trans(*)parent - Christin Löhner - E-Book + Hörbuch

trans(*)parent E-Book und Hörbuch

Christin Löhner

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Beschreibung

In trans(*)parent erzählt Christin Löhner ihren bewegenden Lebensweg von der Adoption über ein Kindsein im falschen Körper bis hin zur glücklichen Ankunft im eigenen Ich. Du erfährst, wie sie als kleines Mädchen in einem Heim landete und später bei liebevollen Adoptiveltern aufwuchs, sich aber schon früh merkwürdig fehl am Platz fühlte. Im Schulalltag wurde die Diskrepanz zwischen ihrem Inneren und ihrer körperlichen Hülle schmerzhaft spürbar - Hänseleien und Ausgrenzung zwangen sie in eine innere Isolation, aus der sie nicht wusste, wie sie entkommen sollte. Die Pubertät brachte für Christin kein Erblühen, sondern ein erschütterndes "Das Ding muss weg!". Sie schildert eindrücklich, wie sie sich in einem Moment der Verzweiflung mit dem Messer und einem Wunsch nach Selbstverstümmelung vor den Abgrund manövrierte. Statt Hilfe zu finden, rutschte sie in Drogen, Prostitution und lebensbedrohliche Situationen, bis ein Wendepunkt sie selbst wieder aufrappeln ließ und sie sich - mit harter Entzugshilfe - aus dem Albtraum befreite. Ihr Coming-Out als transgeschlechtliche Frau eröffnete den echten Neuanfang. Christin erzählt von der ersten Hormonbehandlung, der gerichtlichen Namensänderung zu Christin Sophie und dem bewegenden Moment der körperlichen Angleichung, als sie im Januar 2018 ihre Vagina erhielt. Sie berichtet von der kraftvollen Unterstützung durch ihre Partnerin Michelle, von Freundschaften, die ihr Rückhalt gaben, und vom Engagement in Selbsthilfegruppen, die sie selbst später gründete und leitete. Heute ist Christin nicht nur angekommen, sondern eine Stimme für trans* Menschen: Sie hält Vorträge an Schulen und Universitäten, wirkt in Kunstprojekten mit und kämpft für rechtliche Reformen. Im Bonuskapitel schildert sie, wie sie 2025 von ihrer leiblichen Mutter rückadoptiert wurde - ein symbolischer Sieg über erlebte Ungerechtigkeit. In einem kraftvollen Schlusswort ermutigt sie jede Leserin, Hilfe zu suchen, nicht aufzugeben und das eigene Selbstbewusstsein wachsen zu lassen. trans(*)parent ist eine Autobiografie, die nicht nur berührt, sondern - ganz besonders trans* Personen - Mut macht und zeigt, dass Selbstannahme und ein erfülltes Leben möglich sind. Eine inspirierende Lektüre, die Halt geben und Hoffnung schenken will.

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Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zeit:8 Std. 41 min

Veröffentlichungsjahr: 2025

Sprecher:Christin Löhner

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog – Wer ist Christin?

Kapitel 1 – Adoption, Liebe und Geborgenheit

Kapitel 2 – Annette und der Pausenhof

Kapitel 3 – Walter, Killerhasen und die Stupid Coporation

Kapitel 4 – Die Pubertät – Das Ding muss weg!

Kapitel 5 – Das erste Mal

Kapitel 6 – Ihr wollt mich als Kerl? Könnt ihr haben!

Kapitel 7 – Joël

Kapitel 8 – Silke, die Pet Shop Boys und der totale Absturz

Kapitel 9 – Der lange Weg zu meinen leiblichen Eltern

Kapitel 10 – Susann und Sir Joël

Kapitel 11 – Ein Tattoo soll es richten!

Kapitel 12 – Bewährungsheim im Donautal – und es kam Schlimmer

Kapitel 13 – Der Weg nach Berlin und eine riesige Überraschung

Kapitel 14 – Linux und PHP

Kapitel 15 – Das ist es! Das bin ich! Endlich! Die Lösung!

Kapitel 16 – So ein Theater – Schwarze Weihnacht

Kapitel 17 – Nikola

Kapitel 18 – The Linuxcounter Project

Kapitel 19 – Von Lügen, Intrigen, Märchen und Phobien

Kapitel 20 – Mein Coming Out als transgeschlechtliche Frau

Kapitel 21 – Über Kindesentführung und eine zerrissene Familie

Kapitel 22 – Die Suche nach einer Selbsthilfegruppe

Kapitel 23 – Vivian und die Königin der Nacht

Kapitel 24 – Das Wolfsrudel

Kapitel 25 – Die ersten Hormone, endlich geht es los

Kapitel 26 – Michelle, meine Lebensretterin

Kapitel 27 – Die Namensänderung: Endlich Christin Sophie

Kapitel 28 – Das lange Bangen und Warten

Kapitel 29 – Der Christopher Street Day in Konstanz e.V

Kapitel 30 – Endlich bekomme ich meine Vagina

Kapitel 31 – Julia, eine liebe Vermieterin und der Umzug

Kapitel 32 – Der erste Vortrag, das öffentliche Interesse steigt

Kapitel 33 – EGO SUM. Ich bin

Kapitel 34 – Die Ehe für Alle für Uns

Kapitel 35 – Der erste Sex mit meiner neuen Vagina

Kapitel 36 – Wer nicht mal A sagt muss auch etwas über B sagen!

Kapitel 37 – Die Barbara Karlich Show in Wien

Kapitel 38 – Ich bin eine Frau!

Kapitel 39 – Das ist heute und was kommt morgen?

Bonuskapitel – Was ist seit der Erstveröffentlichung 2019 passiert?

Worte des Dankes

Vorwort

Was ist „normal“? Und was ist „falsch“?

Nun, Normalität ist relativ und auch die Ansicht was falsch ist, ist relativ. Wir alle wissen, Relativität ist ebenfalls relativ. Ein Haar auf dem Kopf ist relativ wenig, ein Haar in der Suppe ist relativ viel. In meinem Fall bin ich nicht relativ normal, sondern ganz eindeutig falsch. Nicht normal, weil ich anders bin als die meisten von uns und nicht falsch im Sinne von hinterhältig, sondern falsch in Bezug auf meinen Körper.

Ich habe mir sehr lange überlegt, was ich in diesen, wohl absolut und unbedingt notwendigen Teil hinein schreiben soll, schließlich findet man solch ein Vorwort in so gut wie jedem Buch. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich es ganz genau so machen möchte, wie es in all den anderen Autobiographien gemacht wird. Es wird ein wenig drüber erzählt, warum ich dieses Buch geschrieben habe und was mich dabei bewegt hat.

