Tragödie und Neubeginn - Erika Speth - E-Book

Tragödie und Neubeginn E-Book

Erika Speth

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Beschreibung

Bald nach Ende des Zweiten Weltkriegs und in den darauffolgenden Jahren kamen 1.095 Flüchtlinge, Vertriebene und Umsiedler in das kleine Städtchen Möckmühl im Landkreis Heilbronn. Manche blieben nur kurze Zeit, andere für immer. Die Frauen, Männer und Kinder kamen u. a. aus Ostpreußen, Schlesien, Bessarabien, von der Schwarzmeerküste, aus dem Sudetenland, Ungarn und der Sowjetischen Besatzungszone. Sie waren in langen Trecks vor der vorrückenden Roten Armee geflohen oder nach Kriegsende aus ihrer Heimat vertrieben worden. Sie alle mussten untergebracht und verpflegt werden, in einer Gemeinde, die bis dahin selbst nur rund 2.000 Einwohner gezählt hatte. Es sollte lange dauern, bis aus den Fremden aus dem Osten mit ihren ungewohnten Dialekten und Bräuchen Möckmühlerinnen und Möckmühler wurden. Das Buch "Tragödie und Neubeginn" erzählt die Lebensgeschichten von zwölf Familien bis zu ihrer Ankunft und die ersten Jahre in Möckmühl. Die Autorinnen Erika Speth und Marlies Kibler haben diese Berichte zusammengetragen oder auf der Basis von Interviews verfasst und durch einen Abriss zur Geschichte ergänzt. Neun Karten und 46 Fotos illustrieren die Lebensgeschichten, die mit diesem Band vor dem Vergessen bewahrt werden.

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Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2019

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INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Die Bessarabiendeutschen

Umsiedlung der Familie Scheurer aus Mathildendorf in Bessarabien nach Westpreußen und die spätere Flucht in den Westen

Ostpreußen

Flucht der Familie Balz aus Kukehnen bei Zinten Kreis Heiligenbeil in Ostpreußen

Schlesische Geschichte

Flucht der Familie Grundmann aus Malsen Landkreis Breslau in Niederschlesien

Erinnerungen an die Flucht der Familie Deloch von Possnitz Kreis Leobschütz in Oberschlesien nach Möckmühl im Jahre 1945

Aufzeichnungen von Herrn Emil Hudek über die Flucht von Possnitz nach Möckmühl im Jahre 1945

Emil Hudek – Kunstmaler aus Hochkretscham Kreis Leobschütz / OS

Schwarzmeerdeutsche

Umsiedlung und anschließende Flucht der Familie Rehberg aus Freudental in der Schwarzmeerregion

Umsiedlung und anschließende Flucht der Familie Schütz aus Freudental in der Schwarzmeer region

Sudetenland

Flucht der Familie Darilek aus Znaim an der Thaja, Landesteil Südmähren im Sudetenland

Ein Rückblick auf die Geschichte des Egerlandes

Vertreibung der Familie Wetter aus Poppitz Landkreis Nikolsburg, Bezirk Lundenburg, Landesteil Südmähren im Sudetenland

Vertreibung der Familie Koffend aus Palitz Landkreis und Bezirk Eger, Egerland im Sudetenland

Vertreibung der Familie Wild aus Sandau Kreis Marienbad, Egerland im Sudetenland und anschließende Flucht aus Möhra bei Meiningen aus der SBZ

Ungarndeutsche – Donauschwaben

Vertreibung der Familie Schissler aus Leinwar Kreis Gran

Die Bodenreform von 1945 / 1946 in der SBZ

Flucht der Familie Hädicke aus Maasdorf bei Köthen (Südliches Anhalt im Landkreis Anhalt-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt)

Anhang

Umsiedlungen der in Ost- und Südosteuropa lebenden Deutschen von 1939 und 1944

Dokumente der Alliierten Kontrollkommission in Ungarn

Zur Deportierung der Ungarndeutschen in die Sowjetzone Deutschlands

Aufruf zur Ausweisung der Familie Affenzeller aus Tichá, früher Oppolz Kreis Kaplitz, heute Kreis Český Krumlov, Südböhmen, am 18.9.1946

Das Kriegsgefangenenlager in Heilbronn-Böckingen

Lastenausgleich

Herkunftsgebiete der Umsiedler, Flüchtlinge und Heimatvertriebenen

Zuzugsjahr der Umsiedler, Flüchtlinge und Heimat vertriebenen

Altersstruktur der Umsiedler, Flüchtlinge und Heimatvertriebenen

Religionszugehörigkeit der Umsiedler, Flüchtlinge und Heimatvertriebenen

Sudetendeutsche Heimatvertriebene

Ungarndeutsche Heimatvertriebene

DANKSAGUNG

Wir danken allen, die uns ihre Geschichte erzählt oder ihre Berichte überlassen haben. Dieser Dank gilt ausdrücklich auch den Mitarbeitern des Heimatkundlichen Arbeitskreises: Ilse Saur, die uns stets bereitwillig und kompetent mit ihren unschätzbaren Kenntnissen und Ratschlägen zur Seite stand; Klaus Wehr, der Diagramme erstellte und Fotos einscannte und bearbeitete sowie Heide Clausecker, die zuverlässig die leidige, aber notwendige Aufgabe des Korrekturlesens übernahm.

Große Unterstützung erfuhren wir seitens vieler Landsmannschaften und Institutionen, die uns Bilder und Landkarten zumeist kostenlos zur Verfügung stellten und unsere Fragen geduldig beantworteten. Das ansprechende Layout des Buches verdanken wir dem Leipziger Grafiker Dr. Thomas Klemm, die Drucklegung besorgte der Berliner Historiker Dr. Ulrich Mählert.

