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Viele Wege können in das Cockpit eines Eurofighters führen, doch für die meisten Menschen bleiben diese auf ewig verborgen. Kampfpilot Gerald »TITAN« Groß nimmt den Leser mit auf seinem persönlichen Weg zum Traumberuf. Eine kompakte Autobiographie beleuchtet den Menschen im Cockpit. Mit zahlreichen Geschichten aus der Fliegerei bei der Luftwaffe wird der Pilotenalltag hautnah »erlesbar«. Die dabei über viele Jahre entstandenen »lessons learned« aus den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, Selbstorganisation, Fehlervermeidung, Projektmanagement und Emotionskontrolle sind auf unzählige Bereiche des eigenen Lebens anwendbar.
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2024
Einbandgestaltung: schreiberVIS, Seeheim
Alle Abbildungen © Gerald Groß.
Einstiegsabbildungen
S. 4: © Bundeswehr/Patrik Bransmöller: Eurofighter des Taktischen Luftwaffengeschwaders 31 „Boelcke“ vor dem Start.
S. 45: © Bundeswehr/Jane Schmidt: Eurofighter beim Taktischen Luftwaffengeschwader 31 „Boelcke“ in Nörvenich.
S. 140: © Bundeswehr/Jane Schmidt: Eurofighter vom Taktischen Luftwaffengeschwader 31 „Boelcke“ startet im Rahmen der multinationalen Übung Arctic Challenge 2021 auf der Rovaniemi Air Force Base/Finnland.
Eine Haftung des Autors oder des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
ISBN: 978-3-613-31283-8
Copyright © by Motorbuch Verlag,
Postfach 103743, 70032 Stuttgart.
Ein Unternehmen der Paul Pietsch Verlage GmbH & Co. KG
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1. Auflage 2024
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Lektorat: Redaktion Motorbuch
Layout, Satz und Prepress: schreiberVIS, Seeheim
Kapitel I ·Geschichte
I-1 Einleitung
I-2 Frühste Kindheit
I-3 Die Kartjahre
I-4 Kellergeist
I-5 Motorisierte Freiheit
I-6 Die menschliche Zielscheibe
I-7 Auf zu neuen Zielen
I-8 Der lange Weg
I-9 Die neue grüne Welt
I-10 Kerosingeruch
Kapitel II ·Dienst in der Luftwaffe
II-1 Vorbereitungen
II-2 Flügge werden
II-3 Aufbruch in die neue Welt
II-4 Leistung!
II-5 Welcome to the fast movers
II-6 Not am Himmel
II-7 „Fight’s on!“
II-8 Leerlauf
II-9 Endlich ein Waffensystem
II-10 Blut, Schweiß und Tränen
II-11 Durch die Wand
II-12 Um Sekunden
II-13 Cleared hot!
II-14 Nachtwache
II-15 Showbusiness
II-16 Generalprobe
II-17 Eine neue Welt
II-18 Erdbeben
II-19 Auf der anderen Seite
II-20 Vorwärts
Epilog
Kapitel III ·Persönlichkeitsentwicklung
III-1 Einführung
III-2 Wieso denn Persönlichkeitsentwicklung?
III-3 Sich des Unbewussten bewusst werden!
III-4 Das Unterbewusstsein erkunden
III-5 Das bewusste Bewusstsein
III-6 Mit vereinten Kräften zur Entscheidung!
III-7 Aus der Praxis
III-8 Die Attitüde als Basis
III-9 Wenn du wirklich willst …
III-10 Wo stehe ich?
III-11 Von Rückschlägen und Resilienz
III-12 Den Akku auf Stand halten
III-13 Zusammen mehr erreichen
III-14 Die Einstellung ausbilden!
III-15 Murphy den Kampf ansagen!
III-16 Einfach mal Idiot sein
III-17 Die Natur der Risiken
III-18 Der systematische Ansatz
III-19 Einmal mit Profis arbeiten
III-20 Mit „Procedures“ arbeiten
III-21 Wie ein Stapel Käsescheiben
III-22 Von Schub- und Ablagen
III-23 Die Mär vom Multitasking
III-24 Aufgabenmonogamie
III-25 Kopf frei!
III-26 Die Umgebung betrachten
III-27 Muss es immer Krügergoldrand sein?
III-28 Organisation ist das halbe Leben
III-29 Wenn Ziele zu Projekten werden
III-30 Die Anatomie des Projekts
III-31 Agil bleiben und hybrid fahren?
III-32 Von Stärken und Schwächen
III-33 Wer gibt eigentlich den Ton an?
III-34 Und wieder diese Listen
III-35 Lebensmanagement
III-36 Vom Genießen
III-37 Keine Pauschallösung
III-38 Eine Frage der Perspektive
III-39 Die Sache mit der Dankbarkeit
III-40 Unser Start/Stopp-System
III-41 Die Sache mit den Gefühlen
III-42 Emotionale Vorbereitung
III-43 Die Dämonen jagen
Ich lasse meinen Blick noch einmal über das Flugzeug vor mir schweifen. Dieser lange Rücken, diese unglaublichen Proportionen. Symmetrisch, kraftvoll und ein jedes erkennbare Detail ist aus einem ganz bestimmten Grund, mit einer ganz bestimmten Funktion dort. Ich stehe auf der Cockpitleiter vor einem Eurofighter der deutschen Luftwaffe. Es ist aber nicht irgendein Flugzeug, es ist die Maschine mit der Kennung 30+48. Das Exemplar, welches Jahre später bei einem tödlichen Absturz tragisch verloren gehen würde. Aber damals, an einem Spätsommertag im Jahr 2014, sollte es der erste einsitzige Eurofighter sein, den ich jemals alleine pilotieren durfte.
Es war ein langer, steiniger und entbehrungsreicher Weg hierher und während ich dort oben auf der Leiter stehe, erinnere ich mich an einen besonderen Moment zurück. Im Jahre 2006 hatte ich den Entschluss gefasst, Kampfpilot bei der Luftwaffe werden zu wollen und mir ausgemalt, wie ich eines Tages auf der Cockpitleiter eines Eurofighters stehen und mich zurück an diesen Moment in der Schule erinnern würde. Damals war das Cockpit als Arbeitsplatz noch schier unendlich weit entfernt und es wirklich dorthin zu schaffen schien fast aussichtslos. So sahen es auch viele meiner Altersgenossen und selbst einige in der Verwandtschaft. Jeder kannte irgendwen der es versucht hatte und gescheitert war. „Kannst du vergessen, sie sieben rigoros aus und stellen sowieso fast niemanden ein!“ Sätze wie diesen durfte ich mir damals beinahe täglich anhören und irgendwann fand ich darauf nur noch eine Antwort: „Das mag schon sein, aber irgendwen müssen sie nun mal einstellen. Und warum sollte das nicht ich sein?“
Jetzt war es endlich soweit, ich hatte das große Ziel direkt vor Augen und meine Emotionen kochten für kurze Zeit hoch. Aber wie gesagt, der Weg dorthin war lang, denn niemand wird als Kampfpilot geboren. Fast alle Menschen kommen relativ normal auf die Welt. So auch ich, am 1. Juni 1988 um 12:12 im Klinikum in Gernsbach, Baden-Württemberg. Kaiserschnitt nach Beckenendlage, aber irgendwas ist ja schließlich immer.
