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Nebst der spannenden Berufsbiografie einer Pflegefachfrau HF, werden bewegende Fallbeispiele beschrieben, die aufzeigen, wie vielfältig, interessant aber auch anspruchsvoll diese Profession ist. Die Autorin möchte durch ihre Schilderungen und der Kritik am System und den verantwortlichen Stellen, Anstoss geben zur öffentlichen Diskussion, und so insbesondere für die Menschen die auf ein gutes Gesundheitswesen angewiesen sind bessere Bedingungen erwirken. Dies wiederum lässt sich nur erreichen, indem die Pflege gestärkt wird!
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Prolog
Personenschutz und Gender
Berufswahl, die Qual der Wahl
Der Beginn einer spannenden Geschichte
Lehre – Leben – lernen
Theorie und Praxis
Vorsicht vor zu viel Nähe
Unerwartete Einblicke
In Würde sterben
Kein Tag gleicht dem anderen
Zurück in die Selbständigkeit
So etwas wie eine Grossfamilie
Geschichten soweit die Ohren reichen
Die Nächsten sind Teil des Ganzen
Ein ständiges Kommen und Gehen
Spitex – spitalexterne Pflege
Unterstützung zu Hause, unbezahlbares Gut
Neues Wissen in neuen Schläuchen
Im Einsatz für geistige Gesundheit
Ambulant vor stationär
Emotionale Achterbahn
Zeig was Du gelernt hast!
Papierkram
Herausforderung gesucht
Eine Entscheidung für die Zukunft
Ganz neue Perspektiven
Zuviel Action
Eine Analyse mit Erkenntnissen
Auf zu neuen Horizonten
Zurück zu den Wurzeln
Qualität im Pflegeheim
Sandwich-Position
Was jetzt?
Meine eigene Herrin und Meisterin
Einzelunternehmen oder doch GmbH?
Komplexität erfordert Professionalität
Missverständnisse zum Frühstück
Langeweile gibt es nicht
Pflege und Politik
Abschied und Ausblick
Sinn-Suche
Pflege – das unterschätzte Potenzial
Dank
Anhang
Die ungewohnten Umstände während der Corona-Krise haben mich dazu bewogen, diese Berufsbiografie zu schreiben und darin meine Gedanken und Erinnerungen zu den letzten 25 Jahren in meinem Beruf als Pflegefachfrau HF schriftlich festzuhalten. Mein Partner gehörte zur Risikogruppe und ich wollte ihn nicht gefährden, deshalb reduzierte ich meine Pflegetätigkeit.
- Die Pandemie verschaffte mir einen Schub an aussergewöhnlicher Kreativität, fast so, als ob in meinem Innern ein Dammbruch stattgefunden hätte.
Ich setzte mich jeden Morgen diszipliniert pünktlich um 7 Uhr an den Schreibtisch und überwand damit die Antriebslosigkeit, die unter dem selbst auferlegten Hausarrest aufzukommen drohte.
Von meinem Wohnzimmer und Balkon aus konnte ich auf den kleinen Park mit Kastanienbäumen und einem Spielplatz sehen. Früh morgens trank ich dort meinen Frühstückskaffee und beobachtete währenddessen das Kommen und Gehen auf der Strasse. Erst jetzt erkannte ich ein Muster in den Abläufen in meiner direkten Nachbarschaft. Um 5.45 Uhr sah ich in der Seitenstrasse den Zeitungsboten, der von Briefkasten zu Briefkasten ging; kurz danach verliess ein frisch pensionierter Nachbar das Haus, um mit dem Fahrrad davonzufahren. Als mein Kaffee schon fast ausgetrunken und die Sonne aufgegangen war, hörte ich aus einiger Distanz, wie sich die Frau mit dem kurzhaarigen braun-weissen Hund näherte; sie litt unter chronischem Husten, das war ihr Erkennungszeichen. Ich beobachtete den Tanz der Vögel und die sich ständig verändernden Wolkenbilder am Himmel. Täglich spielten, fast zu jeder Uhrzeit, viele Kinder im Park. In meinen Schreibpausen sah ich zu, wie die Kleinen auf der Schaukel um den besten Platz rangen oder sich hinter den Bäumen versteckten. Sie schrien vor Begeisterung. Ihre Freude wirkte ansteckend und übertrug sich auf mich. Drei Mal wöchentlich ging ich nachmittags mit meinem Lebenspartner spazieren, andere physische Kontakte mied ich.
