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»Eine atemberaubende Lektüre.« Martina Läubli, Neue Zürcher Zeitung
»Ein literarisches Meisterwerk.« DER SPIEGEL
Von der beeindruckenden Suche zweier Schwestern nach Freiheit: der neue große Roman des literarischen Weltstars Leïla Slimani. SPIEGEL-Bestsellerautorin. Prix-Goncourt-Preisträgerin. Der faszinierende Abschluss der Familientrilogie - nach »Das Land der Anderen« und »Schaut, wie wir tanzen«.
Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit »brain fog«, einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt. Auf Anraten ihres Arztes reist sie nach Marokko, in das Land ihrer Kindheit, das sie als junge Frau verlassen hat. Als sie auf der Farm ihrer Großeltern in Meknès eintrifft, hat sie das Gefühl eine Fremde zu sein. Sie fragt sich, wer sie ohne die Erinnerungen an ihre Familie ist. Und taucht ein in ihre eigene Geschichte. Eine Geschichte, die auf ganz eigene Weise vom Kampf gegen gesellschaftliche Grenzen erzählt - und von dem Streben nach Freiheit.
Rabat, 1980. Mia ist sechs Jahre alt, als ihre Schwester Ines geboren wird. Ihre Mutter ist Gynäkologin. Ihr Vater leitet eine Bank. Die beiden Schwestern könnten nicht unterschiedlicher sein. Mit stillem Befremden verfolgt Mia, wie mühelos sich Ines anpasst, und es braucht Jahre, bis die beiden Schwestern einander näherkommen. Als Mia zum Studium nach Paris zieht, ist es ein Aufbruch in die Freiheit: Zum ersten Mal kann sie dort ihre Homosexualität offen leben. Und es ist ein Versprechen an ihren Vater: das Feuer, das in ihrem Innern brennt, weiterzutragen. So wie Mathilde, ihre Großmutter, und Aisha, ihre Mutter, entscheidet sie sich für einen ganz eigenen Weg.
»So schafft es Leila Slimani wieder einmal Frauenfiguren zu erschaffen, die einem enorm nahe kommen in ihrem Witz, ihrer Wut.« Marie Schoeß, Deutschlandfunk
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Seitenzahl: 549
Veröffentlichungsjahr: 2026
Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit brain fog, einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt. Auf Anraten ihres Arztes reist sie nach Marokko, in das Land ihrer Kindheit, das sie als junge Frau verlassen hat. Als sie auf der Farm ihrer Großeltern in Meknès eintrifft, hat sie das Gefühl, eine Fremde zu sein. Sie fragt sich, wer sie ohne die Erinnerungen an ihre Familie ist. Und taucht ein in ihre eigene Geschichte. Eine Geschichte, die ebenso klug wie berührend vom Kampf gegen gesellschaftliche Grenzen erzählt – und von dem Streben nach Freiheit.
Rabat, 1980. Mia ist sechs Jahre alt, als ihre Schwester Inès geboren wird. Ihre Mutter ist Gynäkologin. Ihr Vater leitet eine Bank. Die beiden Schwestern könnten nicht unterschiedlicher sein. Mit stillem Befremden verfolgt Mia, wie mühelos sich Inès anpasst, und es braucht Jahre, bis die beiden Schwestern einander näherkommen. Als Mia zum Studium nach Paris zieht, ist es ein Aufbruch in die Freiheit: Zum ersten Mal kann sie dort ihre Homosexualität offen leben. Und es ist ein Versprechen an ihren Vater: das Feuer, das in ihrem Innern brennt, weiterzutragen. So wie Mathilde, ihre Großmutter, und Aïcha, ihre Mutter, entscheidet sie sich für einen ganz eigenen Weg.
»Eine großartige Hymne an die Familie, an die Kraft und den Mut der Frauen. Aber auch eine rührende Mahnung an die Verletzbarkeit der Männer.« La Vie
Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen Frankreichs. Ihre Bücher sind internationale Bestseller. Slimani, 1981 in Rabat geboren, wuchs in Marokko auf und studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po. Für den Roman »Dann schlaf auch du« wurde ihr der renommierte Prix Goncourt zuerkannt. Zuletzt erschienen im Luchterhand Literaturverlag »Das Land der Anderen« und »Schaut, wie wir tanzen«, den beiden Teilen ihrer Romantrilogie, die mit »Trag das Feuer weiter« ihren Abschluss findet und auf der Geschichte von Leïla Slimanis eigener Familie beruht.
Amelie Thoma übersetzt Literatur aus dem Französischen, u. a. Texte von Marc Levy, Joël Dicker, Françoise Sagan und Simone de Beauvoir.
LEÏLA SLIMANI
Roman
Aus dem marokkanischen Französisch von Amelie Thoma
Luchterhand
Die französische Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel »J’emporterai le feu« bei Éditions Gallimard, Paris.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Copyright © 2025 Éditions Gallimard, Paris
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2026 Luchterhand Literaturverlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: buxdesign | München unter Verwendung eines Motivs von © Privatarchiv Leïla Slimani
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-26408-6V002
www.luchterhand-literaturverlag.de
facebook.com/luchterhandverlag
Für meine Schwestern, May und Hind, den Clan.
Für Hakima, die allerbeste Freundin.
Für die #Horslaloi
»Wenn Ihr Haus brennen würde, was würden Sie mitnehmen?«
»Ich nähme das Feuer mit.«
Jean Cocteau
Wer glaubt, Sehnsucht nach den Ursprüngen singe in uns, täuscht sich; die Heimat ist verloren, wer sie verlässt, wird verstoßen, gestrichen aus dem Melderegister, ausgeschlossen. Wir haben weder Rechte noch Anteil noch Erinnerung. Und wenn wir zu diesem Ausgangsort reisen, können wir keine Form des Verbs wiederkehren verwenden. Wiederkehren, nein […]. Wer den Süden verlässt, wird zum Deserteur.
Erri de Luca, in: Giuseppe Caccavale, Fresques
Mathilde Belhaj (geb. 1926) lernt Amine Belhaj 1944 kennen, als dessen Regiment in ihrem Dorf im Elsass stationiert ist. Die beiden heiraten 1945, und Mathilde folgt ihm bald darauf ins marokkanische Meknès. Sie ziehen auf eine Farm, Mathilde bekommt zwei Kinder, Aïcha und Selim. Während ihr Mann wie besessen arbeitet, um die Farm zu einem blühenden landwirtschaftlichen Betrieb zu machen, eröffnet sie eine ambulante Krankenstation, in der sie die Bauern der Umgebung behandelt. Sie lernt Arabisch und den Berber-Dialekt der Gegend. Trotz aller Schwierigkeiten und obwohl ihr manche, vor allem die Stellung der Frau betreffende Traditionen zutiefst widerstreben, beginnt sie in diesem Land heimisch zu werden.
Amine Belhaj (geb. 1917) ist der Sohn von Kaddour Belhaj, einem Übersetzer der Kolonialarmee, und dessen Frau Mouilala. Er erbt Kaddours Land, beschließt jedoch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, sich bei einem Spahi-Regiment zu verpflichten. Zusammen mit seinem Adjutanten Mourad gerät er in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der er fliehen kann. 1944 lernt er Mathilde kennen, die er 1945 im Elsass kirchlich heiratet. In den Fünfzigerjahren, während Marokko von Unruhen geschüttelt wird, kämpft er hartnäckig für seinen Traum, aus der Farm einen prosperierenden Agrarbetrieb zu machen. Er begeistert sich für moderne Anbaumethoden und züchtet neue Oliven- und Zitrussorten. Nach Jahren voller Enttäuschungen erlaubt ihm die Geschäftspartnerschaft mit dem ungarischen Arzt Dragan Palosi endlich, Gewinne zu erzielen und in die Bourgeoisie von Meknès aufzusteigen.
Aïcha Belhaj (geb. 1947), Tochter von Amine und Mathilde, besucht eine katholische Mädchenschule in Meknès, wo sie hervorragende Noten erzielt. Ende der Sechzigerjahre geht sie zum Medizinstudium nach Straßburg und kehrt Anfang der Siebziger nach Rabat zurück. Sie spezialisiert sich in Gynäkologie und heiratet Mehdi Daoud, einen brillanten Ökonomen und hohen Funktionär.
Selim Belhaj (geb. 1951), Sohn von Amine und Mathilde, die ihn verhätschelt, geht ebenfalls auf eine französische Schule. Im Sommer 1968 schließt er sich einer Hippie-Kommune in Essaouira an. Nach einer Zwischenstation auf Ibiza lässt er sich 1973 in New York nieder und wird Fotograf.
Selma Belhaj (geb. 1937) ist die Schwester von Amine, Omar und Jalil. Das strahlend schöne Mädchen, Liebling der Mutter, wird von ihren Brüdern unablässig überwacht. Sie schwänzt regelmäßig den Unterricht und lernt im Frühjahr 1955 den jungen Piloten Alain Crozières kennen, von dem sie schwanger wird. Um den Skandal zu vertuschen, verheiratet Amine sie mit seinem ehemaligen Adjutanten Mourad. 1956 bringt sie ein Mädchen zur Welt: Sabah. Ende der Sechzigerjahre hat sie ein Verhältnis mit ihrem Neffen Selim, und ihr Mann Mourad kommt bei einem Unfall ums Leben. Danach beschließt sie, nach Rabat zu ziehen.
Mehdi Daoud (geb. 1945 in Fes) ist der Sohn von Mohamed Daoud, einem bescheidenen Angestellten einer französischen Familie, und Farida, einer gewalttätigen, morphiumabhängigen Frau. Er brilliert an der französischen Schule und schneidet beim Auswahlverfahren der marokkanischen Finanzbehörde als Bester ab. Er kehrt seiner Familie und seiner Kindheit den Rücken und zieht nach Rabat. In seiner Jugend ein überzeugter Linker mit dem Spitznamen Karl Marx, nimmt er Anfang der Siebzigerjahre schließlich eine Stelle im Industrieministerium an. 1972 heiratet er Aïcha Belhaj.
