Tom Horn. Regierungsscout unter Apachen. Eine Ehrenrettung - Tom Horn - E-Book

Tom Horn. Regierungsscout unter Apachen. Eine Ehrenrettung E-Book

Tom Horn

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Beschreibung

Tom Horn (1860-1903) ist eine bis heute umstrittene Legende des Wilden Westens. Den berüchtigten Ermittler warben Rinderbarone an, um Viehdiebstähle zu unterbinden und aufzuklären. Wegen des angeblichen Mordes an dem 14-jährigen Willie Nickell wurde er zum Tode durch den Strang verurteilt. Vor seiner Hinrichtung schrieb er seine Lebensgeschichte nieder, in der er vor allem schildert, wie er während des Indianerkrieges als Regierungsscout in Arizona und Mexiko Jagd auf Geronimo, den legendären Häuptling der aufständischen Chiricahua-Apachen, machte. Der umfangreiche Anhang enthält Briefe und Stellungnahmen von Tom Horn und seinen Freunden, die John C. Coble zusammen mit der Autobiografie nach Horns Tod veröffentlichte, um dessen Unschuld zu beweisen.

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Seitenzahl: 437

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Einleitung

Vorwort

Kapitel 1

Horns Kindheit – Sein Hund „Shed“ – Bennie, der Musterknabe – Horn verlässt sein Zuhause, um in den Westen zu gehen

Kapitel 2

Horn wird Postkutschenfahrer, Viehwächter, Boss der Quartiermeister–Herde, Regierungsübersetzer – Sieber tötet Chugadeslona – Sieber und Horn besuchen Pedro, den Häuptling freundlicher Apachen

Kapitel 3

Mickey Free, Scout und Führer – Horn beginnt unter den Apachen zu leben – „Der sprechende Junge“, ein richtiger Indianer – Ein Wickiup und eine Haushälterin

Kapitel 4

Major Chaffee und die erste militärisch geführte Indianeragentur – Pedros „Medizin“ für schlechte Indianer – Horn wird arbeitslos und geht Gold suchen – Tombstone und warum es so heißt – Indianer-Unruhen – Mal wieder Dolmetscher – Die erste Begegnung mit Geronimo

Kapitel 5

Ankunft im feindlichen Lager – Die Große Versammlung – Geronimo auf der Höhe seiner Macht – Der mächtigste Häuptling, der beste Redner und der größte Lügner – Horn übersetzt bei der großen Verhandlung – „Nicht panisch, aber etwas unsicher“ – Die Klagen der Apachen – Siebers Antwort auf Geronimos Forderungen

Kapitel 6

Abschied von Geronimo – „Es wird mir ein Vergnügen sein, dir in der Schlacht, aber auch bei Verhandlungen zu begegnen!“ – Schwierigkeiten bei der Rückführung der Indianer – Umgehung der Zollgebühren – Horn wieder arbeitslos – Arbeit bei einem Fleischlieferanten – Es rumort bei den Indianern – „Etwas ist faul im Staate Dänemark“

Kapitel 7

Ausbruch der Indianer – Der Tod Stirlings – Horn überbringt die Nachricht des Indianerausbruchs nach Camp Thomas – Verfolgung der Aufständischen – Sechs Männer in einer Minute tot – Horns Apache-Kenntnisse retten das Kommando

Kapitel 8

Wir brauchen unbedingt mehr Soldaten, Sieber lässt seinem Frust freien Lauf – Offensichtliches Missmanagement bei den Indianerangelegenheiten – Die Pflicht eines Scouts – Major Tupper möchte den Indianern „den Hintern versohlen“ – Soldaten und 25 Scouts gegen 300 unerschrockene Chiricahuas – Über die Grenze nach Mexiko – Sieber findet das feindliche Lager

Kapitel 9

Überfall bei Tagesanbruch – Das Gefecht beginnt – Horn rettet Sergeant Murray unter schwerem Beschuss – Verluste und Beute – Colonel Forsythe und die Verstärkung – Die Indianer treffen auf ein mexikanisches Regiment, Resultat: 167 tot, 52 gefangen – Forsythe vs. Garcia – Horn übersetzt – Amerikanische Soldaten auf mexikanischem Territorium – Unter Arrest – Der überraschende Widerstand von Forsythe – Siebers kritischer Rundumschlag gegenüber dem Department-Kommandeur

Kapitel 10

Sieber, Horn und Mickey Free besuchen die White Mountain-Indianer – Old Pedros Rat und Prophezeiung – Drei Scouts melden sich für weitere Befehle in Camp Apache – „Das ist eine Falle. Männer werden diesen Posten verlassen und niemals wieder lebend zurückkehren. Aber wir müssen dieses miese Spiel vorerst mitspielen.“ – Eine gefährliche Reise – Verraten von Dead Shot und Dandy Jim – Hinterhalt im Cibecue Canyon – Der Tod des kommandierenden Offiziers und 11 Verwundete; die Indianer-Scouts desertieren – Horn rettet die Soldaten

Kapitel 11

Das Fort wird beschossen, „Das bedeutet Krieg!“ – Horn wird zu den White Mountain-Indianern geschickt und kehrt mit 60 handverlesenen Kriegern zurück – „Tom Horn und seine Kriegsmeute“ auf der Spur nach den Aufständischen – Indianische Grausamkeiten – Chaffee, Sieber und Kehoe schließen sich der Jagd an, „Müde, aber voller Kampfeslust“ – Der Chevlon Canyon – Sperrung des einzigen Ausgangs – Eine tödliche Falle – Heftiger Sturm beendet den Kampf – „Major Chaffee ist zu nass und verfroren, um zu fluchen“– Eine Bärengeschichte

Kapitel 12

Horn „fängt“ die vier bösartigen Indianer, nach denen man in Camp Apache fahndet – Horn soll eine Tapferkeitsmedaille bekommen – „Ich habe nichts Besonderes getan!“ – Auf die Medaille wartet er bis heute – Sieber und Horn vor dem Untersuchungsausschuss – Bestrafung von Pferdedieben – Der Kommandeur und der Inspektor des Departments tauchen plötzlich auf – Streit und Versöhnung – Ein cleverer Trick der Indianer

Kapitel 13

Zum Rapport in Camp Apache, Camp Verde und Fort Whipple – Sieber und sein „Schützling“ erfreuen sich an einer schönen Reise – General George A. Crook löst General Wilcox als Department-Kommandeur ab – Weitere Plünderungen – Sieber und Horn fallen als „bewaffnete Kampfeinheit“ in Mexiko ein – Eine unnötige Untersuchung, die sich lange hinzieht – Eine „Rüge“ durch die Regierung – General Crook trifft ein – Der große Rat der Indianer – Das amerikanisch-mexikanische Abkommen – Sieber und Horn besuchen erneut Tombstone – Ein zu herzlicher Empfang

Kapitel 14

Die Indianerunruhen beginnen ernst zu werden – „Peaches“ und Horn als „Wortüberbringer“ – Geronimo möchte „Friedensverhandlungen“ – General Crook trifft Geronimo – Schmuggler gegen Zollbeamte – „Nicht ehrlich, aber anständig“ – Geronimos Geiseln und sein Lager – Horn muss übersetzen – Eine indianische Ehrung für Horns Mentor Sieber, „Der alte weiße Mann des Zorns, ein Mann des Krieges und der Wahrheit“

Kapitel 15

Zusammenfassung von General Crooks Rede bei den Verhandlungen mit Geronimo – „Entweder Krieg oder Frieden!“ – General Crook macht schweren Eindruck – Was wird Geronimo tun? – Sieber und Horn werden als Berater in den Stammesrat gerufen, die beiden einzigen weißen Männer, denen das erlaubt ist – „Nimm dein Messer, Tom! Stehe, während du sprichst, und denke nicht weiter daran, dass du in einer Minute tot sein könntest! Konzentriere dich nur auf die Übersetzung!“ – Der Kriegshäuptling spricht – Die Etikette bei einem Stammesrat – Das eloquente Schweigen des roten Mannes – Siebers Rat: Worte voller Weisheit und Wahrheit“

Kapitel 16

Geronimo antwortet General Crook – Der Häuptling überlistet den General und macht die Regierung zum Helfershelfer für Räubereien – Horn wird Chefscout und Nachfolger von Sieber – Tribut an Sieber – Horn ernennt 25 Apachen zu Scouts und Mickey Free zu seinem First Sergeant – Die „Uniform“ und „Ausrüstung“ eines Apachen-Scouts – Ein Weihnachtsessen in Camp Apache – Gatewoods Schwierigkeiten mit Geronimos Indianern – Horn befiehlt, die Indianer bei Sonnenauf- und -untergang zu zählen, und stößt in Camp Thomas zu seinen Scouts

Kapitel 17

Den Plünderern auf den Fersen – Rauchsignale der Apachen – Indianerhumor – Horn sammelt seine versprengten Scouts um sich und wird durch zwanzig Soldaten unter Lieutenant Wilder und einem Dutzend Cowboys verstärkt – Ein Hinterhalt für die Plünderer – „Ihr müsst mir gehorchen, ich werde jedem Mann, der nicht das tut, was ich sage, die Kehle durchschneiden!“ – Das Fünf-Minuten-Gefecht – Kein Feind mehr am Leben, der die Geschichte erzählen könnte!

