Tombola - Hinrich Matthiesen - E-Book

Tombola E-Book

Hinrich Matthiesen

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Beschreibung

Das Leben ein Glücksspiel – dem einen verhilft es zu Reichtum und Ansehen, den anderen lässt es in tiefstes Elend versinken. Stefan Hentrich und Hanno Fries – erfolgreiche Journalisten und Freunde – haben bei der Tombola des Lebens zwei Lose gezogen, deren Chancen unberechenbar sind. Beim Recherchieren für eine Artikelserie über Wirtschaftskriminalität stößt Hanno Fries in Marseille auf Indizien für ein Verbrechen von ungeheurer Tragweite: Ein weltweiter gigantischer Versicherungsbetrug, bei dem auch Menschenleben bedenkenlos aufs Spiel gesetzt werden. Beweise sind schwer zu erbringen, doch Hanno wittert die Sensationsstory seines Lebens, von der jeder Journalist träumt. Stefan Hentrich, ein ebenso erfolgreicher Journalist und guter Freund von Hanno, verliert beim Absturz eines kleinen Sportflugzeugs beide Beine. Er gibt seinen Beruf auf, wendet sich verstört von seiner Verlobten ab, und auch von seinen Freunden – sogar von Hanno. Doch dann startet die Jagd dieser zwei Reporter auf eine internationale Organisation, die mit raffiniert ausgeklügelten Methoden Sabotage an Schiffen inszeniert, um im Komplott mit korrupten Reedern hohe Versicherungssummen zu erschwindeln, und Stefan erhält unerwartet Gelegenheit, sein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Hinrich Matthiesens Roman ist eine ebenso engagiert literarische wie unterhaltsame Variante seines Leitthemas: Der Mensch in der Grenzsituation. Das erhält dem Roman seine Aktualität bis zum heutigen Tag. "Ich möchte mit meinen Büchern den Lesern durch Spannung Entspannung bieten." Hinrich Matthiesen

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Hinrich Matthiesen

 

Jahrgang 1928, auf Sylt geboren, wuchs in Lübeck auf. Die Wehrmacht holte ihn von der Schulbank. Zurück aus der Kriegsgefangenschaft, studierte er und wurde Lehrer, viele Jahre davon an deutschen Auslandsschulen in Chile und Mexico. Hier entdeckte er das Schreiben für sich.

1969 erschien sein erster Roman:MINOU. Dreißig Romane und einige Erzählungen folgten. Die Kritik bescheinigte seinem Werk die glückliche Mischung aus Engagement, Glaubwürdigkeit, Spannung und virtuosem Umgang mit der Sprache. Die Leser belohnten ihn mit hohen Auflagen.

Immer stehen im Mittelpunkt seiner Romane menschliche Schicksale, Menschen in außergewöhnlichen Situationen. Hinrich Matthiesen starb im Juli 2009 auf Sylt, wo er sich Mitte der 1970er Jahre als freier Schriftsteller niedergelassen hatte.

 

» Zum literarischen Markenzeichen wurde der Name Matthiesen nicht zuletzt durch die Kunst, in eine pralle Handlung Aussagen zu verweben, die außer dem aktuellen stets auch einen davon unabhängigen Bezug haben. Gedankliche Strenge, sprachliche Disziplin und ein offensichtlich unauslotbarer  verbaler Fundus lassen Matthiesen zu einem Kompositeur in Prosa werden. «

Deutsche Tagespost

 

»Matthiesen ist zu beneiden um seine Fähigkeiten: Kompositionstalent, menschliche Einfühlung, scharfe Beobachtungsgabe – und vor allem um seinen Stil«

Deutsche Welle

 

»Matthiesen ist für seine genauen Recherchen bekannt. Seine Bücher weichen nicht einfach in exotische Abenteuer aus, sondern befassen sich immer wieder mit deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Unterhaltsam sind sie allemal. «

FAZ-Magazin

Werkausgabe Romane Band 6

Herausgegeben von Svendine von Loessl

 

Der Roman

Zwei Reporter kommen unter Einsatz ihres Lebens einem großangelegten Versicherungsbetrug auf die Spur. Stefan Hentrich und Hanno Fries – erfolgreiche Journalisten und Freunde – haben bei der Tombola des Lebens zwei Lose gezogen, deren Chancen unberechenbar sind.

Beim Recherchieren für eine Artikelserie über Wirtschaftskriminalität stößt Hanno Fries in Marseille auf Indizien für ein Verbrechen von ungeheurer Tragweite: Ein weltweiter gigantischer Versicherungsbetrug, bei dem auch Menschenleben bedenkenlos aufs Spiel gesetzt werden. Beweise sind schwer zu erbringen, doch Hanno wittert die Sensationsstory seines Lebens, von der jeder Journalist träumt.

Stefan Hentrich, ein ebenso erfolgreicher Journalist und guter Freund von Hanno, verliert beim Absturz eines kleinen Sportflugzeugs beide Beine. Er gibt seinen Beruf auf, wendet sich verstört von seiner Verlobten ab, und auch von seinen Freunden – sogar von Hanno.

Doch dann startet eine gnadenlose Jagd auf Hanno und Stefan erhält unerwartet Gelegenheit, sein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Hinrich Matthiesens Roman ist eine ebenso engagiert literarische wie unterhaltsame Variante seines Leitthemas: Der Mensch in der Grenzsituation. Das erhält dem Roman seine Aktualität bis zum heutigen Tag.

 

Titelverzeichnis der Werkausgabe in 31 Bänden am Ende des Buches

Hinrich Matthiesen

Tombola

Roman

:::

Bs

Werkausgabe Romane

Herausgegeben von Svendine von Loessl

Band 6

Erster Teil

1.

 

Es war ein drittklassiges Hotel, das Hanno Fries noch um ein Uhr in der Nacht aufgenommen hatte, und es war ein kleines, schäbiges Zimmer im dritten Stock. Es hatte eine rissige Tapete mit verblichenem Blumenmuster, ein schmales Fenster zur Straße, ein Bett, einen Schrank, einen Stuhl; kein Bad. Zum Waschen war ein Becken da, nicht ganz heil, nicht ganz sauber, gleich neben der Tür, und über dem Becken war eine gelbliche Platte aus Plastik angebracht. Darüber hing ein Spiegel, der schon ein paar blinde Stellen hatte.

Hanno Fries vermied es, das Becken zu berühren, packte sein Waschzeug nicht aus. Auch das Wasserglas auf der Plastikunterlage betrachtete er kritisch, rührte es nicht an. Er drehte den Hahn auf, hielt die offenen Hände unter den Strahl, trank, trank lange, warf sich ein paarmal kaltes Wasser ins Gesicht, ohne dabei das Emaillebecken zu berühren. Mit nassen Händen durchwühlte er seinen Koffer, der geöffnet auf dem Fußboden lag, fand ein Handtuch, trocknete sich ab. Er legte das Handtuch über den hochstehenden Kofferdeckel, trat ans Becken zurück, sah in den Spiegel. Mit den Fingerspitzen rieb er sich die Stirn, doch das wischte die Falten nicht weg. Er war erst fünfunddreißig, aber die letzten Tage hatten ihm zu schaffen gemacht, auch die Nächte. Er hatte wenig geschlafen, viel geraucht und sich eine Menge Sorgen gemacht, und darum sah er nun müde und abgehalftert aus, eher wie Ende Vierzig als Mitte Dreißig. Vor vier Wochen hatte er in der Karibik Ferien gemacht, jeden Tag in der Sonne gelegen, geschwommen, gesegelt, und da hatten andere Urlauber ihn auf höchstens Dreißig geschätzt. Die kleine Mulattin von Basse-Terre hatte sogar, als sie neben ihm am Strand lag, gesagt:Twentysix, I think, or maybe younger.