Erika Speth und Marlies Kibler

Im Januar 2019

Deutsche Siedlungsgebiete im Ost en von 1937 (Quelle: © Peter Palm, Berlin)

EINLEITUNG

Warum erst jetzt, fragten viele, als wir im Jahre 2016 begannen, die Erinnerungen der Menschen zu sammeln, die als Kinder umgesiedelt oder vertrieben wurden oder flüchten mussten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) verloren 14 Millionen Deutsche ihre Heimat – durch Umsiedlung, Flucht, Vertreibung. Zwei Millionen Menschen kamen dabei ums Leben, viele wurden verschleppt. 1.095 Menschen verschlug es nach Möckmühl, haben wir anhand der alten Einwohnermeldekarten ermittelt. Nicht alle von ihnen blieben hier, für viele war es nur eine Zwischenstation. 69 der zugezogenen Männer kamen aus Gefangenenlagern, wie z. B. Heilbronn-Böckingen, 11 waren direkt von der Wehrmacht entlassen worden. 32 Personen hatten zuvor in Lagern gelebt, wie z. B. in Weinsberg oder Schwäbisch Gmünd. Auch war es für manche schon die zweite Anlaufstelle nach Flucht oder Vertreibung. Die Einwohnerzahl stieg in Möckmühl von ca. 2.000 bei Kriegsende auf 2.700 im Jahre 1954 an. Deutlich änderte sich auch die Religionszugehörigkeit. Waren es 1905 nur 99 Katholiken im Vergleich zu 1.662 Protestanten, so stieg die Zahl auf 525 zu 1.896 im Jahre 1950 an.

Jahrzehntelang wurde geschwiegen über das Leid, das die Betroffenen und die ganze deutsche Gesellschaft so verletzt hat, abgesehen davon, was der Verlust des Ostens kulturell und finanziell für ganz Deutschland bedeutet hat, das war ja eine gigantische Massenenteignung. So kam es, dass die Nachkriegsgenerationen fast nichts, jedenfalls nichts Genaues über die Menschen wissen, die vor einem dreiviertel Jahrhundert zu uns gekommen sind.

Andere fragten, warum auch wir noch dieses Thema aufgreifen, es seien doch schon so viele Bücher darüber geschrieben worden. Wir wollen das Schicksal und die Geschichte der Vertriebenen, die nach Möckmühl gekommen sind, in den Vordergrund stellen. Für deren Kinder und Kindeskinder, die wissen wollen, woher ihre Vorfahren stammen und für alle, die – so wie wir im Stadtarchiv heute in Vergangenem stochern – in vielleicht hundert Jahren einmal nachfragen, wie das damals war. In der Schule haben wir darüber nichts erfahren und auch in Zukunft wird die Geschichte der Massenvertreibungen und wie es dazu kam, kein Unterrichtsfach sein.

Ursprünglich hatten wir nur eine Auflistung der zwischen 1945 und 1954 nach Möckmühl gekommenen Flüchtlinge und Vertriebenen vorgesehen. Im Internet suchten wir nach den Orten, aus denen die Menschen geflüchtet waren. Je mehr wir suchten desto mehr faszinierte uns, was wir fanden. Bald war uns klar: mit einer Auflistung war es nicht getan, diese Historie mussten wir genau recherchieren.

Manche haben ihre Geschichte irgendwann aufgeschrieben, damit ihre Kinder wüssten, woher sie kommen oder um sich den Schrecken von der Seele zu schreiben oder „damit es nicht vergessen wird“. Andere, die wir interviewten, erinnerten sich nach mehr als 70 Jahren noch an erstaunliche Einzelheiten, die Vergangenheit war immer noch lebendig. Manche konnten nie darüber sprechen. Jede / jeder hat ihre / seine eigene Wahrnehmung der Geschichte, deshalb haben wir die Betroffenen selbst erzählen lassen. Wir haben aus jeder Herkunftsregion eine oder zwei Erzählungen stellvertretend für alle herausgegriffen, mehr hätten den Umfang dieser Arbeit gesprengt.

Anfangs gab es eine Reihe von Begriffen für die Millionen Fremden, die ins Land geschwappt und keineswegs willkommen waren. 1947 ordnete die amerikanische Besatzungsmacht an, alle Vertriebene – expellees – zu nennen. Nach dem Bundesvertriebenengesetz (BVFG) gelten diejenigen als „Flüchtlinge“, die aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) – später DDR – geflohen sind. Damit wurde auch zum Ausdruck gebracht, dass die Vertreibung endgültig war und keine Hoffnung auf Rückkehr bestand.

Bei unserer Spurensuche tat sich für uns eine völlig unbekannte längst vergangene Welt auf. Wir mussten viele Jahrhunderte zurückgehen und uns Schritt für Schritt voran arbeiten. Wir lernten Gebiete kennen, die zum Teil bis 1945 zu Deutschland gehörten, von denen wir so gut wie nichts wussten und die heute nach über siebzig Jahren den wenigsten etwas sagen. Andere Menschen sind dort angesiedelt worden, die Dörfer und Städte wurden zerstört und haben andere Namen bekommen oder sind ausgelöscht. Wir lernten hochstehende Kulturlandschaften kennen, so etwa Schlesien, das kulturell reichste Land des alten deutschen Ostens, mit der Hauptstadt Breslau; wir lernten die reichen Industriegebiete um Lodz sowie in Wolhynien und Galizien kennen; wir hörten zum ersten Mal von Gelsendorf in Galizien, wo Anfang des 20. Jahrhunderts Erdgas entdeckt und das ganze Dorf kostenlos mit Erdgas beheizt und mit Strom versorgt wurde; wir staunten über den Wohlstand und die prächtigen Städte Ostpreußens und die wunderschönen Landschaften und verstanden plötzlich Siegfried Lenz, wenn er so liebevoll über seine Heimat Masuren schrieb. Wir entdeckten, wie viele berühmte Menschen aus dem alten deutschen Osten kamen: Immanuel Kant und Käthe Kollwitz aus Königsberg, Horst Köhler, dessen Eltern aus Bessarabien umgesiedelt wurden, Arthur Schopenhauer und Günter Grass aus Danzig, Ferdinand Porsche aus Böhmen, Balthasar Neumann aus Eger, Ottfried Preußler aus Reichenberg, Dieter Hildebrand, Käthe Kruse und Willy Ulfig aus Schlesien, um nur wenige zu nennen.