Kapitel 18

Lob und Anweisungen von Bourke und Sieber – Verzaubernde Worte – Besuch auf den großen Ranches – Zurück in Camp Apache – Die Chiricahuas werden unruhig – An der Schwelle eines weiteren Ausbruchs – Weitere plündernde Apachen werden abgefangen – Ein überraschter, aufgescheuchter Hühnerhaufen – Eine große, fettleibige Squaw in der Falle – Brandy als Zungenlöser – Geronimo und sein Stamm brechen erneut aus – Das Rendezvous der Indianer in Mexiko – Vereitelungspläne

Kapitel 19

Keine Täuschungen mehr – Die Zähmung Geronimos: eine hoffnungslose Aufgabe – General Crook trifft ein – Kriegsvorbereitungen – Ein kleines Gefecht – Gefahr und irischer Scharfsinn – Sergeant Nolan und die indianischen „Ladys“ – Feldzugspläne – Die Chiricahuas sinnen auf Rache, Überfall auf das Lager von Häuptling Nad-is-ki – Hal-zay wird enthauptet – Horn und zehn Scouts nehmen die Verfolgung auf – Was eine kalte Fährte verrät: Spuren von Indianern und Rindern – Der Geruch von geröstetem Meskal, Lagerfeuerrauch zehn Meilen voraus – Das Hauptlager der Apachen ist gefunden! – Horn ruft Captain Crawford und die Soldaten herbei

Kapitel 20

Die Soldaten werden unter dem Befehl von Crawford, Maus, Shipp und Horn in vier Gruppen aufgeteilt – Angriff auf Geronimos Lager – Eine verheerende Niederlage – Ein Bluff à la Sieber – Horn nimmt Nana gefangen – Die „Wut“ des alten Häuptlings – Geronimo schickt einen Boten für Verhandlungen – Trauernde Chiricahua-Squaws – Eine längst überfällige Verschnaufpause

Kapitel 21

Mexikanische Einheiten unter Corredor greifen entgegen allen Vereinbarungen an – „Mein Gott, Horn, kannst du sie nicht aufhalten? Deine Scouts werden doch mühelos mit denen fertig!“ – Der Tod von Captain Emmet Crawford – Lieutenant Maus übernimmt das Kommando – 36 gefallen, 13 verwundet – Horn auf Friedensmission – „Sollte mir etwas zustoßen, werden meine Apachen jeden von euch umbringen!“ – Eine mexikanische List – Die Friedensbedingungen – Chihuahua will verhandeln – Unzufriedenheit in Geronimos Stamm – Beerdigung von Crawford – Horns Ansehen steigt – Lieutenant Maus lobt seinen Chefscout

Kapitel 22

Maus und Horn erstatten General Crook in Bowie Bericht – Chihuahua unterwirft sich – Geronimo kehrt auf den Kriegspfad zurück – Miles löst Crook als Department-Kommandeur ab – Horns Degradierung vom Chefscout zum Dolmetscher – Er kündigt und geht Gold schürfen – Ein Brief von Miles ruft Horn zurück – Eine aufregende Indianerjagd – Horn bringt Geronimo und Nachrichten für Miles – Miles will nicht mit einem Zivilisten verhandeln, Geronimo nicht mit einem rangniedrigen Offizier – Horn verlässt das Lager – Nachricht von Miles an Horn: „Entscheiden Sie, wann ich mich mit Geronimo treffe!“ – Horn überredet Geronimo zu einem zweiten Gespräch – Geronimo gibt auf – Wasses Bravourstück – Die Scouts werden entlassen – Horn geht wieder Gold schürfen

Kapitel 23

Krieg zwischen Cowboys und Viehdieben – Horn als Vermittler und Hilfssheriff von Yavapai County – Die Meuterei von Apache Kid – Ein Stich mitten in Togas Herz – Sieber, einer gegen elf – Apache Kid gibt auf – Er tötet die Wachen und flieht – Lasso-Wettkämpfe unter Cowboys – Horn bricht den Rekord – Horn geht nach Denver und arbeitet für die Pinkerton-Detektei – Ein Zugüberfall – Horn fängt „Peg Leg“ Watson – Horn und Stewart jagen Joe McCoy – Horn verlässt Pinkerton und arbeitet in Wyoming für die Swan-Gesellschaft für Land & Rinder – Die Klatschpresse schreibt Horns Lebensgeschichte weiter

Bildteil

Ergänzende Beiträge

Briefe

Nr. 1 – Ownbey an Horn

Nr. 2 – Horn an Coble

Nr. 3 – Horn an Irwin

Nr. 4 – Horn an Ohnhaus

Nr. 5 – Horn an Coble

Nr. 6 – Horn an Coble

Nr. 7 – Horn an Coble

Nr. 8 – Horn an Coble

Nr. 9 – Horn an Coble

Nr. 10 – Charles Horn an Coble

Stellungnahme von Miss Kimmel

„Der Zug des Lebens in den Himmel“

Stellungnahme von Al Sieber

Schlusswort

Einleitung

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts existierten im amerikanischen Wilden Westen zahlreiche Persönlichkeiten, die zu Lebzeiten, aber vor allem posthum zu Legenden der amerikanischen Pioniergeschichte wurden oder die man zu diesen verklärte. Eine dieser berühmtberüchtigten Gestalten war Tom Horn (1860–1903), ein gefürchteter Privatermittler, der seine Dienste verschiedenen Rinderbaronen anbot, um in Wyoming Viehdiebstähle zu unterbinden und aufzuklären. 1903 wurde er wegen des angeblichen Mordes an Willie Nickell, einem vierzehnjährigen Jungen, zum Tode verurteilt.

In den Monaten vor seiner Hinrichtung durch den Strang schrieb er im Gefängnis seine Lebensgeschichte nieder, in der er Einblicke in sein Leben von der Kindheit bis zur Ankunft in Wyoming preisgibt. Er schildert seine Zeit als Scout im Indianerreservat von Arizona, als Hilfssheriff von Yavapai County und als Detektiv der Pinkerton-Detektei, für die er Post- und Bankräuber suchte und dingfest machte. Er berichtet nichts darüber, dass er an der erfolglosen Verfolgung von Butch Cassidys berüchtigter Wild Bunch-Gang beteiligt war. Auch über seine Zeit in Wyoming und die Umstände, die zu seiner Verurteilung führten, schweigt er sich aus, da das nach eigener Aussage „die Reporter der Regenbogenpresse besser aufzeichnen“ könnten als er. Vielleicht ahnte er, dass es unmöglich war, gegen das in der Presse von ihm düster gezeichnete Bild anzuschreiben. Allerdings stellt er sich während der Zeit, in der er als Chefscout auf der Suche nach dem aus dem Reservat geflüchteten Geronimo war, selbst als Beschützer von Frauen und Kindern dar, so dass er sich vielleicht insgeheim erhoffte, den Leser von seiner Unschuld zu überzeugen, indem er ihm klarmachte, dass er bei aller Brutalität, die er erlebte und selbst ausübte, niemals in der Lage wäre, ein Kind kaltblütig zu ermorden. In der Tat scheint er sehr kinderlieb gewesen zu sein, was dazu führte, dass so mancher, der ihn im Umgang mit Kindern erlebte, sich allein deswegen nicht vorstellen konnte, dass er den Mord an Willie Nickell verübt hatte.