Als Erstgeborener musste ich zwar, wie für die älteren Geschwister üblich, den Erziehungswellenbrecher für meinen kleinen Bruder spielen, damit enden die frühkindlichen Herausforderungen aber bereits. Ich hatte schließlich das in meinen Augen große Glück, in eine intakte Familie hineingeboren zu werden. Natürlich gab es auch in dieser Zeit Herausforderungen und unschöne, prägende Erlebnisse, aber wem geht das nicht so? Alles in allem erlebte ich also zunächst eine Umgebung, in der meine von meinem Vater in die Wiege gelegte Affinität zu Fortbewegungsmitteln sofort aufblühen konnte. So ist es wenig verwunderlich, dass mein erstes Wort nicht etwa „Mama“ oder „Papa“ war, sondern „Trakten“, eine kindliche Verballhornung des Wortes „Traktor“. Schnell fing ich an Automarken an ihren Emblemen zu erkennen und suchte diese mit Vorliebe auf Radkappen und Felgen. Und wehe ein Fahrzeug trug die Schuhe eines Fremdfabrikates! In meiner kleinen Kinderwelt musste es sich dabei um ein Riesendrama gehandelt haben, denn den Erzählungen meiner Eltern nach resultierte diese Diskrepanz grundsätzlich in lautstarkem Protest. Scheinbar hatte ich schon damals meine Prinzipien.
Erste praktische Erfahrungen durfte ich dann auf meinem eigenen Trettraktor sammeln. Sie wissen schon, diese kleinen, zumeist grünen Traktoren mit Pedalantrieb, mit denen kleine Kinder für gewöhnlich Spielgerät im Garten herum transportieren. Der Garten erschien dem kleinen Gerald aber wohl etwas zu knapp und so mussten meine Eltern damit leben, dass ich zunächst Spaziergänge und dann ganze Wanderungen mit meinem „Trecker“ begleitete. In der Folge wurde das Gefährt mehrfach neu bereift, denn die Kunststoffräder mit dem Gummilaufstreifen waren für diese Distanzen einfach nicht gemacht. Offensichtlich habe ich dieses kleine Gefährt innig geliebt, aber irgendwann in meiner Kindergartenzeit reifte der Wunsch nach mehr Leistung: Ich wollte unbedingt ein Elektroauto! Im Alter von fünf Jahren argumentierte ich eloquent und stichhaltig – jedenfalls aus der Sicht eines kleinen Kindes welches weder das Wort „eloquent“ noch „stichhaltig“ kennt – gegenüber meinen Eltern, wieso es doch eine riesige Erleichterung wäre, wenn ich damit selbst zum Kindergarten fahren könnte. Eigentlich passend, denn noch heute vertrete ich den Grundsatz: „Ach komm, die paar Meter können wir eben auch fahren.“ Zum Glück bin ich bei der Beschaffung meiner automobilen Untersätze schon lange nicht mehr auf meine Eltern angewiesen, denn der Wunsch nach dem Bonsai-Tesla blieb mir, glücklicherweise, verwehrt.
Mein Vater hatte andere Pläne für mich. Er war schon immer Motorsport begeistert gewesen, hatte aber nie die Möglichkeit erhalten, diese Begeisterung auch in die Praxis umsetzen zu können. Jetzt wollte er das unbedingt nachholen. Statt einem schwächlichen Elektrospielzeugauto gab es zum 6. Geburtstag also etwas wesentlich Größeres: Ein Kart der Marke Swiss Hutless, homologiert für die Teilnahme in der damaligen „Bambini“ Klasse. Im Klartext bedeutete das: Comer K60 Motor, 60 ccm, 6 PS, knapp 100 km/h Höchstgeschwindigkeit. Für den kleinen Gerald ein feuerspeiendes Monster!
Ganz offensichtlich handelt es sich dabei um ein Geschenk von schier gigantischem Ausmaß für einen 6-jährigen, allerdings gehört zur Wahrheit eben auch, dass damit schnell ein großer Leistungsdruck Einkehr halten sollte. Das Mindestalter für die Teilnahme an Rennen der Einstiegsklasse „Bambini B“ betrug sieben Jahre, für mich bedeutete das: Nach etwa 6 Monaten war die Schonzeit vorbei. „Willst du Rennen fahren?“ fragte mein Vater eines Abends. Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass das Ausmaß dieser Frage meiner kindlichen Version nicht im Geringsten bewusst war. Zudem war ich als kleiner Junge ein ausgesprochen ängstlicher und zurückhaltender Charakter. Ich druckste herum und sagte irgendetwas in die Richtung, dass wir es ja mal versuchen könnten. Mein Vater machte aber schon damals klar, dass er keine halben Sachen dulden würde und unterstrich, dass es kein Versuchen geben wird. Entweder man tut es, oder man lässt es eben. Entweder der kleine Junge sagt jetzt „Ja, ich möchte Rennfahrer werden“, oder diese Tür wird von einem bitterlich enttäuschten Vater für alle Ewigkeit verschlossen werden. Ich willigte schließlich ein und hatte in Wirklichkeit keine Ahnung, was diese Entscheidung für mich bedeuten würde. Noch weniger hatte ich eine Ahnung davon, dass dies der Beginn einer Phase sein sollte, der mich für mein weiteres Leben fundamental prägen würde. Es war Frühjahr 1995 und statt wie viele meiner Altersgenossen im örtlichen Fußballverein zu kicken, würde ich Kartrennen fahren.
Weihnachten 1994.
Von außen betrachtet mag der Kartsport in der Bambini-Klasse irgendwie süß gewirkt haben. Immerhin waren die Karts ein ganzes Stück kleiner und langsamer als ihre großen Brüder und zudem sahen die großen, oft professionell bemalten Rennhelme auf den Kinderkörpern stets ein wenig lustig aus. Die Optik täuscht aber gewaltig und Kenner des Sports wissen, dass bereits die jüngste Einstiegsklasse ein schwieriges Pflaster darstellte. Sowohl für die jungen Fahrer, als auch für die Teams im Hintergrund. Und auch wir mussten das auf die harte Art lernen.
