Tod bei den Grashütten - Rudolf Duerksen - E-Book

Tod bei den Grashütten E-Book

Rudolf Duerksen

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Beschreibung

Rudolf Duerksen wächst in der weiten Wildnis des paraguayischen Chaco mit Dornbuschwald, Schlangen und unerreichten indigenen Stämmen, die das Überleben seiner Familie bedrohen, auf. In seinem Buch nimmt er den Leser mit auf eine Reise in die harte Wirklichkeit der mennonitischen Siedler in Südamerika. Erzählt aus der Perspektive der ersten Generation deutsch-russischer mennonitischer Flüchtlinge, die sich im Chaco niedergelassen haben, ist Tod bei den Grashütten eine Schilderung menschlichen Bestrebens und des Vertrauens auf Gott angesichts der Widrigkeiten. Es enthält Geschichten über den ersten Kontakt zu den Stämmen sowie über die Entwicklung einer florierenden Wirtschaft an ihrer Seite, über Unglück und große persönliche Opfer, um Lateinamerikas "grüne Hölle" in eine blühende Landschaft und prosperierende Gemeinschaft zu verwandeln. Auf dem Weg dahin sieht sich Rudolf beim Abernten von Weizenfeldern in Kansas, beim Ausliefern von Lebensmitteln in den engen Gassen der Altstadt von Basel in der Schweiz, unterwegs mit einem Flugtransport von Rindern von Texas nach Südamerika und bei der Einrichtung eines Heims für verlassene Kinder in den Straßen von Asunción. Letztendlich dienen diese ergreifenden und oft humorvollen Geschichten dazu, unsere gemeinsame Menschlichkeit zu zeigen, und was möglich ist, wenn wir Gottes Führung folgen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 346

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für meine Familie

Nicole Duerksen-Widmer, meine Ehepartnerin,

ohne die mein Leben leer wäre,

Rafael Enrique und Myrielle Duerksen-Tremblay

mit Olivia, Maliya und Emmalyn,

Micael Jerome und Janelle Mae Duerksen-Freed

mit Didi Celokuhle

mit unendlicher Dankbarkeit.

Und im Andenken an unsere Eltern:

Heinrich und Sara Duerksen-Kroeker,

Pierre und Suzanne Widmer-Rychen,

die alle für uns einen Pfad schufen, auf dem wir unser Leben gehen können

und der uns in den Dienst führte.

Inhaltsverzeichnis

Anerkennung

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Kapitel 1: Heinrich - Eine gewagte Flucht

Kapitel 2: Sara - Eine Pionierfrau

Kapitel 3: Nachbarn - Erste Begegnungen mit Indigenen

Kapitel 4: Tod bei den Grashütten - Ein ungewöhnlicher Ruf in die Mission

Kapitel 5: Leben im Buschland - Heranwachsen im Dorf Nummer 11

Kapitel 6: Wachstumsschmerzen - Alles hat seine Kosten

Kapitel 7: Die Moros kommen - Wie erhörte Gebete einer Gemeinschaft Angst brachten

Kapitel 8: Eine weniger befahrene Straße - Den Busch verlassen, auf der Suche nach Sinn

Kapitel 9: Auf der Suche nach dem Glück in Amerika - Die Boschmann-Regel beachten

Kapitel 10: Eine Reise durch Amerika: Wie ich ein Auto kaufte und wieder verkaufte, um die Lichter von Los Angeles zu sehen

Kapitel 11: Bist du sicher? - Nach Hause kommen und auch wieder verlassen

Kapitel 12: In unbekannte Gewässer - Ernten im amerikanischen Mittleren Westen

Kapitel 13: Texas - Ich finde meine Berufung

Kapitel 14: Können Rinder fliegen? - Die Missgeschicke auf der Rückreise nach Paraguay mit einer Rinderherde an Bord

Kapitel 15: Yalve Sanga - Anfänge der Missionsarbeit bei den Ureinwohnern im Chaco

Kapitel 16: Nicole - Romanze am Ende der Welt

Kapitel 17: Das Zentrale Kreditkomitee - Gründung der Indigenen Stiftung für Agrarentwicklung

Kapitel 18: Hans Teichrieb - Wie Gott einen ausgesetzten Jungen rettete und ihn zu einem Leiter seiner Gemeinschaft vorbereitete

Kapitel 19: Es geht weiter - Wir verlassen den Chaco und ziehen zur Hauptstadt

Kapitel 20: El Abrigo - Eine Herberge für Straßenkinder

Kapitel 21: Ein neues Heim - Aus einem Schrottplatz ein geschätztes Zuhause für viele machen

Kapitel 22: Und dann waren es vier - Die Familie, mit der mich Gott gesegnet hat

Kapitel 23: Kanada - Wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen

Kapitel 24: Ein neuer Beginn, eine neue Herausforderung Kanadische Freunde dafür gewinnen, Kindern in Lateinamerika zu helfen

Kapitel 25: Was ist ein Leben? - Gottes Hauch in uns

Kapitel 26: Was ist der Tod? - Leben in Fülle

Kapitel 27: Zum Schluss - Was Gnade bewirken kann

Leserzuschriften über die englische Ausgabe von „Tod bei den Grashütten“ Death At The Grass Huts: A Story of God`s Grace and Human Endeavor ISBN: 9781098007706

Über den Autor

Anerkennung

Ein herzliches Dankeschön an alle Menschen, die mit uns gearbeitet haben und weiter mit uns arbeiten. Diese Geschichte ist genauso Ihre Geschichte wie unsere, und vielleicht sogar noch mehr.

An alle Straßenkinder in Asunción, die uns erlaubt haben, einen Teil unserer Wege zusammen zu gehen. Es gibt viele Namen, viel zu viele, um sie hier zu nennen. Ihre Geschichten sind es wert, erzählt zu werden – jede von ihnen. Sie haben uns immens beeinflusst. Ihr habt uns mehr gegeben, als wir euch geben konnten, und das ist kein Klischee.

An die indigenen Völker des Chaco. Ihr seid voller Freundlichkeit und freundschaftlicher Beziehungen. Hier sind tiefe Lektionen zu lernen. Vielen Dank für die Freundschaft, das Mentoring und die wahre Bedeutung tiefer Beziehungen.

An Nicole, Rafael und Micael, die das Manuskript mehrfach gelesen und wertvolle Beiträge geleistet haben. Besonderer Dank geht an Nicole, die mich zum Schreiben anregte und die das Manuskript als erste gelesen hat.