Es ist merkwürdig, dass Horn in seinen Aufzeichnungen nichts über seine Verwicklung in den Mord an Willie Nickell und kaum etwas über seine Beteiligung an verschiedenen Weidekriegen ausplaudert, die aus Konflikten zwischen Rinderbaronen und kleineren Rinderzüchtern sowie zwischen Rinder- und Schafzüchtern entbrannten. Die Bevölkerung in Colorado und Wyoming versprach sich von der Veröffentlichung der Autobiografie insbesondere, dass dadurch brisante Geheimnisse an die Öffentlichkeit gelangen würden, und war sichtlich enttäuscht, dass sich ihre Erwartungen nicht erfüllten, was sich nach zunächst guten Verkaufszahlen schließlich auch durch einen zähen Absatz des Buches bemerkbar machte. Gewissen Kreisen dürfte jedoch auch ein Stein vom Herzen gefallen sein, dass sich Horn über seine Aktivitäten in den Weidekriegen weitgehend ausschwieg.

Einer der Rinderbarone, für die Horn arbeitete, war John C. Coble, aus deren Geschäftsbeziehung eine tiefe Freundschaft erwuchs und der posthum für die Veröffentlichung von dessen Autobiografie sorgte.

Coble versah Horns Darstellung mit einem üppigen Anhang aus Briefen von Horn sowie einigen Stellungnahmen seiner Freunde. Er bietet ausreichende, wenngleich einseitige Informationen über die Umstände, die zu seiner Verurteilung führten.

Die dortigen Aussagen dienen dem Zweck, den Leser von der Unschuld Horns zu überzeugen, die für Coble außer Frage stand. Diese Motivation erklärt auch den vom Herausgeber gewählten Untertitel Eine Ehrenrettung. In der Tat ist es bis heute umstritten, ob Tom Horn diesen Mord wirklich begangen hat. Manche sind von seiner Schuld überzeugt, andere halten ihn für unschuldig und wieder andere glauben, dass er Willie Nickell erschoss, es sich aber um ein Versehen handelte, da der Junge die Kleidung seines Vaters, eines Schafzüchters, trug, auf den Horn es eigentlich abgesehen hatte, als er aus großer Entfernung die tödliche Kugel abfeuerte. Tom Horn selbst hat bis zu seinem Tod stets bestritten, diesen Mord begangen zu haben. 1993 wurde das Gerichtsverfahren unter ähnlichen, d. h. historisch simulierten Bedingungen nachgestellt. In diesem Prozess wurde er freigesprochen, was immerhin belegt, dass man ihm den Mord nicht eindeutig nachweisen kann und die Schuldfrage ungeklärt bleibt. Es ist durchaus denkbar, dass Willie Nickell der langjährigen Fehde zwischen den beiden benachbarten Rancherfamilien Nickell und Miller zum Opfer fiel.

Den größten Teil von Horns Autobiografie umfasst dessen Zeit als Scout im Apachenreservat von Arizona. Er schildert seine Mitwirkung an Feldzügen gegen ausgebrochene Chiricahuas und wie er entscheidend dazu beitrug, dass der berühmte Häuptling Geronimo wieder freiwillig ins Reservat zurückkehrte. Der Wahrheitsgehalt seiner Aufzeichnungen ist gerade diesbezüglich höchst umstritten. Manche zweifelten und zweifeln seine Glaubwürdigkeit in höchstem Maße an. Der Grund hierfür ist neben einigen faktischen Fehlern in seinen Übertreibungen zu suchen. Besonders einige Militärveteranen, die an jenen Kämpfen mitwirkten, nahmen großen Anstoß daran, dass Horn sich selbst einen ihrer Meinung nach ihm nicht zustehenden Verdienst an der Gefangennahme Geronimos zuschrieb. Vor allem Charles B. Gatewood Jr. kämpfte, allerdings weitgehend erfolglos, darum, Horns Darstellung öffentlich zu revidieren, ihn zu diskreditieren und seinem Vater Lieutenant Charles B. Gatewood öffentlich den Ruhm für dessen Beteiligung an der Aufspürung und Gefangennahme Geronimos zukommen zu lassen, der ihm aus seiner Sicht gebührte. Es ist wohl wahr, dass Horn seine Taten und sein Wirken übertrieb. Er war gewiss ein notorischer Angeber, was aber auch zu seinem Handwerkszeug als Detektiv für Viehdiebstähle gehörte, um mögliche gewaltsame Konflikte gar nicht erst aufkommen zu lassen. Denn oft ritt er bei mutmaßlichen Rinderdieben vorbei, prahlte vor ihnen mit seinen angeblichen Taten und unterband allein durch seine bloße Anwesenheit weitere Rinderdiebstähle in der Gegend.1

Nach einigen Kritikern soll er bewusst so manche Unwahrheit in seiner Autobiografie verbreitet haben. So ist es umstritten, ob er wirklich bei den Apachen lebte, um ihre Sprache zu erlernen. Gleichwohl beherrschte er ausreichend gut Apache, um sich mit ihnen zu verständigen. Auch die Episode mit Hentig am Cibecue ist nach Meinung einiger Kritiker erfunden, da er und Sieber angeblich an diesem Gefecht nicht beteiligt waren. Einige gehen sogar so weit zu behaupten, dass er gar nicht die Position eines Chefscouts bekleidet habe. Hier schießen die Kritiker jedoch weit über das Ziel hinaus, da die Aussagen von Lieutenant Maus und General Miles daran keinen Zweifel lassen. Horn übernahm diese Aufgabe von Sieber. Allerdings wirkte er wohl grundsätzlich nicht so lange als Scout, wie er in seiner Autobiografie suggeriert. Die meiste Zeit von 1882 bis 1886 war er im Nachschub als Packer tätig, eine Aufgabe, in der er brillierte und die essentiell für die Kavallerie war, um die rebellischen Chiricahua überhaupt verfolgen zu können. Diese Tätigkeit verschweigt Horn in seiner Autobiografie gänzlich, vermutlich weil sie nicht so glorreich schien wie die eines Scouts, und das könnte auch der Grund sein, warum er sein Wirken als Packer auf Kuba während des Spanisch-Amerikanischen Kriegs nicht erwähnt, wo er viele seiner damaligen Militärfreunde wiedertraf und aufgrund seiner Verdienste bei der Verfolgung Geronimos schnell zum Chefpacker aufstieg.

Horn kannte zweifellos Geronimo, aber ob er ihn so gut kannte, dass er ihm vertraute und nur ihn als Dolmetscher akzeptierte, bleibt fraglich. Horn war niemals ein offiziell vereidigter Dolmetscher, ein Fakt, den seine Kritiker stets anführen, um seine Aussagen diesbezüglich zu diskreditieren, den Horn in seiner Autobiografie jedoch überhaupt nicht leugnet und auch nicht verschweigt.

Verfolgt man den in den 1920er und 1930er Jahren hochkochenden Streit über die Glaubwürdigkeit der Aussagen Horns in Bezug auf dessen Rolle bei der Gefangennahme Geronimos, bekommt man den Eindruck, dass es sich bei aller historischen Wahrheitsfindung auch um einen Streit um verletzte Eitelkeiten handelte. Verschiedene Militärs wollten von dem Ruhm profitieren, bei der Gefangennahme Geronimos entscheidend mitgewirkt zu haben, und ärgerten sich, dass Horn posthum im Zuge der in den zwanziger Jahren einsetzenden literarischen Glorifizierung berühmter Wild West-Gestalten zu einer Legende verklärt wurde, indem man seine Aussagen unhinterfragt übernahm und für bare Münze hielt. Die Militärveteranen störten sich daran, dass ein Zivilist behauptete, Offizieren Befehle erteilt zu haben, was offiziell in der Tat nicht zutraf. Allerdings ist es sehr wohl vorstellbar, dass Horn, wie er selbst in seiner Autobiografie andeutet, aufgrund seiner Kenntnisse und Erfahrungen mit den Apachen gegenüber den kommandierenden Offizieren Empfehlungen aussprach, die diese nur zu bereitwillig entgegennahmen, weil sie das Operationsgebiet und auch die Chiricahuas nicht so gut kannten wie er. Es stellt sich die Frage, wie die Handelnden selbst die entsprechenden Situationen wahrgenommen und interpretiert haben. Es liegt hier somit ein interessantes Beispiel vor, wie man Geschichte über offizielle Archivdokumente hinaus durch autobiografische Aussagen deuten kann. Eine abschließend eindeutige Wahrheit wird sich in diesem Fall selbst beim Vergleich mit anderen Selbstzeugnissen nur schwer finden lassen. Unbestritten ist, dass die Fähigkeiten und Leistungen Horns als Scout beim Militär hoch angesehen waren, wie entsprechende Aussagen von General Miles und Lieutenant Maus belegen.

