Tor zur Freiheit - Tuğba Tekkal - E-Book

Tor zur Freiheit E-Book

Tuğba Tekkal

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Beschreibung

Dieses Buch erzählt Tuğba Tekkals ganze Geschichte. Wir begleiten sie auf ihrem Weg: angefangen in ihrer Kindheit als siebtes von elf Geschwistern in einer jesidisch-kurdischen Großfamilie, hinein in die herausfordernde Schulzeit, auf den Bolzplatz, dann als Profifußballerin in die Stadien. Nichts kann sie aufhalten. Heute schafft sie als Menschenrechtsaktivistin besondere Orte der Gemeinschaft und des Zusammenhalts. Es ist die Geschichte einer großen Leidenschaft für den Sport, aber auch eine Geschichte von Ausgrenzung, Einengung, Diskriminierung und immer wieder der Überwindung von Grenzen. Tuğba Tekkal hat niemals aufgegeben. Und nun hilft sie anderen dabei, vor allem Mädchen und Frauen, ihre eigenen Tore zur Freiheit zu öffnen. In Zusammenarbeit mit der SZ-Redakteurin Anna Dreher.

»Kick it like Tuğba! Oder: Wie man wird, was man ist.« Düzen Tekkal

Eine bemerkenswerte Frau mit einer bemerkenswerten Geschichte – ein Buch, das inspiriert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Beim Besuch in New York mit HÁWAR.help (im Rahmen der UN-Vollversammlung)

TUĞBA TEKKAL

TOR ZUR FREIHEIT

MEINE GANZE GESCHICHTE

© 2023 Elisabeth Sandmann Verlag GmbH, München

978-3-949582-18-9

Alle Rechte vorbehalten.

Text: Tuğba Tekkal, Anna Dreher

Lektorat: Matthias Teiting

Umschlagfoto: Paul Küster

Umschlag, Gestaltung und Satz: Sofarobotnik, Augsburg & München

Lithografie und Herstellung: Jan Russok

Besuchen Sie uns im Internet unter www.esverlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Bildnachweis:

2, 5, 13, 19, 58, 97 o, 97 u, 150, 200, 206: © LukandSimon

95, 96, 97 mr: © privat / Tuğba Tekkal

96 u: © Getty Images / Micha Will

97 ml: © Jesco Denzel

INHALT

Kick it like Tuğba! Oder: Wie man wird, was man ist. Düzen Tekkal

Vorwort Jagoda Marinić

Prolog

1

Das Paradies mitten in Hannover

Dreizehn Leute, vier Zimmer

Gerüche der Kindheit

Auf dem Rücken von Fuchur

Fatma und Seyhmus

Ein eigener Glaube

2

Alles anders

Vergiftete Glaubenssätze

Neue Freiheit mit Schutzpanzer

Wer bin ich?

Elf Freunde

3

Bolzplatz-Brüder

Geheimnisse im Turnbeutel

Der TSV Havelse und ein Anruf aus Hamburg

Erste Male in der Bundesliga

Köln, die Prinz und ich

Gefühlschaos

4

Eine Reise und ihre Folgen

Alles gegeben

Kein Weg zurück

Scoring Girls

Rückkehr in die Heimat

 

Schlussgedanken

Beim SCORINGGIRLS Training in einem IDP (Internally displaced people) Camp im Irak

KICK IT LIKE TUĞBA! ODER: WIE MAN WIRD, WAS MAN IST.DÜZEN TEKKAL

»Started from the bottom, now we’re here.« Drake

Zwischen meiner Schwester Tuğba und mir liegen sieben Jahre. Ich weiß noch, wie ich sie auf dem Arm hielt, als sie ein kleines Baby war. Wir sind elf Geschwister, aber jede und jeder Einzelne von uns Tekkals ist ganz nah an meinem Herzen! Mit Tuğba verbindet mich nicht nur sehr viel geteilte Familiengeschichte, sondern auch unsere gemeinsame Menschenrechtsarbeit. Wir haben die Menschenrechtsorganisation HÁWAR.help e. V. gegründet, Tuğba leitet seit sieben Jahren sehr erfolgreich das Sport- und Bildungsprojekt SCORINGGIRLS, mit dem sie für junge Frauen und Mädchen in Irak und Deutschland »Orte schafft, an denen die Welt noch in Ordnung ist«, wie sie sagt.

Die Mädchen, die den Weg zu ihr finden, haben mitunter traumatische Erlebnisse hinter sich: Flucht, Verfolgung und Krieg, Vernachlässigung in Schule und Familie. Aber sie begleitet auch ein Gefühl, nicht so recht zu wissen, wohin mit sich und der Welt. Nicht nur liegt bekanntlich die Wahrheit auf dem Platz, sondern hier liegen auch Selbstvertrauen, Selbstbestimmung und Gemeinschaftsgefühl. Es geht nicht darum, bei den SCORINGGIRLS den Grundstein für eine große Karriere als Fußballerin zu legen. Wenn sich das ergibt, ist es umso schöner! Es geht aber zunächst vor allem darum, Erfahrungen zu machen, die gerade für Mädchen nicht selbstverständlich sind. Der Spaß am Spiel und an der Bewegung verbindet sich mit etwas Größerem: Schwesternschaft und Zusammenhalt. Ein bisschen auf jene Weise, wie wir Schwestern sie in den besten Momenten unserer Kindheit erfahren haben.

Dieses Stück heile Welt war jedoch nicht immer da. Wir Tekkal-Kinder hätten mehr davon gebrauchen können. Denn als Sprösslinge von jesidisch-kurdischen Geflüchteten aus der Türkei war unser Großwerden im Deutschland der 1980er- und 1990er-Jahre mitunter gar nicht so leicht. Wir mussten uns oft erklären und rechtfertigen, für das, was wir sind. Unsere Lebenswege waren alles andere als vorherbestimmt. Die Ansprüche an uns waren oft widersprüchlich.

