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Summende Bienen, blühende Wildblumen und ein mysteriöser Todesfall
Die Provence, ein Land der Bienen: Doch Commissaire Louis Campanards Lavendelgarten wird kaum von ihnen besucht. Niemand kann das seltsame Verschwinden der Bienen erklären. Monique Gaillard, eine exzentrische Bioimkerin, kämpft um ihre Lieblinge. Immer wieder stört sie das öffentliche Leben in Grasse und ruft die Polizei hinaus auf ihren Hof um die Schuldigen anzuzeigen. Beweise für ihre Anschuldigung hat sie keine, aber Campanard ist sprachlos, wie harmonisch sie mit ihren Bienen umgeht. Ohne Schutzkleidung lässt sie die Insekten auf sich sitzen und bekommt keinen einzigen Stich ab. Bis sie kurz darauf tot aufgefunden wird. Zu Tode gestochen von ihren eigenen Bienen. Ein seltsamer Zufall, der Campanard misstrauisch macht. Denn schon vor Jahrzehnten gab es in der Region einen mysteriösen Unfall mit Bienen - und nun ein tödliches Déjà Vu.
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Seitenzahl: 394
Veröffentlichungsjahr: 2026
Campanard wandte sich zu Linda und Oliver um.
»Was denken Sie beide? Für den Moment ist keine These zu steil.«
»Madame Gaillard hat jahrzehntelange Erfahrung mit Bienen«, begann Linda. »Und nun erleidet sie einen tödlichen Unfall. Zwei Tage nachdem sie uns von ihrem Verdacht erzählte, dass bei ProPlant illegale Pestizide ein Bienensterben verursachen. Für mich wirkt das verdächtig.«
Der Commissaire nickte bedächtig. »Olivier?«
»Sie hat sich riskant verhalten und einen Unfall erlitten«, erklärte er. »Für die Geschichte mit ProPlant gibt es kaum Hinweis. Und selbst wenn es wahr ist, können die vielleicht Bienen vernichten. Aber sie können sie nicht dazu bringen, jemand anderes zu töten.«
Campanard schob die Augenbrauen zusammen. »Ich tendiere jedoch dazu, das Ganze als Kriminalfall zu betrachten, bevor wir irgendetwas mit Sicherheit ausschließen können.«
»Heißt was?«, fragte Olivier.
Campanard lächelt. »Ich wittere einen Fall für Projet Obscur. «
»Ich dachte, Sie wittern Abenteuer«, erwiderte Linda ebenfalls lächelnd.
Jetzt grinste der Commissaire breit. »Als gäbe es da einen Unterschied.«
»Eine interessante Mördersuche mit einer Prise Humor – beginnt wie ein entspannter Urlaubskrimi, endet in einem furiosen Finale.« Delmenhorster Kreisblatt über Tödlicher Duft
René Anour studierte Veterinärmedizin und promovierte im Bereich Pathophysiologie, wobei ihn ein Forschungsaufenthalt bis an die Harvard Medical School führte. Inzwischen ist er als Experte für neu entwickelte Medikamente für die European Medicines Agency tätig. Als Autor ist er mit Krimis und Sachbüchern erfolgreich. Für die Recherche von »Commissaire Campanard«-Reihe hat er sich intensiv mit der Provence und der Region um Grasse befasst.
RENÉ ANOUR
EIN FALL FÜR COMMISSAIRE CAMPANARD
Provence-Krimi
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
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Originalausgabe 03/2026
Copyright © 2026 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Lars Zwickies
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-34203-6V001
www.heyne.de
Manchmal brauchte es die Miene eines anderen, um zu erkennen, wie hoffnungslos man auf sein Gegenüber wirkte.
Die hellen Augen seines Vorgesetzten glitten prüfend über Oliviers Gestalt, ehe er seine Espressotasse anhob und langsam daran nippte. Armand Duranne war alles, was Olivier immer hatte sein wollen. Überlegt, gerecht und in jeder Hinsicht korrekt. In seiner Dienstuniform, mit dem militärisch kurz rasierten grauen Haar und dem kantigen Gesicht, das selbst den kleinsten Bartstoppeln den Kampf angesagt hatte, wirkte er, als könnte er jeden im Zweikampf besiegen – obwohl er unmittelbar vor der Pensionierung stand.
Vielleicht hatte er auch Anteil daran gehabt, dass Olivier sich mit achtzehn Jahren dazu entschieden hatte, Polizist zu werden. Ganz bestimmt sogar. Wer weiß, wo er sonst gelandet wäre. Vielleicht in einem Leben als Kleinkrimineller. Jedenfalls war er auf dem besten Weg dazu gewesen, bevor er Commissaire Duranne kennengelernt hatte. Er war sein Mentor gewesen und hatte seine Bewerbung an der Polizeischule unterstützt. Er erkannte so viel Talent in Olivier, dass er damals sogar von Bestimmung gesprochen hatte.
Jetzt, gut zehn Jahre später, war von dem Wohlwollen in Durannes Miene nichts mehr geblieben. Eigentlich war es ein wunderschöner Frühjahrstag im Zentrum von Grasse, wo der fruchtig süße Duft der Mimosenblüten gepaart mit harzigem Pinienduft und dem Geruch von Orangenblüten in der Luft lag. Obwohl es erst Anfang März war, hatte die Sonne bereits genug Kraft, dass man draußen sitzen konnte. Man sah den Menschen an, wie sehr diese erste zarte Frühlingswärme ihre Stimmung hob.
Nicht Oliviers allerdings. Jeder dieser Sinneseindrücke bohrte sich so grell und schmerzhaft in sein Bewusstsein, dass er am liebsten aufgestöhnt hätte.
»Sie wollten mich sehen?« Durannes Stimme durchschnitt die Luft wie eine Klinge, während Olivier mit aller Macht darum kämpfte, aufrecht zu sitzen. Es hatte ihn viel Kraft gekostet, sich anzuziehen und zu diesem Café an der Place aux Herbes zu schleppen. Alles bereitete ihm Schmerzen, selbst die Stimme seines Gegenübers.
»Ich will wieder arbeiten, Commissaire«, erwiderte Olivier mit heiserer Stimme.
Duranne fixierte ihn, während sich seine Augenbrauen ein wenig hoben.
»Sie schrieben, Sie wären wieder fit.«
Olivier zwang sich zu einem Lächeln. »Bin ich.«
Duranne seufzte und lehnte sich zurück. »Sie konnten noch nie gut lügen, Olivier. Dafür sind Sie eine zu ehrliche Haut. Kaum jemand erholt sich von dem, woran Sie leiden.«
Olivier schloss die Augen. »Ich kann das schaffen.«
Der Gedanke daran, auf unbestimmte Zeit weiter in einem abgedunkelten Raum zu liegen, ohne Heute, ohne Gestern und ohne Ziel, machte ihn halb wahnsinnig.
»Na schön«, erklärte Armand Duranne schließlich. Mit einer schwungvollen Bewegung knallte er seine Dienstwaffe auf den Tisch. Das laute Geräusch ließ Olivier schmerzhaft zusammenzucken.
»Zeigen Sie es mir«, erklärte er nüchtern.
»Was meinen Sie?«
Duranne nickte in Richtung Waffe. »Nehmen Sie sie und zielen Sie auf mich.«
Olivier sah sich um. Es war noch früh am Morgen, und sie waren die einzigen Gäste im Café. Nur wenige Touristen waren schon auf den Beinen und schlenderten durch die engen Gässchen von Grasse.
»Hier?«
Duranne war niemand, der einen Befehl wiederholte.
Langsam streckte Olivier den Arm nach der Waffe aus, hob sie an und richtete sie auf seinen Vorgesetzten. Natürlich wusste Olivier, wie leicht eine Pistole war, wie man sie hielt und mit ruhiger Hand zielte.
