Toni Morrison - Heidi Thomann Tewarson - E-Book

Toni Morrison E-Book

Heidi Thomann Tewarson

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Beschreibung

Die umfassendste Darstellung von Leben und Werk der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. Toni Morrison (1931–2019) ist die bedeutendste literarische Stimme der afroamerikanischen Kultur. Die in Lorain, Ohio, geborene Schriftstellerin hat mit Romanen wie Sehr blaue Augen, Sula, Menschenkind, Jazz und Paradies Weltruhm erlangt. 1993 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur mit der Begründung, sie habe "durch eine Romankunst, geprägt von visionärer Kraft und poetischer Prägnanz, eine wesentliche Seite der amerikanischen Wirklichkeit" ins Bewusstsein gebracht. Heidi Thomann Tewarson porträtiert die Autorin und stellt ihre wichtigsten Werke vor. Sie behandelt sämtliche Veröffentlichungen Toni Morrisons in ihrem historischen Kontext, von den Anfängen bis hin zu den Werken der letzten Lebensjahre. Für die vorliegende Digitalausgabe wurde die gesamte Monographie durchgehend überarbeitet, erweitert und aktualisiert. Es ist die bisher umfassendste Darstellung von Leben und Werk der Pulitzer- und Nobelpreisträgerin, die mit ihren eindringlichen Romanen über die afroamerikanische Erfahrung und die Folgen von Rassismus und Sklaverei Literaturgeschichte geschrieben hat.

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Heidi Thomann Tewarson

Toni Morrison

 

 

 

Über dieses Buch

Toni Morrison (1931–2019) ist die bedeutendste literarische Stimme der afroamerikanischen Kultur. Die in Lorain, Ohio, geborene Schriftstellerin hat mit Romanen wie «Sehr blaue Augen», «Sula», «Menschenkind», «Jazz» und «Paradies» Weltruhm erlangt. 1993 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur mit der Begründung, sie habe «durch eine Romankunst, geprägt von visionärer Kraft und poetischer Prägnanz, eine wesentliche Seite der amerikanischen Wirklichkeit» ins Bewusstsein gebracht. Heidi Thomann Tewarson porträtiert die Autorin und stellt die wichtigsten Werke vor. Für die vorliegende Digitalausgabe wurde die gesamte Monographie durchgehend überarbeitet, erweitert und aktualisiert.

 

Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.

Vita

Heidi Thomann Tewarson, gebürtige Schweizerin, lebt in den USA. Studium der Germanistik an der State University of New York at Stony Brook. 1979 bis 1987 Assistant Professor für deutsche Literatur an der Columbia University. Danach Professorin für deutsche Sprache und Literatur am Oberlin College, Ohio. Emeritiert 2011. Veröffentlichungen über Alfred Döblin, Rahel Levin Varnhagen, unter anderem «Rahel Levin Varnhagen» (Reinbek 1978, 5. Aufl. 2003), Bertolt Brecht, Marieluise Fleißer sowie zur Salonkultur um 1800, zur Frauenfrage im 19. und 20. Jahrhundert und zum Thema Judentum in der deutschen Literatur.

Impressum

rowohlts monographien

begründet von Kurt Kusenberg

herausgegeben von Uwe Naumann

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, August 2022

Copyright © 2005 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Für das E-Book wurde der Text gründlich überarbeitet und ergänzt und die Bibliographie aktualisiert, Stand: April 2022

Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten

Covergestaltung any.way, Hamburg

Coverabbildung Ulf Andersen/Gamma-Studio X (Toni Morrison, 1993)

ISBN 978-3-644-01259-2

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Einleitende Bemerkungen

Toni Morrison, die erste Afroamerikanerin, die 1993 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, gehört heute zu den bedeutendsten Schriftstellern der Welt. Spätestens seit ihrem Roman Menschenkind aus dem Jahr 1987 wird sie – neben Namen wie Herman Melville, Mark Twain, William Faulkner, Ernest Hemingway, Gertrude Stein – zu den großen Vertretern der klassischen amerikanischen Literatur gerechnet. Somit erreichte sie mit ihren Büchern, was dem Werk ihrer Vorgänger Richard Wright, Gwendolyn Brooks, Ralph Ellison, James Baldwin vorenthalten blieb – die Befreiung der afroamerikanischen Literatur aus ihrer randständigen Position als Minoritäten- und Protestliteratur. Auch Toni Morrison schrieb als Afroamerikanerin aus eben dieser Perspektive und vornehmlich über und für diese Minderheit. Mit jedem ihrer Romane vermittelte sie ein neues Bild vom Leben der Afroamerikaner und ein weiteres Stück ihrer Geschichte, die größtenteils nicht tradiert ist und nach Morrisons Meinung deshalb oft gleichsam erfunden werden muss. Im Roman sah sie die Kunstform, die sich am besten für die Darstellung der umfassenden Lebensfragen eignet. Was früher der Jazz als heilende und erhaltende Kraft für die schwarze Bevölkerung geleistet habe, müsse – da diese Musik heute der ganzen Welt gehört – der Roman übernehmen.[1]

Toni Morrisons Erfolg liegt zu einem großen Teil in ihrem besonderen Schreibverfahren begründet. Sie lädt ihre Leserinnen und Leser in eine fesselnde und äußerst vielschichtige Erzählwelt ein und verlangt zugleich von ihnen, dass sie die erzählerischen «Lücken» mit ihren eigenen Erfahrungen und Einsichten ergänzen und so die Geschichten vervollständigen helfen. Alle ihre Erzähltexte leben von dieser Einbeziehung ihrer Leser als Mitschöpfer.