Zum einen war da der Wunsch unserer Eltern, dass wir es einmal leichter als sie haben sollten im Leben. Bildung war ein hohes Gut, vor allem für unseren Vater. Unsere Eltern erkannten, dass dieses Land sehr viele Chancen für uns bereithält. Chancen, von denen sie selbst nur hatten träumen können. Aber was hieß das für uns Tekkal-Mädchen? Zum anderen war da immer auch der sehr traditionelle Anspruch an uns: Familie gründen und Kinder kriegen. Rückblickend betrachtet, rebellierten wir alle auf unsere Weise dagegen. Ich, indem ich einem Politik-Studium und später meiner Berufung als Journalistin nachging, und dadurch für die Jüngeren ein Stück weit voranging. Unser gewachsener Familienzusammenhalt bedeutete für mich: Ich bin erst frei, wenn auch meine Geschwister frei sind und ihre Potenziale entfalten können. Zudem war mein Beschützerinstinkt ziemlich ausgeprägt.

Ich erinnere mich an eine Szene, in der das deutlich wird: Tuğba muss acht Jahre alt gewesen sein, ich also schon fünfzehn und mit dem Selbstbewusstsein eines aufmüpfigen Teenagers gesegnet. Die kleine Tuğba war immer auf Achse, ständig unterwegs, manchmal auch mit mir. Mit unserer Clique stromerten wir oft durch Hannover-Linden, ganz nach dem Motto: »Es gibt nichts in der Schule, was du nicht auch auf den Straßen lernen kannst.« Von einem dieser Ausflüge (ohne mich) kam sie einmal sehr spät heim. Elterliches Ungemach drohte, in Gestalt unserer Mutter. Kaum war die Tür hinter Tuğba ins Schloss gefallen, stand sie bereit, der schon förmlich vor Angst zitternden Tochter eine gepfefferte Standpauke zu halten. Mit einem Satz war ich zwischen den beiden, baute mich schützend vor meiner Schwester in Freibeuter-Pose auf, mit weit ausgebreiteten Armen, und schleuderte unserer Mutter Fatma ein »LASSTUĞBAINRRRRUUUHE!!« entgegen. Mein Manöver glückte: Anstelle von Tuğba erhielt ich die Standpauke.

Mit Tuğba mussten meine Eltern nicht oft schimpfen. Sie war keine Unruhestifterin. Im Gegenteil: Sie nahm sich selbst immer sehr zurück, war unkompliziert, ließ den Geschwistern den Vortritt. Das hatte zur Folge, dass ich mich manchmal fragte: »Bekommt Tuğba, was sie braucht? Wird sie genug gesehen?« Es gab eine Zeit, während der ich sehr besorgt um sie war: In der Schule erlebte Tuğba Ausgrenzung und Herabsetzung aufgrund ihrer Herkunft. Die Lehrkräfte fingen das nicht auf, im Gegenteil, sie waren manchmal eher Teil des Problems. Die Hauptschule war ein hartes Pflaster. Tuğba wirkte damals oft in sich gekehrt, erzählte uns wohl nicht alles – auch weil unser Leben als Großfamilie nicht immer den Raum dafür bot. Sie wollte niemandem zur Last fallen.

Von uns Tekkal-Schwestern ist Tuğba die Empathischste. Sie hat ganz feine Antennen für die Bedürfnisse der Menschen um sie herum – etwas, das ihr heute bei ihrer Arbeit mit den SCORINGGIRLS wie ein Schatz zugutekommt. Für ihre Mädchen ist sie sportliches Vorbild, große Schwester, Sozialarbeiterin und manchmal sogar Sachbearbeiterin, wenn es gilt, Dinge mit dem Ausländeramt zu regeln. Ich bin über alle Maßen stolz, wenn ich sehe, was Tuğba heute mit ihrer Arbeit leistet!

Für all das wurde der Grundstein in den Jahren in Hannover-Linden und Garbsen-Berenbostel gelegt – an guten, wie an schlechten Tagen. Ich erinnere mich an Nachmittage und Abende, an denen wir Tekkal-Schwestern in unserem engen, gemeinsamen Kinderzimmer beieinandersaßen oder -lagen und uns in die weite Welt träumten: Was wir alles einmal machen, sehen und erleben wollten. Mithilfe unserer kindlichen Fantasie wurden die Wände zu Kinoleinwänden, auf dem die unglaublichsten Filme abliefen – die zunächst in denkbar schärfstem Kontrast zu unserer Realität standen.

Wir wuchsen heran, die Träume aber wurden nicht kleiner. Mit 19 zog ich von zu Hause aus, um meine persönlichen Träume zu verwirklichen. Meine Eltern waren geschockt, als mein Entschluss feststand und ich nicht von meinem Vorhaben abzubringen war. Daran sind wir gewachsen, sowohl sie als auch ich – und alle anderen ebenso. Mit der Zeit erkannten unsere Eltern, dass Autonomie nicht bedeutet, dass wir dadurch unsere Identität verlieren und unsere Wurzeln verleugnen. Im Gegenteil: Durch die Menschenrechtsarbeit, die für Tezcan, Tülin, Tuna, Tuğba und mich auf der Asche des Völkermords an den Jesiden erwuchs, kamen wir in Berührung mit der Kernidentität des Jesidentums – schmerzhaft und heilsam zugleich. Ein Paradox. Durch den Schrecken des Genozids, den 2014 die Terrormiliz Daesch, hierzulande besser bekannt als der sogenannte »Islamische Staat«, über die Jesiden brachte, kamen wir in Kontakt mit der Schönheit und Fülle der Religion, in die unsere Familie zufällig hineingeboren wurde. Viel näher, als jegliche Erziehung oder das Wissen aus Büchern uns hätten heranführen können.

Für Tuğba war der Fußball das Tor zur Freiheit. Doch das kam erst spät in den Blick und zu einem Zeitpunkt, als es sehr dunkel um die junge Tuğba war. Davon und welche weiteren Möglichkeiten sich für sie eröffneten, nachdem sie durch dieses Tor schritt, handelt dieses Buch. Die Geschichte, die es hier zu entdecken gibt, ist nicht die einer klassischen Heldin, sondern einer Außenseiterin, die noch weiter ins Abseits hätte schlittern können. Eine Geschichte, die trotz aller Widrigkeiten eine glückliche Wende nahm. Auch weil Tuğba immer von Menschen umgeben war, die an sie glaubten und sie unterstützten.

Ich freue mich sehr, dass Anna Dreher sich dieser Geschichte auf so einfühlsame Weise angenommen und sie zusammen mit Tuğba zu Papier gebracht hat! Ich bin der festen Überzeugung: Für jeden Menschen auf dieser Welt gibt es ein Tor zur Freiheit. Und wer weiß …? Vielleicht hilft dieses Buch einem Mädchen, einer jungen Frau, einem Jungen oder einer schon erwachsenen Person dabei, ihr Tor für sich zu finden – und zu werden, was man ist.