Außerhalb des Deutschen Reiches hatten sich deutsche Siedler vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer aus Sümpfen, karger Steppe und von Kriegen verwüsteter Erde fruchtbare Kornkammern geschaffen. Die Landnahme war friedlich erfolgt. Sie alle waren gerufen worden. Trotz der vielfältigen Hindernisse, die es zu überwinden galt, inspirierten sich die alten und die neuen Bewohner gegenseitig. Kultur und Wirtschaft blühten auf. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete sich Zwietracht heran. Der Wahnsinn des Nationalsozialismus machte dem allen ein verheerendes Ende. 1945 waren 14 Millionen Deutsche heimatlos geworden.

Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte. Wie sind die Deutschen in den Osten gelangt und warum wurden sie von dort vertrieben? Zum besseren Verständnis haben wir zu jedem Herkunftsgebiet unserer Protagonisten einen Abriss der Hintergrundgeschichte geschrieben.

Wie kam es eigentlich zu der Vertreibung? Ende des 19. Jahrhunderts gab es immer wieder Auseinandersetzungen. Von Vertreibungen der Deutschen war die Rede. Die Tschechen wollten ihren eigenen Staat, den sie 1918 nach dem Ersten Weltkrieg, als das Habsburger Vielvölkerreich auseinandergefallen war, auch bekamen. Dabei war nicht bedacht worden, dass weder die Tschechen von den Deutschen regiert werden wollten, noch wollten die Deutschen von den Tschechen regiert werden. Das von Wilson propagierte Selbstbestimmungsrecht der Völker war außer Acht gelassen worden. Das Münchner Abkommen von 1938 bestimmte, dass die Tschechoslowakei das von Deutschen bewohnte so genannte Sudetenland räumen und binnen zehn Tagen an das Deutsche Reich abtreten musste. Weder die Tschechoslowakei noch die UdSSR waren nach München eingeladen worden. Der US-amerikanische Historiker Carroll Quigley schildert in seinem Buch Das Anglo-Amerikanische Establishment, dass eine Gruppe um Helmuth James Graf von Moltke am 28. September 1938 ein Komplott gegen Hitler plante. Sie hatten die Befürchtung, dass Hitlers Tschechoslowakei-Politik zum Krieg führen würde. Lord Halifax, der Außenminister, wurde am 5. September 1938 informiert. Die Botschaft enthielt eine Bitte an die britische Regierung, sich auf die Seite der Tschechoslowakei zu stellen und klar zu machen, dass Großbritannien Deutschland den Krieg erklären würde, wenn Deutschland tschechoslowakisches Gebiet verletzen würde. Deutschland war sehr schlecht ausgerüstet, schlechter als die Tschechoslowakei. „Zu diesem Zeitpunkt hätte Deutschland, wenn es die britische Regierung gewünscht hätte, Frankreich, Großbritannien, Russland und der Tschechoslowakei gegenübergestanden.“ (Carroll Quigley in AAE, S. 353–354) Als gegen Mittag in Berlin die Nachricht eintraf, dass Neville Chamberlain, der britische Premierminister, nach München reiste, wurde das Komplott abgesagt. Die Gruppe nahm an, dass ihrer Bitte entsprochen würde. Durch die auch in Großbritannien umstrittene Appeasement-Politik sah Hitler sich in seinen Plänen bestätigt. Das Unheil nahm seinen Lauf.

Karte aus dem Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag (Quelle: von Unbekannt)

Zu dem am 28.09.1939 zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion geschlossenen Grenz- und Freundschaftsvertrag gehörten geheime Zusatzprotokolle über die „Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung – sofern sie den Wunsch haben – aus dem Gebiet der sowjetischen Einflusssphäre in das von Deutschland besetzte Gebiet.“ Die Bevölkerungsgruppen wurden in den Protokollen nicht spezifiziert. Die nebenstehende Karte trägt die Unterschriften von Josef Stalin und Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Die kleine Unterschrift Stalins bezeichnet abgestimmte Veränderungen der Linie südöstlich von Warschau.

Ziel der nationalsozialistischen Außenpolitik war es, Lebensraum für das deutsche Volk zu gewinnen, die Weltherrschaft der arischen Rasse zu sichern, gegen die jüdisch-bolschewistische Gefahr vorzugehen. Keine Seite hatte die Absicht, sich an ein Abkommen zu halten. Hitler stellte schon in seinem Buch Mein Kampf klar, dass Verträge nicht geschlossen werden, um eingehalten zu werden, sondern um Zeit zu gewinnen. Wo immer die Nationalsozialisten in der Folgezeit auftraten, wüteten sie unmenschlich. Die Rache der Opfer nach dem Seitenwechsel war gewaltig.

