Tokoglifos - H. T. Thielen - E-Book

Tokoglifos E-Book

H. T. Thielen

0,0
15,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Hartmut, Endfünfziger und Akademiker, der in der Lehre tätig ist, wird am Tag des Fukushima-Unglücks von seinem Sohn Iven mit sich selbst konfrontiert. Der Tag wird für Hartmut zu einem inneren Wendepunkt. Er beginnt intensiv über die globalen Schieflagen unserer Zeit und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft nachzudenken. Auf einem Flug lernt er Dr. Cender kennen, der ihm einen brisanten Einblick in die Machenschaften der Pharmaindustrie gewährt. Die Informationen befeuern Hartmuts Drang, hinter die Kulissen des Weltgeschehens zu blicken. In der Folge recherchiert er gezielt nach verdeckten Informationen und tauscht sich mit seiner Familie und Freunden zu politisch-brisanten Fragestellungen aus. Er deckt unfassbare Zusammenhänge auf und stößt auf gigantische, teils grausame politische Verstrickungen, die unser Leben bestimmen, ohne dass wir es bemerken. Seine Recherchen führen ihn zu einem Gefüge aus Machtbesessenheit und menschlicher Gier, einem überbordenden Kapitalismus, dessen Fäden immer am selben Punkt zusammenlaufen: Bei der Machtelite, den Tokoglifos, bestehend aus ranghohen Politikern, Adeligen, Wirtschaftsbossen und Mitgliedern der Hochfinanz. Hartmut schildert die menschenverachtenden Geschäfte der Pharmaindustrie ebenso wie die Gleichschaltung der Medien und die digitale Überwachung des Einzelnen. Er beleuchtet die aktuelle Flüchtlingsbewegung, die gefährliche Lethargie der Deutschen, und die stetige Manipulation durch Politik, Medien und Wirtschaft, der wir täglich ausgesetzt sind. Im Zuge seiner gedanklichen Auseinandersetzung geht er noch einen Schritt weiter und versucht Lösungsansätze aufzuzeigen – weg von einer gleichgültigen, unmündigen Gesellschaft hin zu einer neuen Form des humanistischen selbst-denkenden Menschen. Eine brisante Aufklärungsschrift, ja eine Streitschrift die den Leser auffordert, sich nicht länger manipulieren zu lassen. Ein Buch, das dem Leser zuruft: Wach endlich auf, Mensch!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Tokoglifos

 

 

 

Die gesellschaftlichen Schieflagen und ihre

Verursacher

 

Eine kritische Aufklärungsschrift

 

von

 

H. T. Thielen

 

 

 

 

© 2017 H. T. Thielen

 

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

 

ISBN 978-3-7345-9608-7(Paperback)

ISBN 978-3-7345-9609-4 (Hardcover)

ISBN 978-3-7345-9610-0 (e-Book)

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

Vorwort

 

Diese Aufzeichnungen stellen eine Chronik einiger meiner Gespräche und Überlegungen dar, die ich in den Jahren 2011 bis 2016 vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftspolitischer Problemstellungen geführt habe. Meine ursprüngliche Intention war es, einen Aufsatz über grundlegende Defizite im deutschen Bildungssystem zu verfassen. Nach wenigen Monaten der Arbeit wurde mir allerdings klar, dass die Schieflagen im Bildungsbereich gleichermaßen Ursache und Triebkraft für mannigfaltige Probleme in unserer Gesellschaft sind. Ich unterbrach daraufhin mein Vorhaben und begann mit dieser gesellschaftskritischen Schrift.

Meine Grundintention ist eine Welt ohne Armut und Not, in welcher der Wohlstand gleichmäßig verteilt ist. Eine Welt, in der alle Menschen und alle Nationen in friedlicher Koexistenz miteinander (über-)leben können.

Eine solche Zukunft ist möglich!

Das Problem liegt nicht darin, dass zu wenige Ressourcen für alle vorhanden sind. Nein, so banal es auch klingen mag, die verhängnisvollen globalen Schieflagen sind die Auswirkungen eines absolut falschen Wirtschafts- und Finanzsystems.

Durch Kriege werden täglich Tausende Menschen getötet, unzählige andere verlieren ihre Lebensgrundlage.

Aus welchen Gründen werden die vielen Kriege geführt?

Unser Ökosystem Erde ist in vielen Bereichen irreversibel beschädigt, und die Zerstörung nimmt tagtäglich zu.

Was sind die konkreten Ursachen der immensen Umweltprobleme?

Gegenwärtig arbeitet die überwiegende Mehrheit der Menschen täglich 10, 12 Stunden und mehr. Sie arbeiten hart, opfern oftmals ihre Gesundheit, und trotz aller Bemühungen schaffen sie es nicht, sich ein finanziell abgesichertes Leben aufzubauen. Andere hingegen haben in ihrem Leben kaum gearbeitet und leben mit ihren Familien, selbst in zukünftige Generationen hinein, in Reichtum und Luxus.

Warum werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer?

Das sind zentrale Fragen unserer Zeit, denen wir uns stellen und auf die wir eine praktikable Antwort finden müssen.

Während der Recherche zu diesen Themen – mein Dank gilt insbesondere meiner Familie, meinen Freunden und Gesprächspartnern, meinen Studierenden und dem noch freien Internet – stieß ich auf eine Vielzahl von gewichtigen Details und Hintergrundinformationen, verfasst von unabhängigen Wissenschaftlern, Journalisten und Autoren, die mir manche, mir zuvor nicht bekannten gesellschaftlichen Zusammenhänge verdeutlichten.

Im Bewusstsein jahrelanger persönlicher politischer Begrenztheit und Kritiklosigkeit, die in unserer Gesellschaft, so scheint es, gewollt ist, die ich derart aber nicht länger akzeptieren kann, schreibe ich diese Zeilen – meinen Mitmenschen zur Information.

Ich erkenne heute mit absoluter Gewissheit, dass die überwiegende Mehrheit aller Menschen, gleichgültig welchen Alters und welcher Nationalität, wie eine große Schafherde von einer kleinen wissenden Elite systematisch und zielgerichtet wie auf einem Schachbrett hin- und hergeschoben wird.