Angefangen, dieses Buch zu schreiben, habe ich tatsächlich am 08. November 2017, einen Tag nachdem meine liebe Schwägerin Claudia mir das Folgende gesagt hatte:

„Schon mal dran gedacht ein Buch zu schreiben? Alles was ich in den vergangenen 2 Jahren von Dir zu lesen bekam, fasst doch bestimmt schon `nen dicken Wälzer von an die 300 Din-A5 Seiten und der Weg ist noch nicht zu Ende. Kommt noch die OP und dann noch ein Kapitel‚ ein Jahr danach‘“

Und ja, es ist tatsächlich so. Durch meinen Wandel hatte ich immer so viel zu erzählen, meistens gute, tolle Neuigkeiten oder Erfolge, aber auch Trauriges aus meiner Vergangenheit.

So überlegte ich dann in der darauf folgenden Nacht, ob es sich wirklich lohnen würde, ein Buch über all das zu schreiben, ob ich genug Stoff und ob ich vor allem auch die Zeit dafür habe.

Es würde sicher nicht einfach werden, denn aufgrund meiner ganzen Tätigkeiten – dazu komme ich erst viel später in diesem Buch – habe ich tatsächlich nicht sehr viel Zeit. Trotzdem beschloss ich nun, dieses Buch zu schreiben, denn ich habe ein so großes Mitteilungsbedürfnis, so viele schöne und auch neue Gefühle aufgrund meines Weges, den ich gehe und so viele tolle Erlebnisse, dass ich Dir all das einfach nahe bringen und mitteilen muss.

Ganz von meinem Mitteilungsbedürfnis abgesehen, hoffe ich vor allem aber auch anderen trans*geschlechtlichen Personen mit diesem Buch Mut geben und helfen zu können.

Worum soll es in diesem Buch eigentlich gehen? Nun, es geht um mein Leben als Transgender, als transgeschlechtliche Frau.

Ich möchte Dir schonungslos, aber auch gefühlvoll und möglichst detailliert erzählen, wie mein Leben als transgeschlechtliche Frau bisher so war und auch in Zukunft weitergehen wird. Es werden viele Erlebnisse aus meiner Kindheit, Gefühle, Gedanken, schöne und traurige Geschichten, aber natürlich auch viele Probleme erzählt und ich werde versuchen, so wenig wie möglich zu vergessen und so viele Erinnerungen wie möglich einzubauen.

Dies soll eine Autobiographie über mein Leben und meinen Weg als transgeschlechtliche Frau werden und sie soll Dir anhand meines Beispiels zeigen, wie solch ein Leben aussehen kann und wie man Hürden und Probleme überwinden kann.

Dieses Buch erhebt natürlich nicht den Anspruch, der Stein der Weisen zu sein. Auch spreche ich hier in diesem Buch natürlich nur für mich selbst und nicht für andere, trans*geschlechtliche Menschen. Eine eventuelle Ähnlichkeit zu anderen Personen oder Lebenserfahrungen sind rein zufällig. Allerdings habe ich persönlich die Erfahrung gemacht, dass sich viele Erfahrungen von trans*geschlechtlichen Menschen sehr ähneln.

Ich hoffe sehr, dass ich mit diesem Buch das Verständnis, die Akzeptanz, Toleranz in der Gesellschaft steigern kann und neben den immer häufiger werdenden Medienberichten soll es dazu beitragen, dieses Thema in die Welt hinaus zu tragen und verständlich zu machen.

Es ist schön und positiv, dass das Thema inzwischen immer öfter medial aufgegriffen wird, wir können trotzdem nicht genug dafür tun, um es noch mehr an die Öffentlichkeit zu bringen und so die Akzeptanz, die Toleranz und vor allem überhaupt auch das Wissen um uns, in der Gesellschaft zu schüren. Viel zu oft werden trans*geschlechtliche Personen nach wie vor als Psychopathen, als kranke oder gar perverse Menschen hingestellt, diskriminiert, geschlagen und auch erschlagen.

Dies alles möchte ich mit meinem Buch und auch mit meiner sonstigen Arbeit im sozialen Bereich diese Themen betreffend, ändern und dafür setze ich mich ein.

Der Einen oder dem Anderen wird sicher während des Lesens auffallen, dass ich in Bezug auf mich selbst, manchmal meinen „Deadname“ Alex oder Alexander verwende und mich sogar missgendere, also „er“ statt „sie“ schreibe. Dies tue ich aber nur, wenn es mich selbst betrifft und auch nur wenn ich von mir als von meiner früheren Identität spreche. Es macht es einfach einfacher für mich über vergangene Erlebnisse zu sprechen, wenn ich das wie aus der Sicht einer anderen Person tue.

Natürlich sei hier darauf hingewiesen, dass man das bei Anderen natürlich nicht macht, nicht machen darf!

Apropos Namen. Ich habe sehr viele Menschen im Laufe meines Lebens kennengelernt und natürlich nicht die Möglichkeit, alle zu fragen, ob ich ihren Namen in diesem Buch verwenden darf. Deshalb habe ich sehr viele Namen geändert und verfälscht. Einige Namen, wie die zu Personen, die ich in der neueren Zeit kennenlernen durfte, sind allerdings die echten Namen und dafür habe ich mir natürlich auch das Einverständnis geholt.

Nun bleibt mir nur noch, Dir viel Spaß beim Lesen zu wünschen. Lehn‘ Dich zurück, hole Dir einen großen Kaffee und tauche mit mir gemeinsam ein, in das Leben einer Frau, die endlich im richtigen Körper angekommen ist und hierzu einen langen, steinigen Weg gehen musste.

Prolog – Wer ist Christin?

Christin ist – nun ja, Christin ist eben Christin. Christin ist eine ganz normale Frau und Christin möchte Dir hier erzählen, wieso das eigentlich gar nicht so normal ist und wie es dazu gekommen ist, dass Christin Christin wurde. Verwirrend? Ja, das war es viele Jahre lang für mich auch.

Ich war nicht immer Christin, so viel müsstest Du inzwischen schon verstanden haben. Und doch ist mein heutiger, offizieller und rechtsgültiger Name Christin. Nach vielen anderen Vornamen, die ich ausprobiert hatte und die mir nach kürzester Zeit nicht mehr gefielen, habe ich mich für diesen entschieden. Und da es ja irgendwie trendy ist, auch noch einen zweiten Vornamen zu haben, entschied ich mich dann noch für Sophie.

Beide Namen gefielen mir auf Anhieb, da sie mit meinen früheren Namen nicht in Verbindung gebracht werden konnten und dazu noch schön französisch klangen. Außerdem war es mir wichtig, dass die Namen eindeutig und unmissverständlich weiblich klangen. So entschied ich mich für Christin und Sophie.

Im November 2016 änderte ich gerichtlich meine Vornamen und mein Geschlecht, denn ich wurde am 14.07.1972 als Alexander Michael in Berlin geboren.

Was bedeutet das? Warum haben meine Eltern einem Mädchen einen Jungennamen gegeben? Tja, wäre es tatsächlich so gewesen, wäre sehr Vieles für mich leichter gewesen und ich hätte wohl keinen Grund, dieses Buch zu schreiben.

Ich bin eine transgeschlechtliche Frau, oder – für mich – eben einfach eine ganz normale Frau.

