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«Reisen verlängert mein Leben: Je mehr ich erlebe, desto mehr lebe ich auch.» Mit 35 Jahren erfährt Irja Kass die niederschmetternde Diagnose: Brustkrebs ohne Chance auf Heilung. Im Frühjahr 2008 bricht sie zu der thailändischen Trauminsel Koh Samui auf. Doch das Paradies aus Meer, Palmen und Sand wird zur Hölle: Ihre Füße beginnen unerträglich zu schmerzen, sich rot zu verfärben, und die Haut löst sich. Abgeschnitten von der Außenwelt und ohne Aussicht auf Hilfe, bringen sie die Schmerzen, die Einsamkeit und die Angst fast um den Verstand – es bleibt ihr nur das Hoffen auf Besserung. Aber das Gegenteil tritt ein … Ein offener und kraftvoller Bericht über eine fast tödliche Reise ins Paradies.
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2010
Irja Kass
Tot auf Probe
Noch einmal zurück ins Leben
Aufzeichnungen nach dem Absturz
Robust wie ein Pferd
Reisen verlängert mein Leben
Im Paradies wird alles besser
Tag eins. Die Frau mit den grünen Füßen
Tag zwei. Nächtliche Geschäfte
Tag drei. «No clean today»
Tag vier. Jeder Moment ist wertvoll
Tag fünf. Die Haut ist dann mal weg
Tag sechs. Wo bleibt sie bloß, was macht sie denn?
Tag sieben. Ich werde nie schlau aus meinem Hirn
Tag acht. Das Übliche: «Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott»
In zwei Welten
Drei Tage schwieg ich, drei Tage schrieb ich. Heute, am siebten Tag, verfasste ich unter anderem die folgende E-Mail.
Liebe Freunde!
Hier dann das angekündigte Lebenszeichen von mir – ich hatte ja in meiner SMS versprochen, mich die Tage mal zu melden, ob am Telefon oder per Mail, sagte ich schlauerweise nicht. Mir ist in der Woche, die seit meiner Rückkehr aus Thailand vergangen ist, nämlich klar geworden, dass ich gar nichts von dieser meiner Sache erzählen kann, weder am Telefon noch persönlich, und schon gar nicht jedem Einzelnen. Selbst Steffen weiß noch kaum, was dort in Thailand eigentlich geschehen ist, aber zum Glück drängt er mich nicht, darüber zu reden. Zudem: Mit meinem Telefon kann ich zurzeit nichts anfangen, merkwürdig, ich habe es heute angeschaut wie ein Wunderding.
Da mir ansonsten keine praktikablen Kommunikationswege einfallen, muss ich Euch wohl schreiben – eine Art Protokoll wie aus der Blackbox eines Flugzeugs, bei dessen Absturz alle Passagiere starben. Mit dem Unterschied, dass ich die Katastrophe überlebt habe. Meine Blackbox, das heißt mein Kopf, der momentan noch von einem Expertenteam, also von mir, ausgewertet wird, hat überraschenderweise ein ganzes Buch aufgezeichnet, nur die Protokollführerin – das bin ebenfalls ich – kann nicht schneller schreiben.
Natürlich könnte ich kurz und knapp mitteilen: «In Thailand war es furchtbar, der Heimflug mit starken Schmerzen verbunden, aber ich habe es geschafft, denn jetzt bin ich ja hier.» Ein paar weitere Fakten vielleicht noch, dass ich sehr krank war und jetzt noch bin und inwiefern genau. Aber ich will nicht kurz und knapp, ich will lang und ausführlich schreiben, nur so kann ich jede einzelne Erinnerung tilgen. Vorher kann ich nicht mit Euch sprechen. Aber Ihr solltet wissen, was dort geschah, sonst wisst Ihr nicht, wer ich jetzt bin.
Es war die schlimmste Zeit, zumindest die schlimmste Woche, meines Lebens. Ich weiß, welche Frage Euch jetzt in den Kopf kommt, und die Antwort ist: «Ja, es war schlimmer als die Woche, in der ich erfuhr, dass ich Krebs habe.» Schlimmer auch als die Woche, in der ich zwei Jahre später erneut am Krebs erkrankte, mit der kleinen Veränderung, dass man mir kein halbes Jahr mehr zu leben gab. Diese Tage in Thailand waren grausamer als alle sonstigen schlimmen Zeiten in meinem Leben zusammen.
Nun bin ich zwar zurück, zu Hause, aber irgendwie ganz woanders gelandet. Hier ist alles so neu und schön! Die Mohnblumen, die ich gerade von meinem Balkon aus sehe, die sind unglaublich. Dieses Rot! Wie macht die Natur das bloß, wie ist das möglich? Und warum? Warum gibt es so viel Schönheit auf der Welt – statt nur Hässlichkeit oder einfach nichts?
In dieser neuen Welt vergesse ich sogar den Tod. Und wie schlecht ich früher über ihn dachte! Nie war er gut genug für mich, ich wollte ihn immer beeinflussen, irgendwie austricksen, ihm meine Bedingungen unterjubeln, es war ein anstrengendes Geschachere. Weil ich glaubte, seine Möglichkeiten eingegrenzt zu haben, bin ich nie darauf gekommen, dass er mich genauso gut in einem fernen Land, das ich für mein Paradies hielt, ereilen könnte.
Ich bin dankbar, dass er es sich doch noch anders überlegt hat, jetzt hat er einiges gut bei mir. Obwohl er sich in meinem Fall schon als ein besonders penetranter Geselle zeigt: Er lässt sich seit Jahren nur zeitweise von den Chemos vor die Tür drücken und lungert dort weiterhin herum. Ich muss immer meinen Koffer über ihn wuchten, wenn ich zum Flughafen eile. Er liegt mitten im Weg, hebt nicht mal mehr die Füße, um Platz zu machen. Fehlt noch, dass er mich nach einem Rückenkissen fragt, damit er es bequemer hat.