In diesem Rhythmus vergingen etliche Wochen und Monate. Die Pandemie wurde unerwartet zu meiner persönlichen Chance, eine ganz neue Seite an mir zu entdecken: - die der Schriftstellerin.
Mein grösstes Anliegen, diese Biografie zu schreiben, lag darin, einen Beitrag zu leisten zur politischen Diskussion rund um die Entwicklung unseres Gesundheitswesens. Mit diesem Buch möchte ich die Menschen für die Wichtigkeit der Pflege sensibilisieren und das Verständnis für die Zusammenhänge sowie mehr Wertschätzung für den Beruf fördern. Es ist mein Ziel, dass Sie als LeserIn durch meine Schilderungen eine realitätsnahe Perspektive auf die pflegerische Care-Arbeit und ihr aktuelles Umfeld gewinnen können.
Mein Bericht ist eine ganz persönliche Geschichte, gefärbt von eigenen Vorstellungen und Meinungen. Gleichwohl stellt er eine Chance dar, die Sicht auf das Gesundheitssystem der Schweiz zu überdenken und manches vielleicht besser zu verstehen.
Als langjährige und erfahrene Berufsfrau beschreibe ich die Arbeitsbedingungen in der Pflege während der letzten zwanzig Jahre. Dieser Einblick offenbart viel über die Entwicklungen und die Ursprünge, die zum heutigen Pflegenotstand mitsamt seinen Konsequenzen geführt haben. Die Ansichten, die ich vertrete, erheben nicht den Anspruch, frei vom Einfluss meiner eigenen Schwächen und meiner möglicherweise falschen Überzeugungen zu sein, trotzdem bin ich überzeugt von ihrer Aussagekraft. Die Umstände, die Fallbeispiele sowie die erlebten Situationen sind aus subjektiver Perspektive formuliert, doch das sind keine Einzelfälle – womit sie einen gewissen exemplarischen Wert erhalten.
Vor über zwanzig Jahren habe ich mein Diplom zur Pflegefachfrau HF erhalten. In den vorliegenden Aufzeichnungen berichte ich über die Höhen und Tiefen meiner Berufslaufbahn. Diese verlief nicht immer geradlinig. Doch rückblickend zeigt sich ein grosses Ganzes.
Während der einzelnen Etappen meiner beruflichen Entwicklung durchlebte ich jedoch einige Momente der Verwirrung, der Ungewissheit und Frustration. An solchen Punkten kam es früher oder später zu Veränderungen in meinem Leben, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Diese Schlüsselmomente haben mich weitergebracht, sie waren Voraussetzung zur inneren Transformation. Fast alles, was mir im Beruf widerfahren ist, hat massgeblich zu meiner Persönlichkeitsbildung beigetragen.
Der Pflegeberuf ist eine Begegnung mit dem Leben «par excellence». Jeder Aspekt der täglichen Arbeit hat mit menschlichen Schicksalen zu tun, die uns allen widerfahren könnten. Die Fülle der Erfahrungen, die ich als Pflegefachfrau machen durfte, ermöglichte mir, mich immer wieder selbst zu reflektieren und Neues zu entdecken.
Mit der Ausbildung in allgemeiner Krankenpflege (AKP) und dem späteren Wechsel in die Psychiatriepflege mit Schwerpunkt Gerontologie (Alterspflege) und einer Stelle auf der psychiatrischen Notfallstation habe ich vier Fachbereiche kennengelernt, die sich stark voneinander unterscheiden und doch viele Gemeinsamkeiten haben:
Zwischen diesen Bereichen verlaufen die Grenzen fliessend, doch es gibt auch klare Unterschiede.
Ich betrachte es als wesentlichen Vorteil, dass ich diese spezifischen Differenzen der Spezialgebiete kenne und Fachwissen in allen vier Disziplinen besitze - es schärfte meinen Blick für die Zusammenhänge und die Komplexität von Pflegesituationen aller Art. Ausserdem treffen die Bereiche auf den Grossteil von PflegeempfängerInnen zu. Entsprechend sind die geschilderten Erlebnisse beispielhaft für den Alltag der Mehrheit von uns Pflegefachpersonen.
Unter professioneller Pflege verstehe ich das Fördern und Erhalten von Gesundheit, Schäden vorzubeugen, Menschen in der Behandlung zu unterstützen und ihnen im Umgang mit den Auswirkungen von Krankheit beizustehen. Dies tat ich immer mit dem Ziel, für unterstützungsbedürftige Menschen sehr gute Behandlungs- und Betreuungsergebnisse sowie die bestmögliche Lebensqualität in allen Phasen ihres Lebens bis zum Tod zu erreichen.