Mia Daoud (geb. 1974) ist die Tochter von Mehdi und Aïcha.
Eines Nachts im November 2021 habe ich meinen Geschmacks- und Geruchssinn verloren. Eine Frau schlief in meinem Bett. Ich leckte ihre Schulter, vergrub meine Nase an ihrem Hals, näherte mein Gesicht ihrem Geschlecht. Sie schmeckte nach nichts. Die Frau regte sich. Sie zog mich an sich, sie wollte, dass wir uns liebten, doch ich war entsetzt. Ich drehte ihr den Rücken zu. Ich schloss die Augen und verbarg mein Gesicht unter dem Laken. Auch das Laken hatte keinerlei Geruch.
Anschließend kam das Fieber. Ich zitterte in meinem Bett wie eine Malariakranke, und nichts konnte mich wärmen. Ganz gleich wie viele Decken und Federbetten ich übereinanderhäufte, ich klapperte weiter mit den Zähnen. Sechs Tage lag ich da, allein in meiner Wohnung. Niemand besuchte mich, ich ging nicht ans Telefon. Die paar Leute, die mich anriefen, vermuteten wohl, ich würde schreiben. Ich hustete viel, in einer Nacht dachte ich, ich müsste sterben. Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, und gegen drei Uhr früh überlegte ich, den Notarzt zu rufen. Scham hielt mich zurück. Scham, ihm die Tür zu öffnen, ihn im schmutzigen Pyjama in meine ungeputzte, ungelüftete Wohnung zu lassen. Ich bin nicht gestorben, und das Fieber ist wieder gesunken. Irgendwann habe ich diejenigen zurückgerufen, die mir Nachrichten hinterlassen hatten. Meinen Verleger. Meine Mutter. »Was ist denn los?«, haben sie mich gefragt. Ich habe gesagt, es sei nichts. Nur diese Erschöpfung, eben. Die Erschöpfung.
In den folgenden Tagen versuchte ich, mich wieder an die Arbeit zu machen. Ich erwachte im Morgengrauen und setzte mich an meinen Tisch. Ich wartete. Ich konnte Stunden vor dem geöffneten Word-Dokument sitzen, ohne etwas zu tun. Es war mir unmöglich, mich auf meinen Roman zu konzentrieren. Manchmal holte ich tief Luft, gab mir einen Klaps auf die Wange und versuchte, den Faden eines Kapitels wieder aufzunehmen. Doch nach kürzester Zeit schweiften meine Gedanken erneut ab. Ich glitt von einem Bild zum nächsten, formlose Ideen wuchsen in meinem Hirn und platzten dann wie Seifenblasen. Es gelang mir nicht, meine Ideen zu sortieren; besser gesagt, ich hatte überhaupt keine Ideen. Fünf-, sechsmal las ich dieselben Stichworte, ohne das Geringste davon zu behalten, als wären sie in einer fremden Sprache verfasst, von der ich das Alphabet, aber nicht das Vokabular beherrschte. Ich fühlte mich verloren, überfordert.
Ich habe die Angewohnheit, Listen aufzustellen, doch in dieser Zeit wurde sie zur regelrechten Obsession. Auf einem großen Schreibblock notierte ich alles, was zu tun war. Ich wollte einen klaren Kopf bekommen, mir das Leben leichter machen, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Ich stierte auf die Liste und brach in Tränen aus. Ich wusste nicht, wo anfangen, welches Buch ich lesen, welches Kapitel schreiben und ob ich lieber Wäsche waschen oder putzen sollte. Unfähig, eine Entscheidung zu fällen, blieb ich liegen, tagelang, in meinen dreckigen Laken. Ich hörte auf, in den Supermarkt zu gehen, weil ich vor jedem Regal unentschlossen erstarrte. Ich hatte das Gefühl, zu ertrinken. Manchmal wurde mir bewusst, dass ein ganzer Tag vergangen war und ich mich nicht dazu hatte aufraffen können, meine Kleider auszuziehen und zu duschen.
Alles erschien mir unüberwindlich. Ich schaute stundenlang Serien, die Fensterläden geschlossen, das Telefon ausgeschaltet. Wovon sie handelten, war mir egal, ich bekam sowieso nur Bruchstücke mit. Es half, die Zeit totzuschlagen, und lenkte mich von meinen Ängsten ab. Ich baute Joints am helllichten Nachmittag und aß stehend in der Küche fade Gerichte, die ich unter Senf oder Tabasco begrub. Immerzu hatte ich einen metallischen Geschmack im Mund, der mich an das Geschlecht mancher Frauen erinnerte. Frauen, deren Namen und Gesichter ich vergessen hatte. Ich schlief, aber selbst mein Schlaf war nicht mehr derselbe. Als hätte ich Opium geraucht, war ich zugleich erschlagen und ruhelos und erwachte jeden Tag ein wenig erschöpfter.
Ich ging kaum noch raus. Aber ich konnte nicht verhindern, dass sich die Leute Sorgen um mich machten. Ich ignorierte ihre Nachrichten auf meiner Mailbox, doch sie ließen nicht locker. An Weihnachten gab ich nach. Das Essen bei meiner Schwester Inès war eine Tortur. Ich habe versucht, fröhlich zu sein. Ich habe Champagner getrunken, und für einen kurzen Moment war ich sogar glücklich, dort zu sein, zuzuschauen, wie die Kinder mit ihren kleinen Händen das Geschenkpapier zerrissen und beim Anblick einer Puppe oder eines Lastwagens juchzten. Und dann hatte ich das Gefühl, zu verschwinden. Als würde ich von einem Krokodil auf den Grund eines Tümpels gezogen, wo es mich im Schlamm verrotten ließ, ehe es mich verschlingen würde. Es gelang mir nicht, den Gesprächen zu folgen, ich hinkte dem, was die anderen sagten, immer hinterher, lächelte debil als Antwort auf die Fragen, die man mir stellte. So muss es sein, wenn man sehr alt ist. Sie setzen dich in einen Sessel in der Wohnzimmerecke, das Fest geht weiter, es wird gelacht, gestritten, und ab und zu kommt jemand, um dir den Sabber aus dem Mundwinkel zu wischen. Die Erschöpfung, hat meine Mutter gesagt. Die Erschöpfung, eben.
Ich habe meine Wohnung nicht mehr verlassen. Die Welt draußen hat aufgehört zu existieren. Dieser Zustand war mir nicht neu. Wenn ich einen Roman schreibe, ziehe ich mich oft derart zurück, bei mir oder in irgendeinem Haus auf dem Land, und verliere jegliches Zeitgefühl. Aber ich schrieb nicht. Mir fehlten die Worte. Ich war vor meiner Seite wie zu Eis erstarrt. Ich hatte schon Schreibblockaden erlebt, mangelnde Inspiration, kannte Anfälle von Wut und Verzweiflung. Doch diesmal war es anders. Die Begriffe kreisten durch meinen Kopf, ich war in der Lage, sie zu denken, sie auszuwählen, konnte sie aber weder schreiben noch aussprechen. Eines Nachts bin ich aus dem Schlaf aufgeschreckt. Ich hatte eine Idee für meinen Roman. Ich habe ein leeres Blatt und einen Stift von meinem Nachttisch genommen und Stichworte zu einer Szene hingekritzelt. Mehdi im Gefängnis und eine Tafel Schokolade. Als ich am nächsten Morgen erwachte, habe ich meine Notizen gesucht. Das Blatt lag am Fuß meines Bettes. Ich habe es mir angesehen: Was ich geschrieben hatte, ergab keinerlei Sinn. Es waren nur Striche und Linien, die nicht einmal Buchstaben bildeten. Ich begann zu lachen. Ich war dabei, verrückt zu werden.
Im März 2022 entschloss ich mich, einen Arzt anzurufen. Ich geriet an eine Sekretärin, die aß, während sie mit mir telefonierte. Sie schlug mir Tage und Uhrzeiten vor, und mich überkam Panik. Ich verstand nichts von dem, was sie sagte, also bat ich sie, es zu wiederholen. Schweiß bedeckte meine Stirn, ich hatte den Eindruck, sie könne mich sehen und werde sich über mich lustig machen. Ich habe einfach aufgelegt. Ein- oder zweimal habe ich es noch versucht, dann gelang es mir, im Internet einen Termin zu vereinbaren, bei einem Allgemeinarzt in meinem Viertel. Die Praxis befand sich im ersten Stock eines Gebäudes in der Rue d’Amsterdam. Ich hatte mir den Türcode auf die Hand geschrieben und hielt den ganzen Weg über den Blick auf meine Handfläche geheftet. Nichts anderes zählte für mich. Ich bin die Treppe hinaufgegangen und habe die Tür aufgedrückt, die nur angelehnt war. Im Wartezimmer saßen drei Leute, die Gesichter hinter Masken verborgen. Ich setzte mich an die Wand, rechts von den Toiletten. Mir gegenüber starrte eine Frau mit sehr schönen Augen auf ein Plakat über die Risiken des Rauchens. Ich hatte Lust, ihr die Maske herunterzuziehen, ich wollte wissen, wie sie aussah. Beim Beobachten der Menschen ist mir bewusst geworden, dass sie immer hässlicher sind, als man es sich vorstellt. Der Schönheit der Augen darf man nicht trauen.
