to the sun - Andreas Hiemeyer - E-Book

to the sun E-Book

Andreas Hiemeyer

0,0

Beschreibung

Im Februar 2014 beschließt Andreas seinen Reisedurst zu stillen und bereitet sich auf eine Radreise durch ganz Europa vor, die leider schon nach ein paar Monaten ein plötzliches Ende nimmt. Doch statt rum zu sitzen und die Füße hoch zu legen, reist er an zahlreiche Orte und taucht unter anderem atemlos mehrere Minuten lang in die blauen Tiefen des Ozeans…

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Andreas Hiemeyer

To the sun

– Nicht nur eine Radlreise –

EIN ABENTEUERBERICHT

© 2015 Andreas Hiemeyer

Hiemeyer, Andreas: to the sun – Nicht nur eine RadlreiseMünchen, Februar 2015

1. AuflageHerstellung: München, DeutschlandEigenverlag

Bilder und Gestaltung: Andreas Hiemeyer

ISBN 978-3-7375-5775-7

www.tothesun.de

„Es kommt meist alles anders, als man denkt“

Vorwort

Es war einmal ein kleines Reisebedürfnis, das sich seinen Besitzer selbst gesucht hat. Wer es schon einmal in sich hatte, weiß, wie es sein kann – ziemlich lästig und manchmal nagt es sogar an einem. Und wenn man es dann noch aufschiebt und verdrängt, befriedigt es einen nicht wirklich. Bei mir ist es seit Jahren in meinem Kopf. Ich sitze am Frühstückstisch und schaue in meine Teetasse. Es ist Januar 2014. Draußen haben wir niedrige Temperaturen und ich bin kurz davor, mit dem Fahrrad zu meiner Arbeitsstelle ins Gesundheitszentrum zu fahren. Ich schätze meine Arbeit sehr und sie erfüllt mich auch, doch um mein Reisebedürfnis zu stillen und mir meinen Traum von einer längeren Reise mit dem Fahrrad erfüllen zu können, habe ich zum Ende des Monats gekündigt. Ich will mein Reisebedürfnis nicht mehr aufschieben. Ende Februar geht es nach Spanien. Dort radl ich den Jakobsweg entlang und anschließend reise ich auf den Radfernwegen durch ganz Europa. Schlafen werde ich meistens im Zelt und das Essen koche ich auf meinem mobilen Benzinkocher. Schon seit Langem habe ich diese Reise in meinem Kopf und lege dafür monatlich Geld beiseite. Das Equipment habe ich einzeln gekauft und für jedes Teil oft tagelang recherchiert. Es wäre ärgerlich, dabei ein unnützes Tool einzupacken. Außerdem habe ich letzte Woche zwei Radgeschäfte gefunden, die mir ein Schloss, Reifen und andere Ersatzteile sponsern. Die Vorbereitungsphase liebe ich sehr. Hier steigt bei mir die Vorfreude auf die Tour so stark, dass meine Fingerspitzen manchmal richtig anfangen zu kribbeln.