VORWORT JAGODA MARINIĆ

Tuğba Tekkal staunt. Sie hört sehr genau hin, wenn jemand spricht, als könnte ihr jeder Mensch in einem unerwarteten Moment ein Tor in eine neue Welt öffnen. Ihr Staunen hat nichts Naives. Es erzählt von einer starken Frau, die etwas Besonderes aus ihrer Kindheit in ihr Erwachsenenleben retten konnte: Ihre Neugier. In dieser Neugier liegt die Hoffnung darauf, dass einem das Leben immer wieder etwas zu bieten hat, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Wie viel Kampf in Tuğba Tekkals Leben steckt, merkt man ihr nicht an. Als ich sie das erste Mal erlebe, sind wir bei einem Abendessen, zu dem Frauen eingeladen sind, die sich gesellschaftlich engagieren. Alles schön und feierlich, aber auch eine Spur zu steif, bis Tuğba das Wort ergreift und von ihrem Besuch bei Bundespräsident Steinmeier erzählt, zu dem sie ihre große Schwester Düzen begleitet hat. Sie habe eine dunkle Sonnenbrille angehabt, erzählt sie, weil sie eine Augenallergie hatte. Sie wollte nicht krank aussehen, dafür sah sie aus wie Düzen Tekkals Bodyguard. Mit ihrem Humor brach sie das Eis, spielte sich mit ihrer Schwester Tülin Tekkal die Witze zu. Vier Schwestern waren es an dem Abend, manchmal sind sie zu fünft. Immer kommen sie wie eine Wucht auf einen zu, was ich erst richtig merkte, als ich ahnungslos zusagte, mit demselben Taxi wie sie nach Hause gefahren zu werden. In dieser Enge erlebte ich das Zusammenspiel ihrer Verschiedenheiten, ihr Lachen, ihre Begeisterung, ihre Ernsthaftigkeit. Ich wusste, gemeinsam werden diese Töchter von Einwanderern vieles in Deutschland auf den Weg bringen. Aber auch jede Einzelne für sich. Es ist ihre Unterschiedlichkeit und die Kraft, diese Unterschiede zusammenzuhalten, die eine Begegnung mit allen Tekkal Schwestern so besonders macht. Der Kampf, in Deutschland zu Hause zu sein und dabei die Eltern einzubeziehen in ihr eigenes Wachsen. Der Weg ins eigene Leben hieß für die Töchter nie, den eigenen Eltern den Rücken zu kehren und von ihrem erfolgreichen Leben aus zu winken. Nein, die Tekkal-Töchter haken sich bei ihren Eltern ein und nehmen sie mit. Die Eltern lieben und lernen. In den Instagram Stories sieht es manchmal aus, als gäbe es nichts Leichteres als das. Wer die Familie etwas näher kennenlernt, der weiß, wie viel Mut und Kraft hinter dieser Leichtigkeit steckt. Sollte es zu schwer werden, gibt es Slapstickvideos zwischen Tuğba und Tülin, die zeigen, wie man sich mit Strolchstreichen aus dem Alltag rettet.

Tuğba hatte neben ihren Schwestern schon früh den Fußball. In der Welt, aus der ihre Familie stammt, scheint das kein natürliches Talent für ein Mädchen zu sein. Wie ist es, wenn deine Leidenschaft für jene, die du liebst, zum Problem wird, weil es nicht in das Bild passt, das man sich von Mädchen macht? Wenn Tuğba Tekkal von den Hindernissen auf ihrem Weg zu erzählt, wird ihre Stimme oft besonders sanft und ruhig, als wollte sie zeigen, dass ihr Kampf ein Kampf der Sanftmütigen war und sein wird. Kraftvoll und entschieden, aber nie mit Gewalt. Oft hatte ich den Eindruck, sie hat das Unverständnis der Anderen dank ihrer Gabe zu staunen ausgehalten. Sie wusste früh: Je genauer ich die Hindernisse in anderen beobachte, desto besser werde ich eines Tages wissen, wie ich sie umspiele. Tuğba muss nicht in den Kampf mit dem, was sich ihr in den Weg stellt. Sie beobachtet es. Sie durchdenkt es und findet ihren Weg. Eine Spielerin eben, die zudem zum Ball fand.

Es gibt viele Wege, sich für Menschenrechte einzusetzen. Tuğba Tekkals Weg führte von innen nach außen: Je besser sie verstanden hat, was ihr Leben ausmachte, wie sie sich freigespielt hatte, desto besser wusste sie, wie sie andere auf ihrem Weg begleiten konnte. Manchmal ist uns Menschen das Unrecht, in dem wir aufwachsen, so selbstverständlich, dass es Jahre dauert, bis wir verstehen, wie stark wir eigentlich waren. Daraus lässt sich nachträglich eine Geschichte erzählen, in der man sich bedauert. Tuğba hingegen erzählt eine Geschichte, von der sie hofft, dass sie anderen Menschen früher zeigt, wie viel Kraft in ihnen steckt.

Mit ihrem Projekt SCORINGGIRLS ging Tuğba Tekkal zuletzt in den Irak und mit diesem Schritt hat mich ihre Menschenrechtsarbeit endgültig überzeugt. Die Heimat der Eltern ist für viele Kinder von Einwanderern ein Ort zwischen Nostalgie und Utopie. Wie wäre die eigene Kindheit dort verlaufen? Wären die Eltern anders gewesen, hätte die Familie sich anders verstanden ohne den ewigen Abgleich zwischen zwei Kulturen? Wäre sie selbst dort, wo Mädchen erst recht nicht Fußballerinnen sein sollen, auch Fußballerin geworden, fragte ich mich, als ich in den sozialen Medien die Videos von der Reise sah. Freiheit ist neben allem Großen, was über sie gesagt werden kann, vor allem eine Erfahrung. Wer Freiheit erlebt, wird sie nur schwer vergessen. Sobald die SCORINGGIRLS am Ball sind, sieht man junge Mädchen, die sich freispielen, die ihr Talent entdecken und mit ihm die Kraft, es zu entwickeln. Die Lust, es zu spüren. Da ist plötzlich eine Selbstsicherheit in ihren jungen Gesichtern, die sie über Jahre tragen wird.