Besondere Erwähnung verdient Hans Dürksen, mein Bruder Hans – Lehrer, Erzieher, Jugendleiter und Akademiker. Eine feine Persönlichkeit mit einem ausgeprägten Sinn für Humor. Er ermutigte und unterstützte meinen Vater beim Schreiben seines Buches und übernahm die endgültige Bearbeitung. In den letzten Jahren hatte Hans es unternommen, sein eigenes Buch zu schreiben. Viele hatten schon darüber geschrieben, wie sie das alte Land verließen und in einem fremden Land neu angefangen haben. Aber Hans sagte, dass die erste Generation, die im neuen Land geboren wurde, nicht viele ihrer Gedanken und Erfahrungen zu Papier gebracht habe. Er wollte diese Lücke füllen, aber nur ein paar Seiten später behinderte Parkinson seine Bemühungen und er musste aufgeben.

Er war nicht nur mein Bruder, sondern wir waren auch Freunde und waren einst sogar Geschäftspartner. Wir wurden am selben Tag getauft. Ich möchte seine vielen Beiträge für Familie, Freunde und Gemeinschaft voll anerkennen.

An Hans Teichrieb, ein Lengua-Führer, enger Freund und mein Mentor während meiner Zeit in Yalve Sanga. Wenn es jemals eine wirklich bikulturelle Person gab, war es Hans Teichrieb. Als Vollblut-Lengua war er bis zu seinem neunten Lebensjahr von einer Siedlerfamilie mit dem Familiennamen Teichrieb erzogen worden. Seine leiblichen Eltern hatten das kleine Baby im Busch zum Sterben liegen gelassen. Aber Gott sorgte für ihn und hat die Familie Teichrieb geführt, dass sie ihn als einen ihrer eigenen aufnahmen. Und Hans überwand die Auswirkungen von Unterernährung und Dehydration.

Im Alter von neun Jahren wurde er wieder mit seinem Volk vereint, wo er seine eigene Kultur und Sprache lernen musste. Später vertraute er uns an, dass er in seinem Inneren nie wirklich Lengua geworden war, aber mit Gottes Gnade akzeptierte er, dass er zu seinem Stamm zurückgekehrt war und lernte sogar, es als Gottes Vorsehung zu betrachten, ein Anführer seines Stammes zu werden – einer, der von allen akzeptiert wurde. Er ist jetzt beim Herrn, aber die Erinnerung an ihn lebt weiter.

An Else Dürksen, meine Schwägerin. Sie war die erste Nicht-Dürksen, die in unsere Familie kam, aber sie bemühte sich besonders, ein Teil von uns allen zu werden. Sie saß am Sterbebett meines Vaters und sah zu, wie sich sein Gesicht in ein breites Lächeln verwandelte, als er starb. Ihr Kommentar später war: "Ich hätte nie gedacht, dass Sterben so gut sein kann".

Sie war die erste, die sich unserer Familie anschloss, und sie war die zweite, die von ihr ging. Ihre letzten Jahre waren von körperlichen Schmerzen geplagt, aber sie trug immer dieses Lächeln im Gesicht, während sie jeden Besucher mit ihren exquisiten Koch- und Backfähigkeiten begeisterte. Sie wird immer einen Lieblingsplatz in meinem Herzen einnehmen und ich bin mir sicher, dass dies auch bei vielen anderen Menschen der Fall ist – sei es bei Siedlern, Indigenen oder Paraguayern. Else, immer die selbstlose Person.

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Einer meiner Lehrer an der Zentralschule pflegte zu sagen: „Wer seine Wurzeln nicht kennt, weiß auch nicht, wohin er wachsen will “, oder „Wer nicht weiß, woher er kommt, kann auch nicht wissen, wohin er geht.“ Ich weiß nicht, ob dieser Spruch so schlechthin allgemein Gültigkeit hat. Es steckt aber eine große Weisheit dahinter. Aus der Landwirtschaft wissen wir, dass ein guter Boden notwendig ist, um gute Wurzeln zu entwickeln. Unsere Wurzeln zu kennen und einen guten Boden für gutes Wachstum zu schaffen, ist unser aller Aufgabe.

Das vorliegende Buch ist eine deutsche Übersetzung von Frau Annegret Horsch vom ursprünglich im Englischen erschienen Buch “DEATH AT THE GRASS HUTS – A STORY OF GOD‘S GRACE AND HUMAN ENDEAVOR“. Ich danke Frau Horsch ausgiebig für die sorgfältige und akkurate Arbeit. Die Übersetzung einer Geschichte bedeutet ja nicht nur die korrekte Übersetzung der Wörter von einer Sprache in die andere, sondern es muss ja gleichzeitig auch der Inhalt, sozusagen der Geist und die Absicht des originalen Textes erfasst werden. Frau Horsch ist das gelungen. Vielen Dank!

Nelli Dürksen machte die Korrektur. Sie hat viel Sorgfalt und Mühe angewandt um dieses Buch in deutscher Sprache dem Leser zugänglich zu machen. Dafür bin ich Ihr sehr dankbar.

In diesem Buch erzähle ich meine Lebensgeschichte, so wie ich sie sehe. Andere mögen die Dinge anders sehen oder bewerten. Dafür gebe ich gerne Spielraum.

Bei den Erzählungen ging es mir immer um zwei Dinge. Einmal das Ereignis selbst und dann aber auch darum, Empfindungen und Darstellungen so darzubringen, dass auch nicht beteiligte und nicht eingeweihte Personen etwas von dem nachempfinden können, wie es war, als erste Generation im Chaco aufzuwachsen. Ich wollte die Geschichte hinter der Geschichte zum Leben bringen. Wie wohl mir das gelungen ist, bleibt dem Urteil des geneigten Lesers überlassen.

Bei Ereignissen, die ich selbst nicht miterlebt habe, aber die als Erzählungen anderer Leute sehr einschneidend meine Kindheit, mein Aufwachsen im Chaco beeinflusst haben, habe ich beim Schreiben versucht, mich in die Lage derer zu versetzen, die das Ereignis direkt betraf. Als Beispiel darf der Überfall der Ayoreos auf die Stahl-Familie dienen. Sie mögen sich daher auch nicht immer in allen Einzelheiten mit dem, was vielleicht in Protokollen und anderen Schriften aufgezeichnet ist, decken.

Ich wollte dabei vor allem darauf achten, für meine Kinder und Großkinder eine Bühne zu schaffen, auf der sie das Heranwachsen in einer Mennonitenkolonie im Chaco von damals sozusagen miterleben konnten. Auf dieser Bühne wollte ich auch die Gnade Gottes und Sein Handeln deutlich auftreten lassen.

Ich habe einen Versuch gemacht, auch Nicht-Eingeweihten den Zugang zu Ereignissen und Erlebnissen aus meinem Leben, und damit das Leben vieler der ersten Generation in den Kolonien, zu ermöglichen. Und das reut mich nicht, sondern war mir eine Freude.

Wir alle brauchen Wurzeln. Wir alle haben Wurzeln. Es liegt an einem jeden von uns, den Boden zu schaffen, damit Wurzeln stark und tragfähig werden.