Vielleicht mache ich Euch langsam Angst, aber meine Geschichte ist an den wenigsten Stellen zum Heulen. Zwar habe ich selten in meinem Leben so geweint wie nun beim Schreiben dieser Zeilen, aber manchmal kommen mir die Tränen nur vor Erleichterung oder sogar vom Lachen. Da es alles so schrecklich war, kann ich diese Dinge nur mit Distanz betrachten, um mich zu retten. Und Humor und Distanz sind bekanntlich Brüder im Geiste. Nur durch meinen schwarzen Humor habe ich schon viele schreckliche Dinge in meinem Leben unter Kontrolle gekriegt, sodass ich nicht verbittert oder ein gebrochener Mensch bin. Ich bin höchstens mal zeitweise eingebrochen. Und jetzt bin ich schon wieder dabei, mich aufzurappeln, mit Euch zusammen.
Es war so schön zu hören, wie sehr Ihr Anteil an dieser Thailandsache genommen habt, natürlich wollten alle helfen, ich weiß das. Nur wie, wenn ich mich da selbst so dämlich reinmanövriert habe. Zu denjenigen, die mit Steffen zum Flughafen kommen wollten, um mich als Halbleiche abzuholen, möchte ich sagen: Das war so unglaublich lieb von Euch, wirklich. Aber ehrlich gesagt war ich Steffen dankbar, dass er allein kam. Er ahnte wohl doch ein wenig, in welchem Zustand ich landen würde.
Gespenstisch sehe ich aus, dick einbandagiert, fast wie eine Mumie. Am Oberkörper trage ich ein T-Shirt aus zig Mullbindenrollen und an den Füßen weiße halbhohe Stiefel aus vermutlich ebenso vielen Rollen. Wirkt fast wie Gips. Die Hände sind unverbunden, aber die sehen aus wie Pellkartoffeln, ganz blutig, verkrustet, schlampig geschält. Und teilweise sind da solche ekelhaften… Also grauenvoll sehen sie aus. Aber im Vergleich zu den Füßen und zum Oberkörper wiederum wunderschön.
Die Schmerzen sind zwar sofort da, sobald ich meinen Laptop zuklappe. Doch zumindest beim Schreiben fühle ich mich auf ganz sonderbare Weise gut, ich bin voller Inspiration oder einfach voller Endorphine, Dopamin, Serotonin und dem anderen Zeugs, das mein Hirn momentan in seinem Schreibrausch produziert. Es dampft jedenfalls ganz ordentlich.
PS: Ich habe so viele Mails von Euch bekommen! Ich lese sie jetzt besser nicht, sonst fange ich noch an zu antworten, statt zuerst diese Mail an Euch alle wegzuschaffen. Fürs Erste aber vielen Dank! Schreibt mir einfach wieder, ich werde später alles lesen.
Und noch ein Zusatz: Ich bin nicht mal in der Lage, das hier abzuschicken. Ist mir einfach zu viel mit den Adressen, alles ist so fremd geworden seit Thailand. Dieses Internet und überhaupt alles. Ich kenne mich in der Welt nicht mehr aus. Ich muss wohl warten, bis Steffen kommt, und ihn alles machen lassen.
Eure (bald) wieder (gute) alte Irja
Ich dachte zunächst, es käme von den neuen Schuhen. Dabei fühlten sie sich im Laden noch so butterweich an, und überhaupt, ich trug sie nur drei Stunden lang. Ich saß damit in einem Restaurant, als ich so unangenehme Schmerzen bekam, dass ich sie unter dem Tisch aus- und erst für den Nachhauseweg wieder anzog. Zu Hause bekam ich sie kaum noch von den Füßen runter. Ich habe mir schon oft die Schuhe mühsam von den Füßen pulen müssen, aber noch nie habe ich ernsthaft daran gedacht, sie mit einer Schere aufzuschneiden. Natürlich tat ich es auch jetzt nicht, dazu waren sie einfach zu schön. Steffen erklärte sich netterweise bereit, mir die Füße mal ordentlich durchzukneten. Was wohl ein großer Fehler war.
In den nächsten Tagen war trotzdem alles noch nicht so schlimm, ich hatte nur das Gefühl eines kolossalen Sonnenbrands und als hätte ich mir obendrauf noch dieselben Schuhe in einer zwei Nummern kleineren Ausgabe angezogen. Obwohl ich in der Wohnung immer barfuß lief, wurde ich dieses Gefühl nicht los. Schmerzhaft und lästig war das, aber durchaus auszuhalten, wenn man mit Schmerzen umgehen kann. Das können die meisten Krebskranken zwangsläufig.
Als Steffen und ich am darauffolgenden Wochenende Freunde in Freiburg besuchten, hatten sich die Füße etwas erholt, und ich war sogar übermütig genug, in die Stadt zum Shoppen zu gehen. Dort kam ich ganz schön in die Bredouille und musste schon wieder meine Schuhe ausziehen. Da auf Socken die Straße langzulaufen nur kurzzeitig Linderung brachte, sagte ich mir: «Kauf dir endlich mal größere und vor allem richtig gute, bequeme Schuhe, hast wahrscheinlich doch keine 38 mehr, was soll die Eitelkeit?»
Am Montag waren auch diese neuen, zwei Nummern größeren Schuhe passé, von nun an konnte ich die Wohnung nur noch mit meinen großen, weichen Hausschuhen verlassen. Dabei träumte ich eigentlich von barfüßigem Schweben – am Tag und in der Nacht. Wenigstens waren meine Hausschuhe nicht mit überdimensionalen Häschen- oder Tigerköpfen ausgestattet, sondern es waren ganz normale, mittelkuschelige Hauslatschen mit Fellrand.
Aber selbst damit konnte ich nur ganz langsam und vorsichtig laufen, musste jeden Schritt sorgfältig positionieren. Für Einkäufe, Arzt- und Apothekenbesuche und ähnliche Rentnerausflüge erfüllten sie aber ihren Zweck– Zeit hatte ich ja. Hauptsache, ich kam vorwärts, das Tempo spielte keine Rolle. Steffen fand zwar, ich solle meine Art der Fortbewegung nicht so anmaßend Laufen nennen, denn ihn erinnere das eher an modernen Tanz mit spastischen Elementen oder an die Bewegungen eines gekrümmt herumschleichenden, sehr langsamen und deshalb wohl kaum erfolgreichen Diebs. Aber ich bleibe dabei: Ich lief. Diese Aussage ist mit meinem Stolz besser vereinbar.