Mir scheint es, als wäre ich erst in den letzten Jahren zum denkenden Menschen erwacht, als wäre ich erst jetzt mündig geworden, und die gewonnenen Einsichten und Erfahrungen haben mir einen Einblick in die realen, jedoch für die überwältigende Mehrheit der Menschheit verdeckten, gesellschaftlichen Verhältnisse gewährt. Zuweilen kann ich noch nicht recht glauben, was tatsächlich mit uns geschieht, und ich misstraue den vielen sichtbaren Zeichen und Botschaften. Doch Krieg, Not und das viele Elend auf der Welt bringen mich sehr schnell wieder in die traurige Realität und auf den Boden der Tatsachen zurück.

Der Zustand unserer Gesellschaft ist in zahlreichen wichtigen Angelegenheiten krank, der Vernunft zuwiderlaufend, ja man muss sagen, pervers. Vieles scheint invertiert und auf den Kopf gestellt. Die Medien verhindern den freien Journalismus und damit eine freie Meinungsbildung, Politiker missachten das Grundgesetz und den Willen der Bevölkerung, Ökonomen zerstören Währung und Eigentum, Lehrer und Erzieher verhindern Kritikfähigkeit und autonomes Denken und vieles andere mehr.

Warum können diese Verwerfungen in Erscheinung treten?

Weil die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung mit ihrer persönlichen Situation zufrieden ist, politisch abschaltet und die Gegebenheiten blindlings toleriert.

Ich mache mich mit meinen unverhüllten Ausführungen und Erklärungen angreifbar und das Risiko ist sehr groß, dass ich dafür in irgendeiner Ausformung kritisiert oder gar beschuldigt werde. Wer auf Ungerechtigkeiten aufmerksam macht und die wahren Hintergründe aufdeckt, wird vom herrschenden System erbarmungslos bekämpft und ausgegrenzt. Und doch spreche ich laut und deutlich im Sinne von Thomas Carlyle, dass es eine Ehre sei, einer Minderheit anzugehören, wenn deren Sache gerecht ist. Unser Gewissen sagt uns, was recht und unrecht ist, und wer Verantwortungsbewusstsein besitzt, der empfindet zugleich Verpflichtung. Wem die Zukunft unserer Gesellschaft Sorge bereitet, der muss die Schieflagen ansprechen und einen öffentlichen Diskurs suchen.

Freunde halten mich für einen Gerechtigkeitsverfechter und ich mutmaße, dass diese Bezeichnung meinen inneren Intentionen sehr nahe kommt. Macht, Gier, Egoismus und selbstverschuldete Unmündigkeit stehen der Gerechtigkeit im Weg und sind das Pathogen, das überwunden werden muss. Dies kann gelingen, denn Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Solidarität sind Werte, die in jedem Menschen vorhanden sind – sie müssen lediglich wieder entfesselt werden.

Dies mag für viele eine naiv gesellschaftskritische Haltung sein, ich glaube jedoch, dass eine stetig wachsende Zahl von Menschen die heutige Zivilisation in direkter politischer und kultureller Reflexion als schlecht, manipuliert und bedrohlich empfindet, und eine Veränderung hin zum wahren Humanismus anstrebt.

Ich möchte noch ausdrücklich betonen, dass ich Krieg und rechtes Gedankengut verabscheue und strikt ablehne, und dass ich mich mit einer wahrhaftig freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung absolut identifiziere.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich 60 Jahre alt und in der Lehre tätig bin. Ich bin verheiratet, habe zwei erwachsene Kinder, und lebe ohne besondere Highlights in einer kleinen Gemeinde auf dem Land.

Ich bin davon überzeugt, mit einer Arbeit von großer Wichtigkeit und Tragweite beschäftigt zu sein. Mir ist ebenfalls bewusst, dass meine Verfahrens- und Betrachtungsweise eine gewisse Selbstgefälligkeit aufweist. Gleichwohl versuche ich, die notwendige akademische Objektivität zu bewahren, um meine Kenntnisse und Einsichten dem nachgewiesenen Sachverhalt entsprechend aufzuzeichnen. Aus dem Wunsch heraus, dieses Buch leicht lesbar zu gestalten, und um einen möglichst großen Leserkreis zu erreichen, nutze ich bewusst nicht die oft abstrakte wissenschaftliche Darstellung, sondern die erzählende Romanform. In diesem Zusammenhang habe ich notwendige Fußnoten auf ein Minimum reduziert. Die Gesprächszenen sind weitgehend authentisch oder wurden von mir um wichtige Details ergänzt, die Namen der handelnden Personen sowie die Örtlichkeiten sind aus Gründen des Persönlichkeitsrechtes geändert worden.

 

Sapere aude!

 

Habe Muth, Dich Deines eigenen

Verstandes zu bedienen!

 

(Immanuel Kant)

 

 

Der Konflikt

 

Politik und Militär, Wirtschaft und Medien habe ich schon sehr lange mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Es war für mich jedoch bisher zweifelsfrei, dass unser politisches System in der Bundesrepublik Deutschland, aufgebaut auf dem Grundgesetz, nur dem Wohl und dem Nutzen der Bevölkerung dient. Doch ähnlich wie es bei vielen anderen Mitmenschen der Fall ist, führten mich mein Ehrgeiz, Karriere zu machen, und mein Wunsch, ein sorgenfreies Leben zu führen, in eine gewisse Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit gegenüber dem gesellschaftlichen Geschehen. Ich übersah und ignorierte, was um mich herum geschah. Unseren persönlichen Wohlstand auszubauen, unsere Wünsche durch Konsum zu erfüllen, diese Intentionen werden uns ja täglich hundertfach von den Medien suggeriert. Sie waren daher auch mein primäres Ziel, bis zu jenem aufsehenerregenden Tag, Freitag, den 11. März 2011.

Es war Freitagnachmittag, ich saß gerade in meinem Arbeitszimmer am Schreibtisch und konzentrierte mich auf die Korrektur von einigen Texten.