Doch seine Arme hatten es wohl vergessen. Sie zitterten so heftig, dass der Lauf immer wilder hin und her schwenkte. Seine Muskeln brannten. Nach ein paar Sekunden musste er seine Arme senken und die Waffe wieder auf den Tisch legen.
Durannes Miene war genauso unbewegt wie zuvor.
»Sie wären eine Gefahr für sich und Ihre Kameraden.«
»Ich kann das besser«, erwiderte Olivier.
»Es sind jetzt sechs Monate …«
»Es muss doch etwas geben, was ich tun kann.«
»Was? Berichte schreiben? Ihre Konzentration ist genauso beeinträchtigt wie Ihre Motorik. Es wäre nicht fair …«
»Erzählen Sie mir nichts von fair«, entgegnete Olivier mit bebender Stimme. »Ich war ein guter Polizist. Ich … Ich verdiene eine zweite Chance.«
Duranne neigte den Kopf. »Eine zweite Chance? Für wen halten Sie mich? Meine einzige Verantwortung gilt dem Team, und dort kann ich Sie nicht mehr brauchen. Wenn Sie möchten, organisiere ich jemanden, der Ihnen beim Beantragen einer Invalidenrente hilft.« Er warf Olivier einen langen Blick zu. »Das ist alles.«
»Nein …« Olivier schüttelte trotzig den Kopf. »Ich kann …«
»Nein, Olivier, können Sie nicht.«
Duranne legte einen Zehn-Euro-Schein auf den Tisch und erhob sich.
»Danke für Ihren Dienst.«
»S-sie sagten, es wäre meine Bestimmung.« Olivier presste die Lippen zusammen. »Als ich achtzehn war. Sie sagten …« Er brach ab.
Duranne verharrte kurz, dann seufzte er. »Jetzt nicht mehr.«
Er ging zu seinem Dienstwagen, der nur ein paar Meter entfernt parkte, ohne sich noch einmal umzudrehen.
»Warten Sie«, rief Olivier kraftlos, während Duranne einstieg. Dann stemmte er sich in die Höhe. Er taumelte ein paar Schritte auf den Wagen zu, den Duranne gerade startete. »Warten Sie …« Er legte seine Hand auf die Heckscheibe und klopfte matt dagegen. »Ich kann das, ich kann das, verdammt«, murmelte er hektisch.
Im Rückspiegel sah er einen Moment lang Durannes helle Augen, bevor sich der Wagen langsam in Bewegung setzte.
»Nein, nein, nein«, keuchte Olivier schnell und folgte dem Wagen.
Duranne beschleunigte ein wenig. Oliviers Hand glitt ab. Er taumelte, verlor das Gleichgewicht und stürzte.
Aus den Augenwinkeln sah er den Wagen davonfahren.
»Das ist meine Bestimmung, meine Bestimmung, das …«, hauchte er, während Duranne um die Kurve bog und endgültig seinen Blicken entschwand. »Ich gebe nicht auf«, flüsterte er. »Geben Sie mich nicht auf.«
Violett schimmernde Thunfische waren das Motiv auf dem Hemd, das Campanards riesenhaften Oberkörper heute bedeckte.
Olivier nahm es nur am Rande wahr, als er sich zu Linda und dem Commissaire an den kleinen weißen Kaffeetisch unter dessen Orangenbaum setzte. Campanard hatte diese wöchentlichen Treffen ins Leben gerufen und Café Obscur getauft, nach ihrem neu gegründeten Projet Obscur. Campanard, Linda Delacours und er selbst wurden von Präfektin Christelle Dalmasso immer wieder zu diversen Sondereinsätzen berufen, die abseits der gewöhnlichen Polizeiarbeit lagen. Und weil das nun mal nicht ständig geschah, war ihr wöchentliches Café Obscur meistens nichts anderes als … nun ja, eine ausgedehnte Kaffeepause.
Den Chef schien das jedoch ganz und gar nicht zu stören. Olivier hatte den Eindruck, dass Campanard sich richtig freute, wenn Linda und er vorbeikamen. Sein Lächeln war so breit, dass seine nach oben gezwirbelten Schnauzerspitzen fast schon waagrecht standen.
»Also«, erklärte er, während er Olivier Kaffee eingoss. »Irgendetwas Neues?«
Linda strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und runzelte die Stirn. »Tun wir heute so, als würden wir arbeiten, Commissaire?«
Olivier grinste und nahm sich ein Navette. Campanard liebte diese schiffchenförmigen, mit Orangenblüten aromatisierten Gebäckstücke über alles. »Genieß es einfach. Wir haben doch eh genug normale Arbeit auf dem Revier.«
»Ich weiß«, erwiderte sie und wandte sich wieder Campanard zu. »Die Berichte zu den drei Vernehmungen im Fall Arnaux habe ich Ihnen gemailt.«
Linda Delacours war keine Polizistin im eigentlichen Sinn, sondern Psychologin. Und zwar mit einem einzigartigen Talent: Sie war Expertin für das Lesen von Mikroexpressionen und konnte jede noch so feine Regung in der Miene eines Menschen erkennen. Das machte sie gewissermaßen zu einer Art wandelndem Lügendetektor. Sie war vor nicht ganz einem Jahr aus Paris nach Grasse gekommen, und Olivier erinnerte sich noch gut an die blasse Elfe, die sie damals gewesen war. Mittlerweile hatte ihre Haut einen goldenen Schimmer angenommen, und sie war nicht mehr ganz so dünn wie anfangs – was ihr ausgesprochen gut stand.
»Ja, ja, vielen Dank«, erwiderte Campanard. »Aber lassen Sie uns diese Dinge beim nächsten Jour fixe auf dem Revier besprechen.«
Er goss sich selbst einen Kaffee ein. Olivier staunte immer ein wenig, wie behutsam ein Riese wie der Commissaire das filigrane Milchkännchen mit seinen breiten Fingern führte.
»Wie geht es Ihnen, Olivier?«, wollte Campanard dann wissen.
Wenn der Chef ihn das fragte, steckte immer mehr dahinter. Er kannte Oliviers kleines Geheimnis, alles über die Geschichte, die ihn fast seinen Beruf und sein Leben gekostet hätte. Außer ihm wusste kaum jemand davon, nicht einmal Linda. Und sogar vor sich selbst versuchte Olivier die Sache meistens zu verbergen. Merkwürdig. Gerade heute hatte er wieder davon geträumt. Duranne, der davonfuhr und ihn am Boden liegend zurückgelassen hatte. Allein die Erinnerung verursachte bei ihm Beklemmungen.
»Gut, Chef, vielen Dank«, erwiderte er hastig. Linda warf ihm einen neugierigen Blick zu. Natürlich erkannte sie mit ihrem Talent sofort, wenn etwas nicht stimmte. Irgendwann würde er ihr alles erzählen müssen.
»Und wie geht es Ihrem Kater Trépied?«, rettete Campanard ihn scheinbar beiläufig, während er einen Schluck Kaffee trank.
»Ähm«, antwortete Olivier, ein wenig überrascht über die Frage nach seinem dreibeinigen Kater. »Gut, denke ich. Leider beginnt er zu markieren.«
»Dann lass ihn doch kastrieren«, schlug Linda vor.
»Das kann ich ihm nicht antun«, echauffierte sich Olivier. »Ich hab ihn gefunden, nachdem ein Auto ihm das Bein abgefahren hat, und jetzt soll ich ihm noch was wegnehmen?«
»Und? Du hast ja keine Katze, mit der er sich vergnügen könnte. Bestimmt frustriert ihn die Sehnsucht nur.«
»Du bist sowas von kaltherzig.«
»Ich hatte mal eine Katze«, unterbrach Campanard die beiden.
Linda und Olivier wandten sich ihm neugierig zu. Der Chef schwieg sich meistens über seine Vergangenheit aus. Olivier vermutete, dass Campanard früher einmal etwas ziemlich Schlimmes zugestoßen war, an das er sich möglichst nicht erinnern wollte.