Nach zehn Tagen ging ich zum Arzt. Die letzte Chemo lag drei Wochen zurück, also holte ich mir ganz regulär die dritte Dosis meines aktuellen Chemomittels und die Keine-Ahnung-wievielte-Dosis von einer anderen Infusion ab. Anschließend sprach ich im Arztzimmer gegenüber meinem Doktor die seltsamen Fußschmerzen an – alles schön der Reihe nach. Er sah natürlich selbst, dass ich mit Hausschuhen in seinem Zimmer saß, fehlte nur noch der gestreifte Pyjama. Deshalb schlug er, kaum dass ich den Satz beendet hatte, die Hände über dem Kopf zusammen und rief: «Nein, das kommt von der Chemo, das ist das sogenannte Hand-Fuß-Syndrom – und wir haben Ihnen gerade eben noch eine neue Ladung Medikamente verpasst, o nein, nein.»
Mein Arzt, Dr.Baum, ist kein ehrfurchteinflößender weißbärtiger Herr, bei dem ein plötzliches, verzweifeltes Nein unpassend wirken würde, sondern ein jugendlicher und sportlicher 47-jähriger Mann. Er hat zum Beispiel Ringe an der Praxisdecke hängen, auch wenn er vor den Patienten üblicherweise nicht daran herumturnt. Und er trägt keinen weißen Kittel, sondern T-Shirts und im Sommer sogar Sandalen und knielange Shorts. Ich vermute, dass er als Schuljunge ein kleiner Frechdachs war, so verschmitzt, wie seine hellgrauen Augen manchmal aufblitzen. Aber seine unerwartet jugendlich-energische Reaktion gerade hatte mich doch ein wenig erschreckt. Zu Beginn dieser neuen Chemotherapie hatte ich von ihm über ihre Nebenwirkungen nur erfahren: «Die Haut kann etwas empfindlicher werden.»
Eine empfindliche Haut hatte ich allerdings seit Wochen schon. Steffen rieb mit seinen Händen nur mal zum Aufwärmen über meine Schultern, und ich schrie lauthals los. Sogar sanftes Streicheln am Unterarm fühlte sich an wie Schmirgeln mit Sandpapier. Aber das mit den Füßen – das war etwas ganz, ganz anderes als nur eine empfindliche Haut. Der Zusammenhang mit einer der üblichen Nebenwirkungen meines Medikaments war mir nicht im Entferntesten in den Sinn gekommen. Stattdessen hatte ich zehn Tage lang die zu engen Schuhe verdächtigt. Also ehrlich, kann man noch dümmer sein? Ich denke: «Ja. Zumindest ich kann es – wie ich bald beweisen werde.»
Von meinem Chemotherapeutikum wusste ich bis dahin nur, dass es ein sehr modernes Mittel ist, besonders geeignet für Krebspatienten mit erhöhtem Herzrisiko, da das Medikament in Fettmoleküle verpackt wird und deshalb das Herz ohne Schaden anzurichten passiert. Auch ich gehöre zu Krebspatienten mit Herzrisiko. Denn seit über zwei Jahren bekomme ich zusätzlich ein anderes Medikament – ein wirksames, aber herzschädigendes Mittel, das für Patienten mit einer HER/neu-Überexpression geeignet ist. Zu denen gehöre ich leider. Diese bestimmten Rezeptoren sind bei circa 25 bis 30Prozent aller Patienten überexprimiert, das heißt besonders zahlreich vorhanden, und regen die Krebszellen zu einer vielfach schnelleren Teilung an, als es bei normalen Krebszellen der Fall wäre. Das reichte mir als Info, neben der Tatsache, dass die Haut empfindlicher wird, eben ein palmar-plantares Erythrodysästhesie-Syndrom, wie es in der Fachsprache heißt, entsteht.
Natürlich hätte ich den Mund früher aufmachen sollen, aber mir fiel nicht mal im Traum ein, meine «engen Schuhe» beim Arzt zu thematisieren. Damit hätte ich vielleicht die letzte Gabe des Medikaments verhindern können. Und zumindest hätte Dr.Baum so schon vorher die Dosis verringern oder andere Intervalle wählen können. Die Wirkung wäre natürlich geringer ausgefallen und die Zeit, bis sich eine Resistenz gegen das Mittel gebildet hätte, vermutlich auch. Dafür wäre aber die Lebensqualität erhalten geblieben – beziehungsweise überhaupt vorhanden gewesen. Aber ich neige generell dazu, die Zähne so lange zusammenzubeißen, bis ich zur Einsicht gelange, dass ich die Schmerzen nicht mehr selbst in den Griff kriege. Dann erst suche ich endlich Hilfe. Es war ja nicht das erste Mal, dass ich zu spät reagierte. Allerdings war es das erste Mal mit so fatalen Folgen.
Nachdem ich durch Dr.Baum vom Hand-Fuß-Syndrom erfuhr, stöberte ich nur halbherzig im Internet herum, las von Leuten, die von diesem Mittel so kaputte Hände bekommen hatten, dass man sie füttern musste. Sie konnten nämlich nichts mehr festhalten, nicht mal einen Löffel. Meine Hände fühlten sich damals nur so an, als hätte ich lange, ganz schwere Taschen getragen, aber es waren nicht wirklich Schmerzen. Auf Erfahrungsberichte über Fußprobleme stieß ich bei meiner Recherche nicht, höchstens auf Hinweise auf kribbelnde oder taube Füße von verschiedenen Chemos, die das Nervensystem angreifen, das heißt neuropathische Störungen oder eine Nervenentzündung verursachen können. Dr.Baums abschreckendstes Beispiel aus seiner eigenen Erfahrung war ein Patient, der – so wie er erzählte – «meinte, trotz des Hand-Fuß-Syndroms auf einen Hügel hochstapfen zu müssen», und der danach heftige Blasen an den Füßen hatte. «Das kann jedem Wanderer passieren, der schlechte Schuhe trägt», dachte ich damals noch. Und ich hatte schließlich nicht vor, auf einen Berg zu steigen, also drohte keine Gefahr.
Ein Merkblatt über das Hand-Fuß-Syndrom bekam ich erst nach meiner Heimkehr von der Thailandreise überreicht. Mein Arzt war davon ausgegangen, dass ich es schon längst bekommen hätte. Das Einzige, was mir von diesem verspäteten Zettel länger als zehn Minuten in Erinnerung blieb, war die Empfehlung, Händeklatschen zu vermeiden. Obwohl ich diesen Rat vor der Reise noch nicht kannte, kann ich versichern, dass ich in dieser Zeit nicht in die Hände klatschte, am allerwenigsten vor Begeisterung.
