aufgabe auf sie wartete, ihrem Enkelkind, das gerade seine Mutter verloren hatte, ein neues Zuhause zu bieten. Das Kind mit voller Hingabe zu umsorgen, würde ihnen helfen, so hofften sie, ihre seelischen Wunden ein wenig zu lindern. Tina erinnerte sie an ihre verstorbene Tochter Theresa in deren Kindheit, und sie fanden ein wenig Trost in der Vorstellung, ihre Tochter in Tina weiterleben zu sehen.
Die Großeltern, beide Anfang sechzig, waren nicht gerade mit irdischen Gütern gesegnet. Sie hatten eine kleine Nebenerwerbs-Landwirtschaft, in der sie einen Teil des zum Leben Notwendigen selbst produzierten. Das zweite Standbein bildete die Möbeltischlerei, in der Franz für Kunden aus dem Ort und der näheren Umgebung kleine Gebrauchsmöbel herstellte oder an deren Mobiliar notwendige Reparaturen ausführte. Wenn Möbel durch Verzierungen aufgewertet werden sollten, konnte sich Franz auch als Meister der Drechselkunst beweisen. In diesen Kriegszeiten, jedoch, liefen die Geschäfte mangels ausreichender Aufträge nicht besonders gut.
Die fürchterliche Angst, der Tina in der Bombennacht hilflos ausgesetzt war, dann der Anblick der Zerstörung der benachbarten Häuser in der Adlzreiterstraße, und schließlich die traurige Gewissheit, dass ihre geliebte Mama nie mehr wiederkehrte, hatten sie schwer traumatisiert. Im Haus der Großeltern währte es trotz liebevoller Betreuung durch Großmutter Berte, Großvater Franz und Tante Marie fast zwei Tage, bis sich das Kind nach und nach aus seiner Erstarrung löste und wieder auf seine Umgebung reagierte.
Um Tina über ihre Erinnerung an die schrecklichen Erlebnisse hinwegzuhelfen, verbrachte Marie fast ihre gesamte Freizeit mit ihr. Gemeinsam betrachteten sie die ersten Schmetterlinge, wenn sie in der Luft Fangen spielten. Setzte sich einer von ihnen auf eine Blüte, so pirschten sie sich vorsichtig an ihn heran, damit Tina ihn aus der Nähe bewundern konnte.
An einem warmen Frühlingstag lagen sie nebeneinander im Gras und beobachteten am Himmel die sich ständig verändernden Wolkengebilde. Bei dieser Gelegenheit zeigte Marie ihrer Nichte, wie man „Wolken wegguckt“. Gemeinsam suchten sie am Himmel ein kleines weißes Wölkchen aus, und Marie forderte Tina auf, es mit ihr so lange anzuschauen, bis es nicht mehr zu sehen war. Und tatsächlich, man brauchte gar nicht lange warten, schon wurde das Wölkchen immer kleiner und war bald ganz verschwunden. Anschließend erklärte ihr die Tante:
„Jetzt darfst du dir etwas Schönes wünschen. Verrate aber niemandem, was du dir gewünscht hast, sonst geht es nicht in Erfüllung.“
Tina wusste später nicht mehr, was sie sich gewünscht hatte, ihr blieb nur so viel in Erinnerung, dass es für sie ein sehr glücklicher Moment gewesen ist. „Wolken weggucken“ fand sie sehr schön und wollte es bald wieder zusammen mit ihrer Tante tun.
Nach Ablauf von vier Wochen, in denen sich Tina sehr gut in ihrem neuen Zuhause eingelebt hatte, meinte die Großmutter, es sei endlich an der Zeit, dem Kind außer dem Kontakt mit Erwachsenen auch den Umgang mit gleichaltrigen Kindern zu ermöglichen. Hierfür bot sich nach ihrer Ansicht der örtliche Kindergarten an. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück nahm Oma Berte Tina an die Hand und ging mit ihr in Richtung Kindergarten. Als beide dort angekommen waren, füllte sich der Raum nach und nach mit weiteren Kindern verschiedener Altersstufen. Je mehr Kinder hinzukamen, umso stärker stieg der Lärmpegel an. Mädchen und Jungen liefen rufend und schreiend im Raum umher, spielten Fangen, stritten oder prügelten sich. Dies war für Tina eine völlig ungewohnte und beklemmende Situation. Die Lautstärke und Hektik, die hier herrschten, machten ihr zunehmend Angst, und sie sehnte sich nach der ruhigen Atmosphäre in ihrem neuen Zuhause.
Während die anderen Kinder mit der Kindergärtnerin Kinderlieder sangen und dabei rhythmisch in die Hände klatschten, saß Tina nur stumm und teilnahmslos an ihrem Platz und kaute am Saum ihrer Schürze, den sie nicht mehr aus dem Mund nahm. Kein aufmunterndes Wort der Kindergärtnerin half, sie aus ihrer Passivität hervorzulocken. Am Ende des Kindergartentages hatte Tina nicht nur ihren gesamten Schürzensaum mit ihrem Speichel benetzt, sondern auch die Naht von oben bis unten mit ihren Zähnen durchtrennt.
Als ihr Großvater sie am frühen Nachmittag abholte, war er entsetzt, das zuletzt sehr lebhafte Kind wieder völlig teilnahmslos vorzufinden. Da er fürchtete, Tina falle wegen der gut gemeinten Initiative seiner Frau wieder in ihre ursprüngliche Lethargie zurück, sprach er zuhause ein Machtwort, wonach Tina nicht mehr in den Kindergarten gehen durfte. Stattdessen nahm er sich vor, sich selbst intensiver mit dem Kind zu beschäftigen.