Obwohl Toni Morrison in ihren Romanen die Welt afroamerikanischer Frauen, Männer und Kinder und ihr durch die spezifische Vergangenheit geprägtes Zusammenleben in ihrer Unmittelbarkeit darstellt, spielen Rassenkonflikte und die Auflehnung gegen Diskriminierung keine vordergründige Rolle. Morrison geht es um die bis heute schwerwiegenden Nachwirkungen des Rassismus innerhalb der afroamerikanischen Gesellschaft, die sie in ihren Büchern primär als kulturbestimmte psychologische und emotionelle Veranlagungen, als Identitätskrisen und ein oft sehr andersartig anmutendes Wertesystem veranschaulicht.

Ein Überblick zeigt, dass Morrison die Auseinandersetzung mit den Rassenkonflikten in ihren Romanen meist nur implizit darstellt; in ihren zahlreichen Essays und besonders in den späten literaturtheoretischen Essay-Bänden spricht sie das Thema Rassismus jedoch direkt, deutlich und ausführlich an. Dies hängt mit ihrem Status als gereifte und politisch engagierte Schriftstellerin und Akademikerin ebenso zusammen wie mit den historischen Veränderungen in der US-amerikanischen Gesellschaft. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden in der amerikanischen Wirklichkeit die Diskussionen immer dringlicher. Sie gingen in erster Linie von einer zunehmend politisierten und radikalisierten afroamerikanischen Bevölkerung und ihren Führern aus und gipfelten in der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre. Hundert Jahre nach Präsident Lincolns Emanzipationsproklamation führte das schließlich zur gesetzlichen Gleichstellung der schwarzen Bevölkerung.

Parallel dazu erfuhr deren soziale und wirtschaftliche Stellung tiefgreifende Veränderungen. Offensichtlicher Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins war nicht zuletzt die wiederholte Umbenennung: Allein im Laufe von Morrisons eigenem Leben hat sich die Namensgebung mehrmals geändert. Während «negro» bzw. «Neger» und «colored» bzw. «Farbige» die offiziellen Bezeichnungen in ihrer Kindheit waren, wurde das früher so verpönte «Schwarz» im Gefolge der Bürgerrechtsbewegung legitimiert. Heute dient «African-American» bzw. «Afroamerikaner» als die bevorzugte Bezeichnung besonders im offiziellen Diskurs, während «Schwarz» weiterhin und vielleicht noch geläufiger gebräuchlich ist. In Toni Morrisons Romanen spiegeln sich diese Veränderungen genau wider.

Doch ist der Rassismus in den Vereinigten Staaten noch immer ein ungelöstes und weiter gärendes Problem. Er erscheint häufig und wird besonders von den Afroamerikanern selbst angesprochen, da sie noch immer vielschichtigen, wenn auch weniger offensichtlichen Diskriminierungen ausgesetzt sind. Dies gilt auch für die heute berühmte Autorin. In gewisser Hinsicht liest sich ihre Lebensgeschichte als beispielhafte amerikanische Erfolgsstory. Dahinter verbirgt sich jedoch die nüchterne Wirklichkeit, die von Anfang an einen außerordentlichen Einsatz an Mut und Kraft erfordert hatte.

So bleibt der Begriff «race» ein wesentlicher Bestandteil des amerikanischen Vokabulars, der, obwohl er keine wissenschaftliche Gültigkeit besitzt, als wichtiges soziales und kulturelles Konstrukt fungiert. «Race» bezeichnet die besondere Situation und Geschichte der Afroamerikaner im Unterschied zu anderen ethnischen Minoritäten, die – unter welchen Umständen auch immer – als freiwillige Einwanderer kamen. Nur die Afroamerikaner wurden gegen ihren Willen unter den ungeheuerlichsten Umständen auf den amerikanischen Kontinent verschleppt, dort versklavt und über Generationen hin als minderwertige Arbeitstiere behandelt: ausgenutzt, missbraucht und verachtet. Ob Afroamerikaner, Indigene oder Einwanderer aus aller Welt – ihr Leben in Amerika ist zwar durch viele Gemeinsamkeiten, aber auch durch wesentliche Unterschiede gekennzeichnet. Die Afroamerikaner als eine von vielen ethnischen Gruppen zu betrachten, hieße, ihre qualvolle Geschichte und die noch immer bestehenden Benachteiligungen verneinen.

In Europa ist heute das Wort «Rasse» tabuisiert, da es so eng mit dem Rassismus der faschistischen Ideologien verknüpft ist. Stattdessen wird der Begriff «Ethnien» verwendet, um Minderheiten mit ihren sprachlichen, religiösen und kulturellen Besonderheiten zu benennen. In den Vereinigten Staaten existierte jedoch eine demokratische Regierungsform scheinbar widerspruchslos zusammen mit dem undemokratischsten Gesellschaftssystem, der Sklaverei und dem späteren Jim-Crow-System, das die Schwarzen nach einer kurzen hoffnungsvollen Periode wieder in die völlige Rechtlosigkeit drängte. Eine Studie über Leben und Werk Toni Morrisons muss diesen historischen Gegebenheiten Rechnung tragen, darf also den Begriff «Rasse» bzw. «race», da wo Morrison ihn benutzt, nicht einfach mit «Ethnie» ersetzen.

Toni Morrisons Welterfolg beweist, dass die Beschränkung auf eine Darstellung der afroamerikanischen Wirklichkeit die Bedeutung ihres Werks nicht schmälert. Im Gegenteil, durch ihre erzählerische und visionäre Kraft erschließt ihr Werk sowohl den besonderen Reichtum als auch die Brüchigkeit und Gefährdung dieser ihr so tief vertrauten Welt, die sie zum Weltstoff erhebt und der sie universelle Bedeutung verleiht.