Mein Engagement richtete sich an alle Betroffenen in jedem Erwachsenenalter und umfasste die Prävention, die Begleitung bei akuter und chronischer Krankheit, während der Rekonvaleszenz und Rehabilitation, in der Langzeitpflege sowie in der Palliativmedizin. Meine Dienstleistungen beruhten auf der Beziehung zwischen den betreuten Menschen und mir, welche von mir geprägt wurde durch sorgende Zuwendung, Einfühlsamkeit und Anteilnahme. Meine professionelle Haltung basierte auf wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie reflektierter Erfahrung und bezog psychische, spirituelle, lebensweltliche sowie soziokulturelle, alters- und geschlechtsbezogene Aspekte mit ein.
Ohne vernetztes und ganzheitliches Denken wäre dies unmöglich gewesen. Ich legte grossen Wert auf die Zusammenarbeit mit den betreuten Menschen, den pflegenden Angehörigen und den Austausch im interprofessionellen Team. Es zählte für mich ganz selbstverständlich dazu, die Verantwortung für meine Entscheide und mein Handeln zu tragen und ethische Richtlinien zu berücksichtigen.
Mein grosses Interesse an fremden Kulturen war ein Vorteil, um der hohen Diversität der Menschen in der Schweiz gerecht zu werden. Es war mir wichtig, mich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen; diese sind ja bekanntlich oft unbewusst. Ich hinterfragte mein Verhalten immer wieder unter diesem Blickwinkel. Vorurteilsfrei zu handeln, setzte eine grosse Offenheit für alles Fremde und Unbekannte voraus. Die Unterschiede zeigten sich nicht nur in Bezug auf die Herkunft, sondern auch in den verschiedenen sozialen Schichten. Ich habe versucht, mir der Differenzen zwischen einem Leben am Existenzminimum und dem von wohlhabenden Menschen ständig bewusst zu sein, denn diese wirken sich enorm stark auf die Möglichkeiten aus, die PatientInnen im Umgang mit Krankheit besitzen.
Menschen mit ihrer Biografie kennenzulernen, erschien mir spannender als jeder Krimi und alle Oscar gekrönten Kinohits zusammen:
Meine differenzierte Beobachtungsgabe und mein gutes Wahrnehmungsvermögen halfen mir, hinter einer aufgesetzten Fassade oder vordergründigen Problemen einer durch Krankheit eingeschränkten Person, Zusammenhänge und Strukturen in den Lebensgeschichten zu erkennen. Dadurch konnte ich oftmals die Ursachen der aktuellen Schwierigkeiten erahnen und im besten Fall aufdecken. Gelang es gemeinsam mit den Betroffenen den Ursprung eines Problems zu beheben, war das wie die Entdeckung eines wertvollen Schatzes, der tief auf dem Meeresgrund gelegen hatte.
Kaum ein anderer Berufszweig kann für sich beanspruchen, so realitätsnah zu sein.
Dies empfand ich als grosses Geschenk.
Die Angaben zu meiner Person und meinem Werdegang entsprechen den Tatsachen. Institutions- und Ortsnamen nenne ich aus Diskretionsgründen nicht.
Die Fallbeispiele wurden so verändert, dass die Personen nicht erkenntlich sind; damit wird der Datenschutz gewährleistet. Ich unterstehe der Schweigepflicht. Die Geschichten habe ich anhand meiner Erinnerungen an tatsächlich Erlebtes rekonstruiert.
Ich bin überzeugt, dass sich die Umstände an jedem beliebigen Ort in der Schweiz ähnlich dargestellt hätten; die Unterschiede zwischen den einzelnen Kantonen und Institutionen sind deshalb vernachlässigbar.
In meinen Schilderungen möchte ich alle Geschlechter gleichwertig behandeln.
Trans*-Menschen bitte ich, sich mitangesprochen und -einbezogen zu fühlen.
Papiere ablegen, telefonieren, Rechnungen eintippen, Bestellungen machen, den Besprechungsraum der Strumpfwarenfabrik für Sitzungen vorbereiten. Was hatte das eigentlich alles für einen Sinn, und konnte ich mir ein solches Leben überhaupt vorstellen? Ich befand mich in der Mitte meiner kaufmännischen Ausbildung und fing an, alles infrage zu stellen. Nebst dem einigermassen spannenden Berufsschulunterricht, mit den für mich interessanten Fächern Rechtslehre, Buchhaltung, Staatskunde, Informatik und Sprachen, glich ein Arbeitstag dem anderen. Ich war 17 Jahre alt und hatte noch keine klare Vorstellung von meiner Zukunft.