Plötzlich öffnete sich die Tür. Mein jüngster Sohn Iven kam kopfschüttelnd herein, gestikulierte mit den Händen, und sagte: »Pa, warum hast du nie darüber gesprochen? Warum hast du uns nie darüber aufgeklärt?«

Vorwurfsvoll, mit starrem Blick, hatte er mich angefahren: »Du checkst, was in unserer Gesellschaft abgeht, du erkennst die Schieflagen und machst nichts! Du bist ein typischer Opportunist, buchstäblich das Spiegelbild unserer Gesellschaft: Die Augen verschließen, die Vogel-Strauß-Theorie einsetzen und hoffen, dass es für dich so gut weitergeht wie bisher!«

Ohne mir die Möglichkeit einer Antwort zu geben, fuhr er fort: »Einfach weiterzumachen wie bisher, ändert rein gar nichts! Wir leben in einer kaputten Welt, die von wenigen gewissenlosen Gruppierungen beherrscht wird. Was unsere Gesellschaft benötigt, sind Köpfe, die das ausbeuterische System verstehen. Menschen, die die entstandenen Schieflagen aktiv angehen und Lösungen, notfalls entgegen der vorherrschenden Meinung, einfordern. Was wir brauchen, ist eine aufgeklärte Gesellschaft, die solidarisch gegen Ungerechtigkeit, Rechtsbruch und Willkür ankämpft, und keine beobachtende und selbstzufriedene Interessengemeinschaft. Und du, du könntest was dagegen tun!«

Das saß, und er hatte vollkommen recht.

Diese Situation ereignete sich vor fast fünf Jahren, und die Ausführungen meines Sohnes gingen mir von diesem Zeitpunkt an fortwährend durch den Kopf.

Iven studierte in einer nahegelegenen Stadt Altertumswissenschaften und nutzte häufig die freien Wochenenden, um bei uns im Umfeld archäologische Nachforschungen durchzuführen. Mit behördlicher Erlaubnis, Karte, Kleinspaten und Detektor bewaffnet, durchstreifte er die heimatliche Landschaft und versuchte, durch die gemachten Funde wissenschaftliche Zusammenhänge zu identifizieren. Trotz Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen, also optimalem Wetter für Streifzüge durch die Natur, war an dem besagten Freitag etwas anders.

»Hast du es schon gehört, Pa? Ein Erdbeben, Stärke 9, hat einen Tsunami ausgelöst, der weite Teile an der Ostküste Japans überflutet hat. Die Welle war wohl bis zu 16 Meter hoch und hat alles verwüstet. Sie hat Tausende Häuser mit sich gerissen und es wird davon ausgegangen, dass über 500.000 Menschen ihr Zuhause verloren haben. Wahrscheinlich gibt es mehr als Zehntausend Tote. Mehr noch, der Tsunami soll das Atomkraftwerk Fukushima so stark beschädigt haben, dass es zu einer Atomschmelze gekommen ist und Radioaktivität in gigantischer Menge freigesetzt wurde. Die nähere Umgebung soll dermaßen verstrahlt sein, dass ein normales Leben in den kommenden 50 Jahren nicht mehr möglich sein wird! Ein Wahnsinn! Und was ist die Ursache?! Die gigantischen globalen Schieflagen unserer Zeit, die sämtliche Lebensbereiche umfassen, hervorgerufen durch den alles Humane zerstörenden Kapitalismus!« Danach verließ Iven wortlos das Zimmer.

Mein Gott er hatte recht, natürlich hatte er recht. Die blinde und ungebremste Dynamik des Kapitalismus hat die kolossalen globalen Verwerfungen erst hervorgerufen. Sowohl die folgenschwere menschliche und ökologische Katastrophe des Super-Gau‘s im Kernkraftwerk in Japan, die für alle sichtbaren Schäden aufgrund exzessiver Schadstoffemissionen und kompromissloser Ausbeutung der Ressourcen als auch die unselige Ausnutzung menschlicher Arbeitskraft und die damit verbundene Zunahme von Armut und Elend auf dieser Welt, sind sichtbare Auswirkungen eines absolut freien Marktes. Die bestimmenden Impulse sind meist verborgen, aber so umfassend miteinander verknüpft, dass der normale Menschenverstand sie nicht mehr klar erfassen kann. Eins ist jedoch unstreitig. Die fatalen globalen Schieflagen hängen mit der skrupellosen Wirtschaftsform des Kapitalismus zusammen.

Nach dem Abendessen wurde die aktuelle Umweltkatastrophe erwartungsgemäß wieder zum Hauptgegenstand unseres Gesprächs.

»Warum lernen wir Menschen nicht aus den Tragödien der Vergangenheit?«, begann Iven. »Die dramatischen Folgen der Tschernobyl-Katastrophe sind noch in allen Köpfen! Wir haben die verheerenden Bilder doch noch alle vor Augen, aber wir machen trotzdem weiter wie vorher! Sind wir Menschen so blind?! Sind wir wirklich wie ein Krebsgeschwür, das seinen eigenen Lebensraum vernichtet?«

»Ja, das scheinen wir in der Tat zu sein«, antwortete ich.

»Der Alptraum von Tschernobyl hat unser aller Bewusstsein für die immense atomare Gefahr gestärkt, und große Teile der Bevölkerung mahnten, die Atomkraftwerke abzuschalten, aber nichts geschah. Die zuständigen Politiker weigerten sich schlicht, wie so oft, den Forderungen der Bevölkerung nachzukommen. Und das, obwohl es auch schon 1986 Alternativlösungen der Energieerzeugung in Form der regenerativen Energiegewinnung wie zum Beispiel Sonnen- und Windenergie, Erdwärme, Wasserkraft, Bioenergie und Meeresenergie gab. Auch die fossilen Energieträger hätten übergangsweise verstärkt genutzt werden können, um aus der gefährlichen Kernenergie auszusteigen. Die Politik hingegen verblieb auf ihrem eingeschlagenen Weg, verdrängte das Thema, und es veränderte sich absolut nichts.«

»Glaubst du, dass unsere Regierung nach dieser weiteren Katastrophe ihre Energiepolitik überdenken wird? Dass sie in Richtung erneuerbare Energiegewinnung umstellen wird?«, fragte Iven optimistisch.