Und nun fühlte er sich beinahe doppelt so alt.

Er prüfte noch einmal die Tür. Sie war abgeschlossen. Er hatte sie, um den Schlüssel drehen zu können, erst leicht anheben und dann auch noch eine Weile mit dem Bart im Schloss tasten müssen, ehe der Riegel in Bewegung kam. Es war für ihn wichtig geworden, hinter verschlossener Tür zu schlafen.

Er legte sich angekleidet aufs Bett, zündete eine Zigarette an. Es müsste gutgegangen sein, dachte er;aber gleich darauf war, wie so oft in den letzten Tagen, der Zweifel da: Wer weiß, wie sie es diesmal angestellt haben, überhaupt, wie viele es sind? Mit vielen Leuten lässt sich ein dichtes Netz ziehen.

Seit fünf Tagen nun schon wusste er, dass da ein solches Netz existierte, eines, das ausgelegt worden war, damit er sich darin verfinge. Fünf Tage und fünf Nächte lang war es ihm gelungen, die Männer zu täuschen. Am vierten war er sicher gewesen, sie abgeschüttelt zu haben. Aber am fünften, abends, waren sie plötzlich wieder da gewesen, vor der Konditorei Fleming. Er hatte einen quälenden Hunger verspürt, war kurz entschlossen in das Café eingetreten, hatte vier Stück Kuchen gegessen, sofort bezahlt und wollte wieder gehen, da hatte er durch die Glastür den Mann entdeckt, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, einen harmlos wirkenden Fußgänger. Aber sie hatten einen Fehler begangen, hatten die Harmlosigkeit zum Prinzip gemacht. Nicht nur, dass die Sonnenbrille und der hochgeschlagene Trenchcoatkragen fehlten, der Mann hatte sogar einen Strauß Rosen in der Hand gehalten, und das war der Missgriff gewesen, denn am ersten Tag hatte schon ein anderer Blumen benutzt, um seine Aufgabe zu kaschieren. Und so waren es an diesem Nachmittag die Rosen gewesen, die Hanno Fries die Gefahr signalisierten. Das Café hatte keinen Hinterausgang. Also war er vorn hinaus auf den Bürgersteig getreten und hatte eine Straßenbahn bestiegen, war drei Stationen weit gefahren und dann in ein Taxi übergewechselt. Im Taxi, bevor er dem Fahrer das Ziel genannt hatte, wäre er fast der Versuchung erlegen, zu Stefan Hentrich zu fahren, dem Freund, mit dem zusammen er schon so manche heikle Situation gemeistert hatte. Aber dann war ihm der Weg zu Stefan doch als bedenklich erschienen. Stefan, so hatte er sich gesagt, kann sich ja nicht einmal selbst helfen, wie sollte er also mir helfen können?

Und so hatte er sich zum Hauptbahnhof bringen lassen, dort die S-Bahn genommen, war nach Othmarschen gefahren und von dort mit einem Bus wieder zurück in die Innenstadt, hatte sich zwei Stunden in einem Kino aufgehalten, danach das Verwirrspiel in den Straßen noch einmal inszeniert und war dann in diesem Hotel gelandet.

Er drückte seine Zigarette aus, löschte das Licht, blieb eine Weile reglos im Dunkel liegen, erhob sich wieder. Langsam näherte er sich dem Fenster, zog an der Schnur, nur so viel, dass der Vorhang sich in der Mitte eine Handbreit öffnete. Er war so gut wie sicher gewesen, nichts Verdächtiges unter den hohen Bogenlampen zu entdecken. Deshalb erschrak er, als er auf der gegenüberliegenden Straßenseite den dunklen Citroën stehen sah. Wegen des ungünstigen Sichtwinkels konnte er nicht erkennen, ob jemand in dem Auto saß, aber auch so war er überzeugt, dass der Wagen seinetwegen da stand. Ein dunkler Citroën hatte ihn auch schon bei Tag verfolgt, ein olivgrüner. Das Grün ließ sich nun nicht genau ausmachen, aber Grün war möglich. Ganz langsam zog er den Vorhang wieder zu, trat ins Zimmer zurück, dachte nach. Er brauchte nicht lange, um zu einem Entschluss zu kommen. Hier durfte er nicht bleiben. An Schlaf wäre nicht zu denken, und er brauchte einen Ort, an dem er mindestens fünf Stunden lang schlafen könnte, besser noch zehn. Er war froh, dass er seinen Koffer nicht ausgepackt hatte. Er nahm das Handtuch vom Kofferdeckel, rollte es zusammen, schob es zwischen die anderen Sachen, überlegte, ob er seine Beretta in die Tasche stecken sollte, nahm sie in die Hand, prüfte Kammer und Verschluss, legte dann aber doch die Waffe an ihren Platz zurück, zwischen die Reiseschreibmaschine und den Rekorder, eingewickelt in seinen Schlafanzug. Er schloss den Deckel.

Sein Zimmer hatte kein Telefon, aber neben der Tür, in den Holzrahmen eingelassen, befand sich eine Klingel für das Zimmermädchen. Er drückte auf den Knopf. Es war ein Versuch. Nach der Qualität des Hotels zu schließen, funktionierte die Klingel entweder nicht, oder nachts war niemand da, der auf das Zeichen achtete.

Aber nach zwei Minuten hörte er doch den Fahrstuhl, dann die Schritte auf dem Korridor, schließlich das Klopfen. Hanno Fries öffnete die Tür.

Es war der Portier.

»Sie haben geläutet?«

»Ja. Kommen Sie herein!«

Der Mann trat ein. Hanno Fries hatte sich schon zurechtgelegt, was er ihm sagen wollte. Frauengeschichten ziehen bei einem Portier fast immer.

»Ich werde beobachtet. Sehen Sie mal!«

Er schob den Portier durchs Zimmer, an dem Koffer vorbei, öffnete den Vorhang ein paar Zentimeter.

»Da unten, der Citroën. Entweder sitzt meine Frau darin, oder es sind Leute, die von ihr geschickt wurden. Ich muss hier raus. Das Hotel hat doch bestimmt einen Hinterausgang.«

»Nein, haben wir nicht«, sagte der Portier. Sie waren wieder vom Fenster zurückgetreten.

»Verflucht!« Hanno Fries konnte sich kaum beherrschen; es waren Zorn und Angst zugleich, die ihn so heftig reagieren ließen.

»Keine Chance also?«, fragte er, aber es klang eher nach einer Feststellung als nach einer Frage.

»Doch«, sagte der andere.

»Welche? Mann, nun reden Sie schon! Sie kriegen zwanzig…, Sie kriegen fünfzig Mark, wenn Sie mich hier rausbringen.«

»Im Keller gibtʼs eine Stahltür zum Nebenhaus. Sie wird fast nie benutzt, aber ich kann sie Ihnen aufmachen. Die ist noch von früher da. Aus dem Krieg. Luftschutz. Da musste wegen der Verschüttungsgefahr die ganze Häuserzeile…«

»Schon gut. Bringen Sie mich runter, aber lassen Sie uns gleich durchfahren bis in den Keller, damit man uns nicht in der Halle sieht. Das Auto steht zwar nicht direkt vor dem Hotel, aber weiß der Geier, ob da nicht noch jemand genau gegenüber in einem Hauseingang hockt.«

Hanno Fries nahm seinen Koffer auf. Es war ein festerSamsonite-Koffer mittlerer Größe, den er in den vergangenen fünf Tagen schon mindestens ein halbes Dutzend Mal in einem Schließfach deponiert hatte.