Und was bedeutet das jetzt? Was ist daran so toll, dass man ein Buch darüber schreiben muss?

Es gibt viele Bezeichnungen und Wörter für dieses Problem: „Transsexualität“, „Transidentität“, „Geschlechtliche Varianz“, „Geschlechtsinkongruenz“, „Variante der Geschlechtsentwicklung“ oder einfach nur Trans*.

Unter Trans*, Variante der Geschlechtsentwicklung, Transidentität oder auch Transsexualität versteht man, wenn bei Geburt das anhand der äußeren Geschlechtsmerkmale zugewiesene Geschlecht des Neugeborenen nicht mit der eigenen Wahrnehmung, dem eigenen Wissen um das eigene Geschlecht übereinstimmt. In diesem Zusammenhang spricht man auch von einem Abweichen der Geschlechtsidentität oder einer Geschlechtsinkongruenz.

Die Bezeichnungen Transidentität, transident, Transsexualität und transsexuell lehnen wir allerdings ab. Transidentität legt nahe, dass es ein Problem mit meiner Identität und damit mit meiner Psyche sein könnte, wohingegen Transsexualität den Anschein erweckt, es könnte etwas mit meiner Sexualität oder sexuellen Orientierung zu tun haben können. Beides ist auf mehreren Ebenen einfach falsch.

Einschlägige, neurowissenschaftliche Studien belegen, dass das Wissen um die eigene Geschlechtszugehörigkeit im Gehirn verankert ist – das sogenannte Geschlechtswissen. Das Geschlecht findet nicht zwischen den Beinen statt, sondern zwischen den Ohren. Es handelt sich also um eine Inkongruenz oder Diskrepanz zwischen dem geschlechtlichen Selbstverständnis und/oder Körperbild eines Menschen und dem ihm bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht.

Ein „normales“ Mädchen oder auch ein „normaler“ Junge denkt nicht über das eigene Geschlecht nach und macht sich nicht ständig darüber einen Kopf. Für ein Mädchen ist ganz klar, sie ist ein Mädchen und das ist auch gut so, genau wie es für einen Jungen ganz klar ist, dass er ein Junge ist und Mädchen erst mal doof findet.

Ein trans*geschlechtlicher Junge oder ein trans*geschlechtliches Mädchen hingegen denkt ständig, ununterbrochen nur an das Eine, nämlich an das eigene Geschlecht – an die eigene Geschlechtsidentität, beziehungsweise an das eigene Geschlechtswissen.

Im weiteren Verlauf dieses Buches werde ich allerdings nur noch den Begriff „trans“ oder „trans*“ benutzen. Für uns ist „trans“ ein Adjektiv, weil wir keine Sondermenschen sind. Es gibt ja auch keine Klugefrauen oder Starkemänner. Es gibt kluge Frauen und starke Männer. Und genau deshalb gibt es auch keine Transfrauen oder Transmenschen, sondern nur trans Frauen oder trans* Menschen.

Die Entstehung des Phänomens ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Jedoch verdichten sich die Hinweise darauf, dass Trans* während der fötalen Entwicklung durch Schwankungen der Sexualhormone im Mutterleib entsteht.

Um es einfach zu sagen: Es kann passieren, dass ein Mensch mit männlichen, äußeren Körpermerkmalen, aber weiblichem „Gehirngeschlecht“ (Geschlechtswissen) oder ein Mensch mit weiblichen Körpermerkmalen, aber männlichem Geschlechtswissen entsteht. Es handelt sich also bei Trans* um eine „Spielart“ der Natur, oder wie es der Psychologe Prof. Udo Rauchfleisch ausdrückte, um „eine Normvariante der Natur“.

Wie auch immer, ich möchte Dich hier sicher nicht mit wissenschaftlichen, medizinischen oder andersartigem Fachgesülze langweilen. Fakt ist eben, ich wurde mit einem männlichen Körper geboren, aber einem weiblichen Gehirn ausgestattet.

Genau das ist der Grund dafür, dass meine Eltern mich Alexander Michael nannten. Sie konnten ja nicht wissen, dass ich ein Mädchen bin, ich konnte es ihnen damals ja noch nicht sagen.

Nun, um ehrlich zu sein, wusste ich es damals natürlich auch selbst noch nicht. Das kam erst ein wenig später, als ich mir meiner Position in der Gesellschaft – in diesem Fall eher in der Schule – bewusst wurde und als das Kennenlernen des eigenen Körpers begann.

Wir alle kennen das: Ein kleiner 5 oder 6 jähriger Junge zieht sich die Hose runter und fummelt an seinem Pimmelmännchen herum. Das ist völlig normal und auch gut so, denn so lernt der kleine Mann sich und seinen Körper kennen.

In meinem Fall lernte ich so, dass bei mir irgendetwas nicht stimmen konnte, ich wusste damals nur noch nicht was.

Ständig und überall wurde ich als Junge eingeordnet. Sei es beim Schulsport, wenn es hieß Jungen gegen Mädchen und ich mich zu den Mädchen hin stellen wollte, oder auf dem Pausenhof, wenn ich viel lieber mit den Mädchen zusammen spielen wollte. Die Themen der Jungs interessierten mich nicht und die Mädchen wollten mich nicht.

„Du gehörst hier nicht her“, „Du bist ein Junge, wir wollen Dich nicht bei uns“. Solche und ähnliche Sprüche musste ich mir ständig anhören und ich verstand das alles zuerst nicht so richtig.

Es schien mir, dass Alles und Jeder gegen mich war und mich nicht verstand. Ständig hatte ich das Gefühl, etwas falsch zu machen und falsch zu sein. Dies führte schon im sehr jungen Kindesalter dazu, dass ich immer vorsichtiger, immer zurückhaltender, immer introvertierter wurde und jegliches Selbstbewusstsein verlor.

Ständig sagten mir alle, ich sei ein Junge und solle mich entsprechend verhalten. Ständig, jede Minute, war mir bewusst, dass ich irgendwie anders war und meine Umwelt mir etwas Falsches eintrichtern wollte. Ich war mir bewusst und absolut sicher, ein Mädchen zu sein.

Jeder sagte mir etwas Anderes und dies sorgte dann natürlich auch für Zweifel in mir selbst und die tiefe, innere Sorge, vielleicht verrückt zu sein.

Hinzu kamen dann natürlich mit der Zeit auch das Mobbing und vor allem das Allein sein. Ich zog mich selbst immer mehr zurück, baute regelrecht eine dicke Mauer des Selbstschutzes um mich herum auf und bekam ständig das Gefühl vermittelt, falsch zu sein, egal wo ich hin ging. Die Mädchen wollten mich nicht, weil ich für sie ein Junge war und die Jungs wollten mich nicht, weil sie mich als „komisch“, „mädchenhaft“, als „Weichei“, „Mama-Söhnchen“ und als „Schwuchtel“ ansahen.

Niemand wollte mich verstehen – niemand konnte mich verstehen. Mein Gott, nicht einmal ich selbst verstand mich!