Nach meinem letzten Arbeitstag verstreue ich mein ganzes Gepäck auf dem Boden meines Zimmers. Insgesamt werden sechs wasserdichte Taschen für die nächste Zeit mein Zuhause sein. Die Dauer meiner Auszeit ist flexibel. Grob habe ich sechs Monate angepeilt – was sich aber durchaus noch ändern kann –. An meinem Fahrrad befinden sich zwei Taschen seitlich am Hinterrad und zwei mit einem Low-Rider-Gepäckträger am Vorderrad. Zusätzlich habe ich auf dem hinteren Gepäckträger eine Rolltasche befestigt und vorne montiere ich eine Lenkertasche für meine Kamera und Wertsachen. Jede Tasche hat ihren Sinn. Vorne sind Werkstatt, Ersatzteillager und Rumpelkammer. Die hinteren Taschen dienen als Kleiderschrank, Küche und Ort meiner mobilen vier Wände. Bis zu meinem Abflug am 27. Februar kontrolliere ich jedes Teil in meinem Zimmer noch ein Dutzend Mal, ob es wirklich für die Tour notwendig ist. Je leichter das Gepäck, umso weniger muss ich treten. In der Mitte meiner sauber gepackten Taschen liegt auf dem Fußboden eine Übersichtskarte mit den Radfernwegen Europas. Meine Route beginnt in Santiago de Compostela, führt mich durch Spanien über Frankreich, Irland, England, Norwegen, Schweden, Finnland, die baltischen Staaten, Russland und Polen zurück nach Deutschland. Länge der Strecke: 13.000 Kilometer. So der grobe Plan. In der Vergangenheit habe ich schon ein paar Radreisen unternommen. Sie alle waren allerdings maximal zwei Wochen lang und sind mit meiner mehrmonatigen Reise nicht vergleichbar. Der Grund, warum ich das Rad als Fortbewegungsmittel für meine Auszeit gewählt habe, ist, dass man ohne größere Umweltbelastung längere Strecken zurücklegen kann und dabei noch Land und Leute fernab von Touristenorten kennenlernt. Das Kennlernen von Land und Leuten durch Radreisen hat mich bei meiner ersten Radltour durch Bayern schon begeistert. Hier habe ich das Land, in dem ich aufgewachsen bin, nochmals neu entdeckt. Überall sind nette, freundliche und hilfsbereite Menschen und manch ein Bauernhof hat im Jahre 2011 von Smartphones noch nie etwas gehört.

Die Zeit bis zum lang ersehnten Abflug vergeht schnell und eine kleine Abschiedsfeier mit meiner Familie und Freunden macht mir klar: „Jetzt geht´s bald los!“ Einen Tag vor dem Start verpacke ich meine Sachen in einer großen Tasche und zerlege mein Fahrrad, damit es in einen handelsüblichen Fahrradkarton passt, den ich als Zusatzgepäckstück aufgebe. Der Abschied von meinen Großeltern am Flughafen am nächsten Tag fällt mir innerlich schon schwer, aber mit Internet und Handy kann ich ja zum Glück jederzeit alle meine Lieben erreichen. Nach der Gepäckkontrolle und dem kurzen Warten vor dem Abfluggate, klopft mein Herz wie wild und in meinem Kopf leuchtet ständig nur ein Satz: „Jetzt geht´s wirklich los!“ Ich steige in das Flugzeug und ein paar Minuten später fliege ich über den Wolken in Richtung Abenteuer...

Jakobsweg mal rückwärts – Santiago bis San Sebastián

Eine herrliche, gemütliche Stadt taucht unter dem Flugzeug auf. Kleine, grüne Hügel mit dichten Wäldern zieren den Horizont. Wir landen. Meine anfänglichen Befürchtungen von dem unsicheren Zusammenbauen meines Fahrrades oder wegen etwaiger Diebstähle am Flughafen, lösen sich sekundenschnell in Luft auf, als ich die leere Ankunftshalle betrete. Nach knapp 45 Minuten Fahrradmontage nochmal ein Check, ob alles da ist, wo es sein soll. Dann die erste Fahrt auf meinem Trip. „Freiheit ohne Grenzen“, so schießt es mir durch den Kopf. Füße und Hände füllen sich mit Glückshormonen. Ich muss lachen... kaum 150 Meter auf dem Tacho, da muss ich das Rad wenden. Falsche Richtung. Ausgang ist auf der anderen Seite.

– Das geht ja schon mal gut los! –

Die Kathedrale in Santiago de Compostela ist das Ziel verschiedener Jakobswege, die durch Europa sogar von Israel oder England aus starten. Ein Campingplatz in Santiago ist schnell gefunden und so mache ich mich auf zu Stadterkundung und Lebensmitteleinkauf. Im Zentrum treffe ich auf die ersten Wanderschilder „Camino de Santiago“. Auf den Wegweisern, verschiedenen Häusern und Kirchen ist oft eine Jakobsmuschel abgebildet. Sie wurde früher von Pilgern als Universalwerkzeug zum Essen und Wasser schöpfen benutzt. Wenn sie dann nicht mehr gebraucht wurde, baumelte sie an einer Kette um den Hals. Heute ist sie Zeichen und Namensgeber des Jakobsweges. Ich selbst traf dieses Naturschmuckstück auf meinem Weg meist bei älteren Herrschaften am Rucksack befestigt oder auf einer Gepäckträgertasche eines Radfahrers an.