Sie traten hinaus auf den Flur, gingen zum Lift. In der engen Kabine ging es abwärts, am Parterre vorbei. Im Keller brannte eine nackte Glühbirne. Sie bewegten sich durch einen langen Gang, mindestens zwanzig Meter hatten sie zu gehen, und Hanno Fries war froh über jeden Schritt, den sie machten. Der Portier fingerte einen Schlüssel aus seinem Bund heraus, steckte ihn ins Schloss. Auch hier war einige Kraft erforderlich, ehe der Schlüssel sich drehte. Die Tür ging auf.

»Für Sie!« Hanno Fries steckte dem Mann einen Fünfzigmarkschein zu.

»Vielen Dank. Und das Zimmer kostet dreißig.«

»Natürlich, das hätte ich in der Eile beinah vergessen. Hier!«

»Danke.«

»Und drüben, im Nachbarhaus, wie komme ich da weiter?«

»Da gibt es einen Hinterausgang, der führt in einen Innenhof, einen langen Schlauch, und der geht dann bis zur nächsten Querstraße.«

»Und da? Gibtʼs da womöglich ein Tor, das verschlossen ist?«

»Nein, der Hof ist eigentlich eine Einfahrt. Am Tag stehen da Autos. Eine Sackgasse. Sie laufen durch bis zum Ende, und dann stehen Sie auf der Straße. Besser gehtʼs gar nicht. Da können vor und hinter unserem Hotel noch so viele Leute stehen, niemand sieht Sie.«

»Danke«, sagte Hanno Fries, und dann ging er.

»Gleich rechts!«, rief ihm der Pförtner noch nach. Die Tür schloss sich.

Es war dunkel. Hanno Fries tastete sich vor, bis er die Abzweigung fühlte, hielt sich rechts. Da sah er auch schon ganz schwach den hellen Schimmer hinter dem Fenster, vom Mond oder von der Lichtglocke, die jede Nacht über der Stadt hing. Die Tür war verschlossen, aber der Schlüssel steckte. Er öffnete, trat hinaus, drückte die Tür hinter sich zu. Fünf, sechs Sekunden brauchte er, um sich zu orientieren. Dann ging er weiter. Der Hof war tatsächlich angelegt wie eine schmale Straße. Er sah Autos, die am Ende des langen Schachts an der Durchfahrt vorbeisausten. Er beschleunigte seinen Schritt, was wegen des Koffers einige Mühe kostete.

Unter dem Torbogen blieb er einen Moment stehen, sah nach links, dann nach rechts. Die Bürgersteige waren leer. Er überquerte die breite Fahrbahn, ging ein Stück den Bürgersteig entlang. Er kannte sich jetzt aus, sah den beleuchteten Rathausturm, nahm die nächste Querstraße, die nach links führte, kam wieder an eine breitere Straße.

An der Ecke wartete er. Er wusste, hier fuhren Taxis. Nach wenigen Minuten hielt eines. Er schob den Koffer auf den Rücksitz, stieg ein, lehnte sich zurück. So hörbar atmete er auf, dass der Fahrer sagte:

»So aus der Puste?«

»Der Koffer«, sagte Hanno Fries, »bringen Sie mich ins HotelBabenbek!«

»Wo ist denn das?«

»Außerhalb. Ich sagʼ Ihnen den Weg. Es sind etwa vierzig Minuten.«

»Also, ab gehtʼs!«

Es ging durch nächtlich leere Straßen. Sie kamen gut voran. Am Stadtrand verfuhren sie sich einmal, aber mit Hilfe des Stadtplans, den der Fahrer bei sich hatte, kamen sie zurecht. Nach einer guten halben Stunde Fahrt stieg Hanno Fries aus, bekam in dem Drei-Sterne-Hotel, das zugleich auch Motel war, noch ein Zimmer. Er packte seinen Koffer aus, duschte, legte sich hin. Nach wenigen Minuten war er eingeschlafen.

2.

 

Stefan Hentrich roch an dem Flieder, hatte die volle Rispe zu sich heruntergezogen, drängte sein Gesicht gegen die violetten Blüten, schloss für einen Moment die Augen. Tief sog er den Duft ein. Es war Juni, und an diesem Morgen hatten sich die winzigen Kelche zum ersten Mal geöffnet. Gestern noch und an den Tagen davor hatte er sich denselben Zweig heruntergeholt, dabei aber kaum mehr verspürt als die Illusion eines Duftes. Er hatte die noch harten Konturen abgetastet, den kompakten Wabenbau bewundert, jeden Morgen von Neuem; wie ein schmaler verfärbter Maiskolben hatte die Rispe in seiner Hand gelegen. Heute endlich konnte er mit Erfolg daran riechen. Er spielte mit den Filigranblüten, fasste aber nicht fest zu.

Riechen ist schön, dachte er, ein verklärtes Schmecken, ein subtileres, reineres als das von Gaumen und Zunge, weil es nicht an den profanen Vorgang des Essens gekoppelt ist. Er ließ den Zweig los, beobachtete, wie die Rispe in den Busch zurückschnellte, wo sie sich, zusammen mit den anderen Blütentrauben, ausnahm wie ein zartblauer Besatz auf dunkelgrünem Kleid.

Er wandte den Kopf, sah hinüber in eine andere Ecke seines Gartens, dorthin, wo die weißen hingen, auch sie leuchtend vor dunklem Grund, aber bei ihnen hatte er den Eindruck von Unvollkommenheit oder doch von Normalität, vielleicht deshalb, weil so vieles andere ringsum auch weiß war, sein Haus, sein Gartenzaun, ein paar Wolkenfetzen am Himmel, das Kleid einer Frau, die in einiger Entfernung am Eingang des neuen Schulzentrums stand.

Weiß, so überlegte er, ist nichts Besonderes, ist das betont Farblose, ja, ist eigentlich die Nicht-Farbe oder jedenfalls die Verkörperung des Leeren, wenn ich zum Beispiel an unbeschriebenes Papier denke. Weiß ist auch kalt, und bestimmt ist von Weiß nicht die Rede, wenn jemand sagt: ein fliederfarbenes Tuch.

Eine ganze Weile noch sah er zur Schule hinüber, deren hoher, moderner Quaderbau an eine Werkhalle erinnerte. Er dachte an den Streit, den das Projekt vor einigen Jahren ausgelöst hatte. Gegen allen Protest der Anlieger hatte man geplant, das Gebäude in diesen idyllischen Randbezirk zu setzen, mitten hinein in die aus Äckern und Wiesen und Gärten gefügte Landschaft, die der bis dahin geschaffene kleine Bestand an Einfamilienhäusern nicht störte. Störung oder gar Zerstörung war erst durch den voluminösen Schulbau angedroht, aber das Argument der Behörden war so lapidar wie stichhaltig gewesen: Warum sollte gerade die Jugend nicht auch die Idylle haben? Die Erwiderung der Bürgerinitiative, mit der Idylle sei es vorbei, sobald der Kasten die Landschaft beherrsche, hatte einer der Stadtväter zynisch entkräftet: Das treffe nicht zu, zumindest nicht für die Jugend, denn sie sehe ja gar nicht auf den Kasten, sondern aus ihm hinaus und also doch in die Idylle. Jedenfalls hatten die Befürworter des umstrittenen Standortes sich schließlich behauptet.