Auf der Konferenz von Teheran 1943 zwischen Churchill, Roosevelt und Stalin – Frankreich war nicht eingeladen – wurde u. a. über die Festlegung der Ostgrenzen und die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten gesprochen. Edvard Benesch erhielt 1943 zunächst von Stalin die Zusage zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, später auch von Churchill und Roosevelt. (Siehe Sudetenland)

Zur Vertreibung der Deutschen aus Ungarn schreibt Andreas Kossert in seinem Buch Das Kalte Herz auf Seite 38: „Der generelle Zusammenhang zwischen der Politik der Vertreibung und der Bodenreform, die im östlichen Teil Europas nach 1945 forciert wurde, trat im ungarischen Fall auf besonders bemerkenswerte Weise zutage. Da der im ungarischen Tiefland von Kommunisten und Nationalisten geweckte Landhunger nur mit dem Boden der ‚Schwaben‘ gestillt werden konnte, wurden gerade nicht die ‚Naziaktivisten‘, die meist nur wenig oder kein Land besaßen, sondern die Eigentümer der mittelgroßen und noch größeren Hofstellen vertrieben, die den ‚Naziaktivitäten‘ überwiegend ablehnend gegenübergestanden hatten.“ Dazu führte der ungarische Minister, József Antalls, auf einer Kabinettssitzung am 22. Dezember 1945 aus, es sei „aus nationalpolitischer Sicht nicht zu bezweifeln, dass es im Interesse Ungarns liegt, wenn möglichst viele Deutsche das Land verlassen. Es wird nie wieder eine solche Gelegenheit geben, die Deutschen loszuwerden.“ (Manfred Kittel / Horst Möller: Die Benesch-Dekrete und die Vertreibung der Deutschen im europäischen Vergleich, in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 4 (2006), S. 542–582, hier S. 572.

Am 17. Juli 1945, am Tag des Beginns der Potsdamer Konferenz, legte die ungarische Regierung dem Vorsitzenden der sowjetischen Kontrollkommission die Bitte zur „Repatriierung der Schwaben“ nach Deutschland vor. (Siehe Dokumente der Alliierten Kontrollkommission in Ungarn)

Die Vertreibungen waren schon lange vor der Potsdamer Konferenz im Gange. Sie „mochten wenig organisiert und primitiv sein, waren aber weder spontan noch zufällig. Vielmehr wurden sie nach einer durchdachten Strategie verwirklicht – so ineffizient und in vieler Hinsicht kontraproduktiv sie auch sein mochten –, die alle betroffenen Regierungen schon lange vor Kriegsende ausgearbeitet hatten.“ (R. M. Douglas in Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, S. 123)

„In ordnungsgemäßer und humaner Weise“, wie im Protokoll der Potsdamer Konferenz festgelegt, erfolgten die Vertreibungen nicht. „Tausende Berichte in der Ostdokumentation des Bundesarchivs in Koblenz bezeugen die Brutalität des Geschehens.“ (A. De Zayas in Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen)

Die Stimmen, die sich gegen die Vertreibung wandten, verhallten. The London Economist protestierte am 15.09.1945; Robert Murphy, der politische Berater Eisenhowers, am 12.10.1945. General Dwight Eisenhower telegrafierte am 18.10.1945 von Berlin nach Washington: „In Schlesien verursachen die polnische Verwaltung und ihre Methoden eine grosse Flucht der deutschen Bevölkerung … viele, die nicht weg können, werden in Lagern interniert, wo unzureichende Rationen und schlechte Hygiene herrschen …Todesrate und Krankheit in diesen Lagern sind extrem hoch. Die von den Polen angewandten Methoden entsprechen in keiner Weise der Potsdamer Vereinbarung … Die Todesrate in Breslau hat sich verzehnfacht, und es wird von einer Säuglingssterblichkeit von 75 Prozent berichtet. Typhus, Fleckfieber, Ruhr und Diphtherie verbreiten sich.“ (National Archives, Record Group 165, Records of the War Department TS OPD Message File, Telegramm No. S 28399; alle zitiert nach: A. De Zayas in Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen – Das Parlament)

Der US-amerikanische Völkerrechtler und Historiker Alfred de Zayas nannte in der New York Times vom 13. November 1946 die Potsdamer Protokolle den „unmenschlichsten Beschluss, der jemals von zur Verteidigung der Menschenrechte berufenen Regierungen gefasst wurde.“

Die Deutschen wurden „mit dem denkbar höchsten Maß an Brutalität vertrieben“, schrieb der britisch-jüdische Sozialist Victor Gollancz 1946 in seinem Buch „Our Threatened Values“. (Zitiert nach A. De Zayas in Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen)

„In Artikel 6 der Satzung des Nürnberger Gerichtshofes und Punkt 3 und 4 der Nürnberger Anklage wurden Massendeportationen klar als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit verurteilt, trotzdem wurden zur gleichen Zeit Millionen Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben auf Beschluss oder zumindest mit Billigung derselben Mächte, die als Ankläger und Richter in Nürnberg über nationalsozialistische Kriegsverbrechen, u. a. auch Massendeportationen, befanden.“ ( Alfred de Zayas in Die Nemesis von Potsdam)

Ebenso deutlich wurde der irische Historiker R. M. Douglas: „Unbestritten bleibt, dass die sieben Monate währende Periode der ‚Wilden Vertreibungen‘ einen gewaltigen Ausbruch staatlich geförderter Gewalt bedeutete, die nach vorsichtigen Schätzungen Hunderttausende von Opfern forderte. Als solche sind sie einzigartig in der Geschichte der Friedenszeiten im Europa des 20. Jahrhunderts.“ (R. M. Douglas in Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, S. 167) Und er fügt hinzu, dass sie nur von wenigen Europäern und bis auf die direkt anwesenden auch von kaum einem Amerikaner wahrgenommen wurden. Ähnlich äußerte sich der britische Philosoph Bertrand Russell.