Rudolf Duerksen

Sommer 2020

Kapitel 1

Heinrich

Eine gewagte Flucht

Es war ein drückender Tag. Es hatte 40 Grad im Schatten und es war noch nur 10 Uhr am Vormittag. Nicht, dass ich diese Temperaturen nicht gewohnt wäre. Ich war 13 und hatte es in meinem kurzen, aber intensiven Leben nicht viel anders gekannt.

Meine Gedanken zogen mich zurück zu den Geschichten, die meine Eltern so oft erzählt hatten. Wie schwer es für sie gewesen war, ein neues Leben zu beginnen, mit nichts als den Kleidern am Leib, nachdem sie aus dem Land geflüchtet waren, das das Vaterland ihrer Eltern und Großeltern für mehr als 150 Jahre gewesen war. Es gab für sie kein Zurück mehr.

Die Wahl war schwer gewesen: Alles, was einem lieb und teuer war, liegen zu lassen, um das Leben der Familie zu retten, oder zu versuchen durchzuhalten. Jedoch war beim Durchhalten keine Sicherheit. Das Leben und das Eigentum konnten draufgehen.

Ich kannte die Geschichte gut - den Kampf, Russland unter drohender Verfolgung und sehr möglichem Tod zu verlassen. Eines Sommerabends hatte der 19-jährige Heinrich am Abendbrottisch seine Meinung geäußert. „Ihr Lieben“, sagte er, „es wird gemunkelt, dass man uns nach dem Leben trachtet, und wir sind sicherlich nicht die einzigen. Und auch wenn wir nicht getötet werden, werden wir ganz sicher alles an die marodierenden Rebellen verlieren.“

„Papa, ich glaub nicht, dass wir uns halten können!“, beendete er. „Wir müssen fliehen.“

Es wurde still am Tisch, wie nie zuvor. Papas Blick bohrte sich tief in Heinrichs Augen, als suchte er etwas Verlorenes. Wenn er es nur finden könnte, würde was Heinrich gesagt hatte vielleicht wieder verschwinden. Mama und die jüngeren Geschwister sahen erschrocken drein. Alle schauten sie voller Angst auf Heinrich. Aber die gesprochenen Worte gingen nicht weg. Schwer hingen sie in der Luft.

Mama begann leise zu weinen. Dann schaute sie in die Gesichter ihrer Kinder und wusste sofort, dass der Moment gekommen war, wo sie als Anker für alle da sein musste, wo sie alle Halt finden konnten. Sie wischte eine Träne weg und mit einem zaghaften Lächeln fragte sie: „Hat es euch geschmeckt? “, und fügte hinzu, „Ihr wisst, dass ich gerne für euch koche.“

In Gedanken fragte sie sich jedoch, ob das Leben, wie sie es gekannt und geliebt hatten, nun endgültig vorbei war. Auch für eine erfahrene Seele waren die Worte, die Heinrich da soeben gesprochen hatte, zu plötzlich gekommen.

Johann und Katharina Duerksen, Eltern von Heinrich

Papa starrte immer noch Heinrich an, während sich tiefe Falten auf seiner Stirn zusammenzogen. Mama kannte Papa gut. Er war ein Mann weniger Worte, aber freundlich, nachsichtig und immer der Versorger. Sie kannte die Bedeutung dieser tiefen Falten in seinem Gesicht. Sie wusste, dass es ein längeres Gespräch mit Heinrich geben würde. Flink scheuchte sie die jüngeren Geschwister zum Tischabräumen auf und schickte sie dann auf ihre Zimmer. „Ich werde gleich bei euch sein, um mit euch das Nachtgebet zu sprechen. Lest inzwischen schon eure Bibel“, sagte sie, indem sie sie in Richtung der Schlafzimmer schob.

Mama wusste, dass sie die jüngeren Kinder nach dem, was Heinrich am Tisch gesagt hatte, nicht zu lange allein lassen konnte. „Papa“, sagte sie, „ich kann die Kleinen in diesem Moment nicht allein lassen, aber hör dem Heinrich zu und dann besprechen wir alles, wenn die Kinder schlafen.“

Heinrich hatte tiefen Respekt vor seinem Vater und wählte seine Worte vorsichtig. „Papa“, sage er, „du weißt, dass ich immer mit den Arbeitern, den Bauern zusammen bin und dass sie uns treu sind. Ich spreche ihre Sprache und sie vertrauen mir. Du weißt, dass viele Landwirte in anderen Teilen des Landes schon getötet wurden, wenn nicht wegen ihres Glaubens, dann wegen ihres Grundstücks und Eigentums. Diese Arbeiter erzählten mir, dass die Rebellen sehr bald in unserer Gegend sein werden. Die Arbeiter sagen auch, dass sie alles, was sie können, tun werden, um uns zu verteidigen, aber die Rebellen sind viele. Papa, wollen wir wirklich, dass die Arbeiter für uns sterben?“

Die Worte Heinrichs schnitten tiefer in Papas Seele, als ein glühendes Messer es je könnte. Das Land, die Leute, die Jahreszeiten und die Lebensweise - alles um ihn herum war so Teil von ihm geworden, dass es schwer geworden war, eines vom anderen zu trennen. Was Heinrich eben gesagt hatte, wurde ihm in diesem Moment unerträglich. Er suchte in seinem tiefsten Inneren, aber es war keine Antwort zu finden. Eine unheimliche Stille senkte sich über das Zimmer, eine Stille, die für Heinrich fast unerträglich war. Hatte er töricht gehandelt? Hatte er zu früh gesprochen oder zu direkt? In seinem Herzen war er überzeugt, dass er das Richtige tat, aber der Schmerz im Gesicht des Vaters machte ihn unsicher.

Nachdem Mama dazugekommen war, schaute Papa Heinrich fest an. „Du weißt, mein Sohn, dass ich dich liebe und respektiere. Aber ich glaube, dass wir noch etwas Zeit für eine Entscheidung haben.“

„Papa, Zeit ist etwas, was wir eben nicht haben. Wir müssen morgen hier weg “, antwortete Heinrich.

Damit wollte Papa aufstehen, aber Mama fasste sanft nach seinem Arm. „Papa“, sie sprach mit zitternder Stimme, „Gott und die Familie sind das einzige, woran wir wirklich festhalten müssen, also lass uns das alles vor Gott im Gebet ausbreiten, bevor wir uns schlafen legen.“

Papa nickte, faltete seine Hände und begann in gebrochener Stimme zu beten: „Gott, wir brauchen dich …“, begann er und dann konnte er nichts mehr sagen. Mama fuhr mit Tränen fort: „Gott, wir brauchen dich jetzt wirklich.“

Als es Morgen wurde, hatte Mama ein herzhaftes Frühstück für alle gemacht. Sie hatte keine Ahnung, dass es das letzte Frühstück der Familie in dem Heim, das sie ihres nannten, sein würde.