Aus dem Behandlungszimmer kam eine eins fünfzig große Frau, die ein Rezept an ihren Busen presste. Dann habe ich meinen Namen gehört. »Mia Daoud?« Ein sehr großer Mann ist auf den Flur getreten. Er bedeutete mir, ihm zu folgen, und ich musterte beklommen seinen massigen Rücken, seinen etwas angegrauten Kittel. Meine Mutter hätte niemals so einen Kittel getragen, mit zerrissener Tasche. Er hat mich gebeten, Platz zu nehmen, und sich an seinen Schreibtisch gesetzt. Er hat mir nur verstohlene Blicke zugeworfen, und ich habe mir eingebildet, etwas an mir würde ihn stören. Er hat mein Geburtsdatum notiert, meine Adresse und mich nach meinem Beruf gefragt.
»Schriftstellerin.«
Er hat vom Bildschirm aufgesehen.
»Ach ja, ich dachte doch, Ihr Name kommt mir bekannt vor. Haben Sie nicht einen Preis gewonnen?«
Ich habe genickt. Ich schwitzte in meiner Daunenjacke, wollte sie aber nicht ausziehen.
»Also, was führt Sie her?«
Ich habe versucht, es ihm zu erklären. Ich wiederholte das Wort Erschöpfung. Ich erzählte ihm von meinen Heulattacken im Supermarkt und davon, wie mir einmal der Türcode meines Hauses nicht mehr eingefallen war. Doch das schien ihn nicht weiter zu beeindrucken. Er war die Sorte Mensch, die denkt, alle Künstler hätten eine Schraube locker.
»Sie sind depressiv.«
Da konnte ich kaum widersprechen. Ich war depressiv, ja, aber nicht so sehr, dass ich deshalb das Gedächtnis und den Orientierungssinn verlor. Er riet mir, zu einem Psychologen zu gehen, den er kannte.
»Er ist schnell und effizient. Er vollbringt Wunder.«
Der Psychologe bot eine Online-Sprechstunde an, und eines Montagmorgens erschien sein Gesicht auf dem Display meines Mobiltelefons. In den Stunden davor hatte ich mehrmals erwogen, abzusagen. Doch nun lag ich hier auf meinem Bett und starrte in das Gesicht eines Fremden auf dem Bildschirm. Ich hatte lange darüber nachgedacht, was ich ihm sagen würde, aber am Ende kam ich kaum zu Wort. Ich habe meinen Roman erwähnt, meine Schreibschwierigkeiten, dass sich mir meine Erinnerungen immer mehr entzogen, den Tod meines Vaters, und er begann zu nicken. »Ich unterbreche Sie mal eben.« Er hat versucht, mir etwas von Dissoziation und Verdrängung zu erklären. Er hat mich mit diesen Früchten verglichen, die manchmal auf Kuchen liegen, kleine runde Früchte, deren Name mir nicht mehr einfällt. Wir sollten unbedingt daran arbeiten. Es klang sehr bestimmt. Wir vereinbarten einen Termin in der kommenden Woche. Bezahlen musste man im Voraus, hundertvierzig Euro. Das Geld habe ich überwiesen, ihn aber nie wieder kontaktiert. Ich habe seine Nummer blockiert.
Damals schaute ich eine Serie über einen Mann, der an einem Hirntumor erkrankt war. Ich war überzeugt, das sei es, woran ich litt. Dem Allgemeinarzt sei ein gravierender Behandlungsfehler unterlaufen. Der Psychologe habe nichts begriffen. Ich sprach darüber mit Hakim am Telefon. Er ist mein bester Freund, ihm kann ich alles sagen, ich wusste, er würde sich nicht darüber lustig machen. Er gab mir die Telefonnummer eines Neurologen, bei dem er in Paris studiert hatte. »Ein genialer Arzt und ausgezeichneter Professor.«
Er gefiel mir vom ersten Moment an. Als ich ihn im Flur des Krankenhauses sah, wusste ich sofort, dass ich ihm vertrauen konnte. Er blickte sich um wie ein Kind, das sich auf einem Jahrmarkt verlaufen hat. Das ist mir schon oft aufgefallen bei brillanten, sehr scharfsinnigen Menschen. Sie spielen, sie hätten sich verirrt, als wären sie da und zugleich ein bisschen woanders. Ich habe mich ihm gegenübergesetzt. Sein Schreibtisch war von Licht überflutet, und er sah mich direkt an. Sein Blick war schön und fern, so blau wie der Himmel bei mir zu Hause, und er strahlte Offenheit und Menschlichkeit aus. Er hörte mir aufmerksam zu. Er machte sich Notizen, hob aber immer wieder den Kopf, um mich mit seinen blauen Augen eindringlich anzusehen. Diese Art, mir zu zeigen, dass er sich für mich interessierte, war sehr angenehm. Manchmal wiederholte er das Ende meiner Sätze, »da zu sein, ohne da zu sein«, und begann andere damit. Er stellte mir Fragen.
»Nehmen Sie Drogen?«
Ich antwortete, dass ich ab und zu einen Joint rauchte. Er hob den Blick nicht von seinen Notizen.
»Sonst nichts?«
Ich hatte keine Lust, ihm die Wahrheit zu sagen. Obwohl ich ihn erst seit ein paar Minuten kannte, fand ich die Vorstellung schrecklich, ihn zu enttäuschen.
»Ich habe ein paar Jahre lang Kokain geschnupft.«
»Das tötet die Neuronen. Wussten Sie das?«
Dann spulte er einen Fragenkatalog ab. Er wollte wissen, ob ich mich erinnerte, was ich am Vortag gegessen hatte, was ich im Fernsehen gesehen hatte. Er erkundigte sich, ob ich Sprachstörungen hätte.
»Verwechseln Sie Worte? Kommt es vor, dass Ihnen ein Wort nicht einfällt? Und wenn ja, betrifft das eher Gattungsnamen oder Eigennamen?«
Er hörte mein Herz ab.
Während er mich untersuchte, konnte ich es mir nicht verkneifen, ein Gespräch anzufangen. Ich hatte Angst, er könnte mich für verrückt oder hypochondrisch halten. Ich wünschte mir, dass er mich ernst nahm. Ich habe ihm gesagt, dass meine Mutter Ärztin war. Dass dies ein Beruf war, den ich bewunderte und der mir vertraut war.
»Es gibt nichts Schlimmeres für eine Schriftstellerin, wissen Sie? Wenn ich mein Gedächtnis und meine Sprache verliere, bin ich am Ende.«
Er hat gelächelt und sich wieder an seinen Schreibtisch gesetzt.
»Vor ein paar Tagen war ein Glasbläser bei mir. Er litt unter denselben Symptomen wie Sie. Sprach- und Konzentrationsstörung. Allerdings genügt bei ihm eine Sekunde Unaufmerksamkeit, um sich eine Verbrennung dritten Grades zu holen oder seine gesamte Werkstatt abzufackeln.« Seine schönen blauen Augen fixierten mich. »Haben Sie schon mal etwas von brain fog gehört?«
Ich habe den Kopf geschüttelt. »Gehirnnebel.« Ich hätte für das, was ich empfand, kein besseres Bild finden können. In den letzten Monaten hatte ich oft das Gefühl gehabt, mich durch dichten Nebel zu bewegen, wie an gewissen Morgen in Rabat, wenn meine Mutter die Autoscheinwerfer anschaltete und man in der Mitte eines Kreisverkehrs die gespenstischen Silhouetten der Polizisten mit ihren weißen Mänteln erahnte.
»Ich habe meine ersten Fälle im Juli 2020 gesehen«, fuhr der Arzt fort. »Verzweifelte Patienten, die sich selbst nicht wiedererkannten. Ich habe Ingenieure behandelt, die außerstande waren, ihre Schnürsenkel zu binden. Politiker und sogar Ärzte, die jedes Mal verzweifelten, wenn sie irgendeine Entscheidung treffen mussten. Sehen Sie«, sagte er, indem er mit seinen Händen einen Kreis beschrieb, »es ist, als wäre jede Persönlichkeit eine Art mehr oder weniger ebenmäßige Kugel. Nun, hier zerspringt die Kugel in tausend Teile, die der Patient nicht mehr zusammenfügen kann, und es ist, als liefe er sich selbst hinterher, als wäre er immer zu spät, als käme er bei dem, was um ihn herum passiert, nicht mehr mit.«
Der Neurologe nahm ein Stück Papier und einen Stift und erklärte mir, auf welche Weise das Corona-Virus die Bereiche des Gehirns befiel. Wenn er komplizierte Worte gebrauchte, entschuldigte er sich und versuchte, sie in die Alltagssprache zu übersetzen. Er fand Bilder, um deren Poesie und Klarheit ich ihn beneidete. Ich versuchte, ihn auf emotionales und auch auf literarisches Terrain zu locken. Dieser Mann erforschte das Gehirn, das Gedächtnis, die Sprache, also genau den Stoff, aus dem meine Arbeit besteht. Ich hatte Lust, ihm von Proust und Perec zu erzählen, und als ich es tat, lächelte er.
»Oh ja, aber das ist etwas anderes. Wissen Sie, das Gehirn ist eine sehr komplexe Maschine.«
Er hat nach der familiären Krankheitsgeschichte gefragt.
»In der Familie Ihrer Mutter?«
»Erblindung, Wahnsinn, Demenz.«
»Und väterlicherseits?«
»Krebs.«
Mehr wusste ich nicht. Dieses Erbe war unbekannt, im Dunkeln verborgen. Der Arzt verschrieb mir eine Gehirn-PET und riet mir zu Geduld.