Auch wenn Horn seine Rolle bei der Gefangennahme von Geronimo überhöht haben mag und seine Aussagen historisch gesehen im Detail mit Vorsicht zu genießen sind, stimmt die Skizze der Ereignisse, die er zeichnet. Auch die Brutalität, mit der man den Apachen in jener Zeit begegnete, beschreibt er sehr realitätsnah. So mancher sieht in der Ermordung von Willie Nickell eine logische Folge der Verrohung, die Horn in seiner Zeit als Regierungsscout erfuhr.

Trotz aller Kritik in Bezug auf die historische Richtigkeit hat die unterhaltsame Autobiografie erheblich zur Legendenbildung von Horn beigetragen und tut es noch heute. Allein dass sie 1964 erstmals nachgedruckt und seitdem mehrmals neu aufgelegt wurde, zuletzt 2017, zeigt das große Interesse an Horn in den USA. Etliche Artikel und Darstellungen basieren auf dieser Autobiografie und sie diente sogar, wenngleich auch recht frei, als Vorlage für den zweiteiligen TV-Film Mr Horn (1979) mit David Carradine in der Hauptrolle. Der berühmte Kinofilm Ich, Tom Horn (engl. Originaltitel: Tom Horn, 1980) hingegen, in dem Steve McQueen Tom Horn verkörpert und der ausschließlich dessen Wirken in Wyoming als Rinderdetektiv beleuchtet, basiert vermutlich nicht auf dessen Werk, sondern auf der Romanvorlage Ich, Tom Horn (I, Tom Horn) von Will Henry, die sich wiederum, wenn auch sehr vage, an Horns Autobiografie orientiert.

Patrick Bartsch

1 Zu jener Zeit ließen Rinderbarone nicht selten von angeheuerten Privatermittlern Viehdiebe ermorden, so dass Drohungen und Prahlereien in diese Richtung sicherlich fruchteinflößend wirkten. Horn hatte den Ruf, seine Opfer aus sicherer Entfernung hinterhältig zu erschießen und als Beweis für die getane Arbeit zwei Steine unter den Kopf der Leiche zu platzieren. Allerdings konnte man ihm niemals ein solches Verbrechen nachweisen, wenngleich bis heute derartige Gerüchte kursieren. So soll er zum Beispiel den berüchtigten Viehdieb Isom Dart erschossen haben.

Vorwort

Während ich diese Autobiografie druckfertig machte, habe ich sie sprachlich nicht verändert. Kein Satz wurde hinzugefügt und keine Änderungen vorgenommen, außer um Zweideutigkeiten zu vermeiden und Klarheit und Stärke zu fördern. Sämtliche Änderungen wurden so vorgenommen, dass sie sich harmonisch in den Stil des Autors einfügen. Um das Lesen leichter zu machen, wurde das Manuskript in Kapitel eingeteilt und mit Kapitelüberschriften versehen, die selbstverständlich nicht von Horn stammen.

Aus offensichtlichen Gründen wurden die Begrifflichkeiten und auch der Slang des Westens beibehalten. Tom Horn war durch und durch vom Wilden Westen geprägt. Dort geboren und großgezogen – falls man überhaupt behaupten kann, dass er „großgezogen“ wurde – verbrachte er mit Ausnahme der Zeit, während der er seinem Land im Krieg gegen Spanien diente, sein ganzes Leben dort. Und da er nun einmal aus dem Westen stammte, war sein Ausdruck oft mit lokalen Ausdrücken durchzogen, nicht immer elegant, doch selten ordinär und niemals vulgär.

Ich möchte an dieser Stelle Folgendes betonen: Tom Horn war selten ordinär. Diese Behauptung werden all jene, die ihn wirklich kannten, bestätigen – eine Tatsache, die allein ausreicht, um jenes vermeintliche „Geständnis“ zu widerlegen, dessen Sprache mehr nach denen klingt, die jene berühmten „Sätze“ angeblich „wie gehört an Ort und Stelle“ aufschrieben.

Wie zuvor erwähnt, wurde dieser Autobiografie nichts hinzugefügt und die Änderungen, die vorgenommen wurden, verändern den Text inhaltlich in keiner Weise. Beim Edieren des Manuskripts stand vor allem im Vordergrund, die Lebensgeschichte des Autors in dessen angenehmen Stil zu präsentieren, so dass dessen starke Persönlichkeit durch die ganze Beschreibung hindurch hautnah zu spüren ist. Achten Sie auf sein unfehlbares Gedächtnis, selbst bei kleinsten Details, auf seine Helden und darauf, was für Männer, sie waren, auf seine unbewusst ausgedrückte Nachsicht gegenüber Beleidigungen, auf seine unermüdliche Pflichterfüllung unter den extremsten Bedingungen, auf seinen starken Gerechtigkeitssinn und besonders darauf, dass, obwohl das Manuskript aus Zeitgründen hastig niedergeschrieben wurde und nur für Freunde bestimmt war, es nicht auch nur an einer Stelle vulgär ist und keine Bereinigung anzüglicher Stellen erforderte.

Diese Autobiografie wird nun aufgrund des starken öffentlichen Wunsches in Buchform für jedermann zugänglich gemacht. Der Umstand, dass solch ein Werk existiert, wurde erst bekannt, als ich von seinen Freunden und Bekannten und von interessierten Lesern der veröffentlichten Gerichtsprotokolle regelrecht bestürmt wurde, die Autobiografie von Tom Horn herauszugeben. Briefe aus beinahe jedem Staat und jedem Territorium der Union erreichten mich und ich erlaube mir hier festzustellen, dass es unter diesen zahlreichen Briefen kaum einen gibt, in dem der Absender „nach sorgfältigem Studium der Prozessdetails“ nicht von der Unschuld Tom Horns überzeugt ist.

Es erreichten mich auch Telegramme und Briefe von Tageszeitungen, Monatszeitschriften und Verlagen, die mir Angebote für die „exklusiven Veröffentlichungsrechte“ unterbreiteten.

Und so habe ich schließlich nachgegeben. Nun halten Sie das Buch in Ihren Händen. Ich bitte Sie, es unvoreingenommen zu lesen und dem Autor, das zu gewähren, was ihm in seinen letzten Lebensjahren verweigert wurde – Fair Play.

John C. Coble

Iron Mountain Ranch, Bosler, Wyoming, 1. März 1904

Kapitel 1

Horns Kindheit – Sein Hund „Shed“ – Bennie, der Musterknabe – Horn verlässt sein Zuhause, um in den Westen zu gehen

Ich wurde in der Nähe von Memphis, Scotland County, Missouri, am 21. November 1860 geboren, während einer turbulenten Zeit, ganz ohne Zweifel, doch jeder, der in Missouri geboren wird, geht schwierigen Zeiten entgegen, so sagt zumindest Bill Nye.

Bis zu dem Augenblick, an dem ich mein Zuhause verließ, hatte ich, glaube ich, mehr Ärger gehabt als jeder andere Mann oder Junge in Missouri. Am Sonntag war Bibelunterricht und Gottesdienst und da meine Mutter eine gute, altmodische Campbellanerin war, musste ich, wie die meisten Jungen und Mädchen in der Nachbarschaft, zur Kirche und zur Sonntagsschule gehen. Ich hatte drei Brüder und vier Schwestern. Keines meiner Geschwister mochte es dort wirklich, obwohl sie nach außen so taten. Ich hatte eigentlich nichts groß dagegen, wenn es nur nicht den Waschbären, den Truthahn, die Wachteln, die Hasen, die Präriehühner, die Beutelratten, die Stinktiere, weiteres solches Getier und einmal im Jahr einen fetten, mit Mais vollgefressenen Hirschen gegeben hätte. All dieses prächtige Wild wurde von meiner Familie so stark vernachlässigt, dass es mich meist beschäftigt hielt und ich tat, was ich für richtig hielt, nämlich mich eifrig in der Kunst des Jagens zu üben.