Nachdem ich die Videos über die Projekte im Irak gesehen hatte, lud ich die SCORINGGIRLS nach Heidelberg ein, wo ich das Interkulturelle Zentrum leite, und wo – wie überall – auch Mädchen leben, deren Eltern der Meinung sind, Fußball sei kein Sport für sie. Als die SCORINGGIRLS ankamen, sah ich junge Spielerinnen, die sich vor nichts zu fürchten schienen, weil sie gemeinsam ein Talent entdeckt hatten, weil sie gemeinsam ihren Weg gegangen waren, weil jede für sich stark war, aber noch stärker im Team. So wie die Tekkal Schwestern. Tuğba Tekkal hat etwas von dem, was sie zwischen ihren Schwestern erlebt hat, gelernt weiterzugeben. Ihre SCORINGGIRLS sind für viele junge Mädchen eine Art Sisterhood. Tuğba hat auch gelernt, wie etwas von dem, was sie in sich entdeckt hat, nicht nur sie stark machen kann, sondern auch andere. Die Mädchen auf dem Fußballplatz tanzen, singen in verschiedenen Sprachen. Sie erzählen sich von ihren Sorgen um Behörden und Duldungen. Tuğba hört zu, als würde sie ihre Probleme sammeln. Sie weiß, es ist viel zu tun im Leben dieser Mädchen, es braucht Zeit. Tuğba nimmt sich diese Zeit. Manchmal sind es Jahre. Ihre Ruhe macht es leichter für die Mädchen: Kein Drama, let’s play.

Sie steht am Spielfeldrand und sieht zu, wie die SCORINGGIRLS über den Rasen laufen. Da ist er wieder, dieser Blick: Es kann gelingen, ganz gleich, wo du herkommst, was vorher war und was andere über dich sagen. Es wäre nicht Tuğba Tekkal, wenn sie diesen Glauben ans Gelingen nicht teilen wollte.

Beim Besuch der Bewohner:innen des IDP Camps im Irak

PROLOG

Da sitzen wir nun also. Düzen, Tuna, Tezcan, Tülin und ich. Auf einer großen, steinernen Treppe in New York. Ich, ein Mädchen aus Hannover-Linden, mit ihren Schwestern mittendrin in dieser Stadt, in der gefühlt jede Sekunde eine neue Geschichte geschrieben wird. Wie oft habe ich diesen Song laut mitgesungen, Empire State Of Mind von Alicia Keys und Jay-Z, über den Asphaltdschungel, wo es nichts gibt, was du nicht tun kannst. These Streets will make you feel brand new. Big lights will inspire you. Und jetzt bin ich wirklich hier!

Ich bin überwältigt von dem, was wir erlebt haben. Wir sind nicht nach New York gereist, um Urlaub zu machen und uns zu überlegen, ob wir zuerst in den Central Park oder zur Freiheitsstatue gehen sollten. Im September 2022 sind wir hergekommen mit einer Mission: Als Vertreterinnen unserer Hilfsorganisation HÁWAR.help im Rahmen der 77. Vollversammlung der Vereinten Nationen, auf der Bundeskanzler Olaf Scholz und Außenministerin Annalena Baerbock mit Abgesandten so vieler Staaten über die globalen Krisen dieser Zeit debattieren. Jede dieser Krisen betrifft auch uns. Manche ganz besonders.

Wer uns Tekkals kennt, weiß, dass in unserer Umgebung eigentlich immer etwas los ist. Wir reden viel, wir lachen laut. Aber auf dieser Treppe bleiben wir ganz still. Keine sagt ein Wort. Ich habe Tränen in den Augen. All diese Erfahrungen machen zu dürfen, und dann auch noch mit meinen Schwestern. Was in New York passiert ist, erscheint mir fast schon surreal. Ich bin mir sicher, dass in diesen Momenten jede von uns an etwas ganz Ähnliches denkt: Daran, wie viel sich entwickelt hat, seit wir 2015 den Verein HÁWAR.help gegründet haben und seit Düzen und Tezcan das erste Mal nach New York gereist sind, 2017 auf Einladung der UN. Damals haben wir noch darum kämpfen müssen, dass uns überhaupt jemand wahrnimmt. Aber wir haben nie aufgegeben. Nicht, als uns Freunde und Familie geraten haben, lasst das mit der Menschenrechtsarbeit lieber sein, sucht euch vernünftige Jobs, das bringt doch alles ohnehin nichts. Nicht, als wir keinen Cent mehr in den Taschen hatten. Nicht, als wir uns selbst vergaßen, weil wir all unsere Energie HÁWAR.help gewidmet haben, all unsere Zeit, als ich kaum etwas gegessen und wenig geschlafen habe. Der Glaube an unsere Arbeit hat mich immer angetrieben. Manchmal fällt es mir schwer zu begreifen, was wir uns aus eigener Kraft aufgebaut haben. Ich weiß nicht, ob wir jemals sagen werden, wir haben es geschafft. Die Menschenrechtsarbeit ist wohl eher eine Lebensaufgabe und weniger ein vorübergehendes Projekt. Aber dort in New York, da hat es sich ein bisschen so angefühlt.

Während die Metropole um uns herum weiter pulsiert, laufen in meinem Kopf die Bilder der vergangenen Stunden ab: Wie wir an der Columbia University Menschenrechtsstudierenden die Dokumentarfilme meiner Schwester Düzen zeigen, HÁWAR – meine Reise in den Genozid und JIYAN – die vergessenen Opfer des IS, außerdem Aufnahmen von unserer jüngsten Reise in den Irak zu einem unserer Frauenzentren. Ich habe nie studiert. Ich habe nie gedacht, dass ich überhaupt einmal eine Universität von innen sehen würde. Und nun sitze ich im Seminarraum einer der ältesten und renommiertesten Hochschulen der Vereinigten Staaten von Amerika. Und anstatt, dass wir hier den klugen Köpfen zuhören, sind wir es, die künftigen Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtlern erzählen, worauf es bei dieser Art von Arbeit ankommt und welche Erfahrungen wir gemacht haben. Mich sprechen danach noch einige persönlich an, weil sie mein Fußballprojekt kennen – auch die SCORINGGIRLS haben es also bis nach New York geschafft. Das allein hätte gereicht, damit ich mit einem breiten Grinsen zwischen den Wolkenkratzern herumgelaufen wäre und immer wieder gedacht hätte: Heftig, ey, heftig! Aber dieser Tag hält noch weitere Überraschungen für uns bereit.