Da stehe ich nun – vor der Kirche. Das Ziel endlos vieler Pilger. Der erste Schritt verspricht vieles, doch ich bin zu diesem Zeitpunkt ein wenig enttäuscht. Schöner und prachtvoller habe ich sie mir vorgestellt, jedoch strahlen diese Mauern etwas Anziehendes aus. Der silberne Sarg unter dem Altar ist absolut sehenswert. Ich verweile noch ein paar Minuten auf einer Bank, um mich auf meine Reise einzustellen.

Aller Anfang ist schwer

„Aufstehen, du Siebenschläfer! Das Abenteuer wartet!” ruft mich meine innere Stimme am nächsten Tag und schon reiße ich den Zelteingang auf. Ein wunderschönes Landschaftspanorama von Santiago erscheint vor meinen Augen, so soll’s losgehen (denke ich leichtgläubig). Zelt verpackt, Zähne geputzt, gefrühstückt, Taschen ans Fahrrad und ab geht die wilde Fahrt! Gleich finde ich den ausgeschilderten Jakobsweg, allerdings ist die Beschriftung nur in Richtung Santiago und nicht umgekehrt! Tja, da hilft nur ständiges Umschauen, ob ich richtig bin, und genaues Analysieren der Pfeile am Boden, aus welcher Richtung der normale Weg kommt.

Bis 17 Uhr laufen die Räder 50 Kilometer und so wird´s Zeit eine Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Drei Herbergen haben zu und freundliche Bauern, die ihr Grundstück für eine Nacht zum Zelten zur Verfügung stellen, suche ich vergebens. So fahre ich insgesamt nochmal 20 Kilometer und beschließe kurz vor Einbruch der Dunkelheit mein Zelt auf einer abgesperrten Wiese zwischen zwei Dörfern aufzuschlagen, in der Hoffnung, dass kein verärgerter Spanier an mein Zelt klopft. Damit dieses Risiko möglichst gering bleibt, stelle ich den Wecker auf 04:45 Uhr.

Pünktlich klingelt mein Wecker am nächsten Morgen. Nachts hat es leider heftig angefangen zu regnen. Als wenn mich das Schicksal mal wieder auf Herz und Nieren prüfen wolle. Meine innere Stimme plaudert: „Geht scho – das kann jetzt nicht so schlimm sein“. Ich setze mir meine Stirnlampe im Zelt auf und gehe hinaus in die Dunkelheit und in den Regen. Rasch verpacke ich die Zeltplanen in die Verpackung und entferne einige Äste, die ich als Tarnung über das Fahrrad und die Taschen gelegt habe. Mein Gott – geht mir dabei die Pumpe. Ich fühle mein Herz bis in den Kopf schlagen. Jetzt nur noch das Absperrseil des Grundstücks so spannen wie es ursprünglich war und meine unübersehbaren tiefsinkenden Matschspuren ein wenig verwischen. Ein letzter Kontrollblick über das Gelände und zu den Häusern – Alles ok! Schnell schiebe ich das Fahrrad auf die Straße. Hier kann mich keiner belangen. Und wenn jemand kommt, würde ich einfach versuchen, diesen unwiderstehlichen Blick von unschuldigen kleinen Katzen oder Hunden nachzuahmen, kombiniert mit einem freundlichen Lachen und Nicken.

Das Fahrradlicht gibt mir Sicht und so geht es auf durch die schwarze, verregnete Nacht. Durchnässt und absolut erfroren finde ich im nächsten Ort eine Unterstellmöglichkeit unter einem runden überdachten Brunnen. 05:30 Uhr und wie zu erwarten war – kein Spanier wach. Eine selbstgemachte Tasse Tee wirkt in so einer Situation Wunder, hält jedoch nur 15 Minuten an, ehe es mich wieder fröstelt. Ich fühle mich wie ein Handtuch, das man endlos auswringen kann. Was nun? Soll ich vielleicht nicht doch einfach ein Hotel suchen und warten bis der Regen vorbei gezogen ist? – Nein, so leicht will ich noch nicht aufgeben. Der zweite Tag und schon die Nase voll vom Regen. Das geht doch nicht! Kurz nach dem Ende dieses Gedankens sehe ich, wie eine Frau die Türen ihres Cafés freundlichst öffnet. Also tue ich etwas, was mir persönlich immer weiterhilft. Erstmal eine heiße Schokolade trinken!