»Was ist, wenn ich all meine Erinnerungen verloren habe?«
»Nein, Ihre Erinnerungen sind da, irgendwo vergraben. Nach meiner Beobachtung erscheinen Erinnerungen umso unerreichbarer, je mehr man sein Gehirn benutzt, es mit Informationen füttert. Gefühle machen sie wieder zugänglich. Angst, zum Beispiel, ist ein sehr effizienter Marker.« Als ich im Flur stand, legte er mir eine Hand auf die Schulter und fügte in plötzlich schüchternem, zögerndem Ton hinzu: »Sie sprachen vorhin von Proust. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mademoiselle: Finden Sie Ihre Madeleine.«
Um siebzehn Uhr stand Mehdi auf. Er packte einige Akten in seine Tasche, zog seinen Mantel über und verließ das Büro. Er durchquerte den Flur, ohne die verwunderten Blicke seiner Kollegen zu beachten. Najat, eine der leitenden Angestellten, holte ihn an der Tür ein. Sie wedelte mit einem Rechnungsbuch vor Mehdis Gesicht.
»Herr Direktor …«
»Bis Montag, Najat«, schnitt Mehdi ihr das Wort ab.
»Bis Montag, Herr Direktor.«
Er eilte die Treppe hinunter – der Aufzug war noch immer kaputt – und fand sich auf dem Bürgersteig der Rue de Reims wieder. Die Kälte fuhr ihm in die Glieder, er vergrub seine Hände in den Manteltaschen. Er hatte keine Ahnung, wo er sein Auto geparkt hatte. Er versuchte sich zu konzentrieren, doch alles, was ihm einfiel, waren Zahlenkolonnen, grüne und blaue Kurvendiagramme, Namen von Kunden. Der Straßenwächter kam angewetzt in seinem abgetragenen Kittel, die Schirmmütze in die Stirn gezogen. »Der R12?«, fragte er, Mehdi nickte. Er begleitete ihn zum Wagen. »Ich habe ihn gewaschen, Herr Direktor.« Der Wächter hielt die Hand auf. Mehdi steckte ihm einen Geldschein zu und setzte sich ans Steuer. Im Auto hing ein Geruch nach vergammeltem Obst und kaltem Zigarettenrauch. Er suchte unter dem Haufen Papiere, die sich auf dem Beifahrersitz stapelten, und fand eine mit Schimmel überzogene Orange. Er hob die Le Monde vom Fußboden auf, sie war vom 8. März 1980. Ein Artikel auf der Titelseite trug die Überschrift »Rassistische Ausschreitungen«. Irgendwo in Frankreich, vor einem Gymnasium, hatte man Kanaken aufmischen wollen. Der 8. März. Er war also seit sechs Tagen nicht mehr zu Hause gewesen. Eingeschlossen in sein Büro, hatte er vor lauter Arbeit jegliches Zeitgefühl verloren. Seit sechs Tagen ernährte er sich von Thunfischsandwiches und Croissants. Seit sechs Tagen schlief er auf dem zu kurzen schmalen Sofa, das er vors Fenster hatte stellen lassen. An einem Abend hatte er entnervt einer der Armlehnen einen Tritt verpasst und sie abgebrochen.
Er versuchte, den Wagen zu starten, doch der Motor stotterte. Der Wächter klopfte an die Scheibe. »Der muss erst warm werden«, erklärte er, und Mehdi beherrschte sich, um nicht zu erwidern, dass er seine bescheuerten Ratschläge für sich behalten solle. Wie durch ein Wunder sprang das Auto an, und er schlug den Weg nach Rabat ein. Lastwagen kamen vom Hafen, vor sich sah er Rauch aus Fabrikschornsteinen quellen. Mädchen in Schulkitteln überquerten lachend die Straße. Eine von ihnen winkte ihm zu, und er ließ sich von ihrem Lächeln und dem immer dichteren Verkehr ablenken. Obwohl er nun schon seit mehr als sechs Monaten in Casablanca arbeitete, blieb ihm diese Stadt ein Rätsel. Manchmal fürchtete er, sich in den Eingeweiden der riesigen Metropole zu verlieren und nie wieder herauszufinden. An einer roten Ampel stürzten zwei Halbwüchsige auf ihn zu und kippten Seifenwasser über die Windschutzscheibe. »Verschwindet«, rief Mehdi, doch die jungen Männer begannen fröhlich, die Scheibe mit einem gelben Lumpen abzuwischen. Die Fahrer hinter ihm hupten und fuhren schließlich erbost an ihm vorbei. Mehdi gab den Jungs die letzten Münzen, die im Auto herumlagen.
Ja, diese Stadt machte ihm Angst. Casablanca und seine zwei Millionen Einwohner. Die Ausländer waren gegangen, die Spanier aus dem Maârif-Viertel, die Italiener aus dem Belvédère, die französischen Entwicklungshelfer, die, wie Henri, an die Zukunft der marokkanischen Jugend geglaubt hatten. Täglich wurden am Busbahnhof Bauernfamilien angeschwemmt. Casablanca, wo man das Wort Bidonville erfunden hatte, wuchs zu schnell, und jede Nacht schienen Baracken aus dem Boden zu schießen, Gassen zu entstehen, Bettler sich neben einem Club oder einem Restaurant breitzumachen. Von Schindmähren gezogene Karren irrten zu Füßen der Luxusbauten herum. Junge Frauen mit vom Haschisch geröteten Augen wurden auf der Corniche abgestochen. Die Häuser waren weder hoch noch weiß noch modern genug, um das Elend zu verbergen. Die Stadt war von Brachflächen durchlöchert, und Mehdi vermochte nicht zu sagen, ob sich die Stadt ins Land fraß oder das Land in die Stadt hineinwucherte. Zwischen zwei Hochhäusern weideten ausgemergelte Kühe, und durch den Hinterhof einer piekfeinen Klinik stolzierte ein Hahn und weckte die Patienten im Morgengrauen. Weit weg von hier, in den Vierteln, wo die Polizei mit ausgeschalteten Scheinwerfern patrouillierte, schrieben krausköpfige junge Männer verbotene Lieder. Man tauschte Kassetten mit Hasspredigten oder Rocksongs. Die Stadt leistete Widerstand, gleich einem lebenden Organismus, der sich gegen eine Krankheit wehrt. Sie leistete Widerstand gegen das Schweigen, gegen die Repression, gegen die Ordnung, die man ihr aufzwingen wollte, wie man den Oberkörper einer Frau in ein Korsett schnürt. Die weiße Stadt beunruhigte Mehdi ebenso sehr, wie sie ihn faszinierte. Er war angewidert von dem penetranten Geruch des Meeres und dem Gestank nach Müll, von dem klebrigen Wind, der einem das Gefühl gab, schmutzig zu sein, und zugleich konnte er nicht mehr darauf verzichten. Manchmal dachte er, dass ein Funke genügte, damit alles in die Luft flog, damit der Hexenkessel zu brodeln begann und Unruhen ausbrachen, wie 1965. Die Zutaten waren alle beisammen: die Trockenheit, der teure Krieg in der Sahara, die Inflation. Das Land war am Boden, bettelarm, und es hatte die Nase voll von Versprechen, die nicht gehalten wurden. Die Zeit der Utopien und des Optimismus schien weit weg zu sein. Die Marxisten, die wahren, verschimmelten in den Gefängnissen, während Politiker jeglicher Couleur zu Realismus, Pragmatismus und Kompromissbereitschaft aufriefen.
An einer roten Ampel winkte Mehdi einem Taxifahrer. »Die Autobahn nach Rabat?«
Der Mann lachte schallend. »Die ist direkt vor deiner Nase.«
Dort, am Ende einer kleinen Steigung, war die Auffahrt. Mehdi fädelte sich ein und holte alles aus seinem alten R12 heraus. Es war die erste Autobahn des Landes, und das Bürgertum sah darin den Beweis, dass Marokko nun endgültig in der Moderne angekommen war. Mehdi hatte sich mit einem ehemaligen Kollegen aus dem Industrieministerium darüber gestritten. Einem Typen mit fettiger Haut, stets leicht geöffneten Lippen, der näselnd wiederholte, was er in den vom Palast finanzierten Zeitungen gelesen hatte: »Man muss in die Infrastruktur investieren.« Mehdi hatte widersprochen, die Bildung müsse Priorität haben. »Das Land hat eine Analphabetenquote von achtzig Prozent. Du willst Autobahnen für alle, ich will, dass die Leute die Straßenschilder lesen können.« Vielleicht hätte er nicht so mit ihm sprechen sollen, nicht in diesem schneidenden Ton, in den er immer verfiel, wenn er sich aufregte. Aïcha warnte ihn oft. »Du redest zu viel, Mehdi. Du verletzt die Menschen, das wird sich gegen dich wenden.«
Der Himmel verdüsterte sich, und über dem Ozean türmten sich violette Wolken. Gleich würde die Nacht hereinbrechen, Mehdi war müde. Er gähnte, riss die Augen auf, gab sich einen Klaps auf jede Wange. Er befand sich in einem seltsamen Zustand, erschöpft von den zu kurzen Nächten und zugleich aufgekratzt von all der Arbeit, die er bewältigt hatte, und von seinem glühenden Ehrgeiz. Sobald das Fußballspiel vorbei war, würde er ins Bett gehen. Er würde ein paar Biere mit seinen Freunden trinken, sie aber nicht einladen, zum Essen zu bleiben. Alles, was er wollte, war ausgiebig duschen, in sauberen Laken schlafen, einen Kaffee trinken, der nicht verbrannt schmeckte.