Lew Kopelew, der 1945 mit der Roten Armee in Ostpreußen war, wurde Zeuge der schrecklichen Gräuel gegen die Zivilbevölkerung und versuchte, die Brutalität zu verhindern. Dafür wurde er wegen Mitleid mit dem Feind zu zehn Jahren Haft verurteilt und in den Gulag geschickt. Das gleiche Schicksal widerfuhr Alexander Solschenizyn, der ihm in seinem Buch Der erste Kreis der Hölle ein Denkmal setzte.

Waren im Krieg von 1939 bis 1945 vor allem Männer gefährdet und wurden getötet, lag bei Flucht und Vertreibung die größte Last auf den Schultern der Frauen. Sie hatten ihre Kinder und die Alten und Schwachen in schwierigster Zeit zu versorgen und waren selbst oft verletzt, hatten Gewalt erlitten, waren von Bombenangriffen und Übergriffen bedroht und oft mussten sie hilflos zuschauen, wie ihre Kinder starben.

Das Eigentümliche an der Vertreibung ist wohl, dass man in ein Gebiet gesetzt wird, in dem man keine Vorfahren hat und sich als erstes Anerkennung erarbeiten muss, aber dieses Land noch lange nicht als Heimat ansieht. (K.-E. Franzen, Hans Lemberg, Die Vertriebenen S.198)

Nach dem Kriegsende am 8. Mai 1945 übernahmen die vier Siegermächte – Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich – die Hoheitsgewalt über das Deutsche Reich und teilten sein Gebiet in vier Besatzungszonen auf. Der Norden Ostpreußens wurde unter sowjetische Verwaltung, der Süden Ostpreußens und die östlichen Gebiete unter polnische Verwaltung gestellt. Weitere Gebiete wurden zunächst Großbritannien, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Frankreich zugeschlagen, die jedoch ab 1949 zum großen Teil an die Bundesrepublik Deutschland zurückgingen.

Die 14 Millionen Menschen mussten untergebracht werden. Die Sieger verteilten die Heimatlosen auf die neu geschaffenen Besatzungszonen. Die Franzosen wollten keine aufnehmen; sie waren zur Potsdamer Konferenz nicht eingeladen worden. Da die Städte zerstört und verarmt waren, wurden die Vertriebenen in ländlichen Gegenden untergebracht, wo es noch irgendeine Form von Wohnraum, aber kaum Arbeitsmöglichkeiten gab. Jüngere Frauen und Männer arbeiteten zunächst als Magd und Knecht beim Bauern, Frauen auch im Haushalt einer Familie. Dann hatten sie wenigstens ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Nahrung war knapp.

Die Alliierten befürchteten Unruhen und versuchten daher, die Ansiedlung von geschlossenen Gruppen zu verhindern. Die Dorfbewohner hingegen wollten zusammenbleiben, was einigen in Möckmühl gelang.

Schon ab Herbst 1945 begannen die Flüchtlinge und Vertriebenen, sich gegen die Verbote der Alliierten in Verbänden zusammenzuschließen. Nur Karl Rüb, einem Diplom-Ingenieur aus Bessarabien gelang es, sein Hilfswerk Rüb zu halten und seine Landsleute geschlossen anzusiedeln. (Siehe Die Bessarabiendeutschen).

Die meisten Vertriebenen trafen im Laufe des Sommers ein, im Herbst wurden die Kinder eingeschult. Die ‚Flüchtlingskinder‘ litten in der Schule nicht selten unter Hänseleien und Demütigungen der einheimischen Mitschüler. Und überhaupt mit den ‚Ausländern‘ die Wohnung teilen? Wieso konnten die so gut Deutsch? Die sozialen Spannungen verschärften sich erheblich.“ (K.-E. Franzen, Hans Lemberg, Die Vertriebenen S. 195)

Zunächst gab es Soforthilfe, um die dringendste Not abzuwenden, später Wohlfahrtsunterstützung für diejenigen, die keine Arbeit und keine Rente hatten. Die Besatzungsmächte gaben 1945 neue Lebensmittelkarten aus, die zum Kauf von geringen Mengen von Grundnahrungsmitteln berechtigten. Sie waren bis 1950 in Gebrauch.

Richtung Bittelbronn, gleich nach dem Bahnübergang, wo heute die Agria-Werke stehen, stellte die Stadt Möckmühl den Flüchtlingen einen Acker zur Verfügung, der in Parzellen aufgeteilt war, wo sie Kartoffeln und Gemüse anbauen konnten.

Wasser konnte man aus einem kleinen Bach in der Nähe der Bahnlinie holen. Das Stück musste man erst urbar machen.

Im Sommer gingen ganze Gruppen, meistens Frauen und Kinder, zum Ährenlesen, d. h. nach der Ernte sammelte man hinter dem Bauern die liegengebliebenen Ähren auf, ließ sie dreschen und in der Mühle zu Mehl mahlen.

Im Herbst sammelte man Bucheckern im Wald und ließ sie in der Ölmühle zu Öl pressen. Man brauchte sehr viele Bucheckern, um einen Liter Öl zu erhalten. 1946 war ein gutes Bucheckernjahr. Überhaupt wurde alles gesammelt, was wild, also auf öffentlichem Grund und Boden, wuchs und essbar war: Holunderblüten und -beeren, Himbeeren, Brombeeren, Hagebutten; Pilze wurden gesammelt, getrocknet und so für den Winter haltbar gemacht; junge Brennnesseln ersetzten den Spinat, die wertvolle Vitamine und Mineralien lieferten. Äpfel wurden in Ringe geschnitten und zum Trocknen aufgehängt. Die gehörten zum „Schlesischen Himmelreich“, einem typischen Gericht aus Kartoffelklößen, Rauchfleisch und Backobst (getrocknete Äpfel). Feld- und Waldhüter kontrollierten, ob man nicht zu viel mitnahm. Wer Platz hatte, hielt Hühner und Hasen. Die Kreativität, dem Hunger zu entgehen, kannte keine Grenzen.