Nach der Filmvorführung und Diskussion erfahren wir von einer Demonstration vor dem Hauptgebäude der Vereinten Nationen, eine Solidaritätsbekundung mit den Protesten in Iran nach dem gewaltsamen Tod der erst 22 Jahre alten Kurdin Jina Mahsa Amini am 16. September. Unser Plan sieht eine Teilnahme an der Demonstration nicht vor, aber wir verschieben ohne zu zögern alle weiteren Termine an diesem Tag. Unsere Eltern sind dagegen, dass wir dorthin gehen, wir haben sie angerufen und ihnen davon erzählt. Aber wir können nicht anders. In einem Starbucks sitzen wir Schwestern alle an unseren Handys, jede erledigt ihren Part und trifft Absprachen, damit alles funktioniert. Und wie wir dann zusammenpacken, wie wir zur U-Bahn und zu unserem Ziel laufen – in jedem unserer Schritte steckt so viel Power, unsere Blicke sind fokussiert und entschlossen. Wir kennen uns nicht aus in der Gegend, trotzdem sind wir so zielstrebig unterwegs, als wüssten wir genau, wo wir hinmüssen. In mir kommt diese Überzeugung auf, dass wir dafür bestimmt sind, für andere einzustehen und zu kämpfen. Wir, die als Kurdinnen nicht nur zu einer Minderheit gehören, sondern als Jesidinnen eine Minderheit in der Minderheit bilden. Unsere Religionsgemeinschaft trägt den Kampf ums Überleben seit jeher tief in sich. Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn niemand hinguckt und niemand hilft.

Je näher wir der United Nations Plaza am East River kommen, desto lauter wird es. Die Demo neigt sich langsam dem Ende zu, aber es ist immer noch viel los. Einige Menschen stehen vor einem Mahnmal in Gedenken an die Massenhinrichtung Zehntausender politischer Gefangener 1988 in Iran. Um sie wird ebenso getrauert wie um die jüngsten Opfer des Regimes. Jeden Tag werden es mehr – ich kann das kaum aushalten. Ob es irgendwann Gerechtigkeit geben wird auf dieser Welt? Protestierende halten Plakate in die Luft, Forderungen hallen durch Megafone in den New Yorker Himmel. Auf einmal kommt eine große Gruppe auf uns zu, es wird lauter und lauter. Dann sehen wir Masih Alinejad, die iranische Journalistin, Autorin, Frauenrechtlerin und Menschenrechtsaktivistin, eine der bekanntesten Kritikerinnen der Regierung ihrer Heimat. Seit Jahren lebt sie in den USA im Exil. Wir ergreifen sofort die Gelegenheit, um mit ihr zu sprechen, vor allem Düzen.

Die Kulisse beeindruckt mich, gleichzeitig wirkt sie angsteinflößend. Viele aufgebrachte Menschen umgeben uns, die Situation ist total unübersichtlich. Ich weiß genau, dass es richtig und wichtig ist, dass wir jetzt hier sind. Ich weiß, was für ein Glück wir haben, Alinejad zu treffen. Und doch mache ich mir Sorgen, dass etwas passieren könnte. Sie kann sich in der Öffentlichkeit inzwischen kaum noch ohne Leibwächter bewegen und erhält ständig Morddrohungen, der iranische Geheimdienst will ihre starke Stimme am liebsten zum Schweigen bringen. Sie ist der Staatsfeind Nummer eins für das Mullah-Regime. Wer weiß schon, ob nicht heute in New York ein Anschlag auf sie verübt wird?

Tülin und ich scannen permanent die Umgebung. Ausgerechnet wir beide, die sonst für den Spaß bei uns zuständig sind und dafür, dass wir uns bei all der Schwere die Leichtigkeit bewahren. Die Objektive der vielen Kameras richten sich auf Alinejad. »Für Mahsa und Millionen von anderen Frauen! Wir werden seit Jahren auf den Straßen zusammengeschlagen«, sagt sie zu uns. In den Händen hält sie ein Porträtbild von Jina Mahsa Amini, in ihre Locken hat sie sich eine weiße Blume gesteckt. »In diesem Moment, in dem ich hier spreche, stürmen iranische Frauen nicht allein wegen der Hijab-Pflicht auf die Straße. Sie sind wütend, sie haben die Islamische Republik satt! Wenn der Rest der Welt, die demokratischen Länder, nicht handeln, wird das iranische Regime noch mehr Mahsa Aminis töten.« Wie viel Stärke, wie viel Energie von ihr ausgeht! Wir hängen an ihren Lippen, im Bann dieser mutigen und inspirierenden Frau.

Nach dem Gespräch mit Masih Alinejad bleiben wir noch etwas bei der Demonstration, bevor wir uns ein paar Ecken weiter auf der großen, steinernen Treppe sammeln. Für mich kommt in diesen Momenten so viel zusammen: Unsere Herkunft, unsere Arbeit und die Werte, die wir mit so vielen Menschen teilen. Und natürlich ist mir bewusst, dass es in dieser Welt alles andere als selbstverständlich ist, was wir machen. Wir riskieren nicht unser Leben, wenn wir Kritik äußern. Wir befinden uns gerade in den USA, wo protestiert werden darf. Wir leben in Deutschland mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Wie wertvoll das ist, kann nicht oft genug betont werden. Noch am gleichen Tag beschließen wir, nach unserer Rückkehr eine Kundgebung am Brandenburger Tor in Berlin zu veranstalten. Wir haben nur wenig Zeit, um vorzubereiten, wofür es eigentlich Wochen braucht, aber zusammen mit zehn Mitarbeitern ziehen wir die Sache durch. Wir Tekkal-Schwestern funktionieren im Ausnahmezustand. Vielleicht sind wir da nicht ganz normal, aber irgendwie kennen wir das nicht anders – und werden immer wieder belohnt.