Die Autobahn reichte noch nicht ganz bis zur Hauptstadt, und er musste auf die Route Nationale wechseln, die an der Atlantikküste entlangführte. Mehdi schaltete das Radio ein. Wie erwartet, sprachen die Journalisten über das Spiel des Afrika-Cups, in dem die Atlaslöwen gegen die algerischen Wüstenfüchse antreten würden. Drei Monate zuvor, im Dezember 1979, hatten die Löwen gegen Algerien verloren. Im Stadion von Casablanca hatten die Marokkaner vor fünfzigtausend hysterischen Fans eine demütigende Niederlage von eins zu fünf erlitten. Rasend vor Wut und Enttäuschung waren die Fans durch die Straßen gezogen, auf den Schultern einen Sarg mit der Inschrift: »Hier ruht der Fußball«. Im Radio forderten die Kommentatoren Revanche. Heute Abend ging es um die Ehre. Die Nationalmannschaft musste nicht nur für den Ruhm oder zur Freude der Zuschauer gewinnen, sondern im Namen des Vaterlandes, das im Süden um die Saharaprovinzen kämpfte. »Was für ein Haufen Idioten«, schimpfte Mehdi. Die Journalisten wiederholten leere Worte, auswendig gelernte Phrasen, und schürten den Hass auf die gegnerische Mannschaft. Mehdi verabscheute das. Diese Ansprachen an die Massen, diese Erwartung an die Athleten, dass sie sich wie Soldaten aufführen und spielen sollten, als zögen sie in die Schlacht. Er hasste diese fanatischen Fans, die die Gegner als Feinde betrachteten. Und im Übrigen verloren die Journalisten kein Wort darüber, dass die Händler der Medina von Casablanca am Tag nach dem unseligen Match im Dezember die algerischen Fußballer wärmstens empfangen und sich geweigert hatten, sie die kleinen Souvenirs, die sie ihren Familien mitbrachten, bezahlen zu lassen.
In Mehdis Leidenschaft für den Fußball lag keinerlei nationalistischer Eifer. Natürlich liebte er seine Mannschaft, und heute Abend würde er für Zakis Löwen beten, doch sein Herz schlug ebenso für Zicos Brasilien, und während der Weltmeisterschaft 1974 hatte er mit Cruyff und seinen Jungs heiße Tränen geweint. Fußball weckte sein Fernweh, und in seinen verrücktesten Träumen sah er sich im Stadion der Boca Juniors oder im Maracanã mit der Menge singen. Egal für welche Nation die Mannschaft antrat oder wie der Club hieß, was er liebte, war richtig guter Fußball, das jogo bonito, diese kindliche Aufregung, die ihm die Kehle zuschnürte, wenn ein Spieler – ganz gleich, welcher – begann, übers Feld zu laufen, den Ball an den Fuß geklebt, wenn er auswich, tänzelte, wenn die Begeisterung im Stadion anschwoll wie die Brust eines einzigen Mannes. Mehdi glaubte genüsslich an die Legenden, die man ihm vorsetzte. An die Geschichten der kleinen, in den schlammigen Straßen einer Bidonville, einer Favela oder eines Barrio aufgewachsenen Jungs, und manchmal fantasierte er sich selbst an die Stelle eines dieser Genies. Die Masse jubelte ihm zu, sie skandierte seinen Namen: »Mehdi! Mehdi!«, und in seinen Träumen dribbelte er wie ein Gott. Auf dem Spielfeld war das Drehbuch niemals schon im Voraus festgelegt. Alles konnte geschehen. Bis zur letzten Minute konnte sich das Blatt wenden. Der Fußball – manchmal sagte er futebol wie die Brasilianer – war der Sport der Armen, der Dritten Welt, der einzige Ort, an dem tobende Mengen voller Liebe den Namen eines Schwarzen oder eines einfachen Mannes johlten.
Bis er das Zentrum von Rabat erreichte, war es Nacht geworden. Die Cafés füllten sich allmählich mit aufgedrehten Fans, und auf der Avenue Mohammed V verkauften kleine Jungs geröstete Erdnüsse und einzelne Zigaretten. Als er nach Hause kam, waren Aïcha und Fatima gerade dabei, Vorhänge zusammenzulegen und in Kisten zu räumen. Sie standen sich gegenüber, die Ecken des Stoffs in ihren Händen, gingen aufeinander zu, falteten, wichen wieder zurück, als führten sie einen altmodischen Tanz auf, eine Art Menuett. »Warum überlässt du ihr das nicht?«, fragte Mehdi. »Du bist im achten Monat schwanger, du solltest dich ausruhen.« Er legte die Hand in den Nacken seiner Frau, beugte sich herunter, um sie zu küssen, doch sie wandte verärgert den Kopf ab. »Nicht vor dem Hausmädchen.« Mehdi hüpfte über einen Karton, improvisierte ein paar Tanzschritte, um sie zum Lachen zu bringen, aber sie beachtete ihn nicht. Er hängte seinen Mantel über einen Stuhl und ging hinunter ins Untergeschoss, wo der Fernseher stand.
Aïcha war böse auf ihn, und wenn sie seine zärtlichen Gesten zurückwies, ihm die kalte Schulter zeigte, so hatte das nichts mit Fatima zu tun. Sie, die wegen ihrer Schwangerschaft zu Hause festsaß, verübelte ihm seine Abwesenheit. Sie hatte ihren Chefarzt angefleht, sie weiter arbeiten zu lassen, doch der hatte ihr ins Gesicht gelacht: »Man entbindet keine Frauen, wenn man selbst im siebten Monat schwanger ist.« Also musste Aïcha sich damit abfinden, daheim zu bleiben, eingesperrt mit ihrer sechsjährigen Tochter und Fatima, deren Aberglaube und krude Theorien ihr auf den Geist gingen. Seit zwei Tagen widmete Aïcha sich einem Großputz, um sich abzulenken. Sie ließ das elterliche Schlafzimmer, in dem die Wiege des Neugeborenen stehen würde, auf Hochglanz bringen. Sie leerte die Küchenschränke, ordnete sämtliche Bücher im Regal alphabetisch, und an diesem Tag hatte sie Lust bekommen, die von Tabak und Staub vergilbten Vorhänge abzunehmen. »Es ist bald so weit«, behauptete Fatima, während sie die Kiste hochhob. »Du baust dein Nest. Du kannst noch so gescheit sein, ich sage dir, wenn eine Frau anfängt, aufzuräumen, dann ist das Baby im Anmarsch.«
Aïcha seufzte. »Ich gehe in Mias Zimmer.« Und sie stieg die Treppe hoch.
Mehdi schloss die Wohnzimmertür. Er zog sein Jackett aus, seine Krawatte, die bordeauxroten Church’s, und legte sich aufs Sofa. Aïchas Launen begannen ihm auf die Nerven zu gehen. Er konnte schließlich nichts dafür, dass die Frauen die Kinder austrugen. Hatte er sich etwa beklagt während der zwei Jahre Leerlauf, die seine Freunde taktvoll seine »Durststrecke« nannten? Nachdem Mehdi den Posten als Kabinettschef im Industrieministerium verlassen und dann bis 1976 den Fußballverband geleitet hatte, stand er plötzlich ohne Arbeit da. Wochenlang hatte er darauf gewartet, dass man ihn irgendwo einsetzte, an einer Stelle, wo seine Intelligenz, seine Sachkenntnis und seine Arbeitskraft von Nutzen wären. Doch nichts geschah. Er hätte seine einflussreichen Freunde in den Kreisen des Makhzen um Hilfe bitten können, aber Mehdi rühmte sich, bei der Günstlingswirtschaft nicht mitzuspielen. Er wollte eine Anstellung allein seinen Fähigkeiten verdanken, und wie durch ein Wunder, ohne dass er gewusst hätte, wer ihn Seiner Majestät gegenüber erwähnt haben könnte, vertraute ihm der König im Sommer 1979 den Vorsitz der Crédit Commercial du Maroc an, eines kaum bekannten Kreditinstituts, das auf Immobilien und Tourismus spezialisiert war. Voller Enthusiasmus begab er sich Mitte Juli nach Casablanca an seine neue Arbeitsstätte. Als er vor dem Gebäude in der Rue de Reims parkte, meinte er zuerst, sich in der Adresse geirrt zu haben. »Eine Bruchbude«, erzählte er später seiner Frau. Die Büroräume nahmen zwei Etagen ein, die früher einmal französischen Familien gehört hatten. In der Eingangshalle, die nach Frittieröl und Putzmittel roch, wurde Mehdi von Farid in Empfang genommen, einem schmerbäuchigen Kerl, den ihm der Palast als Assistenten zugewiesen hatte. Farid hatte sehr dunkle Haut und eine Boxervisage. Er sah aus, als hätte jemand mit der Faust seine Birnennase zerquetscht und ihm mit einem stumpfen Gegenstand die Oberlippe gespalten. Dank der Gerüchte, die zirkulierten, und Farids eigener Anspielungen begriff Mehdi, dass er am Hof aufgewachsen war, im engsten Umfeld der Macht. Manch einer behauptete, seine Mutter sei Köchin, sein Vater der Chauffeur eines Prinzen. Doch Mehdi wollte es nicht wissen. Er misstraute diesem Mann, der ebenso geheimnisvoll wie umgänglich war und schlauer, als man dachte. Seine Intelligenz war die der Umgangsformen und Gepflogenheiten, die Intelligenz eines Höflings, der es versteht, unter Berücksichtigung der Launen, Vorlieben und Gewohnheiten der Mächtigen nach den althergebrachten Gesetzen des Makhzen zu verhandeln. »Ich bin hier, um Ihnen die Dinge zu erleichtern«, sagte er zu Mehdi, der verstand: Ich bin hier, um Sie zu überwachen.