Teil I: Zur Biografie der Autorin

Das Werden einer Schriftstellerin

Herkunft und Studienjahre

An der Lippe des Eriesees, in der kleinen Industriestadt Lorain im Staate Ohio, ist Chloe Ardelia Wofford, die spätere weltberühmte Toni Morrison, geboren worden und aufgewachsen.[2] Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise, die die afroamerikanische Bevölkerung mit besonderer Härte traf. Das kleine Holzhaus, in dem Chloe als das zweite von fünf Kindern von Ella Ramah (Willis) und George Wofford am 18. Februar 1931 das Licht der Welt erblickte, stand am Rande und im Südteil der Stadt auf derjenigen Straßenseite, an die sich direkt die Eisenbahnlinien, Rangierplätze, Waren- und Kohlenlager und die großen Fabrikgelände anschlossen. Noch weitere acht solcher Häuser sollte die Familie im Laufe der nächsten zwanzig Jahre beziehen.

Einerseits und im Gegensatz zum Leben in den Südstaaten herrschte in Lorain eine Atmosphäre relativer Freiheit. Die Neger oder Farbigen, wie die offiziellen Bezeichnungen damals lauteten, fanden hier Arbeit und lebten auch nicht abgeschieden in einem Ghetto, wie in den nördlichen Großstädten, sondern mitten in den Arbeitervierteln, deren Bewohner sich ansonsten aus gebürtigen weißen Amerikanern und den neuen Einwanderern aus Osteuropa, Griechenland, Italien und Mexiko zusammensetzten.[3] Doch zwangen Armut und Diskriminierung auch die tüchtigsten unter ihnen in die unwohnlichsten Quartiere. In den Worten der zehnjährigen Erzählerin Claudia MacTeer ließ Toni Morrison in ihrem ersten Buch Sehr blaue Augen, dessen Handlung in Lorain spielt, diese Atmosphäre der Entbehrung und Benachteiligung wieder erstehen:[4]Die Schule hat angefangen, und Frieda und ich bekommen neue braune Strümpfe und Lebertran. Die Erwachsenen sprechen in müdem, gereiztem Ton über Zicks Kohlenkompanie und nehmen uns abends mit an die Eisenbahngleise, wo wir die herumliegenden winzigen Kohlebröckchen in Säcke füllen. Wenn wir später nach Hause gehen und zurückblicken, sehen wir, wie die großen Loren mit rotglühender, rauchender Schlacke über der Schlucht am Rande des Stahlwerkes ausgekippt werden. Das verglimmende Feuer erhellt den Himmel mit trüb orangefarbener Glut. Frieda und ich bleiben zurück und starren auf den von Schwärze umgebenen Farbfleck. Es ist unmöglich, nicht zu frösteln, wenn unsere Füße den Kiespfad verlassen und in das dürre Gras der Wiese sinken.

Unser Haus ist alt, kalt und grün. Abends erhellt eine Kerosinlampe das einzige große Zimmer. Die anderen Räume, von Schaben und Mäusen bevölkert, liegen im Dunkel. (SbA, S. 11) Im Gegensatz zu dieser Umgebung und dem Broadway, wo keine Bäume, nur die schwarzen Telefonmasten in den bleiernen Himmel ragen, liegen gegen den See zu die Häuser, die stabiler aussahen, deren Anstrich neuer und deren Verandapfosten gerader waren. Dann kamen Backsteinhäuser, die ein Stück von der Straße zurückgesetzt waren […].

Die Häuser am See waren die schönsten. Gartenmöbel, Verzierungen, Fenster wie blanke Brillen und kein Lebenszeichen. Die Hintergärten dieser Häuser senkten sich als grüne Hänge zu einem schmalen Sandstrand hinab, und dann der blaue Eriesee, weit plätschernd bis nach Kanada. Der orangegefleckte Himmel des Industriedistrikts reichte nie bis zu diesem Teil der Stadt. Hier war der Himmel immer blau.

Wir kamen an den Lake Shore-Park, einen schöngelegenen Stadtpark mit Rosenknospen und Springbrunnen, Spielwiesen und Picknicktischchen. Er war jetzt leer, aber in freundlicher Erwartung sauberer, weißer, guterzogener Kinder und Eltern, die im Sommer oberhalb des Sees spielen würden, bevor sie halb stolpernd den Abhang zu dem einladenden Wasser hinunterlaufen würden. Schwarze durften nicht in den Park, und so war er ein Gegenstand unserer Träume. (SbA, S. 83)

Willkommen waren die Farbigen auch im liberaleren Norden nicht, bestenfalls toleriert, denn man brauchte sie als Arbeitskräfte. Oft fühlten sie sich auch bedroht von Hass und Verachtung. Das veranschaulicht ein Vorfall aus dem Leben der Familie Wofford. Als die Eltern einmal die vier Dollar für die monatliche Miete nicht aufbringen konnten – Chloe war etwa zwei Jahre alt –, steckte der Besitzer das Haus in Brand. Weder das Haus noch die kleine Familie, die sich darin aufhielt, schienen ihm auch nur den geringsten Wert zu haben.[5]

Dass ein sensibles und hoch intelligentes Kind in dieser feindseligen Atmosphäre gedeihen konnte, ist erstaunlich. Noch erstaunlicher ist, dass diese kleine hässliche Stadt im amerikanischen Mittelwesten zum Nährboden einer weltberühmten Dichterin werden sollte. Aber Toni Morrison betonte immer wieder: Meine Geschichten haben hier ihren Ursprung. (Conv, S. 158) Es muss also neben all den negativen Erfahrungen auch positive gegeben haben, und außer den Ungerechtigkeiten und Härten auch sittliche Kräfte und menschlichen Reichtum.

Was die Stadt und ihre Geschichte betrifft, so hat Lorain wohl, trotz seiner lieblichen und vorteilhaften Lage am See, nur in der vorindustriellen Zeit seinem schönen Namen Ehre gemacht. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entsprach der Ort noch eher einem Dorf als einer Stadt.[6] Das einzige industrielle Unternehmen war eine kleine Schiffswerft, die einen regen Schiffsverkehr im Hafen und auf dem Eriesee zur Folge hatte. Im Übrigen lebten die etwa sechshundert Einwohner von der Landwirtschaft. Unter ihnen gab es auch drei schwarze Familien, von denen zwei sich mit der «underground railroad» aus der Sklaverei gerettet hatten und die dritte kurz nach dem Bürgerkrieg ebenfalls auf der Suche nach einem besseren Leben in den Norden gekommen war.

