Tolle Leute - Manfred Gessat - E-Book

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Manfred Gessat

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Beschreibung

Wolfgang Herrndorfs verbüffende Einsichten über Sprache, Kommunikation und Medien in seinem Bestseller tschick verbergen sich in aberwitzigen Dialogen. Klassische Sagen, Märchen, Abenteuer konterkarieren die Generation PlayStation. Identitäten befinden sich in Auflösung. Missverständnisse beherrschen den Raum. Leben und Sterben entrinnen der Wirklichkeit. Manfred Gessat schließt eine Lücke der akademischen Beiträge zu diesem vielschichtigen Erfolgsroman. Mit seinen Analysen nimmt er das gesamte Werk subtil unter die Lupe, liefert wertvolle Lesehinweise, entwirrt sorgsam verschlungene Pfade, lüftet Mehrdeutigkeiten und erkundet ihre Tiefen.

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Seitenzahl: 89

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Manfred Gessat

tolle leute

Eine literarische Reise durch Wolfgang Herrndorfstschick

Lindemanns

Dr. Manfred Gessat, geboren 1949 in Heidelberg, ist Literaturliebhaber seit früher Jugend. Er lebt und arbeitet in Bretten als Arzt und Psychotherapeut. Buchveröffentlichungen: Fluchtgedanken – Hermann Hesses Maulbronner „Geniereisle“ am 7./8. März 1892, Maulbronn, 2018; Pindars Flug und Klopstocks Größe. Hölderlin in Maulbronn, Bretten, 2021.

„So unterweist der Schmetterling den Adler,

und will, daß er sich doch auch einmal,

wie er getan, einspinnen soll, und dem Fluge und der tändelnden Jugend ein Ende machen.“

W. H. Wackenroder, ca. 1795, zit. nach A.u.S., S. 39 1

Einführung

Zwei Jugendliche starten in das Leben. Ihr Autor ist dabei, es zu verlassen. Das ist die Ausgangslage von Wolfgang Herrndorfs 2010 erschienenem Roman tschick.

Tschick wurde und wird in erster Linie als Jugendroman wahrgenommen und gelesen. Die Schullektüre förderte seine Verbreitung. Mittelstufenschüler finden sich in ihm rasch wieder. Was die Erwachsenenlektüre angeht, ist die Sache komplizierter. Zwischen ungezählten älteren Genießern, die tschick amüsiert wie 14-Jährige lesen, und anspruchsvollen Zirkeln, die den Roman nach Avantgarde-Kriterien durchleuchten, klafft eine gewaltige Verstehenslücke.

Tschick ist feinst gesponnene Romankunst, kein Sachbuch, nicht einmal ein vertrauenswürdiger Lieferant von Sachverhalten. Der Roman verbindet Reales mit Nicht-Realem 2. Seine Welt setzt sich aus Sprache, Kommunikation und Medien zusammen. Seine Texte transportieren enorme Mengen an Begleitstoff: Sagen, Märchen, Abenteuer; Bücher, Filme, Games.

Moderne Romane wollen entschlüsselt werden. Spontan sind sie selten zu verstehen. Ihre Worte sind vieldeutig, ihre Texte spielen mit der Maskerade. Sie „wispern“ und gieren nach Enthüllung. Ein Liebesspiel! Sich darauf einzulassen, ist eine tief berührende und spannende Erfahrung.

Sofern man sie nicht hoch ambitioniert verfehlt! Kategorial ist tschick nicht beizukommen. Der Roman erschöpft sich nicht in Elementen eines Road-Novel-, Dystopien-, Crossover-, All-age-, Adoleszenz-, Coming-out-of-Age-, Entwicklungs-, Generationen-, Bildungs-, Identifikations-, Medien-, Provinz- oder Schelmen-Romans. Ein Roman ist ein Roman und möchte zunächst einmal ohne Bindestrich gelesen und verstanden werden. Er lebt aus der Differenz zu den Schablonen.