Jetzt, nach der Rückkehr, weiß ich natürlich alles über das Hand-Fuß-Syndrom alias palmar-plantares Erythrodysästhesie-Syndrom. Dass es bei 49Prozent der Patienten nach manchen Chemomitteln auftritt und neben Händen und Füßen auch andere Körperpartien befallen kann – wie die Mundschleimhäute, Achselhöhlen oder Ellbogen. Allerdings kommt das nicht sehr oft vor, weil der Patient meist schon vorher so starke Schmerzen hat, dass man die Therapie rechtzeitig abbricht oder auf eine andere umsteigt. Vorausgesetzt natürlich, der Patient teilt sich überhaupt mit. Das alles weiß ich jetzt, aber jetzt ist es zu spät.
Mein Infofanatismus hat sich zum Glück mittlerweile gelegt, denn die fremden Schicksale in den Krebsforen im Internet machen mich oftmals noch trauriger als mein eigenes, selbst wenn diese Menschen nach rein medizinischen Maßstäben wesentlich besser dastehen sollten als ich. Ich kann Tage auf Seiten mit Krebstherapien, -statistiken und -studien verbringen, ausreichend informiert fühle ich mich trotzdem nie. Doch in diesem Fall zeigte sich, dass auch eine Befreiungsaktion fatal sein kann. Dabei war der Umstand, kein Krebsinfojunkie mehr zu sein, zu dieser Zeit ein großer Fortschritt für mich.
Ich hatte mich phasenweise nämlich wirklich unmöglich verhalten. Im April 2004, einige Tage nach der ersten Krebsdiagnose, lieh ich alle auch nur annähernd aktuellen Medizinbücher über Brustkrebs in der Stuttgarter Stadtbibliothek aus und arbeitete sie in ungefähr einer Woche durch, sodass ich in der Lage war, meinem Arzt fundierte Fragen zu meiner Situation zu stellen.
So konnte mir Dr.Baum die Therapieschritte bald ungefähr so erklären: «Lesen Sie dazu die ZEBRA-Studie, CMF versus Zoladex, soundso viele Patientinnen, alle adjuvant. Bei Ihnen natürlich nicht als Monotherapie, wegen Rezeptorenstatus. Also machen wir Kombinationstherapie und Zoladex sofort indiziert – genau, machen Sie den Bauch frei, das spritzt man in die Bauchdecke. Das Ergebnis ist signifikant: Rezidive, Lokalrezidive…» Ich musste bald kaum mehr etwas nachfragen, vielleicht war Dr.Baum auch deshalb davon ausgegangen, dass ich über das Hand-Fuß-Syndrom Bescheid wüsste.
Ich bildete mich also in Sachen Brustkrebs permanent fort und wollte immer, wenn ich glaubte, etwas Neues und Tolles entdeckt zu haben, meinen Arzt daran teilhaben lassen. Natürlich sind Spezialisten in eigener Sache für den Arzt manchmal etwas lästig. Denn im Unterschied zu mir behandelt Dr.Baum schon seit vielen Jahren Krebspatienten. Da er jedoch ein so netter Mensch ist, hörte er sich meist alles geduldig an, bevor er mir entgegnete: «Ja, das war in der Tat ein vielversprechendes Mittel, eine interessante Methode, aber…»
Ich ließ trotzdem nicht so schnell locker. Es ging immerhin um mein Leben. Das heißt: Ich wollte mehr Monate herausschinden bis zu meinem Tod. Nach der Erstdiagnose hatte ich bei meiner Lektüre verschiedener Studien oftmals gedacht: «Durchschnittlich zwei Monate längere Überlebenszeit – das verkaufen sie als Riesenerfolg? Es geht doch darum, gesund zu werden! Was will ich mit zwei Monaten?» Heute weiß ich: Ja, zwei Monate sind ein Riesenerfolg. Umso mehr bin ich darauf erpicht, diese Monate auch zu bekommen.
Noch im letzten Jahr habe ich mich in das Vorgehen bei meiner Therapie kräftig eingemischt. Einmal erschien ich schnaufend beim Arzt und legte ihm meine Berechnungen vor: «Meine Körperoberfläche ist größer als die von Ihnen errechnete, also müsste – oder zumindest dürfte – die Chemodosis höher sein.» Ich wollte immer das Maximum, so viel, wie reinpasst, bloß nichts auf kleiner Flamme köcheln lassen.
Und man war bald daran gewöhnt, dass man mir praktisch alles ins Blut spritzen konnte, ich war robust wie ein Pferd und habe selten irgendein Problem thematisiert. Die Nebenwirkungen tat ich irgendwie ab: «Chemo ist kein Spaziergang, das ist pures Gift. Was erwarte ich? Sonnenschein ja schon mal nicht, also immer her mit dem Zeug, ich bin nicht wählerisch.»
Meine Berechnungen bestätigten sich auch dieses Mal, und ich setzte eine höhere Dosis durch. Ich bekam von den Chemotabletten mit der Zeit aber solche Magenschmerzen, dass ich aufgab und zur Ursprungsdosis zurückkehrte. Zu meiner Verteidigung kann ich nur vorbringen, dass ich zwar manchmal ein Therapiequerulant bin, aber ich mache nichts, ohne meinen Arzt darüber zu informieren.
Eine Therapiekontrolletta jedenfalls blieb ich auch weiterhin. Bei einem Chemotermin rief ich bereits an der Türschwelle: «Hier fehlt ein Infusionsbeutel!» Ich hatte ja immer vier oder fünf Plastikbeutel gehabt. Außer den Chemos noch Anti-Allergie- und Anti-Spuck-Beutel, wie sie das nannten, neben dem Behältnis mit Kochsalzlösung. Und obwohl ich nicht mehr jedes Mal am Aufkleber überprüfte, ob die Milligrammzahl in der Lösung richtig war, wusste ich doch, wie viele und welche Chemos oder andere Lösungen an welchem Tag dort hängen müssten. Die Kombinationen wechseln ja, manches Medikament wird öfter, ein anderes seltener verabreicht. An jenem Tag fehlte offensichtlich eines von den beiden Hauptmitteln. Ich diskutierte mit Frau Kerbe, einer meiner Lieblingsarzthelferinnen, so lange, bis sie in der Apotheke anrief und fragte, ob die Lieferung korrekt sei. Und als die Apotheke das bestätigte, quengelte ich weiter, bis sie sich das dicke Chemobuch mit den Therapieplänen aller Patienten vornahm und wir gemeinsam ausrechneten, dass an diesem Tag tatsächlich beide Mittel dran gewesen wären.