»Ja, ja«, erklärte der Commissaire lächelnd. »Sein Name war Filou, ein ganz charmanter kleiner Tigerkater. Hat sich immer nur von mir streicheln lassen, obwohl ich ihn meistens gar nicht gefüttert habe, sondern …«
Die Marseillaise in einer E-Gitarrenversion ertönte laut und ließ Campanard zusammenzucken. Sein Klingelton. Dabei hätte Olivier zu gern gehört, wer Filou gefüttert hatte. Eine Ehefrau, eine Freundin, ein Partner? Im Flur von Campanards Haus hatte er mal ein Foto vom Chef als Jugendlichem gesehen, zusammen mit einem Mädchen namens Charlotte, die das Bild signiert hatte. Aber wer immer diese Charlotte war, ob nun eine alte Freundin, seine Jugendliebe oder gar seine Ex-Frau – der Chef verlor nie ein Wort über sie.
»Präfektin?«, sagte Campanard in sein Telefon.
Linda richtete sich neugierig auf. Wenn Dalmasso anrief, bedeutete das meistens, dass etwas passiert war.
Olivier konnte ihre etwas harsch klingende Stimme durch den Lautsprecher hören, ohne die Worte zu verstehen.
»Sicher, … sicher.«
Zu Oliviers Überraschung rollte Campanard mit den Augen.
»Meinst du nicht, das sollte die Stadtpolizei, die Police municipale, regeln?«
Wieder die Stimme der Präfektin.
»Hm.« Er legte auf.
»Was ist los?«, erkundigte sich Linda.
»Die Präfektin«, erklärte der Commissaire offensichtlich etwas ungehalten, »möchte, dass wir zum Rathaus von Grasse gehen und dort ein Problem für sie lösen.«
»Was ist passiert?«, fragte Olivier alarmiert.
»Nun …« Campanard presste die Lippen zusammen. »Es scheint, als würde eine gewisse Dame den Eingang blockieren.«
»Oh«, erwiderte Linda. »Doch nicht die verrückte Bienenfrau, oder?«
»Ich fürchte, genau die«, erwiderte Campanard resigniert und schob sich zum Trost ein ganzes Navette in den Mund.
»Bitte wer?« Olivier lachte und nahm einen Schluck Kaffee.
»Beschränkt sich dein Nachrichtenkonsum auf TikTok?«, fragte Linda. »Es stand überall in der Zeitung.«
»Aha«, entgegnete Olivier.
»Seit ein paar Wochen ist diese exzentrische Frau hier in Grasse unterwegs. Macht alle möglichen Störaktionen. Protestiert gegen das Verschwinden der Bienen und den drohenden Weltuntergang.«
Olivier hob die Augenbrauen. »Gibt es denn jemanden, der für diese Dinge ist?«
Linda bedachte ihn mit einem Augenrollen und wandte sich wieder Campanard zu. »Und was sollen wir nun bitte unternehmen?«
Der Commissaire seufzte. »Christelle findet die Sache ein wenig heikel. Das letzte Mal, als die Polizei die Frau weggebracht hat, behauptete sie später in den Medien, man hätte ihr wehgetan. Die Präfektin will es zuerst mit Zureden probieren, und dafür hat sie uns ausgesucht.«
Olivier lachte leise. »Sie hat Sie ausgesucht, Chef, richtig?«
»Kann sein«, erwiderte Campanard betrübt. »Aber im Sinne des Teamgeists würde ich mich über Ihre Gegenwart freuen.«
»Klar. Sehen wir uns die Tante mal an«, erklärte Olivier.
»Die Tante?« Lindas grüne Augen blitzten ihn über den Rand ihrer Brille an.
»Fein, dann eben die Dame.«
»Ich fürchte allerdings, uns erwartet nicht viel Damenhaftes«, seufzte Campanard und setzte seinen Panamahut auf sein an den Schläfen silbern gewordenes Haar.
»Jippieh, ein neuer Auftrag für Projet Obscur!« Linda wirkte ehrlich erfreut.
»Ich könnte den Wagen …«, begann Olivier.
»Wir werden spazieren«, erklärte Campanard und erhob sich. »Es würde genauso lange dauern, das Auto vom Revier zu holen und dann in die Innenstadt zu fahren.«
»Sicher«, brummte Olivier, der genau wusste, dass Campanards Entscheidung mehr auf seiner seltsamen Abneigung gegenüber Autos als auf Zeitgründen basierte.
***
»Glauben Sie, das Orangenblüteneis wird Ihnen beim Verhandeln helfen?«, fragte Linda amüsiert.
In einer der mit rosa Schirmen überdachten Gassen der Innenstadt war der Commissaire rasch zu einem Eissalon abgebogen und kurz darauf mit einer Kugel seiner Lieblingssorte zurückgekehrt.
»Nein, Delacours. Aber es macht mich ein bisschen glücklicher, wenn ich etwas tun soll, das mir widerstrebt.«
»Haben Sie was gegen die verrückte Bienenfrau?«
»Au contraire. Ich finde, sie sollte den Rathauseingang blockieren. Ist Ihnen nicht aufgefallen, wie still es heute in meinem Garten war? Es ist Mitte April, und normalerweise summt und brummt es bei mir bereits ab März.«
»Oh«, erwiderte Linda und blinzelte. »Meinen Sie denn, der Bürgermeister könnte daran etwas ändern? Das scheint mir ein größeres Problem zu sein.«
»Hey Linda, konsumierst du Nachrichten nur über TikTok?«, mischte sich Olivier ein und grinste. »Wir haben seit letztem Jahr eine Bürgermeisterin. Laure Clusier.«
»Was für eine angenehme Überraschung«, erwiderte Linda. »In Frankreich gibt es weniger Bürgermeisterinnen als Bürgermeister, die ›Jean‹ heißen, wusstest du das?«
»Nein. Aber vielleicht gibt es einfach viel mehr Männer, die blöd genug sind, diesen Job zu wollen.«
»Da vorn ist es«, unterbrach Campanard die beiden wenig begeistert.
Das alte Rathaus von Grasse schmiegte sich direkt an die Kathedrale, als wollten Kirche und Politik sich gegenseitig im Auge behalten. Es war ein wuchtig wirkender Bau aus Sandstein. Vor dem Eingang, der neben einem weißen Marmorbrunnen lag, hatte sich eine Traube von ein paar Dutzend Menschen gebildet.
»Pardon«, murmelte Campanard und pflügte sich sanft, aber bestimmt durch die Schaulustigen, während Linda und Olivier den Korridor nutzten, den er mit seiner breiten Gestalt erzeugte.
Vor der Tür hatte sich eine etwas wüst aussehende Frauengestalt niedergelassen. In ihrem langen Haar, das mit grauen Strähnen durchsetzt war, steckte eine Sonnenblume. Ihre Kleidung war wild zusammengewürfelt und stammte vermutlich aus einem Secondhandladen. Lediglich ihre Doc Martens hatten sie wohl etwas mehr gekostet. Wie die meisten Menschen hier in der Gegend hatte sie einen dunklen Teint. Sie starrte die Umstehenden aus Augen an, deren Farbe irgendwo zwischen Grün, Gelb und Braun lag.
Neben ihr standen ein großer Flatscreen und ein paar Lautsprecher, die sie mit einer großen Batterie versorgte. Über den Bildschirm flackerten postapokalyptisch anmutende Bilder aus China, wo Erntearbeiter in einer Landschaft voll gelblichem Nebel die Blüten der Obstbäume mit Pinseln bestäubten.
»Das ist es, was uns erwartet«, kommentierte eine Stimme aus den Lautsprechern. Kein professioneller Sprecher. Dem südfranzösischen Einschlag nach hatte sie das Voiceover wohl selbst übernommen. »Wenn sie sterben, sterben auch wir. Keiner von uns wird übrig bleiben.«
»Hat die sich am Boden festgeklebt oder so was?«, raunte Olivier Campanard ins Ohr.