Während mir der genüssliche Kakao den Gaumen hinunterfließt, beschließe ich – ich fahre weiter! Um dem Regen und der Kälte zu trotzen, denke ich während der Fahrt immer wieder an die motivierenden Worte: „Geht scho!“

Etwa eine halbe Stunde später hab ich mich warm gefahren. So lange ich in Bewegung bin ist der auskühlende Wind mit seinen Wassermassen kein Problem. Der Weg von Santiago nach Osten ist von vielen Steinbrücken und kleinen Gassen geschmückt. Oft sieht man Moos zwischen den Steinschlitzen der Häuser, das sie noch älter erscheinen lässt. Ab und zu erinnert mich das an die Landschaft aus „Herr der Ringe“, im Auenland, in dem alles friedlich und malerisch, ja perfekt aussieht. Anschließend führt der Weg auf hügeligen Schotterpisten durch herrliche Alleen. Ab und zu nehme ich eine kleine Straßenetappe, denn der andauernde Regen verwandelt den Schotterweg in ein undurchdringliches Gemisch für mein Reiserad. – Hier wäre ein leichtbepacktes Mountainbike eindeutig besser gewesen.

Zwei Regentage später gibt es die nächste Kraftprobe. Der Berganstieg von Alto do Poio. Er liegt in einem Gebirge im Nordwesten Spaniens. Insgesamt darf ich, über den Jakobswegabschnitt, zwei Berganstiege bewältigen. Nach dem zweiten habe ich dann etwa ein Viertel der 870 Kilometer bis nach San Sebastián hinter mir. Jetzt aber erst einmal hinauf zum Alto do Poio!

Regelmäßig 10 % Steigung, Gegenwind, Regen und eine angenehme Sichtweite von circa 10 Metern sind alles andere als optimale Bedingungen. Mit meinem Gepäck und dem Fahrrad komme ich auf über 60 Kilogramm – und die müssen da hoch! Die Steigung am Berg zwingt mich, meine Lungen schneller und öfter zu füllen. Der Schweiß kommt aus allen Poren und der Wind peitscht mir frontal ins Gesicht. Die Beine überwache ich ständig und bewege diese so, dass sie mir nicht übersäuern und letztendlich müde werden. Meine Augen befinden sich stets vor der Nebelgrenze auf den Boden gerichtet. Sobald meine Beine bei einer Steigung zu schwer werden, schiebe ich, was auch nicht immer die leichteste Option ist. Der Kraftaufwand entspricht ungefähr dem Hochschieben eines mit Büchern gefüllten Umzugskartons auf eine Rampe.

Auf meiner Lenkertasche befindet sich eine Karte mit Höhenprofil, die ich laufend schnaufend mit der bewältigten Strecke vergleiche. Mangelnde Sichtweite und die stetige Entladung meines körperlichen Akkus bringen mich manchmal der Vorstellung näher, der Ort, in dem ich bin, sei nur eine kleine Trainingsbox mit einem ziemlich steilen Laufband. Während des Anstiegs fühle ich mich, wie wahrscheinlich viele Ausdauersportler, als wäre ich „am Ende der Welt“ oder einfach in meiner eigenen...

Für meine Psyche ist es einfacher, wenn ich körperlich schon fertig bin, aber noch kein Ende sehe. So zieht sich mein Blick nach innen und ich trete unerbittlich weiter in die Fahrradpedale. Zusätzlich gilt für mich „Hör auf deinen Körper!“ Dieser Satz wird mir einen Monat später in Frankreich nochmal stark ins Bewusstsein gerufen werden.

Zum Glück ist eine meiner guten Eigenschaften meine Zähigkeit. Ich halte lange durch und bleibe auch in schwierigen Situationen ruhig und entspannt. Nur so bleibt die Konzentration stets flexibel und klar. Ein Beispiel hierfür: Wenn man auf einem Streckenabschnitt schon sehr dehydriert und matt ist, sollte man gelassen bleiben, so spart man wertvolle Energie und man behält eher den Überblick.

Nach 3,5 Stunden Schieben und kräftigem Treten erreiche ich erschöpft aber glücklich den Gipfel von Alto do Poio.