Ich wusste nicht, was mit mir los war, ich hatte dafür keinen Namen, keine Bezeichnung, konnte mich nicht erklären. Ich wusste nur, etwas war falsch.

So zogen die Jahre ins Land und jedes Einzelne war verdammt lang und voller Hürden. Aber es sollte noch viel Schlimmer kommen, nur wusste ich das zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Ich wurde sieben, acht, neun und ich begann langsam, meinen eigenen Körper kennen zu lernen. Ich musste lernen, dass dieser Zipfel da zwischen meinen Beinen wohl tatsächlich zu einem Jungen gehören musste und ich merkte, dass wohl alle recht haben mussten. Doch dazu stand im krassen Gegensatz das, was ich fühlte und was ich tief in meinem Innersten unumstößlich und sicher wusste: Ich bin ein Mädchen!

Ich wurde immer unsicherer, zweifelnder und, obwohl ich wusste, was ich bin, brauchte ich dennoch Gewissheit. So kam es eines Tages, ich war vielleicht neun oder zehn Jahre alt, dass ich irgendwie die beiden Schwestern aus dem Nachbarhaus dazu überreden konnte, sich in einem kleinen Wäldchen beim Sportplatz hinter unseren Häusern vor mir auszuziehen.

Was ich da sah, verunsicherte mich noch mehr. Sie hatten nicht solch ein Ding zwischen den Beinen, obwohl sie doch Mädchen waren, wie ich.

Mit der Zeit lernte ich natürlich, wieso das so war und dass ich den Körper eines Jungen mein Eigen nennen musste. Diese Gewissheit, die sich irgendwann in mir breit machte, stürzte mich in ein sehr tiefes Loch und ich fragte mich immer und immer wieder, wie es dazu kommen konnte – Ja, ich betete zu Gott, eine Antwort darauf zu bekommen.

Doch auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt dachte, dass das das Schlimmste war, was mir hätte passieren können, so kam es noch viel schlimmer.

Ich wurde elf, zwölf, dreizehn Jahre alt und meine Pubertät begann. Plötzlich bekam ich Haare im Gesicht, womit ich nie gerechnet hatte. Ich kam in den Stimmbruch, meine Stimme senkte sich und was mich mit am aller meisten schockierte, war die Tatsache, dass mir keine Brüste wachsen wollten.

Mir wurde, mit dreizehn Jahren, unumstößlich klar, dass bei mir etwas ganz gewaltig schief gelaufen sein musste und ich nun in diesem falschen Gefängnis eines Jungenkörpers fest saß, obwohl ich doch ganz klar ein Mädchen war.

So gingen dann die Jahre ins Land, meine Eltern schickten mich im Laufe der Zeit zu verschiedensten Psychologen und Therapeuten, von denen mir keiner helfen konnte oder wollte. Vermutlich verstanden sie selbst nicht, was mit mir los war oder wie es dazu kommen konnte.

Ich begann alles und jeden zu hassen, vor allem aber hasste ich mich selbst. Natürlich merkte man das alles auch an meinen Schulnoten und meine erste Lehre brach ich nach einem halben Jahr ab, weil ich einfach „keinen Bock“ darauf hatte.

Ich gab irgendwo in mir drin meinen Eltern die Schuld für all das und so wurde mein Verhältnis zu ihnen natürlich auch nicht besser. Die Tatsache, dass ich ein Adoptivkind war und meine Adoptiveltern nach meiner Adoption noch zwei eigene Kinder zur Welt brachten, tat sein Übriges und ich sagte mir, dass meine Eltern mich nicht liebten, nicht lieben konnten. Ich wurde extrem bockig, trotzig und immer schwieriger, bis ich dann sogar von Zuhause abhaute und mein eigenes Leben leben wollte.

Heute sitze ich hier an meinem Schreibtisch, schreibe diese Zeilen und ich muss mich sehr darauf konzentrieren, die Tränen zurück zu halten. Heute weiß ich es besser. Heute weiß ich, dass mich meine Eltern natürlich ganz genau so liebten wie ihre eigenen, leiblichen Kinder. Ich weiß, dass sie damals alles menschenmögliche versucht hatten, um mir zu helfen und heraus zu finden, was mit mir los war. Das mir niemand helfen konnte, nicht einmal ich mir selbst, ist nicht ihre Schuld.

Heute bin ich Frau. Ich bin die Frau, die ich immer war und immer sein wollte. Eine ganz normale Frau.

Es war ein sehr langer, steiniger Weg und noch ist er auch nicht zu Ende. Aber dazu später mehr in diesem Buch.

Kapitel 1 – Adoption, Liebe und Geborgenheit

Ich wurde am 14.07.1972 in Berlin als Sohn einer sehr alten und bekannten, preußischen Adelsfamilie geboren. Aufgrund meiner äußeren Geschlechtsmerkmale wurde ich damals, direkt nach der Geburt von irgendeinem Typen in einem weißen oder blauen Kittel als männlich klassifiziert. So wie das leider nun mal üblich ist, ohne die Möglichkeit das selbst entscheiden zu können. Gut – mit ziemlicher Sicherheit hätte ich die Frage nach meinem Geschlecht damals auch noch nicht verstanden, geschweige denn beantworten können.

Leider war mein Vater ziemlich kriminell und bis kurz vor meiner Geburt auch im Gefängnis. Deshalb wurden meiner Mutter ihre beiden bisherigen Söhne vom Jugendamt weggenommen. Als ich dann zur Welt kam, zwang mein Vater meine Mutter, mich im Austausch für seinen Erstgeborenen zur Adoption freizugeben. So kam es, dass mich meine Mutter vier Wochen nach meiner Geburt dem Jugendamt übergeben musste.

Nun weiß man, dass das Wichtigste, was ein Baby braucht, die Nähe, der körperliche Kontakt und die Stimme und Zärtlichkeiten der Mutter sind. Und dass ein vier Wochen altes Baby das jeglichen Kontakt, jeglichen Bezug zu seiner Mutter verliert, sich vermutlich nicht richtig entwickeln kann.

Ich wurde zu einem echten Schrei-Baby, erzählte man mir sehr viel später. Den Betreuer*innen in diesem Heim machte ich es sehr schwer weil ich ständig unzufrieden und extrem trotzig war und den ganzen Tag nur geschrien habe. So wurde ich in diesem Kinderheim auch nicht besonders gut behandelt. Man schlug mich, ließ mich achtlos stundenlang liegen. Ich weinte und schrie stundenlang und bekam zur Strafe kein Essen. Wie gesagt, ich war ein vier Wochen altes Baby.

Als ich etwa ein Jahr alt war, kam ein Paar in das Heim, das ein Kind zur Adoption suchte. Obwohl ich doch solch ein schwieriges und lautes Baby war, hatten sie sich sofort in mich verliebt. Das haben sie mir später mal erzählt.

Etwa ein halbes Jahr später, ich war ungefähr anderthalb Jahre alt, nahmen sie mich mit nach Hause. Meine Zeit in diesem Heim war zu Ende, obwohl meine neue Mutter mit ihrem ersten, eigenen Kind hoch schwanger war.