»Ich fürchte nein«, antwortete ich bedacht.

»Viele haben in den letzten Jahren aufgrund der zahlreich sichtbaren Probleme ein wirkliches Umweltbewusstsein entwickelt, leider sind sie noch in der Minderzahl. Wir Menschen haben drei Möglichkeiten, zu lernen und klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken und Erkennen, zweitens durch Betrachten und Nachahmen und drittens durch persönliche, oft einschneidende und meist negative Erfahrungen. Offensichtlich wählt der Mensch gemeinhin die schmerzhafte letzte Option. Er muss die fatalen Auswirkungen seines Handelns körperlich spüren, bevor er schlussendlich zur Vernunft kommt, oder zur Vernunft gezwungen wird.«

Iven schaute nachdenklich aus dem Fenster und sagte dann: »Global gibt es, denke ich, inzwischen viele Millionen Menschen, die die Atomenergie als äußerst risikobehaftet ansehen und einen sofortigen Ausstieg verlangen. Sie erkennen und kommunizieren die Gefahr, haben aber nicht die Optionen und den notwendigen Einfluss, um irgendetwas zu verändern. Selbst die bekanntesten Atomwissenschaftler weltweit beschreiben Atomenergie in allen ihren Nutzungsmöglichkeiten als die größte Gefährdung der Menschheit.«

»Insbesondere die militärische Nutzung«, warf ich ein.

»Ja klar«, sagte Iven. »Das Bulletin of the Atomic Scientists beispielsweise veröffentlicht in regelmäßigen Abständen eine symbolische Uhr, man nennt sie die Uhr des jüngsten Gerichts, die das derzeitige Risiko einer globalen Katastrophe, insbesondere eines Atomkrieges, verdeutlicht. 1947 wurde sie mit 7 Minuten vor 12 gestartet und in Abhängigkeit von atomarer Bedrohung vor- oder zurückgestellt. Seit Januar 2015 steht sie auf 3 Minuten vor 12, verstehst du, 3 Minuten vor 12. Die Warnungen der Wissenschaftler und die friedlichen Proteste auf der ganzen Welt reichen offensichtlich nicht aus, um die Mächtigen der Welt zur Umkehr zu bewegen.«

»Leider hast du recht«, antwortete ich. »Mittlerweile sind sich viele Menschen der Problematik bewusst und erheben Widerspruch. Und täglich werden es mehr.

Doch, Iven, es geht nur mit friedlichen Protesten. Mit Gewalt und Zwang eine Umkehr zu erzwingen, ist immer der falsche Weg. Es geht darum, der Bevölkerung die gefährliche Situation deutlich zu machen, und sie mithilfe von Informationen zum friedlichen Widerstand zu mobilisieren. Gewalt und Zwang beim Kampf um gesellschaftliche Veränderungen erzeugen immer Angst und Schrecken, das Ganze ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Militante Aktivisten, gleichgültig gegen was sich der Protest richtet, gehen aufgrund ihrer Vorgehensweise das große Wagnis ein, nicht mehr zu den ›Guten‹ zu gehören, und erhalten in der Öffentlichkeit niemals die notwendige Unterstützung. Friedlicher Widerstand hingegen gewinnt die moralische Oberhand und findet, wie Popovic und Miller1 es identifiziert haben, die Sympathie der Massen. Das hatte auch Martin Luther King erkannt, als er niederschrieb: Organisierte Massen in einer Demonstration haben mehr Macht als ein paar verzweifelte Männer mit einer Waffe in der Hand!«

»Aber es ändert sich doch nichts!«, entgegnete Iven. »Das ausbeuterische kapitalistische System verlangt der Erde alles ab. Energien und seltene Erden gehen radikal dem natürlichen Ende zu und die längst nachweisbare brutale Umweltzerstörung ist schon heute nicht mehr umkehrbar. Einer Studie der Vereinten Nationen aus dem Jahre 20072 zufolge hat die Menschheit nicht einmal mehr 15 Jahre Zeit, um eine gigantische Umweltkatastrophe zu verhindern. Die für uns so wichtigen Wälder werden abgeholzt, Gletscher schmelzen, der Ausstoß von Treibhausgasen nimmt kontinuierlich zu, die beschleunigte Klimaveränderung ist für alle spürbar, und was das Skandalöse ist: Die politischen Verhältnisse ermöglichen es.

Auch Stephen Hawking warnt die Menschheit vor ihrem selbst hervorgerufenen Untergang, indem er sagt: Das Risiko einer Katastrophe in den nächsten 100 Jahren aufgrund eines Atomkrieges, der Erderwärmung, der Gentechnologie oder falsch eingesetzter Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie ist beinahe eine Gewissheit.«

»Wenn die Lethargie der Bevölkerung weiter anhält, wird Stephen Hawking recht behalten«, sagte ich. »Es sind die Mächtigen dieser Welt und die Gier nach immer mehr, die uns in diese gefährliche Situation gebracht haben.

Ungeachtet dessen, Iven, neben den allgemein bekannten und vielbenannten Problemen, die unser Ökosystem betreffen, gibt es traurigerweise noch weitere hochgradig bedrohliche, in ihren Ausmaßen nicht vorhersehbare Risiken für die belebte Natur.

Eine immense Gefahr ist beispielsweise die latente Schädigung des menschlichen Organismus respektive der menschlichen DNA durch toxische Substanzen und Strahlung.

Der Umweltmediziner Dr. Klaus-Dietrich Runow spricht in diesem Zusammenhang von einer lautlosen Katastrophe infolge von Umweltgiften, die zu einer schleichendenGehirnverschmutzung führen. Er untersuchte in einem Flüchtlingslager im Kosovo die Auswirkungen der Bleibelastung auf den menschlichen Organismus. Seine Untersuchungen an Kindern ergaben, dass große Zellregionen gestört oder zerstört wurden, wie dies zum Beispiel bei Parkinson der Fall ist. Eine signifikante Minderung der Intelligenz und geistiger Verfall waren nachweislich die Folgen.