»Ich hoffe nicht«, seufzte dieser.
»Was machen wir, wenn sie nicht geht?«
»Natürlich die Hunde loslassen.«
»Was?«
»Ein kleiner Scherz, Olivier. Vergeben Sie mir.«
Die Augen der Frau richteten sich auf Campanard, als er die letzten Schritte auf sie zu machte. Trotz seiner freundlichen Miene und des bunten Hemds musste er auf jemanden, der am Boden saß, ziemlich furchterregend wirken. Zu Oliviers Überraschung ging der Commissaire jedoch sofort in die Hocke und ließ sich neben der Frau nieder.
»Bonjour, Madame«, erklärte er freundlich und nahm seinen Hut ab. »Louis Campanard, zu Ihren Diensten.«
»Was tun Sie da? Das ist eine Störaktion!«, fuhr die Frau ihn an.
»Verzeihung, dass ich Ihre Störaktion störe. Aber ich mache das ganz beruflich. Ich bin Polizist.«
Die Frau musterte Campanard von den gewirbelten Bartspitzen über die violetten Thunfische bis zu seinen leuchtend roten Sneakers. Ihre Augenbrauen schoben sich zusammen. »Sie sind … Polizist?« Ein spöttisches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. »Dann bin ich Lobbyistin für Einwegplastik.«
»Da haben Sie einen interessanten, wenn auch höchst ablehnungswürdigen Beruf.«
»Ich verschwinde hier nicht.«
Campanard stöhnte und streckte seine langen Beine aus, während er sich gegen die Mauer lehnte.
»Was meinen Sie denn, was die Bürgermeisterin an dem Verschwinden der Bienen ändern könnte?«, fragte er und warf Linda einen verschmitzten Blick zu.
»Oh, ganz einfach«, erwiderte die Aktivistin. »Sie könnte dafür sorgen, dass dieser verschissene Konzern ProPlant endlich mal auf Herz und Nieren geprüft wird. Die verpesten die ganze Gegend mit ihren Insektiziden. Mir sind schon drei Völker eingegangen. Drei! Und niemand macht was.«
»Wissen Sie, ich bin ein großer Liebhaber von Bienen«, erklärte Campanard. »Obwohl Hummeln mit ihrer Gemütlichkeit ein klein wenig mehr meinem Naturell entsprechen.« Er lachte und strich sich über den Bauch. »Mir ist ebenfalls aufgefallen, dass etwas nicht stimmt. Aber das muss nicht zwingend etwas mit diesem Konzern zu tun haben, nicht wahr?«
Die Aktivistin stieß ein hohes Lachen aus. »Oh doch. Und das könnte ich Ihnen auch genauestens belegen.«
»Wirklich?« Campanards buschige Augenbrauen hoben sich. »Warum tun Sie das denn nicht?«
»Wie meinen Sie das?«
»Nun, neben Ihnen sitzt der Chef de Police de Grasse. Wenn hier etwas Illegales vor sich geht, will ich selbstverständlich davon erfahren.«
»Ihr steckt doch alle unter einer Decke.«
»Ich versichere Ihnen, ich stecke nur privat mit jemandem unter einer Decke.«
Die Frau berührte abwesend den dunklen Flaum über ihren Lippen. »Sie sind seltsam.«
»Vielen Dank! Was würden Sie davon halten, wenn wir unser Gespräch in ein Café verlagern? Ich fürchte, ich habe meine beiden Kollegen da vorn um die versprochene Pause gebracht.«
Mit einem argwöhnischen Blick schien sie seinen Vorschlag abzuwägen.
»Es muss doch attraktiver für Sie sein, vielleicht wirklich etwas verändern zu können, als hier zu campieren.« Mit einem Stöhnen erhob sich Campanard. »Aber was weiß ich schon. Dieser Steinboden ist außerdem alles andere als komfortabel.« Er senkte den Blick. »Also?«
Sie saßen zu viert in einem nahen Café, das in einer der engen Altstadtgassen von Grasse lag. Den Monitor und die Lautsprecher hatte die Frau in große Stofftaschen gepackt und gegen die Hausmauer gelehnt. Olivier konnte sich sein Grinsen kaum verkneifen. Um keine Kopfnuss zu riskieren, würde er es in Lindas Gegenwart nie aussprechen, aber sein Chef war spätestens jetzt ein zertifizierter Bienentantenflüsterer.
Campanard nahm einen Schluck von seinem Lavendelsoda – ein Getränk, für das sich außer ihm wohl niemand erwärmen konnte – und wischte sich über den Schnauzer.
»Also«, begann er. »Darf ich Sie zuerst vielleicht um Ihren Namen bitten?«
Die Aktivistin funkelte die drei Obscurs der Reihe nach an.
»Monique … Gaillard.«
»Wo wohnen Sie, wenn ich fragen darf?«
»Mein Hof liegt etwa zwanzig Kilometer außerhalb der Stadt nach Nordosten, zwischen Le-Bar-sur-Loup und Gourdon.«
»Ah«, erwiderte Campanard. »Eine betörend schöne Gegend, wenn ich mich richtig erinnere. Nur ein paar Bauernhöfe und Mairosenzüchter, abgesehen davon liegt zwischen den beiden alten Steindörfern nur sehr viel Natur … Gehen Sie einer Beschäftigung nach?«
»Natürlich, was denken Sie denn?«, schnappte sie. »Ich bin Imkerin.«
»Wie beneidenswert«, kam Campanard ihr entgegen, während Olivier sich fragte, ob er jemals von hauptberuflichen Imkern gehört hatte. Vielleicht konnten diejenigen, die Honig in riesigen Mengen an große Konzerne abtraten, davon leben – aber irgendwie schätzte er diese Frau nicht so ein.
»Wo verkaufen Sie Ihre Produkte? Falls ich mal in Versuchung komme.«
»Ausschließlich ab Hof. Alles bio.«
»Wunderbar. Nun, Madame Gaillard. Dieser Konzern, ProPlant nannten Sie ihn, glaube ich … Auf einer Skala von eins bis zehn, wie schick finden Sie die Mitarbeiter?«
Olivier verschluckte sich fast an seiner Cola, während Linda peinlich berührt zur Seite blickte. Klassisch Campanard. Mit einer völlig absurden Frage beginnen und die Befragten damit auf dem falschen Fuß erwischen, damit sie danach mehr preisgaben als geplant.
»Schick?« Monique Gaillard schnalzte mit der Zunge. »Aalglatte Schnösel sind das, sonst nichts. Jeden einzelnen von denen sollte man ausziehen, durch ein Brennnesselfeld schleifen und danach an ihren Eiern …«
»Das heißt also null«, unterbrach Campanard sie lächelnd, öffnete sein Notizbuch und schrieb etwas mit seinem Rosenholzfüller hinein. »Und was könnten diese Schnösel gegen Ihre Bienen haben? Vielleicht lieben die auch Honig?«
»Nummer eins, die Kohle. Nummer zwei, die Kohle. Nummer drei, die Kohle. Was anderes zählt für die nicht.«
»Aber wenn niemand mehr die Feldfrüchte bestäubt, würde ja auch niemand Geld für Pestizide und Pflanzenschutzmittel ausgeben.«
»Bravo! Aber denen Weitsicht zu unterstellen, wäre zu viel der Ehre. Die denken maximal an den Profit des nächsten Monats.«
»Was glauben Sie denn, wie ProPlant die Bienen vernichtet?«
»Gegenfrage«, erwiderte Gaillard. »Wovon, denken Sie, ernähren sich unsere Bienen hier hauptsächlich?«
»Nun, von dem Nektar der vielen wunderbaren Blüten unserer Region.«
»Und welche wären das Ihrer Meinung nach?«
»Ab Februar die Mimosen, jetzt die Zitrusfrüchte, Veilchen und Flieder, dann Mairosen und Jasmin und schließlich …«
»Der Lavendel. Aber dem geht’s zurzeit gar nicht gut, wussten Sie das?«
»Also, der in meinem Garten treibt ganz wunderbar aus.«
»Ich rede von den Feldern. Aber keine Sorge, zu Ihnen kommt das Übel auch noch gekrochen.«
»Das Übel?«
Gaillard schenkte ihnen ein zynisches Lächeln. »Die Glasflügelzikade.«
»Aber Zikaden gehören doch hierher?«, mischte sich Linda ein.