Ich griff mir heimlich das Gewehr, nahm den Hund und ging den ganzen Sonntag auf die Pirsch, unter der Woche oft auch nachts, und das, obwohl ich genau wusste, dass, wann immer ich mich wieder zu Hause blicken ließe, mich eine Backpfeife oder eine ordentliche Standpauke von meiner Mutter oder eine ordentliche Tracht Prügel von meinem Vater erwartete.

Meine Mutter war eine große, kräftige Frau. Sie schlug mich und schrie, wie viel Gutes sie mir doch angedeihen ließe, um meine indianischen Neigungen zu brechen, wie sie es nannte (obwohl ich noch nie einen Indianer gesehen hatte und nichts über ihre Neigungen wusste). Doch jedes Mal wenn ein Stinktier, ein Waschbär oder ein Fuchs vorbeikam und eines ihrer Hühner in der Nacht stahl, weckte sie mich bei Tagesanbruch und drückte mir das Gewehr in die Hand. Sie befahl mir dann, mit dem alten Shedrick, meinem Hund, die Verfolgung aufzunehmen und den Ganoven zu töten.

Für ein Kind muss ich ein sehr erfolgreicher Jäger gewesen sein, denn sobald unsere Nachbarn darüber klagten, ein Huhn verloren zu haben (und das war ein schwerer Verlust für sie), erzählte Mutter ihnen, dass, wann immer irgendein Ganove ihrem Hühnerstall zu nah kam, sie einfach mich und Shed losschickte, und wenn wir heimkamen, wir immer das Fell des Ganoven dabeihatten.

Bis heute glaube ich, Mutter dachte, dass bei der Jagd auf diese Ganoven der Hund und nicht ich die entscheidende Rolle spielte. Aber Shedrick und ich wussten genau, dass ich der Bessere von uns beiden war, denn ich konnte jeden Baum in Missouri erklimmen, mit einer Spitzhacke gefrorenen Boden aufbrechen und im Schlamm oder Schnee kalten Spuren folgen. Ich wusste über viele Dinge mehr als der Hund und hatte immer geglaubt, Shed würde es mit jedem Hund in Missouri aufnehmen können (damals wusste ich noch nicht, dass noch andere Staaten als Missouri existierten, außer, vielleicht, Iowa. Ich wusste von Iowa, weil einer unserer Nachbarn von dort kam). Aber ich musste selbst viele harte Kämpfe durchstehen, um das Ansehen des alten Shed zu bewahren, denn als er langsam alt und weise wurde, glaube ich, dachte er, dass ich ihm immer beistehen würde. Gelegentlich ging Dad zu einer Wahl, einer Auktion, einem Pferderennen oder zu etwas anderem. Shed begleitete ihn stets dabei und manchmal wurde der Hund verprügelt. Er sah dann ziemlich übel zugerichtet aus, wenn er nach Hause kam, und jedes Mal wenn das passierte, wich er mir tagelang nicht von der Seite.

Ich erinnere mich an eine Bande von Brüdern, die behaupteten, den besten Coonhound und den besten Kämpfer auf der Welt zu besitzen (Missouri oder unsere Nachbarschaft war für sie die Welt). Heute denke ich, er muss sicherlich ein guter Hund gewesen sein, aber damals hasste ich ihn wie die Pest. Wann immer diese Griggs-Brüder und ich uns über den Weg liefen, ließen wir unsere Hunde gegeneinander kämpfen und schließlich mündete das Ganze in einer handfesten Auseinandersetzung zwischen Sam Griggs und mir. Ich erinnere mich auch noch sehr gut daran, dass Shed und ich so gut wie jedes Mal schlimm zugerichtet nach Hause kamen. Sam Griggs unterstellte mir stets, ich würde Shed helfen, und versuchte das zu unterbinden. Sogleich ging es dann zwischen Sam und mir zur Sache. Ich glaube, wir prügelten uns über hundertmal. Er hörte immer erst dann auf, wenn er „sich ausgetobt hatte“, denn ich konnte ihm nie das Wasser reichen.

Der Hund der Griggs hieß Sandy (weil er gelb war, glaube ich). Ich behauptete immer, dass mein Hund Shed klüger war als Sandy. Um es zu veranschaulichen: Einmal war Sam Griggs oben in einem Baum, um einen Waschbären herunterzuschütteln, damit Sandy ihn tötete. Ein Ast des Baumes brach und herunterfiel Sam. Sandy stürzte sich sogleich auf ihn, biss ihn ins Ohr, in den Arm und in die Schulter und richtete Sam ziemlich übel zu, bevor er Sandy klarmachen konnte, dass er kein Waschbär und auch keine Wildkatze war. Ich sagte immer, Sam würde mehr Verstand haben, als sich auf mich zu stürzen, falls ich dumm genug wäre, von einem Baum herunterzufallen.

Meine Mutter war immer darauf bedacht, alle ihre Kinder während der Wintermonate zur Schule zu schicken, und auch ich musste immer gehen oder mich zumindest auf den Weg dorthin machen. Aber all die unwiderstehlichen Versuchungen der Natur verhinderten, dass ich viel lernte. Während des Sommers mussten wir auf der Farm arbeiten und mühselige und lange Stunden damit verbringen, Feldfrüchte zu setzen und sie zu hegen. Deshalb war mir nur wenig Zeit vergönnt, fischen und in den Bäumen nach Honig suchen zu gehen. Wenn der Winter kam, alle Arbeit getan und die Ernte eingeholt war, wollte ich los und jagen, aber da man mir befahl, zur Schule zu gehen, blieb mir nichts anderes übrig, als zu gehorchen.

Die erste unwiderstehliche Versuchung erwartete mich auf dem Weg zur Schule, die eine Meile von unserem Haus entfernt lag. Im Winter war der Boden dort immer mehr oder weniger mit Schnee bedeckt und stets kreuzte die frische Spur eines Hasen, eines Waschbären oder einer Katze meinen Weg zur Schule. Eine frische Spur konnte ich nie links liegen lassen. Da ich sie sah und die anderen Kinder ihr keine Aufmerksamkeit schenkten, folgte ich ihr etwas, nur um zu schauen, wohin sie führte, und dann ging ich noch ein wenig weiter und dann sagte ich zu mir selbst: „Ich werde zu spät zur Schule kommen und gehörigen Ärger bekommen.“ Doch dann überkam mich das überwältigende Verlangen, den Hasen, den Waschbären, die Wildkatze, oder was immer es auch war, zu stellen. Ich ging zurück in den Obstgarten hinter das Haus, rief den Hund und als er auf mich zugerannt kam, war die Sache mit der Schule vergessen und Shed und ich gingen auf die Pirsch. Sie sehen, wäre die Schule ein wenig näher gewesen, hätte ich sie wesentlich öfter besuchen können, als ich es letztendlich tat.

Ich konnte mich nie sonderlich auf die Bücher konzentrieren, wenn ich in der Schule war, denn sobald es zu schneien begann, konnte ich an nichts anderes mehr denken, als wie schön es doch wäre, am nächsten Tag einen Waschbären zu verfolgen. Ich machte mir mehr Gedanken über den Pelz der Tiere, die ich alle jagen könnte, und sah mehr Vorteile in einer schönen langen Schnur, an der Pelze hingen, als darin, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen.

Die Dinge entwickelten sich überhaupt nicht gut für mich, als eines Tages ein Cousin namens Ben Markley plötzlich bei uns auftauchte und fortan bei uns lebte. Er war ein Sohn von der Schwester meiner Mutter und ich glaube, er war der beste Junge auf der Welt. Ach, wie viele hundert Male wurde ich geschlagen oder ausgeschimpft und durch Vater, Mutter oder den Schullehrer gefragt, warum ich mich nicht so wie Bennie benehmen würde.