Dr. Dietrich Klinghard verweist auf nicht berechenbare neurologische und epigenetische Folgewirkungen elektromagnetischer Strahlung die uns derzeit fast allerorts begegnet.3 Nach seinen Ausführungen werden selbst zukünftige Generationen - aufgrund ihrer Erbanlage – noch unter den gegenwärtigen Strahlenbelastungen zu leiden haben.4«

»Beängstigend!«, rief Iven.

»Mit welchen gesundheitlichen Konsequenzen müssen wir aufgrund der zahlreichen anderen physischen Schadstoffen und Strahlenbelastungen, die unsere Umwelt und damit auch uns belasten, rechnen? Auf welche Komplikationen müssen wir uns aufgrund moderner militärischer Entwicklungen, Gentechnologien, Nanotechnologien und aufgrund von Lebensmittelzusätzen in der Ernährungsindustrie einstellen?

Vor einigen Tagen wurden in einem NDR-Bericht im Fernsehen die Folgen von Nanopartikeln in der Atmosphäre und im Wasser detailliert und verständlich dargestellt. Unser gesamtes Ökosystem wird demzufolge hochgradig gefährdet und hinsichtlich des menschlichen Organismus hat man neben Krebs ebenfalls neurologische Schäden, sprich, eine deutliche Zunahme von Parkinson und Alzheimer festgestellt.

Auch der Einsatz von Düppel5 und Chemtrails6im militärischen Bereich, vom Verteidigungsministerium als unschädlich deklariert, führt nachgewiesenermaßen für Mensch und Natur zu den gleichen negativen Folgeerscheinungen.

Und es kommt noch schlimmer. Alles was machbar ist wird gemacht.

Die Biologin Rosalie Bertell hat in ihrem Buch Kriegswaffe Planet Erde7 das Militär als Krebsgeschwürder Erde bezeichnet. Ich kann mich ihrer Meinung und ihren Befürchtungen nur anschließen. Die neuen für mich nicht mehr denkbaren Waffensysteme sind, ihren Ausführungen nach, geologische Waffen: Das Auslösen von Erdbeben, Tsunamis, Hurrikane, Tornados, Dürren und anderen Wetterextremen zur Verwirklichung von geopolitischen Absichten.

Grauenhaft! Ich denke, die Ursache aller ökologischen Schieflagen ist die Gier nach mehr und die Folgewirkung davon ist, dass global die Ogburn’s Theory oder Social Lag Thesis vertreten wird. Sie besagt, dass die Technologie der vorantreibende, Gesellschaft bestimmende Teil ist, an den sich die Menschheit anpassen muss. Die neuen Technologien haben ja auf der ganzen Welt die Leitfunktion für die Modernisierung der Gesellschaft übernommen und sind zur dynamischen Triebkraft für Wirtschaft und Wachstum geworden ...«

»... Ohne die negativen gesamtgesellschaftlichen Folgen zu berücksichtigen«, ergänzte ich. »Der Primat der technischen Evolution und die Machbarkeit als maßgeblichste Norm sind leider Gottes in unserer Welt gewichtiger geworden als alle schädlichen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Und warum? Um den Profit weniger Menschen zu steigern!«

»Was können wir dagegen tun, was müssen wir dagegen tun?«, fragte Iven erwartungsvoll.

»Technikkritiker, traurigerweise noch viel zu wenige, drehen heute die Social Lag Thesis um und verlangen, dass die Gesellschaft Art und Einsatz technischer Innovationen zu bestimmen habe«, antwortete ich. »Dazu müsste die praktische Einführung neuer Technologien jedoch vollständig in gesellschaftliche Verantwortung, Vernunft und Kontrolle rückgebunden werden.

Einen sinnvollen Ansatz in diese Richtung gab es zu Beginn der 1970er-Jahre in den USA in Form des Office of Technology Assessment (OTA). Dieses überparteiliche Büro wurde 1972 gegründet. Es war eine staatliche Einrichtung und hatte die Aufgabe, die Gremien des US-Kongresses in wissenschaftlichen und technischen Fragen, insbesondere in der Technikfolgenabschätzung, kompetent zu beraten. Wirtschaft und Industrie sahen in der Betätigung des Office jedoch schnell ein evolutionäres Hemmnis, und so wurde die Dienststelle bereits 1995 wieder geschlossen.«

»Ich verstehe, wurde diese kluge, vorausschauende Idee auch in Deutschland aufgenommen und umgesetzt?«, fragte Iven.

»Ja, in den 1980er-Jahren hat sich die Notwendigkeit einer Technikfolgenabschätzung auch bei uns durchgesetzt und es bildeten sich, dem amerikanischen Vorbild folgend, öffentlich geförderte Organisationen. Das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), eine Forschungseinrichtung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), ist die wichtigste Einrichtung dieser Art in Deutschland und wurde am 1. Juli 1995 gegründet. Seine Aufgabe ist die Beratung und Unterstützung der Forschungs- und Technikpolitik in fachlich komplexen Sachfragen wie technischen, wirtschaftlichen, gesundheitlichen, ökologischen, ethischen und sozialen Folgen technischer Innovationen und möglicher Alternativen.«

»Eine vernünftige Sache«, sagte Iven nachdenklich. »Aber wer gibt die Untersuchungen in Auftrag und wer bezahlt sie?«

»Überwiegend die großen Konzerne und der Staat«, antwortete ich. »Neue Evaluationen, Prognosen oder Trendextrapolationen in die Zukunft sind kosten- und zeitintensiv und werden in der Regel von staatlichen Institutionen, Stiftungen oder großen Unternehmen in Auftrag gegeben. Auch wenn der wissenschaftliche Anspruch der Maßnahmen unzweifelhaft, korrekt und uneigennützig ist, sind die konkreten Ergebnisse, je nach Wertesystem der TA-Einrichtungen beziehungsweise den Zielen der Auftraggeber, nicht immer ergebnisoffen. Insbesondere die Implementierung ihrer Ergebnisse auf parlamentarischer Ebene ist häufig indoktriniert, da in unserem politischen System mehrheitlich Lobbystrategien die parlamentarischen Entscheidungen bestimmen.