Erste Fahrten im Frühling 1995.
Dass die Dinge fortan anders laufen würden, merkte ich schon, als ich am Wochenende der ersten Rennveranstaltung in Urloffen zum ersten Mal mein wettbewerbsfähig gemachtes Kart sehen durfte: Ein dem Reglement entsprechender Auspuff, neue Einheitsreifen der Firma Maxxis, aufgebrachte Startnummern und an den Seitenkästen der Schriftzug: G. Groß mit einer kleinen Deutschlandflagge. Auf mich wirkte diese Wandlung schon fast bedrohlich, plötzlich war alles so ernst. Bis dato waren wir einfach zum Spaß an ruhigen Wochenenden auf der Kartbahn gewesen und jetzt war das Fahrerlager zum Bersten gefüllt. Zelte, Wohnmobile, Wohnwägen und einzelne LKWs quetschten sich bis in die letzte Ritze des Geländes. Auf der Bahn war mehr Betrieb als ich es je zuvor gesehen hatte, ganz zu schweigen von den Menschenmassen die sich überall tummelten. Mit unserem kleinen Kartanhänger, gezogen von unserem treuen Ford Escort wirkten wir in diesem Tumult fast schon verloren. Rückblickend war die Veranstaltung, rein objektiv betrachtet, vermutlich gar nicht so groß, aber durch die Augen eines frisch sieben Jahre alt gewordenen Jungen war es eine tosende, laute Hetzveranstaltung von unbeschreiblichem Ausmaß. Und dann durfte ich schließlich zum ersten Mal in diesem Tumult auf die Strecke.
Es gab schon damals einen großen Unterschied zwischen Hobbyfahrern, die Karts zur Füllung ihrer Freizeit nutzten, und Rennfahrern, die sich mit kompromissloser Ernsthaftigkeit um Bestleistungen stritten. Da ich bis dato zur ersten Kategorie gehört und mir die Strecke auch stets mit diesen geteilt hatte, glich das erste Training dem Sprung in einen eiskalten, reißenden Fluss. Zu sagen, dass ich keinen Anschluss fand, wäre eine brutale Untertreibung. Der Rest des Feldes schien in einer völlig anderen Liga zu spielen. Ich wurde nicht überholt, ich wurde auf allen Seiten umfahren. Sehr zum Missfallen meines Vaters, der nicht wirklich glauben konnte, wie weit wir davon entfernt waren auch nur im Ansatz konkurrenzfähig zu sein. Nun, Kompetenz kommt zumeist erst mit Erfahrung und wir hatten beides nicht. So verwundert es mich nicht, dass es dieses ersten Trainings bedurfte, damit wir feststellten, dass mein Motor ab Werk mit einer kleinen Gasanschlagsdrossel versehen war. Eine winzige Metallhülse am Vergasergehäuse begrenzte den Weg des Gaszugs konsequent. Kaum war jene Hülse entfernt, war ich wenigstens nicht länger ein Hindernis auf der Strecke. Ernsthafte Konkurrenz war ich dennoch noch lange nicht.
Mein Verhältnis zu meinem Vater war nicht immer einfach, schon gar nicht in meiner frühen Jugend, aber eine Sache muss ich ihm ohne Wenn und Aber anerkennen: Er ist ein perfektionistischer Autodidakt, der alles was er tut, mit kompromissloser Genauigkeit ausführt. Wenn er etwas nicht weiß, findet er Wege sich Wissen anzueignen und Lösungen zu identifizieren. Kein Wunder also, dass unser kleines Familienrennteam sich rasant entwickelte. Stellten wir anfangs noch völlig erstaunt fest, dass sich die Spurweite der Karts ja verstellen ließe, so waren wir bald soweit, das treue Swiss Hutles-Gestell mit unterschiedlichen Bodenblechdicken, Schraubenanzugsmomenten, verstellbarem Sturz und millimetergenauer Spureinstellung bis ans absolute Limit zu bringen. Statt mit kleinem Hänger und Zelt reisten wir fortan mit einem eigenen Fiat Ducato-Renntransporter nebst Wohnwagen. Ich erreichte den ersten Rennsieg und die Verkleidungen meines Karts wurden durch Sponsorenaufkleber geziert. Ohne Sponsoring wären die Kosten einer Kart-Saison für meine Eltern niemals zu stemmen gewesen. Das bedeutete aber auch für mich, dass der Rest meiner Kindheit vollkommen durch den Sport geprägt werden sollte. Drei bis viermal pro Woche ging ich zum Zwecke der körperlichen Fitness zum Leistungsturnen im TV Bühl. Schon für sich genommen, ist diese Sportart eine ernst zu nehmende Herausforderung, mir diente sie, sehr zum Argwohn der Trainerschaft, aber lediglich als Vehikel um die notwendige körperliche Leistungsfähigkeit für den Rennsport zu erreichen. Um Wettkämpfe kam ich dennoch nicht herum und so verbrachte ich die Wochentage zumeist im Training oder auf Wettkämpfen und die Wochenenden auf der Rennstrecke. Da die Rennveranstaltungen bereits freitags begannen, wurde ich alle 14 Tage am Freitag von der Schule befreit, damit wir Donnerstags nach Schulschluss anreisen konnten.
Die ersten Rennen der Saison 1995.
Im Sommer 1996 auf dem Weg zum ersten Sieg.
Mir war damals nicht wirklich bewusst wie ungewöhnlich dieses Leben war, ich kannte schließlich nichts anderes. Letztlich hat aber alles im Leben seinen Preis und während meine Mitschüler Freunde trafen, trainierte ich. Entweder meinen Körper, oder meine fahrerischen Fähigkeiten. Als Folge hatte ich stets die Rolle des sozialen Außenseiters. Man könnte meinen, dass ein kleiner Junge der Rennsport betreibt, definitiv zu den „coolen Kids“ gehört, aber in den 90ern bekam ja niemand etwas von dem Sport mit. Keine Handykameras, keine sozialen Medien. Wenn man nicht dabei war, fand es auch nicht statt. Und so war ich einfach nur der Winzling, der nie Zeit hatte und bei jeder Ballsportart gnadenlos versagte. Ja, ich war die Art Kind, welches nahezu nie auf einen Geburtstag eingeladen und fast immer als letztes ins Sportteam gewählt wird. Zudem hatte ich keine Ahnung, dass das alles nur ein winziger Vorgeschmack auf die nächsten Jahre sein sollte.