In einer Kleinstadt, wo ich bei meinen Eltern wohnte, verbrachte ich meine Kindheit und Jugend. Sport gehörte zu meinem Leben - nicht wie ein Zwang und auch nicht wie ein Streben nach Leistung, sondern ganz selbstverständlich wie das Zähneputzen nach dem Essen. Zur Arbeit fuhr ich mit dem Fahrrad, in der Freizeit ging ich gerne im örtlichen Strandbad schwimmen, und in den Ferien wanderte ich voller Entdeckerdrang mit meiner Familie durch die Schweizer Bergwelt. In der Stadtmusik spielte ich Waldhorn; das Harmonie-Orchester hatte pro Jahr zwei grosse Konzerte und wir übten immer dienstags auf diese beiden Auftritte hin. Ein anderes Hobby stellte mein Engagement in der kirchlichen Jugend dar. Ich war Vorstandsmitglied und half bei der Organisation diverser Anlässe mit.
Meine Persönlichkeit war aufgeschlossen und fröhlich; die Energie sprudelte nur so aus mir heraus. Ich wollte etwas erreichen, obwohl ich noch nicht genau wusste, was das sein sollte. Mein Vater legte viel Wert darauf, dass meine beiden Geschwister und ich, die Älteste, eine fundierte Berufsausbildung absolvierten. Er war Verfechter des schweizerischen Berufsbildungssystems und selber Handwerksmeister mit eigenem Sanitär- und Spenglereibetrieb.
Meine Mutter hatte Kindergärtnerin gelernt, war kreativ, eine gute Hausfrau und immer für uns da. Kurz: Ich verbrachte eine schöne Kindheit und Jugend in einem bürgerlichen Elternhaus mit christlichen Werten.
Die Sekundarschule, die ich besuchte, ermöglichte keinen Zugang zum Gymnasium mit einem Matura-Abschluss. Ein Studium kam deshalb nicht infrage; ich hätte mit einem Zusatzjahr in die Bezirksschule wechseln müssen. Doch das stand nicht zur Debatte: Eine Berufslehre zu beginnen, reizte mich damals viel mehr als zu studieren. Ich schnupperte in verschiedenen Branchen: Eine Woche arbeitete ich in einer Konditorei, ein paar Tage in einer Hotelküche und eine weitere Woche als Sanitärzeichnerin. Einige Tage verbrachte ich auf der Baustelle, wo wir Rohre in einem Neubau montierten - das war ein Blick in eine raue Männerwelt, die den meisten Frauen damals verborgen blieb, und ehrlich gesagt fühlte ich mich etwas fehl am Platz.
Alle diese Einblicke fand ich zwar spannend, doch nichts davon überzeugte mich wirklich.
Schliesslich entschied ich mich für eine kaufmännische Lehre, weil meine Eltern fanden, damit könne man nichts falsch machen. Nach eineinhalb Jahren Ausbildung in der örtlichen Strumpffabrik war ich gut in die Firma integriert, doch die Freude an den Aufgaben, die es zu erledigen gab, wollte sich nicht einstellen. Ich fand es öde, tagelang Rechnungen in den Computer einzutippen oder Papiere alphabetisch zu ordnen. Die Arbeiten hatten keine Seele, sie waren einfach Verpflichtungen, die erledigt werden mussten. Ich träumte davon, etwas Sinnvolles zu tun.
In dieser Zeit las ich einen Artikel über den Urwaldarzt Albert Schweitzer und seine Klinik im afrikanischen Lambaréné. Seine Hingabe als Arzt und seine pazifistisch-humanistische Einstellung imponierten mir. Er war so mutig, in dieser Wildnis zu leben und zu arbeiten. Damals gab es noch kaum Infrastruktur vor Ort, die Natur dominierte, es gab viele Gefahren. Das Leben der Menschen, auch das von Albert Schweitzer, war sehr einfach und bescheiden. Er war mir ein Vorbild und ich strebte danach, so zu werden wie er. Der Grundstein für meinen späteren Idealismus war gelegt.
Berichte in der Tagesschau über Hunger- und Krankheitsnöte armer Völker beschäftigten mich. Ich wollte einen Beitrag leisten zur Bekämpfung des Elends. Doch wie sollte ich dies anstellen? Ich überlegte, dass ich mich dazu einer Organisation wie dem Roten Kreuz anschliessen könnte. Vorher müsste ich mir allerdings das nötige Wissen dazu aneignen.