Ben vergaß nie, sein Haar zu waschen oder es zu kämmen. Er fluchte nie. Er konnte zur Schule gehen, ohne seine Stiefel schmutzig zu machen. Ein Paar Stiefel hielt bei ihm viermal so lange wie bei mir. Er quatschte nie während des Unterrichts und rauchte auch nie. Er ging sonntags nie jagen oder fischen und verspürte danach auch nicht das geringste Verlangen. Er prügelte sich nie und erzählte am Abend eifrig, was sie beim nächsten Mal in der Sonntagsschule lernen würden. Das waren nur einige seiner guten Seiten, aber bei Weitem nicht sämtliche, denn alle hielten ihn für geradezu perfekt. Natürlich hatte ich eine etwas andere Meinung über ihn.

Ich wusste, dass er nicht schießen konnte. Er konnte auch nicht auf einen Baum klettern, geschweige denn die Spur eines Waschbären von der einer Kuh unterscheiden. Er hatte Angst vor Bienen, sobald man ihnen aus dem Baum den Honig stahl. Er sagte, das Fell der Waschbären sei widerlich, und Stinktiere konnte er überhaupt nicht ausstehen. Er wusste nicht, wie man zum Fischen einen Köder an einen Haken befestigte. Er konnte nicht schwimmen und hatte Angst vor Pferden. Einmal schlug er den alten Shedrick mit einem Stock. Bevor das passierte, hatte ich längst gewusst, dass er ein Versager war, zumindest nach dem, wie ich Jungen beurteilte, und als er den treuen Gefährten meiner Freuden und Sorgen schlug, stürzte ich mich sofort auf ihn. Ich war dreizehn und er siebzehn, aber noch bevor meine Mutter und der Rest der Familie mich von ihm herunterziehen konnten, hatte ich ihn schon ordentlich verprügelt. Dad war da, aber er machte nicht den kleinsten Versuch, den Frauen zu Hilfe zu eilen, denn ich glaube, dass Ben nach seinen Vorstellungen ein wenig zu artig und perfekt war.

Nun, danach gingen Shed und ich ihm aus dem Wege und er verbrachte seinerseits einen nicht unerheblichen Teil seiner Freizeit damit, uns aus dem Wege zu gehen. Die Prügelei mit Bennie machte mich nicht gerade beliebt bei den Frauen, aber das war etwas, was mich nicht sonderlich störte.

Den traurigen Höhepunkt meiner Kindheit in Missouri sollte ich im nächsten Frühjahr erleben. Einige Emigranten fuhren die Straße entlang und hinter den Planwagen saßen zwei kahlköpfige Jungs auf einem Pferd, einer von ihnen hielt eine alte, einläufige Flinte in der Hand. Als sie Shed und mich auf der Straße sahen, hielten sie an, um sich mit uns zu unterhalten. Ich bemerkte lapidar, dass ein Mann, der Wild mit einer Flinte schieße, nichts tauge. Der Ältere fragte mich, ob ich mich selbst als Mann bezeichnen würde, und die Antwort, die ich ihm gab, veranlasste die beiden dazu, von ihrer alten Mähre herunterzuspringen und sie an den nächsten Zaun zu binden. Der Jüngere und Kleinere von beiden hielt die Flinte und der Große begann, sich mit mir zu raufen. Die Dinge entwickelten sich so ungünstig für den Jungen, dass der Kleine seine Flinte auf den Boden legte und seinem Bruder zu Hilfe kam. Er versetzte mir sogleich einen Tritt gegen den Kiefer, aber das sollte er nicht noch einmal machen. Der alte Shed stürzte sich auf ihn, riss ihn zu Boden und biss ihn in Arm und Schulter. Das beendete den Kampf zwischen dem anderen Jungen und mir, da ich von dem Großen ablassen musste, um dafür zu sorgen, dass Shed den Kleinen nicht zu sehr verletzte.

Nun, ich zog den Hund von ihm herunter und sagte ihnen, sie sollten sich besser auf ihre alte Mähre schwingen, wegreiten und den Rest der Familie holen, wenn sie einen Kampf gewinnen wollten. Dann nahm der Große das Gewehr, half dem kleinen Jungen auf das Pferd, zielte auf den armen alten Shed und schoss. Shed winselte und ich konnte kaum glauben, was da gerade passiert war. Der große Junge sprang zu seinem Bruder auf das Pferd und sie galoppierten davon. Ich trug Shed eine Viertelmeile nach Hause. Er starb noch in der Nacht.

Ich glaube, das war das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich wirklichen Schmerz empfand.

Dad stieg auf sein Pferd und ritt los. Er holte in jener Nacht den Emigrantentreck ein und ich glaube, dass es dort „ordentlich zur Sache ging“, denn er kam an jenem Abend, noch bevor Shed starb, heim und war selbst ziemlich übel zugerichtet. Dad hatte in Nordwest-Missouri den Ruf, dass man ihn in einer Prügelei nicht besiegen konnte, doch als er an jenem Abend heimkam, sah er für mich aus wie ein Kerl, der reichlich hatte einstecken müssen und genug hatte, zumindest hätte ich es so ausgedrückt.

Ich war damals etwa vierzehn Jahre alt und wollte fort. Ich hatte von Kalifornien gehört und dachte, das wäre genau die richtige Gegend für mich. Eines Tages hatten Dad und ich eine Auseinandersetzung. Er hatte den Riemen eines Buggy-Geschirrs in der Hand und schlug mich damit. Ich packte den Riemen und dann ging die Prügelei los.

Nun, ich gab mein Bestes, aber der alte Mann war zu stark für mich. Als ich merkte, dass mir meine Felle davonschwammen, schrie ich ihn an, ruhig kräftig auf mich einzuschlagen, da dies seine letzte Gelegenheit hierfür wäre, denn ich würde von zu Hause weggehen.

Er vermöbelte mich nach Strich und Faden und als er damit fertig war, sagte er: „Nun, wenn du fortgehen willst, geh! Aber vergiss nicht die Tracht Prügel, die dir dein Alter das letzte Mal verpasst hat, und wie ordentlich sie war. Hau ab! Aber bitte deine Mutter vorher noch um ein Fresspaket. Wenn du in der Nacht wieder zurück bist, hast du wenigstens das Abendessen nicht verpasst, wenn du etwas zu essen dabeihast.“

Das passierte in der Scheune. Ich ließ mich auf das Heu fallen und lag dort die ganze Nacht. Am nächsten Morgen trugen mich Mutter und die Mädchen ins Haus und legten mich ins Bett, wo ich eine ganze Woche verbrachte. Dad hatte seine Arbeit gut gemacht.

Sobald ich wieder aufstehen konnte, verkaufte ich für elf Dollar mein Gewehr, küsste meine Mutter zum letzten Mal in meinem Leben und verließ das Haus. Ich warf noch einmal einen Blick auf das Grab des alten Shedrick, nahm mein Fresspaket und machte mich auf den Weg Richtung Westen.

Kapitel 2

Horn wird Postkutschenfahrer, Viehwächter, Boss der Quartiermeister-Herde, Regierungsübersetzer – Sieber tötet Chugadeslona – Sieber und Horn besuchen Pedro, den Häuptling freundlicher Apachen

Ich hatte natürlich vom Westen gehört, auch von Kalifornien, Texas und Kansas, aber von all der Geographie, die ich in der Schule aufgeschnappt hatte, konnte ich mir keine Vorstellungen von der Lage oder vom Charakter dieser Gegenden machen. Ich hatte nicht die blasseste Ahnung, außer, dass ich annahm, dass sie im Westen lagen.

Es gab keine Eisenbahn dorthin und da ich weder Pferd noch Kutsche besaß, zog ich zu Fuß los. Ich hielt mich Richtung Westen und marschierte tagein tagaus, stoppte bei Farmen, um nach etwas Essen zu fragen. Viele gute Frauen gaben mir ein wenig für unterwegs mit. Auf meinem Weg war ich niemals hungrig und da es Juli, August war, konnte ich überall schlafen. Eine Frau namens Mrs. Peters erlaubte mir, den ganzen Tag in ihrem Haus zu verbringen. Ich trug die Kleidung ihres Sohnes, während sie meine wusch, um mich sauber wie ein nagelneuer Dollar wieder hinaus in die Welt zu schicken.

Als ich in Kansas City ankam, gab ich den ersten Cent aus, seitdem ich mein Zuhause verlassen hatte.