Papa, Mama und Heinrich hatten in dieser Nacht keine Minute geschlafen. Papa nahm die Bibel, um das Kapitel für den Tag zu lesen. Er begann mit den ersten zwei Versen, hielt ein Weilchen an und nachdem er den Rest des Kapitels gelesen hatte, legte er die Bibel nieder und schaute auf in die Gesichter seiner Familie, besonders Mama schaute er an. Er sah müde aus, aber irgendwie in Frieden mit sich selbst.

„Liebe Familie“, begann er, „bevor ich bete, habe ich euch allen etwas zu sagen. Was Heinrich uns gestern gesagt hat, war hart, aber ich glaube jetzt auch, dass es so geschehen wird. Ich habe letzte Nacht mit Gott gekämpft, wie es Jakob damals am Brunnen getan hat. Und wie bei Jakob hat dieser Kampf seine Spuren bei mir hinterlassen. Ich habe auch wie Jakob Gott gesagt, dass ich den Kampf nicht aufgeben würde, bis er mir seinen Segen gibt. Und gesegnet hat er mich. Er hat mir Frieden gegeben.“

Der Tag war ein Tag des Abschiednehmens von Nachbarn und Freunden. Mama wies die Kinder an, leichtes Gepäck zu schnüren, da sie nicht wissen konnten, wohin die Flucht sie bringen würde. Als es Abend wurde, nahm die Dunkelheit der endlosen Steppe ihre Silhouetten auf und schützte sie beim Verlassen dessen, was bis dahin ihr Heim gewesen war.

***

Plötzlich zerrte meines Bruders Stimme mich aus meinen Gedanken. „Wir müssen jetzt gehen, unsere Arbeit fortsetzen.“

Heinrich hatte im neuen Land Sara geheiratet. Wir waren jetzt eine Familie von elf, die als Flüchtlinge und Pioniere in eines der am dünnsten besiedelten Regionen Südamerikas lebten - im rücksichtslosen, unwirtlichen Chaco von Paraguay.

Willy, der erstgeborene, war im Alter von fünf Jahren gestorben, aber neun andere hatten überlebt und waren zu einer gesunden Familie herangewachsen: sechs Jungen und drei Mädel. Darunter war ich der zweitjüngste. In einer großen Familie dauert es etwas länger, bis die jüngsten ihren Platz bekommen, wie ihn die älteren einnehmen.

Der Tod war Mamas und Papas Familie im alten Land auch kein Fremder gewesen. Sie hatten sieben von dreizehn Kindern an Diphterie, Schwarze Pocken und andere Krankheiten verloren.

Mama war versessen darauf, einen Heinrich zu haben, da aber der erste Heinrich starb, bekam der nächstgeborene Junge diesen Namen, der auch wiederum starb, und erst der dritte Heinrich konnte groß werden und eines Tages das Gespräch am Familientisch führen, das die Familie dazu bewog, ihr Heim in Russland zu verlassen. Es war derselbe Heinrich, der viel später mein Vater wurde. Papa und Mama waren meine Großeltern.

Dass Willy an Diphterie gestorben war, hatte Sara und Heinrich auf den Kern erschüttert. Würde ihr Leben in der neuen Heimat, ähnlich wie bei Papa und Mama in der alten Heimat, vom Tod gekennzeichnet sein?

Wo war der Segen geblieben, den Papa verspürt hatte, als er mit dem Engel Gottes gekämpft hatte? Es gab keine Antwort - nicht am Sterbebett von Willy, nicht an seinem Grab. Die Antwort darauf würde warten müssen, und es gab auch keinen weiteren Willy in der Familie. Willy wurde auf dem Friedhof des Dorfs Waldesruh im paraguayischen Chaco begraben.

Papa und Mama starben wenige Jahre nacheinander. Sie hatten ihre Familie erfolgreich in die neue Heimat gebracht und hatten im Dorf Schönwiese auf eigenem Hof angesiedelt. Dies war Papas Traum gewesen, seinen eigenen Hof mit Landwirtschaft zu betreiben und damit seine Familie zu versorgen. Das hatte er mit Gottes Hilfe machen können. Jedoch ein Flüchtlingsdasein und die Neuansiedlung in einer harten neuen Umgebung, dazu noch der Schmerz, dass eine Tochter und ein Sohn mit ihren Ehepartnern in Russland geblieben waren, hatten ihren Tribut gefordert. Mit der zurückgebliebenen Tochter Greta hatten sie, wenn auch nur spärlich, Briefkontakt. Der Sohn Hans galt als verschollen. Papas Gesundheit schwächelte. Er starb im Jahre 1941 und wurde auf dem Waldesruher Friedhof neben Willys letztem Ruheplatz begraben. Ich war noch nicht geboren und habe daher keine direkte Erinnerung an Papa.

Johann und Katharina Duerksen mit ihrer Familie auf ihrem neuen Gehöft in Paraguay in 1931. So ganz anders als ihr Leben vorher war, als sie große Gutshöfe verwaltet hatten, mit Weizenfeldern soweit das Auge sehen konnte und Tausenden von Tieren. Aber sie waren hier zu Hause, sie waren glücklich und sie waren frei.

Mama blieb der mit Enkeln wachsenden Familie noch erhalten. Aber auch für sie war das Leben schwer gewesen. Der Kummer über die in Russland gebliebenen zwei Kinder blieb beständig. Sie starb im Jahre 1949. Ich war gerade etwas über zwei Jahre alt und die einzige direkte Erinnerung, die ich von ihr habe, ist, wie mein Vater und ich an ihrem Sterbebett im Dorf Blumenort stehen und zusehen, wie sie sanft ins ewige Leben übergleitet. Ich erinnere mich, dass Onkel Jasch sagte, ihr Herz habe aufgehört zu schlagen. Dann bat mein Vater mich, aus dem Zimmer zu gehen. Ab diesem Moment verblassen meine Erinnerungen. Sie wurde auf dem Friedhof von Blumenort begraben.

Heinrich und Sara mit Willy in 1934

Kapitel 2

Sara

Eine Pionierfrau

Sara war jung, unschuldig und schön. Ein fröhliches, unbeschwertes, frisches Gesicht unter den vielen von Schmerz und Sorgen gekennzeichneten Gesichtern der meisten Flüchtlinge. Heinrich hatte sie kurz im Flüchtlingslager in Deutschland gesehen. Sie schaute aus dem Fenster eines kleinen Zimmers, in dem sie mit ihrer ganzen Familie wohnte, als Heinrich vorbeiging. Benommen von ihrer Schönheit und dem neugierigen Blick in ihrem Gesicht, tippte er auf seinen Hut. Er wollte stehen bleiben und etwas sagen, aber seine Benommenheit machte ihn verlegen und um nicht unbeholfen zu erscheinen, ging er weiter. Er würde diesen Moment aber nie vergessen und in den kommenden Monaten hielt er ständig nach diesem Gesicht Ausschau, jedoch erfolglos.