Der vorliegende Band plädiert für aufmerksames Lesen. Er wünscht sich oder rechnet mit Lesern, die tschick in Greifnähe liegen haben, hier und da im Originaltext nachblättern, prüfen, mitdiskutieren.

Meine eigenen Gedanken zu tschick halte ich nach Kräften in der Schwebe. Sie möchten interpretatorisch anregen, nichts definitiv behaupten. Literatur soll Literatur bleiben. Die unregelmäßig eingestreuten Zitate aus Wolfgang Herrndorfs Krankheitstagebuch „Arbeit und Struktur“ 3 liegen oft quer zum Originaltext tschick und meinen essayistischen Betrachtungen, gelegentlich gehen sie auch parallel. Ich lasse die vielschichtigen Beziehungen im Detail unaufgelöst.

Manfred Gessat, Juni 2023

Anmerkungen

1 Bei allen frei stehenden Zitaten vertritt die Abkürzung „A&S“ den Langtext: Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, Rowohlt, 2013

2 Die „Verbindung von real Vorhandenem und real Nichtvorhandenem“ macht den Menschen aus – und die Kunst. – Ali Smith: Wem erzähle ich das?, München, 2017, S. 37

3 Marcus Gärtner und Kathrin Passig äußern sich in ihrem Nachwort treffend über die Zwitterstellung des Tagebuchs: „Man kann es, wenn man mag, Literatur nennen“, Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, Rowohlt, 2013, S. 440

Ein Dialog

„Ich hab’ einen Großvater in der Walachei.“

„Und wo wohnt der?“

„Wie, wo wohnt der? In der Walachei.“

„Hier in der Nähe oder was?“

„Was?“

„Irgendwo da draußen?“

„Nicht irgendwo da draußen, Mann. In der Walachei.“

„Das ist doch dasselbe.“

„Was ist dasselbe?“

„Irgendwo da draußen und Walachei, das ist dasselbe.“

„Versteh ich nicht.“[97]1

Mit diesem Dialog beginnt die bekannteste Reise unseres noch jungen Jahrtausends. Tschick wurde ein Riesenerfolg. Parallel zur Übersetzung in annähernd vierzig Sprachen verbreiteten sich rasch eine Theaterfassung 2 und der Film 3. Die Vertonung 4 fand weniger Beachtung. Doch egal in welchem Medium und welchem Alter, die Walachei stellt jeden, der ihr zum ersten Mal begegnet, vor Rätsel. Walachei meint im Roman vieles, Jugend zum Beispiel oder einen Aufbruch in das Ungewisse. Weiteres erschließt sich erst allmählich. Womöglich ist alles Walachei, was uns in tschick entgegentritt.5 Sie besteht aus Fragen über Fragen und kennt nur eine klare Antwort: „Versteh ich nicht.“

Wortspielereien?

Walachei ist nur ein Wort! Wie Dingenskirchen. Oder Jottwehdeh.[97]

Maik irrt. Es gibt sie wirklich! Die Walachei ist mehr als die wolkige Umschreibung einer Fehlanzeige. Dennoch: was ist schon wirklich und was sind bloße Worte? Jüdische Zigeuner, englische Franzosen, Berber[98 f.]? Tschick und Maik ereifern sich, überflügeln sich mit rhetorischen Beweisen, kombiniert mit großartige(n) Gesten[99]. Anderswo hätte der Stoff für ein anspruchsvolles Seminar gereicht. Aber es ist Ferienbeginn, der Nominalismusstreit dient hier lediglich der mentalen Lockerung.

Ich hatte mich wirklich noch nie so gut unterhalten. [99]

„Mehr Gegend als Landschaft“

Nochmals: Die Walachei existiert wirklich, so wirklich wie die Pampa [97]. Die eine liegt in Argentinien, jedenfalls zum größten Teil; die andere im heutigen Rumänien inmitten einer „Ansammlung verheißungsvoller Namen“ 6: der Donau, den Südkarpaten und dem Schwarzen Meer, südlich von Siebenbürgen/Transsylvanien, östlich des Banats und der Batschka.