»Diese nicht, meine Kleine. Sie hat sich explosionsartig vermehrt. Sie saugt am Lavendel und überträgt ein Bakterium auf die Pflanze. Bevor diese blühen kann, wird sie gelb und vertrocknet. In manchen Jahren hatten die Lavendelbauern fast fünfzig Prozent Ernteeinbußen. Zuerst beim echten Lavendel, dann beim Lavandin, der billigen Alternative. Viele Familien, die schon seit Generationen Lavendelanbau betreiben, sind bereits auf Salbei umgestiegen, weil es kein Mittel gegen die Zikade gab. Aber dann kam ProPlant …«
»Mit einem neuen Wundermittel?«, ergänzte Olivier.
»Exakt. Vorher hat kein Pestizid geholfen. Dann kamen die Mistkerle mit ihrem PlantPlus. Und der Erfolg war durchschlagend.«
»Es konnte die Zikade also vernichten?«, fragte Campanard.
»Ganz genau, … aber alles andere auch. Es begann letztes Jahr, als ich zum ersten Mal bei meinen Bienen Nervenschäden feststellte, bevor sie qualvoll verendet sind. Viele Arbeiterinnen kamen überhaupt nicht mehr heim. Danach wurde es immer schlimmer. Und …« Sie klopfte auf den Tisch. »Das Ganze fällt exakt mit dem vermehrten Einsatz von PlantPlus in der Region zusammen.«
»Hm«, murmelte Olivier. »Müssen neue Pestizide denn nicht eine genaue Prüfung durchlaufen, bevor sie zugelassen werden?«
»Jaaaa«, erwiderte Monique Gaillard erregt. »Und genau da liegt der Hund begraben.« Sie beugte sich nach vorn und senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern.
»Ich glaube, ProPlant hat den Behörden gefälschte Unterlagen eingereicht. Ich habe handfeste Hinweise, dass sie in Wahrheit verbotene Substanzen in ihrem Produkt verwenden, das Bienen und andere Bestäuber in Massen dahinrafft.«
»Etwa auch Hummeln?«, fragte Campanard betroffen.
»Alles vom Schmetterling bis zur Schwebfliege.«
»Was für Hinweise sind das?«, fragte Olivier.
Gaillard stutzte. Dann sah sie nach links und nach rechts. »Wenn die wüssten, was ich über die in der Hand habe …«
»Sie werden uns diese Informationen zukommen lassen müssen, wenn wir tätig werden sollen«, fuhr Campanard fort.
»Ich habe sie natürlich nicht hier.«
»Warum haben Sie sie denn nicht abfotografiert?«, fragte Linda neugierig.
»Sind – Sie – wahnsinnig?«, hauchte Monique Gaillard. »Meinen Sie, ich gebe denen von der Regierung auch nur einen Gedanken, der in meinem Kopf ist? Darauf warten die ja bloß.«
»Heilige Scheiße«, murmelte Linda mit geschlossenem Mund, sodass nur Olivier es hören konnte.
»Die Informationen sind also bei Ihnen zu Hause?«, fragte Campanard.
Monique Gaillard schien etwas erwidern zu wollen, doch dann besann sie sich. »Mehr oder weniger. Sie sind an einem sicheren Ort. Ich weiß noch nicht, ob ich Ihnen vertrauen kann.«
»Dürfen wir Sie dann dort besuchen?«
»Gut, … gut. Aber nur Sie drei, verstanden? Ich habe eine Schrotflinte.«
»Die Sie auf keinen Fall rausholen werden, falls wir Sie besuchen sollen. Ist das klar?«, erwiderte Campanard ungewohnt scharf.
»Ich hab es nur erwähnt, man weiß ja nie«, antwortete Gaillard plötzlich kleinlaut.
»Wir kommen morgen um acht«, erklärte er. »Wie war noch mal die genaue Adresse?«
***
Linda war ziemlich erschöpft, als sie an diesem Abend nach Hause kam. Zuhause, das war seit Lindas Ankunft in Grasse die etwas in die Jahre gekommene Pension Les Palmiers, die von der eigenwilligen Wirtin Martine geführt wurde. Es war nicht von Anfang an abzusehen gewesen, dass Linda in Grasse bleiben würde. Sobald sie die Entscheidung dann getroffen hatte, wollte sie sich eigentlich etwas anderes suchen – obwohl sie die schrullige Gemütlichkeit der alten Pension irgendwie mochte. Genauso wie den zutraulichen Zwerghahn Astérix, der im Garten lebte. Doch als sie der Hauswirtin die Neuigkeit verkünden wollte, hatte diese bereits mehrere Zimmer zu einem gemütlichen Appartement zusammenlegen sowie ein Bad und eine Küche einbauen lassen. Linda wurde davon völlig überrascht, als sie von einem Einsatz zurückkehrte. Und so war sie in Les Palmiers geblieben.
Wie so oft saß Martine nun an der Rezeption und blätterte in einem Magazin. Brangelina – heimlich wieder geheiratet?, titelte das Blatt.
»Salut, Martine!«
»Dieser seltsame Freund von Ihnen sitzt im Garten und wartet auf Sie«, erklärte Sie, ohne von ihrem Blatt aufzusehen.
Linda blinzelte. »Meinen Sie Manu?«
Manu und sie hatten sich schon an ihrem ersten Tag in Grasse angefreundet. Er ließ sich hier in der Weltstadt der Düfte zu einer sogenannten Nase, einem professionellen Parfümentwickler, ausbilden. Allerdings waren sie heute gar nicht verabredet gewesen.
»Verlangen Sie auch noch, dass ich mir die Namen Ihrer Männerbekanntschaften merke?«
Linda seufzte. »Sie wissen doch, Manu ist der Verlobte von Matthieu, dem Installateur. Er hat oben das Bad eingebaut.«
Jetzt blickte Martine doch von ihrem Magazin auf. »Sie meinen diesen gut aussehenden Traum von einem Installateur?«
»Ähm …«
»Nie-mals ist der schwul. So was merke ich auf drei Kilometer Entfernung.«
»Wieso haben Sie Manu dann für meinen Liebhaber gehalten?«
»Was weiß ich. Wahrscheinlich steht er auf Sie und begreift es nur nicht.«
»Sicher nicht.«
Martine hob ihren Zeigefinger. »Abwarten«, erklärte sie und widmete sich wieder ihrem Magazin, um Linda zu signalisieren, dass das Gespräch beendet war.
Linda ging an ihr vorbei in den verwunschenen Garten. Dort stand eine Dattelpalme, die der Pension ihren Namen verlieh. Zu Lindas Leidwesen reiften die Datteln nie fertig, dafür unterschied sich das milde Klima in Grasse einfach zu sehr von dem der Sahara.
An einem der filigranen weißen Gartentische saß Manu. Er trug ein Hemd, das mit violetten Mustern verziert war, und dazu Shorts. Er beugte sich gerade herunter, um die metallisch schimmernden Brustfedern von Astérix zu kraulen, während der Zwerghahn offenbar hoffte, etwas Essbares zwischen Manus Fingern zu entdecken. Er und seine Hennen gehörten der seltenen Rasse der Zwerg-Marans an, die schokoladenbraune Eier legten.