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, sie nehmen Situationen gänzlich anders wahr. Gleichwohl entspricht ihre wahrgenommene Realität ihrer persönlichen Wirklichkeit. Für ein Kind ist es nicht von Bedeutung, ob eine Situation objektiv bedrohlich ist, es ist nur relevant ob es sich so anfühlt. Unsere Persönlichkeit wird zum größten Teil in unseren jüngsten Jahren geprägt und so musste ich viele Jahre später feststellen, welchen Einfluss einige wenige Erlebnisse auf meine heutige Persönlichkeit und Gefühlswelt hatten. Einige dieser Momente fanden noch in der frühsten Kindheit statt, die meisten aber in den Jahren des Kartsports. Zu ersteren gehörten zumeist einfache Disziplinarmaßnahmen wie im Kinderzimmer eingeschlossen oder auf der Urlaubsreise symbolisch „ausgesetzt“ zu werden. Keine dieser Situationen war objektiv bedrohlich oder wirklich problematisch. Aus der Sicht eines kleinen Jungens waren diese Erlebnisse aber traumatisierend. Sie brannten das Gefühl, dass man sich auf niemanden verlassen kann, tief ins Unterbewusstsein. Die Jahre des Kartsports führten diese Prägung fort. So boten sie zwar unglaubliche Möglichkeiten, die den allermeisten Kindern verwehrt bleiben, diese konnte ich aber damals noch gar nicht einordnen. In meiner kindlichen Wahrnehmung waren diese Jahre hauptsächlich von hartem Leistungsdruck geprägt. Erfolge waren das Mindeste und noch lang kein Grund zu feiern. So erinnere ich mich an mein erstes siegreiches Rennen:
Es ist dieser spezielle Moment vor dem Start eines jeden Rennens. Nach der Einführungsrunde wurden die Motoren in der Startaufstellung nochmals abgestellt und alles wurde ganz ruhig. Die vielen Menschen an der Rennstrecke sind nichts mehr als bloße Kulisse, denn unter dem Helm bist du als Fahrer allein. Diese Stille ist nur ein retardierender Moment, die Ruhe vor dem Sturm, die letzte Möglichkeit zur Konzentration. Der Rennleiter hebt die Arme und ruft „Mechaniker an die Karts, Motoren starten!“. Mein Vater schlägt mir nochmal auf die Schulter und ruft „Jetzt gilt’s!“, dann betätigt er den Seilzugstarter des kleinen Comer K60-Triebwerks. Das laute 2-Takt-Pöttern von rund 30 Kettensägenmotoren beendet die Stille abrupt. Ich bin jetzt schon viele Rennen gefahren, aber abgestumpft bin ich nie. Ich bin nervös, denn ich weiß, dass Sieg und Niederlage extrem nah beieinander liegen. Die Ampel schaltet auf Rot, ich stehe gleichzeitig auf Gas und Bremse. Der kleine Motor stemmt seine Fliehkraftkupplung angestrengt, aber ergebnislos gegen den festen Griff der einzelnen Scheibenbremse an der Hinterachse. Dann schaltet die Ampel auf Grün und ich löse die Bremse. Mit ganzem Körpereinsatz versuche ich das kleine Kart schneller auf Geschwindigkeit kommen zu lassen, denn die erste Kurve ist nicht weit entfernt. Ich bin aus der zweiten Reihe gestartet und werde schon in diesem ersten Streckenknick in den Führungskampf verwickelt sein. Falls jemand glaubt, dass kleine Jungs noch nicht so aggressiv wären, so irrt dieser gewaltig. Das Feld schenkt sich keinen Zentimeter, die Seitenkästen, Frontspoiler und Heckstangen reiben aneinander und versehen sich gegenseitig mit Kampfspuren. Die Fahrer zwängen sich durch die erste Kurve und ich verlasse dieser an zweiter Position. Die nächste Kurve auf der alten Kartstrecke in Urloffen, nannten wir immer nur „unter dem Baum Kurve“ ein langgezogener Doppelknick, der in einer Spitzkehre mündet. Tückisch, sowohl für Angreifer als auch Verteidiger. Unter Vollkontakt rutschen wir in die Kehre und verlassen sie ohne Platzänderung. An der Spitze variieren die Rundenzeiten um weniger als eine Zehntelsekunde, es bleibt kein Raum für Fehler. Runde um Runde liefere ich mir mit dem Führenden einen Schlagabtausch. Mehrfach wechseln wir die Positionen. Wir bremsen uns aus, kontern, blocken, schieben und drängen uns um den Kurs. Konstanz ist eine wichtige Fahrerqualität, es gilt auch im Eifer des Gefechts einen kühlen Kopf zu bewahren. Als Kinder hatten wir das vielleicht noch nicht ganz verstanden, aber wir wussten wie wir uns verhalten mussten, um Erfolg zu haben. Ich tue einfach was ich zu leisten vermag und als ich das letzte Mal auf die Zielgrade einbiege, liege ich in Führung. Dann quere ich die Ziellinie zum ersten Mal in meinem Leben als Erster und weiß plötzlich so gar nicht wie ich damit umgehen soll. Irgendwie bin ich freudig und stolz, aber gleichzeitig auch gespannt auf die Reaktion meines Vaters. Als ich die Bahn verlasse sieht er zufrieden aus. Er klopft mir auf die Schulter und sagt: „Glückwunsch, das ist ganz gut gelaufen“. Kurze Zeit später ist die Siegerehrung. Ich stehe ganz oben auf dem Treppchen, bekomme einen viel zu großen Lorbeerkranz umgehangen und beginne erst jetzt zu realisieren, was da eigentlich passiert ist. Plötzlich fühle ich mich unglaublich stolz, ich strahle mit der Sonne um die Wette. Direkt nach der Siegerehrung laufe ich zu meinem Vater, will ihm den Pokal und den Kranz aus der Nähe präsentieren, doch er wiegelt ab. „Kein Grund zu feiern, es gibt einiges was nicht optimal war. Das sollten wir erst mal analysieren, damit es nicht der letzte Sieg bleibt“. Und plötzlich ist er weg, dieser Stolz. So schnell wie er gekommen war, ist er verflogen und ich komme mir dumm vor. Dieser Sieg war kein großartiger Erfolg, er war einfach das, was erwartet wird. Warum sollte man schließlich fahren, wenn nicht um zu gewinnen?