Farid führte ihn herum. Er stellte ihm Hicham Benomar vor, der den Posten des Geschäftsführers innehatte, dann gingen sie eine Etage höher, wo sich das Büro des Direktors befand. Mehdi konnte seine Enttäuschung nur schwer verhehlen. Mit gerunzelten Brauen, die Lippen ein wenig verzogen, blieb er im Türrahmen stehen und starrte auf das Porträt des Königs, das von einem Nagel in der pissgelben Wand hing. Hinter dem Schreibtisch gingen zwei Fenster auf einen lärmigen Innenhof hinaus, in dem Hausfrauen ihre Teppiche ausklopften und aus dem Essengerüche aufstiegen. Wie sollte er sich an einem solchen Ort konzentrieren können? Er wandte sich zu Farid um, forschte in seinem Gesicht nach einem Hinweis darauf, ob es sich um einen Scherz oder, schlimmer, eine Demütigung handelte. Wie konnte man ihn, der beim Auswahlverfahren der Steuerinspektion als Bester abgeschnitten hatte, so behandeln? All seine Studienkollegen leiteten Banken oder angesehene Institutionen und hatten wahrscheinlich große Büros mit Aussicht, Assistentinnen, einen Chauffeur. Doch Farid verzog keine Miene. ›Man stellt mich auf die Probe‹, dachte Mehdi. Und wie jedes Mal, wenn man ihn herausforderte, erwachte Mehdis Stolz, und er strotzte vor Energie und Wut. Er war wieder acht Jahre alt, hatte eine zu große Brille, eine zu hohe Stirn und war der einzige Marokkaner an der französischen Schule. Er war acht Jahre alt und fest entschlossen, der Beste in seiner Klasse zu werden. In derselben Etage befanden sich auch die anderen Direktionsbüros. »Und hier, was ist hier drin?« Farid öffnete die Tür, und Mehdi betrachtete einen Moment lang das große, ungenutzte Zimmer, die Wollmäuse auf dem Fußboden und die Reste einer zerquetschten Fliege an einer Scheibe. Dort beschloss er die etwa fünfzehn Angestellten der CCM zu versammeln. Sie kamen angeschlurft und stellten sich vor Mehdi auf, die Rücken beinahe an die gegenüberliegende Wand gedrückt. Benomar nieste in einem fort und fragte, ob man das Fenster öffnen könne. Alle beobachteten Mehdi mit einer Mischung aus Misstrauen und Unlust. Wer war dieser Mann mit dem dichten Vollbart und dem verschwitzten kurzärmeligen Hemd?
Von der Straße drang Verkehrslärm herein. In der Ferne hörte man Kinder auf einem Pausenhof spielen. Mehdi räusperte sich, faltete die Hände vor dem Mund und atmete tief ein. Als er zu sprechen begann, erschauerten die Anwesenden vor Verwunderung und wären gern noch ein Stück weiter zurückgewichen mitsamt der Wand hinter ihnen. Die Stimme des Direktors, seine Grabesstimme, hatte sie alle überrascht wie im finsteren Wald verirrte Kinder, die unter der Stimme des Ogers erzittern. Mehdi gebrauchte Metaphern aus der Welt des Sports – »Wir sind eine Mannschaft« –, die in Hicham und anderen den Wunsch weckten, ihm Beifall zu klatschen. Gemeinsam würden sie »alles geben« und die Zukunft des Landes aufbauen. Sicher, ihm sei bewusst, dass die Zeiten hart waren. Der Internationale Währungsfonds hatte einen Stabilisierungsplan aufgestellt, Schulden und Armut explodierten. »Aber wir müssen das nicht hinnehmen«, betonte er mit einer kleinen Bewegung des Beckens, als würde er dribbeln. »Wir sind nicht dazu verdammt, vom Regen, von internationaler Wohltätigkeit oder unseren Auswanderern abhängig zu sein.« Der Direktor wollte Marokko seinen Stolz zurückgeben, es in ein modernes Land ohne Komplexe verwandeln. Er war seit jeher überzeugt, dass sein Land ein Paradies sein könnte, und zwar nicht nur für die Touristen, die sich seine kilometerlangen sonnigen Küsten, seine majestätischen Berge und die legendäre Gastfreundschaft seiner Bewohner gefallen ließen. »Wir haben kein Öl, aber wir haben den Tourismus!«, wiederholte er mehrmals unter Farids entzückten Blicken. Dafür war die CCM da: um die großen Projekte von morgen zu finanzieren, die Hotels mit Swimmingpool, die Golfplätze und Ferienclubs, aber auch die Sozialwohnungen für die Menschen aus den Elendsvierteln. In einem Land, in dem der Zugang zu Besitz einer Elite vorbehalten war, träumte Mehdi von einer neuen Mittelschicht, die eine eigene Wohnung und ein eigenes Auto besaß und ihre Kinder in Schulen schicken konnte, die diesen Namen verdienten. »Seid mutig«, forderte Mehdi sie auf, und Farid blickte sich um. »Hört auf, fügsam zu sein!« Farid applaudierte.
Es wurde wieder still im Raum. Die Angestellten wussten weder, was sie tun, noch, was sie denken sollten. Manche klatschten laut, andere beschränkten sich auf ein Nicken. Mehdi beobachtete, wie sie einander erstaunte Blicke zuwarfen, als versuchten sie zu verstehen, ob er all das ernst meinte oder ob es nur Worte waren, komplizierte Worte, noch dazu, deren Sinn nicht alle erfassten. Najat Goumine, die einzige Frau in der Geschäftsleitung, trat einen Schritt vor und hob die Hand wie eine eifrige Schülerin. Sie fragte, ob der Urlaub, den sie am Vortag eingereicht habe, davon betroffen sei. Sie habe ihren Kindern versprochen, mit ihnen in den Süden zu fahren. Ein Mann, dessen dunkle Brustwarzen durch den dünnen Hemdstoff schimmerten, fragte nach den Löhnen. »Darüber reden wir später«, sagte Mehdi steif.
In den folgenden Tagen schloss er sich in seinem Büro ein und richtete kaum ein Wort an sie. Die Akten stapelten sich auf seinem Tisch. Blätter lagen auf dem Boden herum. Er ließ sich Croissants und Kaffee bringen und rauchte so viel, dass sich auf seiner Zunge ein gelblicher Film bildete. Dann, eines Nachmittags, kam er aus seinem Büro, die Augen gerötet vom Rauch und vor Müdigkeit, und rief sie wieder in dem großen Raum zusammen. Schweigend durchmaß er das Zimmer, unter den verwunderten Blicken der Angestellten. Er legte ihnen dar, was er herausgefunden hatte. Seine Stimme war heiser, er hatte Halsschmerzen. »Ich habe jede Akte aufmerksam gelesen. Ich habe alles, was ich über die Kundenkonten finden konnte, genau unter die Lupe genommen, und das Mindeste, was man sagen kann, ist, dass dieser Laden hier seit Jahren nicht richtig geführt wird.« Einige verkrampften sich, da sie eine Abmahnung fürchteten. Andere rührten sich oder lächelten und schienen ausrufen zu wollen: ›Das sagen wir schon die ganze Zeit!‹ Doch Mehdi fuhr fort: »Die Kunden zahlen ihre Raten nicht fristgerecht, und Kredite wurden ohne jegliche Sicherheiten vergeben. Wenn wir so weitermachen, sind wir in einem halben Jahr weg vom Fenster.« Mit der flachen Hand klatschte er drei Mal auf die Wand. »Deswegen werden wir hier einen Computerraum einrichten.« Diese Neuigkeit verschlug den Angestellten die Sprache. Einige, darunter Najat, dachten, das wäre ihr Ende. In Maschinen investierte man nur, um Menschen loszuwerden, und dieser überkandidelte Chef wollte ihnen offenbar an den Kragen.
Im Januar 1980 kam ein Team von IBM, um dort in der dritten Etage Großrechner zu installieren, und alle Mitarbeiter der CCM mussten Fortbildungen besuchen, in denen sie lernten, diese zu benutzen. Mehdi stellte motivierte junge Menschen aus allen Regionen Marokkos ein. »In den Führungsebenen der anderen Banken gibt es nur Fassis1. Ich will Leute von überallher, die die marokkanische Gesellschaft widerspiegeln«, vertraute er Hicham Benomar an. Er beförderte Najat, die bemerkenswertes Geschick im Umgang mit den Computern bewies. Alle bekamen die Aufgabe, sämtliche Kreditunterlagen in die Rechner einzuspeisen. Das war eine lästige und langwierige Arbeit. Manchmal rödelte die Maschine eine ganze Nacht lang, um festzustellen, ob ein Kunde mit seinen Zahlungen im Rückstand war. Sobald das getan war, beauftragte Mehdi alle leitenden Mitarbeiter, die Kunden einzubestellen und sie an ihre Verpflichtungen zu erinnern. Er teilte mit ihnen seine Erfahrung als ehemaliger Direktor der Steuerinspektion.
»Zuerst werden sie Ihnen all ihre einflussreichen Verbindungen aufzählen. Wenn das nicht funktioniert, werden sie Ihnen von einer kranken Mutter, einem Kind in der französischen Schule oder wer weiß was vorheulen. Und wenn Sie dann noch immer nicht nachgeben, werden sie versuchen, Ihnen einen Umschlag zuzustecken. Aber ich warne Sie, das werde ich nicht dulden.« Im Lauf dieses Winters schweißte Mehdi sein Team zusammen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der nie vor elf Uhr gekommen und nach dem Mittagessen oft gar nicht mehr aufgetaucht war, arbeitete er unermüdlich. Er schien durch und für die Arbeit zu leben. Bis zu vierzehn Stunden täglich konnte er an seinem Schreibtisch oder im Rechnerraum verbringen. Er duzte nie jemanden, sprach nicht über sein Privatleben, kannte aber den Namen und die familiäre Situation all seiner Mitarbeiter. Er konnte durchaus schroff sein, doch er holte aus jedem das Maximum heraus. »Am Ende geht seine Wette womöglich noch auf«, sagte Hicham eines Tages zu Najat, »und er wird die CCM zur größten Kreditbank des Landes machen.«
Fatima öffnete die Tür. Sie brachte ein Tablett mit Bier, dampfenden Briouats und Schalen voll schwarzer Oliven. »Danke, Fatima. Du wirst sehen, heute Abend gewinnt Marokko.« Das Hausmädchen nickte, als hätte Mehdi ihr eine Anweisung gegeben oder eine jener Tatsachen verkündet, von denen nur gebildete Männer etwas verstehen. Wer war sie schon, um ihm zu widersprechen? Ab zwanzig Uhr trudelten die Freunde ein. Abdellah, der noch immer an der Uni von Rabat unterrichtete, Rachid, Aïchas Kompagnon in der Klinik, und Hicham Benomar, der Geschäftsführer der Bank.