Es schneit und der Wind bläst mir um die Ohren. Die ganze Auffahrt habe ich niemanden gesehen. Kein Auto, kein Lebewesen. Ich blicke auf das Gipfelkreuz und aus dem Nebel bildet sich ein schwarzer Schatten heraus. 15 Meter reicht gerade mal die Sichtweite. Er bewegt sich langsam kreisförmig um mich herum, im Schutz des weißen Schleiers. Vorsichtig kommt er näher. Zotteliges, tiefschwarzes, langes Fell wird erkennbar... und er bellt! Ein Hund, wie aus einem Märchen im stürmischen dunklen Wald. Er kommt bis auf wenige Meter näher heran. Das Bellen verstummt. Er ist neugierig und schleicht in Zeitlupengeschwindigkeit über die Straße. Sein Kopf bleibt immer auf mich gerichtet. Vorsichtig mustert er mich ständig von oben bis unten. Jetzt bleibt er stehen und sein Fell weht im Wind. Er fokussiert mich. Ich spüre seinen durchleuchtenden Blick und vergesse die Umgebung. Die Verbindung steht – von Auge zu Auge. Warum ich nicht den Ansatz von Angst gespürt habe? – Ganz einfach. An seiner Stelle würde ich diese Gestalt auch mustern. Stellen Sie sich vor, es kommt ein seltsam geformtes Gefährt den Berg hinauf, mit einer noch komischeren Gestalt, die auch noch keuchend nach Luft hechelt. Zusätzlich flattert so ein komischer Regenponcho lautstark um sein Überleben. Ich würd´s mir mindestens zweimal anschauen!

Ich fahre weiter. Hundert Meter weiter sind rechts und links an der Straße zwei riesige Schneehügel, die jeweils die Größe eines Geländewagens haben. Der Himmel wird dunkler. Die nächste Unterkunft müsste, laut Karte, bald in Sichtweite sein. Ein kleines Dorf taucht auf Gipfelhöhe auf. Maximal zehn Häuser sind es insgesamt. An der ersten Herbergstür werde ich gleich wegen vollem Hause zur nächsten weitergeleitet. Auch das nächste Haus bietet keinen freien Platz. Dann, endlich – Jackpot, das letzte Zimmer im Dorf. Allerdings für 38 Euro. Egal, für diese Strapazen darf es heute ein warmes Zimmer mit einer noch wärmeren Dusche sein. Wie gemütlich und erholsam ein warmes Bett sein kann! Nach einem üppigen Abendschmaus lege ich mich in mein luxuriöses Bett und schwebe sogleich sekundenschnell in eine erholsame Traumwelt.

Zwei Hunde – so groß wie Kälber

Am nächsten Tag drücke ich munter und ausgeschlafen die Türklinke hinunter. Doch dann eröffnet sich mir ein Anblick, bei dem ich erst einmal schlucken muss. Zehn Zentimeter Neuschnee und die Flocken fliegen fast horizontal durch die Gasse. Also alle warmen Klamotten für die Abfahrt angezogen, den Regenponcho mit umgehängtem Schloss am Körper fixiert und das Halstuch über Mund und Nase gezogen. Kaum bin ich vier Schritte weit mit dem Fahrrad gegangen, da kommt eine 5-köpfige Familie mit Fotoapparat auf mich zu. Ich habe generell nichts gegen ein Bild mit mir, nur die umgebenden Temperaturen laden wirklich nicht gerade zu einem längeren glücklichen Posieren ein. – Geschmeichelt hat mich dieses Ereignis trotzdem ein wenig.