Ich blieb zwei Tage in Kansas City und heuerte anschließend bei einer Arbeitsagentur an und ging nach Newton, Kansas, um bei der Santa Fe-Eisenbahngesellschaft zu arbeiten.

26 Tage arbeitete ich für die Eisenbahn bei Newton und erhielt 21 Dollar dafür. Dann machte ich mich mit einem Mann namens Blades und seinen zwei Pferdegespannen auf den Weg nach Santa Fe. Mit diesen Gespannen und auf Frachtwagen erreichte ich schließlich Ende 1874, genauer gesagt an Weihnachten, Santa Fe. Bis ich von zu Hause ausriss, war ich von dort nie weiter als fünf Meilen weg gewesen, außer einmal und das war, als ich in das Verwaltungszentrum unseres Countys ging, nach Memphis, einer Stadt von vielleicht 7.000 Einwohnern.

Als ich in Santa Fe ankam, war ich ein anderer Junge als der, der ich war, als ich mein Zuhause verließ. Ich war klüger und erwachsen geworden. Im Januar 1875 heuerte ich bei Mr. Murray, dem Direktor einer Postkutschengesellschaft an, die die Strecke von Santa Fe nach Prescott, Arizona, bediente.

Für einige Monate pendelte ich für 50 Dollar im Monat zwischen Santa Fe und Los Pinos. Ich wurde mit einem Gewehr ausgestattet, um die Post zu bewachen, die Passagiere zu beschützen, aber auch, glaube ich, um nach außen den Schein von Sicherheit zu wahren. Dann fuhr ich zwischen Los Pinos und Bacon Springs oder Crane’s Ranch hin und her. Ich machte das einige Monate lang und wurde dann im Mai von Mr. Murray nach Santa Fe zurückgerufen und kurz darauf mit einem anderen Mann nach Arizona in die Nähe des Verde Rivers geschickt. Wir sollten zur Beaver Head-Station Maultiere bringen und so den Verlust an Maultieren ausgleichen, den die Station durch Indianerraubzüge erlitten hatte.

Seitdem ich von zu Hause abgehauen war, hatte es somit kein Jahr gedauert, bis ich mich am Beaver Head Creek, inmitten des Indianerlands, wiederfand und recht gut Mexikanisch sprach.

Meine Gefühle und mein Leben waren so ganz anders als zu Hause. Es kam mir vor, als hätte ich mein ganzes Leben an der Strecke einer Postkutschenlinie verbracht.

Ich verließ Beaver Head und machte mich auf den Weg flussabwärts nach Camp Verde, einem Regierungsposten, aber ich war nun nicht mehr zu Fuß unterwegs, denn ich besaß ein gutes Pferd, einen Sattel, Zaumzeug und ein Winchester-Gewehr. In jenem Herbst arbeitete ich für George Hansen und hütete während der Nacht Ochsen für die Männer, die Holz nach Camp Verde transportierten. Ich bekam 75 Dollar im Monat und arbeitete zwölf Wochen dort. Vor fünf Jahren gestand mir George Hansen, dass ich der beste Viehwächter war, den er jemals hatte. Fast alle Fuhrleute und Holzfäller waren Mexikaner und als ich Weihnachten von dort nach Prescott fortging, beherrschte ich Mexikanisch genauso gut wie ein Muttersprachler. Innerhalb eines Jahres hatte es mich von Santa Fe nach Prescott verschlagen, aber in diesem Jahr hatte ich mehr gelernt als in meinem ganzen bisherigen Leben zuvor.

Damals wurden die Kavalleriepferde für das Militärdepartment von Arizona den langen Weg von Kalifornien hergetrieben, in großen Herden von ungefähr 400 Tieren. Ich heuerte beim Quartiermeister an, um diese Pferde zu hüten, bis sie von den verschiedenen Posten in Fort Whipple nachgefragt und übergeben wurden. Das Fort liegt direkt bei Prescott und war das Hauptquartier des Militärdepartments. Wir machten diese Arbeit zu dritt. Da die beiden anderen Mexikaner waren, ich aber Amerikaner, wurde ich, obwohl erst sechzehn Jahre alt, zum Boss der Quartiermeister-Herde ernannt.

Nachdem alle Pferde an die verschiedenen Truppenteile der 5. Kavallerie verteilt waren, war mein Job getan. Al Sieber, der Chefscout, kam aus Tonto Basin nach Whipple und blieb dort ein paar Wochen. Als er sich bereitmachte, um wieder zurück in den Süden aufzubrechen, fragte er mich wegen meines guten Mexikanisch, wie es mir gefallen würde, ihn als Dolmetscher für 75 Dollar im Monat zu begleiten. Er sagte mir, ich würde die ganze Zeit über mit ihm zusammen sein. Ich freute mich über diese Chance und so brachen wir im Juli 1876 zur San Carlos-Agentur auf, die wir ungefähr zehn Tage später erreichten.

Das, wofür ich eingestellt worden war, musste ich, wie ich rasch herausfand, gar nicht tun. Sieber wollte mich einfach nur deshalb dabeihaben, weil ich jung und tüchtig war und mit ihm den ganzen Tag reiten konnte. Ich passte nachts auf die Pferde auf, kochte, kümmerte mich um unser Gepäck und säuberte jeden Abend sein Gewehr. Und das alles machte mir riesigen Spaß.

Das Apachen-Reservat, offiziell San Carlos-Reservat genannt, war sechzig Meilen breit und hundertzwanzig Meilen lang. Sieber und ich waren das ganze Jahr mit einigen indianischen Scouts und der Polizei im Reservat unterwegs. Sieber achtete darauf, dass der Frieden eingehalten wurde, und beobachtete das Verhalten der Indianer. Er sprach sowohl Apache als auch Mexikanisch und da ständig Indianer bei uns waren, lernte ich ihre Sprache sehr schnell.

Es war eine herrliche Zeit für mich, da ich nach Herzenslust Rehe und Truthähne jagen konnte. Wenn ich das Lager verließ und die ganze Nacht bei den Indianern verbrachte, sagte Sieber nie ein Wort dagegen, im Gegenteil, er ermutigte mich dazu, als er sah, dass ich rasch die Lebensweise und die Sprache der Indianer erlernte.

Sieber ist in meinen Augen einer der eindrucksvollsten Männer auf der Welt und, obwohl nun alt, ergraut und verkrüppelt, ist er noch immer ein Ehrenmann. Bis dahin hatte ich noch nicht seine rasende Wut in einem Kampf mit einem Indianer erlebt. Während all der vielen Jahre, die wir zusammen ritten, war er mir gegenüber immer so freundlich, wie man es nur sein konnte, aber oh, was für ein Teufel war er, wenn er zornig wurde! Man konnte sicher sein, dass es dann richtig rundging!

Das erste Mal erlebte ich ihn richtig wütend, als wir auf einen Indianer trafen, der Tis-win (indianischen Whiskey) brannte. Der Indianer war ein alter Strolch. Sieber begann sich mit ihm auf Mexikanisch zu unterhalten, das dieser, wie Sieber behauptete, perfekt verstand. Der Indianer, dessen Name Chu-ga-de-slon-a war und in Missouri „Tausendfüßler“ bedeutet, sprach zu Sieber auf Apache und sagte ihm, dass er ständig überall wie eine aufdringliche Squaw herumschnüffele. Sieber antwortete: „Ja, ich bin immer auf der Suche nach Männern wie dir, die dieses Teufelszeug herstellen!“ Chu-ga-de-slon-a erwiderte: „Ich hätte Lust, dich umzubringen, Jon-a-chay!“, und das war, was Sieber rasend machte. „Jon-a-chay“ verwendet man in Apache für jemanden, der sich in fremde Angelegenheiten einmischt.

Nun, als der Indianer das sagte, griff er nach seinem Gewehr. Sieber stürzte sich sogleich auf ihn und zog, glaube ich, sein Messer hervor, denn er packte den Indianer an den Haaren und stach damit so heftig zu, dass er ihm fast den Kopf abtrennte.

Das alkoholische Gebräu gärte in einem großen Tonbottich. Sieber schleuderte den Indianer zu Boden und betrachtete ihn eine Minute. Dann hob er die Leiche hoch und warf sie kopfüber in den Bottich. Der Indianer war zu groß dafür, sonst hätte er ihn sicherlich ganz hineingesteckt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich erschrocken war, auf jeden Fall hatte ich ein sehr mulmiges Gefühl im Bauch.