Arm war sie immer. Sehr arm, teils Steppe, teils Morast. „Mehr Gegend als Landschaft“, befand Herta Müller 7. In den Jahrhunderten der Osmanen- bzw. Türkenkriege (1423 – 1878) wurde sie zur Pufferzone zwischen Habsburg und Konstantinopel (Istanbul), Europa und Asien, Christentum und Islam. Grausamkeiten aller Art geschahen oder wurden vorstellbar, Vampire eingeschlossen. Die Walachei eroberte sich den zweifelhaften Ruf einer „barbarisch-primitiven und gefährlichen Landschaft par excellence“ 8.

Orchideen

Tschick lockt Maik mit fast paradiesischen Erwartungen.

Du wirst sehen. Mein Großvater und meine Großtante und zwei Cousins und vier Cousinen und die Cousinen schön wie Orchideen – du wirst ja sehen.[99]

Das ist zwar weder Klingsors Zaubergarten 9, noch sind es die üppigen Versprechen des Korans 10, aber im christlich-islamischen Grenzgebiet ist die Begegnung mit dem Paradies stets eine realistische Option. Allein, Tschicks Worte lösen sich in Nebel auf, sobald Maik wieder alleine ist. Heulende(s) Elend meldet sich zurück; seine Verliebtheit, der Ursprung der Geschichte.

Das hatte mit Tschick aber nichts zu tun. Das hatte was mit Tatjana zu tun. Damit, dass ich überhaupt nicht wusste, was sie jetzt über mich dachte, und dass ich es vielleicht auch nie erfahren würde, und in diesem Moment hätte ich wirklich einiges dafür gegeben, in der Walachei zu sein oder sonst wo auf der Welt, nur nicht in Berlin. [100]

Auf Tatjanas Geburtstagsparty tanzt der Bär, doch Maik ist dort nicht eingeladen. In der Walachei heulen womöglich Wölfe, aber dazwischen duften Orchideen. Fantasien füllen die vorgestellte Öde. Die Walachei, die eben nur ein Wort war, lockt jetzt als konkretes Fluchtziel und zugleich als ein fiktiver unbestimmter Ort, switcht zwischen Nichts und Sehnsucht. Erwachsenen ist das kaum zu vermitteln. Gut eine Woche später ist Maik das Ganze wieder peinlich: „ ... was wolltet ihr denn da eigentlich?“ ... „Es ist albern.“ – „Was ist schon albern?“ ... ich spüre, dass ich rot werde.[20]

Anmerkungen

1 Die Zahlen in eckigen Klammern [ ] verweisen auf die zitierten Textstellen in Wolfgang Herrndorf: tschick, Roman, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2016

2 Die Bühnenfassung wurde von Robert Koal erstellt, Uraufführung am 19.11.2011 im Staatsschauspiel Dresden

3 Der deutsche Kinostart des Films fand am 15.9.2016 statt. Regie Fatih Akin.

4 Die Uraufführung tschicks als Road Opera war am 18.3.2017 in Hagen. Textbearbeitung Tina Hartmann, Vertonung Ludger Vollmer

5 Moritz Baßler verweist überdies auf den Assoziationsraum „innerer Osten“. Ders.: Populärer Realismus, Vom International Style gegenwärtigen Erzählens, München, 2022, S. 195.

6 So Ana-Maria Schlupp: Das große Nichts, Süddeutsche Zeitung vom 27.9.2016 sowie: Locus Terribilis, Nichtort, Sehnsuchtsort. Landschaftliche Zuschreibungen an die Walachei, Dissertation, veröffentlicht unter dem Titel: Walachei – Zur Herausbildung eines literarischen Topos, transcript-Verlag, Bielefeld, 2019.