Meine neuen Eltern waren sehr liebevolle und fürsorgliche Menschen. Sie kümmerten sich rührend um mich und – obwohl schon wenige Wochen nachdem sie mich aus dem Heim geholt hatten, am 14.03.1974, ihr erstes, eigenes, leibliches Kind zur Welt kam, liebten sie mich genau so wie dieses neue Kind und behandelten mich sehr liebevoll und gut.

Anfangs wohnten wir noch in Bonn, zusammen mit einer sehr gut befreundeten Familie. Nur wenige Jahre später zogen wir dann nach Süddeutschland, genauer nach Wilhelmsdorf bei Ravensburg in Baden-Württemberg, nur 50 Kilometer entfernt vom schönen Bodensee. Meine Adoptiveltern arbeiteten beide als Mathematiklehrer am dortigen Gymnasium und mein Vater begann als Hausleiter im dortigen Internat.

Mein, gerade einmal anderthalb Jahre jüngerer Adoptivbruder ist ein toller Bruder. Mit ihm konnte man alles machen und wir waren, in unseren ersten Kinderjahren ein Herz und eine Seele.

Er ist wirklich ein Pfundskerl und er hat seinen Weg gemacht. Schon mit 15 ging er durch einen Schüleraustausch nach Amerika und machte dort dann mit 16 seinen Führerschein. Später studierte er in Amerika, zog um von Wilhelmsdorf nach Österreich und übernahm dort die größte und einflussreichste Marktforschungsfirma.

Damals, in unserer Kindheit, waren mein Adoptivbruder und ich unzertrennlich. Ich erinnere mich da an eine Szene, es muss im Hochsommer gewesen sein, irgendwann 1977 oder 1978 herum.

Wir wohnten damals direkt auf dem Schul- und Internatsgelände in einer Lehrerwohnung. Das neue Realschulgebäude sollte gebaut werden und hierzu waren bei uns im Garten mehrere Löcher ausgehoben worden. In diesen Löchern sollten dann Säulen aufgestellt werden, auf denen das Gebäude stehen sollte.

Es muss vorher ziemlich viel geregnet haben. Aber an diesem Tag schien die Sonne und es war sehr warm. Mein Bruder und ich planschten, nur mit Badehose bekleidet, in diesen Löchern herum, die sich durch den vorherigen Regen komplett mit dunkelbraunen Schlammwasser gefüllt hatten – wir hatten einen Riesenspaß.

Ich war zehn Jahre alt, als meine Adoptivmutter noch einen weiteren Sohn zur Welt brachte. Als der ältere Bruder war ich sein Beschützer. Er war recht stark auf mich fixiert und er sah mich sicher auch ein wenig als sein großes Vorbild an.

Meine Adoptiveltern ermöglichten uns Dreien eine wirklich schöne, liebevolle Kindheit. Trotzdem sollte sie für mich so unglaublich schwierig werden.

Ich hatte noch nichts mit meinem Geschlecht am Hut, hatte keine Ahnung, ob ich nun Mann oder Frau war, ich war einfach nur Kind.

Ich weiß tatsächlich nicht mehr, wie es dazu gekommen war, aber sehr früh, vielleicht mit vier oder fünf, begann ich dann Violine zu spielen. Meine Adoptiveltern kauften mir eine Geige, zunächst eine kleine Kindergeige und ich durfte in eine Musikschule in Ravensburg gehen um dort das Violine spielen zu erlernen. Später hatte ich dann sogar viele Jahre lang eine Privatlehrerin.

Zwei oder drei Jahre später begann ich dann neben der Geige auch noch Klavier zu spielen und auch hier bekam ich eine Privatlehrerin, die mich einmal pro Woche unterrichtete.

Neben meinem sogenannten absoluten Gehör hatte ich ein sehr ausgeprägtes musikalisches Talent, das dafür sorgte, dass ich die Instrumente recht schnell ganz annehmbar beherrschte. So spielte ich dann später auch in großen Orchestern und bei Konzerten mit, meistens sogar als erste oder zweite Geige.

Ich kann mich noch sehr bruchstückhaft an einige Szenen im Kindergarten erinnern, die aber zu diesem Zeitpunkt noch völlig bedeutungslos waren. So spielte ich bereits im Kindergarten viel mehr mit den anderen Mädchen, als mit den Jungs und auch die Spielzeuge der Mädchen interessierten mich meistens mehr.

Damals fiel das aber nie jemandem so wirklich auf und niemand machte sich darüber irgendwelche Gedanken, ich am allerwenigsten.

Meine Adoptiveltern taten alles dafür, dass es uns Kindern gut ging. Wir waren sehr viel unterwegs, gingen jedes Jahr mindestens zwei Mal groß in Urlaub oder machten Berg-, Wander- oder auch Fahrradtouren.

Viele Jahre lang, ungefähr seit dem ich dann 6 oder 7 Jahre alt war, fuhren wir jedes Jahr in den Pfingstferien nach Venedig auf einen großen Campingplatz mit dem schönen Namen „Marina di Venezia“.

Dort lernte ich viele Freunde kennen, die man dann jedes Jahr wieder traf, doch nie außerhalb dieser Urlaubszeiten. Jedes Jahr freute ich mich deshalb wieder auf den Urlaub auf diesem Campingplatz, um dann diese Freunde wieder zu treffen.

Neben unserem alljährlichen Besuch auf diesem Campingplatz machten wir im Laufe meiner Kindheit und auch Jugendzeit viele andere Reisen zum Beispiel nach Frankreich, Spanien, England, Kroatien oder Skandinavien. Wir besuchten viele Kirchen und Schlösser, Museen und Opern.

So lernten mein Bruder und ich in Frankreich auf der Ardèche das Kajak fahren. Wären meine Mutter und ich nicht gewesen, wäre mein Adoptivvater bei so einer Kajakfahrt fast ertrunken.

In Kroatien, genauer auf der Halbinsel Istrien, lernte ich das Wasserski fahren und am Bodensee lernten wir das Segeln und das Windsurfen.

Wir, meine Brüder und ich, hatten eine tolle Kindheit, ein tolles Elternhaus. Trotzdem – mich begleitete immer dieses Gefühl, dieses Wissen, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt.

Kapitel 2 – Annette und der Pausenhof

Ich weiß leider nicht mehr besonders viel aus meiner Kindheit. Ich habe sehr viel vergessen oder auch verdrängt. Auch wenn es fast ausschließlich nur schöne Erinnerungen waren und hätten sein können, so habe ich, wohl aufgrund meiner Probleme mit dem eigenen Körper, sehr viel davon verdrängt.

Meine Adoptiveltern haben uns immer mal wieder alte Geschichten erzählt, wo wir überall im Urlaub waren, was wir dort alles gemacht haben oder was wir uns alles angeschaut haben. Und jedes Mal wieder, wenn mein Papa von Reisen erzählt hat, die wir gemeinsam unternommen haben, war ich sehr erstaunt darüber, was ich alles vergessen habe. Mein Vater und auch meine Mutter wussten noch exakte Einzelheiten wie ein genaues Datum, die genaue Reihenfolge der Museen oder Kathedralen die wir besucht haben oder wo und mit welchem Fahrzeug wir wann und unter welchen Bedingungen auch immer ankamen.