Sieber wandte sich nun den Squaws zu, die bei der Tis-win-Produktion mitgeholfen hatten, und befahl ihnen, ihre Pferde zu holen, von dort zu verschwinden und zu den anderen Indianern am White River zurückzukehren. Er bläute ihnen ein, ihren Leuten zu sagen, dass sie es fortan unterlassen sollten, dieses Zeug herzustellen, da er, Sieber, es sich fest vorgenommen habe, das, soweit es gehe, zu unterbinden. Sollte er jemanden zum ersten Mal dabei erwischen, würde er ihn hinter Gitter bringen. Sollte er aber jemanden dabei erwischen wie diesen hier, den er gerade getötet hatte, jemanden, der andauernd Tis-win produziere, würde er ihn einfach töten, damit er keinen Unfrieden mehr unter den Indianern durch die Produktion und den Verkauf von Tis-win stiften könne.

Wir kehrten dann in unser nahegelegenes Camp zurück und blieben dort paar Tage. Ich denke nicht, dass Sieber in diesen zwei Tagen und Nächten auch nur eine Sekunde die Augen zugemacht hat, auch sprach er nur sehr wenig und machte ein enorm ernstes und entschlossenes Gesicht. Ich fühlte mich recht unbehaglich in meiner Haut, da Indianer bei uns waren, aber ich stellte Sieber keine Fragen und er selbst sagte nicht mehr zu mir, als dass die Maultiere und Pferde nah am Camp zu bleiben hätten und ich niemals, auch nicht für eine Minute, mein Gewehr aus der Hand legen dürfe.

Nach zwei Tagen brachen wir unser Camp ab und zogen zum White River und lagerten dort, wo der White und Black River zusammenflossen. Unsere Indianer blieben im Camp und Sieber und ich ritten eine Meile den Fluss hinauf zum Lager eines Häuptlings namens Pedro. Wir führten ein langes Gespräch mit dem alten Häuptling, der perfekt Spanisch sprach.

Pedro hatte sich immer einigermaßen freundlich gegenüber dem Chefscout verhalten. Sieber erzählte dem alten Häuptling, was er vorhatte. Pedro erklärte, ihm missfalle ebenfalls, dass seine Männer Whiskey tranken oder produzierten, und versprach Sieber, ihn in seinem Kampf gegen den Alkohol jederzeit zu unterstützen. Er erklärte auch, dass nicht alle Indianer schlecht seien, einige wären so gut wie jeder andere Mensch, den der Große Geist auf die Erde schicke, aber er habe 600 Krieger und einige von ihnen seien so böse, wie ein böser Apache nur sein könne, und dass mit ihnen nichts anzufangen sei. Niemals würden sie getötet. Weder gut, noch alt, noch verletzt würden sie werden, aber immer da sein, und in sämtliche Scherereien geraten, die so passierten.

„Du siehst, sie sind kleine Teufel“, betonte Pedro abschließend, „denn sonst würden sie alt oder eines Tages getötet werden.“

Pedro bat seine Frauen, uns etwas Essen zu servieren, was sie sogleich taten. Sie gaben uns pures Wild, aber es war gut durchgebraten und wir aßen es mit großem Appetit. Währenddessen erkundigte sich Pedro plötzlich bei Sieber, wo er mich, das mexikanische Halbblut, aufgetrieben habe:

„Er ist reinrassiger Amerikaner.“

„Nun, ich habe ihn mit meinen Kriegern und Söhnen Mexikanisch sprechen hören. Deshalb dachte ich, er ist ein Halbblut.“

„Er lernt auch sehr schnell Apache.“

Daraufhin begann Pedro sogleich, sich mit mir auf Apache zu unterhalten. Zunächst war ich sehr verlegen, denn Pedro, der große Häuptling und Krieger, war für mich eine große Persönlichkeit, ein großer Redner und Ratgeber. Aber als ich auf Apache mit ihm sprach, gab mir dieser Freund der Weißen das Gefühl, zu Hause zu sein. Er bat mich zu bleiben, ein paar Tage mit ihm zu plaudern und mit seinen jungen Kriegern auf die Jagd zu gehen. Ich antwortete ihm, dass ich das gern tun würde, aber mit Sieber fortreiten müsse, sobald er aufbreche. Sieber stand etwas abseits von uns und unterhielt sich mit einigen alten Frauen. Pedro und ich gingen zu ihm herüber und der Häuptling bat ihn, mich für eine Weile bei ihm zu lassen. Er lud auch Sieber ein zu bleiben, doch dieser erwiderte, dass ihm das augenblicklich nicht möglich sei.

Während wir über meinen möglichen Aufenthalt im Indianerlager diskutierten, tauchten unten bei der Gabelung am Fluss Soldaten auf. Indianische Kundschafter kamen herbeigeeilt und unterrichteten uns darüber. Das löste im Lager sogleich einige Unruhe aus, die sich aber nach Pedros beschwichtigenden Worten bald wieder legte.

Kapitel 3

Mickey Free, Scout und Führer – Horn beginnt unter den Apachen zu leben – „Der sprechende Junge“, ein richtiger Indianer – Ein Wickiup und eine Haushälterin

Es war Lieutenant Wheeler von der 5. Kavallerie mit ungefähr zwanzig Männern. In San Carlos hatte das Gerücht die Runde gemacht, dass wir von den Indianern festgehalten würden, und Wheeler war gekommen, um das zu überprüfen.

Geführt wurde er von dem noch heute berühmten Mickey Free, den ich hier kurz vorstellen möchte: Mickey wurde 1855 am Sonoita River nahe der Grenze zwischen Mexiko und Arizona geboren. Sein Vater war ein Ire namens Hughes und seine Mutter eine Mexikanerin. Indianer ermordeten 1862 seine Eltern und entführten ihn und seine Schwester. Mickey war damals sieben und seine Schwester neun Jahre alt. Er beherrscht Mexikanisch und Apache fließend und war damals wohl der willdeste Draufgänger, den es in der Region gab. Sein langes Haar war feuerrot und sein verbliebenes Auge blau. Das fehlende war ihm mit zwölf Jahren von einem verwundeten Hirsch ausgestochen worden. Er trug einen kleinen, roten Schnurrbart und sah durch und durch irisch aus.

Zu jener Zeit, über die ich hier berichte, war er etwa ein- oder zweiundzwanzig Jahre alt und arbeitete bereits seit einigen Jahren im Dienste der Regierung, für die er von unschätzbarem Wert war. Er eignete sich in jeder Hinsicht bestens als Scout und Führer, wenn man einmal von der Tatsache absieht, dass er sich niemals auch nur eine Sekunde um sein Leben scherte und ohne zu zögern Wheeler und seine Handvoll Männer mit einem kaltblütigen Lächeln auf den Lippen gegen den alten Pedro und seine 600 Krieger geführt hätte, wohl wissend, dass Pedro sich innerhalb von vier Stunden mit 1.000 Männern und in zehn mit 2.500 verstärken konnte. So war er, der Mickey. Er lebt nun im White Mountain-Reservat und hat eine große indianische Familie und ist reich an „Pferden, Vieh, Frauen und Hunden“, wie er es selbst auszudrücken pflegt.

Jetzt aber wieder zu meiner Geschichte: Sieber und ich kehrten zur Flussgabelung zurück und trafen Wheeler. Sieber und er führten eine lange Unterredung. Dann schickten sie einen Trupp Soldaten nach San Carlos, um zu melden, dass alles in Ordnung war und Sieber und seine Leute gesund und munter.

Mickey Free hatte eine Geliebte in Pedros Stamm. Sobald Wheeler sein Camp aufgeschlagen hatte und feststand, dass Sieber und ich wohlauf waren, verschwand er mit seinem Mädchen. Wir hörten erst gegen Mitternacht wieder etwas von ihm, als er von der Wache lautstark angerufen wurde. Bald darauf hörte ich in der Dunkelheit Stimmen und mir war sofort klar, dass Mickey, Sieber und Lieutenant Wheeler etwas besprachen. Ich konnte hören, dass Wheeler und Sieber mit Mickey auf Spanisch redeten, und dann, wie sie untereinander Englisch spra