Das Ergebnis war natürlich, dass ich am nächsten Morgen wieder antanzen durfte, denn sie hatten ja eine Nachbestellung machen müssen. Zwar war jeder Gang in die Praxis für mich eine Qual, und die Prozedur am nächsten Tag dauerte praktisch genauso lange wie die am Vortag. Aber natürlich ließ ich mir diese Freude nicht entgehen – so sehr liebte ich das Zeug. Ich mache mir eben gern selbst das Leben schwer. Vielleicht deshalb, weil ich ein gebranntes Kind bin. Schließlich würde mein Leben eventuell anders aussehen, wenn ein bestimmter Arzt mich früher ernst genommen hätte.
Dass ich wegen familiärer Vorbelastung vermutlich zur Risikogruppe gehören würde, wusste ich. Aber ich hatte mir vorgenommen, an egal was zu sterben – am besten natürlich erst in hohem Alter–, nur nicht an Krebs: Mein Vater war einundfünfzig Jahre alt gewesen, als er 1989 an Darmkrebs verstarb. Meine Mutter erkrankte einige Monate vor seinem Tod an Brustkrebs, und obwohl sie eine Heilungschance von 90Prozent hatte, starb sie daran drei Jahre später, mit dreiundfünfzig. Leider waren die Krebstherapien vor zwanzig Jahren noch nicht so weit entwickelt wie heute, außerdem waren damals in Estland, meiner Heimat, gute Krebs- und Schmerzmedikamente Mangelware. Wenn ich meine Eltern nur in die Gegenwart beamen und ihnen so jemanden wie meinen lieben Dr.Baum bieten könnte! Er hätte sicher mehr Lebenszeit für sie herausgeholt.
Das Auf und Ab zwischen Angst, Schmerz, Resignation und Hoffnung hatte mich schon beim Miterleben der Krankheit meiner Eltern aufgefressen. Ich hatte mir damals nicht vorstellen können, das alles am eigenen Leibe noch einmal ertragen zu müssen. Das Wort «Vorsorge» musste man mir deshalb nicht zweimal sagen. Gerade mal ein Jahr vor meiner Erkrankung ließ ich eine Mammographie machen, mit dem Ergebnis: «Ohne Befund».
Das darauffolgende Jahr 2003 wurde für mich ziemlich ereignisreich. Steffen und ich waren damals zwar schon seit vier Jahren zusammen und seit zwei Jahren verheiratet, aber erst im Dezember jenes Jahres packten wir sein Auto voll mit meinem Kram – das Sofa aufs Autodach – und fuhren die 350Kilometer von meinem damaligen Wohnort Aachen zu seiner Wohnung in der Nähe von Stuttgart, um endlich ein gemeinsames Leben zu beginnen.
Dazu gab ich meinen Job in einer Aachener Unternehmensberatung auf, aber das fiel mir nicht schwer. Ich wollte meinem Leben sowieso eine neue Richtung geben. Dazu gehörte der Entschluss, nicht nur mit Steffen zusammenzuziehen, sondern endlich mein Studium abzuschließen, das bis dahin so dahindümpelte, weil ich von allen möglichen Jobs förmlich aufgefressen worden war, um es zu finanzieren. Nun wollte ich die Prioritätenliste wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Ich hatte ja meine Magisterarbeit bereits fertig und vier von sechs Abschlussprüfungen bestanden. Es standen nur noch zwei letzte an, für die ich in meinem neuen Zuhause lernen wollte.
Ich nahm nebenbei einen Teilzeitjob in einer Anwaltskanzlei an und schuftete wie ein Berserker für die Prüfungen, um als Gesamtnote für den Uniabschluss eine Eins zu schaffen – damit sich meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt wenigstens ein bisschen verbessern würden. Über jemanden, der zwölf Jahre studiert, dabei zweimal das Nebenfach gewechselt und auch mal zwei Studiengänge gleichzeitig besucht hat, über so jemanden lachen die Arbeitgeber normalerweise doch nur. Ich hatte in der Tat keinerlei Beständigkeit in meinem Leben vorzuweisen. Aber ich war mir sicher, Glück zu haben, wenn ich mir nur genug Mühe geben würde, mein Leben in die richtige Bahn zu lenken. Der Tag, an dem ich mein Zeugnis tatsächlich mit dem «sehr gut» in den Händen hielt, war einer der glücklichsten meines Lebens. Ich beschloss nochmals: Jetzt bricht für mich ein neuer Lebensabschnitt an. Mit diesem Papier in der Tasche würde ich trotz meines chaotischen Lebenslaufs endlich eine Arbeit finden, die mich wirklich interessiert. Ich war voller Euphorie und Tatendrang, hatte fast das Gefühl, mir wären plötzlich Flügel gewachsen.
Stattdessen war mir etwas anderes gewachsen. Der Moment, als ich einen Knoten in der Brust ertastete, ließ mein Herz ein paar Takte lang aussetzen. Trotzdem ging ich mit nicht allzu sehr flatternden Knien zum Frauenarzt. So schnell erreichen Tumore nicht diese Größe, dachte ich noch, aber besser auf Nummer sicher gehen.
Der Frauenarzt war sehr nett und gesprächig – noch nie hatte ich in zehn Minuten so viel über einen Arzt erfahren wie über ihn. Während er plauderte, tastete er mich, wie mir schien, halbherzig ab und sagte dann: «Verhärtete Milchdrüsen, kein Problem. Allerdings – eine Frau in Ihrem Alter und immer noch keine Kinder…» Er selbst sei gerade Vater geworden und darüber so glücklich, dass er sich plötzlich zwanzig Jahre jünger fühle. Anhand seiner grauen Haare vermutete ich, dass er sich also gerade wie circa dreiundvierzig fühlen musste. An seinem Glück wollte er auch mich teilhaben lassen. Obwohl mir lieber gewesen wäre, wenn er mich erneut, und zwar etwas aufmerksamer, abgetastet hätte.