Nach kurzem Nachdenken stand mein Entschluss fest: Ich wollte Krankenschwester werden und mich später um einen Auslandeinsatz bewerben. Ich hoffte, in Krisengebieten Menschenleben retten zu können. Meine Vorstellungen waren noch sehr naiv und später zeigte sich: So einfach würde das nicht werden.
Wie in meiner Familie üblich, sollte etwas einmal Begonnenes auch ordentlich zu Ende geführt werden. Ich schloss daher zuerst die kaufmännische Ausbildung ab. Meine Abschlussnote fiel zufriedenstellend aus und mit Stolz nahm ich das Diplom entgegen. Damit hatte ich einen Beruf erlernt, der mich befähigte, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es war ein gutes Gefühl, durchgehalten zu haben.
Da für die Ausbildung zur Krankenschwester ein Spitalpraktikum erforderlich war, legte ich ein Zwischenjahr ein und suchte eine Stelle für drei Monate in einem Spital in der französischsprachigen Schweiz. Auf diese Weise würde ich gleichzeitig meine Französischkenntnisse vertiefen können. Bald fand ich eine Praktikumsstelle auf der spezialisierten Abteilung für Aids und krebskranke Menschen.
Das war ein Sprung ins kalte Wasser. Ich wurde von der Angst gepackt, ich könnte mich mit HIV anstecken - damit hatte ich nicht gerechnet. Damals galt eine Infektion mit dem HI-Virus noch als lebensbedrohlich.
Die unregelmässigen Arbeitszeiten, die hektische Spitalatmosphäre, anstrengende Schichten, das Mitgefühl mit den Betroffenen - alles war komplett neu für mich. Doch zum Glück war ich ehrgeizig und wollte die Situation meistern. Schliesslich gelang es mir, meine Befürchtungen zu überwinden und mein Praktikum fortzusetzen.
Gewisse Situationen brachten mich aus der Fassung. Mehrmals erlebte ich, wie Kranke plötzlich erbrechen mussten. Ich reichte den Betroffenen eine Nierenschale, die sie sich unters Kinn hielten. Dabei wurde mir selbst übel, der eklige Geruch des Erbrochenen stieg in meine Nase, ich rang um Fassung. Die PatientInnen waren oft zu schwach, um ihre Kleider und die Bettwäsche selbstständig zu wechseln, sie benötigten meine Hilfe. Ich überwand den Ekel und tat meine Pflicht. Mein Gesicht war nun genauso grün wie der Inhalt der Nierenschale. Ich beeilte mich, das stinkende Etwas so schnell wie möglich in den «Ausguss» zu bringen. Unterwegs begrüsste ich freundlich lächelnd mit einem schauspielreifen «Bonjour» BesucherInnen der Abteilung, das Gefäss mit der Körperflüssigkeit diskret verbergend. Der «Ausguss» war der Raum, in dem wir die Schmutzwäsche in Säcken sortiert nach Infektiosität sammelten und jegliche Abfälle entsorgten. Dort stand in der Ecke gleich neben der Tür eine Topfreinigungsmaschine. Ich platzierte die Schale in der dafür vorgesehenen Halterung, die Klappe ging zu und die Maschine begann mit riesigem Getöse ihren Waschgang. Bereits vollkommen automatisiert, wusch und desinfizierte ich mir die Hände, bevor ich mich der nächsten Aufgabe zuwandte.
Der Kontakt zu den Menschen und der abwechslungsreiche Alltag entsprachen mir hingegen sehr und die Freude an der Arbeit überwog. Mit dem Team verstand ich mich super. Meine Französischkenntnisse wurden besser und ich liebte die Stadt am Genfersee. Ich absolvierte mein Praktikum im Herbst, der schönsten Jahreszeit in den Rebbergen. Die Blätter der Traubenstöcke verfärbten sich und leuchteten golden im Sonnenlicht. Auf den Spaziergängen im UNESCO Welterbe des Lavaux, mit Blick auf die blaue, weite Wasserfläche, konnte ich auftanken.