Zu der Kundgebung kommen mehr als 2000 Menschen. Von der kleinen Bühne aus blicken wir auf dutzende Plakate, immer wieder rufen die Menschen den Leitsatz des Widerstands: Jin, Jiyan, Azadî – Frau, Leben, Freiheit. Politikerinnen und Politiker von den Grünen, von SPD, Union und der FDP sprechen genauso wie Menschenrechtsaktivistinnen und Journalistinnen. Was mich bei solchen Kundgebungen am meisten bewegt, sind die Ansprachen von Demonstrierenden, die fragen, ob sie spontan etwas beitragen dürfen. Wie an diesem Mittwoch zum Beispiel Amir, ein Geflüchteter, der seit drei Jahren in Deutschland lebt: »Ein Angriff auf die Rechte der Frauen ist ein Angriff auf Menschenrechte«, sagt er. In seiner Stimme liegt so viel Wut.

Egal, ob die Krisen in Afghanistan, in der Ukraine oder in Iran – wir werden immer wieder gefragt: Wie kann geholfen, was kann getan werden?

Das können wir tun: Auf die Straße gehen, demonstrieren, laut sein, uns positionieren und solidarisieren, für mehr Sichtbarkeit sorgen. Wir haben diese Rechte, wir sollten sie nutzen. Welchen Sinn haben sie sonst? Unser Engagement sind wir vor allem denjenigen schuldig, die Strafen und Prügel für derartige Meinungsäußerungen riskieren, oder gar ihr Leben. Zu viele Menschen, vor allem Frauen, werden unterdrückt und können kein selbstbestimmtes Leben führen. Vielleicht klingt das pathetisch, aber meine Schwestern und ich werden mit unserer Arbeit erst aufhören, wenn jede Frau auf dieser Welt frei entscheiden kann, was sie tun oder nicht tun möchte.

Ich bin ein Mädchen aus Hannover-Linden, eines von elf Geschwistern, eine deutsche Frau kurdisch-jesidischer Abstammung. »Aus dir wird sowieso nichts!« – das habe ich als Jugendliche oft genug gehört. Ich bin lange kaum nach draußen gegangen, hatte wenige Freunde. Aber das ist längst vorbei. Ich habe in der Fußball-Bundesliga gespielt, heute bin ich Menschenrechtsaktivistin und Sozialunternehmerin. Meine Reise hat mich bis nach New York zu den Vereinten Nationen gebracht, und sie ist noch lange nicht vorbei.

Das hier ist meine Geschichte. Die Geschichte von einer, der nicht viel zugetraut wurde, die ihr Selbstbewusstsein einst verlor und die es sich zurückgeholt hat. Sie soll all jenen Mut machen, denen der Glaube an sich selbst genommen wird.

Bei der Eröffnung des ersten SCORINGGIRLS Standorts im Irak

1

DAS PARADIES MITTEN IN HANNOVER

Wenn ich an meine Kindheit denke, fällt es mir schwer, diese Zeit in ein einziges Wort zu fassen. War sie nun »schön« oder »frei« oder »wild« oder vielleicht auch »kompliziert« und »schwierig«? Ein einziges Wort reicht nicht aus, weil in mir die unterschiedlichsten Gefühle aufgewirbelt werden, sobald mir in den Kopf kommt, was damals alles los war. Ich denke an unbeschwerte Tage, ganz viel Leichtigkeit, Lachen und Licht. An Tage, an denen ich mit Freunden gespielt habe, sobald es ging und solange es ging. Ich habe Stunden auf dem Bolzplatz, im Jugendzentrum und auf der Straße verbracht, eigentlich war ich ständig draußen, egal ob im Sommer oder Winter. Ich war frech und neugierig. Gleichzeitig denke ich bei der kleinen Tuğba an ein flaues Gefühl im Magen, als hätte ich gewusst, dass all dies einmal enden würde.

Die ersten Jahre meines Lebens haben wir in Hannover-Linden in der Limmerstraße gewohnt. Eine sehr laute Straße, auf der zu jeder Tageszeit die unterschiedlichsten Menschen unterwegs waren. Die Gegend war sicherlich kein typisches Familienviertel, es gab dort keine schönen Häuschen mit gepflegten Vorgärten, stattdessen reihten sich Imbisse an Kioske, Frisöre an Bars und Einkaufsläden. Heute gehört die Straße zu den hippen Ecken der Stadt, und vor allem an warmen Abenden verwandelt sie sich in eine richtige Partymeile, die Leute stehen und sitzen draußen herum und trinken ihr Bierchen, sie unterhalten sich und sind einfach froh, dort zu sein. Es gibt in Hannover sogar ein eigenes Wort dafür: Limmern. Das haben wir gewissermaßen schon als Kinder gemacht, ohne dass es angesagt war.

Die Limmerstraße, Linden – das war unser Abenteuerspielplatz. Wir sind auf dem Gelände der Glocksee herumgelaufen, dem autonomen Jugendzentrum, und wir sind immer wieder zur Faust, eine ehemalige Bettfedernfabrik, in deren Backsteingebäuden seit 1991 ein Kulturzentrum untergebracht ist. In meiner Erinnerung wirkte es dort damals wie ein Schrottplatz mit Skateboard-Halfpipe, auf dem Punks lebten. Manchmal fanden dort Konzerte statt, wir haben uns einfach vor die Bühne gesetzt und zugehört, wobei es uns natürlich in keiner Sekunde um die Musik ging. Wir wollten den Punks mit ihren bunten Frisuren, Nietengürteln und Springerstiefeln zusehen. Unser Adrenalin überdeckte den schrägen Gitarrensound. Manchmal ließen sie uns einfach dort hocken, manchmal waren sie genervt und jagten uns vom Gelände. Auf dem Hof entdeckten wir irgendwann einen Kellerraum, und obwohl das Licht eher schummerig war, sind wir die Treppe hinunter. Es roch nach Kälte, feuchter Luft, Bier, Alkohol, Schweiß, eine ganz komische Mischung. Auch da saßen Leute herum. »Hey, was geeeht?«, so sind wir da aufgetreten, meine Cousins, Cousinen, Geschwister, Freunde und ich. Selbstbewusst, obwohl sich diese Erkundungsgänge anfühlten wie Mutproben. Wir sind allein aufs Schützenfest gegangen, in leerstehende Häuser und auf Baustellen, wir sind in Einkaufswägen über Rampen gerast und gegen Wände und Absperrungen geknallt.