»Salut, Manu!«
Ihr Freund richtete sich ruckartig auf und strich sich eine schwarze Locke aus dem Gesicht. »Oh, da bist du ja, Salut.« Er sprang auf und begrüßte Linda mit zwei Küssen auf die Wange.
»Ich hab gar nicht mit dir gerechnet«, erklärte Linda. »Möchtest du hierbleiben oder sollen wir woandershin? Ich kann dir gar nichts anbieten.«
»Nein, nein, hier ist perfekt«, meinte Manu hastig und warf einen nervösen Blick zur Tür.
»Okay«, murmelte Linda, während sie sich setzten.
»Also, wie geht’s meiner Lieblingssonderermittlerin?«
»Oh, ich hab heute die schräge Bienentan…, die Bienenmadame kennengelernt.«
»Gott, die terrorisiert ja wirklich die ganze Stadt«, erklärte Manu. »Letzte Woche hat sie eine Störaktion im Shop von Fragonard gemacht. Weil sie findet, dass wir Parfümeure mehr Druck auf die Pestizidindustrie ausüben müssten.«
»Das passt zu meinem Eindruck.«
»Wusste gar nicht, dass deine heiß begehrten Fähigkeiten auch für so was verwendet werden.«
Linda zuckte mit den Schultern. »Nette Abwechslung zu der normalen Verhörarbeit. Vorausgesetzt, die knallt uns morgen nicht ab, wenn wir sie besuchen.«
»Und wie geht’s mit …« Manus Miene nahm einen schelmischen Ausdruck an. »Monsieur Olivier?«
Linda spürte, wie sie rot wurde. »Pierre? Quatschkopf, wie immer.«
»Lindaaaa«, beschwor Manu sie und lehnte sich genüsslich zurück. »Mir kannst du nichts vormachen. Immer wenn ich euch gemeinsam sehe, haben Pierres Pupillen Herzform, und das liegt nicht an mir, wobei … Wer weiß?« Er grinste.
Linda senkte verschämt den Blick. »Vor ein paar Monaten dachte ich auch mal, dass da was wäre. Aber kaum sind wir uns ein bisschen nähergekommen, hatte er einen One-Night-Stand. Also weiß ich gerade nicht … Und im Moment will ich mich auch einfach nicht auf so was einlassen. Wir verstehen uns richtig gut, und das will ich nicht gefährden. Verstehst du?«
Manu rollte mit den Augen. »Klar.«
Linda neigte den Kopf und fixierte ihn mit ihrem Blick. »Wenn wir schon dabei sind, Monsieur – seit du hier bist, bewegen sich deine Augen in alle Richtungen. Die untere Lidmuskulatur ist ständig angespannt, zuckt auch manchmal, und deine Oberlippe ist leicht nach hinten gezogen … In dir brodelt es, und du hast mich nicht besucht, um mich über Pierre auszufragen.«
Manu seufzte. »Doch, schon … auch. Aber ja, da ist noch etwas anderes, und es fällt mir wirklich nicht leicht.«
»Was ist es denn?«, fragte Linda etwas sanfter und ergriff seine Hand.
»Es ist wegen Matthieu«, brach es plötzlich aus Manu heraus.
»Du bist doch nicht immer noch eifersüchtig, weil Matthieu uns einmal bei einem Einsatz assistiert hat? Wir brauchten einfach einen Installateur …«
»Nein, das ist es nicht. Wobei, doch, ich nehme es euch immer noch übel. Und ich warte darauf, dass ihr für eure ausgefallenen Aufträge mal einen talentierten Parfümeur braucht.«
Linda lachte leise. »Kann nicht mehr lange dauern.«
Manu hob den Blick. »Ich habe Angst, dass Matthieu mich betrügt.«
Lindas Augen weiteten sich. »Matthieu? Der ist doch die treueste Seele, die ich kenne.«
»Ich weiß. Aber irgendwas hat sich verändert. In den letzten Wochen ist er nicht mehr derselbe.«
»Weil?«
»Na ja, er ist oft unwirsch, arbeitet noch mehr als sonst. Am Abend kommt er oft sehr spät heim, und wenn ich dann danach frage, blafft er mich an.«
»Matthieu kann unfreundlich sein?«
»Richtig, eigentlich bin ich der Unfreundliche von uns beiden«, überlegte Manu, während er seine Unterlippe knetete. »Jedenfalls macht mir die Sache Sorgen, und deshalb wollte ich dich fragen, ob du …« Er sah Linda hilfesuchend an.
»Was … du meinst?«
»Könntest du ihn für mich delacouren?«
Dieses Wort hatte Campanard sich als Bezeichnung für Lindas Mimiklesen einfallen lassen, und seither fand der Begriff in ihrem Umfeld breite Verwendung.
»Auf keinen Fall spioniere ich Matthieu für dich aus.«
»Hör mal.« Manu beugte sich vor und sah sie an. Plötzlich wirkte er wie ein Häufchen Elend auf sie. »Ich will nur wissen, ob ich mir das bloß einbilde, oder ob unsere Beziehung wirklich in Gefahr ist. Früher haben wir so oft über unsere zukünftige Hochzeit geredet. Ich habe ihn immer damit aufgezogen, dass ich ihn nur auf einer Jacht vor der Côte d’Azur heiraten werde. Jetzt reden wir schon seit Monaten nicht mehr darüber.«
Linda schloss die Augen. »Ich verstehe dich ja. Aber ich könnte lediglich sagen, wie er emotional zu dem steht, was er erzählt. Bei meiner Arbeit muss jemand das Verhör führen, genau die richtigen Fragen stellen und mir die Möglichkeit geben, währenddessen zu analysieren.«
»Sprich einfach mit ihm«, flehte Manu. »Ich will gar nicht, dass du ihm kritische Fragen stellst. Vielleicht geht es ihm auch einfach schlecht, und … dann wüsste ich das gerne.« Er wich Lindas Blick aus. »Weißt du, Matthieu wird überall angehimmelt. Von seinen Kundinnen hier, und auch früher in Bordeaux, wenn wir mal in einer Schwulenbar waren. Die Leute haben sich immer gewundert, was er eigentlich mit mir will.«
Linda lächelte. »Das habe ich mich nie gefragt.«
»Ah, und jedes Mal erinnerst du mich wieder daran, warum ich so gerne mit dir befreundet bin«, lachte Manu.
»Also schön«, seufzte Linda. »Ich rede mit ihm, aber nur wie zwei Freunde, hörst du? Kein Verhör. Kein Ausspionieren.«
»Verstanden«, erwiderte Manu mit einem zufriedenen Lächeln. »Dabei habe ich dir noch gar nicht mein Bestechungsgeschenk gezeigt. Schau!«
Er griff nach einer schwarzen Ledertasche, die bisher unbeachtet über einer Stuhllehne gehangen hatte.
»Ich hab dir was zusammengemischt, für deine Wohnung.«
»Oh, wirklich?«
Manu fasste in die Tasche und holte eine kleine Holzkiste hervor. Als er sie aufklappte, kam eine bauchige Glasflasche mit einer gelblichen Flüssigkeit zum Vorschein.
»Ein Raumduft«, erklärte er. »Ich nenne ihn einfach Frühling. Er führt dich durch die Jahreszeit, von Anfang bis Ende.«
Linda nahm die Flasche heraus und öffnete sie.
»Oh«, flüsterte sie mit geschlossenen Augen, als der Duft sich entfaltete. »Das ist … Es beginnt mit den Mimosen.«
»Genau, die läuten hier den Frühling ein, also soll man die zuerst riechen. Dann kommen weitere Frühblüher hinzu, bis wir mit dem letzten Hauch von Jasmin und Pfingstrose in den Sommer gleiten.«
»Das ist unglaublich«, flüsterte sie. »Den hast du für mich gemacht?«
»Ich weiß ja, tief in deinem Inneren hast du ein Faible für gute Düfte.«
»Und wie«, erklärte sie und umarmte Manu.