Die vielen Eindrücke bescherten mir in den drei Monaten Praktikum einige schlaflose Nächte. Die Betroffenheit über die Schicksale, die ich auf der Abteilung erlebte, brachten mich an emotionale Grenzen. In meiner Hilflosigkeit suchte ich während einer Nachtwache das Gespräch mit einer diplomierten Krankenschwester. Ich berichtete ihr von meinem Gefühlchaos und fragte sie, ob ich aus ihrer Sicht für diesen Beruf geeignet sei, trotz der geringen Belastbarkeit. Sie machte mir Mut und meinte, es sei wichtig, dass empfindsame Personen in der Pflege mitarbeiten; Sensibilität sei eine Voraussetzung, um Empathie für die Kranken zu empfinden. Das half, doch ganz sicher war ich mir meiner Sache nicht mehr - die Realität hatte mich eingeholt. Die Idee, später mit dem Roten Kreuz (IKRK) auf Auslandeinsatz nach Afrika zu gehen, rückte in den Hintergrund.
Ich beschloss, noch einige Monate im Hotelgewerbe zu schnuppern, um herauszufinden, ob mir die Arbeit im Tourismussektor womöglich besser entspräche. Im Kanton Wallis, im deutschsprachigen Goms, fand ich eine temporäre Stelle in einem Hotel Garni während der Wintersaison von Mitte Dezember bis Mitte März. Als ich mit dem Zug anreiste, empfing mich eine meterhohe Schneedecke, welche die Landschaft in eine Märchenwelt verwandelte. Mir gefiel diese Stimmung, und ich liebte es, die saubere, kalte Luft einzuatmen. Den Dialekt der Einheimischen verstand ich nicht immer gut, hörte ihn aber gerne. Ich wohnte zusammen mit zwei Arbeitskolleginnen aus dem Hotel in einem Holzchalet. Direkt neben dem Wohnhaus lag ein alter Schafstall. Er gehörte zu einem historischen Wohnhaus im Dorfkern. Eines Tages verschaffte mir dieser Umstand das Glück, die Geburt eines Lamms mitzuerleben. Es lag schleimbedeckt auf dem Stroh, während das Mutterschaf es sorgfältig ableckte - ein herzerwärmendes Bild, das sich mir einprägte.
Das Hotel umfasste zwanzig Zimmer und lag direkt an der Hauptstrasse. Die Einrichtung stammte aus den 1970er-Jahren, die Gaststube bestand aus dunklen Holzmöbeln. Ich fand das Ambiente nicht besonders einladend. Die Arbeitszeiten entsprachen mir noch weniger als die im Spital: Wir hatten während der Nachmittagsstunden frei und mussten stattdessen bis um 22 Uhr Dienst leisten. Die Zimmer zu reinigen und im Service mitzuarbeiten, war ein Knochenjob. Eigentlich hatte man mir versprochen, dass ich an der Rezeption arbeiten sollte. Umso frustrierter war ich nun über die Arbeitsbedingungen. Zudem ärgerte mich die übertriebene Erwartungshaltung einiger Gäste, die mich ständig auf Trab hielten - von Dankbarkeit keine Spur.
Mit dem Chef verstand ich mich nicht gut. Er forderte uns sehr viel ab. Einmal musste ich fünfzehn Tage am Stück durcharbeiten, mit nur einem Tag Unterbruch. An diesem freien Tag ging ich Skifahren, das besänftigte mich. Ich war froh, als das Praktikum zu Ende ging. Der Pflegeberuf schien doch besser zu mir zu passen.
Bis zum Ausbildungsbeginn als Krankenschwester fehlten noch einige Monate. Meine Eltern waren damit einverstanden, dass ich mich bei einer Sprachschule in Toronto in Kanada anmeldete. So konnte ich die verbleibende Zeit nutzen, um meine Englischkenntnisse zu verbessern. Ich wohnte bei einer «hostfamily», einer Gastfamilie, die mir Kost und Logis zur Verfügung stellte. Dadurch fand ich schnell Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Während eines Quartals besuchte ich einen Vorbereitungskurs für die «First»-Prüfung, ein international anerkanntes Englischdiplom. Die Nachmittage verbrachte ich am Lake Ontario oder im Garten meines temporären Zuhauses. Einmal besuchte ich das Aussichtscafé im 553 Meter hohen «CN Tower» - das Wahrzeichen der Stadt galt damals als der höchste Turm der Welt. Die Aussicht über die Millionenstadt fand ich spektakulär.