Es gab natürlich mehr als eine Erfahrung in diese Richtung, aber ich möchte Sie nicht mit übermäßigen Details langweilen. Fest steht: Ich habe in dieser Zeit verlernt, stolz auf mich zu sein. Bis heute habe ich dieses Gefühl nie wieder gefunden. Erfolg und erreichte Ziele sind kein Grund für übermäßige Freude, es ist schlicht das, was ich von mir erwarten sollte. Ich halte diese Gefühlsprägung für problematisch. Man sollte wenigstens in einem gewissen Rahmen stolz auf das sein können, was man erreicht hat. Immerhin ist dieses Gefühl die körpereigene Belohnung für die Früchte harter Arbeit. Und doch, ich bin es nicht, nie, kann es einfach nicht sein. Eine Eigenschaft, die mich bis heute prägt.
Die Anstrengungen und der durch den Sport eingenommene Raum wuchsen über die Jahre noch weiter an. Wir fuhren teilweise mit oder für größere Rennteams. Mit TR-Racing (heute TR Motorsport) wechselten wir von Swiss Hutles auf DAP und zuletzt in Zusammenarbeit mit Peter „Pepi“ Hantscher auf Mike Wilson. Der Rennsport nahm aber nicht nur in meinem persönlichen Leben extrem viel Raum ein, er umfasste auch das gesamte Familienleben. Je älter ich wurde, desto größer wurde das Konfliktpotential zwischen mir und meinem Vater. Ich konnte dem Privileg des Rennsports immer weniger abgewinnen und litt unter seinem fast schon pedantischen Perfektionismus. Egal wie sehr ich mich auch anstrengte, niemals schien irgendetwas gut genug zu sein. In den ganzen Jahren waren wir durchaus erfolgreich, kämpften stets im vorderen Drittel, aber der wirklich große Durchbruch blieb aus. Einerseits konnten wir nicht die Geldmittel der wirklich großen Teams aufbringen, die durchaus mit dem eigenen LKW anreisten und ein ganzes Sammelsurium an Rennmotoren an die Strecke brachten, während wir mit ein bis zwei Triebwerken haushalten mussten. Andererseits aber denke ich, dass wir es nie geschafft haben, als Team wirklich an einem Strang zu ziehen. Meine Mutter unterstütze uns von Anfang an nach Leibeskräften und das bedeutet keinesfalls, dass sie im Hintergrund agierte oder nur die Verpflegung sicherstellte. Nein, sie war an vorderster Front dabei, machte sich die Hände schmutzig. Aber so wie es zwischen mir und meinem Vater Konflikte gab, erwuchsen diese auch zwischen meinen Eltern. Lautstarke Streitereien waren der stetige Begleiter an nahezu allen Wochenenden. Ich, noch immer ein Junge vor der Pubertät, verkroch mich immer wieder. Im Wohnwagen, im Transporter, bei anderen Teams. Ich begann Blockaden und Ängste zu entwickeln und wurde mehr und mehr zu meinem größten Gegner.
Die Konflikte eskalierten immer mehr, bis eines Tages mein Vater demonstrativ hinschmiss. Der Auslöser dieses Bruchs war vermutlich ein sehr spezielles Rennen in Urloffen gewesen. Die Witterung war seit Tagen ungewöhnlich gut. Keinerlei Niederschlag, hohe Temperaturen und durchgängiger Sonnenschein. Als Folge war der Reifenabrieb der größeren Klassen auf der Rennstrecke so groß, dass die kleinen Bambinis auf ein eigenartiges Problem stießen: Der unfassbare Grip der Strecke machte die Karts beinahe unfahrbar, statt zu rutschen stellten sich die Fahrzeuge auf zwei Räder auf und drohten zu kippen. Zudem sammelte sich immer mehr des Abriebs auf den Reifen und konnte durch die überschaubare Performance der kleinen Karts nicht abgefahren werden. Kurzum: Die Bedingungen waren auf einzigartige Art und Weise extrem schwierig. Wir versuchten der Situation Herr zu werden, indem wir das Kart auf minimalen Grip einstellten. Hartes Chassis-Setup, mittlerer Reifendruck und angepasste Spureinstellung. Alle Maßnahmen waren nicht von Erfolg gekrönt. Ich hoppelte viel mehr um den Ring, als dass ich fuhr. Der Zustand war schlicht untragbar und nach etwas Grübelei trat ich mit einem Vorschlag an meinen Vater heran: Wenn es nicht möglich war, das Gripniveau mechanisch weit genug abzusenken, sollten wir eventuell das Gegenteil tun. Das Rational dahinter: Das weich eingestellte Chassis würde das Aufbäumen in den Kurven durch die erhöhte Verwindungsfähigkeit verzögern und die restlichen Maßnahmen die Temperatur der Reifen soweit erhöhen, dass diese überlastet und zu schmieren beginnen würden. Schmieren mit überhitzten Reifen wäre unter diesen einzigartigen Umständen noch immer besser als diese elendige Hoppelei. Zu sagen, dass mein Vater wenig von der Idee hielt, wäre durchaus untertrieben und so kam es abermals zu lautstarkem Streit. Nur diesmal wollte ich von der Idee nicht abrücken. Schlimmer als es schon war, konnte es ohnehin kaum werden, was hatten wir also zu verlieren? Letztlich lies uns mein Vater demonstrativ stehen und ich setzte die Idee zusammen mit meiner Mutter um. Entgegen aller Befürchtungen ging unser Ansatz tatsächlich auf. Das Handling war sicherlich nicht gut, aber zu mindestens fahrbar. An diesem Tag konnte ich meinen letzten Sieg verbuchen.
Vorne links als Teamfahrer für TR-Racing auf DAP.
Leider führte dieser Triumph nicht zur erhofften Anerkennung, sondern besiegelte das Ende des Teams in der bisherigen Form. Mein Vater stellte jegliche Zusammenarbeit ein und meine Mutter musste fortan versuchen, die entstandene Lücke zu füllen. In einem gigantischen Akt versuchte sie sich in der noch völlig männerdominierten Welt zu behaupten und bestritt die kommenden Rennveranstaltungen mit mir allein. Eine Mutter die allein mit ihrem Sohn zu Kartrennen antrat, war damals ein niemals zuvor dagewesenes Novum und bescherte ihr in meinen Augen zu Recht den Preis „Schrauber des Jahres“. Leider konnte mein Vater diese Leistungen nicht anerkennen. Er sah nur ihre unterlegene Fachexpertise. In der Tat konnten wir ohne sein Wissen nicht mehr an die vorherigen Erfolge anknüpfen, aber darum ging es nicht mehr. Es ging um Vertrauen, Zusammenhalt und Opferbereitschaft. Es ging darum zu beweisen, dass man im selben Boot für das gleiche Ziel ruderte, statt einfach nur Recht behalten zu wollen. Zur selben Zeit entfremdete ich mich auch vom Kartsport. Die Zeit in der Klasse Bambini A neigte sich dem Ende entgegen und der Umstieg zu den Junioren stand bevor. Es wurde Zeit sich Gedanken zu machen, wohin die Reise führen sollte. Ich musste mir überlegen, ob ich mir ein Leben als professioneller Rennfahrer vorstellen konnte. Ich konnte es nicht. Jegliche Form von Rennsport hat in meinen Augen eine Daseinsberechtigung, sie dient unter anderem als wichtiger Innovationsmotor für den Automobilsektor. Dennoch handelt es sich in der Hauptsache um eine Form von Entertainment. Ein Bereich, in dem ich mein künftiges Leben schon im jungen Alter von 12 Jahren nicht sehen konnte. Ohne jemals in der Klasse der Junioren angetreten zu sein, schied ich aus dem Kartsport aus. Beinahe zeitgleich zerbrach die Ehe meiner Eltern endgültig.