Er dachte an diesen Streit, durch den der Bau hinausgezögert, aber nicht verhindert worden war und in dem auch er eine Rolle gespielt hatte, zwar nicht als Vertreter einer der beiden gegnerischen Gruppen, sondern als Berichterstatter derWoche.Sein eigenes Haus war später entstanden, vor einem Jahr erst. Da war die Schule bereits in Betrieb genommen, und heute sprach kaum noch jemand darüber, dass sie störte, denn mittlerweile war um sie herum eine neue Ortschaft entstanden, eine Satellitenstadt mit Läden und Handwerksbetrieben und Parkplätzen. Viele der neu angesiedelten Familien waren um ihrer Kinder willen froh gewesen, eine Schule in der Nähe zu haben, ja, manch eine war überhaupt erst durch die Existenz einer nicht nur die Grundstufe, sondern auch die Sekundarstufen umfassenden Lehranstalt dazu ermuntert worden, die Innenstadt zu verlassen und in dieses Randgebiet zu ziehen.

Indes ließ sich das Verebben des Streites auch ganz anders deuten, simpler: Man redete nicht mehr von der Idylle, weil sie nicht mehr da war und die meisten der Bewohner sie gar nicht gekannt hatten.

Die Frau hatte das Gebäude betreten. Vielleicht ist sie eine Lehrerin, dachte Stefan Hentrich, aber dann korrigierte er sich: Eine Lehrerin unterrichtet gewiss nicht in einem weißen Kleid; es könnte eine Mutter sein, die ihr Kind abholt. Es war kurz vor halb elf. In wenigen Minuten würde es zur großen Pause läuten, er konnte das bis zu seinem Garten herauf hören. Der Hof würde sich füllen, einige der unteren Klassen würden dann schon mit ihrem Tagespensum fertig sein. Er wusste genau, was kurz nach dem Läuten in dem Gebäude vor sich ging, hatte es hundertmal durch die Glaswände und durch die großen Fenster beobachtet: das Hinunterstürmen der Schüler und Schülerinnen über Korridore und Treppen; in der Vorhalle dann, an der bronzenen Mädchenplastik, die Teilung des Pulks in zwei Ströme, in den einen, der in den Schulhof, und den anderen, der in die Straße mündete. Vierzehn Tage würde es nun noch so gehen, dann würde es für Wochen leer sein da unten, in vierzehn Tagen begannen die Sommerferien.

Ferien, dachte er. Jetzt war Anfang Juni, genau die Zeit, zu der er früher, als er noch in der Stadt wohnte, seinen Urlaub vorbereitete, die Koffer packte, den Jaguar checken ließ, Milch und Brötchen abbestellte, seine Wohnung verschloss und nach Rhodos reiste, fast immer nach Rhodos. Vor zwei Jahren war er das letzte Mal dagewesen. Tage mit Andrea. Und Nächte. Rhodos nie wieder, dachte er nun, und Andrea nie wieder. Korsika vielleicht oder Capri, aber frühestens im übernächsten Jahr, wenn überhaupt. Rhodos nicht mehr und Andrea nicht mehr. Auch nicht die Erlers. Nicht mal mehr Hanno, Hanno Fries, und dabei hätte er damals schwören mögen, eher ginge die Welt in Stücke, als dass Freunde wie Hanno und er auseinandergingen. Und nun doch: auch nicht mehr Hanno.

Und natürlich nie mehr der›Hirsch‹. Es war spleenig, einen Jaguar einen Hirsch zu nennen, aber Hanno war eines Tages auf diesen Namen gekommen. Vor drei Jahren. Im Mai. Sie jagten auf Salzburg zu, und der Motor röhrte, klang so kehlig, und da sagte Hanno, der auf dem Beifahrersitz saß: »Mein Gott, Stefan, wie es bei dir wieder mal brunftet!« Und daraus war dann der Hirsch geworden. Hannos Sprüche waren meistens gut. Auf derselben Fahrt sagte er, als sie die Ausfahrt Rosenheim passiert hatten und die acht Zylinder auf Touren kamen: »Gleich können wir die Gurte lösen und rauchen, wir heben schon ab.«

Und nun stand der Hirsch in der Garage, dunkelblau, verstaubt, stumm; museal wie so viele andere Dinge aus Stefan Hentrichs vergangenen Jahren.

 

Immer noch war sein Blick auf die Schule gerichtet. Die Pause hatte begonnen. An manchen Tagen saß er hier und beobachtete das Treiben auf dem gepflasterten Hof durch ein Fernglas, holte sich die Gesichter heran, Jungen und Mädchen, Sextaner, Pubertierende, Abiturienten, oder verfolgte ihre Schritte, die langsamen, die zum Memorieren gehörten und zum Schulbrot, und die schnellen, das Tickspiel zum Beispiel oder die Jagd nach dem Ball.

Manchmal entwarf er, in loser, verspielter Manier, Schicksale für die jungen Leute, fixierte das bleiche Gesicht eines Primaners, der, mit einem Text in der Hand, verdrossen auf der Brüstung des Springbrunnens saß, und versah ihn mit Zukunft. Meistens entwickelte er Möglichkeiten, die zu dem jeweils beobachteten Eindruck in Widerspruch standen, zauberte zum Beispiel dem Jungen ein befreiendes Dasein in den Wäldern Kanadas, vielleicht eines mit Blockhütte und einem Feuer davor und über dem Feuer eine Elchlende am Spieß, von der der Saft heruntertroff. Sogar Düfte erfand er, den Duft von Gebratenem, vermischt mit dem herben, harzigen Geruch von Kiefern.

Oder er verfuhr rigoros mit dem Pausenglück einer Zehnjährigen, belud ihren künftigen Weg mit allerlei Erschwernis, einem unheilbaren Gebrechen, einem missglückten Abitur, einer zerbrochenen Liebschaft. Manchmal auch nahm er ein bisschen erfundene Vergangenheit zu Hilfe, versetzte den aus dem Schulhofgewimmel Ausgewählten in häusliche Miseren, in ein Waisendasein etwa, oder hängte ihm Zerwürfnisse an, um ihm das Ausmaß einer besseren Zukunft zu erweitern.

Aber ob es nun Glück oder Unglück war, womit er die jungen Menschen ausstattete - nie war es so, dass er es ihnen ausdrücklich wünschte, er erwog es nur, und ebenso wenig war dabei etwas von der Kraft eines Sehers im Spiel, sondern immer nur ging es um die Vielfalt der möglichen Veränderung, von der jeder weiß. Ihn erregte der Gedanke, dass irgendwann irgendetwas sich in das Leben dieser jungen Geschöpfe einmischte, sanft oder gewaltsam, gütig oder böse, definitiv oder wiederum mit einer Vielfalt neuer Ansätze zur Veränderung. Immer ging er in seinen vagen Spekulationen von der Erkenntnis aus, dass die tausend verschiedenen Leben, von denen ein paar Minuten sich vor seinen Augen abspulten, so, wie er sie vorfand, nicht blieben, sondern dass jedes von ihnen dem Wandel ausgesetzt war.