Stattdessen betrachtete ich mit ihm gemeinsam das in der Tat niedliche Gesicht auf dem gerahmten Foto, das er stolz von der Wand herunterholte. Und ging mit einem mächtig schlechten Gewissen nach Hause, weil ich mit vierunddreißig Jahren nicht nur keine Kinder hatte, sondern zudem aus einem Knoten beziehungsweise einer Mücke einen Elefanten gemacht hatte.
Da der Knoten nicht wegging und ich zudem plötzlich ein Ziehen in den Achselhöhlen verspürte – im Nachhinein glaube ich fast, förmlich gespürt zu haben, wie sich die Tumorzellen den Weg in die Lymphknoten bahnten–, schob ich ein paar Monate später meine Bedenken beiseite, womöglich abermals wertvolle Ärztezeit zu vergeuden, und suchte einen weiteren Arzt auf.
Erst durch ihn erfuhr ich, dass man Brustuntersuchungen auch per Ultraschall machen könnte. Ich hatte auf meiner Liege nicht mal genug Zeit, wegen seiner gerunzelten Stirn stutzig zu werden, da sagte er bereits: «Ganz klar: bösartig. Das sehe ich schon an der durchbrochenen Architektur. Und sogar zwei Stück, in entgegengesetzten Sektoren, das heißt äußerst flexibel und aggressiv. Vermutlich sind auch die Lymphknoten befallen, hier sind zumindest ein paar Kandidaten vorhanden. Sehen Sie das hier?» Gar nichts sah ich mehr.
Aus der Praxis rausgestolpert, saß ich bewegungslos anderthalb Stunden lang an der Bushaltestelle, weil ich weder fähig war einzusteigen noch Steffen anzurufen, damit er mich abholte. An dieser Stelle konnte ich später monatelang nicht vorbeifahren, und wenn es doch sein musste, schaute ich verkrampft in eine andere Richtung. Immer hatte ich die geistig und körperlich Behinderten, deren Heim zwei Haltestellen von meinem Haus entfernt lag, bedauert. Nun dachte ich, während ich sie endlich im Bus sitzend wieder betrachtete, dass es glücklichere Menschen sein müssen als ich, weil sie leben dürfen. Auch wenn ihnen der Speichel aus dem Mund trieft und sie ihre Bewegungen im Rollstuhl nicht kontrollieren können. Sie lächelten ihre Betreuer selig an und gaben fröhliche Laute von sich, die wohl nur die Begleiter verstanden. Anscheinend hatten sie einen schönen Ausflug gemacht. Niemand im Bus ahnte, was mit mir los war. Selbstbeherrschung war schon immer meine Stärke gewesen, zumal in der Öffentlichkeit. Zu Hause angekommen, brauchte ich noch einmal anderthalb Stunden, um wieder richtig atmen zu lernen, bevor ich Steffen bei der Arbeit anrufen konnte.
Trotz allem hatte ich immer noch vor, an etwas anderem zu sterben als an Krebs, und unterwarf mich nach der ersten Diagnose fast freudig allem, was die Schulmedizin zu bieten hatte. Die adjuvante Therapie, die damals zur Genesung diente, dauerte neun Monate: die Chemos vor der Operation, die Chemos nach der Operation, zwischendurch die Operation selbst und zum Schluss die Bestrahlungen. Als ich nach alledem endlich durchgeatmet hatte und auch die anschließende, herrliche Rehakur vorbei war, in der ich mich endlich wochenlang auch meinem Seelenleben mit voller Konzentration widmen konnte, begann das neue krebsbefreite Leben für mich – mit allem, was dazugehörte, inklusive einer beruflichen Neuorientierung.
Ich machte mich selbständig, estnisch-deutsche Übersetzungen, keine hohe Literatur natürlich, sondern es ging beispielsweise um EU-Projekte im Straßenbau. Parallel dazu schrieb ich schon wieder liebevoll formulierte, aussagekräftige Stellenbewerbungen an wenigstens halbwegs interessante Arbeitgeber. Obwohl mein Lebenslauf durch die Krankheit noch chaotischer geworden war als zuvor, hoffte ich auf eine anspruchsvollere Arbeit als mein einstiger Aktenfresserjob in der Anwaltskanzlei für Privatinsolvenzen. Während der Therapien hatte ich dort noch weitergearbeitet, nun gab ich ihn auf. Meine Lebenszeit war zu wertvoll geworden, um sie mit dem Aktenwälzen zu verbringen.
Zwar hatte ich supernette Kollegen gehabt und den besten Chef, mit dem ich je in meinem Arbeitsleben zusammengearbeitet hatte, aber um mich mit ihnen weiterhin treffen zu können, musste ich nicht ins Büro gehen. Ich dachte beschwingt: «Jetzt scheint die Sonne auch auf meiner Straßenseite.» Falls das alles nicht klappen würde, wollte ich mich ganz meinen Übersetzungsaufträgen widmen. Das empfand ich als keine schlechte Arbeit, zumindest langweilte sie mich kein Stück. Und schon ein einziger Großkunde konnte so jemanden wie mich durchaus ernähren. Ich hatte ziemlich bald sogar zwei davon.
Das i-Tüpfelchen auf meinem Genesungsweg war die Brustaufbau-OP. Ich fuhr quer durch die Republik, um den richtigen Arzt dafür zu finden, und Ende Dezember 2005 wurde ich glücklich und zufrieden aus dem Krankenhaus entlassen. Nun fehlte mir wirklich nichts mehr, ich war wieder okay. Nur die blöden Tumormarker ließen mir keine Ruhe, sondern stiegen langsam, aber kontinuierlich an. Das war so wenig vereinbar mit meinem neuen Lebenswillen, dass ich den Gedanken an sie so selten wie möglich zuließ, um mit Elan und Freude weitermachen zu können.
Wie vermutlich die meisten anderen Krebspatienten auch feilschte ich während des Wartens auf das Computertomographie-Ergebnis mit dem Gerät, dem Schicksal und dem ganzen Universum um die Art der Metastasen: «Wenn es unbedingt sein muss, dann lass es bitte die Knochen sein oder was anderes, nur nicht die Leber.» Bei Knochen hat man nämlich die statistisch längste, bei Leber die kürzeste Lebenserwartung. Und mein Vater war an Lebermetastasen gestorben, ich wollte in dieser Sache nicht in seine Fußstapfen treten.