Die Wanderungen schwarzer Menschen aus dem Süden in die nördlichen Industriestädte sollten sich in den nächsten hundert Jahren noch mehrmals wiederholen. Sie waren auch in Lorain jedesmal mit dem Bedarf an Arbeitskräften verbunden: und zwar zunächst um 1890, als die Eisenbahn gebaut wurde; dann wieder um 1900, als sich Lorain zu einem bedeutenden Industriezentrum entwickelte, mit einem großen Stahlwerk und anderen Metallindustrien sowie der ursprünglichen Schiffswerft, die jetzt mit den größten in der Welt konkurrierte. Eine neue Welle schwarzer Zuwanderer kam während des Ersten Weltkriegs und eine weitere in den zwanziger Jahren, nachdem das Immigrationsgesetz von 1924 der europäischen Einwanderung ein Ende gesetzt hatte.

1930, ein Jahr vor Chloes Geburt, war die Bevölkerung der Stadt auf 44500 Menschen angestiegen, während die schwarze Gemeinde etwas weniger als eintausend Menschen umfasste. Als solche war sie zu klein, um je eine Form von Selbstgenügsamkeit zu erreichen oder auch nur eine politische oder ökonomische Rolle zu spielen. Man versammelte sich und fand Halt in den schwarzen Kirchen und Logen. Die Kinder gingen zusammen mit den weißen amerikanischen und den neu eingewanderten Gleichaltrigen in die Schule und lernten dort und verinnerlichten das Wertesystem der herrschenden Kultur. Die Männer fanden Arbeit meist als ungelernte Arbeiter, viel seltener als gelernte oder Facharbeiter in jenen Betrieben, die stolz behaupteten, keinen Unterschied zwischen Farbigen und Weißen zu machen. Einige wenige wurden als Gipser, Tapezierer, Maler, Mechaniker eingestellt; auch ein Versicherungsagent wurde benötigt. Hauswart war eine weitere Möglichkeit, besonders für ältere Männer. Die Frauen wurden fast ausschließlich als Hausangestellte beschäftigt. Waschen war für Mütter mit kleinen Kindern oder Frauen, die zusätzlich noch verdienen mussten, eine Arbeit, die sie zu Hause verrichten konnten. Es gab auch Ausnahmen: Zwei junge Frauen mit Highschool-Abschluss wurden als Fahrstuhlführerinnen eingestellt – wie so oft ein kleiner Fortschritt, der wiederum seine ganz spezifische Entwürdigung beinhaltete, da die beiden ja viel zu qualifiziert für diesen Job waren. In Zeiten der Arbeitslosigkeit und anderer Notsituationen, die nur zu oft und besonders während der Weltwirtschaftskrise vorkamen, half das Rote Kreuz, damals die einzige Wohlfahrtsorganisation, ein wenig aus.

Unabhängige schwarze Unternehmen konnten sich in dieser winzigen und allgemein armen Gemeinde nur notdürftig etablieren, da ihre Kundschaft fast ausschließlich aus der eigenen Community bestand. Sie umfasste 1930 in Lorain vier Herrenfriseurläden, drei Umzugsfirmen, zwei Transportfirmen, zwei Pensionen, einen Billardraum mit Restaurant, einen Schneider und, bis 1929, eine Eisdiele, einen Kohlenhändler und zwei Autowerkstätten. Aber diese letzteren, schon einen gewissen Luxus verheißenden Betriebe fielen der Weltwirtschaftskrise zum Opfer. Das bescheidene Ausmaß dieser Unternehmen zeigt sich am Beispiel von Porter William Woods, der einen der Herrenfriseurläden führte, im Untergeschoss aber auch den Billardraum und das Restaurant untergebracht hatte. Hier kochten und walteten Woods’ Frau und Schwiegermutter; die Kinder halfen ebenfalls überall mit. Die ganze Familie wohnte in fünf Räumen im oberen Stock.[7] Ein Arzt und ein Zahnarzt waren für das Gesundheitswesen der fast tausend Menschen zuständig. Die schwarze Gemeinde war also in fast allen Bereichen – Lebensmittel, Kleidung, Arbeit und Wohnung – von den Weißen abhängig. Und dies bedeutete immer und überall Diskriminierung, Beleidigungen und Erniedrigungen.

Die Familie und ihre Traditionen

Auch die Familie Toni Morrisons kam im Zuge der großen Migrationen in den Norden. Mütterlicherseits stammte sie aus Greenville, Alabama. Der Großvater, John Solomon Willis, wurde noch als Sklave geboren.[8] Als er als Kind hörte, dass die Sklaven befreit werden sollten, flüchtete er unter das Bett. Es war eine gewohnheitsgemäße Reaktion auf alle Versprechen, die von den Weißen kamen: Schrecken und ein instinktives Verlangen nach Sicherheit. Später erbte er von seiner indianischen Mutter 88 Morgen Land, verlor sie aber wieder durch Rechtskonflikte, in denen er sich wie so viele andere, erst kurz zuvor emanzipierte Sklaven nicht zu behaupten vermochte. Er nannte unsre Farm Lincolns Himmel. War winzig. Aber mir kam sie damals groß vor. Ich weiß jetzt, es muß ’ne winzige Farm gewesen sein – hundertfünfzig Morgen vielleicht. Fünfzig haben wir bestellt. Rund achtzig davon waren Wald. Muß ein Vermögen an Eiche und Kiefer dringesteckt haben; vielleicht waren sie darauf aus – auf das Holz, Eiche und Kiefer. Wir hatten einen Teich, der war vier Morgen groß. Und einen Bach, voller Fische. Mitten im Herzen von einem Tal. Schönste Berg, den du je gesehen hast […]. (SL, S. 60)