Und die Straßenbahn! Ich höre immer die Straßenbahn, wenn ich an diese Zeit denke. Die Linie 10 fuhr direkt vor unserer Wohnung vorbei, und manchmal klammerten wir uns außen an die Tür und fuhren bis zur nächsten Station mit, oder wir ließen uns auf Inlineskates ein Stückchen ziehen. Um mich herum klangen die Stimmen von unzähligen Menschen, Erwachsene und Kinder, die sich in unterschiedlichen Sprachen unterhielten, ein permanentes Rauschen, das mich irgendwie beruhigte. Meistens redeten die Leute hier Italienisch. In unserem Wohnhaus befand sich unten eine Eisdiele, in der ein paar meiner Geschwister aushalfen, um sich ein Taschengeld zu verdienen. Meine Mutter arbeitete dort ab und an als Reinigungskraft, und ich begleitete sie so oft wie möglich und saß auf einem Hocker, während sie den Boden wischte. Wie es dort gerochen hat, so süß, eine Mischung aus allen Eissorten, an diesen Duft erinnere ich mich heute noch. Gefühlt habe ich dort ständig ein Eis gegessen. Haselnuss. Immer Haselnuss. Das ist bis jetzt mein Favorit.

Von der Schule bin ich langsam nach Hause geschlurft, im Schneckentempo, quasi in Zeitlupe, ich war eine große Träumerin. Wenn ich zur Tür reinkam und meine Mutter zu Hause war, warf sie einen Blick auf die Uhr in der Küche. Das Essen stand längst auf dem Tisch. Es war nicht so, dass ich nicht nach Hause wollte, ich war einfach so fasziniert von dem, was auf den Straßen los war – dass jeden Tag so viele Menschen unterwegs sein konnten! Ich schaute ihnen zu, wie sie gingen, wie sie sich unterhielten, wie sie ihre Ware ordneten, ihre Einkäufe erledigten. Ich blieb stehen und setzte meinen Weg erst fort, wenn ich das Gefühl hatte, alles gesehen zu haben. Die Auslagen in den Schaufenstern waren unendlich spannend, ich stellte mir vor, was ich alles kaufen würde, wenn ich Geld hätte. Heute würde ich für die Strecke wahrscheinlich fünfzehn Minuten brauchen, ganz ohne zu hetzen. Als Kind habe ich mir bestimmt eine Stunde Zeit genommen.

Wenn Mama nicht zu Hause war, gab es trotzdem etwas zu essen, weil eines meiner älteren Geschwister gekocht hatte. Manchmal war auch eine Tante oder eine Cousine da. Nach dem Essen verschwand ich wieder nach draußen – ich wollte mich mit meiner besten Freundin Ramona treffen, mit ihrem Bruder Daniel und Andi und den anderen Kindern aus dem Viertel. Wir waren erst sieben Jahre alt, kamen uns aber enorm cool und erwachsen vor. Wenn wir Hunger hatten, kauften wir uns beim Gemüsehändler Dosenmais und löffelten die Körner auf dem Gehweg. Dosenmais! Wir fühlten uns wie Könige. Ich hatte Freunde aus Akademiker- und aus Arbeiterfamilien. In diesen ersten Jahren spielte das überhaupt keine Rolle für uns. Es war egal, ob jemand Kurde, Türke, Franzose, Italiener, Russe, Pole oder Deutscher war, egal, ob die Familie jeden Cent umdrehen musste oder zweimal im Jahr in den Urlaub flog.

Damals war alles spontan, es gab noch keine Handys. Das besetzte Telefon – wir waren elf Geschwister, und auch mein Vater telefonierte viel – war genauso ein Teil meiner Kindheit wie das Klingeln an der Tür, wenn meine Freundinnen und Freunde mich abholen wollten. Oder sie riefen von der Straße nach oben: »Tuuuuuğba!« Meistens schaute meine Mama aus dem Fenster, dann folgte die Nachfrage: »Ist Tuğba da?« Natürlich war ich da, ich hatte ja nur darauf gewartet, abgeholt zu werden, wenn wir uns nicht eh nach der letzten Unterrichtsstunde verabredet hatten. Ich meine mich zu erinnern, dass es in meiner Kindheit keine feste Zeit gab, zu der ich abends wieder da sein musste. Wir wussten, dass meine Eltern sich irgendwann Sorgen machen würden und wir es nicht übertreiben durften.

Viele unserer Tanten und Onkel lebten mit ihren Kindern in Hannover. Papa hat zwei Geschwister, Mama vierzehn. An schönen, warmen Tagen zogen wir als Großfamilie auf eine Wiese beim Küchengarten in Linden-Limmer. Spiela Mala Isa nannten wir diese Zusammenkünfte. Spiela für Spielplatz, Mala für Haus, und Isa nennen wir unsere Vorfahren. Also Spielplatz vom Hause Isa. Wenn Sommerferien waren, gingen wir im Freibad schwimmen, bevor wir auf der Wiese unsere Decken ausbreiteten und grillten. Ich habe es geliebt, mit so vielen Cousinen und Cousins, so vielen Onkeln und Tanten aufzuwachsen. Wir konnten Kurdisch sprechen, jede hat jeden verstanden, wir spielten wild und lachten viel, und die Erwachsenen redeten und redeten und redeten. Ich wusste, wir waren ein bisschen anders als die anderen im Park, anders als die Kleinfamilien und verliebten Paare, die studentischen Gruppen und die älteren Spaziergänger. Aber darauf war ich stolz, ich habe mich unserer Familie so tief verbunden gefühlt, ich habe mich lebendig gefühlt, und ich wusste, dass es allen anderen auch so ging. Und manchmal fiel die Schönheit unseres Zusammenseins auch den Spaziergängern und verliebten Paaren auf, dann kamen sie zu uns herüber, setzten sich dazu und aßen und plauderten mit uns.

Ich verbrachte viel Zeit in einem Jugendzentrum, dem Spielhaus in der Walter-Ballhause-Straße in der Nähe der Ihme, die durch Hannover fließt. Über drei Etagen verteilt hatten wir dort unser eigenes Reich. Wir bekamen etwas zu essen und Hilfe bei den Hausaufgaben. Im Spielhaus habe ich neue Seiten von mir kennengelernt, ich war dort laut, was ich zu Hause nicht war. Ich fühlte mich stark und selbstbewusst, als hätte ich einen neuen Raum betreten, in dem ich mich anders verhalten konnte. Es gibt alte Videos aus dem Spielhaus, wie ich in die Kamera sage: »Ich bin Tuğba, die Coolste hier von allen!« Als hätte dieser Ort mich mit einer besonderen Energie aufgeladen.