Ein ähnliches Schicksal wie das der Familie von Heinrich hatte Saras Familie erlebt, jedoch etwas weniger dramatisch. Sie waren zweimal umgezogen, in der Hoffnung, bessere Bedingungen für die Landwirtschaft zu finden. Schließlich hatten sie ihren Platz gefunden und Saras Vater Peter hatte einen neuen Hof eingerichtet. Die Mutter, Liese, war froh. Die Familie lebte in Frieden, der Boden war fruchtbar und der Markt nahm alles auf, was sie produzierten: Fleisch, Milch, Gemüse und Korn.

Peter und Liese waren froh und hoffnungsvoll. Die Familie wuchs und zum ersten Mal in ihrem Leben als Ehepaar sah die Zukunft so gut aus, wie sie nur sein konnte. Es gab eine Kirche ihrer Glaubensrichtung in ihrer Nähe und eine ganz neue Schule, in der ihre Kinder in der deutschen Sprache unterrichtet werden konnten und auch in der Sprache ihres Landes Russland.

Saras Eltern, Peter und Elisabeth Kroeker

Peter und Liese strotzen vor Energie und Hoffnung. Sie hatten keine Ahnung, dass in wenigen Jahren dunkle Wolken der Zerstörung auch für sie am Horizont aufziehen würden. Berichte von plündernden und mordenden Rebellen verbreiteten sich wie Lauffeuer, von Banden, die ganze Dörfer überfielen, Frauen und Mädchen vergewaltigten und Häuser und Höfe in Brand steckten. Peter und Liese hatten acht Kinder, vier Jungen und vier Mädchen. Der Gedanke an solche Taten an ihren Kindern zerriss ihre Herzen.

Und so kam es, dass auch Peter und Liese ihre Habe packten, auf Knien Gott um Hilfe anflehten, dann ihre Kinder an die Hand nahmen und Haus und Hof auf Nimmerwiedersehen verließen. Auch sie waren gezwungen, eine Wahl zu treffen, zwischen Gott und Familie und dem, was ein Mensch mit Händen und Ausdauer schaffen konnte.

Auf dem Schiff, das Heinrich und seine Familie in ihre neue Heimat in Südamerika bringen sollte, waren noch viele Flüchtlinge, alles Mennoniten, die aus Russland wegen religiöser Verfolgung und Freiheits- und Eigentumsverlusten geflüchtet waren. Heinrich schaute sich immer noch nach dem schönen, aber nie wieder gesehenen Gesicht aus dem Lager um. Er schloss auch neue Freundschaften auf dem Schiff. Einer dieser Freunde war ein junger Mann fast seines Alters, der Nikolai hieß. Nikolai Kroeker, um es genau zu sagen. Er vertraute Nikolai an, dass er glaubte in ein Mädchen verliebt zu sein, dessen Namen er nicht kannte und mit dem er noch nie gesprochen hatte. Sein Freund lachte laut auf und äußerte den Zweifel, ob die schrecklichen Dinge der letzten Monate Heinrichs Vernunft vielleicht zu sehr beeinträchtigt hätten. „Nein, nein“, erwiderte Heinrich, „einmal habe ich den Hut ihr gegenüber getippt.“

Am folgenden Morgen gab es auf dem Deck eine Morgenandacht für die Flüchtlinge. Heinrich und Nikolai gingen zusammen hin. Während Nikolai mit lauter Stimme im Gesang einstimmte, durchkämmte Heinrichs Blick die Menschenmenge. Und dann schlug der Blitz ein: „Nikolai, dort ist sie. Dort ist sie!“, rief er aus. Nikolai schien nicht zu verstehen. „Das Mädchen, das ich im Lager mit einem Tippen an den Hut gegrüßt habe."

Nikolai schaute in die Richtung, die Heinrich anzeigte, und sagte langsam, „Heinrich, weißt du, wer das Mädchen ist?“

„Keine Ahnung“, sagte Heinrich, „aber ich habe sie gefunden.“

Nikolai sammelte sich und mit gezwungen ernster Miene sagte er: „Heinrich, das ist meine Schwester. Sie heißt Sara.“

Es war das Jahr 1930.

Ihre Blicke trafen sich noch einige Male während der Überquerung des Atlantischen Ozeans. Diese Momente genügten, um ihre gegenseitige Zuneigung zu festigen und ihnen die Sicherheit zu geben, dass sie von Gott zusammengeführt waren. Natürlich war Sara noch zu jung, um umworben zu werden, aber nicht, um sie nicht zu vergessen und auf sie zu warten.

Ungefähr zwei Jahre nach der Ankunft in der neuen Heimat brach ein Krieg zwischen der neu gefundenen Heimat und ihrem Nachbar Bolivien aus. Die Hauptkampflinien verliefen ganz dicht an den Grenzen der neuen Siedlungen.

Heinrich umwarb Sara zu dieser Zeit, aber dieses Unterfangen wurde zunehmend erschwert durch die Tatsache, dass viele Wege und Straßen vom Militär blockiert waren und schnell der Verdacht der Spionage für die Gegenseite aufkam. Die indigene Bevölkerung bekam diese Kriegsauswirkung am meisten zu spüren. Beide Kampflager deklarierten die Indigenen zu Verrätern und sie sollten, wenn sie gesichtet wurden, erschossen werden. Die neuen Siedler versuchten, sie zu schützen, aber oft bemerkte man die Soldaten zu spät.

In Saras Dorf, Gnadenheim, wurde ein indigener Mann erschossen, während er zu fliehen versuchte, nachdem Saras Eltern ihm etwas zu essen gegeben hatten. Unerwartet traten Soldaten hervor, der Mann versuchte, schnell ins Gebüsch hinter dem Zaun zu gelangen. Während er noch durch die Zaundrähte kriechen wollte, wurden Karabiner auf Ziel gerichtet, Schüsse ertönten und der Körper des leblosen Mannes blieb am Stacheldraht hängen. Die Soldaten verschwanden.

Heinrich musste zehn Kilometer mit dem Ochsenwagen reisen, um Sara in Gnadenheim zu besuchen, wobei er niemals wusste, ob er ankommen würde. Mit all dieser Unsicherheit wurde Eins bald sehr klar: Sara und Heinrich wollten heiraten. Die Verlobung wurde den Verwandten, Freunden und Nachbarn mündlich mitgeteilt. Wie damals üblich, wurde der Hochzeitstermin auf vier Wochen später gesetzt.