So oder ähnlich hat Chloe wohl ihren Großvater über seine Farm reden hören. Die Trauer über den Verlust dieses kleinen Stücks Land hat er nie verschmerzt, denn es enthielt den Traum eines bescheidenen, aber freien Lebens, unabhängig von weißen Arbeitgebern. Seine berühmte Enkelin beschreibt ihn als einen erstklassigen Tischler und Farmer, einen Künstler, dazu verurteilt, das Land, das ihm einmal gehört hatte, als Pächter (sharecropper) zu bebauen und seiner Familie Geld zu schicken, das er mit seinem Geigenspiel in der fernen Stadt Birmingham verdiente. Eine angemessene Arbeit wollte ihm niemand geben. Diese Erfahrungen bewirkten, dass John Solomon Willis, trotz der Befreiung aus der Sklaverei, sein Leben lang Pessimist blieb; seiner Meinung nach hatten die Schwarzen keine Chancen in den Vereinigten Staaten.

Seine Frau Ardelia Willis war optimistischer veranlagt, gestärkt durch einen festen Glauben an Jesus und die Kraft des eigenen Willens. Sie war es, die 1912 die Familie Richtung Norden nach Kentucky führte, da sie merkte, dass ihre heranwachsenden Töchter vor den weißen Bossen nicht mehr sicher waren. Im Dunkel der Nacht verließen Mutter und sieben Kinder das Haus und trafen sich mit dem Vater im Zug, der sie nach Kentucky brachte. Dort versuchten sie ein neues Leben aufzubauen; der Vater fand Arbeit in den Kohlebergwerken, die Mutter verdiente Geld mit Waschen. Als aber die beiden Mädchen Ella Ramah und Millicent einmal so unvorsichtig waren, der jungen weißen Lehrerin das mehrstellige Dividieren zu erklären, wusste die Mutter, dass sie weiterziehen mussten. Kleine schwarze Mädchen durften nicht mehr wissen als die weiße Lehrerin. So machte sich die Familie wieder auf und erreichte Lorain im Staate Ohio. Hier schloss Ella Ramah 1926 oder 1928 die Oberschule ab.

Von der Vergangenheit des Vaters George Wofford ist viel weniger bekannt. Toni Morrison wusste manches, sprach aber nicht gern darüber. Als sie einmal in einem Interview eingehender über die entsetzlichen Erlebnisse berichtete, die er und seine Familie durchlitten hatten, versagte das Tonbandgerät. Toni Morrison reagierte mit Erleichterung auf diese Panne und meinte in ihrer etwas abergläubischen Art, dass der Vater eben nicht wollte, dass sie es erzählte und die Sache in seine Hände genommen hätte.[9] Er war ein Rassist, erklärte Toni Morrison weiter. Als Kind habe er so schockierende Eindrücke von erwachsenen Weißen erhalten, dass er sich für den Rest seines Lebens gerechtfertigt fühlte, sie allesamt zu verachten – die Weißen hingegen hätten kein Recht, ihn zu verachten. Erfahrungsgemäß war er voller Misstrauen gegen sie und sprach ihnen alle Menschlichkeit und Moral ab.

George Wofford war, wie sein Schwiegervater John Solomon Willis, ein vielseitig begabter Mann, dessen Talente und Intelligenz aber keine Anwendung fanden. Er wurde 1908 in Carterville, Georgia, geboren und ist dort aufgewachsen. Als Siebzehnjähriger unternahm er 1924 die lange Reise nach Lorain auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Dort arbeitete er 51 Jahre lang als Bauarbeiter, Gelegenheitsarbeiter, Schweißer und Gießer in verschiedenen Betrieben und Fabriken.[10] Meist hatte er zwei oder gar drei Jobs zur gleichen Zeit. Seine Arbeit war sein Stolz – eine perfekt geschweißte Naht zeichnete er mit seinem Namen. George Wofford war ein stolzer, eleganter und selbstbewusster Mann mit einem aufbrausenden Temperament. Gefürchtet hat er nichts und niemanden außer der Arbeitslosigkeit.[11] Die Kinder hielt er ebenfalls zur Arbeit an, um ihnen ihrerseits Selbstbewusstsein beizubringen. Als die dreizehnjährige Chloe sich einmal über die schwere Arbeit und die Gemeinheit der weißen Frau, für die sie putzte, beklagte, meinte der Vater: «Mädchen, du wohnst nicht dort. Du wohnst hier. Geh also und tue deine Arbeit, krieg dein Geld und komm nach Hause.»[12]

Neben seinem strengen Arbeitsethos hatte der Vater auch gesellige Seiten. Er kannte die unterschiedlichsten Leute, war in Bars und Spielkasinos zu Hause, spielte manchmal auch.[13] Im Laufe der Jahre wurde er gesetzter und beteiligte sich aktiv am Gemeindeleben. Als Mitglied der Loge Christian Star 41 und der Greater St. Matthew Church bekleidete er verschiedene Ämter. Er gehörte dem Vorstand der kirchlichen Kreditgenossenschaft an und war Vorsitzender im kirchlichen Bauausschuss.[14] Solche Tätigkeiten waren wichtig, denn obwohl das Wahlrecht der Schwarzen im Norden anerkannt wurde, waren sie doch praktisch von allen bürgerlichen Rechten und Pflichten ausgeschlossen. Nur in ihren eigenen Organisationen konnten sie Ämter bekleiden und sich als verantwortungsvolle Bürger betätigen.