Nach bestandener Abschlussprüfung reiste ich mit meinem damaligen Freund vier Wochen durch das grosse, beeindruckende Land. Wir durchquerten mit einem Mietwagen die Rocky Mountains, unternahmen kleine Wanderungen, sahen uns an den türkisblauen Seen satt, umgeben von riesigen dunklen Nadelwäldern, und begegneten mehrmals Schwarzbären auf der Futtersuche. Einmal begrüsste uns ein Elch mitten auf der Strasse. Auf Vancouver Island besuchten wir den gemässigten Regenwald, dort umarmten wir 95 Meter hohe Fichten und Riesen-Lebensbäume. Wir lernten die zweitgrösste Stadt Kanadas, Montréal, kennen. Sie liegt genau auf der Sprachgrenze. In dieser Metropole wird nebeneinander Französisch und Englisch gesprochen, die beiden Landessprachen. Mir gefiel die Architektur, eine Mischung aus modernen und historischen Gebäuden.
Die vier Monate in Kanada waren viel zu schnell vorbei, doch ich hatte viel erlebt und freute mich zu meiner Familie und in das gewohnte Umfeld zurückzukehren.
Die erworbenen Sprachkenntnisse leisteten mir im späteren Berufsleben in vielfacher Hinsicht gute Dienste: Französisch konnte ich im Austausch mit fremdsprachigen PatientInnen verwenden, und Englisch half hauptsächlich im Umgang mit dem PC oder beim Lesen von Fachartikeln.
1994 begann ich die dreijährige Ausbildung in allgemeiner Krankenpflege (AKP). Ich konnte mit meinem Lehrlingsgehalt ein Zimmer mit Bad im Schwesternheim mieten und wohnte das erste Mal allein. Es war grossartig, unabhängig zu sein; ich fühlte mich erwachsen. Schnell fand ich neue Freundschaften in der Klasse, wir tauschten uns rege untereinander aus. Es bildeten sich zwei Gruppen von Gleichgesinnten. Einige aus meiner Gruppe wohnten ebenfalls im Wohnheim. Dort begegneten wir uns oft in der Gemeinschaftsküche. Manchmal kochten wir zusammen und waren ausgelassen. Es war eine Phase des Aufbruchs und Neubeginns.
In meiner Klasse gab es zwei ältere Schülerinnen. Eine der beiden war bereits verheiratet und hatte Kinder, die andere konnte Berufserfahrung als Verkäuferin in einem Sportartikelladen vorweisen. Sie brachten ihre Lebenserfahrung in den Unterricht mit ein. Nur zwei Männer nahmen am Lehrgang teil. Sie hielten nicht zusammen, sondern verteilten sich auf die beiden Gruppen, die sich gegenseitig konkurrierten. Wir respektierten jeweils die andere Riege, gemischte Freundschaften entstanden jedoch keine.
Damals gab es verschiedene Ausrichtungen in der Krankenpflege. Wir bildeten den zweitletzten Kurs, in allgemeiner Krankenpflege an unserer Schule. Für unsere Abschlüsse war zu dieser Zeit noch das Schweizerische Rote Kreuz zuständig, danach wurde ein neues Ausbildungssystem eingeführt.
Der Lehrplan sah vor, dass wir Blockunterricht hatten. Neues zu lernen gefiel mir und ich genoss den Austausch mit meinen KlassenkollegInnen. Den Schulunterricht könnte man als gut strukturiert und sehr praxisorientiert beschreiben. Uns wurde viel über Anatomie und Pathologie beigebracht. Der körperliche Organismus und seine Funktionsweise faszinierten mich unendlich. Das Fach «Pathophysiologie» war umfassend. Es überraschte mich, wie viele unerwünschte körperliche Störungen auftreten können, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Mit der Zeit gelang es mir, die Symptome mit den möglichen Krankheitsbildern in Verbindung zu bringen; das war ein Durchbruch.
Wir lernten Akutsituationen sofort zu erkennen und übten anhand von Rollenspielen, uns im Notfall richtig zu verhalten. Einmal besuchten wir ein extra dafür eingerichtetes Übungszentrum, mit Stationen ähnlich einem Postenlauf. - Die gestellten Situationen täuschten einen Stromschlag, einen Verkehrsunfall, einen Gebäudebrand usw. vor. Jetzt galt es, unsere Reaktionsfähigkeit und das überlegte Handeln zu testen.
Zudem wurden wir ausführlich in der Medikamentenlehre unterrichtet. Das korrekte Durchführen von Pflegeverrichtungen konnten wir an Puppen oder gegenseitig an KollegInnen üben. Die Blutabnahme war heikel - das Resultat einige blaue Flecken an unseren Armen, die wir in Kauf nehmen mussten. Irgendwann trafen aber alle die Venen und das Blut floss ins gewünschte Röhrchen.