In Mias Zimmer, wo Aïcha Kleider aussortierte, konnte sie sie lachen und sich aufregen hören. Ihre Tochter lag auf dem Bett und sah ihr zu. Aïcha holte eine kleine Oshkosh-Latzhose aus dem Schrank, die Mehdi von einer Reise mitgebracht hatte. »Die passt mir nicht mehr«, sagte Mia, die mit ihren sechs Jahren schon alle in der Klasse überragte. »Gibst du sie den Armen?«
»Nein, die heben wir auf für deinen kleinen Bruder oder deine kleine Schwester.« Sie streichelte sich über den Bauch, den Blick auf ihren Nabel gerichtet.
Bisher hatte Mia es nicht für wahr gehalten. Ganz gleich, ob die Leute behaupteten, dass sie bald ein Geschwisterchen bekommen würde, und ihre Mutter ihr erklärte, sie hätte ein Baby im Bauch, Mia glaubte nicht daran. Aber am Tag zuvor hatte Aïcha ihre Bluse geöffnet und Mias Hand genommen. Sie hatte sie auf die gespannte Haut an ihrem Bauch gelegt, ein wenig gedrückt und gesagt: »Da, das ist der Fuß, spürst du ihn? Dieses Baby kann es anscheinend kaum erwarten, dich kennenzulernen.« Mia hatte schnell ihre Hand zurückgezogen. In ihrer Mutter lebte etwas. Ein Wesen wuchs in ihr, ein Wesen, das nur sie spüren konnte und zu dem sie offenbar schon eine zärtliche und besondere Beziehung geknüpft hatte. Manchmal überraschte sie ihre Mutter dabei, wie sie Selbstgespräche führte, doch nun begriff sie, dass Aïcha sich mit dieser sanften Stimme, diesem seligen Lächeln auf den Lippen an das Baby wandte. Mia hätte sich am liebsten auf den Haufen Kleidungsstücke gestürzt und sie allesamt zerfetzt. Sie wollte nicht, dass jemand anders sie trug. Sie wollte nicht, dass dieses ungeduldige Baby zur Welt kam. Vielleicht spürte Aïcha die Angst ihrer Tochter, denn sie forderte sie auf, ihr ein bisschen Platz zu machen, und legte sich neben sie. Das Mädchen vergrub sein Gesicht an ihrem Busen. Das war das Einzige, was Mia an dieser Schwangerschaft gefiel. Diese Brüste, die genauso groß und weich waren wie die von Mathilde, ihrer Großmutter. Sie atmete Aïchas Duft ein und dachte, wenn sie sie nur fest genug drückte, wenn sie mit aller Inbrunst betete, könnte sie wieder in sie hineinschlüpfen und dieses Kind, das sie bedrohte, vertreiben. Doch nach ein paar Minuten richtete Aïcha sich auf. Die Hände an ihren Bauch gepresst, senkte sie das Kinn und ihr Gesicht verzerrte sich zu einer schrecklichen Grimasse.
»Geht’s dir gut, Mama?«
»Mir geht’s gut, mein Schatz. Mach dir keine Sorgen. Es ist nichts.«
›Das ist schon wieder dieses Baby, das sie tritt‹, dachte Mia, und Hass wallte in ihr auf. Ihre Mutter küsste sie auf die Wange, deckte sie mit dem rosa Federbett zu und verließ das Zimmer, eine Hand an ihre rechte Seite gelegt. »Geh nur nicht nach unten. Du weißt, dass dein Vater es nicht mag, wenn man ihn bei seinen Fußballabenden stört.«
Aïcha schloss die Tür, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und blieb ein paar Minuten so im Halbdunkel stehen. Das Baby war unterwegs. Diese vermaledeite Fatima hatte recht. Es fehlten noch drei Wochen zum Termin, doch sie hatte sich so sehr verausgabt und alle Ratschläge ignoriert, die sie selbst den Patientinnen erteilte – tragen Sie keine schweren Sachen, ruhen Sie sich aus –, dass es nicht verwunderlich war, wenn es etwas zu früh kam. Sie ging hinunter ins Souterrain. Das Match hatte gerade begonnen. Es musste schon ein oder zwei Torchancen für Marokko gegeben haben, denn sie hatte Schreie gehört (»Mach schon, los!«) und anschließend enttäuschte Ausrufe (»Sieht der denn nicht, dass er im Abseits ist?«). Die Männer erhoben sich, um sie zu begrüßen. Abdellah bot ihr seinen Platz an, doch sie lehnte ab. »Wenn ich mich hinsetze, weiß ich nicht, ob ich noch mal hochkomme.« Sie gab Mehdi ein Zeichen, der unwillig aufstand. »Was ist?«
»Ich habe Wehen. Ich glaube, es ist so weit.«
»Was willst du damit sagen?«
»Wie, was will ich damit sagen? Die Wehen haben eingesetzt. Wir sollten in die Klinik fahren.«
Sein Heineken in der Hand, drehte Mehdi sich zum Fernseher um. Einen Moment wirkte er völlig absorbiert von Labieds Lauf und seinem Schuss, den der algerische Torhüter abfing.
»Verstehst du, was ich sage?«, fragte Aïcha.
»Ja, ja, natürlich. Wir gehen gleich. Aber du meinst selbst immer, dass so eine Geburt Stunden dauert. Ein bisschen können wir schon noch warten, oder?« Mehdi wandte sich an die Gäste. »Freunde, heute Abend wird Marokko siegen, und ich werde einen Sohn bekommen.« Dann rief er: »Champagner!«
Fast sofort erschien Fatima auf der Treppe mit einer Flasche in der Hand. Mehdi hielt Aïcha ein Glas hin. »Das kann dir nicht schaden.« Bald schien niemand mehr Notiz von ihr zu nehmen. Labied hatte eine gelbe Karte bekommen, und auf dem Sofa stritten die Männer über die Entscheidung des Schiedsrichters. Aïcha stützte die Hände auf den Tisch. Als sie die nächste Wehe kommen spürte, hielt sie die Luft an. Ihr Bauch wurde hart, all ihre Muskeln spannten sich, und sie musste sich auf die Lippen beißen, um nicht vor Schmerz zu brüllen. Im Grunde hatte Mehdi recht: Geburten zogen sich lange hin, und sie selbst hatte oft Patientinnen wieder weggeschickt. »Gehen Sie ein Stück spazieren«, riet sie ihnen. »Fahren Sie nach Hause und schlafen Sie. Das wird noch eine Weile dauern.«
Sie erschauerte bei dem Gedanken daran, dass sie in wenigen Stunden mit gespreizten Beinen in einem dieser Kreißsäle liegen würde, vor denen es ihr graute. Sie hatte zu viel Erfahrung, um an die Märchen vom freudigen Ereignis zu glauben. Zu viel gesehen und gehört, um zu denken, dass das Glück, ein Kind zu bekommen, die entsetzliche Brutalität der Niederkunft auslöschen könnte. Zu viele Dammrisse, zu viel Blut auf Kitteln und Plastik-Clogs, zu viele entzündete Brustwarzen. Wund, alles wund. Nein, Kinderkriegen war kein Vergnügen, und die Störche kackten nur auf ihre Windschutzscheibe während der endlosen Bereitschaftsdienste. Mit den Jahren betrat Aïcha immer widerwilliger den großen Saal, in dem die Gebärenden, manchmal vier oder fünf, nur durch Tücher voneinander getrennt waren. Vor allem der Geruch war unerträglich, ein Geruch nach stinkendem Fruchtwasser, Scheiße und Blut. Im Sommer herrschten über fünfundvierzig Grad in dem Raum. Egal ob man die Fenster aufriss oder einen kleinen Ventilator anschaltete, man bekam keine Luft, und die Frauen mit ihren schweißnassen Gesichtern wurden mitten in den Wehen ohnmächtig. Im Winter dagegen war es beißend kalt. Aïcha trug einen dicken Pulli unter dem Kittel und zwei Paar Strümpfe. Manche Schwestern zogen sich Wollhandschuhe an. Mehr noch als der Geruch, mehr als der Schmutz und die fehlende Intimität machte Aïcha das Geschrei zu schaffen. Die Frauen brüllten sich die Lunge aus dem Leib. Sie stöhnten, wimmerten, blökten wie Vieh auf der Schlachtbank. Einige riefen immer wieder halb von Sinnen den Namen Gottes, so wie man beim Orgasmus den seines Geliebten stöhnt. Manchmal, besonders nachts, erhitzten sich die Gemüter. Einmal hatte eine Gebärende einer Krankenschwester die Zähne in die Brust geschlagen und zugebissen. Ein anderes Mal hatte ein Arzt die Beherrschung verloren. Er ohrfeigte eine Patientin, die ihn gekratzt hatte, und blaffte: »Als er auf dir lag, hast du da auch so geschrien?«
Aïcha bemühte sich auch im größten Chaos, ganz auf ihre Patientinnen konzentriert zu bleiben, verfolgt von dem schrecklichen Gedanken, dass eine von ihnen unter ihren Augen verbluten und sterben könnte, noch ehe sie ihr Kind gesehen hatte. Sie gehörte nicht zu denen, die die Gefahr herunterspielten, den Schmerz leugneten oder sagten: »Keiner hat von ihr verlangt, ein fünftes zu machen, was beschwert sie sich jetzt?« Aïcha vermochte ihre Qualen nicht zu lindern. Sie ermunterte sie, tapfer zu sein, erinnerte sie an die Millionen von Frauen, die vor ihnen geboren hatten. Doch ihre Milde reichte ebenso wenig wie ihre wissenschaftlichen Erklärungen. Die Beine an die Halterung geschnallt, das Gesicht verzerrt, schienen diese Frauen jegliche Hemmung, jegliche Vernunft abgelegt zu haben. Sie wollten, dass man sich um sie kümmerte, und empfanden es als Ungerechtigkeit, wenn der Doktor es wagte, sie zu verlassen, um nach einer anderen Gebärenden zu sehen.