Zu Hause galt George Wofford als der beste Geschichtenerzähler. Obwohl die ganze Familie Geschichten erzählte, waren die Gespenstergeschichten des Vaters die beliebtesten, weil sie so aufregend und gruselig waren. Die Liebe und Bewunderung, die Toni Morrison für ihren Vater fühlte, kommt im Nachwort zur Neuausgabe von Solomons Lied zum Ausdruck. Der Geist des Vaters – der alle seine Kinder auf andere Art liebte, sodass jedes glaubte, von ihm am besten geliebt worden zu sein, und dessen Tod sie alle mit abgrundtiefer Trauer erfüllte – wachte über und führte die Tochter beim Schreiben dieses Romans, der zum ersten Mal aus der männlichen Perspektive erzählt. Ihm ist das Buch gewidmet.[15]

Toni Morrisons Mutter Ella Ramah war, ähnlich wie ihre Mutter Ardelia, bereit, auf menschliche Vernunft und Güte zu setzen. Somit wiederholte sich die weltanschauliche Gegensätzlichkeit der Großeltern bei den Eltern. Während die Männer durch einen tiefen Pessimismus geprägt waren, zeigte sich bei den Frauen ein gewisser Optimismus. Es ging jedoch um unterschiedliche Probleme. Die Großeltern befassten sich noch mit der Frage, wie die Schwarzen ihre Lage verbessern konnten und von welchen Weißen Hilfe und ein bisschen guter Willen zu erwarten sei. Die Eltern hingegen diskutierten über die Möglichkeit einer moralischen Verbesserung der Weißen, denn sie waren sich einig, dass «eigentliche Menschlichkeit» nur bei den Schwarzen zu finden sei.

Ella Ramah, die Gebildetste in der Familie, glaubte wohl am ehesten an die in der Schule vermittelten amerikanischen Ideale. Sie bestand darauf, Probleme zu besprechen, Streitigkeiten zu schlichten und Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. An diesen Prinzipien hielt sie ein ganzes Leben fest, trotz unzähliger negativer Erfahrungen (nach denen sie jedesmal tief verletzt war). Wenn der weiße Gläubiger vor der Tür stand und sie die Rechnung nicht bezahlen konnte, versuchte sie ihm die Situation zu erklären und ihn mit dem Versprechen einer baldigen Bezahlung zu beruhigen. Manchmal glückte es ihr. Als die von der Wohlfahrt gelieferten Esswaren verdorben waren, schrieb sie einen Protestbrief an Präsident Roosevelt. Vor allem aber setzte sie unbedingtes Vertrauen in ihre Kinder. Sie hielt sie für außerordentlich begabt und war sich früh schon Chloes besonderer Intelligenz bewusst. Die Wofford-Kinder wurden also nicht nur vom Vater in ihrem Selbstbewusstsein gefördert und gestärkt, sondern ebenso von der Mutter.

Auch Ella Ramah liebte Geschichten und Märchen, die sie ihren Kindern erzählte oder vorlas, oder sie rezitierte Gedichte, die sie in der Schule gelernt hatte, wie etwa «Der Mitternachtsritt des Paul Revere» von Henry Wadsworth Longfellow. Und manchmal, wenn sie die alten Stories satthatte, erfand sie selber Geschichten.[16] Ella Ramah konnte, wie Mrs. MacTeer in Sehr blaue Augen, stundenlang singen. Sie sang Opernarien, populäre und sentimentale Lieder, Jazz, Blues, und sie sang das «Ave Maria». (Conv, S. 284) Es war ihre Art, mit Sorgen, Ärger und Kummer zurechtzukommen.[17] Sie sang auch im Kirchenchor und war, wie ihr Mann, in Kirche und Loge tätig und in verschiedenen Gemeindeorganisationen, wo sie Menschen beistand, die es noch schwerer hatten als sie. Im Vorwort zur Neuausgabe von Jazz gedachte Toni Morrison auch ihrer Mutter.

Armut und Entbehrungen gehörten somit zu den wesentlichen Kindheitserfahrungen Chloes. Doch ebenso prägend waren die durch die Erwachsenen vermittelten sittlichen Werte sowie das unter ihnen herrschende Solidaritätsgefühl und die gegenseitige Achtung. Rückblickend beschrieb Toni Morrison die Beziehungen in der Familie wie folgt: Ich weiß, meine Mutter und mein Vater, meine Großmutter und mein Großvater und die Leute, die um uns herum lebten, sie dachten, dass das, was sie machten, wichtig war. Ich weiß nicht, ob sie einander «liebten» oder nicht, aber sie sorgten sorgfältig füreinander, und das, was sie taten, hatte etwas Klares und Gemeinschaftliches. Sie arbeiteten zusammen. Manchmal beklagten sie sich, aber sie wussten immer, dass es etwas Grundsätzliches gab, das größer war als sie […]. Es hatte mit dem Kindererziehen zu tun und damit, dass sie moralisch gefestigte Menschen waren. (Conv, S. 72)

Die Kinder hatten ebenfalls spezielle Pflichten. Als der Großvater alt und senil wurde und oft nicht mehr nach Hause fand, war es die Aufgabe der Kinder, ihn zu suchen und zurückzuführen. Und als die Großmutter im Sterben lag, wurde Chloe dazu bestimmt, ihr aus der Bibel vorzulesen. (Conv, S. 104f.). Die Familie war tief religiös und hat, wie Toni Morrison später betonte, die Bibel nicht nur gelesen, sondern sie buchstäblich gelebt. Die Bibel war demnach, wie damals üblich bei der Mehrzahl der Schwarzen, eine weitere wichtige geistige und sittliche Quelle.