Am Hochzeitstag räumten Heinrich und seine Eltern reichlich Zeit für die Reise ein, für den Fall, dass sie vom Militär aufgehalten wurden, und spannten schon früh am Morgen die Ochsen vor den Wagen. Sie wurden in Gnadenheim von Sara und ihren Eltern zu Mittag erwartet und am Nachmittag sollte die Hochzeitsfeier unter einem Zeltdach auf dem Hof stattfinden. Es wurde Mittag und die Duerksens waren noch nicht angekommen. Die Kroeker-Familie wartete bis zwei Uhr am Nachmittag, dann aßen sie allein zu Mittag.

Sara wusste: Heinrich kam gewiss. Die Frage war nur, wann. Um ihre Nervosität zu lindern, beschloss sie, ihre Freundinnen im Dorf zu besuchen. Als Heinrichs Ochsenwagen schließlich ins Dorf gerollt kam, saß sie hoch oben auf einem Obstbaum und genoss die reifen Früchte. Flink kletterte sie runter und nahm eine Abkürzung nach Hause, aber Heinrich hatte sie gesehen. Als er vom Wagen stieg, sah er enttäuscht aus und fragte Sara, warum sie nicht zu Hause auf ihn gewartet hatte. „Na aber“, sagte Sara mit einem verschmitzten Ausdruck im Gesicht, „ich bin doch im Dorf geblieben oder nicht? Jetzt komm, es ist Zeit zum Heiraten.“ Damit war der erste kleine Ehekrach gemeistert und beide schritten den Gang durch das Zelt, um ein kräftiges Ja vor Gott und Menschen zu geben. Sara wurde natürlich viel später meine Mutter.

Es war das Jahr 1932.

Peter Kroeker betrieb im Dorf Gnadenheim auch weiterhin Landwirtschaft. Der Erfolg im wirtschaftlichen Sinne, den er auf seinem letzten Betrieb in der alten Heimat gehabt hatte, setzte hier nicht ein. Im ständigen Kampf mit Dürre und staubigen Sturmwinden ließ sich nur ein mageres Einkommen für den Erhalt einer großen Familie erarbeiten. Mit der Zeit übergab er den Hof an seinen Sohn Abram und er und Liese wohnten weiterhin auf der Farm mit ihrem Sohn.

Peter starb 1941 in Gnadenheim und wurde auf dem Dorffriedhof begraben. Ich habe keine Erinnerungen an Großvater Kroeker. Großmutter Liese lebte noch eine Weile weiterhin in Gnadenheim, bis sie zu ihrem Sohn Hans und seiner Frau in Filadelfia zog. Sie starb 1958 und wurde auf dem Friedhof von Filadelfia begraben. Von ihr habe ich manch eine schöne Erinnerung. Ich gehe gern zu ihrem Grab.

Sara und Heinrich kauften sich einen eigenen Hof im Dorf Waldesruh, auch Nr. 11 genannt. Sie hatten kein Guthaben, jedoch so manche Schuldscheine mit ihrer Unterschrift. Einer dieser Schuldscheine stand nicht auf Papier, er war an Gott gerichtet: kraftvoll zu arbeiten, dankbar zu sein für das, was man hat, die Kinder in der Furcht Gottes zu erziehen und für andere da zu sein.

Es war im Dorf Waldesruh, wo wir zehn Kinder alle geboren wurden und wo Willy begraben wurde.

Die Duerksen Familie um 1957 (Ich bin vorne links). Harry ist zu der Zeit schon in Buenos Aires zum Studium.

Heinrich und Sara Duerksen, 1955

Kapitel 3

Nachbarn

Erste Begegnungen mit Indigenen

In jenen Tagen, als meine Eltern und so viele andere Flüchtlinge im zentralen Chaco von Paraguay ansiedelten, wurde dieses Gebiet wegen des unwirtlichen Klimas in den Büchern einfach als die „grüne Hölle“ bezeichnet. Die Region war berühmt für extreme Hitze, lange Dürreperioden, giftige Schlangen, Stechmücken und einen undurchdringlichen Buschwald, der jedem Eroberungsversuch durch Menschen trotzte.

Regierungs- und Forscherberichten zufolge war diese Region gänzlich unbewohnt von Menschen. Manche Berichte erwähnten, dass man einige wenige indigene Personen getroffen habe.

Den Flüchtlingen, die dieses Land auf Kredit gekauft hatten, war gesagt worden, dass keine Menschenseele in diesem Gebiet des Landes wohnte. Menschenleer und ohne menschliche Werke - hatte man gesagt. Groß war ihre Überraschung, als sich kurz nach ihrer Ankunft unbekannte Besucher einstellten - Menschen aus einer anderen Lebenskultur, mit einer anderen Hautfarbe und vor allem mit einer Sprache, die keiner der neuen Siedler verstand. Sie merkten lediglich, dass die Sprache dieser „Besucher“ nicht Spanisch war, die Sprache ihrer neuen Heimat.

Diese Menschen zeigten jedoch keine Anzeichen von Feindseligkeit. Im Gegenteil, sie waren neugierig, sie lächelten und gestikulierten mit Händen und Armen.

Vielleicht fragten sie sich, warum diese Neuankömmlinge so blass waren und so viele Kleider in der Hitze trugen, wenn man doch lediglich einen kleinen aus Kaktusfaser hergestellten Schurz benötigte, um die Leiste zu bedecken. Oben ohne war also nicht von modernen Strandbesuchern erfunden worden.

Was auch immer beide Seiten über die Gewohnheiten des jeweils anderen dachten - es dauerte nicht lange und eine Freundschaft entwickelte sich zwischen ihnen. Es wurde später geschätzt, dass in den Anfangsjahren etwa dreihundert bis sechshundert Personen des Enlhet-Stammes in dem Gebiet wohnten, in dem die Mennoniten angesiedelt hatten. Außer ein paar Kontakten mit Forschern hatten diese Menschen keinen Kontakt zur Außenwelt.

Die Nachricht über die blassen Neuankömmlinge verbreitete sich wie Lauffeuer über den ganzen Chaco und bis Argentinien. Es gab mehr als 10 verschiedene Indigenen-Stämme im paraguayischen Chaco zu der Zeit, von welchen viele anfangs langsam, dann immer zahlreicher in den zentralen Chaco zuwanderten, meistens aus wirtschaftlichen Gründen.

Die Tatsache, dass die Lebensformen der neuen Siedler und der indigenen Bevölkerung der Region - so unterschiedlich, wie sie auch waren -, einen gemeinsamen Nenner hatten, der sie alle in eine Beziehung zusammenschweißte, machte das Überleben aller Gruppen möglich. Alle Kulturgruppen gründeten ihr Leben nämlich auf Gemeinschaft, wo das Wohl der Gemeinschaft über dem Wohl des Einzelnen steht. In guten Zeiten war dieses Konzept etwas lockerer, aber wenn Not war, stand es über allen Dingen.