7 Herta Müller: Herztier, Hanser Verlag, 2007, S. 9

8 Ana-Maria Schlupp: a.a.O

9 Klingsor ist ein weiterer Grenzgänger. Eine ursprünglich mittelalterliche Zaubergestalt, die ihre Verführungskraft nicht zuletzt durch ihre vielfältige literarische Verwendung über die Jahrhunderte hinweg offenbart. Die Autoren, die sie zu eigenen Nach-Schöpfungen anregte, reichen von Wolfram von Eschenbach über Novalis und Richard Wagner bis hin zu Hermann Hesse und Otfried Preußler.

10 zum sinnlichen Paradies des Islam informativ: https://wikiislam.net/wiki/72_Jungfrauen

Der Start

Jeder Neuanfang ist paradox. Niemand weiß das besser als Romanautoren. Es gilt, Leserinnen oder Leser so bedingungslos für sich zu gewinnen, als wäre das ein Kinderspiel oder unmöglich. Herrndorf präsentiert wie so oft irgendwas dazwischen[47].

Jeder Anfang ist zugleich eine Wiederholung, bewegt sich im Echoraum vorbekannter Anfänge, schreibt Schöpfungsgeschichte zum xten Male um 1. Herrndorf kennt das Metier und bedient sich.

Chaos und Ordnung

Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Die Kaffeemaschine steht drüben auf dem Tisch, und das Blut ist in meinen Schuhen. ...[7]

Blut und Boden sind, literarisch gesehen, keine Option mehr. Kaffee und Kuchen auch nicht. Postmodern geht zusammen, was nicht zusammen gehört. Also Blut und Kaffee, das Trauma mit der Duftnote. Damit lassen sich weitere Erwartungen wecken. Etwas Grässliches musste geschehen sein, damit sich beide in der Nase treffen. Der olfaktorischen Verstörung antwortet beruhigend der Gesichtssinn. Maiks Augen finden das Geruchschaos in säuberlicher Trennung. Die Kaffeemaschine steht auf dem Tisch, das Blut in den Schuhen. Na also. Chaos in bester Ordnung.

Das biblische Wort

„Durch Worte kann der Mensch den anderen selig machen oder zur Verzweiflung treiben.“

S. Freud, zit. nach A.u.S., S. 97

Der Erzähler beginnt biblisch knapp. Das Hintergrundrauschen des Blut-und-Kaffee-Satzes ist kaum zu überhören: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster in der Tiefe.“ 2 Die einfachen Satzreihen, Parataxen, lassen keinen Zweifel an der Wahrheit des Geschehens. Autoren wie Franz Kafka liebten sie. Doch weiter im Text: Um was geht es?

Als der Ältere „vierzehn“ gesagt hat, hab ich mir in die Hose gepisst.[7] Ein Wort kann Entscheidendes verändern. Wer seine magische Kraft nicht aus der Bibel kennt, erfährt sie spätestens beim Onkologen. Maik vernimmt sie aus dem Mund des Polizisten. Der 14. Geburtstag generiert nach deutschem Recht Strafmündigkeit. Die Gnadenfrist ist um! Tschick lag um ein ganzes Jahr daneben [83]. Maik hatte ihm naiv vertraut. Infolge dessen trifft nun Polizei auf Pisse und Schuld auf Scham. Das vertraute Muster der Genesis. Adam und Eva erging es nicht anders, allerdings mit weiterreichenden Konsequenzen. Der Verlust der Unschuld bescherte ihnen geradewegs das Los der Sterblichkeit. Davon ist hier keine Rede. Aber auf der Folie des Urtextes gelesen, spannt das Schicksalswort vierzehn gleichwohl einen „unterirdischen“ Bogen zwischen den Unwägbarkeiten jugendlicher Delinquenz und dem feststehenden Ende des ganzen Events. Doch über solche Verwicklungen erfahren die Leser erst nach und nach Entscheidendes.

Die homerische Rückblende