Diese prägenden Jahre hatten sehr großen Einfluss auf meine Entwicklung. Sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Ich bin dankbar, diese große Chance bekommen zu haben. Ich bin meinem Vater dankbar, dass er all seine damalige Energie in mich und den Sport investierte. Ich bin meiner Mutter dankbar, dass sie über sich hinauswuchs, um das Team am Leben zu erhalten. Dennoch muss ich festhalten, dass diese Jahre von uns allen einen hohen Tribut forderten. Von mir, meinen Eltern und auch meinem kleinen Bruder, der in all den Jahren viel zu wenig Beachtung erhielt.
Die letzten Rennen der Saison 2000, gemeinsam mit meiner Mutter auf Mike Wilson.
Wie wahrscheinlich die meisten Kinder, litt ich unter der Trennung der Eltern. Das ohnehin schwierige Verhältnis zu meinem Vater trübte sich zu dieser Zeit weiter ein, denn ich wurde oft zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Auseinandersetzungen. Egal ob es sich um Besuchsrecht und -zeiten drehte, oder darum, wer gerade Schuld an der Trennung hatte. Besonders mein Vater konnte oder wollte zu dieser Zeit einfach nicht verstehen, dass ich als Sohn keine Seiten in der Trennung kannte und nicht parteiisch sein wollte. Bei jedem Treffen berichtete er mir unablässig, teilweise bis spät in die Nacht davon, wie falsch und unfair meine Mutter sich doch verhalten würde. Völlig unabhängig davon, ob diese Anschuldigungen zutreffend waren oder nicht, sie auf meine jugendlichen Schultern aufzulasten war ein Problem, mit dem ich nicht gut klar kam. Ich war damals 12 Jahre alt und stand am Anfang der Pubertät. Diese andauernden Streitereien waren das Letzte mit dem ich zu tun haben wollte. Meine Erfahrungen waren sicherlich nicht besonders einzigartig. Abertausende von Trennungskindern allein in Deutschland machen ähnliche oder wesentlich schlimmere Erfahrungen. Dennoch sind sie für mich wichtig, denn eben diese Erfahrungen hatten weiterhin schweren Einfluss auf meine Prägung und Entwicklung. Ich erzähle sie nicht, um meine Geschichte in epischer Breite auszuwalzen, sondern um aufzuzeigen, auf welchen Umwegen ich mich zu dem Menschen entwickelt habe, der ich heute bin.
All diese Erfahrungen aus der Kindheit hatten massiv an meinem Selbstwertgefühl und meinem Selbstbewusstsein genagt und die Konflikte rund um die Scheidung meiner Eltern sollten diese Tendenzen noch verschlimmern. Letztlich führte dieser ganze Cocktail dazu, dass ich mich noch mehr zu einem sozialen Außenseiter entwickelte. In der Schule hatte ich wenig Anschluss oder gar Freunde, meine Freizeit verbrachte ich daher zum größten Teil im Keller an meinem Computer.
Während die meisten Jungs in meinem Alter mit Counterstrike 1.6 über Lan-Partys tobten, konnte ich dem bekannten Ego-Shooter nie etwas abgewinnen. Die relativ simple und schnelle Spielmechanik gefiel mir nicht, ich legte schon damals viel Wert auf Realismus. So landete ich bald bei Operation Flashpoint, einer seinerzeit revolutionär realistischen Kriegssimulation. Dieses Spiel hat in diesem Buch auf jeden Fall eine Erwähnung verdient, denn es weckte mein grundsätzliches Interesse am militärischen Dienst. Ich denke, dass ich ohne Operation Flashpoint und den noch existierenden Grundwehrdienst vermutlich gar nicht auf die Idee gekommen wäre, die Bundeswehr als potentiellen Arbeitgeber zu betrachten. Manchmal sind es eben kleine Dinge im Leben, die langfristig gigantischen Einfluss haben, die Chaostheorie lässt grüßen.
Dass ich die Zeit ausschließlich im Keller verbrachte, stimmt so natürlich auch nicht. Irgendwie hatte ich immer Ziele vor Augen, die Geld voraussetzten. Damals war es selbstverständlich ein Gaming-PC mit respektablen Leistungswerten. Zugegebenermaßen verfügt heute jedes Billig-Smartphone über mehr Rechenleistung, aber im Jahr 2002 war es für den 14-jährigen Gerald ein großes Ziel. Also ging ich eben arbeiten. Ich begann zunächst damit Zeitungen auszutragen. In meinem bergigen Heimatort Bühlertal war das bei Wind und Wetter durchaus eine recht mühselige Angelegenheit. Es reichte aber, um mir nach über einem Jahr schließlich den heiß begehrten Rechenknecht zu konfigurieren und mit Hilfe eines Freundes auch zusammenbauen zu können. Der neue graue Kasten war auch nötig, denn nach Operation Flashpoint hatte ein weiteres Spiel meine Aufmerksamkeit erweckt. Dieses sollte mich über Jahre begleiten und meine spätere Berufswahl maßgeblich beeinflussen. Die Rede ist von der 2. Weltkriegs-Flugsimulation „IL-2 Sturmovik“. Benannt nach einem der wichtigsten Schlachtflugzeuge der sowjetischen Luftstreitkräfte, zeichnete sich die Simulation und ihre Weiterentwicklungen besonders durch die schiere Masse an Flugzeugmodellen, Szenarien und ganz besonders durch damals herausragenden Realismus aus. Ich war immer technikbegeistert gewesen, aber mit der Fliegerei hatte ich bis dato keinerlei Berührungspunkte gehabt. Da dies in der Realität auch so bleiben sollte, stellte die russische Flugsimulation meinen wichtigsten Zugang zur Fliegerei dar. Ich verbrachte Jahre mit dem Grundspiel und den Weiterentwicklungen bzw. Erweiterungen „IL-2: Forgotten Battles“, „Pacific Fighters“, „Ace Expansion Pack“ und letztlich „1946“. Natürlich war ich auch in einer Art „Clan“ aktiv, dem JG109.