Und so entstand auf natürliche Art eine selektive Form der Symbiose. Alle hatten Arbeit, alle hatten Nahrung, alle waren Freunde. Wenigstens damals.

Meine Eltern arbeiteten hart daran, den Bauernhof in Gang zu bringen. Es ging ihnen nicht um Reichtum und Eigentum; es war immer mit dem Ziel, die Familie zu ernähren. In einem Zelt zu wohnen, das wenig Schutz gegen Insekten, Frösche, Schlangen und Wetterbedingungen bot, war nicht leicht. Mutter ging mit dem Vater in den dichten Busch, um einige Bäume zu fällen, die sie für den Bau ihres ersten Häuschens benötigten. Bettgestelle, Tische und Stühle fertigten Mutter und Vater von Hand aus Buschholz an.

Als Willy und bald noch mehr Jungen und Mädchen ankamen, wurde das schlichte Heim einfach zu klein und wieder gingen Vater und Mutter in den Busch, um Stämme und Holz für eine Vergrößerung anzuschaffen. Das Säuglingskind wurde mitgenommen und in eine aus Decken und Stricken gebastelte Hängematte hineingelegt, um die benötigten Bäume zu fällen.

Viel später kommentierte Vater immer, dass Mutter, so klein wie sie war, mehr als ihren Teil der Arbeit auf dem Hof getan hatte. Sie verlangsamte den Schritt, um die Kinder zu gebären - zehn davon -, aber setzte nie aus.

Eines Tages kam eine kleine Sippe von Nivaclé-Indigenen, auch Chulupí genannt, heran und ohne viel Aufheben errichteten sie Grashütten an der Südwest-Ecke unserer Farm. Sie waren freundlich und wollten Arbeit und Essen. Sie hatten schönen Kopfschmuck, Perlenschnüre und viele anderen Schmuckstücke, darunter auch ausgehöhlte Ziegenhufen, bei sich.

Sie blieben eine Weile, halfen auf dem Hof und schienen zufrieden. Vater besuchte sie öfter am Abend, um seine gute Absicht zu zeigen und auch von ihnen zu lernen. Mutter hielt eher Abstand - zu viele Männer mit zu wenig Bekleidung für ihren Geschmack.

Die Sprache war und blieb eine unüberwindbare Barriere. Aber Vater bemühte sich und lernte einige Worte.

Dann, eines Tages, aus heiterem Himmel, brach Streit aus unter Mitgliedern der Sippe. Der Kampf mit Fäusten und Stöcken dauerte Stunden, bis einige Frauen mit den ausgehöhlten Ziegenhufen an ihren Fingern ankamen. Die Gegnergruppe hatte sich auch solche auf die Finger gestreift und nun wurden Gesichter und Körper kratzend attackiert. Blut floss und Vater überlegte, wie er eingreifen könnte.

Als er aber sah, was diese Frauen mit ihren Waffen anrichteten, beschloss er, dass dies ihr Kampf war und nicht seiner.

Bevor es Abend wurde, hatten die Sippenmitglieder ihre Sachen gepackt, die Grashütten verbrannt, waren in alle Richtungen in den Busch gezogen und man hat sie nie mehr gesehen oder von ihnen gehört. Meine Eltern waren verwirrt. Ihre Gesellschaft auf dem Hof war ihnen angenehm gewesen und sie konnten sich nicht erklären, warum es diesen Streit gegeben hatte. Aber das Leben musste weitergehen.

Etwas später kam eine neue Gruppe Indigener am Südende der Farm an. Auch sie richteten prekäre Grashütten auf und ließen sich dort ohne viel Aufheben nieder. Vater ging auf sie zu und versuchte, sich mit dem geringen Wortschatz, den er sich von der vorigen Gruppe angeeignet hatte, zu verständigen. Die Männer schauten ihn nur verständnislos an und fragten sich vielleicht, in was für einer Sprache dieser Mann zu ihnen sprach. Vater wusste ja nicht, dass er Menschen aus einem anderen Stamm mit einer ganz anderen Sprache vor sich hatte.

Diese Gruppe hatte keinen Kopfschmuck oder anderen Schmuck dabei. Sie trugen sehr wenig mit sich, nur den Bogen mit den Pfeilen und Taschen, die aus Kaktusfasern gefertigt waren, um Beeren, Früchte und Wurzeln zu sammeln. Die Männer gingen auf die Jagd und erlegten Spießhirsche, Ameisenbären und auch größeres Wild. Die Frauen sammelten Früchte, Knollen, Beeren und auch kleineres Wild wie Landechsen, Gürteltiere und andere.

Diese Gruppe schien friedfertiger zu sein als die Nivaclé-Gruppe, die vor einigen Monaten hier gehaust hatte und dann von dannen gezogen war, als es Streit in der Sippe gegeben hatte.

Man erfuhr dann, dass diese dem Enlhet-Stamm angehörte, und dass für sie dieses Gebiet ihr Heimatboden war. Diese Gruppe ist nie von Waldesruh weggegangen, aber als die Gruppe durch Zuwanderung wuchs, haben sie sich einige Kilometer südlich von Waldesruh neu eingerichtet. Dort hatten sie mehr Wasser und offenes Land, auf dem sie Kürbisse, Süßkartoffeln, Mais, Bohnen und vor allem Wassermelonen anpflanzen konnten.

Wassermelonen und einige wildwachsende Schoten waren wichtig, denn sie bildeten die Hauptzutaten für ihr eigenes Gebräu namens „Chicha“. Kein Fest war komplett ohne eine gehörige Portion Chicha. Hergestellt wurde dieses Getränk, indem man Wassermelonen oder Algarroboschoten kaute und dann in einen ausgehöhlten Flaschenbaumstamm, der als Trog diente, hineinspuckte. Die Spucke war das Fermentationsmittel. Nach etwa drei Tagen unter der Sonne war das Gebräu fertig und sehr wirksam.

Für uns Kinder war es eine Freude, den älteren Männern zuzusehen, wie sie um den Trog herumsaßen und halbe Kalabassen als Schöpfkelle benutzend, sich an der Chicha gütlich taten. Dann, nach einer Weile, begann langsam, aber mit wachsender Intensität der monotone Gesang mit wippenden Köpfen und Oberkörpern in Richtung Chicha, als ob sie sagen wollten: “Das ist mal ein gutes Getränk, das ist wirklich gut.“

Die Frauen hielten sich derweil unter den Schattenbäumen in der Nähe auf und lachten und kicherten über die Männer. Ich habe nie gesehen, dass sie sich auf so einem Fest zu ihnen gesellt hätten. Auch ich habe es nie versucht.