 

Heute hatte er sein Fernglas im Haus gelassen. Er musste gleich wieder hinein. Um elf wollte sein Vater kommen, und der war ein pünktlicher Mann. Auch morgen würde es da unten nichts zu sehen geben, morgen war Sonntag. Aber übermorgen. Vielleicht, wenn die Sonne da wäre und kein Wind wehte, könnte er wieder draußen frühstücken. Übermorgen, aber nun musste er erstmal wieder ins Haus.

Er ließ die Arme, die angewinkelt auf den Lehnen gelegen hatten, fallen, griff links und rechts in die Räder, setzte sich in Bewegung. Der Stuhl rollte lautlos über den Weg aus Waschbetonplatten, deren unterschiedlicher Farbton immer noch seinen Unmut erregte. Die Gartenbaufirma hatte den Weg zunächst falsch angelegt, hatte einige Dutzend Platten im Schrittabstand voneinander wie kleine Inseln in den Rasen eingelassen, für den Hausherrn nicht benutzbar, sie dann wieder herausgenommen und zusammen mit anderen, die mehr ins Graue gingen statt ins Rötlichbraune, zu einem durchgehenden Fahrweg neu ausgelegt.

Vor der Terrassentür beschleunigte er, um die leichte Steigung zu bewältigen. Der Schwung reichte noch für das Passieren der breiten, automatisch funktionierenden Terrassentür. Er rollte ein, gab noch etwas Fahrt, kurvte um den Wohnzimmertisch herum, fuhr durch bis in die Küche, holte aus dem Schrank, was sein Vater gern mochte, Salzmandeln, Oliven, Käse, auch eine neue Flasche Hennessy, stellte alles auf einem Tablett zurecht, dazu Gläser und kleine Teller. Mit dem Tablett auf dem Schoß rollte er ins Wohnzimmer zurück, lud die Sachen ab, manövrierte sich zum Schreibtisch hinüber.

Es fehlten zehn Minuten bis zur Ankunft seines Vaters. Er war froh, dass es bis dahin noch ein paar kleine Dinge zu tun gab. Er ordnete einige Bücher und Zeitungen und heftete Bankauszüge weg, die mit der Post gekommen waren. Dann sah er die Reklamesendungen durch, vier waren es diesmal, alle an diesem Morgen gekommen. Er sparte sich die Mühe, sie zu zerreißen, schob drei von ihnen über den Papierkorb-Rand, als wäre da der Schlitz eines Briefkastens. Die vierte ließ er auf dem Tisch liegen, sah sie sich lange an. Es war ein Werbeprospekt für ein Paar Skier aus Glasfiber mit neuartiger Bindung. Er stand nicht über der Sache, machte sich nicht klar, dass Kundenkarteien selten mehr enthalten als den Namen und die Anschrift, manchmal noch das Alter und den Beruf, aber gewiss nie die Krankengeschichte. Und so gab er sich eine Weile seiner Empörung hin. Um solche Zuschriften gelassen vom Tisch zu bringen, fehlten ihm Abgeklärtheit und Distanz. Er war vierunddreißig, und das Unglück lag nun dreizehn Monate zurück. Aber dann tat er das Faltblatt schließlich doch zum Abfall.

Abrupt drehte er den Stuhl herum. Das ging in Sekundenschnelle. Er hatte es oft und mit Ausdauer geübt und es darin bis zur Perfektion gebracht. Es klappte wie das Pistolenziehen der Westernhelden, und tatsächlich hatte ihm deren virtuoser Umgang mit der Waffe so manches Mal während der Übung vorgeschwebt. Auch er betrieb die blitzschnelle Positionsänderung wie ein Spiel. Dabei war sie mehr: ein ständiges Training, das seiner Sicherheit dienen sollte. Er litt, seit er seine Beine verloren hatte, oft unter der krankhaften Einbildung, im Rücken bedroht zu sein. Die Gewissheit, niemals weglaufen zu können, hatte dieses Trauma erzeugt, und so hatte er schon bald nach der Entlassung aus der Klinik angefangen, die sekundenschnelle Drehung des Rollstuhls zu üben. Oft tat er es unbewusst oder aus einer Laune heraus, so wie die Cowboys mitunter aus einer Laune heraus mit ihrem Colt spielen, ihn um die Hand wirbeln, und darum beließ auch er es hin und wieder nicht bei der einen Wendung, sondern drehte weiter, immer weiter und immer schneller, und dann wurde allerdings wirklich ein Spiel daraus.

Er sah in den Raum. Es war der größte seines Hauses, ein Zimmer von sechzig Quadratmetern. Er nannte es sein Rollfeld. Oft fuhr er eine Viertelstunde lang immer wieder um den Tisch herum, manchmal rückwärts oder mit geschlossenen Augen, bis er irgendwo anstieß. Es standen nur wenige Möbel in dem Zimmer, der Tisch, der Schreibtisch, eine Couch, einige Stühle, an den Wänden ein paar Regale mit Büchern, ein Plattenspieler, ein Fernsehgerät. Er brauchte freie Flächen.

Überhaupt war das ganze Haus auf ihn zugeschnitten, war in vielen Details seinem behinderten Dasein angepasst. Es war eingeschossig und hatte an Terrasse und Haustür nicht die übliche Sockelhöhe, sondern der Estrich schloss bündig mit den Zuwegungen von Garten und Straße ab. Das Grundstück war eben, abgesehen von einer ganz sanften Steigung zum Haus hin, auf der der Architekt wegen des Regens und der Schneeschmelze bestanden hatte.

Die Zimmertüren, sogar die zu den Nebenräumen, waren extrem breit, und sie hatten keine Schwellen. Sie öffneten und schlossen sich automatisch. Es waren Schiebetüren, die durch den Druck des heranrollenden Stuhls auf den Fußboden in Gang gesetzt wurden. Auch alle Schränke im Haus hatten Schiebetüren. Die Fensterbänke, Tische und Simse maßen etwa zehn Zentimeter unter Normalhöhe, die Lichtschalter waren tiefer angebracht als in anderen Häusern, sogar Herd und Spüle waren niedrige Spezialanfertigungen, und die Wanne in seinem Badezimmer war in den Fußboden eingelassen.

Es gab im ganzen Haus keine hoch hängenden Borde, und auch die stehenden reichten ebenso wie die Schränke nicht über anderthalb Meter hinaus. Die Bilder hingen, wie es für den Betrachter am bequemsten ist, in Augenhöhe, aber eben in Stefan Hentrichs Augenhöhe, und das bedeutete, dass jeweils die Bildmitte sich nur einen Meter über der Fußleiste befand.

Doch mit dieser vielfältigen Besonderheit im Detail war es damals, als das Haus gebaut und eingerichtet wurde, nicht genug gewesen. Wenige Tage nach Fertigstellung hatte Stefan Hentrich zusammen mit dem Architekten die Räume und ihre Einrichtung begutachtet, alles zunächst für brauchbar befunden, hatte mit Lob nicht gespart, doch dann war er plötzlich mit seinem Stuhl stehengeblieben, hatte lange von der Küchentür her in sein Wohnzimmer gestarrt, erschrocken, ja, wie versteinert und schließlich, dem Architekten war der entsetzte Blick seines Bauherrn schon unbehaglich geworden, ausgerufen: »Mein Gott! So geht es nicht! Diese verkrüppelte Optik macht mich fertig. Man kann nicht die Einrichtung einer Puppenstube wählen und dazu eine Zimmerhöhe für Riesen!« Und so musste im ganzen Haus die lichte Höhe der Räume um einen viertel Meter vermindert werden. Das hatte sich machen lassen, war auch von den Bauvorschriften her nicht auf Schwierigkeiten gestoßen, weil es nur um die Optik gegangen war und deshalb genügt hatte, eine zweite, abgehängte Decke zu schaffen, die ursprüngliche also erhalten blieb und auch die Sturzkonstruktion der Türen nicht beeinträchtigt wurde. So hatte Stefan Hentrich sein Haus bekommen, eines, das seinen veränderten Bedürfnissen angepasst war.