Zu der Zeit war dieses Spiel einfach nur ein Hobby, ein spannender Zeitvertreib, über den ich mir keine weiteren Gedanken machte. Ich befasste mich mit den zahlreichen Flugzeugen dieser Zeit, mit der damaligen Taktikentwicklung, Luftkriegsphilosophien und hatte absolut keine Ahnung, wie sehr diese Zeit mein künftiges Leben beeinflussen würde. Manche großen Dinge schleichen sich eben ganz langsam und unbemerkt ein, besonders wenn andere Aspekte davon ablenken. Denn trotz der Konflikte zu Hause, der Familientherapie und dem zurückgezogenen Leben als Computer-Kellergeist hatte mich eine Sache nicht losgelassen: Die Liebe zu Motoren und Geschwindigkeit. Ich war 15 Jahre alt und wusste genau, dass ich mit 16 einen Führerschein haben musste. Mein heutiger Fahrzeugspleen ist im Rückblick wirklich nicht überraschend, denn schon damals hatte ich einen sehr eigenwilligen Geschmack und musste etwas, das ich einmal fest ins Auge gefasst hatte, um jeden Preis haben. Anno 2003 bedeutete dies, dass mein nächstes Ziel wieder ein mächtiges sein sollte: Der Führerschein konnte nur der „große“ 125er-Lappen werden und das Fortbewegungsmittel eines der giftigsten Zweiräder, die damals erhältlich waren. Meine erste große motorisierte Liebe trug den verführerischen Namen „Cagiva Mito 125 Evolution I“.
Da sowohl der Erwerb des Führerscheins, als auch der Kauf der heiß begehrten Maschine, eine gigantische finanzielle Herausforderung darstellten, mussten drastische Maßnahmen ergriffen werden: Statt einmal pro Woche Zeitungen auszutragen, arbeitete ich fortan nach der Schule in der Werkstatt eines Fahrradgeschäfts. Mit meiner Mutter ging ich zudem einen Deal ein: Ich würde auf die Monatskarte für den ÖPNV verzichten und künftig bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zu Schule fahren. Dafür durfte ich die 50 € Monatsgebühr, die sonst für die „SCOOL Card“ des KVV fällig wurden, in Bar einstecken. Da auch das nicht ganz reichte, bat ich die Familie darum, bei allen Anlässen auf Geschenke zu verzichten und mir stattdessen eine kleine Geldspende zukommen zu lassen. Kurzum: Mein gesamtes jugendliches Finanzmanagement wurde kompromisslos auf die motorisierte Freiheit auf zwei Rädern ausgerichtet. Als Motivator erhielt ich ein kleines Modell der Cagiva Mito – ein feines Detail welches sich in meinem späteren beruflichen Werdegang nochmals wiederholen sollte. Die Führerscheinausbildung begann ich natürlich so früh wie möglich, denn ich wollte unbedingt bereits an meinem 16. Geburtstag den Schein in den Händen halten. Als kleine Hürde auf dem Weg präsentierte sich das Fahrschulmotorrad: Die Yamaha TDR 125 war als Reiseenduro, für meine äußerst bescheidenen Körpermaße, alles andere als das perfekte Lehrmotorrad. Diese Problematik traf mich eines Tages mit voller Wucht, als ich beim Anhalten an einer Kreuzung in ein kleines Schlagloch trat und reichlich unelegant an Ort und Stelle umfiel. Zu allem Überfluss und sehr zur Erheiterung meines damaligen Fahrlehrers Arno, klemmte ich mir dabei auch noch den Fuß zwischen Maschine und Bordstein ein und konnte mich aus eigener Kraft nicht mehr befreien. Nachdem er sich von meiner körperlichen Unversehrtheit überzeugt hatte, nutzte Arno die Gelegenheit erst einmal, um ein paar Fotos von meiner misslichen Lage zu schießen. Nun, es ist eben noch kein Meister vom Himmel gefallen und da sowohl Fahrzeug als auch Fahrer ohne große Blessuren davonkamen, schaffte ich es, dennoch den Führerschein mit einem Mindestmaß an Fahrstunden erfolgreich zu erwerben. Für mehr geführte Rundfahrten hätte das knappe Budget auch kaum gereicht, denn der eigentliche Grund des Scheinerwerbs hatte ein großes Loch in die Kasse gefressen. Im Frühjahr 2004 fand ich eine wunderbar gepflegte Cagiva Mito Evo I in der seltenen Farbkombination Rot-Grau. Die Evo I des Jahrgangs 1995 bot eine Siebengangschaltung, einen Kevlar-Auspuff und satte 30 PS. Um der Verordnung des deutschen A1-Führerscheins zu entsprechen, durfte die Kleine natürlich nur 15 PS leisten und maximal 80 km/h schnell sein. Nun … Drosseln sind ja bekanntlich Vögel und die haben nun wirklich nichts in Motoren zu suchen. Sagen wir einfach: Mit 16 Jahren war ich weniger vernünftig als tierlieb.
Erste Probefahrt, noch ohne Führerschein, im Frühjahr 2004.
Neben dem noch immer unglaublichen Fahrgenuss, die mangelnde Leistung kompensierte die Maschine zu großen Teilen durch radikale Auslegung und Wendigkeit, bot mir die kleine italienische Diva natürlich zum ersten Mal die heiß ersehnte motorisierte Freiheit. Irgendwie wollte ich das schon immer: Als Kleinkind erst mit dem Trettraktor, dann die Fantasie des kleinen Elektroautos und viele Jahre später musste es dann die scharfe 125er sein. Zum ersten Mal konnte ich einfach losfahren. Wohin und wann ich wollte. Dieses hohe Gut der Freiheit schätze ich bis heute. Viel wichtiger als diese erste Freiheitserfahrung ist aber die Tatsache, dass dieses Motorrad das erste große Ziel war, dessen Erreichung mir für damalige Verhältnisse alles abverlangen sollte. Diese Kombination aus einem großen, langfristigen Ziel und dem extrem bereichernden Gefühl nach der Zielerreichung, hat retrospektiv vermutlich den Grundstein dafür gelegt, dass ich mich keine zwei Jahre später in den Berufswunsch „Kampfpilot“ verbeißen konnte. Bis dahin musste allerdings noch etwas Zeit vergehen und zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht im geringsten, dass die nächsten Jahre wirklich bitter werden sollten.