Aïcha goss sich ein zweites Glas Champagner ein. ›Ich will da nicht hin‹, sagte sie sich. Sie malte sich aus, wie sie starb, aufgerissen von der Vagina bis zum Anus. Sie sah Blutlachen auf dem Linoleum des Krankenhauses und die schleimige Nabelschnur, die alle Frauen seit Anbeginn der Zeit miteinander verband. Vielleicht konnte sie dieser Prüfung entrinnen, einen anderen Weg finden, um ihr Kind zu begrüßen. Der Alkohol stieg ihr zu Kopf. Sie hatte Lust, zu reden, wagte es aber nicht. Mehdi würde sich aufregen, wenn sie die Männer unterbrach oder, schlimmer noch, so tat, als interessiere sie sich für das Spiel.
In der Halbzeit kam Fatima, um die Bierflaschen und den Aschenbecher abzuräumen, der vor Zigarettenstummeln überquoll. Sie brachte noch eine Flasche Champagner, und Mehdi servierte seinen Gästen einen Whisky. Rachid schlug Aïcha vor, sie zu untersuchen. Sie gingen hinauf ins Schlafzimmer, Aïcha legte sich hin, und Rachid führte seine Hand in ihre Vagina ein. »Einen guten Finger breit. Wie ist der Abstand zwischen den Wehen?«
»Zwanzig Minuten, ein bisschen weniger vielleicht.«
»Dann haben wir noch Zeit. Komm, das Spiel geht weiter. Ich bin nicht so optimistisch wie dein Mann. Ich finde sie ziemlich fahrig, unsere Löwen. Es sieht nicht gut aus.«
Aïcha ließ ihn zu den anderen zurückkehren und nahm das Telefon, um Selma anzurufen. ›Mach, dass sie da ist und dass sie nicht zu viel getrunken hat‹, betete sie, und wie durch ein Wunder ging ihre Tante ran. »Störe ich dich?« Aïcha hörte Frauenstimmen, die schallend lachten, und arabische Musik. In ihrer Wohnung in der Avenue de Témara veranstaltete Selma die ausgelassensten Partys der Stadt. »Könntest du jetzt kommen und bei Mia bleiben? Wir fahren demnächst in die Klinik.« Mit hoher Stimme rief Selma: »Freunde, das Fest ist vorbei. Raus mit euch!«
Aïcha ging zurück ins Souterrain, setzte sich vor den Fernseher und bat darum, dass man ihr Champagner nachschenkte. Rauchend trank sie zwei oder drei Gläser. Die Zeit schien sich auszudehnen, und ein Gefühl der Ruhe überkam sie. Rauchschwaden waberten durch den Raum, ab und zu drehte Mehdi sich zu ihr um. Sie reagierte mit einem beruhigenden Lächeln. Er war überzeugt, dass sie einen Jungen erwartete, und freute sich schon darauf, bald jemanden zu haben, mit dem er Fußball schauen konnte. Er tat besorgt – »So ein Junge ist schon etwas wilder als ein Mädchen, weißt du« –, aber er konnte kaum verhehlen, wie sehr es ihn freute, einen Stammhalter zu bekommen.
Die Algerier forderten einen Elfmeter. Jetzt standen alle Männer, die Arme ausgestreckt, als wollten sie sich direkt an den Schiedsrichter wenden. Aïcha hätte niemals gewagt, es zu sagen, doch sie fürchtete einen Sieg der Marokkaner. Wenn ihre Mannschaft gewänne, würden alle Leute auf die Straßen strömen, es gäbe Hupkonzerte und vielleicht einen Menschenauflauf im Viertel. Sie wollte nicht, dass ihr Kind inmitten eines solchen Tumults geboren würde. Sie schnappte sich die Champagnerflasche und leerte den Rest in ihr Glas. ›Mach, dass sie verlieren‹, betete sie. ›Mach, dass sie verlieren.‹ Und vom Champagner benebelt, dachte sie, es sei nur gerecht, wenn ihr Mann enttäuscht wäre und ebenso litt, wie sie leiden müsste.
Aïchas Stirn überzog sich mit Schweiß. Sie konnte ihre verkrampften Hände nicht mehr lösen. Die Wehen wurden stärker und folgten immer schneller aufeinander. Sie erschauerte und erinnerte sich wieder an die eiskalte Kapelle, in der sie als Kind gebetet hatte, auf Knien, die Arme zu einem Kreuz ausgebreitet. ›Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.‹ Sie wollte Rachid rufen, doch der hatte sich die Hände vors Gesicht geschlagen und schrie, vollkommen betrunken. Mehdi versetzte dem Tisch einen Fußtritt.
»Was ist los?«, fragte Aïcha schwach.
»Bist du blind? Die Algerier haben ein Tor geschossen. In der Nachspielzeit, ist das zu fassen?«
In dem Moment erschien Selma auf der Treppe.
»Seid ihr noch nicht in der Klinik? Haben sie dich etwa gezwungen, das Ende des Spiels abzuwarten?«
1Personen, die aus Fes, dem Zentrum der marokkanischen Bourgeoisie, stammen
Als ihre Mutter aus der Entbindungsklinik nach Hause kam, verkündete Mia: »Das ist der schlimmste Tag meines Lebens.« Aïcha stand in der Tür, blass und lächelnd, ihr Baby im Arm. Mia wollte es nicht ansehen. Aïcha gab nicht auf. Sie bot ihr an, sich aufs Sofa zu setzen und ihre Schwester auf den Arm zu nehmen, doch Mia blieb stur. »Sie ist ein Monster. Ich will sie nicht anfassen.« In den folgenden Tagen weigerte sie sich, zu schlafen und zu essen. Wenn ihre Mutter Inès die Brust gab, klammerte sich Mia heulend an ihre Beine. Zwischen zwei Schluchzern wiederholte sie, dass sie keine Mama mehr habe und dass dieses Baby, dieses Monster ihr alles weggenommen habe. Mia legte sich auf den Boden und krümmte sich vor Schmerz. Sie schwor, dass sie krank sei, sich übergeben müsse, und ihre Mutter flößte ihr löffelweise Vogalène-Sirup ein. Fatima versuchte sie zu trösten. »Es hätte schlimmer kommen können«, sagte sie immer wieder. »Du hättest auch einen Bruder bekommen können.«
Niemand nahm sie ernst. Mia war erst sechs Jahre alt, und die Erwachsenen amüsierten sich über ihre theatralischen Auftritte. Selma lachte schallend, als das Mädchen in einem Wutanfall Aïchas Führerschein, die Autoschlüssel und die Schmetterlingsohrringe, die Mehdi ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, in die Toilette warf. Und wie zum Hohn, als wolle sie Salz in ihre Wunde streuen, erwies sich Inès als in jeder Hinsicht perfektes Baby. Die Entbindung war ohne Komplikationen und beinahe schmerzfrei verlaufen. Während Aïcha Mias Geburt in grauenhafter Erinnerung hatte, erschien ihr Inès’ Ankunft auf der Welt sanft. Der Säugling, den man ihr auf den Bauch legte, war ruhig, sein kleiner, weicher Körper in völligem Vertrauen an sie geschmiegt. Inès trank zu regelmäßigen Zeiten, sie lachte, wenn man sie ins warme Badewasser tauchte, und weinte niemals. Sie war so still, dass Amine bei einem Besuch in Rabat im Frühjahr 1980 besorgt fragte: »Ist das normal, dass sie nie schreit?« Im Lauf der Wochen bestätigte sich zunehmend Mias Furcht. Dieses Baby hatte sie aus einem Paradies vertrieben, in dem sie geliebt und glücklich gewesen war. Inès hatte ihr Leben gestohlen.
Während eben jenes Besuches ereignete sich ein Drama. Sie saßen zum Aperitif auf der Terrasse, im Schatten des Mispelbaums, der sich unter seinen Früchten bog. Seit ihrer Ankunft in Rabat hörte Mathilde nicht auf, an allem herumzunörgeln. Sie machte Bemerkungen zum Straßenlärm und der Enge des Viertels. Sie behauptete, die Nachbarin würde sie heimlich beobachten und es sei nicht normal, so dicht an dicht zu leben. Auf der Farm könnte Mia in einem richtigen Swimmingpool baden, anstatt nur, vom Hausmädchen überwacht, in einer Plastikwanne zu plantschen. »Stimmt’s, Amine?« Aïcha biss sich auf die Lippen. Sie fürchtete, ihr Mann könnte wütend werden. Mehdi stritt andauernd mit seiner Schwiegermutter. Er fand sie aufdringlich und geschwätzig. Er behauptete, sie sei rassist