Meine Hände lösen die Bremsen und so geht es bergab. Durch den Wind bleibt die Sicht sehr mager. Dazu mal wieder erst Schnee, dann Hagel, dann Regen... besser kann es einfach nicht werden, aber das sagten mir die Einheimischen am Berg schon, dass es am Gipfel seit zwei Monaten nur regnet oder schneit. Die Reifen halten durch das schwere Gepäck überraschend gut auf der rutschigen Straße. Das einzige, was mich immer wieder zum Pausieren zwingt, sind meine wind- und wasserdurchlässigen Discounter-Handschuhe. Ja, irgendwo musste ich Abstriche machen. Eine komplett neue Ausrüstung ging über mein Budget. Sobald die Hände wieder warm wurden, wurden meine Waden richtig kalt. Was, keine Regenhose dabei? – Ja, leider... Ein Regenponcho hält bei mittlerer Geschwindigkeit um 20km/h unheimlich gut trocken. Allerdings, wenn es windig ist und das Reisetempo ansteigt, werden Oberschenkel und Füße richtig nass. So wie jetzt auch während meiner Abfahrt. Zum Glück wird die Straße nach und nach schnee- und eisfrei. Meine Räder rollen fröhlich mit 40 bis 50 km/h Richtung Tal, aber das Gefühl für meine Waden verschwindet zunehmend. Das Anspannen der gesamten Muskulatur bringt auch nicht viel, also mache ich erneut eine Pause am Straßenrand. Wie eine Nähmaschine zittern jetzt beide Unterschenkel. Um dem Ganzen entgegenzuwirken, hilft nur sich was Warmes vorzustellen: Eine heiße Schokolade! Ich stelle es mir genauer vor: Ich sitze an einem Tisch neben mir eine gemütliche warme Heizung. Meine Handflächen schmiegen sich um eine große Tasse. Ich schließe die Augen und führe die Tasse unter die Nase. Der Duft von köstlichem Kakao steigt langsam und beflügelnd in meine Sinne. Einen Moment halte ich inne. Die Augen immer noch geschlossen. Die Lippen berühren die Tasse und die warme Flüssigkeit fließt in Zeitlupe über meine Zunge. Ein genüsslicher Schluck und die Wärme der Schokolade durchziehen meinen ganzen Körper.

Und es hilft. Unser Körper ist sehr oft mit derart kleinen Tricks in der Lage, eine höhere Leistung oder schnellere Entspannung hervorzubringen. Natürlich ist nicht für jeden die heiße Schokolade ein Erwärmungsgedanke. So kann auch der Gedanke an einen Tee, Kaffee oder ein heißes Bad in der Badewanne wirkungsvoll sein. Komischerweise fand ich anschließend im Tal ein Café mit einer phänomenal guten heißen Schokolade.

Zehn Kilometer weiter bergab schaut mich ein hilfloser älterer Fahrradfahrer an. Er hebt seine Hand und bittet, dass ich anhalte. Er ist ein braun gebrannter Spanier und bereist mit kleinem Gepäck den Camino. Mit schwarzen Funktionstüchern schützt er seinen Kopf gegen Kälte und trägt eine strahlend gelbe Radlerjacke kombiniert mit einer engen, langen Radlhose. Auch wenn meine Spanischkünste normalerweise keine detaillierten Beschreibungen zulassen, verstehe ich durch seine überdeutliche Zeichen- und Körpersprache dennoch, was er will: Während seiner Tour hatte er aus Versehen an seiner Lenkertasche den Reißverschluss des Geldfaches offen gelassen. So sind nun die Geldscheine, wie man so schön sagt, „vom Winde verweht“. Er will also ein wenig Geld für ein Essen. Ob man diesem Menschen jetzt Glauben schenkt oder nicht. Mich haben schließlich sein Gesichtsausdruck und ein wunderschönes silbernes Kreuz mit einer großen gleichmäßig gemusterten Jakobsmuschel, die auf der Rückseite des Gepäckträgers befestigt ist, überzeugt. Fünf Euro sind für eine Brotzeit ausreichend. Sein Gesicht verwandelt sich in ein breites zahnloses Grinsen und Lachen. Auch wieder ein schöner Moment und man sieht erneut, was für ausdauernde Menschen den Jakobsweg meistern. Nach einem Foto verabschieden wir uns und jeder fährt wieder seinen eigenen Weg.

Mein Weg geht ein kleines Stück weiter bergab an ein paar Häusern entlang. Während ich einen kleinen Hof passiere, entscheidet sich ein dunkelfarbiger frecher Hund sein Territorium zu verteidigen und sprintet im Affentempo los. Bellend und knurrend hält er gut mit. Mein Tacho zeigt 38 km/h und er kommt keuchend meinem linken Fuß immer näher. – Der will mir doch nicht an meine Wade?! Nur noch etwa 30 Zentimeter trennen ihn und meinen sich im Kreis bewegenden Fuß. Wie besessen kreist sein Kopf mit meinem sich bewegenden Bein, der Blick fokussiert auf meine Wade. Als ich mich schließlich groß mache und einen zischenden Laut ausstoße, bremst er ab. Glück gehabt! Was wäre bloß passiert, wenn dieser Hund mir in die Speichen geraten wäre? Über manche Sachen will ich einfach nicht nachdenken...