Ich selbst konnte immer nur staunend zuhören und manchmal, ganz selten, kamen dann Bruchstücke von Erinnerungen wieder, Bildund Gedankenfetzen, ohne jeden Zusammenhang.

Aber es gibt eine Erinnerung, ein Erlebnis, einen Namen und ein Gesicht das ich wohl nie vergessen werde.

Mit sieben Jahren kam ich in die Grundschule in Wilhelmsdorf. Meine Klassenkameradinnen und Kameraden waren alle sehr nett und es gab damals bei uns in der Klasse keinerlei Probleme mit Mobbing oder dergleichen.

Kurioser Weise kann ich mich heute nur noch an die Namen der meisten Mädchen erinnern, aber an so gut wie fast keinen Namen einer meiner damaligen männlichen Klassenkameraden.

Ein Name ist aber für immer in mein Gehirn eingebrannt: Annette.

Annette war ein Mädchen bei mir in der Klasse in der Grundschule. Ich weiß noch ganz genau, dass ich mich damals von der ersten Klasse an – sie war sechs und ich war sieben Jahre alt – in dieses Mädchen verliebt hatte.

Annette hatte lange, blonde Haare und sie war ausgesprochen hübsch. Sie war der Liebling aller – nicht nur in meiner Klasse. Sie war aber leider auch unnahbar und für mich unerreichbar. Doch war sie es, die mit am nettesten zu mir war und mich ab und zu sogar verteidigt hat.

Es gab da eine Szene in der zweiten Klasse, als wir Sportunterricht hatten.

Die Sporthalle war gleich im Gebäude neben der Grundschule, wir hatten nicht weit zu laufen.

Wie üblich ging ich im Gemeinschaftsumkleideraum der Jungs ganz nach hinten durch in das, von der Tür aus gesehen, linke Eck des Raumes, drehte mich zum Eck hin und zog mich langsam für den Sport um. An den Wänden des Raumes waren Bänke angebracht und in der Mitte des Raumes stand auch ein Gestell mit Bänken und zwischen den Bänken waren Garderobenhaken.

Nachdem ich mich umgezogen hatte, immer darauf bedacht, dass die anderen Jungs möglichst wenig von mir sahen, ging ich in die Sporthalle.

Es war mal wieder eines der Spiele, wo die Mädchen gegen die Jungs spielen sollten: Völkerball.

Ganz unbewusst und in Gedanken stellte ich mich zu den Mädchen und wartete darauf, dass die Sportlehrerin mit den Utensilien kam, die wir für dieses Spiel brauchten.

Als die Lehrerin mit dem Netz in dem die Bälle untergebracht waren, wieder kam, sah sie mich erstaunt an und sagte dann: „Alex, geh zu den Jungs rüber“.

Annette sah mich daraufhin kurz forschend an – ich habe diesen Blick genau in Erinnerung und es war, als hätte sie mir in meine Seele geschaut – und sagte dann: „Ach, Alex kann ruhig bei uns mitspielen!“

Nun, natürlich brachte das nichts und ich musste zu den Jungs gehen. Schließlich war ich ja ein Junge…

Während der Zweiten Klasse sollte noch etwas geschehen, was mich extrem glücklich und stolz machte.

Wie es dazu kam, was der Auslöser war oder was für ein Spiel wir gespielt haben, weiß ich leider nicht mehr, aber Annette und ich „heirateten“ damals auf dem Pausenhof in der großen Pause.

Natürlich war auch das nur ein Spiel und zumindest Annette und die anderen hatten das sicher am nächsten Tag schon wieder völlig vergessen, doch für mich war es einer der schönsten Momente in meinem jungen Leben.

Heute, im Nachhinein kann ich sagen, dass mein Gefühl im falschen Körper zu stecken, ungefähr im gleichen Alter, also ungefähr in der zweiten Klasse der Grundschule, angefangen haben muss. Ich fühlte mich unwohl mit mir selbst. Ich merkte schnell, das mein Körper nicht zu mir passte. Es ist das Alter, in dem ein junger Mensch beginnt, den eigenen Körper kennen zu lernen.

Ein junges Mädchen zum Beispiel ist sich bewusst, ein Mädchen zu sein und findet daran nichts Besonderes. Es denkt auch nicht darüber nach, sondern ist es einfach – ein Mädchen. Es möchte zu Halloween eine Prinzessin oder eine Fee mit glitzernden Flügeln sein, spielt mit Puppen und liebt die Farbe Pink.

Ein junger Bub weiß ganz genauso, dass er ein ganzer Kerl ist und muss gar nicht erst darüber nachdenken. Er findet die Transformers und Batman super toll und alle Mädchen doof.

Ja, mir ist klar, dass dies ganz blöde Klischees sind und dieses Rollenverhalten gar nicht so eindeutig ist, wie diese Klischees behaupten. Natürlich gibt es viele Mädchen, die lieber mit Autos spielen als mit Puppen, genau wie es junge Buben gibt, die sich mit Lego viel lieber einen Ponyhof zusammen bauen als die NCC-1701.

Der Unterschied zu mir in diesem Alter war ganz einfach der, dass den anderen Kindern klar war, was sie waren und was sie wollten.

Ich war mir selbst da nicht so sicher und je älter ich wurde, desto unsicherer wurde ich.

Direkt nach meiner Geburt wurde ich von einem Menschen im weißen oder blauen Kittel als männlich klassifiziert. Und doch passte da irgendetwas nicht…

Themen wie Autos, Fußball oder der stärkste Roboter in einem Kartenspiel interessierten mich überhaupt nicht.

In den großen Pausen fand man mich eigentlich immer nur bei den anderen Mädchen, mit ihnen zusammen Gummitwist, Himmel und Hölle oder Seilhüpfen spielend, wenn sie mich denn mal mitspielen ließen.

Oft genug kam es vor, dass die Mädchen sagten: „He, wir wollen Dich hier nicht, geh zu den anderen Jungs rüber.“.

Doch dort wollten sie mich erst recht nicht, denn für die Jungs war ich ein Turnbeutel-Vergesser, ein Weichei, eine Schwuchtel – so nannte man mich.

So saß ich die meiste Zeit irgendwo im hintersten Eck des Pausenhofs, schaute den anderen beim Spielen zu oder träumte vor mich hin. Träumen war zu der Zeit überhaupt meine Lieblingsbeschäftigung! Ich konnte stundenlang irgendwo sitzen und einfach nur vor mich hin starren. Woran ich dabei dachte, oder wovon ich dabei träumte? Ich wusste es selbst nicht. Hätte man mich gefragt, woran ich gerade dachte, man hätte wohl keine Antwort bekommen.