Als er nun vom Schreibtisch her durch den großen Raum sah, dachte er daran, dass er ein noch ziemlich junger Hausbesitzer war, von der rund hundertfünfzigköpfigen Mannschaft derWoche,zu  der er noch vor gut einem Jahr gehört hatte, gewiss der jüngste. Aber er dachte auch daran, dass das Leben in seiner Dreizimmerwohnung in der Stadt tausendmal schöner gewesen war. Und beinah war es Liebe, mit der er sich der sechsunddreißig Treppenstufen erinnerte, die er in jener Zeit mehrmals täglich bewältigt hatte.

Er rollte bis an den Tisch vor, zündete sich eine Zigarette an, dachte: Und wie schön war es erst, über diese drei Dutzend Stufen zu zweit nach oben zu stürmen oder auch zu taumeln, nachts, um elf oder um zwei oder auch frühmorgens um fünf, nach ausgiebigem Feiern, aber oft auch mittags oder nachmittags, an scheeläugigen Nachbarn vorbei.

Nun war ihm einer der ältesten Menschenwünsche erfüllt: ein Haus zu besitzen. Ihm war gegeben, Herr zu sein über sechs Zimmer und einen Garten, ein Namensschild an der Tür zu haben, das sich auf neunhundertvierzig Quadratmeter Grund und Boden bezog, und er fand das alles zum Kotzen.

3.

 

Im HotelBabenbekschmeckte Hanno das Frühstück. Er aß nicht auf der Terrasse, nicht vor der großartigen Kulisse aus Kiefern und Fichten und mit dem Durchblick zum See, sondern in seinem Zimmer, hinter zugezogenen Vorhängen. Das war eine alte Gewohnheit. Er war Journalist, und seine besten Arbeitsbedingungen waren die Isolation eines Hotelzimmers und ein ausgedehntes Frühstück, bei dem er Seite um Seite seines Notizblocks füllte.

Heute arbeitete er nicht, dennoch frühstückte er im Zimmer, und diesmal war es die Gefahr, die ihn davon abhielt, sich hinauszubegeben in den offenen Tag. Zwar fühlte er sich in diesem abgelegenen Hotel relativ sicher, aber die vergangenen fünf Tage hatten ihn gelehrt, auch dann auf der Hut zu sein, wenn alle Anzeichen dafür sprachen, dass niemand ihn beobachtete.

Er hatte einen guten Appetit. Es war seit langem die erste ungestörte Mahlzeit, und er war ausgeschlafen. Die Sorge war zwar geblieben, aber zum ersten Mal, seit sie hinter ihm her waren, hatte er eine längere Atempause und deshalb auch den für eine klare Sicht erforderlichen Abstand.

Sie werden nicht aufgeben, dachte er;sie werden mich jagen, bis sie mich in der Ecke haben. Vielleicht werden sie mich nicht töten, sondern mich sorgfältig verpacken und irgendwohin verfrachten, wo sie dann mit mir machen können, was sie wollen, aber ob das dann besser ist als der Tod, bleibt dahingestellt. Ich darf mich von ihnen nicht in die Ecke drängen lassen.

Er schenkte Kaffee nach, zündete eine Zigarette an, und er hatte sogar Zeit, an Vietnam zu denken, an seinen Einsatz mit Stefan Hentrich in den Hobo-Wäldern bei Saigon. Es war nicht abwegig, in diesen ersten ruhigen Stunden daran zu denken, weil die Lage damals, vor fünf Jahren, seiner jetzigen verwandt war, mit dem einen Unterschied allerdings, dass er sich nun mitten in der Bundesrepublik Deutschland befand, nicht im minenverseuchten Dschungel also, und er Stefan nicht dabei hatte, seinen Freund und Kollegen Stefan Hentrich, der jetzt wahrscheinlich, wenn sein Vater nicht übertrieb, im Rollstuhl vor seinem Panoramafenster saß, durchs Fernglas Schulkinder zählte und seine Neurosen pflegte.

Damals, einundsiebzig, hatte Stefan seine Beine noch. Die beiden Freunde waren als deutsche Reporter bei der US-Army akkreditiert und der 2nd Squadron, 11. Armored Cavalry, zugeteilt worden. Der amerikanische Rückzug war schon im Gange, und das Headquarter hatte angeordnet, in der letzten Phase der US-Anwesenheit noch so viele Vietcong auszuschalten wie möglich:›to destroy‹, wie es in der Order unmissverständlich hieß. Die Hobo-Wälder galten auf den Karten der Nationalen Befreiungsfront seit vierundsechzig als›befreite Gebiete‹. Die Amerikaner hatten sich ein bestimmtes System ausgedacht, um die im VC-Country versteckten Feinde aufzustöbern und ihnen den Garaus zu machen. In Abständen von zwanzig bis fünfundzwanzig Kilometern hatten sie sogenannte›firebases‹errichtet, kreisrunde Festungen mit einem Schutzring aus Betonwällen und Minenfeldern. In diesen›bases‹operierte die Artillerie mit einem Aktionsradius von zwölf Kilometern.

Von den Festungen schwärmten kleine, etwa acht bis zehn Mann starke Patrouillen in die Wälder aus, um die Kongs aus ihren Nestern zu scheuchen und deren Standort an die Artillerie zu melden. Und dann setzte die Vernichtungsmaschinerie ein, computergelenkt, mit gnadenloser Präzision, unterstützt von den Cobra-Gunships, den mit Raketen ausgerüsteten Hubschraubern.

In jenen Tagen empfanden manche der kriegsmüden GIs nur noch geringe Bereitschaft, auf Patrouille zu gehen, sozusagen auf dem Marsch nach Haus noch einmal den Kopf hinzuhalten, und mehr als einmal hörten Stefan Hentrich und Hanno Fries die Männer sagen: »Do youwant to be the last American killed in the Nam?« Nein, das wollte niemand, aber der Befehl kehrte sich nun mal nicht an das, was die Männer wünschten.

Und einmal machten Stefan und Hanno eine solche Patrouille mit. Als der Captain sie kurz vor dem Abmarsch nach ihren Waffen fragte, konnten sie nur ihre journalistischen Gerätschaften aufzählen: die Schreibmaschine, den Rekorder, dieNikon-Kamera und sogar die schwereHasselblad,obwohl sie die noch nicht einmal ausgepackt hatten.