Spannend fand ich, die Ressourcen – also die Stärken und Fähigkeiten – von PatientInnen zu identifizieren. Der Fokus liegt statt auf dem Defizit (Beispiel: Die Person kann nicht allein aufstehen) auf der Stärke (Beispiel: Sie kann sich selbstständig melden und ihre Bedürfnisse ausdrücken). Die gesunden Anteile rücken in den Vordergrund und werden gefördert, was viel zur Stärkung der Selbstheilungskräfte beiträgt; die Betroffenen fühlen sich weniger hilflos.
Ich war und bin eine überzeugte Verfechterin dieser Ressourcenorientierung als Methode. Das defizitäre Denken betrachte ich hingegen als Energie-Killer, den es unbedingt zu vermeiden gilt.
Es gab einiges, was ich mir einprägen musste. Viele Aufgaben übernahmen wir Pflegefachpersonen anstelle der Betroffenen, die aufgrund ihrer Krankheit darin eingeschränkt waren. Diese alltäglichen Tätigkeiten gliederten wir nach Aktivitäten des täglichen Lebens, zum Beispiel «wach sein und schlafen», «sich bewegen», «sich waschen und kleiden», «essen und trinken», «ausscheiden», «Körpertemperatur regulieren» «kommunizieren» etc. Heute werden stattdessen Pflegediagnosen bestimmt. Das Resultat ist jedoch ähnlich.
In gesunden Tagen gewinnen solche Fähigkeiten kaum je unsere Aufmerksamkeit, sie erscheinen uns selbstverständlich. Doch weit gefehlt! Wenn diese gewöhnlichen Funktionen bei uns selbst aus vielfältigen Gründen einmal ausfallen, merken wir erst, dass sie alles andere als banal sind. Sie sind die Basis, das Fundament unserer Leistungsfähigkeit, unserer Selbstversorgung, des autonomen Lebens generell - ein Rund-um-Paket das bei 99 Prozent aller Geburten mitgeliefert wird.
Zu jeder Aktivität des täglichen Lebens gab es mehrere Pflegeverrichtungen, die wir Lernenden nach und nach kennen- und korrekt auszuführen lernten. Das Konzept dazu stammt von Liliane Juchli, einer Ordensschwester, und galt damals als wichtigste Grundlage moderner Pflegepraxis, zusammengefasst in einem dicken Lehrbuch von 1216 Seiten. Dieser «Schinken» war mir ein treuer Begleiter während der ganzen Ausbildungszeit, beziehungsweise der 25-jährigen Praxistätigkeit.
Eine noch nicht erwähnte Aktivität des täglichen Lebens ist «Sinn finden».
Das heisst: Sinn finden im Werden, Sein, Vergehen, Selbstwerdung, Selbsttranszendenz, Sterben, Bewältigung von Lebens- und Entwicklungsprozessen, umgehen können mit Grenzen, reifen entsprechend der konditionellen und individuellen Veranlagung, Bezug zur Religion - zusammengefasst ein riesiger philosophischer Themenblock. Unmöglich, ihm ständig und in allen Facetten gerecht zu werden. Um sie alle zu erfüllen, müsste man im Grunde übermenschlich sein.
Unter anderem diskutierten wir im Unterricht darüber, wie Menschen Sinn finden können im Zustand ihres Krankseins. Die Auseinandersetzung mit diesem existenziellen Thema war sehr hilfreich im Hinblick auf eine adäquate Begleitung von PatientInnen in einer Krisensituation und während des Sterbens.
Mein Interesse war jedenfalls geweckt und ich befasste mich noch eingehender mit diesen Fragen.
In der weiterführenden Recherche fand ich zwei Gedanken, die sich mir einprägten:
«Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, alles zu bekommen, sondern darin,
dass wir lernen, nichts zu behalten.»
Anke Maggauer-Kirsche
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«Unsere Sinn-Gebung ist eng verbunden mit unserer Wahr-Nehmung.»
Ernst Ferstl
Die Ausbildung nahm weiter ihren Gang. Als Nächstes beschäftigte ich mich mit dem Thema Prävention. Das bezeichnet im pflegerischen Sinne Massnahmen, die darauf abzielen, Risiken zu verringern oder die schädlichen Folgen von Katastrophen und anderen unerwünschten Situationen abzuschwächen. Mit Prävention kann Schlimmeres vermieden werden. Das ergab absolut Sinn; deshalb lohnte sich der vorbeugende Ansatz um ein Vielfaches. Ich brannte vom ersten Moment an für dieses Prinzip, wie eine lodernde Fackel in der Dunkelheit.