Selbstverständlich wurden bei mir Lebermetastasen festgestellt.
«So schnell zu einer solchen Zersetzung zu gelangen – das schaffen nur die fleißigsten Lebern», sagte der Radiologe beim Betrachten der Bilder. Wenige Monate zuvor noch hatte er meine schöne Leber gelobt, die die vorangegangenen Chemos offenbar so gut weggesteckt hatte, dass sie für ein Anatomielehrbuch hätte abgelichtet werden können. Dafür konnte ich mir jetzt nichts mehr kaufen.
Zu Hause saßen Steffen und ich auf dem Sofa, weinten und umarmten uns. Keine Sekunde kam mir in den Kopf: «Warum ich?» Natürlich ich, wer denn sonst? So wie mein Leben bisher verlaufen war, überraschte mich eigentlich nichts mehr. Es gab nicht viel zu sagen. So hatten wir schon bei der ersten Diagnose dagesessen, nun gab es noch weniger zu reden. Die Hoffnungen, die uns während und nach meiner zeitweisen Genesung aufrecht gehalten hatten, waren verflogen, der Kampf war vorbei. Steffen sagte, dass er für mich da sein würde, auch wenn mir klar war, dass er nicht wusste, was das für ihn tatsächlich bedeuten würde. In dieser Sache verhält er sich wie ein typischer Mann: Er ist kein großer Tröster, und wenn er keine Lösungsvorschläge hat, schweigt er lieber. Bei der ersten Diagnose hatte ich noch selbst meine Umgangsstrategien gehabt, die er nur zu unterstützen brauchte. Nun gab es keine mehr. Mir war klar: Wie Steffen damit umgehen würde, hinge auch dieses Mal entscheidend von mir ab. Wie ich selber damit fertig werden sollte, wusste ich noch nicht.
Heilung war ausgeschlossen, blieb nur Chemo als lebensverlängernde Maßnahme. Dr.Baum redete zum Glück nie allzu lange um den heißen Brei herum, wenn man ihn sehr direkt ansprach. Als ich ihn fragte, wie viel Zeit mir bleiben werde, wenn die Chemo nicht helfen sollte, antwortete er: «Dann können wir leider nicht von Jahren reden, sondern müssen eher von Monaten sprechen.» Auf meine nächste Frage, ob man zum Abzählen dieser Monate eine Hand oder beide brauche, sagte er, dass wir von zwei Händen nicht unbedingt ausgehen können, aber dass natürlich – wie immer – alles möglich sei. Bei Krebs wisse man letztlich nie genau.
Ein paar Tage lebte ich wie im Zustand der Starre. Es war nun einfach alles vorbei. Zwar war mein Leben nur ein Leben unter vielen, aber es war meins. Während der Krankheit meiner Eltern hatte ich gedacht, ich wäre ihnen so eng verbunden, dass ich all ihre Empfindungen spüren könnte, auch die, die sie in dem Moment überfluteten, als ihnen von einer Sekunde auf die andere die Lebensperspektive genommen wurde – so wie nun mir. Heute begriff ich, dass ich keine Ahnung gehabt hatte. Denn man sagt zwar leicht: «Der Tod ist ein natürlicher Bestandteil des Lebens.» Aber wenn es einen dann selbst trifft, ist der Tod eben nicht nur ein natürlicher Teil des Lebens, sondern vor allem sein Ende.
Gedankenverloren machte ich mir ein tiefgefrorenes Eintopfgericht in der Mikrowelle warm und beobachtete die grünen Leuchtdioden der zurücklaufenden Sekundenanzeige. Die Dimensionen hatten sich für mich verschoben, die Zeit verhielt sich merkwürdig: Sie schrumpfte, und gleichzeitig dehnte sie sich aus, zwischendurch bildeten die Sekunden eine kleine Ewigkeit, dann wieder gingen sie wie im Zeitraffer vorbei. Ich fragte mich, was ich tun würde, wenn ich plötzlich erführe, dass ich nur noch diese drei Minuten zu leben hätte, so lange wie der Eintopf, der sich ungerührt im Kreis drehte, bevor er in meinem Magen landen sollte. Würde ich hektisch nach der Nummer meiner Schwester Kristiina in Finnland suchen? Oder zu Steffen stürzen, falls er gerade zu Hause wäre? Ich sah die ratlosen Gesichter der beiden vor mir und berechnete die Zeit, die ich vergeuden müsste, um ihnen die Situation zu erklären. Ich würde nichts mehr von meinen letzten drei Minuten haben, sondern nur versuchen, etwas zu vermitteln, was ich selbst nicht verstand.
Dann fiel mein Blick auf die Unordnung auf meinem Schreibtisch, über die Steffen am Vortag geschimpft und die ich immer noch nicht beseitigt hatte. Ich sah sein Schlagzeug in der Zimmerecke, er wäre am liebsten Schlagzeuger in einer Rockband geworden. Stattdessen ist er nun Ingenieur in einer Automobilfirma, aber er ist ganz zufrieden mit seinem Job. Ich sah die Fotos meiner Nichten und dachte daran, dass ich weder eigene Kinder bekommen noch diese Kinder aufwachsen sehen würde. Ich spürte, dass ich meinen Nichten bald einen Brief schreiben würde. Eigentlich zwei: einen Kinderbrief und einen, den sie erst verstehen würden, wenn sie erwachsen wären. Den könnte ich aber erst schreiben, wenn ich selbst mehr verstehen würde. Neben den Kinderbildern lag die Einladung zur Hochzeit eines alten Freundes, endlich sollte auch er unter die Haube kommen.
Alle Leben gingen weiter, aber würde auch ich es bis zur Hochzeit im Juni schaffen? Bis dahin waren es noch viereinhalb Monate und ganze drei Jahreszeiten, denn jetzt war erst Ende Januar. Ich wüsste nicht, in welcher Jahreszeit ich am liebsten sterben würde. Vielleicht wäre es sogar leichter zu gehen, wenn auch draußen in der Natur alles tot wäre und man nicht mehr sehen könnte, wie überall das neue Leben wächst, an dem man nie mehr teilhaben würde.