Ich glaube, dir ist klar, was ich damit meine? Zu meinem großen Bedauern, Iven, muss ich dir diese wenig positiven Antworten geben. Die bedrohliche ökologische Situation, ein Verbrechen an Mensch und Natur, ist, wie es scheint, unser Erbe an eure Generation. Zu verhindern ist die Katastrophe nur durch umfassende Informationen und sofortige Gegenmaßnahmen auf globaler Ebene. Zum ersten Mal in der Geschichte brauchen wir zum Überleben die Geschlossenheit aller Menschen und die einzige wirksame Formel lautet: Aufklärung, Verantwortung und Solidarität.«

 

Heute, fünf Jahre nach diesem Gespräch, sitze ich am Schreibtisch und beschäftige mich mit meinen Vorbereitungen für den kommenden Tag. Da fällt mir diese trivial klingende Formel aus dem Gespräch mit Iven ein. Ist es wirklich so einfach?, denke ich. Sind Aufklärung, Verantwortung und Solidarität tatsächlich das mögliche Rezept zur Lösung unserer Umweltprobleme?

Solidarität ist eine Frage der Erkenntnis und Erkennen beziehungsweise Verstehen ist eine Funktion von Denken und Aufklärung. Hieraus folgernd, muss eine aufgeklärte Gesellschaft im Sinne von Kritikfähigkeit, Emanzipation und Verantwortung der Schlüssel zu Gemeinschaft und Solidarität sein.

»Ja«, sage ich laut, obwohl ich mich allein im Raum befinde. Umfassende Aufklärung, Solidarität und eine gelebte Verantwortung könnten nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur Lösung unserer ökologischen Probleme leisten, sondern auch allen anderen Schieflagen in unserer Gesellschaft entgegenwirken.

Doch wo müsste man beginnen? Logischerweise bei den jungen Menschen – im Erziehungs- und Bildungssystem.

Und was müsste man ändern? »Den Modus Procedendi der gegenwärtigen Erziehung zur Unmündigkeit, hin zu einem aufgeklärten, kritischen und verantwortungsbewussten mündigen Menschen!«, entfährt es mir.

 

1 Miller, M. und Popovic, S.: Protest!: Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt, FISCHER Taschenbuch, Auflage 1, 2015.

2 IPCC Fourth Assessment Report: Climate Change 2007 (AR4), beauftragt von den Vereinten Nationen.

3 Dr. Klinghardt, Arzt, Wissenschaftler und Lehrer, gründete 1996 das Institut für Neurobiologie INK. Er sieht insbesondere die ständig zunehmenden WLAN-Netze und Elektrosmog als große Gefährdung der menschlichen Hirnfunktionen.

4 Siehe auch Dr. S. Sellman: Der gefährliche, unsichtbare Elektrosmog, Dr. R. Schneider, RECON Freiburg:Dauerbeschuss durch Strom und Strahlung.

 

 

 

5 Das Militär nutzt Düppel (engl. Chaff) seit ca. 70 Jahren. Es sind leitfähige feine Fäden, zum großen Teil aus Aluminium, die in riesigen Mengen aus Flugzeugen ausgestoßen werden, um Radarstrahlen zu reflektieren und damit eigene Luftangriffe abzuschirmen. Vom Menschen durch die Atemwege aufgenommen führen sie, bei hohen Konzentrationen, zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden.

6Chemtrail ist die Bezeichnung für bestimmte Kondensstreifen von Flugzeugen, welche durch Versprühen von hochdosierten, gesundheitsschädigenden Chemikalien entstehen.

7 Bertell, R.: Kriegswaffe Planet Erde, J.K.Fischer Verlag, 2016.

Pharmaindustrie, Ernährungsindustrie und Gesundheit

 

 

Unsere Nahrungsmittel sollten Heil-,

unsere Heilmittel Nahrungsmittel sein.

 

(Hippokrates von Kos)

 

 

Es ist 4.00 Uhr morgens. Ich liege nach einem neunstündigen Flug schlaflos in meinem Hotelzimmer und überdenke die beklemmenden Aussagen von Dr. rer. nat. Peter Cender.

Dr. Cender, Schweizer, Biologe und ehemaliger Mitarbeiter eines großen Pharmakonzerns, war mein direkter Sitznachbar auf dem Nonstop-Flug von Frankfurt nach New York gewesen. Zunächst äußerst distanziert, entwickelte sich nach einiger Zeit ein sehr freundliches und interessantes Gespräch über seine Heimat, das schöne Berner Oberland.

Nach dem bescheidenen Abendessen sprachen wir über unsere Pläne in den Staaten und ich erfuhr beiläufig, dass Dr. Cender sich mehrere Jahre mit Arzneimittelzulassung und Arzneimittelgesetzen beschäftigt hatte. Da in den Medien sehr häufig von illegalen Methoden der Pharmaindustrie geschrieben wird, wollte ich von ihm, einem Insider, mehr über die internen Praktiken wissen und fragte vorbereitend: »Würde es den Menschen nicht viel besser gehen, wenn alle Medikamente vom Markt verschwänden?«

Er schaute mich einige Sekunden lang nachdenklich an und antwortete dann lächelnd: »Sie wollen die Welt doch nicht ins finstere Mittelalter zurückschicken, in ein Zeitalter, in dem die Bader und Medici ihre Pulver noch nach magischen Ritualen hergestellt und benutzt haben? Die pharmazeutische Industrie hat in den vergangenen 100 Jahren revolutionäre Arzneien entwickelt, neue Pharmazeutika, die vielen Menschen, die früher hoffnungslos erkrankt waren, heute ein gesundes und normales Weiterleben ermöglichen.«

»Das ist sicher zutreffend«, antwortete ich freundlich. »Die großen Verdienste der pharmazeutischen Branche in der Vergangenheit sind unstrittig. In den letzten 25 Jahren hat sich jedoch, wie wir immer häufiger hören, eine Industrie entwickelt, die mit skrupellosen und teils illegalen Methoden nur noch die Gewinnmaximierung ihrer Aktionäre im Auge hat.«