Nach dem kältesten Winter des Jahrhunderts – 1946 / 1947 – gab es ab April 1947 in den Schulen die Hoover-Speisung, so benannt nach dem ehemaligen US-Präsidenten Herbert Hoover (1928–1932), umgangssprachlich unter dem Begriff Schülerspeisung bekannt. Damit sollte gewährleistet werden, dass Kinder zwischen sechs und achtzehn Jahren täglich eine warme Mahlzeit von 350 kcal erhielten. Die Lebensmittel kamen zunächst aus den Beständen der US-Armee. Die Kosten trugen die USA. So gab es Grapefruitsaft, Erdnüsse und Eispulver, auch Suppe mit Fleischeinlage oder Dampfnudeln. Sehr beliebt war Kakao. Welches Kind kannte schon Schokolade? Ein Gefäß und einen Löffel mussten die Kinder mitbringen. Für manche war das schon ein Problem. Die Kinder wurden regelmäßig gemessen und gewogen. Die Hoover-Speisung endete am 30. Juni 1950. Möckmühl war die dritte Gemeinde im Kreis Heilbronn, in der die Hoover-Speisung 1951 durch die Schulspeisung ersetzt wurde.

Wer das Glück hatte, Verwandte in Amerika zu haben, erhielt bisweilen ein Care-Paket. Auch Kirchen und Hilfsorganisationen erhielten und verteilten Care-Pakete.

Im Rathaus konnte man für wenig Geld einen Holzleseschein oder ein „Los“ erwerben, das berechtigte einen, in einem bestimmten Areal im Wald Reisigholz, Tannenzapfen, abgebrochene Äste zu sammeln. Damit konnte man Feuer machen. Für Dauerwärme sorgten Kohlebriketts.

Es gab auch Bezugsscheine, etwa für einen Wintermantel, Kleiderspenden von der Kirche oder von Hilfsorganisationen, es gab Bezugsscheine für Schuhe, aber keine Schuhe, vor allem nicht für Kinder. Kinder gingen im Sommer barfuß. Manche trugen „Klapperlatschen“, das waren Sandalen mit einer Holzsohle aus einzelnen beweglichen Holzteilen, die durch eine Art Sohle innen zusammengehalten wurden. Im Winter gab es einmal genagelte knöchelhohe Stiefel aus hartem Leder oder mit eisernen Hufeisen an den Absätzen, damit sie lange hielten und möglichst zwei Nummern größer, damit Kinderfüße nicht herausgewachsen waren, bevor es wieder Schuhe gab. Manche findigen sudetendeutschen Frauen fertigten Schuhe aus Stroh.

Um all das kümmerten sich die Frauen, die selber fast am Verhungern waren. Die Männer waren tot oder in Kriegsgefangenschaft oder kriegsversehrt.

Trotz aller Härten – auch arme Kinder spielen. Spielsachen hatten nur einheimische Vorkriegskinder. Während des Krieges wurde kein Kinderspielzeug hergestellt. Kriegskinder und erst recht Flüchtlingskinder hatten – Fantasie. Das Kinderleben spielte sich weitgehend auf der Straße ab. Stelzenlaufen war begehrt – ein Zimmermann hatte sie gefertigt. Sehr beliebt war Seilhüpfen, obwohl man nicht hüpfen sollte wegen der Schuhsohlen. Himmel und Hölle, Fangen und Verstecken. Manche Kinder entwickelten ein großes Geschick, kleine Kreisel tanzen zu lassen. Bald gab es sogar erste Puppen. Sie hatten Körper aus Stoff, die Köpfe waren aus Holz geschnitzt. Im Sommer lernten alle Kinder schwimmen in der Jagst, in der Seckach badete man nur, wenn es sehr heiß war, wie im Sommer 1947. Drinnen spielte man gerne Quartett oder „Mensch ärgere dich nicht“ und andere Würfelspiele. Am Anfang gab es ja nicht mal Radio.

Die Kinder wollten keine „Flüchtlingskinder“ sein, sie wollten so sein wie alle anderen und passten ihre Sprache sehr rasch dem jeweiligen Dialekt an. Die alten Geschichten der Eltern und Großeltern wollten sie nicht mehr hören. Auch die einheimischen Nachbarn wollten nichts davon hören, wie schön es in der alten Heimat gewesen sei. Anfangs bewahrten die Vertriebenen ihre Traditionen. Die Älteren trugen ihre Tracht, man erkannte sie an ihrer Sprache – die Schlesier, die Ostpreußen, die Ungarn, die Deutschböhmer und Deutschmährer. Sie brachten aber auch Neues mit, was bis dahin hier unbekannt war, die Ungarn etwa Paprika und Gulasch, die Schlesier ihren Mohnkuchen, die ehemaligen Österreicher aus der Tschechoslowakei Strudel und Buchteln. Sie brachten auch vielseitige Qualifikationen, Fleiß und den eisernen Willen mit, sich hier ihren Platz zu schaffen – wie vormals ihre Ahnen – und hatten einen bedeutenden Anteil am kommenden deutschen Wirtschaftswunder. Jeder tat das, was er oder sie konnte und sie konnten viel. Sie nahmen die Arbeit an, die sich ihnen bot. Damals war Arbeit dazu da, einen Menschen zu ernähren, nicht um Spaß zu haben. Der Begriff Traumberuf existierte nicht. Geschenkt wurde nichts.