»Youʼre crazy!«, sagte der Captain, und er ließ zwei GIs wecken, die den Schutz der beiden German Noncombatants übernehmen sollten. Der eine, ein baumlanger Schwarzer aus Chattanooga in Georgia, trommelte, als er begriffen hatte, worum es ging, mit den Fäusten gegen seine Stirn und rief: »Oh, fuck it! My motherʼs son will be killed for a damned German newspaper!« Stefan und Hanno sahen sich an, eine weitere Absprache war nicht nötig. Sie nahmen den beiden ihre MPs ab, ließen die Kameras liegen und zogen mit der Patrouille los. Anderthalb Stunden später, im Dickicht, holten sie einen versprengten Kong aus seinem Erdloch. Er war bis an die Zähne bewaffnet, aber die beiden hatten den Vorteil des schnelleren Anschlags, und so kam der kleine Asiate, der sich wie ein Tier aus den breiten Farnblättern herausschälte, gar nicht dazu, sich seiner Waffen zu bedienen. Hanno nahm sie ihm ab und sagte: »Get away here!« Seine MP war, wie auch die Stefans, auf die Brust des Mannes gerichtet, der kaum größer war als ein Schuljunge und sie aus seinen dunklen, schmalen Augen fixierte. Er rührte sich nicht, war nur aufgestanden, hatte die Hände auf dem Helm zusammengelegt und wartete reglos und stumm auf seinen Tod. Hanno sagte noch einmal, drängend, nervös, weil er nicht wusste, wie nah die GIs waren: »Get away here!«, und er fegte mit dem Arm durch die Luft, als verjage er Hühner.

Ganz langsam bewegte sich der Kong rückwärts, dabei gingen seine Augen ungläubig hin und her zwischen den beiden Deutschen. Er stieß gegen eine Baumwurzel, drehte sich um, lief, und Stefan und Hanno hätten schwören mögen, bei jedem Schritt sei sich der Flüchtende der Kugel zwischen seinen Schulterblättern sicher gewesen.

Als er in dem Gewirr der Zweige verschwunden war, sagte Stefan, und es klang beinahe wie eine Entschuldigung: »Denn eigentlich hätten wir ja mit derNikonhier herumgestanden, und das hätte er dann auch überlebt.«

»Aber wir nicht«, sagte Hanno.

 

Es war ein zwiespältiger Zustand gewesen damals, einundsiebzig, in den Wäldern von Hobo; einerseits mitten hineingestellt in das Desaster und fast auf Hüftkontakt mit dem schwerbewaffneten Gegner durch den Dschungel kriechend, andererseits nur zum Tragen einer Kamera berechtigt. Denn wen unter den verbissen kämpfenden Kongs hätte es schon beeindruckt, wenn da jemand in GI-Uniform mit seinem Noncombatant-Ausweis herumwedelte und erklärte, er sei nur Journalist, selbst wenn er, um sich auch sprachlich von den GIs zu distanzieren, schrie: »Je suis journaliste! Je suis journaliste!« Oder es womöglich auf Deutsch brüllte oder auf Vietnamesisch.

 

Und nun war für Hanno Fries die Frage des Waffenbesitzes wieder akut. Wieder durfte er, den Gesetzen nach, keine bei sich haben, und wieder hatte er eine. Für die Beretta in seinem Koffer existierte kein Waffenschein. Auch andere Begleitumstände seiner jetzigen Lage waren dem Kampf von damals in den Wäldern ähnlich. Der Feind war versteckt, lag irgendwo im Hinterhalt, und jeden Augenblick konnte er aus dem Schatten treten. Von Marseille bis hier herauf nach Hamburg hatten sie ihn verfolgt, weil sie fürchteten, er habe Beweise für ein schweres Verbrechen, das sie begangen hatten. Ein Schiff war explodiert und gesunken, draußen auf der Reede, und es hatte fünf Tote gegeben, und jetzt ging es um eine achtstellige Versicherungssumme, deren Zahlung dieser ausgekochte deutsche Zeitungsmann nicht nur verhindern, sondern womöglich in eine Begleichung ganz anderer Art verwandeln konnte.

Er dachte auch an Stefan. Sogar mit besonderer Hingabe dachte er an ihn, dessen Leben einen Verlauf genommen hatte, den jede jemals in Erwägung gezogene Entwicklung im Ausmaß überstieg. Er dachte an ihn, weil er ihn sich herbeiwünschte, denn schon die Nähe des Freundes hätte ihm die Lage erleichtert. Aber es war der Stefan Hentrich von einundsiebzig, den er herbeisehnte. Damals, in den Hobo-Wäldern, und auch später, im Kongo oder auch bei friedlicheren Unternehmungen wie der gemeinsamen Sylt-Reportage, hatte sich Stefan immer als verlässlicher Freund und obendrein als ein Mann mit brauchbaren Ideen erwiesen. Und selbst wenn die Ideen entfielen, weil die Lage zu unübersichtlich war, hatten die Gespräche mit ihm wenigstens für Humor und Optimismus gesorgt. Doch heute?

Hanno drückte seine Zigarette aus, unangemessen heftig, weil Unmut und Enttäuschung ihm in die Finger gerieten. Heute war mit Stefan nicht mehr viel Staat zu machen. Natürlich, die Beine. Wer bleibt bei so etwas schon derselbe? Wohl niemand. Aber bei Stefan war es besonders schlimm mit der Veränderung. Hanno nahm es ihm nicht übel, dass er sich isolierte und dabei sogar ihre Freundschaft aufopferte, eine Freundschaft, die Andrea manchmal mit dem Unterton der Eifersucht ein Stahlband genannt hatte. Er nahm es ihm nicht übel, aber das hinderte ihn nicht, einen profunden Schmerz zu empfinden, wenn er an Stefan dachte. Ihre Freundschaft war, und das kam der von Andrea benutzten Metapher sehr nahe, in Vietnam und im Kongo, in Karatschi und Tel Aviv und an manch anderem Krisenort gestählt worden, und so war er, Hanno, für Stefan zum Inbegriff jener ereignisreichen Jahre, zur personifizierten Erinnerung an seine mobilste und erregendste Zeit geworden. Und dann der Stuhl! War es da nicht folgerichtig, dass er gerade den Menschen nicht mehr in seiner Nähe ertrug, der wie kein anderer jene bewegten Zeiten heraufbeschwor und damit das gegenwärtige Elend doppelt deutlich machte? Hanno verstand den Freund, aber nicht um einen Deut verringerte das seine Trauer.

Er stand auf. Es war bei ihm schon zur Manie geworden, von Zeit zu Zeit ans Fenster zu treten und durch die nur handbreit geöffneten Vorhänge nach draußen zu sehen. Er tat es auch jetzt, sah Sommerwiesen mit weidendem Vieh, in einiger Entfernung eine Bauernkate, weiter hinten Hügel. Nichts Verdächtiges, aber er war sich darüber klar, dass dieser Blick von der Rückfront des Hotels ihn nur halb beruhigen durfte. Die Landstraße vor dem Gebäude und der gegenüberliegende Obstgarten mit den Hunderten von Apfel- und Kirschbäumen waren das viel gefährlichere Terrain.

Doch dort wollte er nun nicht auch noch nachsehen. Manchmal, so dachte er, führt gerade diese Art, sich absichern zu wollen, zum Verhängnis; man steckt die Nase aus dem Bau, und dabei wird die Nase gesehen. Eigentlich können sie nicht hier sein, dachte er. Der Weg durch den Hotelkeller und über den langen Hof war genau die Mischung aus Glück und Trick, die ich brauchte, um aus der Falle herauszukommen. Anders wäre es schon gewesen, wenn der Hof noch zum Hotel gehört hätte, denn dann hätten sie vielleicht auch da einen Mann gehabt. Er dankte den Stadtplanern, die in den zwanziger oder dreißiger Jahren in jener Gegend solche Verschachtelungen geschaffen hatten, die ihm nun, ein halbes Jahrhundert später, die Flucht vor seinen Verfolgern ermöglicht hatten. Die Jagd auf ihn hätte in dem kleinen, schäbigen Hotel zu Ende sein können.