Ich war ungefähr acht Jahre alt und träumte von einer besseren Welt. Einer besseren Welt für mich. Einer Welt, in der ich beliebt war und Spaß hatte. Einer Welt, in der ich im warmen Sommerregen unter einer Straßenlaterne tanzte und kicherte, wenn ich in die Pfützen sprang.

Woran lag es nur, dass meistens niemand mit mir spielen wollte? Ich begann die beliebtesten, männlichen Klassenkameraden genau zu beobachten, verglich beinahe jede Bewegung, jedes Wort und jede Aktion mit mir selbst und ich begann, mich zu hinterfragen.

Ich schaute in ihre fröhlichen Gesichter und beobachtete ihr Lachen. Ich betrachtete sie von oben bis unten und verglich ihre Kleidung mit der Meinen. Ich beobachtete, wie sie Fußball spielten oder einfach nur an einem Tisch saßen und zusammen Rechenaufgaben lösten oder ihr Pausenbrot aßen. Sie waren so ganz anders als ich.

Sie waren für mich zu vulgär und brutal, zu oberflächlich und zu gestresst – ja, sie machten auf mich den Eindruck, als seien sie gestresst.

Ich horchte in mich hinein und stellte mir vor, so zu sein wie sie und ich bekam Angst. Ich wollte nicht so sein wie sie.

Es dauerte sicher noch ein Jahr, bis ich für mich den Grund fand, wieso ich mich nicht als Junge empfand und schon gar nicht so sein wollte, wie die anderen Jungs. Denn das was ich zuvor mit den Jungs gemacht hatte, nämlich sie zu beobachten und mit mir selbst zu vergleichen, das begann ich dann mit den Mädchen zu machen.

Ich weiß noch heute wie das für mich war. Ich bemerkte sofort, dass mir das deutlich mehr Spaß machte.

Alle meine Klassenkameradinnen hatten lange Haare und immer schöne Kleidchen an. Wenn sie miteinander spielten oder sich unterhielten, dann war das immer ruhig und angenehm, sie gingen aufeinander ein, lachten miteinander, sie waren so gut wie nie überhastet oder gar vulgär.

Ich merkte, wie ich neidisch wurde. Ich wusste, ich bin genau so wie die anderen Mädchen in meiner Klasse. Doch ich durfte nicht so sein! Ich wollte mich genau wie sie verhalten und es machte mich wütend, dass ich das nicht durfte oder konnte. Ich wollte fröhlich sein, lange Haare haben und so wunderschön aussehen. Ich wollte mich mit ihnen unterhalten, mit ihnen spielen. Ich wollte sie als Freundinnen haben.

Dieser Neid, die Wut auf mich selbst und natürlich die Furcht vor noch mehr Ablehnung und Ausgrenzung ließen mich noch stiller werden, noch zurück gezogener.

Und doch gab es auch Momente auf dem Pausenhof, die schön waren und an die ich mich gerne zurück erinnere. Insbesondere Annette war ein Mädchen, das immer nett zu mir war und mich eher zum Spielen einlud, anstatt weg zu schubsen

Sehr viel später, ich war ungefähr 14 Jahre alt, sollte sich herausstellen, das meine ganze Liebe – oder Schwärmerei – für Annette völlig umsonst gewesen war und sie nicht an mir interessiert war.

Ich schrieb ihr einen Liebesbrief, fuhr mit meinem Fahrrad bis zu ihrem Haus, klingelte und überreichte ihr den Brief persönlich. Genau so persönlich kam dann von ihr leider der Korb und die Bitte, sie in Zukunft in Ruhe zu lassen. Ich habe sie nie wieder gesehen…

Kapitel 3 – Walter, Killerhasen und die Stupid Coporation

Es war ungefähr in dem Zeitraum, in dem ich zwischen 8 und 12 Jahre alt war. An dem Internat in dem wir wohnten und an dem mein Vater Hausleiter des Hauses „Palas“ war, gab es natürlich nicht nur dieses eine Haus, sondern gleich mehrere. Da waren Haus „Burg“, Haus „Palas“, Haus „Waldeck“ und das „Zinsendorfhaus“, das „Zinse“, in dem die Mädchen lebten.

Im Haus „Waldeck“ gab es einen Lehrer, der zwei große Hobbies hatte. Dieser Mann hieß „Walter“. Er war ein Kumpeltyp, jeder hatte ihn gerne. Das deutlich weniger wichtige Hobby waren seine Modelleisenbahnen im Maßstab 1:22,5. Dies waren Modellbahnen, die man im Garten aufbaut, mit einer Spurweite, von um die 6 Zentimeter.

Das andere Hobby von dem ich Dir erzählen möchte, war das Filme machen. Hierzu hat er in späteren Jahren um 1985 herum auch eine Firma gegründet, mit dem Namen „Stupid Corporation“. Wie der Name dieser Firma vermuten lässt, hatten die Filme, die er drehte, recht wenig Sinn und waren mehr auf Slapstick und völlig überdrehten Unsinn ausgerichtet.

Einer dieser Filme hat es aber tatsächlich zu ein wenig Bekanntheit gebracht. Wenn man heute danach sucht, findet man immer noch seine Spuren im Netz. Der Film hieß „Angriff der Killerhasen“ und war, wie alle seine Filme, eine Eigenproduktion mit Darstellern aus dem „KI“, dem Knabeninstitut Wilhelmsdorf, dem Internat.

Der Film handelte von einem Jungen namens Otto, der ständig nur gehänselt und gemobbt wurde. Aus Rache züchtet er sich eben diese Hasen, die aber eines Tages dann ausbüchsen und alles zu Tode kuscheln, was sich ihnen in den Weg stellt.

Ein Film, der dermaßen unsinnig, billig produziert und voller Slapstick war, dass er schon wieder hoch gelobt wurde und einen gewissen Kultstatus erreicht hat und – ich habe damals darin mitgespielt.

Ja, ich habe darin mitgespielt und für mich persönlich, war der Film gar nicht so weit ab von der Realität. Denn aufgrund meines doch recht weiblichen, vielleicht sogar „schwulihaften“ Verhaltens und auch aufgrund meiner Brille wurde ich gerade zu diesem Zeitpunkt als der Film gedreht wurde, stark gemobbt. Man nannte mich damals „Brillo“.

Ich erinnere mich auch noch an ein Bild, das mir leider nicht mehr zur Verfügung steht, um es hier hinein zu setzen. Klein-Alex mit seiner Brille und dem stroh-blonden Bob-Haarschnitt in einer, für ihn viel zu großen, Polizeiuniform von um 1983 herum, vor einem, für diese Zeit typischen Polizeiauto, einem beigen Käfer mit einem übergroßen, blauen Blinklicht auf dem Dach. Auch das war eine Rolle für einen von Walters Filmen.

„Brillo“ war mein Spitzname dort in diesem Internat und man nannte mich so, nun, weil ich eine Brille trug – tragen musste. Ich hatte einen Augenfehler, eine Fehlstellung der Augen, ich schielte also. Zudem war ich kurzsichtig. So musste ich von klein auf eine Brille tragen, um diesen Sehfehler auszugleichen.