Männer, die zu Hause selbständige Handwerker oder Bauern oder Gutsbesitzer waren, konnten hier nur als schlecht bezahlte landwirtschaftliche Hilfskräfte arbeiten, was für sie ein sozialer und finanzieller Abstieg war. Andere Arbeitsmöglichkeiten gab es in der gleich nach dem Krieg gegründeten Agria – die erste Produktion entstand in Baracken – und in der Papierfabrik in Möckmühl, viele arbeiteten eine Kampagne (Zeit, in der die Zuckerrüben zu Zucker verarbeitet wurden) in der Zuckerfabrik in Züttlingen. Als es mit der Wirtschaft aufwärts ging, konnten die Jüngeren eine Ausbildung machen, weiterführende Schulen besuchen, sich ein Unternehmen aufbauen. Frauen arbeiteten in der Reissbaumwollefabrik Rohtex in Ruchsen, im Volksmund „Lumpenzwick“ genannt. Oder in der Papierfabrik. Oder zeitweise beim Bauern. Arbeitsplätze bei der Stadt oder im Notariat waren rar. Frauen, die nähen konnten, erwarben von irgendwoher eine defekte Nähmaschine, die ein mechanisch begabter Vater oder Bruder reparierte und schlugen sich mit Näharbeiten durch. Weil es nichts zu kaufen gab, wurden Kleidungsstücke aufgetrennt, gewendet und neu geschneidert. Weggeworfen wurde nichts.

Hervorzuheben ist auch, dass damals Männer bei der Ausbildung und bei den Arbeitsplätzen bevorzugt wurden, weil sie eine Familie zu ernähren hatten. Familienpolitik richtete sich deutlich gegen die Erwerbstätigkeit von Frauen und Müttern. „Das Bundesfamilienministerium propagierte zu dieser Zeit die so genannte Normalfamilie, in der die Witwen aber nicht zu integrieren waren, denn sie sollten entsprechend dem damaligen Frauenbild Enthaltsamkeit und Zurückhaltung üben, auch in Bezug auf das Arbeitsleben.“ (Quelle: Michael Fellner: Kriegerwitwen, Lebensbewältigung zwischen Arbeit und Familie in Westdeutschland nach 1945)

Anfang 1950 übernahm die zentralisierte Kriegsopferversorgung die Versorgung der Kriegerwitwen. Sie erhielten eine Grundrente, die aber oft nicht ausreichte, um auch noch ihre Kinder zu versorgen. Sollten Kriegerwitwen wieder heiraten, verloren sie ihren Versorgungsanspruch. Um die staatliche Versorgung nicht zu gefährden, lebten Frauen in “Onkelehen“, also ohne zu heiraten, mit einem Mann zusammen.

Als es mangels Papier noch keine Zeitung gab, wurden öffentliche Nachrichten einmal in der Woche ins „Käschtle“ gehängt. An mehreren Stellen der Stadt befand sich ein sogenannter „Bekanntmachungskasten“ mit Glasscheibe. Hatte der Amtsbote neue Mitteilungen gebracht, tat er dies mit seiner Glocke kund.

Lange noch waren „Flüchtlinge“ stigmatisiert, etwa wenn sie Einheimische heiraten wollten oder sich bei einer öffentlichen Verwaltung bewarben. Mitte der 50er Jahre wurden Schulabgänger noch abgelehnt, nur weil sie „Flüchtling“ waren. Bei den Beamten sah die Sache anders aus. Auf der Grundlage von Art. 131 GG konnte ein Großteil der vertriebenen und geflüchteten Beamten in ihrer alten beruflichen und sozialen Stellung untergebracht werden. In den 60er Jahren war dieser Vorgang abgeschlossen.

Es sind vorwiegend Vertriebene und deren Nachkommen, die die Verbindung zu ihrer alten Heimat knüpften, Partnerschaften übernahmen, Zerstörtes wieder aufbauten und die Beziehungen zu unseren östlichen Nachbarn pflegen. Auf Initiative der Möckmühler mit ungarischen Wurzeln wurde 2004 der Partnerschaftsvertrag mit Piliscsaba, einer Stadt 14 km von Budapest entfernt, geschlossen. Seither finden regelmäßig Fahrten in die Partnerschaftsstadt statt. Fürchteten die Nachbarn zunächst, die Deutschen könnten ihr Hab und Gut zurückfordern, scheint diese Angst nicht mehr zu bestehen.

Erika Speth und Marlies Kibler

Möckmühl, April 2019

DIE BESSARABIENDEUTSCHEN

Die Bezeichnung Bessarabien leitet sich vom walachischen Fürstengeschlecht Basarab ab, das dort im 13. und 14. Jahrhundert herrschte. Nach dem Ende der 350jährigen Türkenherrschaft wurde im Bukarester Frieden 1812 Russland das Gebiet zugesprochen, von da an nannte man das Land zwischen den Flüssen Pruth, Dnjester und Donau Bessarabien.

Um das weite, fast menschenleere Land zu besiedeln, warb Zar Alexander I. (1801–1825), Sohn von Sophia Dorothea von Württemberg, ähnlich wie 1763 seine Großmutter Katharina II. (Die Große) um deutsche Bauern, denen er je Familie 60 Dessjatine Land, das sind 65 ha, Befreiung vom Militärdienst, zehn Jahre Steuerfreiheit, Autonomie, Religionsfreiheit und andere Privilegien „auf ewig“ zusagte. Russische Bauern waren bis 1861 Leibeigene. Er richtete seinen Aufruf vornehmlich an deutsche Siedler im Herzogtum Warschau, die unter ärmlichen wirtschaftlichen und politisch unsteten Verhältnissen lebten. Sie hatten sich nach der ersten Teilung Polens 1772 in die damals preußischen Distrikte niedergelassen und waren aus Preußen, Württemberg und Baden angeworben worden. Nach dem Tilsiter Frieden von 1807 gingen diese Gebiete im Herzogtum Warschau auf und die Lage der Siedler wurde trostlos. Nur zu gern nahmen sie das Angebot des Zaren an.