Wenn sie ihn wirklich nicht bis insBabenbekverfolgt hatten, war seine Lage jetzt viel günstiger als zu jeder Stunde der vergangenen fünf Tage. Aber wie würde es weitergehen? ImBabenbekkonnte er nicht bleiben. Irgendwann würden sie ihn auch hier ausfindig machen, es sei denn, er hockte täglich und stündlich in seinen vier Wänden, wie ein invalider Mann, etwa so wie Stefan. Dazu war er nicht geschaffen, er würde verrückt werden. Sollte er irgendwann einmal, vielleicht wegen eines anderen brisanten Falles, gezwungen sein, unterzutauchen, dann hätte das in anderer Form zu geschehen, weiter entfernt jedenfalls und dann so, dass er jederzeit das Haus verlassen und seiner Wege gehen und bestimmt auch mit einer neuen Arbeit beginnen könnte, ohne Sorge, ohne Angst, mit der Sicherheit eines Mannes, der von irgendwoher zugezogen ist und schrittweise in seine neue Umgebung hineinwächst. Er würde mit allen etwaigen Härten fertig werden, nur eines dürfte es nie geben: die totale Abkehr von seinem Beruf, den er liebte und den er manchmal mit seiner ganzen Liebe anfeindete und der ihm in den Adern steckte wie sein Blutbild. Er würde nie der Mann sein, der sich irgendwo ein Haus baut, für ein mittleres Blatt die Lokalseite übernimmt und dann Jahrzehnte hindurch über das Auftreten von Kirchenchören berichtet, von Schuleinweihungen und Tagungen der Imkervereine, Sparkassenmitglieder und Jungunternehmer. Er hatte nichts gegen diese Version seines Metiers, er erkannte ihre Bedeutung an und wusste, dass es verdammt gute Leute auch in den kleinen Redaktionen gab. Es war einfach eine Typenfrage, für welche Sparte des Journalismus man sich entschied. Und er war eben der Typ, den so etwas wie die Unruhe des Söldners trieb.

Seine Gedanken kehrten zu dem Fall zurück, der ihn jetzt in Atem hielt, und nicht zum ersten Mal in diesen Tagen wog er ab, ob für ihn schon die Pflicht bestünde, zur Polizei zu gehen. Die Polizei, das war die Klippe, an der die Exklusivität seiner Story scheitern könnte. Er glaubte, noch nicht genug Beweise in der Hand zu haben, um zur Meldung verpflichtet zu sein, jedenfalls redete er sich das ein, und er war froh darüber, dass ihm das noch gelang. In Fällen wie diesem, die sich groß anließen, weltweit und riskant, beharrte er, so lange es sich machen ließ, bis zur Starrköpfigkeit auf der eigenen Initiative. Darum keine Polizei. Wenn schon nicht mit Stefan, dann mit niemandem, sagte er sich. Stefan, das war etwas anderes, war im Grunde keine fremde Hilfe, sondern ein Teil seiner selbst. Aber Stefan entfiel, und so wollte er lieber einsam bleiben im Kampf gegen seine Verfolger.

Er ging ins Bad, rasierte sich. Auch das war eine seiner Gewohnheiten, sich zwischen der zweiten und dritten Tasse Kaffee zu rasieren oder auch zwischen der dritten und vierten, jedenfalls das Frühstück für den letzten Teil der Morgentoilette zu unterbrechen, damit ein weiteres Mal eine Art Anrecht entstand, sich wieder zu Tisch zu begeben, Kaffee einzuschenken und eine Zigarette zu rauchen, die immer noch als Frühstückszigarette gelten konnte.

Im Spiegel stellte er fest, dass der lange Schlaf seinem Aussehen gutgetan hatte. Die Falten waren zwar noch da, aber der Blick war klarer als am Abend vorher, die Augen nicht mehr gerötet. Er hatte es immer vorgezogen, sich nass zu rasieren, er brauchte den Schaum und das nasse Messer, die Trockenrasur war ihm zu staubig.

Er hob das Messer, setzte es vor dem rechten Ohr an, da zuckte er zusammen. Es war wie der Reflex auf einen elektrischen Schlag. Gleichzeitig spürte er ein Stechen im Hinterkopf, ganz kurz nur, dann war der Schmerz vorbei, aber eine eigenartige Irritation blieb noch für eine Weile in der hinteren Kopfzone, ein Gefühl, als kröche da ein Tier an seinem Nacken hoch. Dann hörte auch das auf, wechselte über in eine Taubheit, doch nicht in die der Ohren, sondern in eine Taubheit des Schädels. Es tat nicht weh, war aber unangenehm. Er kannte diesen Zustand nur von eingeschlafenen Füßen. Er legte den Rasierapparat auf den Waschbeckenrand, rieb sich den Hinterkopf. Das taube Gefühl blieb. Er zog seinen Bademantel aus, stellte sich zum zweiten Mal an diesem Morgen unter die Dusche, klinkte die Handbrause aus und führte das heiße Wasser immer wieder über den Hinterkopf, fünf Minuten lang.

Dann war es vorbei. Er trocknete sich ab, hielt zwischendurch mit dem Reiben inne, um zu prüfen, ob es wirklich vorbei war mit allem, dem Schmerz, der Irritation, der Taubheit. Schließlich rasierte er sich zu Ende. Er fühlte sich gut.

Ich kriegʼs wohl nun im Kopf, dachte er, als er wieder am Tisch saß; Stefan hatʼs mit den Beinen, und ich habʼ womöglich ʼne Macke. Ein tristes Paar, ein lahmarschiges Duo, ein verschlissenes Team. Aber dann lachte er in sich hinein, schenkte Kaffee nach und zündete sich eine Zigarette an. Hin und wieder überprüfte er, ob sein Kopf wirklich wieder in Ordnung war, schüttelte ihn heftig und hielt ihn gleich darauf eine Weile ganz still, um zu lauschen, so als könnte da nun irgendetwas lose scheppern. Nichts. Er klopfte die Schädeldecke ab. Nichts. Er dachte: Hanno Fries, der Hypochonder.

Aber jedenfalls war für eine halbe Stunde die Sorge, die ihm seine Verfolger bereiteten, aus dem Zimmer gewesen, denn darauf, dass ein Zusammenhang bestehen könnte zwischen der seltsamen Erscheinung in seinem Kopf und denen, die diesen Kopf haben wollten, kam er nicht.

4.

Sie saßen sich gegenüber: Stefan und sein Vater, vor dem großen, niedrigen Fenster, das den Blick nach Nordwesten und damit auf den etwas tiefer gelegenen Teil der Siedlung freigab, zu dem auch die Schule gehörte. Sie saßen da seit einer halben Stunde, rauchten und tranken. Zwischen ihnen, auf einem fahrbaren Beitisch, standen Gläser, Teller, Aschenbecher, die Cognac-Flasche; Oliven, Salzmandeln, Käse.

Der Vater aß reichlich. Er hatte keinen Hunger, kaum Appetit, aber er aß von den Sachen, die sein Sohn ihm hingestellt hatte. So war es meistens, er aß, und er lobte, was er aß, und hätte doch lieber nicht gegessen, aber er war nicht nur ein pünktlicher Mann, sondern auch konsequent und hilfsbereit, und er hatte nun mal die Überzeugung, es helfe seinem Sohn, wenn man ihm das Gefühl gab, er sei ein guter Gastgeber.

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