Ich betrachtete den teuren Pulli, den ich frohen Herzens ein paar Tage zuvor gekauft hatte, selbst nachträglich hatte ich kein schlechtes Gewissen deswegen bekommen. Ich hatte ja durch die erste Krankheit einiges gelernt. Die Sonne hatte an dem Tag seit langem zum ersten Mal geschienen, und ich hatte mich so gut gefühlt. All das schrie geradezu nach einer Bestätigung durch einen Traumpulli. Kostete er, was er wollte. Wie oft würde ich ihn überhaupt tragen können? Noch hatte ich nicht mal das Preisschild entfernt. Dann schaute ich mir den Himmel an. Die Sonne schien immer noch, genau wie zuvor. Auch ihr Leben ging einfach weiter. Das Fenster müsste dringend geputzt werden, dachte ich. Auch wenn mir klar war, dass das kein Gedanke war, der mich jetzt eigentlich hätte beschäftigen sollen. Vielleicht würde ich nie mehr Fenster putzen – wenigstens etwas, was ich nicht vermissen würde.
Eine träge, dünne Wolke schob sich kurz vor die Sonne, aber Sekunden später strahlte sie mich wieder so hell an, dass ich meine Augen zukneifen musste. Dann waren drei Minuten um, und mein Leben war mit einem «Pling!» vorbei. Ich hatte drei Minuten gelebt und nichts damit angefangen. Selbst den Eintopf, der eigentlich gerade mein Lebensziel gewesen war, konnte ich nicht essen, weil mein Magen ein einziger abgestorbener, angsterfüllter Klumpen zu sein schien. Was war das eigentlich, mein Leben, was sollte ich nun noch damit machen? Egal, ob es noch drei Minuten oder drei Monate dauern sollte? Ich wusste es nicht. Soeben waren so viele verschiedene Leben vor meinem geistigen Auge vorbeigezogen – meines und die Leben von anderen–, aber richtig gelebt hatte ich keins davon. Wie sollte es denn jetzt überhaupt jemals wieder gehen – mit dem Leben? Irgendetwas Merkwürdiges hatte sich in Gang gesetzt. Mein altes Sein verschwand vor meinen Augen, es verlor an Gewicht und Bedeutung, die ich ihm einmal beigemessen hatte. Es hatte nun einen anderen Sinn, auch wenn ich nicht wusste, welchen genau. Den musste ich erst herausfinden.
Dass ich plötzlich – und im wahrsten Sinne des Wortes – schlagartig frei von der Bürde des frühen Todes meiner Eltern war, dessen grausame Bilder mich in allen Einzelheiten seit zwei Jahrzehnten in den Träumen verfolgten, war eine der merkwürdigsten Erfahrungen dieser Tage. In dieser Beziehung war ich wirklich endlich frei. Nun hatte ich nämlich meinen eigenen Tod vor den Augen, mindestens fünfzehn Jahre früher, als er sie ereilt hatte. Meine Eltern hatten ein erfolgreiches Berufsleben und zwei – mit Einschränkungen – wundervolle Kinder gehabt. Sie waren glücklich gewesen – zumindest oft. Sie hatten in ihrer Zeit etwas auf die Beine gestellt. Ich hatte nichts auf die Beine gestellt, ich hatte einfach nichts. Ich würde verschwinden, ohne etwas zu hinterlassen, außer meinem neuen Pulli und ein paar anderen Habseligkeiten. Und meinem 14Jahre alten Twingo, den ich mir als Grundstock für meine Genesung zugelegt hatte, um jederzeit frei und mobil zu sein. Ich rechnete mit ein paar qualvollen Monaten, die mir bevorstehen würden, und hatte vor ihnen genauso große Angst wie vor ihrem Ende. Ich war schwach, aber Steffen war im Moment noch schwächer. Ich hatte ihm gerade seine Tränen von den Wangen gewischt und ihn in meinen Armen gewiegt, die aus Pudding zu bestehen schienen.
Meine Starre endete erst, als ich meinen Humor wiederfand. Ich sagte mir bitter, aber erhobenen Hauptes und mit klarem Blick: «Ich habe nun eine Angst weniger. Ich muss nicht fürchten, dass die Krankheit wiederkehren könnte – sie ist ja nun da. Und ich brauche mich nicht mehr um meine Rente zu sorgen wie alle anderen. Alle werden sterben, ich nur etwas früher. Wenn man die große Dimension ‹Zeit› bedenkt, sind wir alle wie Lemminge, die hintereinander eine Schlucht hinunterstürzen, die einen zuerst, die anderen eine Millionstelsekunde später.» Es gab schon öfter Zeiten in meinem Leben, da wünschte ich, es wäre alles irgendwie vorbei, dann würde ich mich nicht mehr so abstrampeln müssen, um einen Platz an der Sonne zu erkämpfen. Natürlich waren das nur Augenblicke gewesen, in denen ich so dachte. Außerdem: Solche Momente kennt vermutlich jeder. Aber jetzt war alles Realität geworden, es ging ums Ganze. Um den ganzen Tod und das ganze Leben. Also entschied ich: «Ich habe nicht mehr viel, aber das wenige werde ich voll ausschöpfen.»
Drei Tage nach der Todesdiagnose pumpte mir Dr.Baum eine Ladung Chemo in den Körper, und zwei weitere Tage später flog ich mit Steffen nach Indien. Diese Reise hatten wir schon Monate zuvor gebucht. Natürlich hätte ich sie auch absagen können, aber wozu? Ein paar Monate später wäre vielleicht keine Reise mehr möglich gewesen. Wegen der Aktualität der Diagnose war ich nur unsicher, ob ich den Aufenthalt in Indien genießen oder mit Weinkrämpfen verbringen würde. Doch es wurde eine meiner schönsten, verrücktesten, wertvollsten Reisen überhaupt!
Mein Leben wurde dort wieder ein wenig zurechtgerückt. So viel täglichen Überlebenskampf mitansehen zu müssen relativierte vieles und ließ meinen eigenen fast luxuriös aussehen. Die meisten Menschen, die dort Krebs bekommen, können von einem Dr.Baum nur träumen, von einer Chemotherapie sowieso. Viele haben ja noch nicht einmal genug zu essen. Wenn ich nichts essen kann, dann nur wegen der Chemos, nicht, weil ich nichts habe.