Sie reisten auf unbeschreiblich schlechten Straßen mit Pferdewagen, mit Handkarren, zu Fuß von Polen über Radziwill und Tiraspol in das Siedlungsgebiet. 1814 kamen die ersten Deutschen in Bessarabien an. Weil sie aus der Gegend um Warschau kamen, hießen sie die Warschauer Kolonisten.

Der zweite Landweg ging von Württemberg über Lemberg, Radziwill, Tiraspol nach Bessarabien. Er dauerte bis zu einem Jahr und hätte ohne eine ansehnliche Barschaft nicht bewältigt werden können.

Die dritte Route, der Wasserweg, führte auf kleinen Booten, den sogenannten „Ulmer Schachteln“, von Ulm donauabwärts bis Ismail, wo ein Quarantänelager eingerichtet war. Fast die Hälfte der Auswanderer überlebte diese Bootsfahrt nicht, Seuchen und Epidemien forderten ihren Tribut. Nach wochenlanger Quarantänezeit ging es von Ismail mit Pferdewagen, die sie angekauft hatten, weiter. Entmutigt und von den Entbehrungen der Reise gezeichnet, kamen sie an ihren Siedlungsorten an.

Die Siedler aus Südwestdeutschland wanderten aus wirtschaftlichen, politischen und religiösen Gründen aus. Der Höhepunkt der Auswanderung wurde in den Jahren 1817 / 1818 verzeichnet. Nach dem „Jahr ohne Sommer“ 1816, der als Folge des Ausbruchs des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 gesehen wird, hob der König von Württemberg das Auswanderungsverbot auf. In den Jahren 1814 bis 1842 wanderten etwa 9000 Deutsche in Bessarabien ein. Sie gründeten auf einem geschlossenen, von der Regierung in der Budschak-Steppe zugewiesenen Landstück von 150.000 ha, „Kronsland“ genannt, weil sie das Land von der russischen Krone erhalten hatten, 25 Mutterkolonien. Jede Familie erhielt „eine Wirtschaft Land“ (65 ha), das allernötigste Material für den Bau eines „Kronshäuschens“ zusammen mit sehr bescheidenem Inventar. Zunächst allerdings lebten die meisten in Erdhütten. Eine Wirtschaft bestand aus dem Hof mit den dazugehörenden Feldern.

Die Kolonisten sahen sich während der gesamten Siedlungszeit vor große Herausforderungen gestellt: Naturkatastrophen und politische Repressalien. Aufgrund der russischen Liquidationsgesetze von 1915 wurden die deutschen Siedler enteignet und nach Sibirien und in den Südosten des Russischen Reiches deportiert, obwohl die deutschen Männer an der Front für Russland kämpften. Da negative wirtschaftliche Folgen (Landbestellung, Ernte, Versorgung, Getreidemühlen, landwirtschaftliche Maschinenfabriken) zu befürchten waren, wurde eine Aussetzung der Liquidationsgesetze bis Winter 1916 in Südrussland verfügt. Der Wintereinbruch und die Märzrevolution 1917 (nach dem damals in Russland geltenden Julianischen Kalender begann die Revolution am 23. Februar, nach dem Gregorianischen Kalender am 8. März) verschonten die Bessarabiendeutschen vor dem Schicksal der später so genannten Russlanddeutschen. Nach dem Ende der Zarenherrschaft war Bessarabien kurze Zeit autonom und fiel 1918 an Rumänien. Rumänien führte 1920 / 1921 eine Landreform durch, die den Bessarabiendeutschen einen schweren Schlag versetzte, von dem viele sich nicht erholten.

Für ihren steten äußerst mühevollen Kampf hatten sie ein geflügeltes Wort:

Den Ersten der Tod,

Den Zweiten die Not,

Den Dritten das Brot.

Nach 125 Jahren waren auf dem Land zwischen Dnjestr und Pruth 150 deutsche Gemeinden entstanden, mit einem doppelt so großen Landbesitz wie bei der Gründung, trotz der Landreform. Die angetretene Ursteppe war durch den Fleiß der deutschen Siedler zur Kornkammer des Schwarzmeergebietes geworden und ihre Dörfer zum beispielhaften Gemeinwesen im Völkergemisch Südosteuropas. Der Anteil der Deutschen an der Gesamtbevölkerung war gering. Sie lebten in gutem Einvernehmen miteinander. Bei der Umsiedlung im Herbst 1940 waren sie 93.318 Personen.

Die Umsiedlung

Am 23. August 1939 schlossen Hitler und Stalin den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, genannt „Hitler-Stalin-Pakt“. Am 28. September 1939 folgte der Grenz- und Freundschaftsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. In einem geheimen Zusatzprotokoll, das von Moskau 50 Jahre lang geleugnet, erst 1989 unter Gorbatschow als existierend anerkannt und schließlich als nichtig erklärt wurde, „wurde die Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung aus dem Gebiet der sowjetischen Einflusssphäre in das von Deutschland besetzte Gebiet geregelt.“ In diesem geheimen Zusatzprotokoll wurde Bessarabien zum sowjetischen Interessengebiet deklariert. Deutschland erklärte sein „völliges politisches Desinteressement an diesen Gebieten“. Deutschlands Augenmerk war nur darauf gerichtet, die Deutschen „Heim ins Reich“ zu holen. Sie sollten auf freiwilliger Basis umgesiedelt werden. Und sie sollten Polen besiedeln. Doch zuvor sollten die Polen von Haus und Hof vertrieben werden.