Zu den anderen bestimmenden Eindrücken der heranwachsenden Chloe gehörten die Geschichten, Fabeln, Lieder, die Traumdeutungen der Großmutter, das Geigenspiel des Großvaters. Wenn Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel und Kinder sich abends um den Tisch versammelten, führten sie eine Tradition aus der Sklavenzeit und der noch weiter zurückliegenden afrikanischen Vergangenheit fort – die mündliche Erzähltradition. Diese Geschichten waren nicht Eigentum des jeweiligen Erzählers, sondern wurden als Gemeinde- oder Familiengut betrachtet. Jeder durfte sie ausschmücken, verändern oder wiederholen. Und sie eigneten sich dazu, denn sie waren meist sehr schlicht. Sie wurden deshalb immer wieder erzählt, in immer neuen Variationen. (Conv, S. 176) Hier wurde nicht nur Chloes Phantasie angeregt, hier ist die zukünftige Dichterin zur Schule gegangen. Die folkloristischen Elemente, die sie später in ihren Büchern verwendete, wie etwa die Fabel des fliegenden Afrikaners, die zentrale Metapher in Solomons Lied, oder diejenige des Teerbabys, die dem so betitelten Roman zugrunde liegt, stammen aus diesen frühen Jahren.

Die Kunst des Erzählens, den Rhythmus einer Geschichte, wie man Spannung schafft, die starken bildlichen Ausdrücke, die Musik der Sprache, das Schreckliche, Groteske und Fantastische – all dies und viel mehr hat sie von klein auf im Familienkreis gehört. Auch die überlebensgroßen Figuren in ihren Romanen, besonders die weiblichen, gehen auf ihre kindlichen Eindrücke zurück. Diese Frauen, die oft weder schreiben noch lesen gelernt hatten, doch durch schieren Mut ihre Familien in die fremden nördlichen Städte führten, besaßen eine Selbstständigkeit und Entschlossenheit, die noch die weltberühmte Autorin in Staunen versetzt. Sie bezeichnet sie als Kultur- und Traditionsträgerinnen, eben weil sie so sehr auf sich selbst gestellt waren, sich auch in den schwierigsten Situationen bewährten und ihre Familien durchbrachten. (Conv, S. 140f.) Diese Frauen verkörperten das Beständige und Verlässliche in einer Welt voller Gefahren und Unsicherheiten.

Die Musterschülerin

Mit dem Eintritt in die Schule eröffnete sich für Chloe eine neue und ganz andere Welt. Es war die der weißen und jeden Lebensbereich beherrschenden Kultur, mit der sie bis dahin nur indirekt und von Weitem in Berührung gekommen war. Hier galt sie als «andersartig», als jemand, der nicht zählte und darum verachtet und jederzeit beleidigt werden konnte. Selbst die neu eingewanderten Kinder, die noch kein Englisch konnten und sich fremd und verloren fühlten, begriffen sofort, dass sie doch noch eine Stufe höher standen als dieses farbige Mädchen. Chloe hatte einem Jungen Englisch beigebracht, und zum Dank schleuderte er ihr dann das Wort «nigger» ins Gesicht. Morrison berichtet weiter, dass sie das Haus ihrer weißen Freundin nicht betreten durfte und in den oberen Klassen von den Jungen mit Steinen beworfen wurde. Auch unter den Lehrern gab es manche, die voller Vorurteile gegen die farbigen Kinder waren, keine Leistungen von ihnen erwarteten und sich auch dann nicht um sie kümmerten, wenn sie sich als begabt und wissbegierig erwiesen. Dass Chloe so gute Aufsätze schrieb, schien nach dem Dafürhalten einiger Lehrer unmöglich; sie musste sie irgendwo abgeschrieben haben. Doch ließ sie sich nicht unterkriegen, im Gegenteil, sie war entschlossen, sich in dieser Welt zu bewähren.

Den Erfahrungen des institutionalisierten Rassismus standen aber auch andere, positive entgegen: Ich ging mit weißen Kindern in die Schule – sie waren meine Freunde. Da gab’s keine Ehrfurcht, keine Furcht. Erst später, als die Sexualität ins Spiel kam […], erkannte ich, wie scharf die Linien wirklich gezogen waren. Aber in der ersten Klasse dachte niemand, dass ich minderwertig sei.[18] Zu ihren kleinen Freunden zählten Kinder aus griechischen, italienischen und mexikanischen Familien, die in den gleichen Arbeitervierteln wohnten; Chloe lauschte ihren Geschichten und verglich sie mit denen, die sie zu Hause hörte. (Conv, S. 45) Als sie älter wurde, unterrichtete sie im Gemeindezentrum (settlement house) die Immigrantenkinder in Englisch. Sie muss beliebt gewesen sein, denn sie war Mitglied in diversen Schulclubs und Organisationen.

Als Chloe in die erste Klasse kam, war sie das einzige schwarze Kind, aber sie war auch die einzige, die schon lesen konnte. So begann sie ihre schulische Laufbahn mit einem beträchtlichen Vorteil. Und sie hatte Glück, denn die Lehrerin Esther Hunt erkannte und förderte das außerordentliche und frühreife Kind, indem sie es beauftragte, anderen beim Lesenlernen zu helfen. Schon mit vier Jahren hatte Chloe die Welt der Bücher entdeckt und in den Erzählungen anderer Trost und Zuflucht gefunden. (Conv, S. 276) Im Laufe der Zeit wurden dann Schul- und Stadtbibliothek zu wichtigen Orten der Geborgenheit und der Abenteuer. Dass Chloe eine Musterschülerin war und blieb, bezeugt, dass es trotz allem auch aufgeschlossene Lehrerinnen und Lehrer gab, die sie in ihrem Lerneifer bestätigten und förderten.

In der Schule mussten die schwarzen Kinder selbstverständlich ein an der weißen Kultur orientiertes Curriculum absolvieren. Zu der Zeit gab es weder Kinder- noch Schulbücher, in denen schwarze Menschen vorkamen. Als sie älter wurde, las Chloe die großen Werke der englischen und europäischen Literatur; neben Shakespeare und Mark Twain liebte sie die russischen Autoren des 19. Jahrhunderts. Afroamerikanische Autoren waren ihr nicht zugänglich; Richard Wright, Zora Neal Hurston, Langston Hughes und andere las sie erst viel später. Auch im Geschichtsunterricht lernte sie die Geschichte Europas und Amerikas, wie sie von den Weißen erlebt, erlitten und aufgeschrieben worden war. Von einem farbigen Kind und seinen Leuten, von Sklaverei, von Afrika, vom Kolonialismus und seinem absehbaren Ende, von alldem war nirgends die Rede.