Die Mito nach einigen Modifikationen im Sommer 2005.
Es ist kein Geheimnis, dass ich in meiner Jugend wirklich nicht den besten sozialen Stand hatte. Ich war in Relation zu meinen Altersgenossen immer äußerst kompakt gebaut, schüchtern, dem Mainstream abgewandt und zudem wenig integriert. Wirklich gute Freunde hatte ich zu der Zeit kaum, vielmehr gab es ein paar wenige Menschen mit denen ich gut klar kam und die sich nicht gegen mich wandten. Diese sollten aber in der absoluten Unterzahl sein, denn gegen Ende der gymnasialen Mittelstufe wurde ich mehr und mehr zum lohnenden Mobbingopfer. Ich kann mich kaum mehr konkret an die Vorkommnisse erinnern, ebenso wenig weiß ich noch, warum genau die Situation derart eskalierte. Fest steht nur: Ich war generell ein eher unbeliebter Außenseiter, aber ein kleiner, harter Kern trieb die Angelegenheit auf die Spitze. Ein ganzes Internetforum wurde mir gewidmet und brachte mir schulübergreifende Aufmerksamkeit. Diese digitale Begegnungsstätte war übervoll mit Beleidigungen und zum Teil frei erfunden Geschichten über mich, eine absurder als die andere. Die Krönung bildete aber die Aussage, dass man hoffe, dass ich mir eines Tages das Leben nehmen würde, damit man auf meinem Grab eine Party feiern könne. Jedes Mal, wenn ich der Aussage begegne, dass man doch Kindern die Macht überlassen möge, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Kinder sind oftmals nicht unschuldig, sie sind sich zudem häufig den Konsequenzen ihres Handelns noch weniger bewusst, als es viele Erwachsene ohnehin schon sind. Kurzum: Kinder und Jugendliche können durchaus brutal sein. Das musste ich am eigenen Leib erfahren, als ich eines Tages, auf Grund blanker Behauptungen, von einem kräftigen Jungen in einen Busch geworfen und unsanft am Kragen wieder aufgehoben wurde. Mit der Faust im Gesicht erklärte er mir, warum ich diese Abreibung angeblich verdient hätte. Ich musste dabei feststellen, dass „So etwas habe ich nie gesagt“ keine gute Verteidigung ist. Wenn jemand dein Gesicht unbedingt kaltverformen möchte, helfen nur zwei Befähigungen: Die zu fliehen, oder die zu kämpfen. Da ich beides nicht hatte, blieb mir nur die reichlich unbequeme Opferrolle und die Erkenntnis, dass es so einfach nicht weiter gehen konnte.
Psychisch war ich zu dieser Zeit absolut am Boden. Irgendwie hatte ich es geschafft, mich derart in die Scheiße zu manövrieren, dass nicht nur die halbe Stadt über mich lachte, sondern auch meine körperliche Unversehrtheit kompromittiert wurde. Mir war klar, dass ich selbst etwas ändern musste. Wer nicht flieht oder kämpft, der stirbt. Weglaufen konnte ich nicht, wohin hätte ich auch gehen sollen? Mit der Aussicht an der Geschichte zu zerbrechen, konnte ich ebenfalls nichts anfangen, daher entschied ich mich bewusst für den Kampf. Das bedeutet allerdings mitnichten, dass ich die offene Konfrontation suchte, körperlich war ich schließlich klar unterlegen, aber ich hatte endlich realisiert, dass ich nicht länger das passive Opfer sein durfte. Ich musste mich mit Verstand erheben und lernen für mich einzustehen. Wenn ich psychisch und körperlich gesund aus der Nummer herauskommen wollte, würde ich konsequent handeln müssen.
Zu diesem Zeitpunkt machte ich zum ersten Mal die Erfahrung was es bedeutet zu beißen. Zu leiden und nur getrieben durch die intrinsische Motivation weiter zu machen. Ohne es wirklich zu verstehen, spürte ich wie es sich anfühlt, resilient zu sein. Einzustecken, zu fallen, aufzustehen und weiter zu gehen. Stur und unaufhaltsam auf ein Ziel zu, Schritt für Schritt. Diese Zeit meiner Jugend war extrem prägend. Ich bin mir sicher, dass ich ohne diese äußerst negativen Erfahrungen niemals den Kampfgeist gefunden hätte, um meinen späteren Beruf erreichen und ausüben zu können. Fast müsste ich den Jungs dafür dankbar sein. Aber auch nur fast. Faktisch fand das notwendige Zurückschlagen auf vielen Ebenen statt. Ich sammelte sämtliches Material aus dem Internetforum, insbesondere ungeschickte Aussagen, mit denen die Mobber ihre Identität für alle einsehbar verrieten – wie aufmerksam von ihnen. Zudem bat ich einen Bekannten um Hilfe. Ein wirklich netter Mensch, der aber als Motorradrocker mit seinem äußeren Erscheinungsbild und seiner Zugehörigkeit zu einem einschlägigen Motorradclub durchaus etwas „psychologische Wirkung ins Ziel“ bringen konnte. Den Tätern begann ich in isolierten Situationen betont aggressiv zu begegnen. Dies führte auch zur einzigen Situation in meinem Leben, die ich ausschließlich durch körperliche Gewalt lösen sollte. Ich bin darauf sicher nicht stolz, aber seinerzeit war eine gebrochene Nase im Gesicht meines Widersachers das mildeste mir bekannte und zur Verfügung stehende Mittel. Eindruck hinterließ es auf jeden Fall.
Zu guter Letzt wandte ich mich mit dem gesammelten Beweismaterial an die Schulleitung und noch heute bin ich dem damaligen Direktor, Herrn Schäfer, sehr dankbar für das was dann folgte. Er hätte die Sache abtun und sie als dummen Jungenstreich bezeichnen können. Stattdessen bestellte er die Mobber zusammen mit mir ein und konfrontierte sie mit den Vorwürfen. Auf ihre Ausflüchte konterte er mit den gesammelten Beweisen und machte schließlich kurzen Prozess. An seine Mahnung erinnere ich mich bis heute Wort für Wort: „Wenn ich noch einmal etwas in dieser Richtung höre und sei es noch so eine kleine Belanglosigkeit, dann werde ich mir nicht mehr die Mühe machen euch auf irgendeine Art zu disziplinieren. Dann werdet ihr euch einfach eine neue Schule suchen müssen. Habt ihr das verstanden?“