Dr. Cender schaute überrascht auf. Meinem Blick ausweichend, entgegnete er vorsichtig und mit leisem Tonfall:

»Was Sie sagen, ist zutreffend, ich muss Ihnen zu meinem Bedauern zustimmen. Pharmazeutische Unternehmen arbeiten heute absolut gewinnorientiert. Das ist zunächst auch nicht zu beanstanden. Aber wie in fast allen anderen Industriezweigen hat sich auch bei uns die Profitsucht auf Kosten ethischer Wertmaßstäbe verselbstständigt. Es geht um Milliardengewinne. Die 50 größten internationalen Pharmakonzerne haben schon heute einen Jahresumsatz von mehr als 650 Milliarden Dollar, das entspricht etwa dem Bruttosozialprodukt der Schweiz, und der Umsatz nimmt jährlich zu. Multinationale Anteilseigner erwarten immer höhere Dividendeneinnahmen und diese werden auf Kosten der Mitarbeiter, der Produkte und leider auch der Seriosität erwirtschaftet.«

Nach wenigen Augenblicken des Nachsinnens sprach er langsam und sich bedenkend weiter.

»Ich bin seit ein paar Jahren im Ruhestand. Während meiner aktiven beruflichen Tätigkeit habe ich manche, nicht immer einwandfreie strategische Winkelzüge miterlebt. Machenschaften, die moralisch grenzwertig waren, und die vor der Öffentlichkeit verborgen wurden. Wenige Vergehen kamen ans Tageslicht und wurden geahndet, andere sind bis heute nicht publik geworden. Dies führte dazu, dass beinahe alle international agierenden Pharmakonzerne in den letzten Jahren wegen illegaler Tätigkeiten zu Strafen in Milliardenhöhe verurteilt worden sind. Diese Strafzahlungen gehörten schon zu meiner Zeit zum ›Business as usual‹ und wurden in den Marketingplänen als ›andere Form von Betriebskosten‹ einkalkuliert.

Nichtsdestotrotz, summa summarum bewerte ich unsere Sparte immer noch als segensreich und dem Wohle und der Gesundheit der gesamten Menschheit dienlich.«

»Unstreitig«, sagte ich, »ich habe keinen Zweifel an der enormen Bedeutung der pharmazeutischen Industrie im Gesundheitswesen. Aber gerade deshalb müsste sie sich doch von kriminellen Machenschaften distanzieren.«

»Nach ethischen Wertvorstellungen betrachtet, natürlich, ja. Doch es geht in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem, wie Sie wissen, immer nur um Gewinnmaximierung, deshalb folgt die Industrie diesen Wertvorstellungen nicht.«

Nach einigen Minuten des Nachdenkens nahm ich das Gespräch wieder auf.

»Darf ich Sie fragen, was Sie konkret mit Winkelzügen und Machenschaften meinen?«

Dr. Cender betrachtete mich eine Zeit lang mit forschendem Blick und antwortete dann zögerlich und sichtlich unentschlossen.

»Ich verrate ja keine Geheimnisse mehr, wenn wir uns jetzt über diese Angelegenheit unterhalten.

Nun gut, in Distanz zu meiner früheren beruflichen Position und vor allem aufgrund moralischer Zweifel muss ich heute eingestehen, dass in den letzten Jahren global die jeweiligen Gesundheitssysteme der Einzelstaaten, und dadurch leider auch die Patienten, mit Arzneimitteln getäuscht, ja regelrecht betrogen wurden.

Sie wollen sicher Details hören?

Es wurden und es werden auch heute zum Beispiel bestimmten Krankheitssymptomen oder längst bekannten Krankheitsbildern neue Namen zugeordnet und perfiderweise gleich die dazu passenden Arzneien angeboten, oder es werden altgediente Medikamente unter neuem Namen, natürlich um ein Vielfaches verteuert, auf den Markt gebracht. Häufig werden auch Grenzwerte derart manipuliert, dass pro forma von den Ärzten eine medikamentöse Behandlung als erforderlich angeordnet werden muss. Andere, von den Pharmaunternehmen als harmlos eingestufte und fortwährend durchgeführte Geschäftspraktiken, sind gefälschte klinische Studien, die Verheimlichung von Nebenwirkungen, falsche Angaben über Arzneisicherheit, Provisions- und Schmiergeldzahlungen an Ärzte und medizinisches Personal, die alle vielfach eingestanden und in der Öffentlichkeit bekannt sind.«

»Ungeheuerlich«, entgegnete ich. »Der Pharmaindustrie wird doch ebenfalls vorgeworfen, dass absichtlich, durch Zusatzsubstanzen in den Medikamenten, bestimmte Nebenwirkungen erzeugt werden, gegen die der Patient in der Folge weitere Medikamente einnehmen muss«, entgegnete ich.«

»Auch diese, ich gebe es zu, absolut skrupellose Geschäftsstrategie ist seit Jahren gängige Praxis«, erwiderte Dr. Cender, sichtlich bedrückt. »Insider sprechen in diesem Zusammenhang von ›Condition Branding‹, also der absichtlichen Förderung von Krankheiten.

Ich möchte es noch einmal betonen: Im Kapitalismus geht es nicht um Ehrlichkeit und Moral, sondern um Absatzmärkte und Gewinn. Wer als leitender Angestellter Bedenken äußert, wird in kürzester Zeit ausgetauscht. Und glauben Sie mir, es gibt zahlreiche Anwärter auf die lukrativen Posten – Bewerber, die keinerlei moralische Bedenken haben.