Der Tag endet in dem kleinen Ort Molinaseca. Er liegt noch vor der zweiten Bergetappe zum höchsten Punkt des französischen Jakobsweges, das Gipfelkreuz Foncebadón. Aktuelle Wetterstatistik: seit 4 Tagen 10 Minuten Sonne.

An dieser Stelle will ich auch erwähnen, dass es im kühlen Frühjahr normalerweise sehr empfehlenswert ist, auf dem Camino unterwegs zu sein. Meist sind dann nämlich nur maximal eine Handvoll Leute in den Herbergen.

Meine heutige Herberge liegt gegenüber einem luxuriösen Hotel, welches noch im Laufe des Abends eine Rolle spielen wird. Zwei Hunde so groß wie Kälber bewachen den Garten der Herberge. Diese regionale Rasse ist nicht ganz so mächtig wie der irische Wolfshund, der größte Hund der Welt, dafür ist sie aber mit mehr Fleisch an den Rippen ausgestattet. Im Hotel treffe ich den Herbergsbesitzer. Er ist gleichzeitig Inhaber des Hotels. Acht Euro kostet die Übernachtung in der gut behüteten Hütte. Er nimmt einen Schlüssel aus einer Schublade und wir gehen über die Straße. Als wir das Tor aufmachen, springen die zwei „Wachhunde“ wie kleine Welpen durch die Gegend. Ich glaube, hier würde auch ein Einbrecher mit freundlichem Schwanzwedeln begrüßt werden. Damit der Spieltrieb nicht überhandnimmt, kann man diese riesigen Hunde nicht einfach mit der Hand beiseiteschieben, sondern streckt, ohne Kontakt zum Hund, einfach den Fuß aus. Das Fahrrad und das Gepäck finden genügend Platz. Sogar das Zelt kann ich hier endlich in der dazugehörigen Garage trocknen.

Zwei Stunden später will ich zum Hotel, um das WLAN zu nutzen. Beide felligen Hausbeschützer kommen mir entgegen. Ich strecke die Hand aus und gebe dem Einen eine kleine Streicheleinheit. Da hebt der Zweite seinen Kopf, streckt seine Waschlappenzunge raus und schleckt mit viel Flüssigem einmal quer über …. Nein, zum Glück nicht mein Gesicht, es war nur der halbe Arm. Es ist ziemlich erstaunlich, wie viel Speichel solche Tiere produzieren können!

Nach einem Waschbeckenbesuch bin ich dann doch sauber im Hotel angekommen. Das Hotel besaß eine kleine Lounge mit modernen Holzmöbeln und einigen kleinen Couchsesseln. Das größte Schmuckstück im Raum war ein wärmendes Kaminlagerfeuer. Es war eine schöne Umgebung, um einen Artikel für meine Webseite (tothesun.de) zu schreiben und mich anschließend mit meiner Heimat zu verbinden.

Ich bin immer wieder dankbar, wie unendlich viele Vorteile das Internet bietet. Natürlich kann das Smartphone leicht zur Abhängigkeit führen, denn man will ja nichts verpassen. Wie oft beobachte ich doch, dass die Menschen ständig auf ihr Handy schauen – auch wenn es keine Mitteilung gibt. Mein Handy klingelte an diesem Abend wirklich und ich sprach mit einem Freund über meine Erlebnisse und was es Neues in der Heimat gibt. Nach dem Telefonat ergab sich eine gemütliche Gesprächsrunde mit dem Hotelbesitzer und seiner Freundin. Dabei kam heraus, dass ich am nächsten Tag keine 12 Kilometer Anstieg (wie auf meine Karte verzeichnet) vor mir hatte, sondern 20 Kilometer mit häufigen 18%-Steigungen.

Vom höchsten Punkt weiter ins Storchental