Nun kennt man das vielleicht auch selbst von der Schule: Ein Kind, das eine Brille trägt, ist immer die „Brillenschlange“ und wird beinahe automatisch schon zum Opfer von fiesen Mobbingattacken.

Wenn dieses Kind dann auch noch hoch intelligent, gut in der Schule ist, von anderen als Streber angesehen wird, mehrere Musikinstrumente spielt, in seinem Verhalten auch noch etwas anders ist, nämlich sehr zurückgezogen, introvertiert, ohne Selbstbewusstsein und in seinen Bewegungen und dem was es tut einen leichten, weiblichen Touch hat, dann ist sowieso alles zu spät und es ist das perfekte Opfer. Natürlich war die Tatsache, dass meine Eltern an dem Gymnasium auf das ich ging, auch selbst noch Mathematiklehrer waren, auch nicht gerade förderlich.

Das war Alex. Alex war das perfekte Mobbing-Opfer, denn er wehrte sich auch nicht. Das konnte er nicht. Völlig egal, was mit ihm gemacht wurde, was ihm an den Kopf geworfen oder auch vorgeworfen wurde, er konnte sich dazu nicht äußern oder sich wehren.

Das zog sich durch mein gesamtes Leben, bis hin zu meinem Coming Out als transgeschlechtliche Frau. Ich war so extrem introvertiert, so extrem in mich zurückgezogen, so verschlossen und so ohne jegliches Selbstbewusstsein, hatte eine riesige, Kilometer dicke Mauer um mich herum aufgebaut, durch die niemand zu mir herein kam, durch die ich aber auch nicht mehr heraus kam. Das war so schlimm, dass ich, egal was man mit mir tat oder was man mir vorwarf, einfach nur da saß, vor mich hin starrte und keinen Ton heraus brachte.

Und so war es auch mit dem Mobbing in der Schule oder am Internat. Egal, wer etwas zu mir sagte und auch egal, was man zu mir sagte, es kam weder an mich heran, konnte mich also gar nicht wirklich verletzten, noch konnte ich darauf reagieren.

Man mag das vielleicht sogar ein kleines bisschen als Vorteil sehen, als Schutzmechanismus der tatsächlich auch sehr wirksam war. Ich wurde dadurch immer noch zurück gezogener, noch verschlossener. Natürlich litten auch meine Schulnoten darunter, aber seelisch oder psychisch, machte mir das ganze Mobbing, die ganzen Probleme, die ich auch mit mir selbst hatte, wenig aus, weil sie gar nicht bis zu meinem Innersten heran kamen. Selbst die Probleme, die ich mit mir selbst hatte, ließ ich nicht an mich heran.

Ich war sieben Jahre alt, als ich in die Grundschule und elf Jahre, als ich dann auf das Gymnasium kam. Obwohl ich immer ein Jahr älter und tatsächlich auch immer größer als die meisten meiner Klassenkameraden war, konnte ich mich nicht durchsetzen oder wehren. Ich reagierte nie und ließ einfach alles an mir abprallen. Ich beschäftigte mich viel zu sehr auch mit mir selbst, um irgendetwas anderes um mich herum mit zu bekommen, selbst wenn es mich betraf.

Es gab da eine Szene an die ich mich sehr gut erinnere. Ich mag so um die 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein.

Meine Eltern, meine beiden Brüder und ich waren damals im Urlaub in Kroatien auf der Halbinsel Istrien. Es gab dort eine ausgeprägte Landzunge und eine große Meeresbucht, wo der Campingplatz war. In diesem Urlaub lernte ich Wasserski fahren. Neben dem Campingplatz gab es eine Diskothek, wo mein Bruder und ich ab und zu am Abend dann waren.

Eines Abends, wieder in dieser Disco, rempelte ich aus Versehen einen mindestens drei oder vier Jahre älteren Kroaten auf der Tanzfläche leicht an. Dieser beschwerte sich lautstark und drohte mir. Ich blieb ganz ruhig, entschuldigte mich und zog mich wie immer zurück. Ich saß den restlichen Abend nur noch am Rand und schaute den Tanzenden zu. Als es dann Zeit wurde zu gehen, sah ich diesen jungen Mann schon am Ausgang der Disco stehen, zusammen mit drei weiteren Freunden, alle etwa mindestens drei Jahre älter als ich.

Ich nahm meinen kleineren Bruder auf die Seite und sagte ihm, dass wenn irgendetwas wäre, er sofort Richtung Wohnmobil unserer Eltern losrennen und ja nicht stehen bleiben sollte. So gingen wir dann zum Ausgang der Diskothek, hinaus auf den Parkplatz und wandten uns dann Richtung Campingplatz. Ich hörte, ohne mich um zu drehen, dass die vier Jungen uns folgten. Plötzlich bekam ich einen Tritt in den Rücken, der mich taumeln ließ, aber ich ging nicht zu Boden. Ich gab meinem Bruder einen Stoß und sagte nur “renn”, dann drehte ich mich um.

Die vier Jungen begannen auf mich einzuschlagen und mich zu treten, bis ich irgendwann zu Boden ging. Auch dann traten sie noch mehrmals auf mich ein, bis sie von mir ab ließen und abhauten.

Das Erschreckende für mich daran im Nachhinein war nicht so sehr die Brutalität der Jungen an diesem Abend, sondern die Tatsache, dass ich einfach nur da stand und mich nicht gewehrt hatte. Ich stand da und kassierte die Prügel und Tritte ohne auch nur einen Mucks zu machen oder einen Ton zu sagen.

Dieses Erlebnis machte etwas mit mir, das, wäre es nicht passiert, mich meinen Weg zur Frau wohl schon zu diesem Zeitpunkt hätte starten lassen. Ich wurde zum Mann – oder zumindest versuchte ich ab diesem Zeitpunkt krampfhaft, dem Bild eines jungen Mannes zu entsprechen, obwohl ich innerlich immer wusste, dass ich das nicht war, nicht sein wollte. Ein weiterer Grund, wieso ich zum vermeintlichen, ganzen Kerl wurde, liest Du im übernächsten Kapitel.

Und so begann ich exzessiv Sport zu treiben, trat dem Schulsportverein Wilhelmsdorf bei und verschrieb mich der Leichtathletik, dem 4-Kampf (100m-Sprint, Weitsprung, Hochsprung und Kugelstoßen). Ich bestritt Wettkämpfe und kassierte eine Medaille oder Urkunde nach der anderen. Später im Alter von 17 Jahren wurde ich so sogar Deutscher Vize Meister im Hochsprung und Dritter im 100m-Sprint bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin.

Das Training für diese Wettkämpfe lenkte mich von mir selbst ab. Der Sport, den ich dazu mehrmals in der Woche machte, ließ mich mein eigenes Problem beinahe vergessen. Außerdem sorgten meine Erfolge auch dafür, dass ich nicht mehr ganz so viel gemobbt wurde.