Campanards spezialangefertigtes E-Bike surrte um die Ecke, als sein kleines Steinhaus in Sichtweite kam. Er hasste Autos – das wusste jeder auf dem Revier. Vor dem Eingang stieg er ab und schob das Fahrrad in den angrenzenden Schuppen. Hier standen jede Menge Regale, in denen er die Bücher aufbewahrte, die im Haus gerade keinen Platz fanden. Dementsprechend roch es hauptsächlich nach Papier und Leder. Nur manchmal hatte Campanard das Gefühl, dass sich ein verräterischer Hauch von Benzin hinzumischte – ein Geruch, der ihm jedes Mal Unbehagen bereitete. Er verriet, dass das hier nicht immer ein Fahrrad- und Bücherschuppen gewesen war, sondern eine Garage. Und wenn er den Anflug von Benzinduft roch, hatte er den leuchtend gelben Wagen vor Augen, der hier früher geparkt hatte.
Rascher als nötig stellte er sein E-Bike ab und betrat durch eine hölzerne Verbindungstür den Flur seines Hauses.
Bevor ihn die Erinnerung völlig vereinnahmen konnte, schloss er die Tür wieder, hängte seinen Panamahut an die Garderobe und flitzte ins Badezimmer, um sich Gesicht und Hände zu waschen. Nachdem er seinen Schnauzer getrocknet hatte, atmete er tief durch und ging in die Küche.
Der Anblick des Grüns vor dem Küchenfenster, die Zweige seiner Dellebard-Rosensträucher, beruhigte ihn ein wenig. Er öffnete das Fenster und ließ frische Luft herein, die nach Blüten duftete.
Auf dem Küchentisch stand ein Korb mit frischem Gemüse vom Markt in Grasse, den er sich heute Morgen hatte liefern lassen. Sein Magen knurrte schon ziemlich, und er hatte sich vorgenommen, ein Risotto zu kochen. Mit frischem Parmesan, Rucola und den getrockneten Kaiserlingen, die er in der letzten Saison in einem Wäldchen nördlich von Grasse gesammelt hatte. Seiner Meinung nach gehörten sie zu den besten Speisepilzen überhaupt, auch wenn kaum jemand sie kannte.
Bedächtig schaltete er die Platte seines Gasherds an und setzte den Reis auf, den er immer wieder mit Sauvignon Blanc ablöschte. Campanard liebte es, mit Wein zu kochen. Sogar die Präfektin wirkte etwas weniger verbissen, wenn sie sich an das Coq au Vin erinnerte, das er ihr hier einmal serviert hatte. Er seufzte. Einen Moment lang glaubte er, das Echo von Gelächter zu hören. Damals hatte er nicht nur für Christelle gekocht, sondern natürlich auch für …
Er verbot sich, daran zu denken. Immerhin war es ein viel zu schöner Abend, um ihn weinend zu verbringen.
Stattdessen konzentrierte er sich auf die Pilze, die er in das mittlerweile würzig duftende Risotto streute. Olivier hatte ihn einmal gefragt, wo seine Sammelplätze lagen, worauf er nur mit einem wissenden Lächeln und einem erhobenen Zeigefinger geantwortet hatte.
Er begann »Bad Romance« von Lady Gaga zu summen, während er mit seinem hölzernen Kochlöffel umrührte und das Gericht abschmeckte. Sobald er zufrieden war, ging er mit einem Teller dampfendem Risotto in den Garten und setzte sich an den Tisch unter seinem Orangenbaum. Die Sonne über den mittelalterlichen Dächern von Grasse ging gerade unter, als Campanard mit geschlossenen Augen den ersten Bissen nahm und die Geschmackssinfonie auf seiner Zunge genoss.
Ein Brummen riss ihn aus seinen Gedanken, und plötzlich spürte er etwas Weiches auf der Haut unter seinem Hals. Reflexartig wischte er es zur Seite, als er einen schmerzhaften Stich spürte. Campanard stieß ein Knurren aus und rieb sich die schmerzende Haut. Neben seinem Teller auf der weißen Tischplatte lag eine wild zappelnde Hummel.
»Womit habe ich das denn verdient?«, fragte Campanard gepresst und versuchte das Brennen an der Einstichstelle zu ignorieren. Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal von einer Hummel gestochen worden zu sein. Hummeln waren schließlich viel zu schlau; sie stachen nur, wenn es absolut notwendig war. Ansonsten konzentrierten sich eher darauf, ihre massigen Körper zur nächsten Blüte zu tragen.
Aber das riesige pelzige Insekt auf seinem Tisch wirkte nicht gerade … fokussiert. Die Hummel lag auf der Seite und drehte sich wild brummend im Kreis.
Manchmal fand Campanard im Spätherbst geschwächte Hummeln, die vollkommen ausgehungert waren. Also lief er in die Küche und kam kurz darauf mit einem winzigen Schälchen Zuckerwasser wieder.
»Eine kleine Stärkung, mon ami?« Vorsichtig schob er die Hummel mit dem Fingernagel zum Rand der Schale. Tatsächlich hielt das Tier kurz inne und begann, an dem Zuckerwasser zu saugen. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf Campanards Miene aus – als die Hummel plötzlich zu zucken begann. Ihr pelziger Körper kippte zur Seite, während ihre Flügel bebten und ihre Beine wild zappelten. Dann erstarrte sie und blieb still.
»Mon dieu«, flüsterte Campanard und schob die reglose Hummel vorsichtig auf seine Handfläche, um sie genauer zu betrachten.
Sein Halsansatz brannte zwar noch, aber der Schmerz ließ bereits nach. Hatte der Stich das Tier getötet? Nein, das passierte nur bei Bienen, deren Stachel beim Stechen abriss. Soweit er sehen konnte, war das Tier unversehrt. Campanard presste die Lippen zusammen. Er legte die Hummel in eins der Blumenbeete, damit er nicht auf sie trat, wenn er barfuß ging.
Eine Bewegung im weichen Gras unter ihm erregte seine Aufmerksamkeit. Es war eine tote Biene, deren gekrümmter Körper gerade von Dutzenden Ameisen abtransportiert wurde. Die Natur kannte keine Verschwendung. Alles fand einen Abnehmer.
Er blinzelte. Jetzt, wo er genauer hinsah, erkannte er mehrere tote Insekten im Gras. Ein paar Honigbienen, aber auch eine riesige blau-schwarz schillernde Holzbiene.
Campanard hob eine Augenbraue und lauschte. Die Sonne war bereits untergegangen, und mit dem Tageslicht verschwanden auch die meisten Insekten, deshalb war es wohl nicht die beste Zeit, um darauf zu achten. Trotzdem beschlich ihn bei der Stille, die er jetzt wahrnahm, ein ungutes Gefühl.
***
Als Campanard am nächsten Morgen sein Haus verließ – er trug ein für seine Verhältnisse recht unspektakuläres Hemd, schwarz, mit einem Koala darauf –, warteten Olivier und Delacours schon im Renault des Polizeireviers vor seiner Tür.
Olivier saß am Steuer, Delacours neben ihm auf dem Beifahrersitz. Die Sonne ließ ihr hellblondes Haar leuchten, als sie die Tür öffnete, um ihm den Platz vorn zu überlassen.
»Seien Sie nicht albern, Delacours. Ich weiß doch, dass Ihnen auf der Rückbank übel wird, und für mich ist jeder Platz im Auto gleich furchtbar.«
»Merci, Commissaire«, erklärte Linda grinsend und schloss die Tür wieder, während Campanard hinten einstieg.