1949 schloss Chloe Wofford die Oberschule mit Auszeichnung ab, wiederum als einzige afroamerikanische Schülerin, und setzte nun ihre ganze Energie daran, studieren zu dürfen. Noch nie hatte jemand in der Familie eine Universität besucht; es war schon außergewöhnlich, die Oberschule zu absolvieren, wie dies die Mutter und nun auch die Tochter geschafft hatten. Auch sollte sich Chloe eigentlich Arbeit suchen und zum Familienunterhalt beitragen. Schließlich aber gaben die Eltern nach und ermöglichten der Tochter den Besuch der Howard University.

Als Studentin an der Howard University und der Cornell University

1867 in Washington D.C. mit dem Ziel gegründet, die Bildung der ehemaligen Sklaven zu verbessern, hatte die Howard University im Laufe der Jahrzehnte den Ruf eines erstrangigen Instituts erworben. Damals wurde sie noch ausschließlich von afroamerikanischen Studenten besucht. Von diesen kam eine beträchtliche Anzahl aus der winzigen schwarzen Elite. Chloe begegnete hier einem schwarzen Klassendünkel und Rassismus, dem ein von der weißen Welt übernommenes bürgerliches Wertesystem zugrunde lag. Die Studenten wählten ihre Mädchen nach Hautfarbe (je heller, desto besser), Glätte des Haares und dem Vermögen der Eltern; die Studentinnen waren ihrerseits vor allem auf der Suche nach einer guten Partie.[19] Somit nahm das gesellige Leben einen breiten Raum ein, an dem auch die schöne, hellhäutige und beliebte Chloe teilnahm.

Die Perspektiven hatten sich im Laufe der Jahrzehnte verändert. War das ursprüngliche Ziel der schwarzen Bildungsstätten von aufklärerischen Prinzipien bestimmt gewesen, nämlich aus den unwissenden, geknechteten ehemaligen Sklaven selbständige Menschen zu formen, so ging es jetzt um sozialen Aufstieg und materiellen Erfolg.[20] Zudem war der Lernstoff auch hier an der weißen Kultur orientiert. Als Chloe einmal vorschlug, in einem Referat die schwarzen Figuren Shakespeares zu untersuchen, erregte dies Befremden.

Chloe studierte Englisch als Hauptfach und Altphilologie als Nebenfach. Mit Begeisterung vertiefte sie sich in die großen Werke der Weltliteratur. Nebenher spielte sie mit bei den Howard University Players, einem von Mitgliedern der Fakultät gegründeten Theaterensemble, das regelmäßig auf Tour ging. Mit diesem bereiste sie den amerikanischen Süden und kam zum ersten Mal in Berührung mit ihrem Herkunftsort. Es waren Erfahrungen und Eindrücke – die besondere Gastlichkeit und Großzügigkeit der schwarzen Menschen, bei denen die Studenten Unterkunft fanden (wenn es kein Hotel oder Restaurant für Nichtweiße gab), die stark duftenden Pflanzen und Bäume, die scharfen Gerichte – die jahrelang in ihr schlummerten, um dann in ihren Büchern aufzutauchen. (R, S. 5) Howard schien ihr jedoch nicht die erwartete intellektuelle Atmosphäre zu bieten, die ihr weltanschaulich und menschlich hätte weiterhelfen können.[21] Ob sich Chloe Wofford mehr als andere mit Fragen nach der eigenen Geschichte und Kultur, nach der Stellung und Zukunft der Farbigen in Bezug zur weißen Bevölkerung beschäftigte, ist unbekannt.

Ebenso ungewiss bleibt der Grund für die Namensänderung – von Chloe in Toni –, die sie zu dieser Zeit vornahm. Möglicherweise lag er in dem Bemühen der jungen Studentin, sich von ihrer kleinstädtischen, proletarischen Herkunft zu distanzieren und als zeitgemäße, kultivierte und raffinierte Persönlichkeit zu erscheinen. Hinterwäldlerisch und uninformiert erschien ihr alles, was von zu Hause in Lorain kam. Diese Menschen hatten ja keine Ahnung von den wunderbaren Büchern, die das ganze Denken der jungen Studentin ausfüllten. (Conv, S. 173f.)

Offiziell war sie noch immer als Chloe Wofford bekannt, und unter diesem Namen schloss sie 1953 ihr Studium an der Howard University ab. Im Herbst desselben Jahres schrieb sie sich als Magisterstudentin in Englisch an der Cornell University ein, wiederum ein erstrangiges, aber vornehmlich von weißen privilegierten Studenten besuchtes Institut. Im September 1955 legte sie ihre Magisterarbeit vor: Virginia Woolfs und William Faulkners Darstellung des entfremdeten Menschen.[22] Die Arbeit ist eine sensible textimmanente Analyse zum Thema der zum Selbstmord führenden Entfremdung bei diesen zwei Autoren der Moderne. Den entfremdeten, vereinzelten, nicht mehr in eine Allgemeinheit eingebundenen Menschen bezeichnet Chloe Wofford als eine paradigmatische Erscheinung des zwanzigsten Jahrhunderts – ein Thema, das auch in ihrem Werk große Bedeutung bekommen sollte.

 

Das begabte schwarze Arbeitermädchen aus Lorain hatte einen langen Weg zurückgelegt, der sie weit weg von zu Hause führte. In den nächsten Jahren würde sie sich zur Aufgabe machen, den Weg zu den eigenen Traditionen, zur eigenen Geschichte und zur eigenen Kultur zu finden. Die tiefe Bewunderung für die westliche, europäische Literatur gab sie jedoch nie auf.