Nach einigen Minuten des Schweigens sprach Dr. Cender weiter. Es gibt noch andere äußerst heikle Verfahrensweisen im Umgang mit neuen Medikamenten, ich möchte heute sagen sträfliche Methoden, die vor der Öffentlichkeit streng geheim gehalten werden und, ich glaube es ist auch besser so, geheim bleiben sollen.«

Seine Andeutungen machten mich in höchstem Maße neugierig und ich fragte nach. »Wie meinen Sie das konkret, Herr Dr. Cender, und warum darf die Öffentlichkeit nicht informiert werden?«

»Lassen Sie mir einige Sekunden des Nachdenkens«, nahm er das Gespräch wieder auf. »Die kriminelle Energie der pharmazeutischen Industrie hat menschenverachtende Dimensionen angenommen. Schon seit Jahren sind höchst wirksame Arzneien gegen sogenannte unheilbare Krankheiten wie zum Beispiel Alzheimer, Krebs und AIDS entwickelt worden und könnten den Patienten zur Verfügung gestellt werden. Was wird gemacht? Sie werden absichtlich zurückgehalten, um den Verkauf bestehender Arzneien nicht zu gefährden. Da die vorhandenen altbekannten Arzneien weniger wirksam sind, das heißt, die Patienten nicht oder nicht so schnell geheilt werden, müssen sie über einen längeren Krankheitszeitraum von den Ärzten verschrieben werden. Es ist eine Freveltat an der Menschheit, kaum mehr vorstellbar, aber Realität.

Wenn der Nachweis dieser Vergehen zweifelsfrei erbracht und diese heiklen Informationen publik gemacht werden, können die berechtigte Empörung und die Wut der Bevölkerung zu kaum mehr kontrollierbaren Protesten führen, und es besteht die Gefahr, dass die Pharmaindustrie, ja das gesamte Gesundheitssystem infrage gestellt werden.«

»Und zu Recht«, sage ich, noch unter dem Einfluss der bedrückenden Mitteilungen. »Eine wahrlich furchtbare Vorstellung! Millionen Menschen könnten ein glücklicheres Leben führen, wenn die neuen wirkungsvollen Medikamente tatsächlich zur Nutzung bereitgestellt würden.«

»Sind diese schwerwiegenden Anschuldigungen, Herr Dr. Cender, dokumentiert und von Ihnen nachweisbar?«

»Nein, das ist mir heute nicht mehr möglich!

Die Abteilungen beziehungsweise Entwicklungsteams, die mit der Entwicklung und den klinischen Studien der neuen Präparate zu tun haben, sind größter Verschwiegenheit verpflichtet. Ich selbst hatte diesbezüglich keine unmittelbaren Kontakte. Unter den leitenden Angestellten wurde aber hin und wieder darüber gesprochen.«

Nach einer längeren Gesprächspause nahm ich die Unterhaltung wieder auf. »Was mich noch interessiert, Herr Dr. Cender, wie verhalten sich Wissenschaft und Forschung, die Politik und vor allem die Ärzteschaft in diesem Kontext?«

»Ich möchte Ihnen mit einem Ausspruch von Sir Robert Walpole1 antworten, der ehemals sagte: All those men have their price. Und das gilt auch heute!

Die Pharmaindustrie kontrolliert alle Bereiche, die in irgendeiner Form mit dem Gesundheitswesen zu tun haben. Sie finanziert und kontrolliert die medizinische Forschung, sie steuert und überwacht das Gesundheitswesen, sie bringt durch diverse Maßnahmen Ärzte und medizinisches Personal in Abhängigkeiten, sie subfinanziert die Medien durch permanente und groß angelegte Reklamemaßnahmen und zur Wahrung ihrer Machtstellung stehen Politik und Gesetzgebung unter dem ständigen Einfluss ihrer Lobbyisten. Das Business mit Arzneien ist eines der profitabelsten weltweit und das Fatale ist, viele Millionen Patienten bezahlen die Rechnung mit dem Verlust ihrer Gesundheit oder sogar mit ihrem Leben.«

 

Das Gespräch lag mittlerweile mehrere Stunden zurück. Ich konnte immer noch nicht glauben, was Dr. Cender mir während des Fluges erzählt hatte. Zwar war mir bewusst, dass der Zweck pharmazeutischer Unternehmen nicht primär im Wohl und der Gesundheit der Menschheit, sondern in der Profitmaximierung lag, dass die Branche jedoch kriminelle und menschenverachtende Geschäftspraktiken verfolgte, konnte ich mir in diesem Ausmaß bisher nicht vorstellen. Eine rationale Beurteilung der Informationen war mir noch nicht möglich, dafür waren weitere Fakten und zwingende Beweismaterialien erforderlich. Wenn die Aussagen meines Gesprächspartners wirklich stimmten, war die Pharmaindustrie nicht an Gesundheit und Heilung interessiert, sondern an einem kranken Menschen, der möglichst lebenslang die Position des arzneibedürftigen Patienten einnahm.

Wieder in Deutschland angekommen, begann ich sogleich mit der Recherche. Ich suchte Beweise für die verbrecherischen Machenschaften der Branche. Auf wissenschaftliche oder medizinische Studien konnte ich mich nicht verlassen, da eine Vielzahl sowohl positiver als auch negativer Gutachten zu den gleichen Anschuldigungen vorlag. Dr. Cender sprach von Strafzahlungen der Pharmaindustrie in Milliardenhöhe, also musste es Gerichtsurteile geben, die auf die Verfehlungen hinwiesen.

Im Handelsblatt vom 02.09.2009 wurde berichtet, dass der Pharmakonzern Pfizer in den Vereinigten Staaten 2,3 Milliarden Dollar Strafe wegen unsauberer Marketingpraktiken2 zahlen musste. In der gleichen Ausgabe wurde der amerikanische Pharmakonzern Eli Lilly and Company aufgelistet, der 2009, ebenfalls wegen unerlaubter Vertriebsmethoden, zu Strafzahlungen in Höhe von 1,42 Milliarden Dollar verurteilt wurde.

In einem der bisher größten Betrugsfälle in der Pharmaindustrie bekannte sich der britische Pharmakonzern Glaxo­SmithKline im Jahr 2012 der Zahlung von Schmiergeldern und anderer Vergehen schuldig und einigte sich mit den Behörden auf eine Strafzahlung von 1 Milliarde Dollar zur Beendigung des strafrechtlichen Verfahrens und 2 Milliarden zur Abdeckung zivilrechtlicher Ansprüche.3