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Wie kann ein Kind den Holocaust überleben? Die achtjährige Margot verliert ihr Zuhause, ihre Familie wird von den Nazis ermordet und sie selbst in das KZ Theresienstadt deportiert. Doch anders als viele andere Kinder im Lager übersteht sie Hunger, Elend, schwerste Arbeit – und überlebt. Aus diesem Überleben schöpft sie die Kraft, die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen, sondern den Nachgeborenen von ihr zu erzählen. Margot Kleinberger weiß: »Ich habe überlebt, damit diese unfassbare Geschichte und die vielen ermordeten Menschen niemals vergessen werden.«
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Mehr über unsere Autoren und Bücher:
www.piper.de
ISBN 978-3-492-97046-4
April 2015
© Piper Verlag GmbH, München/Berlin
© Droste Verlag GmbH, Düsseldorf 2009
Covergestaltung: semper smile, München
Covermotiv: Collage unter der Verwendung von Fotos aus dem Privatarchiv der Autorin
Datenkonvertierung: CPI books GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Eine Blume hat geduftet,
wie ein Lied aus Kinderzeit
(altes Gedicht aus der Romantik)
Dieses Buch ist für all jene, die nicht mehrberichten können.
Dieses Buch ist für meine Kinder undEnkelkinder, denen ich niemals alles erzählt habe.
Und es ist für alle Nachgeborenen, mit denen
Margot Kleinberger, geb. Kreuzer, aufgenommen um 1960.
Dieses ist ein Buch der Erinnerungen. Alles, was Sie auf den folgenden Seiten lesen werden, habe ich selbst erlebt. Dinge, die ich nicht erlebt oder gesehen habe, habe ich nur in Ausnahmefällen aufgeschrieben. Daher erhebt dieses Buch auch nicht den Anspruch, ein wissenschaftliches Dokument zu sein, auch wenn viele Wissenschaftler meine Erlebnisse für ihre Studien herangezogen haben oder dieses in Zukunft noch tun werden.
Dennoch ist dieses Buch auch ein historisches Dokument. Denn es spricht für all jene Menschen, die niemals in der Lage waren, über diese furcht bare Zeit zu sprechen. Sie wurden ermordet. 1938 lebten in Hannover noch 2000 Juden. Anfang der dreißiger Jahre waren es noch knapp 6000 Juden gewesen. 2400 Juden wurden deportiert, davon über 2200 ermordet. Meine Eltern, meine Schwester und ich überlebten wie durch ein Wunder die Shoa als eine der ganz wenigen hannoverschen Juden.Im Juli 1942 wurde ich mit meiner Familie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Die ehemaligen Kasernen aus der Zeit Maria Theresias wurden von den Nazis als »Altersghetto« oder als Musterlager für prominente Juden deklariert. So kolportierte es jedenfalls die NS-Propaganda. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Tatsächlich »lebten« dort zeitweise 40000 Insassen unter erbärmlichen Zuständen. Die Befreiung kam zu spät. Von den über 140000 Menschen, die zwischen 1941 und 1945 nach Theresienstadt deportiert wurden, erlebten gerade noch 17000 Personen die Befreiung.
Ich habe überlebt. Dennoch: Man hat uns ausgelöscht. Das deutsche Judentum, wie es vor dem Krieg existierte, wird es nie wieder geben.
Meine Eltern waren stolz darauf, Deutsche zu sein. Mein Vater diente im Ersten Weltkrieg, meine Mutter versorgte als Krankenschwester die Kranken. Wir waren eine ganz normale deutsche Familie und wir waren Juden. Das war kein Widerspruch.
Lange habe ich nicht darüber gesprochen, was tatsächlich passiert ist. Weder wollte ich meine sechs Kinder damit belasten, noch wollte ich bei den nichtjüdischen Nachgeborenen ein schlechtes Gewissen hervorrufen. Doch je mehr Zeit verstrichen ist, desto mehr musste ich erkennen, wie viel Ungerechtigkeit uns Kindern widerfahren ist.
Man hat uns unserer kindlichen Unschuld beraubt, unser Eigentum gestohlen, unsere Zukunft genommen. Eine wirkliche Entschädigung hat niemals stattgefunden.
Es sind viele Dinge in diesem Land passiert, die viele deutsche Nichtjuden entweder noch immer nicht wahrhaben wollen oder tatsächlich nicht gewusst haben. Doch die wenigsten haben ihren Kindern oder Enkeln von dieser Zeit erzählt. So stoße ich bei meinen Vorträgen vor Schulklassen auf erstaunende Unkenntnis bei Schülern, aber auch bei vielen Lehrern. Auch für sie ist dieses Buch.
Staubig ist er, der alte Koffer, den die Kinder aus dem Keller geholt haben. Eigentlich wollten sie, die inzwischen schon längst ausgezogen waren und ihre eigenen Familien gegründet hatten, nur noch nach ihren alten Kindersachen sehen, aber dann entdeckten sie diesen alten Koffer. Staubig war er und ganz gelb von den vielen Jahren im feuchten Keller. Niemand wusste eigentlich genau, wie er dahin gekommen war. Und keiner, selbst ich nicht, konnte ahnen, welche Geheimnisse dieser schäbige alte Koffer, der gewiss einmal auf vielen Reisen war, in seinem Innern verbarg. Da waren alte Fotos von mir und meinen drei erstgeborenen Söhnen. Sie erzählen von ihrer Kindheit, von ihren Bar Mitzwot und meinem Leben mit ihnen und meinem ersten Mann. Das war schon so lange her. Dann wurde es still. Eine meiner Töchter hatte ein Foto in der Hand und drehte sich zu mir um. Da war ein kleines Mädchen mit langen Zöpfen und einer Schultüte im Arm. Sie fragte mich: »Wer ist das?« und ich antwortete: »Ich.« Es war das erste Mal, dass meine Kinder mich als Kind gesehen hatten. Dieses kleine Mädchen war tatsächlich einmal ich gewesen. Wie unschuldig und unwissend ich damals in die Kamera schaute. Wer sollte ahnen, dass dieses Mädchen aus wohlbehütetem Elternhaus ein paar Jahre später wirklich den wahren Ernst des Lebens kennen lernen sollte und ihre Kindheit bald ein abruptes Ende nehmen würde.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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