»Chef, wir haben da die Sache mit dem Drogenring in Aix-en-Provence, wo man unsere Hilfe braucht«, erklärte Olivier. »Meinen Sie wirklich, wir sollten dieser Bienenmadame noch mehr Aufmerksamkeit schenken? Vielleicht ermutigt sie das nur dazu, weitere Störaktionen zu machen.«
»Wo bleibt denn Ihr Sportsgeist, Olivier?«, fragte Campanard, während er die Autotür schloss. »Atmen Sie tief ein, und dann sagen Sie mir, dass Sie nicht auch den Hauch von Abenteuer wittern, der in der Luft liegt.«
»Ich rieche nur Ihr Bartöl!« Er schnüffelte noch einmal. »Und Lindas selbst kreiertes Narzissenparfüm.«
»Zitronenblüte, du Quatschkopf«, korrigierte ihn Delacours.
»Mein Geruchssinn ist leider ziemlich schlecht.«
»Eine durchaus abenteuerliche Mischung«, ergänzte Campanard heiter. »Fahren wir!«
Das Haus von Madame Gaillard lag etwa zwanzig Autominuten nördlich von Grasse, wo die südlichsten Ausläufer der Alpen, die Préalpes d’Azur, begannen, die ihre naturbelassenen Hänge in Richtung Küste ausstreckten. Die Gegend war nur dünn besiedelt, ein paar mittelalterliche Steindörfer, die sich abseits der klassischen Touristenrouten noch wunderbarer Ruhe erfreuten. Die ursprüngliche Gegend wurde von dem Fluss Loup geprägt. Der glasklare Bergfluss entsprang unweit von hier und mündete bei Cagnes-sur-Mer ins Mittelmeer. Wenn Campanard es einrichten konnte, unternahm er jedes Frühjahr eine Wanderung in dem sogenannten Gorges du Loup, einer malerischen Schlucht, wo im Frühling gewaltige Mengen Schmelzwasser in Richtung Meer schossen. Außerdem gab es am Anfang des Wanderwegs diesen bezaubernden Laden, der kandierte Früchte verkaufte.
Campanard besann sich. Delacours wirkte ungewöhnlich wortkarg, vermutlich versuchte sie sich auf der kurvigen Strecke zu konzentrieren, damit ihr nicht übel wurde.
Nach einer Weile sahen sie ein Holzschild am Straßenrand, auf das jemand mit bunter Farbe Biohonig geschrieben hatte. Ein paar gemalte Bienen schwirrten um das Wort herum. Olivier drosselte die Geschwindigkeit und bog auf einen schmalen Schotterweg ab, der im Dickicht zu verschwinden schien. Ginster- und Wacholderstauden am Wegrand kratzten über die Fensterscheiben. Olivier blies unwirsch die Luft aus. Obwohl es nicht sein Wagen war, machte es ihn schon unrund, wenn er dreckig wurde.
»Pierre, stopp!«, rief Delacours und presste ihre Hand gegen die Armatur.
Olivier trat auf die Bremse, als sich etwas Massiges auf den Weg schob.
Die Wildschweinbache verharrte und beäugte den Wagen misstrauisch. Nach einer Weile drehte sie den Kopf, und drei Frischlinge trippelten mit hocherhobenen Schwänzen über den Weg. Die Bache wartete, bis sie fort waren, ehe sie selbst lostrottete.
»Wildschweinragout«, murmelte Olivier sehnsüchtig und kassierte ein leichtes Boxen gegen die Schulter. »Ja, ja, pardon«, erklärte er Linda, die ihn wütend anfunkelte.
Campanard konnte nicht leugnen, dass er kurz an das Gleiche gedacht hatte.
Langsam rollte der Wagen weiter. Das Dickicht um sie herum öffnete sich schließlich zu einer blühenden Weide voller Mohnblüten, Kornblumen und Wegwarten. Eine Herde Schafe und ein paar schwarze Ziegen grasten in aller Seelenruhe und ignorierten den vorbeifahrenden Renault.
Nach einer Weile erreichten sie ein flaches Steinhaus, das sich regelrecht an den Boden zu ducken schien. Daneben stand ein Schuppen aus Holz.
Campanard fand den Anblick durchaus idyllisch, obwohl – oder gerade weil – es an dem kleinen Steinhaus sicher einiges zu verbessern gab.
»So«, erklärte Delacours. »Und woher wissen wir nun, dass Gaillard uns nicht gleich abknallt?«
»Ich würde vorschlagen, ich wage einen Versuch. Warten Sie bitte im Wagen.« Campanard öffnete die Tür und zwängte sich heraus. Das Auto, in dem er bequem sitzen konnte, musste erst noch erfunden werden.
Er streckte seine Glieder und sah sich kurz um. Die Eingangstür stand offen, aber wegen der Dunkelheit im Inneren konnte man nicht wirklich erkennen, was sich darin befand. Merkwürdig, dass man mit einer Schrotflinte drohte, aber dann die Tür nicht absperrte.
»Madame Gaillard?«, fragte er laut. Er lauschte, hörte aber nur ein paar Zikaden. Das Grundstück schien recht weitläufig zu sein. Wer wusste, wo sie sich gerade herumtrieb. »Campanard hier!«
Eine Weile lang geschah nichts, dann meinte er, ein Knacken im Dickicht zu hören. Schließlich erschien auf einem schmalen Pfad, der zwischen zwei Zypressen hindurchführte, ein Schatten. Dann tauchte Monique Gaillard vor ihrem Haus auf. Sie hielt den Kopf gesenkt und trug einen breiten Strohhut. Ihre Brille war ihr auf die Nasenspitze gerutscht, während sie leise vor sich hinzumurmeln schien.
»Madame?«
Gaillard keuchte erschrocken und hob die Mistgabel, die sie bei sich trug.
Der Commissaire lächelte und lüftete seinen Hut, ohne die scharfen Spitzen der Mistgabel aus den Augen zu lassen.
»Louis Campanard, Sie erinnern sich?« Er sah, wie Olivier Anstalten machte, aus dem Wagen zu springen, und schenkte ihm ein unmerkliches Kopfschütteln.
»Campanard?« Ihr Atem ging rasch, während sie ihn musterte. »Der seltsame Kerl von gestern.«
»Charmant, Sie erinnern sich.« Er zeigte auf das Auto. »Meine Kollegen und ich sind gekommen, damit Sie uns mehr über das Bienensterben in der Gegend erzählen.«
Er nickte in Richtung des Wagens, kurz darauf stiegen Olivier und Delacours aus.
»Salut«, sagte Linda und winkte mit den Fingern.
Gaillard ließ die Mistgabel sinken, schniefte und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. »Sie hätten ja noch mal Bescheid geben können, dass Sie kommen. Wollen Sie vielleicht einen Kaffee?«
»Aber mit dem größten Vergnügen!«
Olivier gab Campanard mit einem Blick zu verstehen, was er von der Idee hielt. Wahrscheinlich erwartete er im Inneren des Hauses eine verwahrloste Messiebude.
»Na, dann kommen Sie mit!«, erklärte Gaillard. »Aber wehe, Sie fassen was an.«
Der Commissaire ließ ihr den Vortritt. Während er eintrat, hörte er Olivier und Delacours miteinander flüstern.
»Ich wette, sie hat da drin ein Dutzend Katzen. Siegerin bekommt ein Eis. Wettest du dagegen, Pierre?«
Olivier knurrte. »Wahrscheinlich hat sie mehr als ein Dutzend.«
Campanard blinzelte, bis sich seine Augen an das Dunkel im Inneren gewöhnt hatten. Eine seiner Befürchtungen hatte sich jedenfalls nicht bewahrheitet: Hier drin roch es nicht übel. Ganz im Gegenteil. Es duftete nach einer süßlichen Mischung aus Holz und Rosmarin. Es war auch nicht ungewöhnlich unordentlich. Lediglich ein paar Hosen und eine Jacke lagen auf einer rot gepolsterten Sitzgarnitur. Madame Gaillard schnappte die Kleidungsstücke und bat ihre Besucher, Platz zu nehmen.
»Bin gleich wieder da. Fassen Sie nichts an, ich meine es ernst.«
»Natürlich nicht«, antwortete Delacours, die sich nur mühsam das Lachen verkneifen konnte.