Diese Enlhet-Gruppe fuhr noch lange mit ihrer Lebensform des Jagens und Sammelns fort, aber irgendwie sind sie sesshaft geworden und zogen nicht mehr von einem Ort zum anderen. Sie wurden richtige Nachbarn in Waldesruh. Die meisten von ihnen hatten mit irgendeinem Bauern Freundschaft geknüpft, für den sie auch Arbeit gegen Lohn verrichteten, aber von dem sie auch eine helfende Hand in Zeiten der Not erwarteten. Und meines Wissens ist diese Hand ihnen auch nie versagt geblieben. Viele dieser Beziehungen zwischen den jeweiligen Familien bestehen noch bis heute fort, achtundachtzig Jahre nach der ersten Bekanntschaft zwischen den zwei Kulturgruppen.

Unser Mann hieß Cornelio, oder so nannten wir ihn. Er selbst nannte sich Klassen, Peter Klassen. Manchmal auch Abram Klassen. In ihrer Kultur blieb ein Name nicht für das ganze Leben als Identität einer Person haften. Für sie waren Namen mit Beziehungen verbunden oder mit besonderen Ereignissen im Leben oder auch mit einem besonderen Merkmal der Person. Mein Vater wurde von den Enlhet „Cacique Payim“ genannt, was etwa "Häuptling Rieseneidechse" bedeutet. Dieser Name bezog sich auf seinen schnellen Gang mit erhobenem Haupt, wie eine Rieseneidechse, wenn sie läuft.

Cornelio - denn so wollte er bei uns genannt werden - und seine Familie wurden Freunde von uns allen. Er arbeitete die gleichen Stunden wie wir. Er war immer ganz bekleidet, sehr zur Freude unserer Mutter, und seine Kleider waren immer sauber. Nach einigen Jahren gab es ein Siedlungsprogramm für Enlhet, das von den Gemeinden und der Mission „Licht den Indianern“ betrieben wurde. Indigene konnten sich anmelden, um in Yalve Sanga anzusiedeln, wo Familien auf eigenem Grundstück und Land es mit landwirtschaftlichem Leben versuchen konnten.

Eines Tages kam Cornelio schweren Herzens zu Vater. Es gefiel ihm hier, aber er hatte von dem Siedlungsprojekt gehört und es interessierte ihn. Ob Vater seinen Entschluss billigen würde, wenn er sich anmeldete? Wir gaben ihm alle unseren Segen zu dieser Entscheidung, empfanden es aber auch als einen Verlust. Es war, wie wenn jemand aus der Familie auszieht, um seine Träume zu verwirklichen oder bessere Optionen zu suchen. Man lässt ihn gehen, aber man vermisst ihn.

Durch Cornelio hatten unsere Eltern uns gezeigt, dass alle Menschen vor Gott gleich sind und alle von uns den gleichen Respekt verdienen. Ich erinnere mich deutlich, wie ich einmal am Morgen Cornelio mit einem „Guten Morgen, Cornelio“ begrüßte. Vater schaute mich überrascht an und sagte: „Cornelio ist viel älter als du, also ist er für dich Onkel Cornelio.“

Im Plattdeutschen wurde die Bezeichnung Onkel oder Tante nicht nur für die Verwandten, also die Geschwister der Eltern, benutzt, sondern auch für andere, nicht Verwandte, die älter waren und zu denen man in einer freundschaftlichen Beziehung stand.

Kapitel 4

Tod bei den Grashütten

Ein ungewöhnlicher Ruf zur Mission

Der heute Enlhet genannte Stamm der Indigenen wurde damals "die Lenguas" genannt. Wir sprachen von ihnen immer als den Lenguas. Diese Gruppe Lenguas hatte nun einige Zeit auf der Farm unserer Eltern gelebt. Ihre Hütten bauen sie aus Gras, in einem Halbkreis, und haben rustikale Kochstellen drinnen und auch vor den Hütten.

Vater lernte jetzt allmählich etwas von ihrer Sprache und sie versuchten auch, einen Grundwortschatz in Plattdeutsch aufzubauen. Dies war irgendwie widersprüchlich. Ein Volk, das bisher kaum Kontakt mit anderen Zivilisationen gehabt hatte, würde jetzt versuchen, einen osteuropäischen deutschen Dialekt zu beherrschen.

Umstände jenseits der Kontrolle beider Gruppen hatten diese zusammengeführt und nun bemühten sich beide Gruppen, einander zu verstehen. Ein gewisses Niveau der Kommunikation und Verständigung war notwendig. damit sie zusammen leben und überleben konnten.

Eines Tages bemerkten meine Eltern, dass das Verhalten der Lenguas, die zu uns zum Haus kamen, irgendwie anders war. Sie waren nicht fröhlich wie sonst. Sie schienen besorgt, fast beängstigt, machten aber keine verbale Äußerung, dass etwas nicht stimmte.

Der Tag ging weiter und als es Abend wurde, hing eine unheimliche Stille über den Hütten. Keine Stimmen, kein Kinderlachen, nur das Bellen einiger Hunde war zu hören.

Dann verwandelte sich das Hundegebell plötzlich in Heulen. Man konnte Chanting-Gesänge hören und Trommelschlag in lautem, stetigem Rhythmus - nicht so wie es auf ihren fröhlichen Festen geklungen hatte. Frauen und Kinder schrien.

Vater und Mutter wussten sofort, dass irgendwas Schlimmes los war. Sie sahen sich in die Augen. Mutter reichte Vater die Kerosinlampe. „Sei vorsichtig“, sagte sie. Als er sich den Hütten näherte, wurden der Lärm und die Schreie lauter. Er hielt die Laterne hoch. Er war dankbar für ihr Licht, nicht nur wegen der Schlangen, die am Weg liegen könnten, sondern auch, damit die Lenguas sehen konnten, dass jemand auf sie zukam. Sie würden sein Gesicht erkennen, hoffte er. Die Hunde wollten ihn womöglich auffressen, doch als die Lenguas sahen, wer sich da näherte, riefen sie nach den Hunden und warfen Stöcke nach ihnen - ein Zeichen für die Hunde, dass sie ablassen sollten.

Inzwischen schienen der Lärm und das Chaos außer Kontrolle zu sein. Er betrat den Halbkreis der Hütten, fast betäubt von dem, was er sah und auch etwas ängstlich um seine eigene Sicherheit. Er dachte an Sara drüben im Haus. War sie sicher? Waren die Kinder sicher?

Die Frauen schrien und mit Decken und Lappen aus Kaktusfasern machten sie Bewegungen, wie wenn sie etwas verscheuchen wollten. Die Kinder weinten und liefen wild herum. Die Hunde hoben ihr Heulen mit dem wachsenden Gesang und Trommelschlag der Männer an.