Die Betreuerinnen und Betreuer mochte ich sehr, vor allem Renate. Von ihr holte ich mir all die Aufmerksamkeit und Bestätigung, die ich zu Hause meist mit meinen Geschwistern teilen musste. Sie gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Das war für mich so schön, so wichtig. Renate hatte knallrote Haare, die ich ganz wunderbar fand, und sie war so herzlich und offen – zu allen. Später hat sie mir einmal gesagt, dass sie meine Art sehr mochte, diesen Wirbelwind, der ich im Spielhaus war. Sie wollte mich nie bremsen oder mir Grenzen setzen. Täglich kamen bestimmt um die dreißig Kinder, vielleicht auch mehr, jedenfalls war immer viel los. Unsere Familien stammten alle aus unterschiedlichen Kulturkreisen, aber das spielte wie auf der Limmerstraße keine Rolle. Jede und jeder gehörte dazu. Es war es wie auf den Spiel- oder Bolzplätzen: Egal, wie gut oder wenig gut man sich kannte, alle waren miteinander befreundet. Wer das Spielhaus mochte, den mochte man selbst auch.

Ich habe dort getanzt, wir hatten sogar kleinere Auftritte: Breakdance, Hip-Hop, traditionelle Tänze, und wer wollte, konnte auch vor Publikum rappen. Wir bastelten, unternahmen Ausflüge, später spielte ich viel Fußball und wir nahmen mit der Spielhaus-Mannschaft an kleineren Turnieren teil. Meistens war ich das einzige Mädchen auf dem Platz. Mein Bruder Timur nahm mich zu dieser Zeit schon mit, wenn er mit Freunden kickte, meine Begeisterung für diesen Sport war längst geweckt. Und wie die Jungs auf dem Bolzplatz hatte auch im Spielhaus niemand etwas dagegen, dass ich Fußball spielte.

Gefühlt habe ich in meinen ersten zehn Lebensjahren mehr erlebt als in den 27 Jahren danach. Ich erinnere mich an viele Szenen und denke: Da muss ich zwischen fünf und zehn Jahre alt gewesen sein. Viele von diesen Bildern stammen aus dem Jugendzentrum, eine bunte und fröhliche Erlebnissammlung. Ich bin dankbar, dass ich diesen Ort für mich entdeckt habe. Ich habe mich oft gefragt, ob ich das so sagen kann, aber ich glaube, das kann ich: Die Zeit im Spielhaus war die schönste meines Lebens.

DREIZEHN LEUTE, VIER ZIMMER

Wenn ich mit dem Schließen der Eingangstür die Geräusche der Limmerstraße hinter mir gelassen hatte, waren es noch ein paar Treppenstufen bis zu unserer Wohnung. Der erste Raum war ein Eingangsbereich, in dem ganz viele Schuhe standen. Dann begann der Flur, der gleichzeitig das Esszimmer war und von dem auf der einen Seite die Küche abging, auf der anderen Seite das Wohnzimmer. Dahinter waren das Kinder-, das Jugend- und das Elternzimmer angedockt sowie das Badezimmer.

Im Wohnzimmer übernachtete mein ältester Bruder Tekin. Jeden Abend wurde eine Matratze mit Bettzeug bereitgelegt, jeden Morgen wieder aufgeräumt. Meine älteste Schwester Muhterem hatte das Jugendzimmer mit einem Schrankbett drin, alles musste praktisch sein. Als die Zwillinge Tülin und Tamer nicht mehr bei meinen Eltern schliefen, bekamen sie jeweils ein Bett in ihrem Zimmer. Alle anderen waren im Kinderzimmer untergebracht, wo es zwei große Stockbetten für uns gab. Ein Kind durfte hin und wieder in die Mitte meiner Eltern. Mich hatten sie nachts besonders gern bei sich, weil ich mich kaum im Schlaf bewegte. Ich bin aufgewacht, wie ich mich hingelegt habe, ich war die unauffällige Tuğba.

Wer sich ein Bett teilte, war füreinander verantwortlich. Mein Partner war Taner, mein fünf Jahre jüngerer Bruder. Ich passte auf ihn auf, wusch und wickelte ihn, und als er keine Windeln mehr brauchte, weckte ich ihn abends zwischendurch, ging mit ihm zur Toilette, half ihm beim Pippi machen, bevor wir uns wieder hinlegten. Ich nahm diese Aufgabe sehr ernst. Was natürlich auch daran lag, dass ich damit verhinderte, nachts in einer Pfütze aufzuwachen. Wir Geschwister kümmerten uns früh umeinander, wir zogen uns gegenseitig groß. Meine Eltern waren für uns da, mussten sich aber auch um Geld und Haushalt kümmern, das kostete viel Kraft und Zeit.

Privatsphäre gab es in einer so großen Familie eher selten. Selbst wenn wir hinter geschlossener Tür auf dem Klo saßen, klopfte meist jemand und rief: »Mach die Tür auf, du willst doch nur deine Ruhe haben!« Wir kämpften um unseren Platz in der Wohnung, um etwas Freiraum und Privatsphäre. Mich als Kind belastete die Situation nur wenig, meine älteren Geschwister dürfe es mehr gestört haben. Die hätten sicher gern ein eigenes Zimmer gehabt, vor allem als Teenager.

Wir haben viel gelacht, viel gestritten, es gab die ein oder andere Rauferei, alles, was bei so einer Rasselbande eben dazugehört. Es war anstrengend und doch schön, immer jemanden um sich zu haben. Uns konnte gar nicht langweilig werden, auch wenn wir nur wenige Spielsachen hatten. Nachdem wir zum Beispiel Karate Kid geschaut hatten, wo ein Teenager sich mithilfe des Sports zu verteidigen lernt und sich Respekt erkämpft, dachten wir alle, wir können das auch. Wir hüpften durchs Zimmer, traten in die Luft, fuchtelten mit den Armen und schrien, wie wir es in dem Film gesehen hatten: Hu! Ha! Hayaaa! Bis einer von uns einen Schlag abbekam und weinte. So lief das oft. Erst fanden es alle toll und witzig, dann flossen die Tränen. Meist erwischte es Tezcan. Mir wurde der Lärm oft zu viel, auch wenn ich meine extrovertierten Phasen hatte.